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Full text of "Aus fremden Zungen 5.1895, Band 2"

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Büren VPI.3E 


HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 


FROM THE FUND SUBSCRIBED 

FOR THE PURCHASE OF BOOKS 

AND OTHER MATERIAL FOR 

PURPOSES OF INSTRUCTION 
IN GERMAN 








fremden Dingen. 


Eine Halbmonalsſchriſt. 


Heransgegeben 
von 


Sofepb Kürfdner. 


Fünfter Jahrgana. 


ne —— 


Bweiter Band. 


Deutfhe Derlags- Anfalt. 
Stuttgart, Leipzig, Berlin, Bien. 














Inhalts-Verzeichnis. 
1895. Band II. (Beft 13—24.) 


Aus dem Amerikanifchen: 


Tirard y Sonft. Novelle von Rebekka Harding Davis 669. 
Eine Greyport-Sage. Gedicht von Bret Harte 89. 
Allein. Gedicht von J. R. Lowell 1101. 


Aus dem Böhmiſchen: 
Kahnſahrt. Gedicht von Kan Neruda 747. 


Aus dem Däntifdie: 


Morgen. Gediht von Holger Drahmann 611. 
Auf dem Zelſen. Gedicht von Holger Drachmann 809. 
Sans und Trine. Novelle von Henrif Rontoppidan Sl. 


Aus dem Englifdien: 


Seh. Roman von Thomas Hardy (Fortiekung) 602. 659. 703. 740. 
Der BildfGniger und der Kalif. Gedicht von Auftin Dobion 1148. 


Aus dem Finniſchen: 


Fu Zweien. Skizze von Juhani Abo 911. 
Wenn die Segel trohnen. Skizze von Juhani Abo 918, 
Weißnagten in der Heimat des Nindendrofes. Yon Karl Tavaititierna 1149, 


Aus dein Sranısfifcdgen: 


Die Meine Kirche. Roman von Alpbonje Taudet (Fortiegung) 581. 629. 677. 

Der ehematige Herr. Novelle von Baul Bourget 612. 

IM einem Bororfjuge. Gebicht von Francois Coppée 691. 

Aitorneſt. Gedicht von Frangçois Coppée 860. 

Marc Sefort (Le coup de tampon). (Grzählung in Verſen von Srancois Goppee 985. 


Aus dem Indiſchen: 
Kriiäna Singh. Erzählung von Bandit S. M. Nateja Saftri 711. 


Aus dem Italisnifchen: 


on Dichter. Gedicht von Lorenzo Stechetti 761. 

= — Veilchen. Gedicht von Annie Vivanti 844. 

RUHE Bolkslieder 883. | 

Die Angfran von Albanien. (ine falabrefiihe Erzäblung von Nicola Miſaſi 938. 
Böfer Aarıg, Nopellette von Grazia Deledda 1102. 


Aus dem Kroanatiſchen: 
Das aus der Fe. Line Vollsjage von Auguſt Senoa 1085. 


Aus Dem YHorwegifdjen: 
Sritz Randel. Roman von Chr. Winterbjelm 797. 845. 895. 927. 975. 1024. 1074. 1121.. 


1V Inhalts-Verzeichnis. 


Aus dem Pernaniſchen: 


»eruanifdes Lied 670. 
Aus dem PVolniſchen: 


»Briefe der Fran Rechtsanwalt. Novelle von Alfred Konar 762. 


Aus nem Rumäniſchen: 
»Parafiten-Sedenskünftfer. Grzahlung von Delavrancea (Barbu Stefanescu) 787. 835. 884. 


Aus dent Ruſſiſchen: N 


Waffli Tjorkin. Roman von PB. Boboryfin (Fortſetzung) 591. 643. 692. 748. 

Sonja Kowaleusky. I. Kindheits- und Yugenderinnerungen. Won ihr jelbit erzählt 725. 773. 821. 370, 
Sonnenfinfiernis. Skizze von W. Korolenko 861. 

Nadine. Grzäblung von Karazıne 1085. 1131. 


Aus dem Schwediſchen: 


Sonja Kowalevsky. II. Was ich gemeinſam mit ihr erlebte und was fte mir über ſich ſelbſt erzählte. Wort 
Anna Charlotte Leffler 917. 965. 1013. 1061. 1109. 
RMückſälle. Erzählung von Auguft Strindberg I. 


Aus den Serbiſchen: 
Pas Wirtshaus von Ariwofeh. Erzählung von Gjuro Jakſchitſch 1038. 


Don Diefem und Jenem: 


Paul Bourget 627. Ein franzöfiiches Urteil über Amerika 1011. 
Aus den „Pensees et Maximes“ von Emanuel Werte | Tie Lage der Literatur in Frankreich 1012. 
beimer 628. 772. Die moderne polniſche Yiteratur. Von Hermann Wen: 
Sind wir verrüdter al3 unjere Väter? Bon Gejare fe3 1058. 
Lombroſo 771. 819. 915. 92. Mar Nordau und Yombrojo 1108. 
„Kriſchna Singh“ und der indiihe Roman. You T. K. 818. | Auf den Spuren Don Tuijotes 1108. 
Die beite Frau der Welt 964. Die engliihe Ziviliation und die fremden Volker 1108. 
„Das Wiedererwachen des militäriſchen Barbarismus“ | Brieffalten 1108. 
in Deutichland 961. Kine Frauenſtudie 1154. 
Die Frauen auf den europätichen Univerſitäten 1010. Tie Moral der Natur 1155. 
Sluftrationen: 


Porträt von Sonja Nowalevsfn 110%, 





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1895. Heft 13. Preis 5o Pfg. Vierteljährlich (6 Hefte) Preis 3 Mark. 





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HARVARD 
UNIVERSITY 
LIBRARY 
JUN 23 1941 


Inbalt des dreizehnten Heftes. 


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Seite 
Die Kleine Kirche. Roman aus dem Franzöſiſchen von Alphonſe Daudet (ortſetzung) 581 
Waſſili Tjorkin. Roman aus dem Ruſſiſchen von P. Boborykin (Fortſetzung). 591 
Teß. Roman aus dem Engliſchen von Thomas Hardy (Fortiekung) . a 502 
Morgen. Gedicht aus dem Länischen von Holger Dradmann . . 2. 2 2 2 nn 611 
Der’ ehemalige Herr. Novelle aus den Franzöſiſchen von Paul Bourget 612 

Don Diefem und Jenem: 

Paul Bourget Be ie. 02 Aler male ziehe et ME vier tat ar ee 627 
Aus den „Pensees et Maximes* von Emanuel Wertheimer 628 














Deutsche Verlags- Anflalt in Hfutigart, Seipzig, Berlin, Wien. 


Sammlung hervorragender Hovitäten des Auslandes. 





In diefer Sammlung ift erichienen: 


Der Schüler. 


Roman aus dem Franzöfifden 


von 


Paul Bourget. 
Preis gebeftet M 3. — ; fein gebunden M 4. — 


Zu den beliebteften Echriftitellern des heutigen Frank—⸗ 
reich zählt Paul Bourget. Kein Wunder! Seine Romane 
find wahre Sabinetftüde piychologiiher Beobachtung und 
Vertiefung und dabei don einer ſenſationellen Wirkung. 
Das vorliegende Werk vereinigt dieſe Vorzüge in höchftem 
Mate und vollfommenfter Ausprägung in fi. Es ſchildert 
die unjeligen Sonfequenzen der mißverſtändlichen Auf: 
faſſung eines an ſich unjchuldigen, wenn aud ab und zu 
etwas paradoren philojophiihen Syftems, deſſen Schöpfer 
in tiefſter Zurücgezogenheit einen untadelhaften Lebens⸗ 
wandel führt, während ein junger Mann, der fich feinen 
Schüler nennt, zum Schandbuben wird, der ein edles, 
hodjftehendes junges Mädchen in den Tod treibt und als 
ihr Mörder gilt — mit Unrecht, inlofern die phyſiſche 
That in Frage kommt, mit Net, inioweit fein Thun ein 
derartiges war, daB es den Selbſtmord des unglüdlichen, 
beiiptellos betrogenen Geihöpfes bei ihrer ganzen Seelen: 
anlage unausweichlich nad fich ziehen mußte. Der Knoten⸗ 
punft des pſychologiſchen Charalterbildes aber ıft die Ver: 
blendung, mit der fid) der Held unter Berufung auf das 
philoſophiſche Suſtem feines Meifters als Unſchuldiger 
fühlt. Die ſchließliche Löſung ift eine meiſterhafte — 
ebenfo dramatiich erſchütternd als poetiſch geredt. 


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Hola und Hinelte, 


Roman aus dem Franzöſiſchen 


bon 


Alpbonfe Daudet. 
Nreis geheftet M 3. —; fein gebunden M. 4. — 


Die Frage der Eheſcheidung ſpielt in der franzöſiſchen 
Literatur unferer Tage ſchon ſeit längerer Zeit eine bes 
deutende Rolle, aber kein Autor hat fie mit jo gediegenent 
Ernft, jo feinfühligem Eindringen ın das Weſen der 
Tramilienbeziehungen der Crörterung unterzogen wie 
Alphonje Daudet in diejen: jeinem neuelten Roman. Welch 
iympathifcher Charakter ıft diejer Regis von Fagan, wie 
bat er unter der Eheiheidung und der an fie gefnüpften 
Trennung von feinen geliebten Töchtern, den Titelheldinnen 
des Buches, zu leiden, und welh ein Jammer für die 
beiden von Natur gut angelegten Mädchenherzen, daß fie 
an der Eeite der gefalljüchtigen Mutter verflahen müſſen, 
anftatt unter einem fortdauerndem Einfluß des trefflichen 
Vaterd zu ſchöner Herzensblüte heranreifen zu können! 
Aber Daudet verfolgt die Trage noch weiter, beleuchtet 
fie auch noch in einem Gegenbilde und läßt feine Ueber: 
zjeugung, daß die Scheidung einer mit Kindern gejegneten 
Ehe ein Unding ſei, durch die geichilderten Vorgänge fo 
beredt als möglih zu Tage treten. Eine ſchöne Beigabe 
zu diefem in fnapper Form gefakten Roman bilden die 
demielben noch angeſchloſſenen geiltvollen Novelletien, 
deren jede auf menigen Seiten ein fleines Lebensbild 
zeichnet. 


Zu beziehen durch ale Buchhandlungen des In- und Auslandes. 


— — — — — — 


Die kleine Kirche. 


Von 
Alphonſe Daudet. 


(Fortſetzung.) 


XIII. 


Der erſte Abend in dem großen Saal von Uzelles, 
den Lydie mit ihrem Gatten und der Schwiegermutter 
verbrachte, die ſie jetzt niemals anders als „Mutter“ 
nannte, war für Lydie von einer namenloſen Süßig— 
fit. Als fie das Klavier geöffnet hatte, ihre langen 
weißen Hände über die Taften dahinglitten und die 
erſten Takte der herrlichen Arie von Vergolefe an— 
ſchlugen, deren Baß Richard in ihrer Abmwejenheit 
b oft verzweiflungsvoll gefummt hatte, da wurden 
. Alle von derjelben tiefen Bewegung ergriffen; ihre 
herzen waren von Mitleid und Vergebung erfüllt, 

und Fie fühlten, daß fie jetzt für alle Zeit in Liebe 
Vereins waren. Draußen heulte der Sturmmwind 
durch die Nacht, und die Graupelförner ſchlugen an 
die Fenſterſcheiben. Lydies abenteuerluſtiges Zigeuner: 
löpfchen hatte den ſüßen Reiz eines traulichen Heims 
noch nie ſo tief empfunden wie an dieſem Abend. 
Es ſchien ihr, als ſei ſie aus einem beängſtigenden 
raume erwacht und beginne ihr Leben von neuem, 
am ſchlichtes, glückliches Leben in den ſchützenden 
Armen ihre8 braven, treuen und guten Gefährten. 
Plötzlich drang Geſang und Lachen von unten herauf, 
und Richard fragte: „Was iſt denn heute abend 
los?“ 

„Natürlich Masken — es iſt ja Faſtnacht,“ ſagte 
die Mutter; dann kam allen dreien dieſelbe Erinne— 
tung in den Sinn, und fie vermieden es eine lange, 
veinliche Minute hindurch, fih anzujehen. Es war 
Im vorigen Jahre, da wur an demfelben Tage und 

wur ſelben Stunde die Hofthorglode heftig gezogen 

worden, und e8 waren ein paar Wagen vor der Anz 

fahrt vorgefahten. Dann hatte ſich eine wahre 

dhut von vermummter und maskirter Jugend in den 

jäh auß feiner Ruhe geriffenen Salon geftürzt und 

datte darin lange getanzt und umhergetollt, bis ſich 
Aus fremden Zungen. 1895. IT. 13. 


Charlexis endlich vorftellte, ji) und den entzüdenden 
Ghetto, der in jener Nacht in dem Schloß Merogis 
verjammelt war. O, dieſer unglüdjelige Widerhall 
des Karnevals! Kalt und ſchwarz drang e& mit ihm 
von draußen herein und verjcheuchte die trauliche 
Märme des Salond. Richard erhob ſich mit den 
Worten: „Komm, Lydie, wir müjlen Mama jchlafen 
gehen laſſen.“ Frau Fenigan wollte Täuten, um 
ihnen leuchten zu lafjen, aber Richard wehrte ihr: 
„Es ift nicht nötig, Mama, Lydie kennt den Lauben- 
gang recht gut.“ 

Ya, fie kannte ihn. Aber melden Sinn legte er 
feinen Worten bei? War e3 eine beigende Ironie, 
hatte er die Abficht, fie zu beleidigen, indem er jie 
an die Stunde der Schande, der Tollheit erinnerte? 
Wenn dein jo war, fo mußte ihr Martyrium ja erft 
beginnen. Lydies Hände und Wangen waren eilig, 
als fie an Frau Tyenigan herantrat, um ihr gute 
Nacht zu Jagen. 

Er Hatte ihr gefagt: „Wir wollen es immerhin 
verſuchen ... Wenn es nicht geht, werde ich abreijen.” 
Und wirklich, feit jie da war, während ihres langen 
Spazierganges in Park und im Gemüfegarten, wäh- 
rend des Diners, während des ganzen Abends hatte 
er mit feinem Wort, feinem Blick, feinem Hände— 
drud eine Anfpielung auf die Vergangenheit gemacht. 
Und doch hatte es nicht an Gelegenheit dazu gefehlt; 
er aber fchien jeden möglichen Anlaß mit einer fo 
unendlichen Güte und Teinfühligfeit zu vermeiden, 
daß fie, die ohne große Hoffnung gefommen war, 
Ichließlich daran zu glauben begann, daß für fie beide 
ein neues Leben und ein neues Glück möglid) jei. 
Sie glaubte daran um fo feiter, je mehr die hoch— 
zeitlihe Stunde, die Vertraulichkeit des ehelichen 
Sclafgemadjes, herannahte. In ihrer Schönheit 
und der Ehrlichkeit ihrer Vorſätze fühlte fie ſich jtarf 
und dachte: „Wenn ich ihn nur erjt habe, wenn ich 

14 


582 Alphonſe Daudet. 


ihn nur erſt in meinen Armen halte, dann bin ich 
gewiß, daß er mir bleiben wird!“ Erſt ſeit der 
verfluchten Erinnerung an den Karneval war die 
Ahnung in ihr aufgeſtiegen, daß ihr Glück, das ihr 
ſo nahe war, ihr doch noch entſchlüpfen könnte. Wie 
ſchmiegte ſie ſich daher auch in der dunklen Allee an 
Richard an! Alle Augenblicke gaben ihre Füße, die 
auf dem Glatteis ausglitten, ihr den Vorwand, ſich 
feiter auf ihn zu ftüßen; beim Schnaufen der gropen 
Sagdhunde, die in dem Park freigelaffen waren und 
um Sie herumjchweiften, beim Klirren der beeijlen 
Hefte, beim Slappern der Yabathüre, an der der 
Mind rüttelte, bei jedem diejer Geräuiche jchredte fie 
entjeßt auf und warf ſich zitternd an die Bruft ihres 
Gatten. 

„SH habe Dich tapferer gefannt,” ſagte diejer 
janft, aber ohne ihre Umarmung zu erwidern. 

„Vielleicht weniger nervös, mein Freund.“ Und 
ganz leije jeßte fie Hinzu: „Sch babe eben viel ges 
litten.” Eie hoffte auf eine Aeußerung des Mitleides, 
die aber nicht erfolgte. Als fie an ihrer Mohnung 
angelangt waren, traten fie erjt in das Atelier ein, 
wo ſie wie oben euer und Licht fanden. Cie wäre 
am liebſten gleich in ihrem Zimmer gewejen, aber 
Richard lag daran, fie in dem Raume, in dem er 
jo voller Verzweiflung von ihr geträumt hatte, nun 
wirklich und leibhaftig an feiner Seite zu fehen. 

„Hier bin ih am unglüdlichjten geweſen,“ ſagte 
er. „Ich ſetzte mich dann dort in den Lehnftuhl! Ich 
Dachte an Did) und Jah dabei auf die Strafe hinaus 
und auf die Windungen des Fluſſes unterhalb der 
Brüde.. . Welch entſetzliche Stunden!“ 

Sie legte ihren ganz bereiften Pelz ab, ftellte 
}ic) gerade vor ihn hin, legte ihm ihre Hände auf 
die beiden Schultern und fagte: „Ich habe Dir 
ſchweres Leid zugefügt, mein lieber Mann, aber durch 
zärtlichfte Hingebung werde ich mein Unrecht wieder 
gut machen. Lies in meinen Augen und habe Ver— 
trauen; ich bin Dir unendlich viel Jchuldig, aber ich 
werde meine Schuld einlöjen, das joljt Du fehen.” 
Sie jiredte ihn die Stirne zum Kuß entgegen, juchte 
ihn in mervöjer Angſt an ſich heranzuziehen und 
lagte: „Komm in unjer Zimmer, fomm!” 

Er ſchob fie ruhig, aber jehr bejtimmt zurüd 
und fagte: 

„Gehe allein hinauf, ich bleibe hier!“ 

„Wirklich, Du willſt?“ murmelte fie und zitterte 
dabei fo jehr, daß er nad Entjchuldigungsgründen 
für feine Grauſamkeit Juchte. 

„Es iſt jtärfer als alle Ueberlegungen. Ich kann 
nicht, ich müßte fürchten, Di zu unglücklich zu 
madhen —” 

Da ftredte fie ihm, ergeben in alles, was er 
wollte, die Hand entgegen und jagte: „Gute Nacht 
denn!” 


Die Holztreppe krachte unter ihren Stiefelhen, 
und oben hörte man TFrauenftimmen. Dann kam 
Rofine herunter und ging fort, um bei den Gärtnerd- 
leuten den Karneval zu feiern. Er wußte Lydie jeßt 
allein in ihren Zimmer; und von einem Sturme in 
jeinem Innern ergriffen, von den twiderjtreitendten 
Gefühlen hin und ber gezerrt, warf er ſich ſchließlich 
auf das Eofa, um auf ihm die Nacht zu verbringen, 
iwie er während der Abmwejenheit der geliebten Frau 
jo oft gethan hatte. Sie war ihm aber doch zu nahe. 
Wie jollte er jchlafen, wenn ihre Anmejenheit und 
ihre freiwillige Trennung ihm doch feine Ruhe ließ? 
Er nannte fih einen Dummkopf, einen Narren und 
rief fi die Morte des Nachbars ind Gedädhtnis: 
„Die Sade einer Umarmung ...“ Zweimal ftand 
er auf und jagte ih: „Ich gehe zu ihr,“ aber beide— 
male blieb er mit Thränen der Mut in den Augen 
wieder ftchen. Endlich konnte er nicht mehr anders 
und ging hinauf. 

Sie lag in ihrem großen, niedrigen Bett; Die 
Lampe an der Seite ergoß ihr Licht über ihre Arme, 
ihre Echultern und ihren Hals, die aus einem Nacht- 
gewand von koketter Nachläſſigkeit nadt bervorleuch- 
teten. Als fie ihn ſah, bligten ihre Schönen Perlen 
augen triumphirend auf, die jie aber in weiblicher 
Klugheit ſehr rajch wieder halb ſchloß. 

„Noch nicht zu Bett?“ ſagte ſie, indem ſie ihn 
mit einer leichten, zierlichen Handbewegung heran— 
winkte. Er trat langſam näher und ſuchte die Ver— 
wirrung zu verbergen, in die ihn die anmutsvolle 
Nachläſſigkeit des ſchönen Körpers verſetzte, der vor 
ihm dalag. 

„Fürchteſt Du nicht, Dich zu erkälten?“ fragte 
er leiſe; die heiße Begierde hatte ihm die Kehle aus— 
getrocknet. Dann ſetzte er argwöhniſch hinzu: „Du 
hatteſt doch früher oben geſchloſſene Nachthemden, 
weißt Du, das, was ich Deine Taucheranzüge 
nannte,“ 

„a, die Uniform des Schlafjaales in Waijen- 
haus,“ ſagte fie lächelnd. „Aber ih wollte Dich an 
unfere Naht im Hotel Yavart erinnern.” Dann 
legte fie Rihard ihre Arme um den Hals und flü— 
fterte ihm ins Ohr: „Du Böfer, ſiehſt Du denn 
nicht, daß ic) Dich erwartete?“ 

Er jhlo die Augen, um der Verfuhung leichter 
widerftehen zu fünnen, und fagte wie im Traume: 

„Ach, das Hotel Favart! Das war eine Nacht! 
Aber dieſe Liebestrunfenheit kannſt Du mir jetzt 
nicht mehr gewähren!“ 

„Warum?“ 

„Weil das alles...” er zeigte auf ihre Arme, 
ihre Schultern, „das alles nicht mehr mir allein 
gehört. Du haft es einem andern gegeben!” 

Mit einer wütenden Bewegung riß er fi aus 
ihrer Umarmung los, fie aber brachte Ihn wieder zu 


Die kleine fire. 583 


ſich zurück durch den ſchmerzlichen Ton, in dem fie 
ihm ſagte: 

„Du findeft aljo, daB ich mich nicht genug ge= 
ftraft babe, daß das alles nicht gejühnt iſt? Da, 
ſieh - - .” Unter dem Bufen, der weiß und mädchen» 
baft geblieben war, hatte die Wunde, indem fie fich 
ſchloß, zwei oder drei tiefe, faltige Narben zurüde 
gelaſſen. „Die Kugel ſtak jehr tief... Sieh, weld 
en Deal fie mir aufgedrüdt haben... und wenn Du 
wüßteft , wie ih troß ihres Chloroform gelitten 
babe !“ 

„Mein armes Lieb,” jagte Richard, von Mitleid 
ergriffen. Und er beugte ſich iiber den jchönen, miß- 
dandelten Leib und feine Lippen drüdten einer leijen 
Fuß auf die Narben. Dann aber entzog er fich ihr 
wieder plötzlich, denn er dachte daran, daß fie ſich 
um eiried andern willen jo gemartert hatte und rief: 
„sa, für Deinen Geliebten und aus Wuhnfinn, aus 
Verzweiflung darüber, daß Du nicht mehr geliebt 
wurdeſt.“ 

„Du irrſt Dich, Richard; ich hatte nur noch Haß 
und Verachtung für den, von dem Du ſprichſt. 
Trage Deine Multer, die bei mir wachte und mid) 
in einem Delirium, das nicht log, Deinen Namen 
tufen hörte. Ich dachte nur an Dich, der Du fo 
gut gegen mich geweſen warjt, an das jüße Dafein, 
das Du mir bereitet hatteſt und nad) dem ich mich 
verzweiflungsvoll zurüdjehnte.* 

0839, ich weiß, Du bijt ein gutes Kind. Du haft 
Jetzt nur den einen Wunſch, mich zu lieben, mir diefe 
Teude zu ſchenken und troß alledem, wenn er jet 
Q wäre, er, der andere, wenn er Dich riefe, wenn 
er Dir nur ein Zeichen machte, fo könnteft Du Dich 
micht bezwingen, nicht wieder zu ihm zu eilen.“ 

„Schweige ... Schweige.“ 

Er ſchwieg aber nicht, jondern fuhr fort und 
eigerte fih zu einer mwütenden Ironie: „Warum 

1OM ich ſchweigen? Die Sache ijt doch fo einfach. 
Sch bin ein ſchüchterner Stotfiih, ich wage nicht, 
und ich fann nit. Er aber, er kennt fich jo gut aus, 
und er ift jo [hön! Hat er Dir nicht das Lied von 
Malaga vorgefungen, nicht? Hat er Dich die Sünde 
der Augen gelehrt? Sie und alle die anderen...“ 

„Richard, ich bitte Di —“ 

Sie verjuchte ihm den Diund zu jchließen, um- 
ſchlang ihn mit beiden Armen, als draußen in der 
Naht ein Jagdhorn ertönte und er ſich ganz bleich 
aufrichtete. 

Das war früher das PVerjtändigungsmittel zwi— 
ſchen Grosbourg und Uzelles; Charleris jagte fich jo 

zu Zuh an, und Richard antwortete ihn ebenfo; 
von einem Ufer zum andern erflangen die Iuftigen 
Fanfaren von dem zitternden Waſſer fortgetragen 
und verbrüderten und vereinigten die beiden Häufer. 

„Horch, Lydie!“ 


Verſtört preßte er ihre Finger in ſeiner fiebern— 
den Hand wie in einem Schraubſtock. 

„Aber, mein Freund, das iſt ja bei Clement — 
die Gärtnerburſchen ...“ 

„Nein, nein, das kommt von der Terraſſe in 
Grosbourg. Wie das über dus Waſſer vortrefflich 
herüberklingt . . Er weiß, daß Du zurück biſt und 
gibt Dir das alte Zeichen ... Hörſt Du?“ Und je 
mehr die jchmetternden Töne der Trompete durch die 
Nacht Hallten, defto höher fteigerte fich feine Wut: 

„Wie erpiht er darauf iſt! ... Wie er Dich 
begehrt! Heute nacht bei meiner Fran fchlafen ? 
Aber jelbitverftändlih, aber natürlich, Durchlaucht! 
Warte, warte nur, ich will ihm fchon antworten!“ 

Er ftürzte auf die Treppe hinaus, um nach we— 
nigen Augenbliden beſchämt und ernüdhtert wieder 
zu fommen. Lydie ſaß jchluchzend auf einem Stuhl 
und fleidete fih an. Er fniete vor ihr nieder und 
fragte: „Wohin willft Du® Was willſt Du thun?“ 

„Nein, laß mid,“ antwortete fie, „ich kann nicht 
bleiben... Für Dih und für mid) ift es zu ſchreck- 
id... Sch werde die Nacht bei Deiner Mutter 
erbringen und morgen werde ich wieder gehen, da 
die Sache über Deine Kräfte geht, mein armer 
Freund!“ 

Jetzt ſtieß ſie ihn zurück und ſuchte ihm zu 
wehren, als er ihre nadten Beine umſchlang und 
wahnfinnige Küffe auf ihre vom Schnee durchnäßten 
Strümpfe drüdte. Schließlich hob er fie auf, trug 
lie ins Bett und begann fie mit zärtlihen Morten 
zu beruhigen, zu umkoſen, die dann dazwiſchen wies 
der zu Zornedausbrüchen emporloderten. 

„Du mußt mir verzeihen, weißt Du... Id 
werde noch verrückt ... Diejer elende Kerl...“ 

„Warum ſprichſt Du denn immer von ihm, da 
doch alles aus ilt, da er für mid) tot ift!“ 

„Ah, wie glüdlich wären wir, wenn er wirklich 
tot wäre... Aber er lebt noch, das Ungeheuer, ich 
merle e3, daß er um Dich herum ſtreicht ... Aber 
es gibt ein Unglüd, wenn ich ihn treffe! Dies— 
mal wird mic niemand daran verhindern, ihn zu 
töten... .“ 

„Dich hindern? Aber im Gegenteil, ic) werde 
Dir noch dabei helfen, um mid für all das Leid zu 
rächen, das er mir angethan hat... das er mir 
nod) anthut, indem er mid Deiner Liebe beraubt.“ 

Sie Hatte ſich an feinen Hals feitgeframpft und 
redete auf jeine Lippen ein; dann, als fie geendet 
hatte, fiel fie erihöpft auf ihr Kijfen zurüd. Er 
nahm es ihr faft übel, daf fie nicht mehr kämpfte, 
denn er war überzeugt, daß alles von ihr abhinge, 
von der Glut ihres Verlangens und daß, wenn ihre 
Arme ihn ftärker umklammerten, er fi nicht frei 
machen können würde Dieſes Gefühl verriet ſich 

‚ in einem Schwall von Echmerz und Haß erfüllten 


584 


Phraſen über die Vorzüge von Charlexis und feine 
eigene Inferiorität; es war ein endloſer, unzuſammen— 
hängender Monolog, deſſen beftändige Wiederholungen 
ihn ſelbſt Schließlich ermüdeten. Das Jagdhorn war 
verflungen. Die Graupeln praljelten an die Feniter- 
Icheiben, und dazwiſchen hörte man auf der Uhr der 
tleinen Kirche drei Schlagen. Richard blieb plöklic) 
vor dem Bett Stehen, zu dem es ihn ebenjo mädhtig 
hinzog, wie es ihn wieder wegtrieb, und jagte mit 
einer Stimme, die fo weich Fang, als ſpräche er 
ein Gebet: 

„Mein Weib, mein Kind, ich bitte Di, laß 
ung zu Ende fommen... Sage mir, daß id mid) 
irre, daß Du ihn nicht mehr liebſt! Schwöre e3 
mir, damit ih Dich ohne Furcht in meine Arme 
ſchließen kann .. . Sieht Du, Du antwortejt nicht 
... Du willſt nichts verfpredden. Du denfjt aljo 
doch noch an ihn, und eine Lüge würde Dich zu viel 
Ueberwindung koſten? ... Lydie, jo antworte doch, 
aus Barnıherzigfeit, ſage ein Wort.” 

Er beugte ſich über fie, umflammerte ihre Hand— 
gelenfe, die aber jchlaff und leblos in feinen Händen 
ruhten. Sie ſchlief, und zwar einen tiefen Kinder⸗ 
ſchlaf; ihre leicht gefchürzten, rofigen Lippen wurden 
von den leilen Ateınzügen kaum merklich bewegt. 

Und er hatte fich ſolche Vorwürfe gemacht, daß er 
fie mit ſchlimmen Reden gequält! Er hätte bis 
zum Morgen und nod) länger fortfahren können. 
Und fie ſchlief! ... Erft lachte er bitter auf, dann 
aber beſchlich ihn angeſichts dieſer eingeftandenen 
Schwäche, diejer völligen Erfchöpfung, die der Scene 
zwijchen' ihnen gefolgt war, ein weiches, zärtliches 
Gefühl. Sanft dedte er die Schultern und die ſchönen 
Urme der jungen Frau wieder zu und ging mit der 
Lampe in das Atelier hinunter, wo er ohne Unter- 
brechung auf und ab ging, während die Kirchenuhr 
die verrinnenden Stunden verfündete. Es war die 
Uhr der Kirche von der großen Straße, der Kirche 
des Mitleids und der Vergebung, zu der er fich den 
Zutritt gar nicht Jo ſchwer gedacht Hutte. 


Als der junge Tag durch die Eisblumen der 


Fenſterſcheiben hereinfchien, ging er, zur Abreije 
bereit, zu jeinem Nachbar hinüber. 


XIV. 


Es war ein weicher, duſtiger Maimorgen, als 
Chuchin in feinem leichten Boot, mit dem fupfernen 
Aufieherabzeichen, von Athis nad) Enry die Seine 
hinaufruderte, um für die kommende Sailon am 
Ufer entlang nach neuen Stellen für feine Neufen 
auszuſpähen. Man brauchte nur zu jehen, wie er daher 
gefahren Fam, wie nacdläjlig er die Riemen hielt, 
und man merfte jofort, daß er feit geraumer Zeit 
gewohnt war, Maulaffen feil zu halten und feine 


Alphonſe Daudet. 


Zeit mit unndtigem Geſchwätz zu vertrödeln, daß 
aljo jein Herr verreift, und zwar jchon feit geraumer 
Zeit verreift fein mußte. Der ganze Yluß gehörte 
dem Fiſchereiaufſeher. Von den Brotfähnen, die 
ſtromabwärts fuhren, wurde ihm ein Trunf gereicht; 
den Frauen der Schiffer und Flößer und den Wäſche— 
rinnen, deren großed Boot in der Nähe der Brüde 
verankert lag, rief er von weiten leichtfertige Scherz- 
worte zu und plapperte für ſich allein mehr als die 
geſamten Rotkehlchen und Bachitelzen der beiden Ufer. 
Er war gerade mit den Wäſcherinnen fertig gemor- 
den, die ihn mit ihren Wajchbläueln bedrohten, als 
er beim Weiterrudern den Kopf etwas erheben mußte 
und den elegant=düfteren Herrn Alexander erblidte, 
der ſich an das Brüdengeländer lehnte. 

Roſinens Vater ließ fein Boot einen Augenblid 
im Schatten des Brückenpfeilers flehen, jpähte nad) 
dem alten Hau&hofmeifter aus und brummte in feine 
Najenwärmer: „Was hat er da herumzulungern, der 
alte Gauner?“ | 

Er verliert zwar fein Wort von dem, wa3 dort 
am Waſchplatz geflaticht wird, von der großen Wäſche 
der Gemeinde, aber Herr Alexander fennt ja nod) 
ganz andere Geſchichten, er fünnte alle die Klatjch- 
bajen da noch etwas lehren... Nein, während er in 
das Waſſer Hineinftiert, jchielt jein Feines Auge nad) 
dem Bahnhof. Gewiß erwartet er jemand. 

Mit zwei Schlägen ruderte er das Boot aus dem 
Schatten und rief mit feiner heijeren Stimme ſpottend: 

„Run, Bater Alerander, werft Ihr ſchon heute 
Euren Köder aus? Wir haben doc noch eine hübjche 
Spanne bis zum Schluß der Schonzeit!“ 

Alerander geriet offenbar in Verlegenheit und 
rüdte jeinen Stneifer zurecht, um inzwijchen eine Ant» 
wort zu finden. 

„Das war nun nicht befonders geiſtreich bemerkt, 
alter Chuchin; ich beobachte hier einen Rudel Gründ- 
linge, die nit für Deine Netze beſtimmt find... .“ 
Er unterbrad fih und Horte nach dem Bahnhof 
hin; aber das, was er für da8 Rollen des nad) Paris 
fahrenden Zuges gehalten hatte, war das ferne Rau- 
Ihen der Schleufe. Er wandte fih wieder zu dem 
Boot und fuhr fort: „Und was gibt’3 denn Neues 
bei euh? Kommt der Herr immer noch nicht aus 
feinem Algier zurück?“ 

„Spaßvogel! Als wenn Dir Rofine nicht alles 
erzühlte, wa8 im Hauſe vorgeht!” 

Herr Alerander verzog jein Gefiht. Aus einem 
gewilien Anftandsgefühl, das dieſer Tölpel nicht 
verſtand, vielleicht auch aus Furcht vor einer unan« 
genehmen Augeinanderjehung vermied er, mit No» 
finens Bater von ihr zu ſprechen. „He, Chuchin,“ 
tief er, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu 
geben, „lich doch einmal Deinen Mieter, wie er in 
jeinen Keller geht.” 


Die Fleine Kirche. 


Vater Georg war in der That eben aus feiner 
Hütte getreten. Seine Augen blinzelten, vom hellen 
Refler Des Waſſers geblendet, feine Beine ſchwankten, 
und mit beiden Händen bielt er eine unendlich lange 
Angelrutfe. 

„Zaugenidts!.. .* Schalt der Auffeher mit jener 
gehäffigen Verachtung des Bauern für den Menjchen, 
der nicht mehr arbeiten fann. „Das war aud eine 
ee, dieſen Laufelerl aufzunehmen... Was zum 
Hmfer will er denn mit feinem Steden machen? Es 
iſt doch noch Schonzeit ...“ 

„Haſt Du denn nicht geſehen, daß er unten eine 
Flaſche angebunden hat? Er holt ſich ſeinen Vor— 
rt an Seinewaſſer ... Da ſchau her, iſt er nicht 
drollig ?“ 

Da das Ufer ſehr hoch war, hatte der Alte ſich 
dieſes Mittel ausgeheckt, um den Fluß zu erreichen. 
Der Waſſerſtand war aber ſehr niedrig; er mußte 
ſich recken, ſich flach hinlegen, was bei ſeinem morſchen 
Körper ein vergebliches Bemühen war. Alexander 
und Chuchin amüſirten ſich höchlich über dieſes 
Schauſpiel. 

„Er wird ſich noch das Fell zerſprengen.“ 

„Freilich, freilich; jetzt iſt er ſchon mit dem Ufer— 
rand auf gleicher Höhe, der Kopf muß ihn ja in die 
Tiefe Ziehen... He, Achtung, Vater Georg... Da, 
da Haben wir's!“ 

Ein milder, perzweifelter Schmerzensruf, einer 
Mer Tauben Schreie, in die ein Wefen feine ganze 
Vilalität hineingelegt, hallte von beiden Ufern wider. 
* ſchwankende Schilf am Uferrande bezeichnete 

Stelle, wo der Alte kopfüber hinabgeſtürzt 
, + Und es gelang ein paar Bauern, die auf 
einem nahe gelegenen Felde arbeiteten, nicht ohne 
gro Anſtrengung, ihn wieder aus dem Waffer zu 
zehen. Grit ala man ihn zitternd und triefend, die 
Angelgerte immer noch in ſeinen zuſammengekrampften 
dingern, auf das Ufer gebettet hatte, ruderte der 
Fiſchereiaufſeher, der ſich einen Augenblick ſchon von 
Mem Mietsmann befreit geglaubt Hatte, mit ein 
mar Schlägen heran, um ihm mit erheuchelter Teils 
nahme Hilfe zu leiſten. 

Zu derjelben Zeit fuhr der Zug nad) Paris aus 
dem Bahnhof heraus und Sautecveurd Schwieger: 

loter erſchien in einem leichten, roſa geftreiften 
Sommerkleide, das der Flußwind feſt gegen ihre 
Deine preßte, an dem Brückeneingang. Sie hatte 
eben ihren Mann an die Bahn gebracht und wurde 
don einer Heinen, diden, furzatmigen Dame begleitet, 
die einen Kinderwagen vor jich ber ftieß. Es war 

Frau Noel, die Gattin eines Barifer Gymnaſiallehrers, 

die in der Eremitage ein Zimmer gemietet hatte, um 

ihr Meineß Töchterchen die friſche Maldluft atmen zu 
laſſen. Sobald Frau Sautecoeur den blauen Anzug 
des ehemaligen Bedienten erblict hatte, wechjelte fie 


585 


die Farbe, bat Frau Noël, unten am Ufer auf fie zu 
warten, und näherte fi, am ganzen Körper zitternd, 
Herrn Alerander, der, unbeweglich an die Brüftung 
der Brüde gelehnt, nad) ihr hin jchielte. Haftig wur— 
den ein paar leife Worte gewechſelt. 

„... Der Prinz in Grosbourg ... Stelldichein 
im Walde... Prioreiche ...“ 

„Unmögli ... zu jehr überwacht.“ 

„Der Indier ?” 

„Sa... Wie der mich langweilt!“ 

Es famen Menjchen vorbei, Leute aus der Ge= 
gend, Lieferanten. Die Bädersfrau grüßte fie unter 
dem Schubdad ihres Wagens vor. Der Mebger: 
burjche zu Pferde, einen großen Fleiſchkorb quer über 
jeine weiße Schürze, drehte ji) um, um ihnen zuzu— 
lächeln; und Herr Alexander verbreitete ſich, mit jehr 
lauter Stimme, anjcheinend über die Einzelheiten 
von Vater Georg Unglüdsfall, zeigte mit einer em- 
pbatijchen Geſte da3 zertretene und zerfnidte Schilf 
und die Hütte, in die man den alten armen Teufel 
gebracht hatte. „AK,“ jagte er, „id, hatte ſchon ge= 
glaubt, man müſſe den Wagen Foucarts holen.“ 
Dann fuhr er ganz leile fort: „Morgen Donnerstag, 
Markttag in Eorbeil... um elf Uhr in der Rue 
Saint-Spire... Wir werden gemeinichaftlid) den 
Schmud ausſuchen.“ 

„Ich weiß nicht... . ih kann nicht verſprechen ...“ 
murmelte die große Perſon unficher, während ihre 
Augen nad dem Horizont Hinjchweiften, wo die 
Schleuſe von Evry mädtig erbraufte. Für diejenigen, 
die fie etwa hätten hören fünnen, jeßte fie dann 
hinzu: „Armer Vater Georg! Eine Lungenentzün- 
dung in feinem Alter... Habe die Ehre, Herr 
Alexander.” 

„Gnädigſte —“ 

Die Wäſcherinnen unten am Fluß, die die leb— 
hafte Thätigkeit ihrer Waſchbläuel, deren Schall die 
Brüde zurüdwarf, nieht daran gehindert hatte, aufe 
merfjan dem geheimnisvollen , furzen Zwiegeſpräch 
zu folgen, überjchütteten, al8 fie Herrn Mlerander 
da8 Gejpräh mit einer Kußhand beenden jahen, 
den alten Geden mit einer Fülle von Scheltworten. 
„Diefer Mädchenjäger, der Alerander! Er hat alio 
noch nit genug an der Chudin! Jetzt iſt's aljo 
die Sautecoeur ... Na, übrigens liegt e3 ja in der 
Tamilie! Der Indier galt feinerzeit für den be= 
rühmteiten Hahnrei, der Sohn ift auf den beiten 
Wegen, fein Nachfolger zu werden.” Und dann 
Hatichten die MWajchbläuel und dann ertönten Lach— 
falven, daß die Mieder plaken wollten. 

Ohne zu ahnen, daß ihr dieſe Muſik galt, holte 
die Tochter Sautecveurs ihre Begleiterin am Fuße 
de3 Hügels ein, und während fie ihr half, den Kinder- 
wagen zu ſchieben, machte fie ihr den Vorſchlag, am 
folgenden Tage mit ihr den Markt von Eorbeil zu 


8 


beſuchen. Man koͤnne Blanchette vor den Wagen 
eine Nachbars ſpannen ... Sie ſelbſt würde futjchiren. 
Es fei ein reizender Weg durch das Gehölz ... Es 
würde dem kleinen Mädchen ausgezeichnet bekommen: 
„Aber für meinen Schwiegervater muß die Idee von 
Ihnen ausgehen. Er mißtraut ſeiner Schwiegertochter 
zu ſehr, wie übrigens allen Frauen. Mit Ihnen 
allein macht er eine Ausnahme, ich weiß ſelbſt nicht, 
warum. Ehe Sie bei uns einzogen, erlaubte er mir 
nicht, ohne meinen Mann einen Spaziergang durch 
den Wald zu machen. Sie können ihm ja ſagen, 
daß Sie Einkäufe zu machen hätten. Sie werden 
ſehen, wir werden uns prachtvoll amüſiren.“ 

Wenn der Vater Sautecoeur zu viel Mißtrauen 
zeigte, jo war Frau Noel zweifellos zu wenig miß— 
trauiſch. Seit einem Monat gab ſich die gute Yrau 
auf die unfchuldigite Weile von der Welt zu den 
verbrecheriichen Anichlägen her, die Charlexis gegen 


die Frau ſeines Lieutenant3 ausführte. Das ehrliche, 


breite Ammengeficht und der Titel eines Gymnaſial⸗ 
profejjor3, den der Mann führte, beruhigten den 
Torjtrat fo jehr, daß er darüber jogar feinen ge— 
wohnten Argwohn und fein Spionageſyſtem aufgab. 
Die beiden Freundinnen gingen alle Tage allein aus, 
nahmen da8 Feine Mädchen mit, Yeldftühle, ein 
Frühſtück und ließen fih am Rundell der Prior» 
eihe in einem Gehölz nieder, das nicht zum Re— 
vier des Indiers gehörte. Die Damen jchwaßten, 
nähten, laſen ſich laut da3 Petit Journal vor, und 
in die vermijchten Nachrichten fummten die Käfer 
des Gebüfches und raufchten die Wipfel der Bäume 
hinein. Wenn fie dann eine Stunde lang unbeweg= 
ih dagefejlen hatten, machte rau Sautecoeur den 
Vorſchlag, ein wenig zu gehen, und madıte dann 
Schließlich allein einen Gang dur den Wald, da 
ihre behäbige Freundin in erjter Linie nicht den 
Platz zu wechſeln Tiebte. 

Gegen die mit Gejtrüpp bemachjenen, von hohen 
Gitterthoren durchbrochenen alten Parkmauern, die 
ſich hier längs des Fleinen Senart hinziehen, erftredt 
ih, jo weit das Auge reicht, ein jammetartiger 
Raſen, den die niedrigen Zweige des Unterholzes 
leicht berühren, wenn fie fi) beim geringiten Xuft« 
bauch heben und jenfen wie bengaliide Punkas. 
Am Ende einer diejer großen geheimnisvollen Najen- 
pläße barrte der jungen Frau immer an derfelben 
Stelle, wie zufällig liegen gelafjen, ein großer, roh— 
jeidener Sonnenſchirm, unter diefem Sonnenſchirm, 
der ihn vollfommen dedte, im faftigen Graje weid) 
bingeftredt, der Ichöne Charleri”. Da ihm das Be- 
treten der Eremitage verboten war, feit der Forſt⸗ 
wart ihn dabei ertappt hatte, wie er feine Schwieger— 
tochter küßte, hatte er ſich dieſes Biwak⸗Stelldichein 
improviſirt, das allerdings ebenſo gefährlich wie 
mißlich war, denn hier konnte man nur flüchtige 


586 Alphonſe Daudet. 


Küſſe austauſchen und in zitternder Haſt ungeſchickte 
Liebkoſungen. Ihr Zuſammentreffen auf dem Markt 
mußte ihnen zweifellos eine beſſere Gelegenheit bieten. 

Als der Wagen der Eremitage am folgenden 
Morgen früh über die breite Brüde von Corbeil 
fuhr, erbebte das Heine Städtchen, das fonft fill 
und verlaſſen daliegt, von Berwegung und Lärm. 
Die Stadt ift dicht um das alte Klojler herum auf 
dein linfen Ufer der Seine angelegt, die Gärten 
jteigen terrallenförmig zum Fluß hinunter, jo daß 
das Gefamtbild an Bajel, vom Münfterturme aus 
gejehen, erinnert, aber a Bajel an dem Tage einer 
landwirtſchaftlichen Ausjtellung, wenn es von allen 
Dörfern und allen Meiereien feiner Umgebung über: 
Hutet ift. Auf dem Marliplab und in den benad)- 
barten Straßen gerieten ländliche Gefährte aller 
Formen in einander und machten das Durchkommen 
Sehr jchwer. Frau Sautecoeur fuhr ihren Wagen 
in das Klojter Saint-Spire, da3 ruhig und verlajien 
im Herzen der Stadt liegt und dem der Wind, der 
die alte Kirche unmeht, immer eine friſche Tempera— 
tur verleiht. Sie bat Frau NoEl, auf fie zu warten, 
bis fie ihre Einkäufe gemacht habe: „Wen die Kleine 
ih langweilt, jo können Sie in die Kirche gehen. 
Es ijt ein jteinerner Ritter ‘von großer Schönheit 
darin.” Daun eilte fie freudeftrahlend zu ihrem 
Stelldichein. 

Der Prinz, der vor ihr angelommen war, juchte 
in einem Winkel des mit Käufern angefüllten Yadens 
am Nande des Zahltiſches Ohrringe aus; neben 
jeinen Stuhl war ein zweiter, leerer, bereitgeftellt. 
Eie fehte fih, und dicht an einander gedrüngt, 
ſprachen fie leije mit einander, während fie die Obr- 
ringe auf eincm Heinen Stüd ſchwarzen Sammets 
gligern ließen. Um fie herum feilſchten Meier aus 
Morfang, die ihre Söhne verheirateten und in einer 
großen Gefelichaft von Verwandten und Bekannten 
angerüdt waren, um den Schmud für die Brautgabe 
mit Worten, Lachen, Regenſchirmen und großen 
Hauben, jo daß man hätte glauben können, im Palais» 
Royal zu jein an einem Abend, an dem irgend ein 
zwerchfellerichütternde® Stüd von Labiche gegeben 
wird. Aber die beiden Liebenden hatten Beſſeres 
zu thun, al8 fi daran zu ergößen. Der Indier 
war mit dem ganzen Torjtperjonal heute zum Nacht« 
dienft befohlen. 

„Um zehn Uhr werde ich an der Eremitage fein. 
Laß Dein Kammerfeniter offen.“ | 

„Ad, ich bitte Sie! Nein, ich habe Angft.“ 

„Angit, wovor? Dein Mann ift in Paris, der 
Alte wird erjt um ſechs Uhr morgens zurückkommen. 
Es handelt ſich nur darum, nicht einzujchlafen, aber 
dazu werden wir nicht die geringite Luſt verſpüren. 
Denke do, eine Nacht, eine ganze Naht, Die ums 
gehört, zum erftenmat!“ 


.—-— — 


Die kleine Kirche. 


Er flüſterte ihr in den Hals, in die Haare, wäh- 
rend fie ſich ihren neuen Schmud ausſuchte. Die 
Hochze itsgeſellſchaft hatte fich eben entfernt. Die Laden- 
befiferinn umd ihre Schwefter, zwei mittelalterliche 
Geſichter, verwitterte und verſchimmelte Produfte 
einer alten, erjhöpften Raſſe, Typen, die im De— 
partement Seine=etsDije recht häufig find, näherten 
id dem Prinzen, verneigten fid) bis zur Erde und 
erlundigten ſich, ob Durchlaucht gefunden habe, was 
er brauche. 

„Sa, Frau Souchotte ... Hier dieſe Garnitur, 
die ich heute abend abholen werde.“ | 
Sautecoeurd Tochter fand errötend auf und 
wollte gerade hinausgehen, als ein großer Landauer 
vor dem Laden hielt, der, an und für fich ſchon recht 
dunfel, jebt jo verfinjtert wurbe, als wenn eine 
große Marquiſe über dem Schaufenjter herabgelaffen 
worden wäre. „Der Wagen der Frau Yenigan,” 
jagte Die Ludenbejikerin in ehrfurchtsvollem Tone, 
aber nicht jo unterthänig, al3 fie Charlexis gegenüber 
warr DD, über die Stufenleiter des Kaufmanns, 
die Hundertmal feinere Unterjheidungen fennt, als 
die chineſiſche Tonleiter! ... Der Prinz rührte ſich 
nicht, wandte den Kopf nicht um, aber der Ausdrud 
ſeines Lächelns veränderte fih und wurde um fo 
häßlicher, je näher er eine elegante, große Frauen- 
geſtalt an den Laden herantreten ſah. 
Iſt meine Uhr fertig? ...“ Lydie hatte nicht 
die Kraft, den Sab zu vollenden. in nervöſer 
Auſten, von dem e8 ſchwer zu fagen war, ob fie 
ihn Beabſichtigte oder nicht, erflidte ihre Stimme. 
Seit Der Komödie von Monte Carlo, dem Bruch 
und Der Flucht hatte jie ihn nicht mehr wiedergeſehen, 
und Nun zeigte ihr unvernutet der angelaufene 
Sp tegey eines Ladens da gerade ihr gegenüber das 
hũbſche unverſchämte Schurkengeſicht. Das rief in 
ihr raſch nad einander die verjchiedenartigften Ein— 
drücke hervor: Efel, Schred und Zorn; und dabei 
de Freude, unter diefen verſchiedenen Empfindungen 
nicht eine Spur von Kummer zu finden und eine 
Ungemißheit beendet zu jehen, die fie manchmal quälte, 
venn fie fid) fragte: „Was werde ich empfinden, 
wenn ich ihn wiederjehe ?“ 

Wenn fie ihn jemals geliebt hatte, dann war es 
beim Himmel abgethban! Und diefe Sautecoeur mit 
ren tohlihwarzen Augen und ihrer vorſtädtiſchen 
Unverſchämtheit that fehr unrecht daran, fie wütend 
anzubliden. Ihre Uhr war fertig; fie nahm fie und 

ing, ohne ein Wort zu fprechen, hinaus. Aber als 
ihre Schwiegermutter fie erblidte und ihre verftörten 
Züge ſah, rief fie aus: „Was ift Dir denn wider 
fahren ?* | 
„Eine widerwärtige Begegnung!” murmelte Lydie, 
indem fie fi an ihre Seite ſetzte. Und mit leijer 
Stimme, de3 Kutſchers wegen, der ſchon einen Buckel 


587 


machte, um horchen zu Fönnen, nannte fie den Namen 
Charlexis ... „DO, ich hätte niemals zu diejem 
Markt kommen jollen.” | 

„Das ift meine Schuld, Tiebes Kind. Aber Du 
fährſt ja auch fonft niemal® aus, ich wollte Dich 
einmal etwas an die Luft bringen.“ 

„Mir ahnte irgend ein Unglück.“ 

Die Mutter blidte unruhig auf: „Ein Unglück?“ 

„D, nichts von dem, was Sie von einer Wahn 
wibigen, wie ich e3 bin, fürchten können... Nein, 
ich liebe meinen Mann, ich würde nie einen andern 
lieben, al3 meinen Mann... Aber, wie fol ich 
ihm von der Begegnung berichten... .* 

„Das wollen wir beide für uns behalten. Wenn 
alles jo gut geht, wenn Merivet uns fo gute Nach— 
richten Ihidt ... Wir würden vielleicht nur eine 
Heilung und feine Rückkehr verzögern.” 

„Dann muß ic) aljo lügen und ihm nicht alles 
jagen, wie ih verfprochen habe, ohne ein einzigegmal, 
jeit er in Algier ift, mein Verſprechen gebrochen zu 
haben.” | 

Während fie mit einander ſprachen, fuhr der Wagen 
im Schritt durch die verjperrten, engen, Tärmerfüllten 
Straßen, hielt bei dem Apotheker, dem PBapier- 
händler und Sattler, dem Gitterflechter, die an den 
Wagentritt heran kamen, Beltellungen entgegen 
nahmen und Liberts Bod und Wagenkaſten mit 
Paketen und Flaſchen anfüllten, wobei fie feinen 
langen Ueberrod aus feiner Ruhe brachten. Es war 
das richtige Frauengeſpräch, dieſe eingehenden und 
gefühlvollen Belenntnilje, die von Haushaltungs— 
angelegenheiten unterbrochen werden, von Befuchen 
und Einläufen bei den Lieferanten. Bor der Kon« 
ditorei, wo der Landauer der Beitellung für den 
Sonntag wegen gehalten hatte, erjchien der Richter 
Delcrous im Gejellihaftsanzug, mit Handſchuhen, 
glänzendem Bart und glänzenden Zähnen am Wagen 
ſchlag. Eeit Monaten hatte man ihn nicht mehr in 
Uzelles geſehen; und jetzt fam er gerade hierher, um 
raſch zu jrühftüden und ſich dann mit der Bahn zu 
den Damen zu verfügen, da er ihnen eine jehr ernſte 
und jehr dringliche Trage vorzulegen habe. 

„Nun, jo fteigen Sie in den Wagen und frühe 
jtüden Sie bei ung,” jagte die Mutter; und während 
er fid) inmitten der Pakete ihnen gegenüber nieder- 
ließ, Jah fid) Lydie, die es etwas verlegen machte, 
einen ihrer früheren Freunde wieder zu treffen, die 
Heinen gededten Tiihe an, die hinter den Schau— 
fenftern in der pechfinfteren Konditorei ſtanden und 
fragte mit einem gefpielten Intereſſe: „Alfo, Hier 
Ipeilen Sie?” 

„Jawohl, gnädige rau, zwei Schritte von meinent 
Bureau. Das Gericht befindet fih am Ende der 
Straße, dort an dem Heinen Platz neben der Mühle.” 

Sie blidte immer noch zerjtreut umher, ohne zu 


88 : 


ahnen, welche Bedeutung dieje Orte für fie noch be= 
fommen jJollten. 

„Sie finden diefe ganze Gegend bier recht traurig, 
meine Damen? Und id) erft ... Gcrade darunı habe 
ih, auf Ihr freundliches Wohlwollen rechnend ... 
Kurz und gut, was gibt es für Nachrichten aus 
Algier? Wann kehrt unfer Freund Richard wieder 
zurück?“ 

„Mein Sohn wird bald zurückkehren, lieber Herr 
Delcrous; aber Sie wiſſen, daß wenn wir Ihnen 
irgendwie dienen können, während ſeiner Abweſenheit, 
meine Tochter und ih...“ 

Der Richter verbeugte ſich lächelnd. Er würde 
fich erflären, wenn man den Markt und da8 Gemühl 
hinter ſich hätte. 


Ipınnung gewöhnt war, fuhr der Landauer aus 
Corbeil hinaus und ließ die Niefenfchornfteine der 
Kunftmühlen Hinter ih, deren Rauch einen großen 
Teil des ftrahlenden Himmels verfinfterten. Wagen, 
Fußgänger, Vieh, der fröhliche Zug einer Heimkehr 
vom Marfte eilte über die hohe Bergftraße dahin 
zwilchen dem Fluß, der unten glißerte, und den 
Gerfiene und Weizenfeldern, deren grüne Wogen 
bis an den Horizont reichten. Ein Heiner Wagen, 
der von Frauen gelenkt wurde, jtreifte in raſchem 
Fluge ihre Räder. Lydie erkannte die Schwieger- 
todhter Sautecoeurd und folgte lange mit mitleid3- 


vollen Bliden dem beſcheidenen Wägelchen, da8 über 


die holperigen Wege dahinraſſelte. Ach, wie gerne 
hätte fie ihm „euer!“ zugerufen, es auf die Ab» 
gründe aufmerffam gemacht, auf den unvermeidlichen 
Abjtu:z, der ihm bevoritand. Aber das kleine Wägel- 
hen fuhr fo rajch, es war ſchon jo weit, beinahe an 
dein Waldrande, der unbeweglich und finfter am 
Horizonte aufitieg. 

Seht Fam ihnen Schellengeläute entgegen und eine 
große Staubmwolfe, in der eine à la Daumont be= 
ſpannte Kaleſche mit Kutſchern in der blauen Livree 
der Alcantara fihtbar wurden. Im Wagen faßen 
die hübſchen Jüdinnen des Schloſſes Merogis in Gejell- 
ihaft des Prinzen von Olmüß, mit feinen Diamant: 
augen und dem unerweichlichen Lächeln eines jungen 
Rajah, der zujieht, wie die unterirdiichen Gefäng— 
nijje mit ſchönem, roſigem Weiberfleiſch angefüllt 





Alphonfe Daudet. 


Wieſe hatten jtehen Iafjen, den Landauer und boten 
aus Binfen und Schilf geflochtene Korbwaren zum 
Kauf an. Obgleid) der Hügel recht fteil war, hieb 
der Kutſcher aus berufsmäßigem Haß gegen Das 
Bettelvolf auf die Pferde ein, gerade in dem Augen- 
blid, ala Lydie die Hand nach cinem der Heinen 
Körbe auzftredte. Frau Fenigan, die die Bewegung 
ihrer Schwiegertochter gejehen hatte, ſchrie dem Kutſcher 
zu, er möge halten, aber vergebli: und einige 
Minuten lang hörte man die Heinen Mädchen Hinter 
dem Wagen her ſchnaufen und ihre nadten Füßchen 


auf dem Straßenftaub patjchen. Schließlich war Der 


Kutſcher auf einen erneuten Befehl feiner Herrin 


. hin doch gezwungen, anzuhalten. Lydie dankte ihrer 
- Schwiegermutter und fuchte nad) ihrer Geldbörfe, um 
Im ruhigen Trab, an den feine kräftige Be: 


den bejcheidenen Einkauf zu bezahlen, aber Yrau 
Fenigan hatte die ausgeftredten Händchen ſchon mit 
Silberjtüden gefüllt. 

„Das wundert Sie, Herr Delcrous?“ ſagte fie 
zu dem Richter. 

„In der That, guädige Yrau, Sie hatten noch 
vor furzem eine Antipathie gegen die Haufirer, Die 
ic) im übrigen teile... Ich erinnere mid, auf 
diejer jelben Straße nad) Corbeil einen Streit mit 
Ihrem Sohn gehabt zu haben... .“ 

„sa freilich ... life war an jenem Tage mit 
Dabei.” 

„Ganz richtig," fagte Delcrous freudeitrahlend 
bei der Erinnerung an da8 Heine Rotkäppchen. Und 
dann fehte er, indem er feine von einander abſtehen— 
den ſpitzen Wolfszähne zeigte, Hinzu: „Da Sie nun 
doc) einmal den Namen dieſes entzüdenden Weſens 
ausgeſprochen haben... .* 

Der Wagen rollte zwijchen dem Walde und mit 


Wein bewachſenen Abhängen dahin. Der balſamiſche 


Duft von blühenden Heckenroſen erfüllte den Weg. 


Der Richter fand Ort und Stunde für ſein Ge— 


werden. Als die Equipage wieder verſchwunden war, 


herrſchte in dem Landauer der Feénigans einige 
Minuten hindurch eine ängſtliche Stille. „Welch 
ein Glück, daß Richard nicht da iſt!“ dachten die 
Damen. Delcrous fragte fi, ob es nad) dieſer Be— 
gegnung flug wäre, den Schritt, um defjentwegen er 
gefommen war, zu wagen. Ein Zwiſchenfall brachte 
eine erwünichte Ableitung. An dem Hügel von Soijy 
näherten ſich zwei flachshaarige, Heine Mädchen, die 
ihren unbejpanaten Wagen auf einer benachbarten 


ſtändnis günftig. Er habe es jatt, allein zu leben — 
die Damen hätten ja gejehen, in welchem dunklen 
und melancholiſchen Winkel, und dabei fennten fie 
nur da3 Gorbeil der Markttage; man fünne ſich nicht 
voritellen, in welch erftarrtem Zujtande das Städtchen 
fich für gewöhnlich befinde, wo um acht Uhr abends 
alles gejchlojfen und erlojhen jei und, wenn man 
einen Wagen durch die Rue Notre- Dame fahren 
höre, e& in allen Stodwerfen heiße: „Der Herr 
Vräafident kommt vom Gericht zurüd ... Der 
Omnibus vom ‚Schönen Bild‘ fährt zur Bahn.” 
Es gebe weder einen Klub, noch einen Salon und, 
außer der Arbeit, nicht die geringſte Zeritreuung. 

Der einzige Vorteil fei noh, daß man knapp 
eine Stunde Eijenbahn von Paris entjernt fei und 
daher bequem mehrmal3 in der Woche einen Beſuch 
in den Bureaur der Place Bendöme abjtatten könne, 
um für fein Avancement zu ſorgen, das ihm eine 


Die kleine firde 


reiche Heirat erleichtern würde. Knrz und gut, er 
fi e3 müde, immer wieder in der Konditorei 
Couverchel anfagen zu hören: „Das Diner fir den 
Herrn Rider...” Und feit er die Couſine aus 
Lorient kennen gelernt habe, ſei ihm dieſes Hübjche, 
lachende Geſicht, über das all der Kummer hin— 
geglitten ſei, ohne ein Fältchen zurück zu laſſen, 
nicht mehr aus dem Sinn gekommen. Eliſe, bei der 
er eines Abends ernfthaft angefragt, habe ihre Ant- 
wort auf den folgenden Tag verfchoben und ſei am 
folgenden Zag abgereift. Nachdem er nun monate 
lang gewartet und gezögert habe, habe er ihr jekt 
eben einen ſehr ausführlihen, aufrichtigen Brief ge- 
Ihrieben und ihr feine Stellung und jeine Aua- 
ſichten klargelegt. Iebt bitte er nun Frau Yenigan, 
zu feiner Gunften Schritte zu thun. 

„Dazu bin ich durchaus bereit,” antwortete fie 
dm... „Das Leben in orbeil ijt zwar nicht 
jehr luſtig für eine junge Frau, aber die Coufine 
amiifirt ſich auch in Lorient keineswegs, und dann 
{nd wir ja da und werden Ihnen fchon helfen, fie zu 
zerſtreuen. Ich verſpreche Ihnen, ihr zu fchreiben ...“ 

„Und Sie werden mir erlauben, Ihrem Briefe 
en paar Zeilen hinzu zu fügen,“ fagte Lydie, „denn 
ih habe die reizende Elife fennen und lieben gelernt.“ 

„O, meine Damen, meine Damen, wie fol ich 
Ihnen danken?“ murmelte der Richter und errötete 
dabei zwiſchen feinen Dichten, Schwarzen, wie Rajen- 
pläße zugeſtutzten Bartfoteletten über und über. Und 
wahrend der ganzen Fahrt machte man einen Plan 
nach Dem andern über ſchöne Ausflüge, die man zur 
deier der Hochzeit nad Vieux⸗Garçon und nad) 
VAinte-Genevitve-des-Boiß machen, wie man ges 
meinſam fifchen und jagen wolle. 

Ihre Trauung muß in der Irenenkirche ſtatt⸗ 
Inden warf Lydie unbejonnen hin. Sie hielt 
etwas verlegen inne, aber Delcrous war nicht 
enipfindlich. 

Da Frau Eliſe geſchieden iſt,“ murmelte er 
ubig ‚ „Wird keine firchlihe Trauung ftattfinden 
önnen, und da3 bedaure ih. Es wäre reizend ge— 
weſen in diefer Meinen, ländlichen Kapelle.” Dann 

andte er ſich an Frau Fenigan und ſagte: „Apropos, 
ich Habe gehört, daß Ihr Freund, der Pfarrer von 
Draveil, foeben einen Nachfolger befommen hat...“ 

„O, mein Freund, das ijt er lange nicht mehr. 
IH Habe ihm jeine Gehäffigfeit gegen den Abbé Geres 
nicht vergeben können, einen würdigen Prieſter —“ 

Sie konnte nicht umhin, zu laden, als fie jah, 

welch verblüfftes Geficht Delcrous machte, gegen den 

Ve ſich über den Vikar der Heinen Kirche immer nur 

\ehr verächtlich geäußert hatte: „Was wollen Sie? 

Ale meine Anſchauungen haben fich verändert, ich 

bin nicht mehr diefelbe Frau... Wie das gelommen 

iſt? Das werde ich Ihnen vielleicht eines Tages 
Aus fremden Zungen. 1895, IT. 13, 


589 
erzählen. Es könnte Ihnen vielleicht einmal nüß- 
lich ſein.“ 

Man hatte fi) eben nad dem Frühftüd in den 
Salon begeben, Lydie jpielte ein Präludium von 
Chopin, deifen Laute in den Gurten hinaus Fangen 
und da3 Gezwiticher einer Grasmücke herporriefen, 
die auf der großen, den ganzen Eingang beichatten- 
den Paulownia ſaß. Da jchellte e8 am Gitterthor. 
Frau Fénigan jah von dem Tiihe aus die Säfte 
in den Hof eintreten und ftand raſch auf. 

„Lydie, mein Kind, ſchließe Dein Klavier. Da 
fommt der Abbe Ceres mit einem andern Geiftlichen, 
ohne Zweifel dem neuen Pfarrer, der ung jeinen 
Beſuch macht.“ 

„It das Herr Ceres, von den man fi) foldhe 
Wunderdinge erzählt?” fragte der Richter, indem er 
an da3 Fenſter berantrat, wohin ihm die beiden 
Frauen folgten, die ſich jedoch behutſam Hinter dem 
Vorhang hielten. 

Die Geiftlihen fchritten langſam daher und 
unterhielten fich mit einer Unbefangenheit, die ein 
wenig erzwungen erſchien; bejonder8 der Heine, 
jpedige Herr Pfarrer, dem feine rofigen Wangen, 
jein rafirteg Doppelfinn und jeine ſchwarze Belerine 
das Ausfehen einer jener heiteren, blühenden, dicken 
Witwen gab, wie man fie häufig trifft. Er blieb 
vor einem der zwei großen, zu beiden Seiten der 
Anfahrt befindlichen Rundbeete ftehen und ließ feinen 
Vikar ein Roſengebüſch bewundern. Diejer hatte 
jeit dem Durchſchreiten des Thores den Hut in der 
Hand behalten und laujchte, während er jeinen weißen 
Kopf und feinen fräftigen Oberförper etwas vor— 
neigte, in findlicher Ehrerbietung den Worten feines 
Oberen, der mindeſtens zwanzig Jahre jünger war 
al3 er. Und das war der revoltirende Priefter, der 
nicht zu bändigende Lucifer, deilen Stolz man durd) 
eine fünfmonatliche Verbannung in La Trappe brechen 
zu wollen vorgegeben hatte? 

„Himmel! Er Sieht nicht gerade wie ein Kröſus 
aus, der Vikar der Kleinen Kirche —“ | 

Diefe Bemerkung hatte Delcrous halblaut und 
faft unbewußt gemacht, fo jehr war ihm der Gegen- 
ja der beiden Soutanen ins Nuge gefallen, die im 
hellen Sonnenſchein den Hof durdhichritten. Die eine 
war ebenjo glänzend und von einem jo tiefen Schwarz, 
wie die andere fuchlig, abgenukt und fudenicheinig 
ausſah. Aber das Stirnrunzeln der Frau Fenigun 
und der Zon, in dein fie jagte: „Er ift ein Heiliger!” 
machten den billigen Scherzen des Richters ſchnell 
ein Ende; er bezwang fogar eine ſtarke Lachluſt, ala 
der Vikar, jobald die Thüre zum Salon geöffnet 
worden war und der Diener den Beſuch angemeldet 
hatte, vorjtürzte und alles umftieß und ummwarf, um 
zuerjt einzutreten. Im erſten Augenblid begriff nie= 
mand eimas von diefem ungejtümen Auftreten; und 


75 


390 


der grimmige Blick, den ihm fein firdlicher Vor- 
gejegter zuwarf, brachte den Abbé Ceres vollends 
aus der Fafjung, denn er war jo bejcheiden, To 
Ihüchtern und kannte die gefellichaftlichen Regeln jo 
wenig, daß er ſich einbildete, in der großen Welt 
mülje, wie in der Prozejlion, immer der niedriger 
Stehende vorangehen, der Chorfnabe vor dem Diakon, 
der Diakon vor dem Priefter und der Priefter vor 
dem Bilchof. Hier war es ihm unglücklicherweiſe troß 
aller Eile nicht geglüdt, der erfte zu fein. „Seht ijt der 
Herr Pfarrer böje,” dachte der arme Menſch, indem 
er feine Verbeugung machte. „Aber jebt, Achtung 
beim Weggehen, daß ich nicht wieder jo unhöflich bin.“ 

Diejer Gedanke gab feinen Haren Augen einen 
unftäten Ausdrud, jo daß fie fih in ſeinem ges 
bräunten Geſicht wie zwei blau Flecke ausnahmen, 
während er die eleganten Manieren jeined Pfarrers 
bewunderte, feine Art, fi) zu verbeugen, ſich zu ſetzen 
und Frau Fenigan zu ihrem herrlichen Rojengarten 
zu gratuliren, zu ihren Marechal Niels und Gloire 
de Dijond, und dann wieder mit Frau Richard Fé— 
nigan über Mufif zu sprechen und als gebildeter 
Dilettant Wagner und Schumann zu analyfiren. 
Auch ala Lydie, die infolge des Aufenthaltes in fo3- 
mopolitijchen Hotel3 eine eifrige Leſerin ausländiſcher 
Romane geworden war, im Geſpräch die Namen 
Tolſtoj, Ibjen, Meredith) und Doſtojewski hinwarf, 
bewies der neue Priefter, daß ihm diefe Schriftiteller, 
wenn fie ihm auch nicht jo verirant waren wie jein 
Brevier, doch durchaus nicht unbekannt waren. 

„Welch ein Mann!” fagten immer wieder die 
guten, naiven Augen des Abbe Ceres, die begeijtert 
auf das rolige Puppengeſicht feines Oberen gerichtet 
waren. Aber dieren rührte die ftumme Bewunderung 
offenbar wenig; er glaubte, fi) über fie luſtig machen 
zu können und fragte plößlid) den armen Vikar, was 
er von Doftojewäfi halte Die Wangen des alten 
Geijtlichen, die Jonft braun waren, wurden ziegelrot ; 
fein ganzes Geficht verriet eine ſolche Bejtürzung, 
daß Delcroug Mitleid mit ihm hatte. 

„Der Herr Abbe Ceres hat ohne Zweifel feine 
Zeit zum Leſen,“ jagte er in jeinem jehr beſtimmten 
Amtstone, „er hat zu viel Elend aufzujuchen und 
zu lindern,” 

Der beicheidene Prieſter, der fi) durd) dieſes 
Lob, das feinen Oberen herabzujeßen ſchien, förmlich 
gefoltert fühlte, rüdte auf feinem Seſſel hin und ber 
und murmelte in dem rauhen Dialekt feiner Berge, 
daß er feine größeren Verdienfte hätte, als irgend 
ein anderer, und daß auch ihm die Lektüre Zeit raube. 


Alphonſe Daudet. — Die Fleine firde. 


„Aber, jo gehen Sie doch, Ceres,“ jagte der 


‚Herr Pfarrer, der nicht nachließ, „Sie werden uns 


doch nicht glauben machen wollen, daß Sie Doſto— 
jewski gelejen haben,“ und er lachte jo heftig, daß 
fich feine Beſuchspelerine hob und fenkte, 

„Nun ja, ich habe ihn geleſen ... Herr Mörivet 
hat ihn mir geliehen... .. und ich bin jogar jehr böje 
auf ihn, dieſen Doſtojewski.“ 

„Sie find ihm böfe, und warum?” fragte der 
Prieſter, der, wie die anderen Anmwejenden, ganz ver- 
dußt war. Und in der That ſchien der ländliche 
Vikar durchaus nicht der Mann zu fein, den Ver- 
faller der „Brüder Karamaſoff“ zu verjtehen oder 
ihm gar irgend eine Theorie nachzutragen. 

„Ich bin ihm böje, weil er das ruſſiſche Mitleid 
in Mode gebracht hat.“ 

„Das rufjiiche Mitleid? Was verjiehen Sie dar: 
unter, nein lieber Abbe?“ 

„Ich verjtehe darunter jenes ungerechte Mitleid, 
da3 fi) nur auf Spibbuben und Dirnen erjtredt, 
das und ausjchließlid) dem Elend der Galeere und 
anderer böjer Orte gegenüber empfindfam madıt, 
al3 wenn da3 Unglüd nur im Verbrechen und in der 
Verworfenheit rührend wäre Das nenne id) das 
ruſſiſche Mitleid. Wir alle haben brave Arbeiter» 
jrauen gefannt, die fi in der Sorge für ihren Haus- 
halt und ihre Kinder krumm und lahm arbeiteten, 
die, ohne zu Hagen, Entbehrungen und Mikhand- 
lungen ertrugen ; und wenn Doftojewäti feinen Rodion 
fi einem gefallenem Mädchen, das in feinen Augen 
das Sinnbild des gelamten menjchlihen Elendes ijt, 
zu Füßen werjen läßt, jo finde ich, duß er das Elend 
entehrt und die Menfchheit verleumdet.“ 

Die Stimme des Prieſters ſtockte nicht mehr, 
ſondern ſchwoll in gewaltigem Wohlklang an. Sein 
Blick und ſeine Bewegungen wurden immer ſicherer 
und nahmen die breite Gewichtigkeit einer Predigt 
an; und Lydie, die nicht mehr von ihm gekannt 
hatte, als daß ſie von weitem ſeine abgetragene 
Soutane hatte glänzen ſehen, begriff jetzt die Be— 
geiſterung ihrer Schwiegermuiter und des alten 
Merivet. 

„Dieſes Mitleid, Herr Abbe, ſtammt, wie Sie 
wiljen müjjen, von ung,” jagte Jean Delcrous ... 
„Es ſtammt aus dem Jahre achtundvierzig und Sie 
finden e8 in den Romanen von Biltor Hugo, George 
Sand und Eugene Sue. Die Ruſſen haben es nur 
von uns entlehnt und dann für ihre fomplizirten 
Nerven verfeinert. Aber nichtsdeftoiweniger gehört 
Doftojewsfis ‚Sonja‘ zur Familie der Fantinen. * 


GFortſetzung folgt.) 


— — ne — — — 


Waſſili Torkin. 


Bon 


V. Boborykin. 


(Fortſetzung.) 


ZRöijerwatſch ſchritt zuerſt auf den Hausherrn zu, 
überreichte ihm den Brief, drückte ihm ziemlich ver— 
taulich Die Hand und fragte mit volltönender, 
vibrirender Stimme: 

„Sie leiden am Fuß? Invalide?“ 

Umd ohne Antwort zu erwarten drehte er fich 
auf Den Haden um und glitt auf Tjorkin zu. 

„Woſſili Imanytih!... Glückliche Antunft!... 
JG) bitte um Ihre Gunft und Liebe... Tarator 
Yierwatid. Paul Ilarionytſch Niſowjew ift ſoeben 

von Der Landungsſtelle eingetroffen. Ich lomme von 
Hm. Gr erwartet Sie zum Frühſtück.“ 

, - Sehr erfreut,” entgegnete Tjorkin troden, ihm 
bie Dand reihend. 

- Paul Ilarionytſch hat auch mid geladen... 
wenn ich nicht Täftig bin...“ 

Wieſo das?“ 

„Sie haben ſchon beliebt, ſich mit dem Waldbeſitz 
bekannt zu machen?“ 

„Sc bin geſtern dort geweſen.“ 

Wierwatich febte ſich neben ihn, zog fein Cigar— 
rettenetui hervor umd bat un feuer. 

Seine Manieren mißfielen Tjorkin ebenfalls. 

"in Süngling von heute,“ dachte er und ſah 
auf Smijärjem hin. 

Diefer Hatte den Brief Schon zum zweitenmal 
gelejen. Eine unwillfürlihe Nöte der unrafirten 
Wangen bewies feine Erregung. 

„Sie,“ wandte er fih an Pierwatich, „kommen 
direkt aus Sawodnoje? Heute?“ 

„Ih bin geftern ſpät angekommen . . . Iwan 
Sacharyiſch wollte gleich mit, iſt aber durch etwas 
jurüdgehalten worden.“ 

„Warum haben Sie mir nicht gleid) geftern 
dieſen Brief gebracht ?* 

„Es war zu ſpät, Peter Apollonowitſch. Ich 
wollte Sie nicht ſtören.“ 
„Keine Urſache.“ 





„Was gibt es denn?“ fragte Tjorkin, auf das 
Lager zuſchreitend. 

Swjärjew deutete ihm durch einen Blick an, daß 
er vor Pjerwatſch nicht ſprechen könne. 

„Solche Scheußlichkeit! ... Ich kann mich nicht 
bewegen.“ 

„Iſt etwas Beſonderes zu thun? Eine Depeſche 
zu ſchicken? Ich ſtehe zu Dienſten,“ miſchte ſich 
Pjerwatſch ein. 

„Inkommodiren Sie ſich nicht.“ 

„Ich will nicht läſtig fein... Ich Habe meine 
Miſſion erfüllt.” 

Zu Tjorkin gewandt, ergänzte Pjerwatſch: 

„Paul Ilarionytſch wird Sie um ein Uhr er— 
warten. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.“ 

Er drückte beiden die Hand und verließ das 
Zimmer unter leichtem Knarren ſeiner zierlichen 
Stiefelchen. 

„Waſſia!“ rief Swjärjew erregt und rückte auf 
ſeinem Sofa. „Iwan Sacharytſch Tſchernoſoſchni ... 
wünſcht mit Dir wegen des Verkaufs ſeines Waldes 
und ſeiner Beſitzung mit dem Park zu reden. Er 
ſteht mir nahe... und bedauert mich. Ich will 
vor Dir feine Winkeljüge maden... Wenn der 
Verkauf zu ftande kommt — und er braudt ihn 
nötig — iſt er bereit, mit mir zu teilen.” 

„Er bietet eine Kommijjionsgebühr? Eine Cour— 
tage?” | 

„IH bin fein Kaufmann. Courtage nehme id) 
nicht.“ 

„Nimmſt Du nicht?” dehnte Tjorkin und pruftete 
laut Heraus, wa3 ihn felten pafjirte, und felbft un— 
angenehm war. | 

„Unterjteh Dich nicht, mich zu verhöhnen, Waſſia!“ 
ſchrie Swjärjew plößlich auf, ganz in Tylamımen. „Ein 
Menſch, der jeine ganze Seele vor Dir ausgeſchüttet 
hat... Und Du kommſt jo!... Da hat dag Blut 
geſprochen! ... Nicht umſonſt bift Du —“ 


502 


Die Lippen Smjärjews geiferten. Das Schimpf— 
wort das man Tjorfin auf dem Gymnafium an den 
Kopf geworfen hatte — mochte ertönen. 

„Was bin ich nicht umſonſt?“ unterbrach Tjorkin 
ihn ftreng und trat hart an das Lager heran. „Höre, 
Piotla! In Deiner Lage taugt e8 nicht, ſich auf» 
zublähen und herrichaftliche Air zu geben. Ich bin 
— ein Tindelfind, der ungejegliche Sohn irgend eines 
Soldatenweibes oder einer raskolniſchen Dirne — 
womit Du mid) vielleicht erniedrigen wollteft? Mir 
wird Gott ficher verzeihen, auf welche Weije ich mit 
Recht und Unreht meinen Sedel gefüllt habe... 
Nun, Bruder, bin ich mit meinem Gewiſſen im reinen 
und werde es fortan bleiben. Du Haft mir joeben 
gebeichtet . . . Zu zwei Betrügereien halt Du Did 
befannt! Ich habe Dich nicht dazu aufgefordert, 
es war Dein freier Wille. Erlaube, daß ih Dir 
auch etwas geſtehe.“ 

„Iſt mir nicht nötig! Intereſſirt mich nicht!“ 

„Rein, höre!" Tiorkin ſetzte ſich auf die Sofa— 
kante. „Auch ich habe mir vor zwei Jahren Gelder 
verſchafft, die ich mir auch ganz, ohne Rückzahlung, 
hätte zueignen können, von denen ich wußte, daß ſie 
dem, der ſie mir zuwandte, nach Recht und Gewiſſen 
nicht zuſtanden, das iſt alles... Ich gab ein Do— 
fument dafür... wie e3 in eurem vorliegenden 
Tsalle geſchehen iſt. Die Sache, ſagſt Du, iſt Klar. 
Sie quälte mich aber ſo, daß ich — ohne ſonſtigen 
Zwang — mich ſelbſt darum anklagte, da ich mit 
meinem Gewiſſen nicht fertig werden fonnte... Ich 
habe mich gereinigt, ehe die Friſt zur Wiedergabe 
herum war. Nun Sieh, eben dieſes Darlehen hat 
mid auf die Beine gebracht und alles, was id) feit- 
her erworben habe, rührt von diejen Geldern her; 
dadurh bin ih in zwei Jahren, wenn auch fein 
Millionär, zu denen Du mid) rechneft, jo doch ein 
Mann der großen Gejchäfte geworden.” 

„Darum biſt Du auch froh, daß Du mich, einen 
geborenen Edelmann, unter Deinen Fuß treten 
kannſt?“ ziſchte Swjärjew. 

„Schwabe feinen Unſinn!“ erwiderte Tjorkin 
düſter. „Zu welchem Zweck ſollte ich Dich denn 
retten? Nur damit Du zum drittenmal eine Bes 
trügerei verübſt? Wenn ich auch gleich vierzigtaujend 
frei hätte, würde ich Dir dod) feine Kopeke geben — 
höre: nicht eine Kopeke! Ihr Habt alle ſchamlos 
geltohlen, und die Kameradſchaft auf Treu und 
Glauben hat zur Verheimlichung freundfcaftlicher 
Näubereien geführt! ... Ehre! Adel!... Anjtatt 
Did dem Staatsanwalt zu übergeben, hat man Dir 
herauögeholfen. Mit was für Geld? Mit dem der 
Bant!... Das wird den Bürgern abgenommen! 
Ha, ha!” 

Tjorkins Lachen erdröhnte. 
ſchritt durch das Zimmer. 


| 





P. Boborykin. 


„Was ihr aus euren Gütern macht? Durch eure 
Liederlichkeit geht das ganze Land zu Grunde, in 
fünf bis zehn Jahren wird die Wolga weder Waſſer 
noch deren Ufer Wald mehr haben.“ 

„Sagt gefälligft!" winſelte Swjärjew wieder. 
„Er, Waſſili Tjorkin ift — der Netter feines Vater- 
laudes!... Wage es nicht, das zu jagen!... Ic 
will e3 nicht hören! ... Ieder Knote, der eine herr— 
Ichaftliche Bejigung für einen Spottpreis in die Tafche 
ſteckt, rühmt fi) eines großen Siege. Du haft mid 
nicht erjchredt! Du fannjt über mid) Deine Angabe 
machen ... Sogleich! ... Auch ich hätte der heutigen 
Bürgerſchaſt adelige Gelinnung gewünſcht. Man mag 
mid richten... . Man mag ſeinen Bruder verurteilen! 
Sch ergebe mich nicht lebend! ... Lieber eine Kugel 
vor die Stimm...” 

„Wie ein Edelmann!... Dazu wird es ſchwer⸗ 
lich fommen. Ich kenne Dich. Tapferkeit ift Deine 
ſchwache Seite!“ 

Zjorfin hielt an. Er nahm feinen Hut und ftand 
mitten im Kabinet. 

„Ich bin Dein Gaſt augenblidlih, Peter Apol- 
lonowitſch! Und Dir, als wohlerzogenem Bertreter 
der höchſten Gejellichaftäflaffe, war e8 nicht genehm, 
Did) wie mit einem Gafte zu benehmen. Es war 
wohl angemefjen, Dich darüber zu belehren. Doc 
mich nit Dir zu befallen, fällt mir nit ein. Wenn 
Du mich aber auch nicht über Deine Operationen 
in fremden Koffern aufgeflärt hätteft, würde ich doch 
wohl nicht darüber geſchwiegen haben. Ein oder der 
andere Monat wird vergehen — und alle Leſekun— 
digen werden aus der Zeitung entnehmen, wie ihr 
bier alle zujammen wirtjchaftet. Und ich habe mich 
noch vor niemand mit meiner Ehrenhaftigleit ges 
brüftet. Doch, wenn Du mein leibliher Bruder 
wäreft, würde ic) gar nicht daran denken, Dich zu 
retten. Mir bitten Euer Hochmohlgeboren um Ver⸗ 
gebung . . . Zum Totſchießen werden Sie immer 
Gelegenheit haben. Im Gefängnis werdet ihr eine 
ganze Geſellſchaft ſein — das wird wenigſtens nicht 
langweilig werden!“ | 

Swjärjew ſchrie ihm etwas nad); doch er hörte 
nicht. 

Erſt auf der Straße kam Tjorkin zur Beſinnung 


und ſchalt ſich ſelbſt. 


XIV. 


Er ſchritt ſo ſchnell auf ſein Quartier los, daß 
er die Querſtraße verpaßte, die auf den Kirchplatz 
zuführte. Die Scene mit jenem Pjotka nahm er 
nicht leicht. Es lag etwas Unſchönes, Knabenhaftes, 
ja Rohes und Kleinliches in dem Streit mit dem 


Er ſtand auf und | Menichen, der fi) ihm doch, wohl oder übel, anver- 
| traut und ihm feine Sünden befannt hatte. 


Nun, 


Waſſili Tjortin. 593 
retten wollte er ihn, feinen ehemaligen Sameraden, | „E3 ift ein Wagen für Sie geſchickt worden, 
nicht, aber anders benehmen hätte er fich fünnen. : Waffili Iwanytſch,“ meldete er, den Hut ziehend. 


„ &entlemanlife?” fragte er ſich — und antwortete Ä „Bedede Dich,” herrſchte ihn Tjorkin an. 


ſogleich darauf: „Ih bin ja gar fein Gentleman, Die bedientenhafte Haltung des Zwerges widerte 
ſondern ein BürgerSmann, der gar nidht aus feiner | ihn an. Hatte er, der Emporföümmling, fi) aud) 
Sphäre hinaus will.“ Tjorkin verglich die beiden ' etwa in einen großen Herren verwandelt? 

Hälftern ihrer Unterredung, vor und nad) dem Er— | Auf der Freitreppe traf er mit dem Berwalter 


ſcheinen Pjerwatſchs. Bon den erften Worten an | von Niſowjew zujammen, einem jchmächtigen Jüng- 
hatten fie begonnen, ſich gegenfeitig zu fehrauben. | ling, der wie ein Mittelding von einem Diakon im 
Piotfa Hatte fich gleich al3 der größte „Qumpenhund“ , Staatögewand und einem Zimmerfellner eines jchlech« 





ewiefer , der ihm im Laufe der lebten zehn Jahre 
vorgeflommen war. Märe ihm der Beſuch de3 
„Miflionenmannes“ nicht erfreulich geweſen, ſo hätte 
er ihm nicht feine Equipage jchiden, ihn überhaupt 
gar nicht empfangen brauchen. Und wie war er ihm 
entgegengetreten? In dem Ausruf: „Sagen Sie 
mal an!“ Hang die ganze Ueberhebung des großen 
Harn. „Nun jagen Sie ’mal an, Waſſia Tjorfin, 
ein Bauernfindling, und madt in Millionen! 
Man muß ihn doch fühlen laſſen, wer er ift und 
wod man felber!” Und der lag nad zehn Minuten, 
um Rettung winjelnd, ihm zu Füßen, indem er einen 
doppelten Betrug eingejtand!... Wo lag da der 
Sinn? Mo ein Körnden Ehrgefühl?... Hätte ſich 
Piotfa nicht als folder Lumpenkerl gezeigt, wäre 
vielleicht alles ander3 gekommen! | 
Das heißt, in wiefern anders?” jagte er ſich 
wieder, fonnte indes nicht fo Teicht darüber ins reine 
lommen. Hätte er überhaupt vierzigtauſend frei in 
der Brieftaſche gehabt, ob er ſie dann etwa Swjärjew 
gegeben Hätte? 

Nein!“ entſchied er, im Gefühl, daß es ſich um 
was anderes, als um perſönliche Erbitterung handle. 
I ihm kochte der Jahre aufgeſammelte Zorn über 
ie Liederlichkeit aller dieſer Herren auf, über ihre 
Mererpte Sinnlichkeit, ihre Verblendung vor dem 
Grunde des Uebels — und alles dies nur, um ge- 
ſſohlene Gelder in weiß der Teufel was für Dingen 
HM Derthun. Seinem von ihnen hätte er geholfen. 

it eher wäre er einem ausgemachten Spibbuben 
Deigefprungen, wenn dieſer nur zu irgend einem 
Ruten für fein Land befähigt gewejen wäre. 
Mitleiden fpürt er nicht und will er nicht jpüren. 
Hier haben alle geftohlen und durchgebradyt — und 
Man muß ſie nach Möglichkeit malträtiren. Da geht 
& nun zum Frühſtück mit diefem Nijomjew. Was 
mag dag für einer fein? Ebenſolcher Lump wie 
Pjotka, nur noch widerwärtiger; ein alter, verfom- 
mener ſlaviſcher Lüftling, der auf den Boulevards 
den Tepten fittlichen Halt eingebüßt hat, ein Vater⸗ 

Vandsverräter ſchlimmſter Sorte, da er jeine herrlichen 

Erbgüter an franzöſiſche Kokotten verſchwendet. Und 

jo einer ſoll einem leid thun? 

An der Thür zu feinem Quartier ſaß Tſchurilin auf 
der Schwelle und ſprang auf, als er Tjorkin bemerfte. 





ten Gaſthofs ausſah. 

„Und was für Volk er ſich hält!“ dachte Tjorkin; 
„auf die Liederlichkeit gehen Millionen drauf, der 
Gehalt iſt — ſchäbig!“ | 

„Paul Ilarionytſch Hatten Ihnen gleich den 
Phaẽëton geſchickt,“ meldete auch der Verwalter, in- 
dem er ſich bäueriſch mit gebeugtem Kopfe verbeugte. 
Auch feine Ausſprache war wolgiſch. 

„Ich werde zum Frühftüd erwartet?” fragte 
Tjorkin. 

„Der Tiſch iſt gedeckt. Bitte.“ 

Aus dem Vorzimmer tönte von rechts her, wo 
Niſowjew wohnte, des Tarator3 Stimme, weshalb 
er nicht gleich dorthin ging, jondern erft in jein 
Zimmer jah. Dort jaß Chrjaſchtſchew friedlich am 
offenen Fenfter mit einem Bud. Im Sälden war 
ein Tiſch mit allerhand Gerät zurecht gemacht. 

Chrjaſchtſchew ſtand auf, und fie jprachen halblaut 
zuſammen. 

„Ich hatte eine Unterredung mit dem Taxator, 
doch jeinen Herrn babe ich noch nicht geſehen.“ 

„Und was für einen Eindrud hat Pjerwatſch 
Ihnen gemacht?“ 

„Es ift eine gewandte und ſchöne Perfönlichkeit, 
Waſſili Iwanytſch.“ 

„Sie werden mit uns frühſtücken?“ 

„Vielleicht; wird es dem Herrn Niſowjew nicht 
unangenehm ſein?“ 

„Weshalb das? Bei ihm iſt der Tarator, bei 
mir dafür der Forſtmann — und Philoſoph,“ fügte 
Zjorfin Hinzu und klopfte Chrjajchtiche auf die 
Schulter. 

„Ich hätte mich ihm wohl in Ihrer Abweſenheit 


vorgeſtellt, Waſſili Iwanytſch, dachte aber — ob das 


nicht Verwogenheit wäre?“ 
„Sie find viel zu beſcheiden, Anton Pantjel— 
jäitſch!“ ſagte Zjorfin lauter, während er ſich die 


Friſur vor einem Reifejpiegel zurecht machte. „Wie 


jngten Sie... Verwogenheit?“ 

„Sanz reiht. Ein altertümliches Wort. Unjere 
Borfahren ſprachen und ſchrieben es im vorigen Jahr« 
hundert.” 

„Ich meine indejjen, daß von eben diefer Ver— 
wogenheit nicht mehr ala damals Gebrauch gemadt 
wird.” 


994 


„Die Sache bleibt dieſelbe, Waflili Iwanytſch.“ 

Die kurze, fette Lache Chrjaſchtſchews brachte auch 
Zjorfin zum Lächeln. 

„Anton Pantijeljäitſch, kommen Sie frühftüden.” 

„Ich werde Sie Herrn Niſowjew vorftellen.” 

„Sehr gut ... Ein großer Herr auß Paris 
kommt nicht zum Vorſchein. Ich bin in Reiſekleidung.“ 

Tjorkin öffnete felbft die Saalthür und ſah den 
Tarator auf dem Tlur. 

„I wollte zu Ihnen, Waffili Jmanytidh... das 
Frühſtück ift bereit.” 

„Meinethalben gibt es Leinen Aufenthalt. Kann 
man zu Paul Ilarionytſch?“ 

„Er kommt zu Ihnen... Ich werde es ihm 
gleich Jagen.“ 

Pjerwatſch verſchwand, und nad) einigen Dlinuten 
erichien Niſowjew. 

Er Hatte einen jungen Yant in Modetracht mit 
Monocle erwartet, dagegen trat ihm ein ältlicher, 
gebüdter Herr mit grauem Kopf und gefärbten, 
furzem Schnurrbart bei rafirten Wangen entgegen, 
der ohne jedes Stußertum in blauen Nod und gleiche 
Hofen gekleidet war. Er hatte nichts Ausländijches, 
Franzöſiſches an ſich. 

„Sehr erfreut,“ redete er ihn mit leichtem 
Schnarren an und reichte Tjorkin die Hand. 

Die Höflichkeit ſeines Tones atmete eine beſondere 
herrſchaftliche Kälte. 

„Dank für die Gaſtfreundſchaft,“ ſagte Tjorkin, 
fühlend, daß er es hier mit einem Herrn von an— 
derem Kaliber, als Pjotka Swjärjew zu thun habe. 
„Wenn wir nun nicht eins werden, Paul Ilarionytſch?“ 

„Dann bleibt mir das Vergnügen Ihrer Be— 
kanntſchaft.“ 

„Sie reiſen mit Ihrem Koch?“ 

„Nein, mein Verwalter ordnet an. Ich bitte um 
die Gunſt, Nikolai Nikanorytſch,“ wandte er ſich zu 
dem Tarator, „laſſen Sie anrichten!“ 

Mährend Pjerwatih über den Flur ging, vers 
neigte ſich Zjorfin vor Niſowjew und fagte: 

„Ich habe einen Forſtmann mit... Erlauben 
Sie, daß er mit frühſtückt?“ 

„hun Sie mir den Gefallen... . Nikolai Nika- 
norytſch hat es mir gejagt. Sie find hier zu Haufe.“ 

Niſowjew entwafinete ihn durch feine Wohl« 
erzogenheit und Tehrte nicht im geringften einen un« 
angenehmen Adelshochmut heraus. Er gli aud) 
mehr einem Lehrer oder verabjchiedeten Burenuoffizier. 

„Da3 fol ein Weiberfreund fein?" dachte Tjorfin 
und konnte an ihm nichts von Parifer Licderlichkeit, 
welche zu ihrer Unterhaltung Yunderttaufende er= 
forderte, entdecken. 

„Anton Bantjeljäitich !” rief er Chrjaſchtſchew an. 

Dieler trat heran, verlegen an feinen Rockſchößen 
zupfend. 


P. Boborykin. 


„Ich habe die Ehre, mich vorzuſtellen,“ äußerte 
er, ohne aus Beſcheidenheit die Hand auszuſtrecken. 
„Anton Pantijeljäitſch Chrjaſchtſchew.“ 

„Sehr erfreut,” wiederholte Niſowjew, indem er 
ih freundlich verneigte und ihm die Hand reichte. 
„Sie haben, wie ich gehört, mein Beliktum an- 
geſehen?“ 

„Ja wohl.“ 

„Hoffentlich haben Sie alles in Ordnung ge— 
funden?“ 

„In beſter Ordnung. Waſſili Iwanytſch wird 
Ihnen ſelbſt berichten.“ 

Pjerwatſch verkündete, daß ſogleich ſervirt werden 
würde. 

Wodka und Imbiß ſtanden auf demſelben Tiſche. 
Niſowjew trank ſelbſt keinen Wodka, bewirtete ſeine 
Gäſte aber mit der ausgeſuchteſten Artigkeit. Ihm 
gegenüber nahm der Taxator einen bei weiten be= 
Iheideneren Ton an, was Zjorfin gleich bemerkte; 
auch Tjorkin jelbft, wenn er fi auch nicht gerade 
gedrüdt fühlte, fand doch nicht glei in fi das 
Selbſtbewußtſein, das er jonjt vor allem Volt — jei 
es cin Millionen-Dauß oder ein Dampfer-Lotje — 
zur Schau trug. Anton Pantjeljäitich blieb fich treu; 
er jprad) und hielt ji) jo, mit gleihem Lächeln der 
Augen und Lippen, zwiſchen denen die kindlichen, 
Heinen, gelblihen Zähne durchblidten. Der Vers 
walter und der Kutjcher warteten auf. 

Beim erjten Gange knüpfte fih noch feine ges 
Ihäftliche Unterredung an, und Tjorkin Iernte fogleich 
in dem Warijer Herrn Waldbeſitzer einen welt 
gewwandten Dann fennen, der wohl wußte, wie ein 
ruſſiſches Geſchäft einzuleiten war. 


XV. 


Nah dem Frühftüd blieben Pjerwatih und 
Chrjaſchtſchev im Saale. Das Geichäftsgeipräd 
der Prinzipale wurde in Tjorkins Zimmer zu Ende 
geführt. 

Auf den Preis, den Niſowjew ſeiner Beſitzung 
beimaß — noch in ſeinem Briefe von Paris aus — 
wollte er nicht eingehen. In Waſilſursk hatte er 
jerbft fein Teil Bauholz gut verfaujt und auch für 
ſpäteres Schiffsholz günftige Abſchlüſſe gemacht. 
Tjorkin bedauerte, den Handel in die Länge gezogen 
und nicht vielmehr ſchon vor drei Wochen zum Aus« 
trage gebracht zu Haben, ehe Niſowjew die dieß- 
jährigen Marktpreije für Holz erfahren hatte. 

„In Ihnen, verehrteſter Waſſili Iwanytjch,” 
ſagte Niſowjew ſtill lächelnd, inmitten einer ſüß Dufs 
tenden Cigarrettenwolke, „iſt es mir angenehm ge— 
weſen, einen Vertreter der jungen Generation von 
Geſchäftsleuten europäiſchen Schlages kennen zu 
lernen. Sie traten mit der Perſon für die Waren 


Waſſili Tjorkfin. 


ein. Ich kann meine Befigung nicht für einen Spott« 
preis hingeben. Wenn ich feinen Käufer nad) Art 
Ihrer Geſellſchaft finde, dann ſchlage ich ihn auf 
Abhau um zwanzig Prozent höher los.“ 

„Auf Abbau?” drang e3 aus Tjorkin heraus; 
„das ift ja eben der Jammer, daß die Herren Wald- 
beiter, Die dem Adelſtande angehören, mit joldher 
Kaltblütigfeit an ihre Güter denken.“ 

‚Sit das nicht Waſſer auf meine Mühle?“ 

Niſowiew blinzelte mit jeinen kurzſichtigen, klugen 
Augen. 

„VBerzeihen Sie meine Offenherzigkeit! Sie wün— 
ſchen, wenn ich nicht irre, Jich Ihres ganzen Mald- 
beſißzes zu entäußern und da3 Kapital über die 
Örenze zu bringen?“ 

„Wohl möglich ... Wäre das cin Verbrechen ?“ 

‚In gewiſſem Sinne, ja.“ 

„Oi, oi! Wie jtreng! Sie find, wie die Mos— 
taner Witz bolde jagen, ein Patriot Ihres Vaterlandes?“ 


„Und ob id das bin, Paul Ilarionytih! Id . 


habe Jochen geäußert, daß es ein Jammer wäre, 
das anzufehen, doch als Direktor der Gejellichaft 
muß ich mich darüber freuen. Zum Glüd ift den 
Geſchäftsſsleuten in den Sinn gelommen, dem Vater 
lande den Segen der wolgifchen Wälder zu erhalten.“ 
„Eo iſt's, euch — Gefchäftsleuten, wie Sie ſich 
zu Nennen belieben — muß die Unfähigkeit der ruf» 
jigen Grundbeſitzer zur Bewirtſchaftung ihrer Güter 
zu Paß tommen... Es gab eine Zeit, in der ich 
auch Davon träumte, dem Vaterlande zu dienen.“ 
"Aber jebt bringft Du Millionen mit Franzöfin« 
nen Durch,“ fügte Tjorfin in Gedanken hinzu und 
Ang arı zu bejorgen, daß ihn fein Zorn überwältigen 
möchte, 
Niſowjew machte ein Zeichen mit der Hand, die 
die Cigarrette hielt. 
Ich geftehe,“ fuhr er zögernd und mit irrem 
üheln fort, „nur die Geſchäfte veranlafjen mid, 
zut Wolga und überhaupt nah Rußland zurüdzu- 
lehren.“ 
»So ſehr iſt alſo unſer Rußland heruntergekom⸗ 
men?“ fragte Tjorkin mit herausfordernder Kopf⸗ 
ewegung. 
„Wer noch daran glaubt, der mag darnach han—⸗ 
deln. Nun, Waſſili Iwanytſch, in Ihrem Geſicht 
\ehe ich beifpielaweile etwaß Neues. Leute, wie 
Sie, ftehen ſolche Vaterlandäverräter, wie uns 
arme Sünder, überall aus.“ 
Ein verhaltenes Lachen bejchloß dieſe Phrafe. 
:iorkin hielt diefe Worte für offenbare Ironie, 
„But,“ dachte er, „Du rechneft Dich zu den In- 
validen, aber die Ausſchweifungen mit den Franzö— 
Yinnen gehen rubig fort.” 
„Jedem das Seine, Paul Ilarionytſch,“ ſagte er 
ewas weniger förmlich, indem er Niſowjew auf 


595 


eigene Art anjah und dabei dadte: „Wir wiljen, 
was Du für ein befiederter Vogel bift.“ 

„Dem Bruder Bürgergmann — die fchiwere 
Arbeit; und Herren — die abgeihöpfte Sahne... .“ 

„Die Sahne, die Sahne!... Das ijt nicht groß⸗ 
mütig, Waſſili Iwanytſch! In Bezug auf die Sahne“ 
— Dabei blinzelte er Zjorfin zu — „da ſeid ihr ja 
gerade zu beneiden.“ 

Der Zon diefer Worte Hang ſcherzhaſt. Er verzog 
wie jhmabend die Lippen und lächelte mit den Augen. 

„Was mag er nur Haben?“ fragte Tiorkin, 
„worauf will e8 hinaus?“ 

Er hatte feine Luft, das Gejpräd in diefen Ton 
fortzuführen. Im ganzen Winter hatten Frauen 
für ihn nicht eriftirt.. Nicht daß er fie geflohen 
hätte, nur hatten fie ganz ihre frühere Anziehungs— 
fraft für ihn verloren, die Genüfje finnlicher Art 
hatte er nie beſonders geliebt. Noch viel weniger 
war er „heimlichen Ausjchweifungen” ergeben, worauf 
Niſowjew rechnete. 

„Woher, wie?” entgegnete er troßden in ſcherz⸗ 
Daftem Ton. „Wir — in Balt gehüllte Einfalt3- 
pinjel.“ 

„Wirklich?“ 

Niſowjew neigte ſich zu ihm und fiel in leiſerem 
Ton ein: 

„Sie find mit entzückenden Frauenzimmern zu- 
ſammengetroffen ... Und eine von ihnen intereffirt 
ih Schon Tange ganz ſchrecklich für Sie.“ 

„Doch nicht etwa in Paris? ... Ich bin nie 
dort geweſen.“ 

„Nicht in Paris, fondern an der Wolga... Ehe 
ih das Vergnügen Ihrer Belanntichaft hatte, wußte 
ic) bereits, daß Sie — ein gefährlicher Menſch ind.” 

Niſowjew drohte mit dem Zeigefinger. 

Dieſe Ablenkung des Geſprächs hielt Tjorkin für 
eine „inte“, um ihn von weiterem Drud des Preiſes 
abzubringen. 

„Sch veritehe nicht,“ äußerte er achjelzudend. 

Sein Geficht zeigte dabei: „Ich habe weder Zeit 
noch Luft, vom Hundertjten ins Tauſendſte zu 
fonımen.“ 

„In Waſilſursk entzüdte ung mit einem ber 
Holzgewerbetreibenden — ein bezaubernde Weib,“ 
Niſowjew ſchmunzelte; „wenn ich nicht irre, eine gute 
Belannte von Ihnen.” 

„Ber Sollte da3 fein?“ 

In der Trage Tjorkins Mang die deutliche Un— 
luft, dieſe Art von Geſpräch fortzufegen. 

„Serafima Jefimowna ... Ruditih!... Sie 
fennen fie gewiß?“ 

„Sch kenne fie,” antwortete Tjorfin troden, ohne 
die Miene zu verziehen. 

Das hatte er keineswegs erwartet, Dennoch ver= 
wirrte ihn Serafimad Name nit. E3 war ihm 


996 


nur unangenehm, daß ihr geichäftliches Geſpräch 
durh etwas „gar nicht Hinzugehöriges“ Unter— 
bredung fand. 

„Sie kam mit einem ganz kurioſen Herrn, Namens 
Schujew, dem Neffen eines Millionärd, einem Mit» 
gliede der Sefte" — Niſowjew made eine bezeich- 
nende Geberde — „der die Fortpflanzung des 
Menſchengeſchlechtes ein Greuel iſt ... Und der bat 
ih, trotz dieſes Umftandes, finnlos in Frau Ruditid) 
verliebt und erträgt geduldig alle ihre Launen. Wahr— 
Icheinlih ftehen in Serails die Auffeher im gleichen 
Verhältnis zu den GSultaninnen. Diejer Aufjcher 
Ipielt aber die Rolle eines Cicisbeo. Er trägt rofa 
Halstücher und parfümirt jih. Diejen Herren fann 
man ja das Alter ſchwer vom Geſicht abſehen ... 
doch ſcheint dieſer ein noch junger Menſch zu ſein.“ 

„Und ſie plagt ſich mit ihm ab?“ fragte Tjorkin 
mit verächtlichem Lächeln. 

„Darin bin ich nicht eingedrungen, Waſſili 
Iwanytſch. Ich weiß nur, daß dieſes entzückende 
Weib — mit aufregender Büſte und Feueraugen, 
wie ich ſie nicht einmal in Andaluſien getroffen habe, 
auf dieſer Reiſe mit dem Holzbefliſſenen niemand 
geſucht hat, als Sie! ...“ 

„Mich?“ 

„Ohne allen Zweifel. Ich hatte wohl recht, zu 
ſagen, daß Sie die Sahne abſchöpfen. Ha, ha!? 
Und das hindert Sie nicht, unſere Erbgüter in Ihre 
Hand zu bringen... Das zweite iſt weniger be— 
neidenswert als das erſtere. Meinen Sie nicht?“ 

Der Weiberfreund ſtellte ſich immer mehr vor 
Tjortin bloß und ſeine ſchnarrende Stimme ärgerte ihn. 

„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ſagen ſoll, 
Paul Ilarionytſch ... Doch für das Leben, das jene 
Perſon jetzt führt, und wer ſich bei ihr aufhält, bin 
ich nicht verantwortlich.” 

„Wer jagt denn das, wertefter Wafjili Imanytich, 
wer jagt denn das! Ich bitte Sie, mir zu glauben, 
daß ich mir nicht die geringfte Erwähnung erlaubt 


hätte, wenn mid nicht Serafima Jefimowna felbft | 


gewiſſermaßen dazu bevollmächtigt hätte.“ 

Er jhien nah Worten zu fuchen. 

„Bevollmächtigt?“ fragte Tjorkin dagegen. 

„sit Ihnen das etwa unangenehm zu hören?” 

„Mir?... In keiner Weile!” 

Zjorfin hätte gern Nifowjew an den Augen ab» 
gefehen, ob er etwas von ihrer Vergangenheit wüßte. 

„So viel ich verftehen konnte, hielt ſich Serafima 
Jefimowna nur, um Sie zu finden, in Waſilſursk auf.” 

„Barum mich ?* 

„Sie hatte wahricheinlich erfahren, daß Sie an 
der Spite einer Waldhandelägejellichaft ſtehen, und 
ſchloß daraus, daß Sie ſich auch in der Gejellichaft 
von ung ‚Waldtenfeln‘ einfinden würden...” 

„Was dann?” 


. mein Alter feine Slufionen. 


DB. Boborykin. 


Tiorkin begann Unbehagen zu empfinden , was 
ihn ärgerte. Was bezweckte diefer Weiberheld nur 
mit feinen Fragen? 

„Wenn es Ihnen unangenehm iſt,“ fuhr Niſow— 
jew noch fanfter fort, „höre ih auf...“ 

„Mir iſt e3 gleichgiltig!* 

„Kann das fein? Ah, wie ſtreng, Wailili 
Iwanytſch! ... Gleichgiltig — von folder Dame, 
wie Frau Nuditih!... Eine zweite ihresgleichen 
gibt es nicht in allen ruffischen Landen... Sch war 
ganz bezaubert... Sie erlauben aljo auszureden ?“ 

„sch bitte um die Gunft.“ 

„Serafina Jefimomwna hat mid mit ihrem Ver: 
trauen beehrt, als fie hörte, daß ich in wenigen 
Tagen mit Ihnen perjönlich Gejchäfte haben würde. 
Von mir weiß fie, wo Sie find. Ich geitehe, ich 
hätte nicht die geringfte Veranlafjung genommen, ihr 
das alles mitzuteilen — wenn id nur ein wenig 
jinger wäre. Ih mache mir aber in Bezug auf 
Mie könnte ich mit 
einem ſolchen Herrn, wie Sie, rivalijiren!” 

Dabei ſenkte Niſowjew jcherzhaft den Kopf; aber 
durch jeinen Ddiäfret=heiteren Ton drang doch eine 
ganz ernftlihe Neigung zu dem Weibe mit den 
„Feueraugen“. Tjorkin merkte da3 und fagte ich: 
„Nun, zur Geſundheit! Mag fie ihn veredeln, nad) 
der franzöfiichen Buhlerin !“ 

Die Wanduhr im Saal jchlug drei Uhr. 

Er jah nad feiner Uhr, wie um zu marfiren, 
dab es an der Zeit jei, zu den Geſchäften zurückzu— 
fehren. 

XVI. 

„Drei Uhr?” fragte Niſowiew. „Sie werden 
mir diefe Abjchweifung von unſerem Geſchäftsgeſpräch 
nicht übel nehmen, Waſſili Iwanytſch? Iſt es Ihnen 
wirllich gleichgiltig, wie ſich ſolch ein entzückendes 
Weib zu Ihnen verhält?“ 

„In dieſem Moment... recht gleichgiltig ... .” 

Niſowjew zwinferte ganz verwirrt mit den Augen, 

„Es ift doch nidyt etwa... depit amoureux... 
Sie veritehen?“ 

„Entihuldigen Sie, 
Franzoſe . . .” 

„Zorn eines Verliebten. Zeitweiſer Abſcheu, 
unter dem mitunter die Leidenſchaft auf einen Aus— 
bruch Tauert.“ 

„Ad, Du alter Affe!” zürnte Tjorkin in Gedanken. 

„Nichts dergleichen... Allerdings habe ih Frau 
Nuditich gekannt.“ 

„Ziemlich nahe?“ forſchte Niſowjew flüfternd. 

„Wenn fie Ihnen jelbit eröffnet hat... .” 

„Nein, nein! Jch weiß nichts Thatſächliches von 
Ihren früheren Beziehungen. Serafima Jefimowna 
hat mich nur verftchen laſſen. Ich war ganz gerührt 
von dieſem Vertrauen.“ 


ich bin ein ſchwacher 


MWaffili Tjorkin. | 597 


Niſowjew hielt etwas an und ftredte die Hand aus. 
„Waſſili Iwanytſch!... Bergeffen Sie auf einen 
Augenblick, daß wir Handelsgeſchäfte mit einander 
haben... Lafien Sie und auch den Unterfchied der 
JAhre bedenken. Man Tann id au in meinem 
ter eine jugendliche Seele bewahrt haben... Sie 
jehen, id} verftehe in allem eine Grenze zu ſetzen ... 
Außer Ihrem Verſtand und Geſchäftsfinn, Waffıli 
Iwanytſch, chäße ich Sie auch bejonders wegen der 
Reigung, die jolch ein Weib, wie Serafima Jefimowna, 
für Sie hegt.“ 

Tiorfin zudte kaum merklich mit den Achſeln. 

„Sie find recht verichlojfen und ſogar finfter, wie 
ih fehe. Uebrigens Iennen Sie mid) gar nit... 

Außerdem bin ih für Sie ein Verkäufer und Sie 
der Vertreter einer Gefellichaft, die von mir fo billig 
wie möglich kaufen will. Die Umftände find nit 
beſonders günftig für eine intimere Unterredung... 
Ih bin älter als Sie; mir fteht aljo zu, dreifter 
zu fein.“ 

„Worin Tiegt denn die Treiftigfeit, Paul Ila— 
rionytſch? 

„Worin? ... Sie werden über mich laden... 
Wahrſcheinlich thun Sie das im Innern jebt ſchon 
... und nennen mid einen alten Satyr. Einen 
Empfindungsmenjhen? Nun denn!... Für mid 
war Serafima Jefimowna — wie ſoll id) jagen... 
Entihuldigen Sie den franzöfifhen Ausdruck ... 
une r&velation.... Eine Offenbarung... Ein un« 
erwarteter Fund... Ich war einfach bezaubert, als 
ih fol ein Weien fab... und mo — in Waſilſursk 
beim Zufammenlauf von Holzhändlern und folchen 
Topen, wie ihr Begleiter, Herr Schujew, jener Cici» 
beo, Sie willen, von welcher See... Mein Er- 
ſtannen wuchs, Waſſili Iwanhtſch, als ich erfuhr, 
daß ſie aus einer altgläubigen Familie unten von 
der Wolga fei. Und auf einmal dieſer Reiz! ... 
Ich ſpreche nicht allein von der Schönheit. Die Toi⸗ 
lette, das Benehmen und dabei etwas Eigenartige® 
... wie man heut zu fagen liebt... Gediegenes 
Metal — und was für eins!” 

Niſowjew drüdte die Augen zu, Ttühte den Kopf 
auf die Arme und ſpitzte die Lippen. 

Indem Tjorkin das Gebahren dieſes alten Weiber- 
Inecht3 ſah und hörte, empfand er Ekel über dies 

heimliche Opfer männlicher Eitelfeit... Der reiche 
Herr, der fein halbes Vermögen auf Frauenzimmer 
in einer Stadt wie Paris anf alle Weile vergeudet 
bat — ein Kenner und Schäfer — und fpricht von 
Serafima wie von einer Perle... Sie hatte fi) 
jeiner in zwei bis drei Tagen bemädtigt. Er — 
Zjorfin — hätte ih an feiner Stelle nicht zu der 
Role eines Vertrauten herbeigelajien, befonder3 
während ihm Geſchäfte über Hunderttaufende oblagen. 

. „Sie haben wohl Yängere Unterredungen mit 

Uns fremden Zungen. 1895. II. 13. 


Frau Ruditich gepflogen ?* fragte er Niſowjew ſanfter 
und ihn dabei anjehend. 

„Wir find auf einmal Treunde geworden... 
von dem Moment an, als fie erfuhr, dab ich hierher 
reilte und Sie mid hier erwarteten. Eie ſehen, 
Waſſili Iwanytſch, meine Mijfion war fir mid) 
ziemlich ſchwer. Ha...ha!... Sie verſtehen ... 
Es gibt derartige Begegnungen ... Die Franzoſen 
nennen ſie Blitzſchlag. Beſonders in Zeiten der Leere 
.. . nach Herzenskummer. Solche Leiden kann uns 
nur ein Weib bereiten. Ich kam in ſehr, ſehr ge⸗ 
drüdter Stimmung, faſt in Schwermut, an...“ 

„Und Frau Ruditſch hat fie etwas aufgerichtet?“ 

„Spreden Sie nit fo! Sie find undanfbar! 
Undankbar! In ihr herricht ſeit ange ſolche Neigung 
zu Ihnen. Ein anderer würde fid) über Ihre Hal» 
tung gegen Serafima Jefimowna freuen, mir thut 
e3 aber leid um fie. Sie hat mich nicht in die in- 
timen Einzelheiten ihres Romans mit Ihnen ein- 
geweiht. Doch mit welcher Kühnheit und welchem 
Edelmut hat fie ſich ſelbſt befchuldigt! Und übrigens 
nur, um Sie auf ein Piedeftal zu erheben, Sie 
graufamer Menjch!” 

„Bellen bat fie fih beichuldigt ?* 

Diefe Frage entglitt Tjorfins Zunge wider Willen; 
er mußte fich geradezu zum Geſpräch über Serafima 
zwingen. 

„Ach, mein Gott! Gewiß keines todeswürdigen 
Verbrechens wegen. Sie meinte, Sie könnten ſie 
angeben, wenn Sie wollten. Das hat ſie aber nie 
befürchtet. Sie hat große Achtung vor dem Anſtand 
Ihrer Ratur. Sie bedarf Ihrer ... Verzeihung. 
Und, wie es ſcheint, nicht in der Beziehung, in der 
die Weiber am häufigſten etwas auf dem Gewiſſen 
haben. Nicht wahr? Um Untreue oder Erkalten 
handelt es ſich nicht! Warum nicht darnach fragen? 
Sie haben weder Untreue noch Erkalten erfahren?“ 

„Das iſt wahr,“ ſagte ſich Tjorkin. „Wann 
hätte fie mich je hintergangen?“ 

„Oder hindert Sie vielleicht unangebradhte Be⸗ 
icheidenheit an der Offenherzigfeit? Ich kann nicht 
in Ihr Herz dringen, Waſſili Iwanytſch, aber wenn 
auch feine glühende Leidenſchaft darin ift, jo dod) 
ſchwerlich Gleichgiltigkeit... Ih will merkwürdig 
offen fein. Gleichgiltigfeit würde mid) wie himm— 
liſches Manna erfreuen.” 

„Warum ſollte ich darüber vor Ihnen Winkel⸗ 
züge machen, Paul Ilarionytſch?“ äußerte Tjorkin 
in einem etwas entgegenkommenden Ton; „ich möchte 
nur, daß ſich dieſe Perſon ſelbſt beruhigen wollte. 
Ich wünſche ihr gar nichts Böjes... Ich habe das 
Vergangene längft vergeſſen ... und auch vergeben, 
wenn ihr un meiner Verzeihung etwas gelegen ift. 

Mir find alzumal Menſchen. Ih bin aud fein 
Heiliger... .” 
16 


598 


„Wenn fi) Serafima Jefimowna jedoch perjön- 
lic) mit Ihnen ausſprechen wollte?” 

„Das ift ganz überflüjlig,“ warf Tjorkin ein 
und runzelte die Brauen. 

„Sie fürdten für fich ?“ 

Niſowjew fragte, ihn mit zweideutigem Lächeln 
anjchielend. 

„Kür mih?... Ich glaube nicht, daß die Gefahr 
für mich übermäßig groß wäre... Sie willen, Paul 
Ilarionytſch, daß ſich mit alter Hefe neuer Teig 
ſchlecht kneten läßt.” 

„Welch unmöglicher Vergleich!“ 

„Laſſen Sie gut ſein. Wir ſind — geringes 
Volk. Warum ſich Serafima Jefimowna“ — er 
nannte ſie zum erſtenmal ſo — „nur in die unan— 
genehme Lage gebracht hat, mich ohne Not zu reizen?“ 

„Und Sie erlauben mir, ihr dieſe Antwort zu 
bringen?“ 

„Haben Sie die Güte, da ſie einmal darnach 
gefragt hat.“ 

„Waſſili Iwanytſch! Ich danke Ihnen für dieſe 
aufrichtige Antwort.“ 

Die Augen Niſowjews glühten. 

„Um ſo beſſer für Sie!“ hielt Tjorkin nicht zurück. 

"Die Freude Niſowjews war indeſſen jo groß, 
daß er auf diefen dreijten Ausruf gar nicht achtete, 
Sondern hoch aufatmend wiederholte: 

„Ich danke Ihnen.“ 

„Aber jener Ciciöbeo... wie Sie ihn nennen... 
Pleibt der etwa bei ihr? Iſt der nit für Sie 
ſchimpflich?“ 

Aus dieſen Fragen Tjorkins Hang mehr Ver—⸗ 
wunderung als Spott. 

„Das iſt jo... der Kurioſität halber... Aus 
Langeweile! ... Ich verjtehe Sie, Waſſili Iwanytſch 
... Erbarmungdloje Graujamfeit bringt ein Weib 
zum Trotz.“ 

„Und Sie wollen jie beruhigen ?” 

„Da3 will ich, das will ih! Und Sie haben mid 
auferwedt!“ 

Beide flanden fich wie Leute gegenüber, die irgend 
eine wichtige Sache mit einander ausgemacht hatten. 

„Zur Gefundheit!” rief Tjorfin. „ber ent= 
\huldigen Sie, Paul Ilarionytſch, wir find ganz 
von unjerem Hauptgegenftand abgekommen.“ 

„Welhen? Dem Preis für meine Belitung ? 
Rohnt es denn, darauf zurüdzufommen? Sie wünſchen 
eine Ermäßigung? Natürlich.“ 

„Mas ift das?“ jagte ſich Tjorkin, und die Röte 
Ipielte auf feinen Wangen, „Du bemwilligft eine Er— 
mäßigung, weil ich Dir meine alte Liebſte abgetreten 
habe. Mein, das ift Spaß, mein Herr!“ 

Er trat zurüd und äußerte laut in veränderten, 
iharfen Tone, jo daß man es auch im Saale ver— 
jtehen fonnte: 


P. Boborykin. 


„Nein, wozu, Paul Ilarionytſch? Die Preiſe 
ſtehen, wie ſie ſtehen ... Mir geht das Geſchäft — 
allem vor... Wollen Sie nicht gütigſt mit mir 
nach dem entlegenſten Teil Ihrer Beſitzung fahren, 
geſtern ſind wir zu deſſen Beſichtigung nicht gekommen. 
Falls wir dort alles in Ordnung finden — bin ich 
mit Ihrem Preiſe einverſtanden.“ 

Und mit den Augen Niſowjew faſt durchbohrend, 
fügte er hinzu: 

„Ich bin nicht ſo geartet, um mir die Courtage 
mit dem weiblichen Geſchlecht bezahlen zu laſſen.“ 

Unmittelbar darauf ſchritt er zur Thür, öffnete 
ſie und rief: 

„Anton Pantjeljäitſch! Wollen Sie nah Pojit: 
pferden jchiden und ſich zurecht machen, um und zu 
dem Bejittum zu begleiten.” 

Niſowjew ſchwieg bejtürzt. 


XVII. 


Sanja lauſchte unter ihrer geliebten Eiche auf 

das in immer weiterer Ferne verhallende Stimmen— 
gewirr, die Dämmerung war geſchwunden. 
WVom Fluſſe her ſtiegen Nebel auf. Von dort 
drang der Duft von überſchwemmten Wieſen durch 
die Luft. Sie atmete ganz leicht, und ihr Kopf war 
ihr benommen, doch nicht wie nach den Sitzungen 
bei Tante Martha. 

Heute war alles drunter und drüber gegangen. 
Zum Eſſen waren die Käufer erſchienen. Am Abend 
vorher hatten große Unterredungen zwiſchen dem 
Vater und Tante Paula ſtattgefunden. An dieſen 
hatte ſich auch Nikolai Nikanorytſch beteiligt. Die 
ganze Woche über waren fie nicht zu zweien allein 
gewejen; er hatte ſich jogar nicht einmal auf der 
Beligung gezeigt. Dagegen hatte er heute beim 
Eſſen ganz ungenirt ihren Fuß angeftoßen, dabei aber 
den Vater angejehen und ruhig die Unterhaltung mit 
den Käufern fortgejeßt. Zum erjtenmal war es 
Sanja Ichrediih zum Schämen gewejen; nur gut, 
daß e& niemand bemerkt hatte. Genirlich und zu— 
gleich erniedrigend. In feinem Verfahren mit ihr 
lag etwas durchaus Unverſchämtes ... das heißt, er 
betrachtet fie ganz wie feine Sache ... Ganz gleich, 
fie fann doch nicht von ihm laſſen ... Wollte er fie 
küſſen — nun, dann wird gefüßt. Er bringt fie zu 
allem, was er nur will. 

Aber liebt er fie denn? Vielleicht betrügt er fie 
nur bei ihrer Dummheit? Er weiß, daß er ſchön 
ift und gefällt. 

Schön — ja! Sehr Ihön! Doch warum ift ihr 
nur der fremde Kaufmann, Waſſili Iwanyftſch Tjorkin 
— ſo fragte fie ſich gedankenvoll — wenn aud nicht 
Ihöner, jo doch interejlanter vorgefommen? Es 
macht nicht8 aus, daß Tante Paula Sacharowna 





Waſſili Tjorkin. 


von ihm als von einem „Emporkömmling“ von 
bäuerifcher Abfunft, dem man aber „um den Bart 
gehen“ mülle, geſprochen hatte... SaB doch die 


Tante fill dabei und erwies ihm alle erdenkliche 
vernachläſſigten Anlage, wo Büſche weißer Gänje- 


Aufmerkſamkeit; ihm murden die Speijen zuerſt ge= 
reiht, und der Vater nötigte ihn fortwährend zum 
Trinken, kurz, alle behandelten ihn wie einen wirk— 
fihen Herrn, nur noch ehrerbietiger al3 den Adels— 
marſchall. 

Er benimmt ſich ſo angenehm, und in ſeinen 


Augen hat er etwas jo Beſonderes. Auf ſie war er 


nah dem Eſſen zugelommen und Hatte fie gleich 


„Aerandra Iwanowna“ genannt, al® ob er jahre 


fang ihren Namen gewußt hätte. 
weile war jehr einfach, gar nicht vornehm... Das hatte 
ihr aber erſt recht gefallen. 

Und fol ein „Reichmeier”. 


Sie dachte an Tante Marthas Worte... Er, 
wühlt in Millionen! Und fo ſpricht auch Nikolai 


Nikanorytſch von ihm. Auf diefen ſieht Waſſili 
IWwanyhtſch nicht beſonders zärtlich. Doc die Tante 
zerfließt vor ihm. 

Daraus folgt — er ift mehr wert ala alle. 
Raum? Weil er Geld Hat? Er Tauft ja aber 
gar nicht für ſich die Wälder, jondern für eine Ge« 
ſellſchaft. Solche Gefchäfte vertraut man ihm an. 
Er muß alfo ehrenhaft und flug fein. 


Seine Ausdruds- 





Tante Martha hatte ihr gejagt, daB der Vater | 


in „äußerjter Not” den Wald verlaufen müſſe und 
daß er am Ende auch die Befikung aufgeben werde, 

Wer kauft denn? Alles er, alles dieſer „Empor= 
kömmling“, wie ihn Tante Paula nennt. Was wird 
er mit dem großen Haufe anfangen, wenn er ſich 
hier niederläßt? Wird er heiraten? Am Ende ijt 
er verheiratet? Es ſcheint — nein — ſie ſchließt 
das aus Aeußerungen von Nikolai Nilanorytid). 

Es folgt daraus, daß fie bier nicht länger als 


Fräulein leben kann. Wird auf einmal nicht3 mehr | 


von den beiden Gütern übrig bleiben? Darum hat 
ih wohl auch Nikolai Nikanorytſch ihr gegenüber fo 
benommen. Ihr unter dem Tiſch den Fuß zu drüden, 
das ift wohl fo eine Eigentümlichkeit von ihm, wo⸗ 
bei er nad) einer andern Seite gudt... Mitgift- 
Iofigfeit fann er nicht brauden. Er kann aud) eine 
Klügere als fie in fich verliebt maden. 


Und wieder fommt ihr die Frage: „Liebt er fie, 


oder fpielt er nur mit ihr, um irgend etwas zu er= 
reichen ?* 

Sie ſchämte fi) mehr al bei Tiſch, und als je 
nah den Gaftereien auf Tante Marthas Zimmer. 
Heute Hatte fie feinen Tropfen Liqueur getrunfen. 
Sie Hatte fih ja auf ihrem Heinen Raujch ertappen 
laſſen; die Wärterin Thedosjäjewna hatte e8 ſchon 
borgeitern gemerkt und fie durch die Vorhaltung er- 
ſchredt, daß aus ihr eine „Säuferin“ werden könne, 





Ä 





) 


599 


die der Vater wegjagen würde. Sie hatte die Wär 
terin angejchrieen und dabei fogar — zum erftenmal 
— mit den Füßen geltampft. War das aber recht? 

Sanja verließ den Baum und begab ich zu der 


blümchen ſtanden. 

Sie bekam Luſt, Blüten zu pflücken. Es waren 
volle Gänſeblümchen, die aus Töpfen eingepflanzt 
waren; zwei Reihen weißer Blumenblätter umrahmte 
das gelbe Blumenköpfchen. 

„Er liebt mich, liebt mich nicht!“ begann Sanja 
zu zählen, indem fie mit Heinen Schritten die An— 
lage ab und zu ſchritt. 

„Liebt mich nicht!“ 

Sie fühlte fih immer beſchämter und gefränfter! 
Sie büdte fi zu einem Strauch, an dem noch 
mehrere Blütchen faßen. 

„Dielleiht muß es immer auf „Liebtmihnicht” 
ausgehen. Sie zählte die Blütenblätthen durch. An 
einer Blüte ſaßen vierzehn, an einer andern ad)t= 


zehn, an einer dritten — zwölf; alles gerade Zahlen. 


„Was bin ih —“ 

Das läßt ſich vorausjagen, wenn alle Blüten 
zahlen gerade jind!... Eine ungerade Zahl ift jo 
jelten wie eine Doppelte Nuß oder eine fünfteilige 
Vliederblüte. Da muß man nur mit Liebtmichnicht 
anfangen, und befommt unfehlbar Liebtmich heraus. 

Niemals hatte fie ſich jo Hein und hilflos-dumm 
gefühlt. Zwei Thränen glänzten in ihren Wimpern. 
Die Wangen waren blaß. Sie war in dieſem Augen- 


‚ blid wirklich hübſch. Die helle, faltige Seidenblufe 


mit dem Ledergürtel ftand ihr vortrefflih. Die Füß- 
hen lugten mit ihren bebänderten Atlaspantöffelchen 
unter dem blauen Rod hervor. Die kurzen Spiken- 
ärmel ließen die drallen Unterarme bloß. 

Sie pflüdte noch eine Blume, zerrupfte fie aber 
nicht, jondern betrachtete ihre Hand. Diefe fam ihr 
lächerlich, faft verfrüppelt vor. ber der Gaſt, das 
war ihr nicht entgangen — hatte zweimal nach ihren 
Händen, in denen fie Meſſer und Gabel hielt, hin» 
geſchielt. 

Die Stimmen näherten ſich. Sanja begab ſich 


an die Stelle, wo die Hochfläche des Parkes zu ſinken 


begann und jchaute von dort, unter den Bäumen 
ftehend, hinab. 

Ale vier wurden einzeln im Gehölz ſichtbar, als fie, 
nicht auf den Pfaden, fondern gerade den Abhang 
hinauf zwijchen den Eichen-auf ihren Plaß zufchritten. 

Zjorlin ging voran, auf einen Stod mit Elfen- 
beingriff geftüßt. Sein Gefiht lag im Schatten 
feine3 niedrigen ſchwarzen Hutes. Sie fonnte ihn 
frei und unbemerft betrachten. 

Was hatte er für große Augen! Und durdaus 
nicht ſolche wie Nikolai Nikanorytſch. Und der pracht— 
volle Bart... Etwa3 rötlich, das ſchadet aber nichts! 


600 


... An Wuchs ift er ein wenig fleiner als der Vater. 
Und die breiten Schultern — eine berrlihe Geftalt! 
Neben ihm erſcheint Nikolai Nikanorytſch dürftig. 
Und der fteht ja volljtändig in feinen Dienſten ... 

Der Vater geht ein wenig jeitwärt3 und zeigt 
ihn etwas. Sein Gefiht bewahrt — wie immer — 
jeine Würde, aber dem Gaſie gegenüber zeigt er ſich 
dienſtbefliſſen. 

Er zeigt ſich dienſtbefliſſen, das konnte ſie ſich 
nicht verhehlen. 

Sollte das allein das Geld machen? Er ſteigt 
mit großen Schritten, die Bruſt heraus und frei 
redend, den ſteilen Abhang hinauf. Seine jugend— 
liche Stimme dringt zu ihr. Er ſieht ſo aus, als 
ob er heut oder morgen der Herr dieſes ganzen 
Landes ſein würde... Jetzt wird ihr Far, daß es 
gar nicht anders kommen kann. 

Dahinter folgt etwas ſchwankend der Verwalter, 
der Feldmeſſer, den Waſſili Iwanytſch — jo nennt 
ſie ihn für ſich — mitgebradht hat, mit jeinem runden, 
komiſchen Geſicht. Er hat bei Tiſch nichts gejagt, 
nur mit feinen heiteren Mauſeäugelchen herumgeblidt. 

Wenn er Feldmeſſer iſt, wie allerdings Nikolai 
Nikanorytſch auch, jo ift es erjterer nur in der Art 
eines Aufjehers und Gehilfen, während leßteren fo= 
gar Zante Paula — „Itudirten Tarator” nennt, 

„Iſt dag nicht ganz gleich? . . .“ Sanja beant- 
wortete ſich dieſe Frage nicht, ſondern blickte auf Tjorkin 
herab, der, ſeinen Hut ſchwenkend, von unten rief: 

„Hier iſt es ſchön! Hier laßt uns Hütten bauen!“ 

Und mit großen Sprüngen eilte er an ihre Seite. 


XVLIII. 


In der Laube duftete die Kaprifolienblüte; die 
Ranken wanden ſich um das birkene Gebälk, und 
violette Blumenblätter und Knoſpen belebten das 
zarte Grün. So früh wie in dieſem Jahr war es 
noch nie zur Blüte gekommen. 

Sie blieben zu zweien. Iwan Sachaͤrytſch ging 
fort, um Chrjaſchtſchew die Pläne zu zeigen und nahm 
Pjerwatſch mit. 

Tjorkin ſaß, den Hut in der Hand, Sanja gegen— 
über, jchaute auf ihr rofigsbleiches Antlig, auf die 
ländlich geflochtenen Zöpfe und die wunderbaren 
Händchen. Er hatte jelbjt um die Erlaubnis gebeten, 
fich zu ihr jeßen zu dürfen. Sanja hatte ihn ver- 
legen zur Laube geführt. 

„Hier riecht es jo ſchön!“ jagte fie ganz findlich, 

Er empfand dabei ſelbſt eine angenehme Uns 
gervandtheit und — überdies — Mitleid mit diejem 
mädchenhaften Edelfräulein. z 

Nach der Befihtigung des Parkes Hutte er das 
Gefühl, als ob er im Hafen ſei und in den Belit 
einer erblihen Herrſchaft eingeführt würde. 

Das Haus war verfallen, im oberen Stochverf 


PB. Boborykin. 


jtodte der Parfetboden in mehreren Zimmern, Möbel 
fehlten, Wände flafiten; jelbjt im Erdgeſchoß atmete 
— abgefehen vom Kubinet de3. Hausherrn — alles 
übrige herrſchaftlichen Schmutz und Dürftigkeit; der 
Park indeſſen erjüllte ia wit einem, altgewohnten 
Gefühl, das in ihm am Abend feiner Ankunft auf 
dem Glodenturm von Sawodnoje erneut und leb- 
after als je erwacht war. | 

Und jet, vor diejem lieblichen, friſchen Mädchen, 
der gejeßlichen Erbin dieſes dem DVerlufte gemeihten 
Gutes, jtieg fein Verlangen, fich felbit in deſſen Beſitz 
zu jeßen, um feinen andern Aufkäufer zuzulaſſen. 
Dabei war ihm vor ihr jein Gewiljen wie beflommen... 

Seine Augen ergößten ſich mit ftillem Lächeln an 
ihrem Kopf und ihrer Geſtalt, und ex hätte gern 
durch möglihft zarte Aniprade ihr Vertrauen er 
worben. Ihre Tanten, ihr Vater, diefer gezierte und 
einfältige Taxator gefielen ihm ganz und gar nicht, 
und fie fam ihm in diejer Gejellichaft wie ein Turtel— 
täubchen im Neſt von Krähen oder Fledermäufen vor. 

„Ihr Park ift wunderſchön . . .“ 

„Ja,“ jagte Sanja, Atem holend, wie fie ſchon im 
Snititut bei irgend einer Verlegenheit gethan hatte. 

Es wurde ihr aber bald behaglich hei ihm, und 
indem ſie ihm ihren Kopf zumandte, fragte fie ihn: 

„Sie wollen ung das alles ablaufen, Waſſili 
Iwanytſch?“ 

„Waſſili Iwanytſch,“ Hang es ihm mit ſüß er— 
bebender Stimme. Ihre Lippen öffneten ſich in gar 
zu lieblicher Weiſe. 

„Das wird Ihnen ſchmerzlich ſein?“ 

„Das verſleht ſich, ſchmerzlich.“ 

„Ich weiß nicht, Papachen will doch alles ſchlank— 
weg verkaufen.“ 

„Ja?“ fragte ſie traurig zurück. 

Ihm ſchien es, als ob au den Wimpern Thränen 
hingen. 

„Warum habe ich ihr das ſo herausgeſagt?“ warf 
er ſich vor. „Die Aermſte!“ 

„Sie wollen es doch für ſich haben?“ fragte ſie 
heiterer. 

„Das heißt, ſo gut wie für mich.“ 

„Sie werden hier wohnen ... Sind Sie ver— 
heiratet?“ 

„Nein.“ 

Sie wandte ſich ihm ganz zu und ließ die Hände 
mit einer ganz eigentümlichen Bewegung in den Schoß 
ſinken. 

„Jedermann hätte Sie doch für verheiratet ge— 
halten. Ich aber —“ 

Sie ſchämte ſich auszureden. 

„Was bin ich doch für ein Dummkopf! Iſt es 
möglich?" dachte fie, indem fie ihr Erröten fühlte, 

„Sie aber?” 

„Ach nein, nichts! . . .” 


Waſſili Tjorkin. 


Beide Händchen ſtreckten ſich ihm entgegen. 

„Waſſili Iwanytſch! Wahrhaftig, das habe ich 
nicht ſagen wollen.“ 

„Sie haben ja noch gar nichts geſagt. Wenn ich 
Ihnen noch nicht verheiratet ausſehe, ſo heißt das doch, 
daß ich noch nicht ſo ſehr gealtert bin... um jo beſſer.“ 

Er ſuchte fie durch feinen Scherz baldmöglichſt 
zu tröften. 

„Sehen Sie,“ wandte er fih an fie. „ich faufe 
die Wälder im Namen einer Gejelichaft.” 


„Was ift das für eine Gejellihaft? Ic verſtehe 


ja niht8 davon.” 

„Eine Geſellſchaft für Forftweien. 
Hauptdireftor.“ 

„Dan jagt au), daß Sie Hauptmillionär wären.” 

Ihr helles, herzliches Lachen ſchallte durch die laue 
Abendluft und drang in Tjorkins Bruft. 

Er reichte ihr die Hand. 

„Sie find ein gutes Fräulein! 
Herz auf der Zunge.” 

‚Nicht immer,” geitand jie ſich jelber, „wenn er 
wüßte!“ 

„Sie find aljo nicht Millionär?” 

„So, jo... Ich ftehe großen Gejchäften vor, 
dos ift richtig; die Kapitalien gehören aber nicht 
mir.“ 

„Es mag wohl ſein, daß die Geſellſchaft unſer 
Haus und unſern Park braucht und mehr als andere 
dafür bezahlt?” 

Sanja fügte hetrübt hinzu: 

„Dann nerfauft Papa natürlich.“ 

„Sol ih Ihnen die ganze Wahrheit jagen, 
Aerandra. Iwanowna? Mir liegen Ihr Park und 
jeine age jehr am Herzen. Ich kenne fie ſchon lange. 
Jh bin ſchon als Bauernjunge mit meinem Vater 
im Dorfe Samwodnoje geweſen.“ 

Sie fperrte weit die Augen auf. 

„zante Paula hat alfo doch recht gehabt: er ift 
aus dem Bauernjtand.“ 

Tjiorkin bemerkte ihren Blid. 

„Ich will nicht hinter Dem Berge halten, Yräulein. 
Jedenfall3 ift vor Ihnen von mir Die Rede gemejen. 

Ihr Tantchen da — die Krüppelarmige — nun, die 
hat fich gewiß über den Bourgenis aufgehalten?” 

„Bourgeois? ... Was iſt dag?“ 

„Haben Sie das Wort nod) nicht gehört?“ 

„Nein, jo etwas verftehe ich nicht. Ich leſe wenig 
Bücher. Es heißt wohl jo etwas wie — Nichtedelmann.” 

„Allerdings... Aus dem Mitteljtande, Nur wird 
ihm Heutzutage eine bejondere Bedeutung beigelegt.“ 

„Belondere Bedeutung! Wie ſchön Sie das ge» 
ſagt haben. Wie im Aufjag!“ 

„Heutzutage gibt es zwei Mächte ...“ 

„Eine kenne ich,“ unterbrach Sanja. 


Ich bin ihr 


Sie tragen Ihr 


601 


| „Welche?“ 


„Das Geld! So fonımen Sie hierher und wollen 


Ä alles faufen. Und alle müflen vor Ihnen ſpringen.“ 


„Während die Kapitalien nicht einmal mir ge: 
hören! ... Es gibt nod) eine andere Macht.” 
„Welche denn?” 





„Berftand, Talent!” 

„Ah ja!“ 
| Sie konnte fi) einen ſchnellen Blick auf ihn nicht 
| verjagen. 

„Da3 iſt wahr,” äußerte fie halblaut. „Sie find 
Hug!“ 

„Ich ſage da3 nicht, um mich vor Ihnen auf: 
zujpielen. Es ift jo, aufs Wort. Mit Ihnen bin 
ih nun einmal beim Ausjprehen. Sie glaubten 
gewiß dabei, daß es fih um ein Schidfal handelt?” 

„Wiefo dag?" 

„Nun jo, wie die Fräuleins immer denken. Das 
Mädchen wädjt heran, es wird zur Jungfrau, und 
dann vermelft e entweder .....“ 

„Wie meine Tanten!“ 

„oder. e3 trifft den Zufünjtigen. Mitunter dauert 
es bis zu dem Treffen etlihe Jahre. Und das, was 
im Herzen vorgeht, erſcheint unabwendbar, wie vom 
Schickſal ausdrücklich beſtimmt.“ 

„Von wem ſprechen Sie denn, Waſſili Iwanytſch?“ 

„Bon mir ſelbſt. Nur nicht von meiner Zukünf⸗ 
tigen. Wer fie ift, weiß ich noch nit. Das fann 
ih aber jchon dazu jagen. Als Banernfnabe bin ich 
hier auf den Glodenturm gejtiegen und babe von 
dort Ihren Park und Ihr Haug überjchaut.. Es iſt 
mir damals wie ein Palaſt erichienen. So erwuchs 
in mir das Berlangen, ein joldhes Gut zu bejiken. 
Und neidiſch wurde ich bis zur Krankheit; ja jeht, 
die Herren haben ſolche Beligtümer und find ſich 
deren Wertes nicht bewußt. Damals durfte ich mir 
nicht träumen lafjen, je zu einer ſolchen Beſitzung zu 
gelangen. Aber das Schickſal bat mich auch jeinen 
Weg geführt. Ich ftehe jet Teibhaftig ald Direktor 
einer Waldgejelichaft hier. Allerdings gehört mir 
nicht das Geld, aber der Wunſch, die Belikung von 
Iwan Sacharhytſch an mich zu bringen, ift erfüllbar.!“ 

„Beller, Sie faufen es, Sie!“ 

Sanja flatjehte mit den Händen. 

„Wir ziehen auf das Gut über. Daun werden 
Sie unjer Nachbar. Das ift herrlich!” 

„Wenn auch die Geſellſchaft die Beſitzung kauft, 
ſo ließe ſich doch im Sommer bier wohnen. So 
führt das Echickjul feinen eigenen Weg, Fräulein!“ 

Tjorkin war über fein Gelpräh mit ihr Findlich 
erfreut. Er bedachte feine Sekunde, ob ſolche Offen— 
herzigfeit mit einem einfältigen Yräulein angebracht 
lei, die alled dem Vater und den Tanten ausſchwatzen 
mochte. (Fortſetzung folgt.) 


Tehß. 


Von 


Thomas Hardy. 


(Fortſetzung.) 


Die alten Leute auf dem fteigenden Strohſchober 
erzählten von vergangenen Tagen, ald man noch ge= 
wohnt war, mit Flegeln auf der Scheunendiele von 
Eichenholz zu dreichen, als alles, ſelbſt das Getreide- 
worfeln, durch Handarbeit befhafft wurde, welches 
ihrer Meinung nah, wenn aud mit Zeitverlujft, 
befiere Rejultate ergab als die Mafchinenarbeit. 
Auch jene auf dem Kornſchober erzählten fi) etwas, 
diejenigen aber, welche auf der Maſchine ſchwitzten, 
Teß eingeihloffen, fonnten durch den Austaujch vieler 
Worte ihre Pflichten ſich nicht erleichtern. Da3 Un- 
unterbrochene der Arbeit vor allem war es, daS fie 
ermüdete und ihr den Wunſch eingab, fie möchte 
Flintcomb⸗Aſh nie gejehen Haben. Die Frauen auf 
dem Kornichober — Marian, eine von ihnen, im 
beſondern — konnten eine Pauje machen, um dann 
und wann Ale oder Falten Thee aus der Flaſche zu 
trinfen oder ein wenig zu klatſchen, während ſie ihr 
Gefiht trodneten und die Strohteilden von ihren 
Kleidern zu entfernen ſuchten; für Teß aber gub e8 
fein Aufatmen, denn da die Trommel niemals 
ftoppte, jo konnte der Mann, der fie fütterte, auch 
nicht inne halten, und fie, die dem Manne mit den 
gelöjten Garben zur Hand ging, konnte ebenjo wenig 
Halt maden, bis Marian den Pla mit ihr wechlelte, 
was bieje troß Grobys Bemerkung, daß fie für den 
Fütterer zu ungefchidt fei, zuweilen für eine halbe 
Stunde that. 

Aus irgend einer wahrſcheinlich ökonomiſchen 
Urſache wurde gewöhnlich eine rau für Dieje be- 
fondere Aufgabe gewählt, und Groby gab bei feiner 
Begründung, weshalb er Teß wähle, zu, daß fie eine 
derjenigen fei, die beim Aufmachen der Garben Kraft mit 
Schnelligkeit und Ausdauer vereinigten. Das Summen 
des Dreſchers, das das Reden unmöglich machte, 
ftieg bi8 zum Raſen, wenn die Zufuhr des Getreides 
etwas weniger als die gewöhnliche Quantität betrug. 


Da Teß und der Mann, der fütterte, niemals ihren 
Kopf wenden fonnten, fo bemerkte jene nicht, daß 
kurz vor der Mittagajtunde eine Perſon ſchweigend 
dur) das Thor auf das Feld fam und, neben einem 
zweiten Schober ftehend, die Scene und Teß insbe— 
jondere aufmerkſam überwachte. Er war in einen 
Zudanzug von modernem Sit gekleidet und ſchlug 
mit einem Spasierftod einen Wirbel. 

„Wer ift der Mann?” jegte Izz Huett zu Marian. 
Sie hatte zuerft die Trage an Teß gerichtet, dieje 
die Frage aber nicht verftanden. 

„Irgend ein Hanswurſt, vermute ich!” erwiderte 
Marian lakoniſch. „Ich wette eine Guinee, er ijt 
hinter Teß ber.“ 

„D nein! Das war ein verrüdter Geijtlicher, der 
fürzlih binter ihr herumfchnüffelte — kein Dandy 
wie diejer bier.” 

„But — dies ift aber derjelbe Mann!“ 

„Derfelbe wie der Prediger? — Er fieht aber 
ja ganz ander3 aus.“ 

„Er bat feinen ſchwarzen Rod und jein weißes 
Halstuh zu Hauje gelaffen und feinen Badenbart 
abrafirt; aber troßdem ift und bleibt er derſelbe 
Mann.“ 

„Slaubft Du es wirklich? Dann will ich es ihr. 
jagen,“ erwiderte Marian. 

„Ihue es lieber nit. Sie wird ihn früh genug 
zu Geſicht befommen.” 

„Nun gut, ich glaube nicht, daß e3 gerade für ihn 
ſpricht, wenn er feine Predigten dazu verwendet, 
einer verheirateten Frau den Hof zu machen, obgleid) 
ihr Mann abwejend und fie gewiljermaßen eine 
Witwe iſt.“ 

„O — der fann ihr nichts zu leide thun!“ er. 
widerte Izz troden. „Ihr Herz fann nicht leichter 
bon dem Plage bewegt werden, an welchem es jetzt 
feit liegt, al3 ein Wagen aus dem Loche, in welchem 


Teß. 


er voll beladen zum Stehen gekommen iſt. Gott 
ſegne Dich, weder Hofmacherei und Predigten noch 
alle Donnerwetter können eine Frau von irgend 
etwas abbringen, wenn es beſſer für ſie wäre, ſie 
ließe ſich davon abbringen.“ 

Mittag kam und der Lärm hörte auf. Teß ver- 
ließ ihren Poſten mit wanfenden Anieen und von 
dem Schütteln der Maſchine jo fchwindelig, daß fie 
faum wußte, wo jie war. 

„Du bätteft eine Quart Stärkendes zu Dir 
nehmen follen, wie ich e3 geihan hatte,” jugte Ma— 
tion, „dann würdet Du nicht jo weiß ausſehen. 
Bott ſchütze mich, Du haft ein Geficht, als ob Du 
ein Geſpenſt gejehen hätteſt.“ 

Der gutmütigen Marian fam der Gedante, daß, 
wenn Teß die Anweſenheit ihres Verfolgers bemerlte, 
ihr bei ihrer Müdigkeit aller Appetit vergehen könne ; 
fie wollte fie deshalb gerade veranlafjen, auf einer 
Leiter an der abgelegenen Seite des Schober3 hinab- 
zufteigen, al8 der Herr herankam und herauffchaute. 

 Teß äußerte nichts als ein kurzes, leiſes „O!“ 
Dann fagte fie ſchnell: „Ich werde hier eſſen — bier 
auf dem Schober!“ 

Zuweilen, wenn die Arbeiter jo weit entfernt von 
ihren Hütten waren, thaten alle dies, aber da an 
dieiem Tage ein jcharfer Wind ging, fo ftiegen 
Marian und die übrigen hinab und feßten ſich unter 
den Strohhaufen. 

Der neue Ankömmling war in der That ler 
V’Urberville, der ehemalige Diener des Evangeliums, 
obgleih feine Kleidung und jein Ausjehen fich ver— 
ändert hatten. Es war ſchon auf einen Blid zu er= 
fennen, daß die urjprüngliche Weltluft wieder in ihm 
erwacht war; er war, jo weit e8 für einen Mann, 
der drei biß vier Jahre älter geworden, möglich 
it, zu feinen alten gedenhaften Gigerl- Manieren, 
mit welchen Teß ihren alten Verehrer und ſoge— 
nannten Vetter zuerjt kennen gelernt hatte, zurüd- 


gelehrt. Nachdem Teß ſich entichieden Hatte, zu 


bleiben, wo fie war, fehte fie fich zwiichen den Bün— 
dein nieder und begann, ohne von unten gejehen 
werden zu können, ihr Mahl; fie hörte indes näher 
und näher Yußtritte auf der Leiter und gleich darauf 
erihien Alex auf dem Schober, der jet eine oblonge 
und ebene Plattform von Garben bildete. Er ſchritt 
über fie hinweg und jeßte fi) Teß gegenüber, ohne 
ein Wort zu äußern. 

Teß fuhr fort, ihr beſcheidenes Mittagsmahl, ein 
Stüd dicken Pfannekuchens, das fie mit ſich gebracht 
hatte , einzunehmen. Die anderen Arbeiter hatten 
ſich inzwiſchen unter dem Schober vereinigt, wo das 
loſe Stroh einen ganz behaglichen Aufenthalt ge= 
währte. 

„Wie Sie fehen, bin ich Schon wieder hier,“ fagte 
D’Urberville, 


603 


„Warum laffen Sie mid nit in Ruhe?” rief 
Teß, ganz Vorwurf bis zu den Fingerſpitzen. 

„Ich jol Sie in Ruhe lafien? Ich glaube, daß 
ih wohl die Frage an Sie richten darf, weshalb Sie 
mich nit in Ruhe laſſen?“ 

„Ich babe Sie doch ficherlich nie beunruhigt!” 

„Das können Sie wohl jagen, aber Sie thun 
es dennoch. Sie ſpuken ftet3 um mich herum. Diele 
\hönen Augen, die fie vor einem Wugenblid mit 
einem jo zornigen Blitz auf mich richteten, ſuchen 
mich immer wieder heim mit demfelben Ausdrud, wie 
eben, bei Zug und bei Nacht. Teß, jeitdem Sie 
mir von Ihrem Kinde erzählt haben, ift es grade, 
als ob meine Empfindungen, die in einem ftarfen 
Strom himmelwärts ſich richteten, plötzlich eine 
Schleufe gegen Sie hin gefunden hätten, durch 
welche fie entfliehen. Der Kanal des Evangeliums 
ift außgetrodnet ; und Sie — Sie find daran ſchuld.“ 

Sie ſchaute ihn mit offenem Munde an. 

„Was — Sie haben Ihre Predigten ganz auf: 
gegeben?” fragte jie. 

Sie hatte von Angel in der Zucht de3 modernen 
Gedanken? Ungläubigkeit genug angenommen, um 
den blikartigen Enthuſiasmus zu verachten, aber als 
rau war fie dennoch etwas erjchredt. 

Mit affektirter Leichtfertigkeit fuhr D’Urber- 
ville fort: 

„Vollkommen! Ich habe jeit jenem Nachmittag, 
an welchem ich zu den Trunkſüchtigen in Gafterbridge 
Fair reden jollte, jede Verbindlichkeit abgebrochen. 
Der Teufel allein weiß, was die Brüder von mir 
denken werden. Ach — ja! die Brüder! Ohne Zweifel 
werden fie für mich beten — mich beweinen, denn 
in ihrer Art find e8 gute Leute. Aber was fümmert 
mich da3? Wie konnte id) damit fortfahren, wenn 
ih meinen Glauben daran verloren Hatte? Es 
wäre Heuchelei der niedrigften Art geweſen. Zwiſchen 
ihnen wäre ich dageftanden wie Hymenäus und 
Alerander, die dem Satan überliefert wurden, um zu 
lernen, nicht zu läftern. Welche graujame Rache 
haben Sie genommen! Ich fand Sie unſchuldig, 
und ich habe Sie verraten. Vier Jahre Ipäter finden 
Sie mid) al8 einen Enthufiaften des Chriftentums; 
darauf üben Sie einen Einfluß auf mid aus, der 
mich vielleiht völlig verderben wird. Aber Teß, 
Bäsle, wie ich Sie zu nennen pflegie, das find ſelbſt- 
verſtändlich nur Redensarten, und Sie müſſen nicht 
jo entſetzt ausſehen. Sie haben nichts gethan, als 
Ihr hübſches Geficht und Ihre jchöne Gejtalt be= 
halten. Ich ah es dort am Schober, bevor Sie mid). 
ſahen — jene enge Schürze und der Flügelhut heben 
es hervor. Ihr Feldmädchen Jolltet jo etwas niemals 
tragen, wenn ihr euch vor Gefahr Ichügen wollt.“ 

Er betrachtete Teß ſchweigend einige Augenblide 
und ſchloß dann mit einem kurzen, cyniſchen Laden: 


604 Thomas 
„Sch glaube, dag wenn jener Junggeſellen-Apoſtel, 
für defjen Stellvertreter ich mich hielt, durch ein jo 
hübſches Geſicht in Verfuchung geführt worden wäre, 
jo hätte er wie ih den Pflug gehen laſſen, wic 
er mag.” 

Teß verjuchte zu widersprechen, aber fo wie die 
Sachen lagen, fehlte es ihr an jeder Schlagfertigfeit ; 
und ohne auf ihre Worte m achten, fügte er hinzu: 

„Rum gut, die Paradies, daß Sie zieren, iſt 
alles in allem vielleicht ehen fo gut al& irgend ein 
andered. Aber ſprechen wir ernithaft, Teß!“ 

D' Urberville erhob fi, Ichnte ſich ſeitwärts über 
die Garben nnd blichb auf feine Ellenbogen geſtützt 
liegen. 

„Seit ich Eie zuletzt ſah,“ fuhr er fort, „habe 
ih darüber nachgedacht, waR Sie mir als jeine 
Meinung mitteilten. IH bin zu dem Schluß ge« 
foınmen, daß in diefen abgenubten alten Behaup« 

| 
Ä 


tungen Mangel an gefundem Menſchenverſtand zu 
jein fcheint ; wie ich durch die Begeifterung des armen 
Pfarrers Clare jo mich habe anfteden laſſen und jo 
dumm babe zu Verf gehen können, indem ich ihn 
noch zu übertreffen ſuchte, begreife ich jelbit nicht. 
Mas nun das anlangt, was Sie mir kürzlich über 
die Intelligenz Ihre Gatten gejagt haben — ih 
weiß jeinen Namen leider noch immer nicht — in 
Betreff deilen, was man ein ethijches Syitem ohne 
Dogma nennt, jo fehe ich nicht ein, wie man das 
eine mit dem andern vereinigen fann.” 

„Run, Sie fünnen doch Schließlich die Neligion der 
Barmderzigkeit haben, wenn Sie — mie nennen Sie 
es and noch — Ah zu feinem Dogma bekennen.“ 

„D ein! In diejer Beziehung bin ich ein jonder« 
barer Kauz! Wenn e8 niemand gibt, der da jagt: 
‚Ahue dies und es wird dir nüßen, wenn du tot biſt; 
thue dag und es wird die ſchlecht gehen" fo kann 
ih nicht warm werden. Ich kann nichts dafür, aber 
ih kann mich nicht verantwortlich für meine Thaten 
und Leidenjchaften fühlen, wenn es niemand gibt, 
dem ich verantwortlich bin; und wenn id) Sie wäre, 
meme Liebe, ich würde es auch nicht ſein.“ | 

Sie verfuchte ihn zu widerlegen und ihm aus - 


zwei Sachen vermijcht habe, Theologie und Moral, | 
die in den primitiven Tagen des Menſchengeſchlechts 
etwaß ganz Verſchiedenes geweſen jeien. Aber in- 
folge der Zurüchaltung Angel Clares, ihres völligen 
Mangels an Uebung und da fie mehr ein Gefäß 
vol Empfindungen als voll von Gründen war, jo 
konnte fie nicht weiter, 

„Jam, das macht nichts," begann er aufs neue. 
„Ich ftehe jegt vor Ihnen, meine Liebe, völlig wie 
in alten Zeiten!” 

„Richt wie damals — niemals — das ift jehr 
verfchieden !* unterbrad) fie ihn. „Warum behielten | 





bemitleide ich Sie. 


Hardy. 


Sie Ihren alten Glauben nicht, wenn der Verluſt 
desſelben Sie dahin gebracht hat, ſo zu mir zu 
ſprechen?“ 

„Weil Sie ihn mir ausgetrieben haben, und jo 
fonımt das Uebel über Ihr fchönes Haupt! Ihr 


Gatte hat wenig daran gedacht, wie jeine Lchren auf 
ihn zurüdfallen würden! Hahaha — ich bin ſchredlich 


froh, daß Eie einen ganz eben foldhen Apojtaten, 
wie er ijt, aus mir gemacht haben! Teß, id) bin 
mehr für Sie eingenommen als je vorher, und zudem 
Troß Ihrer Verſchwiegenheit 
ſehe ih, dab es Ihnen jdhleht geht und Sie von 


dem verlajien find, der für Eie ſorgen follte. “ 


Teß brachte die Biljen ihrer Mahlzeit nicht mehr 
durch die Kehle; ihre Lippen waren troden, und faſt 


‚ erftidte fie; die Stimmen und das Gelächter des 


ejjenden und trinfenden Arbeitervolfe® unter dem 
Schober langen ihr, als wären jie eine Viertelftunde 
weit entfernt. 

„Daß ift granſam!“ erwiderte fie. „Wie — wie 
fünnen Sie wagen, jo etwas zu mir zu jagen, ob» 
gleich Sie ſelbſt mich ehemals je elend im Stich ge⸗ 
laſſen haben?” 

„Das ift wahr,” entgegmete er, ein wenig zurüd- 
weichend. „Sch bin indes nicht gelommen, um mid 
mit Ihnen über meinen Fall zu ftreiten Ih bin 
gefommen, Teß, um Ihnen zu fagen, daß ih es 
nicht ertragen fann, Sie Arbeiten wie diefe verrichten 
zu jehen, und will Ihnen einen Vorſchlag machen. 
Sie fagen, Eie haben einen Gatten, der jedenfall® 
nicht ich bin, Nun gut, es iſt ja möglid), aber id 
habe ihn niemals gejehen, und Sie haben mir nicht 
einmal feinen Namen genannt; alles in allem ſcheint 
e8 eine ziemlich mythiſche Perſon. Aber Felbit wenn 
Sie einen haben, jo bin ih Ihnen, denfe id, doch 
näher, als er es ift. Ich verfuche, Ihnen aus Ihrer 
ſchlechten Lage zu helfen, er nit! Das Wort des 
ftrengen Propheten Hojea, das ich häufiger gelefen 
habe, fällt mir wieder ein. Kennen Sie es, Teß? 
‚Und fie wird ihrem Liebhaber folgen, aber jie wird 
ihn nicht einholen; und fie wird ihn fuchen nnd ihn 
nicht finden, dann wird fie fagen, ich will gehen und 
zu meinem erften Gatten zurüdfchren, denn damals 
ging e8 mir beſſer als jeßt".... Teß, meine Chaije 
wartet unten am Hügel, und — Du, mein Liebling, 
nicht die feine — weißt, was i noch jagen will.” 

Bei feinen Worten hatte fie ihr Geſicht, glühend- 
rot vor Zorn, erhoben, aber fie antwortete nit. 

„Sie find die Urſache meines Rückfalls,“ fuhr er 
fort, indem er feinen Arm um ihre Taille zu legen 
verſuchte; „Sie follten fi) das als Beijpiel diener 
laljen, und den Ejel, den Sie Gatten nennen , für 
immer verlaſſen.“ 

Einer der Lederhandſchuhe, den fie ausgezogen 
hatte, un den Pfannekuchen eifen zu können, lag in 


Teß. 


ihrem Schoß; ohne ein Wort zu ſagen, nahm ſie 
ihn und ſchlug ihm direkt damit in das Geſicht. Er 
war dick und ſchwer wie der eines Kriegers und traf 
ihn unmittelbar auf den Mund. Mit etwas Ein- 
bildung hätte man die That als Atavismus, als die 
Wiedergeburt eines Trid3 anfehen können, in welchem 
ihre Vorfahren nicht ungeübt waren. Alex fuhr 
zornig aus feiner geneigten Stellung auf. Ein roter 
led erihien an der Stelle, wo ihr Schlag ihn ge» 
troffen hattte, und im nächſten Augenblid begann 
das Blut aus feinem Munde auf das Stroh zu 
tröpfeln. Er beherrſchte ſich indes fofort, zog ruhig 
fein Taſchentuch aus der Tajche und wiſchte feine 
blutenden Tippen ab. 

Auch Teß jprang auf, ſank aber fofort wieder 
zurück. 

„Jetzt ſtrafen Sie mich!” ſagte fie, mit dem hoff— 
nungsloſen Troß eines Sperlings zu ihm aufjehend, 
dem der Räuber eben den Hal umdrehen will. 
„Schlagen Sie mid, treten Sie mich; die Leute da 
unten brauchen Sie nicht zu fürchten; ich werde feinen 
aut von mir geben. Einmal Opfer, immer Opfer 
— das ift der Lauf der Welt!“ 

„O nein, nein, Teß,“ jagte er fanft. „Das 
lann ih Ihnen völlig verzeihen! Doch dürfen Sie 
ungerechterweife eind nicht vergefjen, daß ich Sie 
geheiratet haben würde, wenn Sie mir die Madıt 
niht genommen hätten, e& zu thun. Habe ich Sie 
niht flehentlic) gebeten, meine Frau zu werden, 
wie? Antworten Sie mir!“ 

„Ja, da8 haben Sie gethan.” 

„Sie fünnen e3 nicht jein, aber erinnern Sie fi 
an ein!" Seine Stimme wurde härter, je mehr 
fein Temperament bei der Erinnerung an feine 
Bitte und ihre augenblidlihe Undankbarkeit den 
Sieg über eine beijere Natur davon trug; er trat 
neben jie und faßte fie an der Schulter, fo daß fie 
unter jeinem Griff erzittertee „Erinnern Sie ſich, 
Ihöne Dame, daß ich Ihrer don einmal Herr wurde. 
Ih werde Ihrer nochmals Herr werden. Wenn Sie 
irgend eined Mannes Weib find, jo find Sie 
das meine.” 

Die Dreſcher begannen herauf zu fteigen. 

„So viel über unjern Streit!” jagte er, fie 103» 
laſſend. „Jetzt gehe ich, aber ich werde dieſen Nach— 
mittag wiederfommen, um mir Ihre Antwort zu 
holen. Sie kennen mi noch nicht! Aber id) 
fenne Sie.“ 

Sie jagte fein Wort und blieb in ihrer Stellung, 
als jei fie betäubt. D’UÜrberville zug fich über Die 
Garben zurück und ftieg die Xeiter wieder herab, 
während unten die Arbeiter fich erhoben, ihre Arme 
fredten und da3 Bier, das fie getrunfen Hatten, 
hinab jdhüttelten. Dann begann die Dreſchmaſchine 
aufs neue ihre Arbeit. Und inmitten de3 aufs nene 

Aus fremden Zungen. 1895. II. 13. 


605 


beginnenden Raſchelns des Strohes nahm Zeh ihre 
Stellung vor der fummenden Trommel wieder ein, 
wie von einem Traume befangen, und löfte eine 
Garbe nad der andern in endlojer olge. 


IV. 


Mährend des Nachmittags Tieß der Farmer be- 
fannt machen, daß der Schober während des Abends 
abgedrojchen werden müſſe, da der Mond jcheine, fo 
daß man bei der Arbeit jehen könne, und der Mann 
mit der Maſchine auf morgen für eine andere Farm 
verpflichtet fei. Darauf ging das Schwirren, Sum« 
men und Raſcheln ohne die geringjte Unterbredjung 
weiter wie bisher. 

Es war gegen drei Uhr, als Teß ihre Augen 
erhob und um fi ſah. Sie fühlte ſich nur wenig 
überraſcht, als fie bemerkte, daß Alex D’Urberville 
zurüdgelommen war und unter der Hede beim Thor 
ftand. Es war ihm nicht entgangen, daß fie um ſich 
geblidt hatte, und er winkte freundlich mit der Hand, 
wie um anzuzeigen, daß er an ihren Streit nicht 
mehr dächte. Teß ſchlug die Augen wieder nieder und 
hütete fich forgjam, in jene Richtung zu jchauen. 

So Ichritt der Nahmittag vor. Der Weizen— 
ſchober ſchrumpfte zufammen, der Strohhaufen wuchs 
höher und höher empor, die Kormjäde wurden hin— 
weggefahren. Gegen ſechs Uhr war der Weizenichober 
nur noch ungefähr in Schulterhöhe vom Boden, aber 
die ungedrojchenen Garben, die noch nicht berührt 
worden waren, ſchienen noch zahllos troß der une 
geheuren Maſſen, die der unerjättliche Schlund des 
Dreſchers bereit3 verjchlungen Hatte. Vom weitlichen 
Himmel war nad) dem trüben Tage ein grimmiger 
Schein — alles, was der wilde März auf dem Wege 
des Sonnenjcheing zum beiten geben konnte — her: 
vorgebrochen, überflutete die müden und ftaubigen 
Gefichter der Dreſcher und färbte fie mit einem 
fupferigen Licht, ebenjo wie die flatternden Kleider 
der Frauen, die diefe, trüben Flammen glei, um— 
hüllten. 

Ein zitterndes Weh ging dur) den Schober. 
Der Mann, welcher fütterte, war müde, und Teß 
konnte jehen, daß fein roter Naden mit Schmuß und 
Getreidehüljen bededt war. Sie ftund nod immer 
an ihrem Plate, ihr gerötetes und ſchwitzendes Antlik 
beihmußt mit Kornftaub, der ihren weißen Hut eben— 
falls braun gefärbt hatte. Sie war die einzige 
Frau, deren Platz oben auf der Maſchine fich befand, 
jo daß fie durch deren Bewegung körperlich erſchüt— 
tert wurde; die Abnahme des Schober3 trennte fie 
jest von Marian und Izz und verhinderte diefe, mit 
ihr die Obliegenheiten zu wechjeln, wie jie es früher 
gethan Hatten. Das unaufhörlihe Zittern, an wel— 
chem jede Fiber ihres Körpers teilnahm, Hatte fie in 

77 


606 


einen Zuftand jtumpfer Träumerei verfeßt, in wel« 
hem ihre Arme unabhängig von ihrem Bewußtſein 
weiter arbeiteten. Sie wußte faum, wo fie war, und 
hörte nicht, wie Izz Huett ihr von unten zurief, daß 
ihr Haar herabgefallen Sei. 

Nah und nad begannen jelbft die friicheften 
unter ihnen leichenartig und trübäugig zu werden. 
Wenn Teß ihren Kopf hob, fo ſah fie jtet3 den höher 
emporwadjenden Strohhaufen mit dem Mann in 
den Hemdärmeln oben darauf vom grauen Nord« 
himmel fi) abheben und vor demjelben den langen, 
roten Elevator, wie eine Jalobäleiter, an welchem 
unaufhörli ein Strom gedroſchenen Strohes empor= 
ftieg und an der Spibe des Haufens ſich außeinander 
breitete. 

Sie wußte, daß Aler D’Ürberville noch in der 
Nähe war und fie von einem oder dem andern 
Punfte aus beobachtete, obgleich fie nicht Jagen konnte, 
wo er war. Geine Anweſenheit fand in dem Um— 
ftande feine Entjhuldigung, daß es ſtets eine Heine 
Rattenjagd gab, wenn der Schober ſich feinem Ende 
näherte, und Leute, die mit dem Dreſchen nichts zu 
thun Hatten, fich Hierzu einfanden — Sportäleute 
jeder Art, Herren mit Dachshunden und Tuftigen 
Pfeifen, Burſche mit Stöden und Steinen. 

Aber es bedurfte noch mehr als einer Stunde 
Arbeit, bevor die Schiht mit den lebenden Ratten 
am Fuße des Schober erreicht werden konnte. Als 
das Abendlicht in der Richtung des Rieſenhügels bei 
Abbot3-Cernel hinwegſchwand, erhob ſich das bleiche 
Geficht des Mondes diefer Jahreszeit an der gegen- 
über liegenden Seite des Himmels gegen Middleton 
— Abbey und Schottford über den Horizont empor. 
Während der lebten paar Stunden fühlte Marian 
ji über Teß beunruhigt, an die fie nicht nahe genug 
heranfommen fonnte, um mit ihr zu ſprechen, und 
die, während die anderen rauen durch Ale ihre 
Kräfte belebt hatten, bei der Gewohnheit ihrer Kind» 
heit zu Hauje geblieben war, während der Arbeit 
nichts zu fi) zu nehmen. Aber no ftand fie auf 
ihrem Posten. Wenn fie ihn nicht ausfüllen konnte, 
mußte fie gehen; und diefe Möglichkeit, der fie vor 
einem oder felbft vor zwei Monaten noch mit Gleich— 
mut entgegen gejehen haben würde, war, ſeit D’Ur« 
berville begonnen hatte, um fie herum zu ſcherwenzen, 
zu einem Schreden für fie geworden. 

Der Schober war jebt fo niedrig geworden, daß 
die Leute, welche ih auf demfelben befanden, mit 
denen auf der Erde fi unterhalten fonnten. Zu 
ihrer Ueberrajhung fam Farmer Groby zu Teß auf 
die Maſchine und fagte, daß, wenn fie mit ihrem 
Freunde etwas zu beiprechen habe, er fie nicht länger 
halten und jonft jemand fenden wolle, der fie ver- 
treten fünne, Der Freund konnte nur D’UÜrberville 
fein und fie erriet, daß dies Zugeſtändnis nur auf 


Thomas Hardy. 


das Dazmwilchentreten dieſes Freundes oder Tyeindes 
zurüdzuführen ſei. Sie fchüttelte ihren Kopf und 
arbeitete weiter. 

Schließlich kam die Zeit für den Rattenfang 
heran, und die Jagd begann. Die Tiere waren mit 
dem Sinken des Schober8 abwärts geflüchtet, biß ſie 
alle auf dem Boden fich befanden und jebt, ihrer 
legten Zuflucht beraubt, nad allen Richtungen Hin 
auseinander liefen. Ein lauter Schrei der um Diele 
Zeit halbbetrunfenen Marian bewies ihren Gefährten, 
daß eine der Ratten Schuß bei ihr geſucht hatte — ein 
Schreden, gegen den die anderen {rauen durch 
Springen und Schürzenjchwenten bisher fich geſchützt 
hatten. Die Ratte war ſchließlich davongelaufen, 
und unter dem Gebell der Hunde, dem Gelächter 
der Männer, dem Gejchrei der rauen, unter Flüchen, 
Stampfen und der Verwirrung eine Pandämonium 
löfte Teß ihre lebte Garbe; die Trommel jchiwieg, 
da3 Schwirren hörte auf, und langſam ftieg fie von 
ihrem Geſtell auf den Boden hinab. 

Ihr Liebhaber, der bisher nur auf den Natten- 
fang geachtet Hatte, war fofort an ihrer Seite. 

„Was — troß allem und allem — troß meines 
beleidigenden Schlages fommen Sie?” fagte fie heijer. 
Sie war fo übermäßig erjchöpft, daß fie feine Kraft 
mehr batte, laut zu ſprechen. 

„Ich würde wirklich närrijch fein, wenn ich mid 
durch) irgend etwas, das Sie thun oder jagen, ver- 
legt fühlen könnte,“ antwortete er mit der verfihre- 
riſchen Stimme der TrantridgesZeit. „Wie Ihre 
Glieder zittern! Sie wifjen ganz gut, daß Sie jo 
ſchwach find wie ein fterbendes Kalb; und doch Hätten 
Sie feit meiner Ankunft nicht nötig gehabt, irgend 
etwas zu thun. Wie konnten Sie jo wiberjpenftig 
fein? Ich Habe dem Farmer gefagt, daß er feine 
rauen beim Dampfdreihen gebrauchen darf. Es 
ift eine Arbeit, die nicht für Sie geeignet ift; und. 
auf allen beijeren armen hat man fie aufgegeben, 
wie er ganz gut weiß. Ich will bi8 an Ihre Woh—⸗ 
nung mitgehen.“ 

„D ja,” antwortete fie müde, „gehen Sie mit, 
wenn Sie wollen! ch vergeſſe nicht, daß Sie mid 
haben heiraten wollen, bevor Sie um meine Lage 
wußten. Vielleicht — vielleicht find Sie ein wenig 
befjer und gütiger, als ich voraußgefeßt habe. Für 
jede Güte bin ich danfbar, vor allem andern fürchte 
id mid. Zuweilen fann id nit herausbringen, 
was Sie eigentlich wollen.” 

„Ich Tann unfere früheren Beziehungen nicht le— 
gitimiren, aber ich fann Ihnen wenigſtens helfen ; 
und da3 werde ich hun, mit mehr Rückſicht auf Ihre 
Empfindungen, als ich früher bewiejen habe. Mein 
religiöfer Wahnfinn, oder was es war, ift vorbei, 
aber ein bißchen Gutes habe ich, wie ich hoffe, Davon 
zurüdbehalten. Jebt, Teß, dürfen Sie mir bei allem 


Teß. 


Guten und Zärtlichen zwiſchen Mann und Weib 
vertrauen. Ich habe genug und mehr als genug, 
um Sie und Ihre Eltern und Geſchwiſter von allen 
Bedrängniſſen zu befreien. Ich kann Ihnen allen 
helfen, wenn Sie mir nur ein wenig Vertrauen 
jeigen.“ 

„Haben Sie fie kürzlich geſehen?“ fragte Teß 
ſchnell. 

„Ja. Sie wußten nicht, wo Sie waren. Ich 
habe Sie nur durch einen Zufall hier aufgefunden.“ 

Der kalte Mond blidte ſchräg durch die Zweige 
der Gartenhede auf Teß' verödetes Antlik, als fie 
neben der Hütte, die ihr augenblicklich al3 Aufenthalt 
diente, anhielt; D'Urberville blieb neben ihr ftehen. 

„Erwähnen Sie meine Heinen Brüder und Schwe— 
ftem nidt — Schlagen Sie mid nicht völlig zu 
Boden!” fagte fie. „Wenn Sie ihnen helfen wollen 
— Gott weiß, wie nötig fie e8 haben — fo thun 
Sie ed, ohne es mir zu jagen. Aber nein, nein,“ 
tief fie aus, „ih will nichts von Ihnen — weder 
für ſie no) für mid.” 

Er begleitete fie nicht weiter, weil jie in der Fa— 
milie lebte und im Haufe alles öffentlich murde. 
Sobald jie ſich gewaſchen, zu Abend gegeſſen und ihr 
Zimmer betreten hatte, fiel fie in Gedanken, dann 
\hrieb fie in ihrer Teidenfchaftlihen Aufregung, auf 
dem Tiſch an der Mauer, beim Lichte ihrer Kleinen 
Lampe: 

„Geliebter Mann! Laß mi Dich jo nennen 
— id muß e8 — ſelbſt wenn es Dir Kummer madt, 
an eine jo unwürdige Frau zu denken, wie ich es bin. 
Ich muß Dih anrufen in meiner Not — ich habe 
ja fonft niemand. Ich bin der Verſuchung jo ſehr 
ausgejeßt, Angel. Sch fürchte e8 zu jagen, wer es 
it, und mag Dir nicht alles jchreiben. Aber ich 
hänge jo jehr an Dir, mehr ald Du Dir vorftellen 
kannſt. Kannſt Du jebt nicht noch einmal zu mir 
fommen, ehe etwas Schredliches ſich ereignet? O, ich 
weiß, Du kannſt es nicht, weil Du jo weit weg bift! 
Id glaube, ich muß fterben, wenn Du nicht bald 
kommſt oder mir jagft, daß ich zu Dir fommen fol. 
Die Strafe, die Du mir auferlegt Haft, ift wohl 

verdient — ich weiß es — mohl verdient, und Du 
bift völlig im Recht, mir böfe zu fein. Aber, Angel, 
bitte, bitte, fei nicht nur gerecht, fei auch ein wenig 
gut zu mir, ſelbſt wenn ich es nicht verdient habe, 
und fomme zu mir! Wenn Du fämeit, jo könnte ic) 
in Deinen Armen fterben. Ich würde jehr zufrieden 
jein, e3 zu können, wenn Du mir vergeben hättelt. 

„Angel, ich lebe ganz für Dich! Ich liebe Dich 
zu jehr, um Di zu tadeln, weil Du fort gegangen 
biit, und ich weiß, daß e8 notwendig war, wenn Du 
eine Farm finden follteft. Glaube nicht, ich) würde 
ein ſcharfes oder bitteres Wort jagen. Nur komme 
zurüd zu mir. Ich bin troſtlos ohne Dih, Du 


607 


mein Schab, o, jo verzweifelt. Ich mache mir nichts 
daraus, wenn ich arbeiten muß; aber wenn Du mir 
nur eine Feine Zeile jenden willſt und jagen, ‚ich 
fomme bald‘, jo will ich alles ertragen, Angel — 
und mit der größten Freude. 

„Es ift, jeit wir verheiratet find, jo jehr meine 
Religion gewefen, Dir in allem Denen und Thun treu 
zu fein, daß jelbft, wenn ein Mann mir ein Kom— 
pliment ſagte, bevor ich mid) davor in acht nehmen 
fonnte, mir dies ſchon als ein Unrecht gegen Dich 
erſchien. Haft Du niemal® mehr ein wenig von 
dem Gefühl, das Dich erfüllte, als wir zuſammen 
auf dem Meierhofe waren? Ich bin dasjelbe Weib, 
Angel, wie es diejenige wur, in die Du Dich ver: 
liebteft; ja, noch immer ganz dieſelbe — nicht die 
andere, die Dir mißfiel, die Du aber niemals gejehen 
haft. Was war mir die Vergangenheit noch, jobald 
ih Dich gefehen hatte? Sie war tot für mid. Ich 
wurde ein anderes Weib, erfüllt mit einem neuen 
Leben, das von Dir fam. Wie fünnte ich je die 
frühere wieder werden? Warum ſiehſt Du da3 
nicht ein? Geliebter, wenn Du das nur einfehen 
und mehr Glauben infofern in Dich ſetzen würdeſt, 
um zu begreifen, daß Du ftarf genug warſt, Diele 
Veränderung in mir bervorzurufen — Du würdeft 
vielleicht den Entſchluß fafjen, zu mir zurüd zu kom— 
men — zu mir, Deinem armen Weibe. 

„Wie thöricht war ich in meinem Glüd, anzu= 
nehmen, id) könne ftet3 auf Deine Liebe bauen. Ich 
hätte wiljen jollen,, daß e3 jo etwas für mich Arme 
nicht gibt. Aber ich bin frank am Herzen — nicht 
nur wegen alter Zeiten, jondern auch wegen heute. 
Denke doch nur daran, wie e3 mein Herz verwunden 
muß, Dich niemals — niemald zu jehen! Wenn 
ih Deinem teuren Herzen nur eine Heine Minute 
des Tages den Schmerz einflößen fünnte, den ich 
Tag für Tag zu tragen habe, es würde Did) viel- 
leicht dahin bringen, mir, die niemand hat ala Dich, 
Mitleid zu bemweilen. 

„Die Leute jagen, daß ich noch hübſch fei (‚jchön‘ 
iſt das Wort, das fie gebrauden, um bei der Wahr⸗ 
heit zu bleiben). Vielleicht bin ic) das, was fie 
fagen. Aber ich lege keinen Wert auf mein Aus— 
leben ; ich freue mich nur deswegen darüber, weil id) 
die Deine bin und e& wenigftend doch noch etwas 
an mir gibt, da3 mid) Deiner wert macht. O Angel, 
ih ſage Dir dies alles nicht aus Eitelfeit — Du 
wirft wohl willen, daß ich das nicht thue — jondern 
nur, damit Du zu mir fommft. 

„Wenn Du wirklich nicht zu mir kommen fannft, 
willft Du mid) dann fommen laffen? ch werde, 
wie ich Schon gejagt habe, verfolgt und gedrängt, 
etwas zu thun, was ich nicht thun will. Ich werde 
niemals einen Schritt zurüdweidhen, doch bin ih in 
Furt darüber, wohin das führen wird, und fo 


608 


wenig geſchützt wegen meines erjten Fehlers. Ich 
fann nicht mehr hierüber jagen, es macht mich zu 
unglücklich. Aber wenn ich nicderbredhe, indem id) 
in irgend eine fürdhterlide Schlinge falle, jo wird 
diejer Fall ein ſchlimmerer fein als mein erjter. Ich 
fann nicht daran denken! Laß mich zu Dir fommen 
oder fomme zu mir. 

„sch würde zufrieden, ja, glüdlich fein, wenn ich 
bei Dir als Deine Magd leben könnie, wenn ich 
Deine Frau nicht fein darf, jo daß ich wenigftens 
in Deiner Nähe wäre, Dich fähe und mir einbilden 
fönnte, Du wäreft mein. 

„Das Licht des Tages hat mir, ſeitdem Du fort 
bijt, nicht8 mehr zu zeigen, und ich mag die Krähen 
und Stare nicht mehr jehen, weil ih Dich entbehren 
muß, der fie mit mir ſah. Ich fehne mid) nur nad) 
einem: im Himmel und auf Erden oder unter der 
Erde bei Dir zu jein, Du mein Geliebter! Komm 
zu mir — fomm zu mir und rette mich vor dem, 
was mid) bedroht! 


Deine 
treue, unglüdliche 


Teß.“ 
V. 

Dieſer durchaus angemeſſene Appell fand ſeinen 
Weg auf den Frühſtückstiſch der ruhigen Pfarre im 
Weſten, in jenes Thal, in welchem die Luft ſo ſanft 
und der Boden ſo reich iſt, daß der Ertrag ſeines 
Wachstums im Vergleich zu dem des Ackerbaus von 
Flintcomb⸗Aſh kaum einer Anſtrengung bedarf, und 
in welchem Teß die menſchliche Welt ſo beſonders 
erſchien. Der Sicherheit wegen war ſie von Angel 
gebeten worden, ihm ihre Mitteilungen durch ſeinen 
Vater zu ſenden, den er über ſeine wechſelnden 
Adreſſen in dem Lande, das er mit ſchwerem Herzen 
aufgeſucht hatte, ſtets völlig auf dem Laufenden hielt. 

„Run,“ jagte der alte Herr Glare zu feiner 
rau, als er die Auffchrift gelejen hatte, „wenn 
Angel beabjihtigt, Nio Ende nächſten Monat zu 
verlaflen, um heimaufehren, wie er uns gejchrieben 
bat, jo denke ic), wird diejer Brief ihn zur Eile an— 
ſpornen, denn id glaube, daß er von feiner Frau 
if.“ Er ſeufzte bei dem Gedanken an fie. Der 
Brief wurde prompt an Angel weitergejendet. 

„Sch hoife, daß der liebe Junge gejund wieder 
heimtehren wird,” flüfterte Frau Clare. „An meinem 
Todestage wird es mir auf die Seele fallen, daß er 
mißleitet worden iſt. Trotz ſeines Mangels an 
Glauben hätteſt Du ihn nach Cambridge ſenden und 
es mit ihm wagen ſollen, wie mit den anderen Buben. 
Er würde unter einem beſonderen Einfluß darüber 
hinaus gewachſen ſein und wäre ſchließlich dennoch 
ordinirt worden. Kirche hin, Kirche her, es würde 
beſſer für ihn geweſen ſein.“ 

Dies war die einzige Klage, mit welcher Frau 


Thomas Hardy. 


Glare jemals den Frieden ihres Mannes in Betreff 
ihrer Söhne ftörte,; denn fie war eben jo vor« 
fichtig als fromm und wußte, daß jein Gemüt eben« 
falls durch Zweifel über jeine Gerechtigkeit in diejer 
Sadje gequält wurde. Nur zu oft hatte fie gehört, 
wie er nacht? wachend lag, jeufzte und für Angel 
betete. Aber der ftarre Dann des Evangeliums 
glaubte ſelbſt jeßt noch nicht, daß es ihm verziehen 
torden wäre, wenn er feinem Sohne, dem Un— 
gläubigen, diejelben akademiſchen Borteile verichafft 
hätte wie den beiden anderen. Mit der einen Hand 
den beiden Gläubigen ein Piedeftal zu errichten und 
mit der andern durch diejelben künftlichen Mittel den 
Ungläubigen zu erheben, hielt er für unvereinbar mit 
feinen UWeberzeugungen, feiner Stellung und jeinen 
Hoffnungen. Nichtsdeſtoweniger liebte er feinen Sohn, 
der mit Unrecht den Namen Angel (deutſch: Engel) 
trug, und im geheimen grämte er ſich über die 
Behandlung, die er ihm hatte angedeihen lafjen, wie 
Abraham fi über den gerichteten Iſaak gegrämt 
haben mag, als fie zujammen den Hügel hinaufs 
gingen. Seine geheimen Selbſtvorwürfe waren weit 
bitterer denn die Vorwürfe, welche feine Frau laut 
werden ließ. 

Sie tadelten ſich ſelbſt wegen dieſer unglüdtichen 
Heirat. Wenn Angel niemals dazu beftimmt worden 
wäre, Farmer zu werden, fo mürde er niemals mit 
Bauernmädchen zujammen gefommen jein. Sie 
wußten nicht genau, was ihn und feine Frau ge: 
trennt hatte, und eben fo wenig da3 Datum, an 
weldyem dieje Trennung fi) ereignet hatte. Anfangs 
batten fie vorausgeſetzt, es müßte eine ernftliche Ab- 
neigung im Spiel gewefen fein. In feinen |päteren 
Briefen bemerkte Angel indes gelegentlih, er wolle 
heimfommen, um Zeß zu Holen; fie entnahmen 
hieraus die Hoffnung, daß die Trennung keine Ur⸗ 
ſache von jo dauernder Bedeutung hatte, als jie an« 
genommen. Er hatte ihnen gejugt, daß fie bei ihren 
Verwandten jei, und in ihren Zweifeln hatten fie 
beichloffen, ih nicht in Sachen zu miſchen, die fie 
nicht zu bejjern wußten. — 

Die Augen, für welche Teß' Brief beftimmt war, 
blidten zu diejer Zeit auf eine Landichaft von grenzen- 
lojer Ausdehnung vom Rüden eines Maultieres aus, 
da3 ihn aus dem Innern des jüdamerifanifchen 
Kontinente der Küfte zutrug. Seine Erfahrungen 
in dieſem fremden Lande waren nidht® weniger als 
freundlicher Natur geweſen. Die heftige Krankheit, 
von der er kurz nad) feiner Ankunft befallen worden 
war, hatte ihn niemals ganz verlaffen, und nad) und 
nad war er faft zu dem Entihluß gelommen, jeine 
Hofinung, hier fich nieder zu lajfen, ganz fahren zu 
lafien, obgleich er, fo fange e8 noch eine Möglichkeit 
gab, dort zu bleiben, dieſe Aenderung feiner An« 
Ihauungen vor feinen Eltern geheim hielt. 


ep 


Tie Haufen landwirtſchaftlicher Arbeiter, Die, 
joweit feine Beobachtung reichte, durch die Vor⸗ 
itellung einer leichten Unabhängigfeit geblendet, ins 
Land gelommen waren, hatten vielerlei Leiden durch⸗ 
gemacht und waren entweder gejtorben oder wieder 
jortgezogen. Er hatte Mütter mit den Säuglingen 
im Arm von englijchen armen ſich mühjelig fort« 
ſchleppen ſehen; wenn das Sind vom Fieber ergriffen 
und geftorben war, jo hatte die Mutter mit ber 
bloßen Hand eine Grube in die loje Erde gegraben, 
mit denjelben natürliden Grabwerkjeugen das Kind 
eingefharrt, eine Thräne vergojjen und fich weiter 
geſchleppt. 
Angel war während der Zeit ſeiner Abweſenheit 
geiſſſg um ein Dutzend Jahre gealtert. Was ihm 
vom Wert des Lebens geblieben, war weniger jeine 
Schönheit als fein Pathos. Nachdem bereits jeit 
langem die alten Syiteıne des Myſticismus Treue 
und Glauben bei ihm verloren, begann jebt feine 
Adtung vor dem alten Moralgeſetz ebenfalls zu 
wanken. Seiner Meinung nad bedurfte e3 einer 
Reviiion. Wer war der moraliihde Mann? Und 
noh beifer, wer war die moraliide Yrau? Die 
Schönheit oder die Häßlichfeit ihres Charakters Tag 
nicht nur in ihren Werfen, fondern in ihren Abfichten 
und Impuljen; ihre wahre Geſchichte Tag nit in 
dem, wa8 fie gethan, jondern in dem, was fie ge= 
wollt hatte, 
‚Wie verhält es fi denn nun aber mit Teß?“ 
Sobald er dahin gekommen war, fie in diejem 
Sihte zu jehen, begann ein Bedauern über fein 
haftigea Vorgehen ihn zu bejchleichen. Hatte er fie 
für immer verjtoßen oder nit? Er konnte nicht mehr 
jagen, daß er die Abficht habe, fich für immer von 
ihr zu trennen, um nicht zu geftehen, daß ihm bereits 
der Gedanke gekommen war, fie ſchon jet wieder auf: 
junehmen. 
Dieſe fteigende Zärtlichfeit, mit der er ſich ihrer 
erinnerte, traf ungefähr mit der Zeit ihres Aufenthalts 
in Flintcomb⸗Aſh zufammen, bevor Teß indes die 
vreiheit in fich gefühlt Hatte, ihn nur mit einem 
Wort über ihre Verhältniffe und Empfindungen zu 
beunrubigen. Er war im höchſten Grade peinlich be= 
rührt, und da er die Urjachen, die fie abbielten, ihm 
Mitteilungen zu machen, verfannte, jo fragte er nicht. 
Während der ſchon erwähnten Reife auf dem 
Maultier durch das Innere des Landes ritt ein 
zweiter Mann neben ihm. Angels Gefährte war 
ebenfalls Engländer, der denjelben Zweck verfolgte, 
obgleich er auß einem andern Teile der Infel kam. 
Beide befanden fi in einem Zuftand jeeliicher 
Herabftiimmung; trübe jpradhen fie von ihren Ver- 
hältniſſen in der Heimat. Vertrauen fordert Ver 
trauen heraus. Mit jener fjonderbaren Neigung 
vieler, Fremden, vor allem in entfernten Ländern, 


609 


Details aus ihrem Leben mitzuteilen, deren fie 
Freunden gegenüber niemals Erwähnung thun würden, 
erzählte Angel diefem Manne während ihres Rittes 
von feiner unglüdlichen Heirat. 

Der Fremde hatte fich in viel mehr Ländern und 
unter viel mehr Völkern aufgehalten als Angel; 
feinem kosmopolitiſchen Gemüt waren ſolche Ab— 
weichungen von der fozialen Norm, die für Die 
Häuslichkeit von fo großer Bedeutung find, nicht mehr 
ala die Unregelmäßigfeiten der Thäler und Berg» 
fetten für die ganze Erdrundung. Er ſah die Sache 
mit ganz anderen Augen an ald Angel, dachte, daß 
das, was Teß gewefen, von feiner Wichtigkeit neben 
dem ſei, was fie fein würde, und jagte Clare offen, 
daß er unrecht gethan Habe, fie zu verlaſſen. 

Am nächſten Tage kamen fie in ein Unwetter. 
Angels Gefährte wurde vom Fieber befallen und 
ftarb am Ende der nächften Woche. Klare wartete 
einige Stunden, um ihn der Erde zu übergeben und 
ritt dann feines Weges weiter. 

Die kurſoriſchen Bemerkungen des großherzigen 
Fremden, von dem er abfjolut nicht? fannte außer 
feinem jehr gewöhnlichen Namen, wurden durd) jeinen 
Tod verflärt und beeinflußten Clare mehr als alles 
ethifche Gerede der Philofophen. Seine eigene Eng- 
berzigfeit beſchämte ihn durch den Kontraft mit ihnen ; 
die Widerfprüche in ihm überfluteten ihn wie mit 
einer Woge. Stets hatte er das hellenifche Heiden» 
tum auf Stojten des Chriftentums erhoben, und den- 
no war in jener Zivilifation eine ungefehliche Hin- 
gabe gewiß nicht verachtet. Sicherlich hätte er dann 
aber auch jenen Abſcheu vor dem Zuftande der Nicht» 
unberührtheit, den er mit dem Glaubensbekenntnis 
des Myſticismus ererbt hatte, jchließlih als der 
Berichtigung offen anfehen follen. Ein Borwurf erhob 
ih in ihm. Die Worte Izz Huetts, die fein Ges 
dächtnis nie ganz verlaffen hatten, erfiangen aufs 
neue in ihm. Er batte Izz Huett gefragt, ob fie 
ihn liebe, und fie hatte bejahend geantwortet; ob 
fie ihn mehr liebe als Teß, und „nein!“ Hatte jie 
erwidert. Teß würde ihr Leben für ihn lafjen und 
mehr fönne fie auch nicht thun. 

Er date an Te, wie fie am Hochzeitätage er⸗ 
ſchienen war, wie fie ihn angeblidt, wie jie an feinen 
Lippen gehangen hatte, als feien e8 die eines Gottes! 
Wie rührend fie an jenem jchredlichen Abend, als 
ihre argloje Seele ſich vor ihm enthüllte, in ihrer 
Unfähigfeit zu begreifen, daß feine Liebe und jein 
Schuß fie je verlafjen fönnten, bei den Strahlen des 
Feuers auägejehen Hatte. 

So wurde er nah und nad aus ihrem Kritiker 
zu ihrem Advokaten. Er jelbjt Hatte im Selbit- 
gejpräch mit fi) cyniſch über fie ſich ausgeſprochen. 
aber fein Mann kann Eynifer fein und lieben, und 
jo hatte er ſich ſelbſt berichtigt. 


610 


Das hiſtoriſche Intereffe für ihre Familie — 
für jenen gewaltthätigen Zweig der D'Urbervilles — 
die er wie eine erjchöpfte Kraft verachtet hatte, be= 
gann jet auf feine Empfindungen einzumirfen. 
Warum hatte er den Unterjchied zwifchen dem poli— 
tiihen Wert und dem, welchen ſolche Sachen für die 
Einbildungsfraft haben, nicht erfannt? Don diefem 
Geſichtspunkt aus hatte Te’ Abftammung von den 
D' Urbervilles eine große Bedeutung; öfonomifch ohne 
Wert, war fie für den Träumer, für den, welcher 
über Auf- und Niedergang moralifirt, etwas fehr 
Weſentliches. Indem Angel ſich Teß’ Geficht wieder 
und wieder zurüdrief, bildete er ſich ein, er könne 
darin einen Abglanz der Würde entdeden, welche 
die großen Damen ihre Geſchlechts geziert haben 
mußte, und dieſe Viſion füllte jeine Adern mit jenem 
Hauch, der ihn Schon einmal ummeht hatte, und ließ 
ein Gefühl der Schwäche in ihm zurüd. 

Zroß ihrer nicht ganz fledenlofen Vergangenheit 
übertraf dennoch das, was in einem Weibe wie Teß 
zurüdgeblieben war, die Friſche ihrer Gefährtinnen. 
Waren nicht die Trefter Ephraims bejjer ala die 
Trauben Abi⸗ezers? 

So |prad) die wieder erwachende Liebe und be= 
reitete Teß' zärtlihem Erguß, der grade zu jener 
Zeit durch feinen Vater an ihn weiter geſchickt wurde, 
den Weg; e3 verging indes noch mancher Tag, ehe 
er ihn erreichte. 

Inzwiſchen war die Erwartung der Abjenderin, 
daß Angel in Erwiderung ihrer Bitte perfönlich vor 
ihr erjcheinen werde, bald groß, bald Mein. Die 
Erwägung, daß die Ereigniffe ihres Lebens, welche zu 
feiner Abreije geführt hatten, dieſelben geblieben 
waren und ftet3 diejelben bleiben mußten, daß, wenn 
ihre Gegenwart fie nicht in Vergefienheit gebracht 
hatte, ihre Abweſenheit e8 auch nicht thun würde, 
verminderte fie. Nichtsdeftoweniger beſchäftigte ich 
ihr Herz mit der zärtlihen Tyrage, was fie ihm am 
beiten werde zu liebe thun können, wenn er anlange. 
Sie wünſchte jeufzend, daß fie mehr acht auf die 
Melodien gegeben hätte, die er auf feiner Harfe 
ipielte, daß fie ihn angelegentlicher gefragt hätte, 
welches jeine Lieblingsballaden unter den Volks— 
liedern jeien. Auf Ummegen fragte fie Amby Send- 
ling, der 333 von Talbothays her gefolgt war, und 
zufällig erinnerte fich dieſer einiger Bruchftüde von 
Melodien, die unter denen, welche man auf dem 
Meierhofe gefungen Hatte, um die Kühe zu ver= 
anlafjen, ihre Milch herzugeben, Glare bejonder3 ge= 
fallen hatten. 

Sich in diefen Balladen zu vervollftommnen, war 
von nun an ihr Jjehnlichiter Wunſch. Sie übte fie 
heimlich bei jeder paſſenden und unpafjenden Gelegen- 
heit, beſonders eine unter ihnen: „Bei Tagesanbruch“. 
Es hätte ein Herz von Stein erweichen müſſen, fie 


Thomas Hardy. 


dieje Lieder fingen zu hören, fo oft fie in diejer falten, 
trodenen Zeit abjeit8 von den anderen Mädchen 
arbeitete, während bei dem Gedanken, daß Angel 
fie vielleicht niemal3 hören werde, die Thränen ihr 
über die Wangen rollten und die einfachen, ſchlichten 
Worte in einer fchmerzlichen Satire auf daS leid: 
bewegte Herz der Sängerin leije verflangen. 

Teß war in ihren pbantaftilden Traum fo ver- 
widelt, daß ſie gar nicht zu merken ſchien, wie die 
Sahreszeit vorichritt, daß die Tage länger wurden, 
Mariä-Verfündigung fi) näherte und diefem Termin 
das Ende ihres Aufenthalts auf Flintcomb⸗Aſh bald 
folgen mußte. 

Bevor indes der Quartalätag ganz heran fam, 
ereignete jich etwas, das Teß auf ganz andere 
Gedanken bradte. Sie war wie gewöhnlich eines 
Abends in ihrem Logis und ſaß im Parterrezimmer 
mit dem Neft der Yamilie zufammen, als jemand 
an die Thür Eopfte und nad) Teß fragte. Im Thor: 
wege bemerkte fie gegen das hereinfallende Licht eine 
Geſtalt von der Größe einer Frau und der Stimme 
eines Kindes, ein großes, diinnes, mädchenhaftes Ge⸗ 
\höpf, das fie im Zwielicht nicht erfannte, big das 
Mädchen „Teß“ ſagte. 

„Was — iſt es Liza⸗Lu?“ fragte Teß mit ſtocken⸗ 
den Accenten. Ihre Schweſter, die ſie vor gut einem 
Jahre als Kind zurückgelaſſen hatte, war durch einen 
plötzlichen Schuß zu dieſer imponirenden Größe 
emporgediehen. Ihre dünnen Beine, die unter ihren 
für fie einſt zu langen, jetzt zu kurzen Röcken hervor— 
ſahen, ihre ungeſchickten Hände und Arme bewieſen 
ihre Jugend und Unerfahrenheit. 

„Ja, Teß,“ ſagte ſie mit unerſchütterlichem Ernſt, 
„tagelang bin ich herumgetrabt, um Dich zu finden; 
und ich bin ſehr müde.“ 

„Wie geht es zu Hauſe?“ 

„Mutter iſt ſehr krank geworden, und der Doktor 
ſagt, daß ſie ſterben wird, und da der Vater ſich 
niemals recht wohl befindet und ſagt, daß es ſich 
für einen Mann von einer ſo hohen Familie wie 
der ſeinen nicht paßt, bei gemeinem Arbeitswerk 
zu ſchuſten und zu luften, jo wiſſen wir nicht, was 
wir anfangen jollen.“ 

Teß Stand lange Zeit in Träumerei verloren, 
bevor fie daran dachte, die Bitte an Lu zu richten, 
herein zu fommen und fi) zu ſetzen. Als fie die& 
gethban und ihre Schmweiter Thee getrunfen hatte, 
kam fie zu einer Entſcheidung. Es gab feinen Ausweg, 
fie mußte heim. Ihre Verbindlichfeit war allerdings 
noch nicht zu Ende, aber bis zum Tage ihres Dienft- 
austritt? war die Zwiſchenzeit nur noch eine jo kurze, 
daß fie e8 wagte, jofort mitzugehen. 

Ein fofortiger Aufbruch bedeutete einen Zeit 
gewinn von zwölf Stunden, aber ihre Schweſter war 
zu müde, um fie jofort begleiten zu können. Teß ging 


Teß. 


611 


zunächſt zu Marian und Jzz, erzählte ihnen, was Thales, an deſſen anderer Seite fie geboren war. 
geihehen war, und bat fie, ein gutes Wort für fie | Nach den fünf Meilen, die fie auf dem Oberlande 


bei dem Farmer einzulegen. Sobald fie zurüd- 
gefehrt war, padte fie jo viel ald möglich von ihren 
Saden in einen Weidenforb, gab Lu ein Abendeſſen, 
wies ihr ihr Bett zur Nachtruhe an und machte ſich 
auf den Weg, nachdem fie ihre Schweiter beauftragt 
hatte, ihr morgen zu folgen. | 


v1. 


Die Uhr ſchlug zehn, als Teß zu einem Marſch 
von fünfzehn Meilen unter ſtählernen Sternen in die 
kalte Dunkelheit der Aequinoctialnacht hineintauchte. 
In einſamen Diſtrikten iſt die Nacht für den geräuſch— 
(ofen Wanderer eher ein Schuß als eine Gefahr, und 
da Teß dies wußte, jo wählte fie den Weg auf 
Nebenftraßen, welche fie bei Tageszeit faſt gefürchtet 
haben würde, aber an Landftreichern fehlte es augen- 
blidlich und die Furcht vor Gejpenitern floh bei dem 
Gedanten an ihre Mutter aus ihrem Gemüt. So 
legte fie Meile nah Meile zurüd, Hügel auf, Hügel 
.ab, bis fie nad) Bulbarow fam und gegen Mitter- 
naht von der Höhe in einen Abgrund daotijcher 
Schatten hinabſah, die einzige Offenbarung jenes 


bereit zurüdgelegt hatte, blieben ihr jebt noch zehn 
für da8 Unterland, bevor fie ihre Reife vollendet hatte. 
Um drei Uhr Hatte fie die Iehte Wendung der 
Maſſe von Straßen Hinter fi, auf der fie in dieſer 
Naht ſchon dahingefchritten war, und näherte ich 
dem Felde, auf dem fie als Klubmädchen Angel zum 
eritenmal gejehen hatte, ohne daß er, wie fie e8 noch 
jebt jchmerzlich empfand, nur einmal ihr Tänzer ge= 
worden. Dann betrat fie Marlott und ſah zum 
erftenmal wieder Licht. Es kam aus dem Sclaf- 
zimmerfenfter ihres elterlihen Haufe, und da ein 
Zweig vor demfelben leife auf und ab ſchwankte, jo 
ſah e8 aus, als winfe e8 ihr. Alte Eindrüde wurden 
lebendig. Das alte Haus, das mit Hilfe ihres 
Geldes ein neues Dad) erhalten Hatte, jchien ihr ein 
Stüd ihres Lebens und ihres Körpers; Die Ab 
Ihrägung der Dachfenſter, die Giebel, die frumme 
Linie der Ziegel, welche den Schornftein Frönten, 
alles da8 hatte etwas Gemeinjames mit ihrem per= 
fönlichen Charakter. Etwas wie Betäubung lag für 
ihren Blid in deren Ausſehen, das auf die Krankheit 
ihrer Mutter Hindeutete. (Fortfegung folgt.) 


Morgen. 


Don 


Ssolger Drachmann. 


Auf Zweigen erwahen zum $lüjtern der Zeifig 

Und Dompfaff und Star, 

Und Bänfling und Meife, und Fin? nnd die übrige 
Zwitſchernde Schar. 

Sie plaudern zuerft über Wind, über Wetter, 

Soldy Dinge liegen dem Kleinvolf fo nah. 

Doch wenn die Nebel entfliehn, wenn die Sonne 
Zu ftrahlen beginnt, 
Dann fteigt ein jubelnder Triller zum Himmel 
Aus Dank, daß der Regen nicht rinnt. 


Noch hat die Natur nicht gewedhfelt ihr Morgen- 
$lormeglige£e, 
Es ift, als hufche die Nymphe im Hemden- 
Wellenpliffee. 





j 





Da ſtreicht ſie das Haar aus der Stirne und ſteckt es 
Auf mit dem Kamm 

Und fteht im blaßgrünen Kleid und beſchaut ſich 

In der Mühle fpiegelnden Damm. 


Licht fieht das der Müller, der drinnen fi tummelt 
Bei Mahlgang und Rad, 
Die Müllersfrau auch nicht, die für das Kleinvich 
Sutter juft hat. 
Denn der Wind und das Wetter, die kümmern fie nicht, 
Die Mühle mahlt, wenn's nicht an Waffer gebridht. 
Der Müllersfohn aber, der Pfarrer follt! werden, 
Doch Küfter ward nur, 
Der fchrieb einen taufrifchen Ders an die Nymphe, 
Die Schirmerin heimifcher Flur. 


— + N —— 


der ehemalige Herr. 


Bon 


Daul Bourget. 


Wenn ich auf meiner Reife nad) dem Süden von 
Nordamerika zum erſten Hultepunft eine fleine Stadt 
in Georgia machte, deren Namen ich Hier nicht nen- 
nen fann — warum, werde ich gleich jagen — fo 
verband ich damit die Abſicht, dajelbit einen ehe— 
maligen Offizier der Nordarmee aufzufuchen, einen 
Buſenfreund des großen Präfidenten. Den Namen 
desſelben verſchweige ich ebenfalls; ich nenne ihn ein— 
fach Colonel Scott, ein Pſeudonym, welches ihn 
ſeinen Intimen nicht unkenntlich machen wird. Er 
will es einmal ſo. Ein gemeinſamer Bekannter, der 
mir in Waſhington einen Brief für ihn übergab, 
hatte mir geſagt: „Machen Sie ſich auf den kom— 
plizirteſten Menſchen gefaßt, auf einen Mann, wel— 
cher wahrhaft many sided iſt, wie wir zu ſagen 
pflegen. Sie werden ſich ſelbſt ein Urteil über ihn 
bilden. Er iſt aus Maſſachuſetts gebürtig, und es 
ſteckt eine Art Puritaner in ihm. Er hat den Krieg 
mitgemacht und er hat auch etwas Soldatiſches an 
ſich. Später hat er Medizin ſtudirt und dabei einen 
gewiſſen Zug von Gelehrtheit angenommen. Darauf 
wurde er Geſchäftsmann und leitete eine große Ge— 
ſellſchaft für Uniformen- und Livreeknöpfe, und ſeit 
jener Zeit iſt er auch ein Induſtrieller. Auch vom 
Großgrundbeſitzer hat er manches an ſich, nachdem 
er eine große Pflanzung im Süden angekauft; der 
Geſundheitszuſtand ſeiner Tochter beſtimmte ihn dazu, 
ein gentleman farmer zu werden. Vor allen Dingen 
aber iſt er ein ſehr mildthätiger und rechtſchaffener 
Menſch, voll von Erinnerungen an Lincoln, Grant, 
Hooker, Sherman... Kurz, Sie werden ja mit ihm 
plaudern...” Ich habe in der That viel mit dem 
Colonel geplaudert und bei dieſen Unterhaltungen 
Stoff gejammelt, den ein Ehronift des Sezeſſions— 
friege3 benützen könnte. Er hat mir nad) einigem 
Zaudern geftattet, von feinen Mitteilungen Gebraud) 
zu machen und mich nur gebeten, einige Einzelheiten 
jowie feinen Namen und den feiner Stadt zu ändern. 
Am interejlanteften ift mir der Dann durch einige 
perjönliche Erlebniffe mit ihm geworden, die ich hier 
treu und wahrheitägemäß berichte. 

%* 

Alſo ich kam nah Philippeville — jo wollen wir 

jene fleine Stadt Georgiens nennen. 


die Mitte de Monats März. Das erfte, was id 
that, war, daß ich mid) nach der Adrejje von Mt. 
Scott erfundigte. Man jagte mir, er wohne etwa 
zwei Meilen von der Stadt entfernt, aber ic) müßte 
ihm vorher ſchreiben, um ihn nicht zu verfehlen. „Er 
it ein paffionirter Jäger,“ meinte Mr. Williams, 
der Hotelwirt, welcher mir diefe Auskunft gab, „und 
er fehrt manchmal drei oder vier Tage lang nicht 
zurüd. Sie müljen nämlich wifjen, mein Herr, daß 
wir die Ichönften Jagden von Amerika haben: Dam: 
biriche, Enten, Auerhühner, Nebhüner, Wachteln und 
fein einziges wildes Tier, feinen Bären, fein Puma. 
Ah! Philippeville ‚Ichlägt‘ alle Städte des Südens, 
Philippeville beats every town in the South!“ 

„Keine wilden Tiere?“ rief ih; „und die Ali: 
gatord und die Klapperſchlangen?“ 

„Die ſind ganz da unten in Florida,“ antwortete 
er mir, „ja mein Herr, feit zwanzig Jahren bringe 
ih hier jeden Winter und jedes Frühjahr zu, und 
nie habe id) andere Schlangen gejehen als Nattern.“ 

Der werte Herr Williamd vergaß hinzuzufügen, 
daß er während feines zwanzigjährigen Aufenthaltes 
feine hundertmal das Hotel verlajjen hatte. 

Er hatte übrigens da ein Jdeal von comfortabler 
Herberge für feine Neifenden eingerichtet, die er wie 
Freunde behandelte, indem er für ihre Behaglichkeit 
und Zerftreuung forgte, wie der Kaftellan eines Land» 
Ihlojjes, der eine Anzahl Gäfte zu bewirten hat. 

Man findet nirgendwo anders als in den Ver 
einigten Staaten jenen Typus von Hoteleigentümer, 
welcher im gemeinjhaftlihen Eßſaal jeden Tag im 
Frack jpeijt, vis-A-vis jeiner Frau, die in großer 
Zoilette daſitzt. Alle beide verbringen nachher den 
Abend in dem „hall* mit ihren Gäften bei den 
Klängen eines für die Saifon gemieteten Orcheftere. 
Ich habe übrigens guten Grund, zu glauben, daß 
bei dem Beliter von Williamshoufe in Philippeville 
die Rücklicht auf mid, den an wilde Tiere wenig 
gewöhnten, friedlichen Spaziergänger, über die Wahr: 
heitäliebe jiegte. Denn id) hatte mid) faum adtund» 
vierzig Stunden am Orte aufgehalten, ala ich bereits 
die Bekanntſchaft eines dieſer von Williams jo 
liebenswürdigerweile nach Florida verbannten Un— 


63 war um | gehener machte. Ich will Hinzufügen, daß die Grenze, 


Der ehemalige Herr. 


welche Georgien von Florida trennt, durd) eine drei— 
ftündige MWagenfahrt von Philippeville aus zu er— 
reichen ift. Ein Alligator oder eine Klapperſchlange 
kann Ddieje Entfernung ohne zu ermüden an einem 
Nach- oder Vormittag bequem zurüdlegen, wenn die 
Sonne ihr kaltes Blut allzu jehr erwärmt oder wenn 
Hunger oder Liebe fie peinigen. Geben wir alfo zu, 
daß das Tier, von dem ich fprechen will, aus dem 
\hredlichen Ylorida gefommen war und daß fomit 
Mr. Williams nicht gelogen hatte. 

Heute, wo id) fern von jenem heißen Klima dieſe 
Frinnerungen niederjchreibe, Tann ich es ſelbſt Faum 
glauben, daß ich nicht füge und daß ich wirflicd an 
Tage meiner Ankunft in Philippeville jenen leichten, 
feinen Wagen nahın, daß jener Wagen wirklich die 
lange, von hölzernen Negerhäufern eingejäumte Straße 
zurücgelegt hat, und daß ich mit meinem Kutjcher 
wirflid) duch den Terpentinwald hindurch gefahren 
bin, bi3 wir an einen Pfahl der Lichtung gelangten, 


auf dem einfah die Morte gejchrieben jtanden: 


„seott’s Place*. Ich ſehe mich noch wie im Traume 
aus der Kaleſche fteigen und eine gewundene Allee 
entlang gehen, und erblide ganz am äußerjten Ende 
ein breites, niedrige Haus, in dem ich das des 
Herrn vermute. Es war ganz aus Holz, wie die 
der Neger in Philippeville, aber gefirnißt, gelbladirt, 


mit einem dunfelrot gefärbten Dache. Um das Haus | 


herum führte ein hölzerner, blau angeftrichener Zaun. 
34 brauchte nicht lange zu Elingeln und nad) dem 
Beſitzer des jo friedlichen und mit feinem einzigen 
Stodwerf jo nett au& dem Gerank von wilden Roſen 
hervorſchauenden Landhauſes zu fragen. Eine Schar 
von fünfzehn big zwanzig Negern, Männern, Weibern 
und Rindern, drängte ih am Eingange. Jener 
Kreis von Krausköpfen umgab einen Mann von etiva 
jchzig Jahren. Von großer, ftämmiger Geftalt, 
war er doch behende, wie er jo daftand in jeinem 
Sagdfoftim mit den hohen Ledergamajchen und der 
braunen Eammetjade. Der Oberjt, denn diejer war 
es, bemerfte mein Nahen ebenjo wenig al3 bie 
Schwarzen, welche ihm, der einer äußerjt ſeltſamen 
Reihäftigung oblag, mit geipannter Aufmerkſamkeit 
zujhauten. Er war über eine große Kiſte aus 
weißem Holz gebeugt, die mit Latten, weldje aus 
einander ftanden, verſchloſſen war. Die Kiſte mußte, 
nad dem Geräuſch, das von ihr ausging, ein jonder- 
bares und gereizte Tier enthalten. Es Fang wie 
ein Reibeiſen, welches heftig über einen ſehr harten 


Gegenjtand Hin und her geführt wird. Dir. Scott . 


hielt in jeiner rechten Hand einen Stock, an deſſen 
äußerftem Ende er einen großen Wattefnäuel be= 
feitigt hatte, und mit diefem Wattelnäuel, den er von 
Zeit zu Zeit mit einer waflerfarbenen Flüſſigkeit 
aus einer großen Flaſche begoß, fuhr er durd) die 
Spaliere des Deckels hindurch in die Kijte hinein. 
IH empfand bald den faden und füßlichen Gerud) 
des Chloroforms. Was war das für ein Tier, das 
der Oberſt auf folhe Weile einzuſchläfern verjuchte? 
Das reibeifenartige Geräuſch wurde immer ſchwächer 
und ſchwächer. Ein Neger fagte endlich: „Jetzt ſchläft 


Aus fremden Zungen. 1895, II, 13 


613 


jie.” Der Oberft goß nun den Neft aus der großen 
Flaſche in den Kajten. Er ftöberte mit dem Stod 
darin herum, um fich des Schlafes zu vergemiljern. 
Darauf ergriff er eine Zange, riß eine von den 


Latten des Dedel3 herunter und ftürzte den Kajten 
um. Ich ſah wie zuerft ein Kopf heraus fam, ein 


unbeweglicher, mädjtiger Schlangenkopf, jo breit wie 


meine Hand, dreiedig und platt mit aufgequollenen 
Drüſen. Träge ding er am Halfe herab, unter dem 











| 


weich und wei die Haut erzitterte. Der Körper de3 
Tieres widelte fich feiner ganzen Länge nah auf. 
Er maß vielleiht acht Fuß und war armdid. Ein 
Heiner Schwanz bildete da8 Ende, das aus etwa 
zwölf Ningen bejtand. Diele jahen aus wie in die 
graue Hornhaut hineingedrechjelt. Das Ausſehen 
der Klapperſchlange war fo ſcheußlich und rechtfertigte 
den Ichrediichen Beinamen , welche der Naturforicher 


‚ diefer Art gegeben Hat — crotalus atrox — in 
ſolchem Maße, daß die Neger entjebt vor dem Tiere 


zurüdwichen, obwohl es doch im Augenblide ganz 
unshädlih war. Der Oberft öffnetg_mit der Be: 
hendigfeit eines Operateurs, der weiß, daß jeine 


ı Zeit furz bemefjen ift, mittelft des Stodes das furdt- 


bare Maul des Ungeheuers. So hielt er ihm die 
Kinnbaden auseinander, zwiſchen denen die gedop- 
pelte und am Gaumen gleichjam feitgeleimte Zunge 
rot hervorleuchtete. Nun ſah ich, wie er mit der 
andern Hand ein metallene® Juſtrument ergriff, 
einen Pelifan, wie deren ſich die Dentijten bedienen. 
Er jebte die Zange and Maul an, das ſich blutig 
fürbte. Einen Rud, und er wirft einen der Zähne 
der Schlange zu Boden. Ein zweiter, ein dritter, 
ein vierter Nud: vier lange, gefrümmte Elfenbein— 
nadeln zieht er ihr aus, zarte aber jchredliche Beiß— 


‚ werfjeuge, die gegenwärtig noch genügend Gift 


enthalten, um dem, der ſich nur ein wenig daran 


den Finger ribte, den fichern Tod zu bringen. Das 


Zier aber ſchläft mweiter mit einem blutigen Geijer 
am Rande dee Maules, da& wicder gejchlojfen ift. 
Der Oberft ergreift e8 mit feiner behaarten Hand 
mitten am Leibe. Er wirft die fchlaffe Maſſe in 
die Kiſte hinein, verſchließt den Dedel wieder mit 
drei Hammerſchlägen, lieſt die gefährlichen Hohlzähne 
einzeln vom Boden auf, legt diefelben jorgfältig auf 
den Borjprung des hölzernen für die Ankunft von 
Reitern beflimmten Perrons und ruft einen Neger: 

„Der die Bengel (this big fellow) wird ein 
bißchen verwundert jein, wenn er erwadt. Tragt 
ihn fort und laßt euch nicht einfallen, mir jede 
Woche einen neuen zu bringen.“ 

In dem Augenblide, wo er diefe Worte ſprach, 
erblidten mid) jeine Augen; Augen, die ganz grau 
waren und die von einem jonderbareu Glanze in 
jeinem roten Gefichte erjtrahlten. Er war ebenso 
wenig im unflaren über meine Perjon, als ich e3 
über die jeinige gewejen war. Das Empfehlungs- 
Ihreiben, da8 er heute morgen zugleich mit der An— 
meldung meine® Beſuches von mir erhalten hatte, 
ließ feinen Zweifel zu. Er begrüßte mid, nannte 
mich bei meinem Namen, drüdte mir die Hand und 

78 


614 


Paul Bourget. 


fagte ohne alle Förmlichkeit mit echt amerifanijcher ! verlailen wollte? Es waren Leute von Herz und 


Tamiliarität auf franzöſiſch zu mir: 


| 


Gemüt und brave Herren. Das hindert nicht, daß 


„Das ift die ſechste, Die ich feit zwei Jahren auf ſie nach einander die fieben Kinder jene Bieder- 


dieje Weife operire, und zwar die dritte in dieſem 
Sabre. Iener Jim Kenedy da, der die Kiſte fort« 
trägt, ift der Bejiker einer Sammlung von Uns 
geheuern, welche er ſich, ich weiß nicht wie, verichafit. 
Er zeigt fie von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf 
und verdient in einigen Wochen damit fo viel, daß 
er ganze Monate lang nicht zu arbeiten braucht. Das 
liegt nım einmal im Gharalter diejer Schwarzen,“ fuhr 
er achſelzuckend fort, „jobald fie fatt zu eſſen haben, 
bringt man fie nicht dazu, einen Yinger zu rühren...“ 

„Aber fie find doch glüdlih dabei, Oberft?* 
antwortete id). 

„Glücklich?“ wiederholte er brüsk; „glücklich? 
Freilich; fie find e8 nur allzu ſehr. Das ift aber 


! 


ein tieriſches Glücksgefühl, das fie noh mehr als die . 


Sklaverei erniedrigt. Ja, mein Herr,” verjicherte er 
mit einer Eindringlichkeit, in dem ich jenen purita= 
niſchen Zug fand, wovon man mir geſprochen hatte, 
„Ne würden beſſer fein, wenn fie noch Sflaven wären, 
da3 fünnen Sie glauben. ch war einer von denen, 
die Lincoln mit dem größten Enthuſiasmus folgten. 
Und ic) will auch gar nicht darüber ftreiten, nein... 
ih beftreite es wirklich nit... Man ift ja fein 
Menſch, wenn man zuläßt, daß e3 achtzehnhundert 
Jahre nad Chriſtus noch einen Sklaven auf der 
Melt gebe; aber wir haben geglaubt, daß wir olleg 
gethan hätten damit, daß wir fie befreiten. Das 
wäre doch zu einfach geweien. Von der Zeit an 
begann erft unjere eigentliche Aufgabe. Wir haben 
nicht bedacht, daß Wejen einer untergeordneten Raſſe, 
wie jene, nicht mit einemmale ohne Gefahr in eine 
bejjere Tage verjeßt werden. Sie werden traurige 
Dinge auf Ihrer Reife durh den Süden zu fehen 
befommen ... Doch, da lafje ih Sie in der Nach— 
mittagßjonne ftehen, die mir zwar nichts jchadet, die 
Sie aber fürmlih verbrennen muß. Kommen Sie 
mit ind Haus; ih will Sie Miß Scott vorftellen. 
Es ift ein ſehr beicheidenes Haus und gibt Ihnen 
eine dee davon, wie eine Sflavenhalterei in Geor= 
gien vor vierzig Jahren beſchaffen war. Rings 
herum, fehen Sie, waren Negerhütten. Ich babe 
drei oder vier davon erhalten. Die Küche bejorgte 
man außerhalb, in jenen feinen Gebäuden da. Das 
bier find die Pferdeſtälle. Ich habe bloß ıwieder 
in Stand ſetzen laſſen, was die Chaſtins hinterlaffen 
haben. Sie erfennen einen franzöfiihen Namen? 
Es war der der Tyamilie, welche hier lebte. Der 
legte von ihnen ift vor fünf Jahren geftorben. Sie 
famen von New-Orleans. Wollen Sie glauben, dag 
die Chaſtins, nad) Beendigung des Krieges durch die 
Befreiung der Sklaven ruinirt, nichtS andere mehr 
bejaßen als dieſes Stüd Land, und daß fie zehn 
Sahre lang auf demjelben lebten, ohne es zu ver= 
laſſen, ohne es zu bebauen, indem fie nur von Zeit 
zu Zeit ein Schwein jchladhteten, auf die Jagd gingen, 
von den Tomaten aßen im Gemüfegarten, den ein 
armer Neger ihnen bebaute, welcher fie niemals 


mannes verfauft hatten. 
Gitter Öffnen müſſen ...“ 

„Jener Heine, faſt komiſch ausjehende Menſch 
mit grauem Bart und Haar?“ 

„Er ſelbſt,“ ſagte der Oberſt. „Nun, da ſehen 
Sie, bis zu welchem Grade die Sklaverei den Men- 
hen entartet. Der da hat feinem Herren den Ber 
fauf der Kinder nie verargt. Er fand und findet 
es noch ganz natürlih, daß fie über feine Söhne 
wie über junge Schweine oder junge Kälber verfügten. 
Und er liebte feine Herrſchaft und feine Herrſchaft 
liebte ihn... Das ift ſchier unbegreiflih... Aber 
legen Sie fih nur. Ich will meine Tochter holen. 
Man hat, als ich gerade vom Lund) aufitand, mid) 
zu jener Arbeit da draußen gerufen. Hoffentlich 
werden Sie diefe meine Rolle ala Dentift für Klapper⸗ 
\chlangen nicht al3 ein Charakteriſtikum der Oberjten 
meines Landes betradhten? Diefe Schwarzen find 
jo unvorfihtig. Das eripart ihnen immerhin einige 
böje Bilje.” 

Auf diefe Weife plaudernd, waren wir in eines 
der Vorzimmer eingetreten, welches mit zwei gewal⸗ 
tigen Karibuköpfen geſchmückt war, glorreichen Tro- 
phäen, welche bewiejen, daß der Oberft ein ebenio 
pallionirter Jäger in dem fchneeigen Canada ge— 
wejen, wie er es in dem fonnigen Georgien war. 
Der Salon, an den dieſes Zimmer ftieß und in dem 
mein Wirt mid) allein ließ, war ein langes, mit 
Schaukelſtühlen möblirtes Gemach, die der angeneh- 
men Beihäftigung des rocking dienten. An den 
Wänden erinnerten eingerahmte Photographien an 
weite Reiſen. Zufällig erkannte ich auf den eriten 
Blid die Omar-Moſchee zu Ierufalem, das Varthenon, 
die heilige Agnes von Andrea, die ſich auf einer der 
Säulen des Doms zu Pija befindet, den Löwen» 
brunnen in der Alhambra. Ein riefiger Buddha 
aus Tadirtem Holz ließ über Ddieje Zeugen eines 
thatenreihen Wanderlebens das milde Lächeln des 
Propheten der Unbeweglichkeit und des Nirwana 
ſchweben. Ich erfuhr ſpäter, daß der Oberſt und 
ſeine Tochter zweimal die Reiſe um die Erde gemacht 
hatten. Ein Oelporträt von ziemlich ſchülerhaftem, 
aber ſriſchem Können zeigte in Drittel Lebensgröße 
Mr. Scott im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren 
in ſeinem Reiterdolman als Offizier der Nordarmee. 
Er war noch erkennbar, jetzt nach einem Vierteljahr⸗ 
hundert, mit ſeinem rauhen Soldatengeſicht, das in 
ſeiner unbeſiegbaren Energie dem der Generale der 
franzöſiſchen Revolution ähnelte. Ich hatte nicht die 
Muße, mich einer ſorgfältigeren Prüfung dieſes 
Salons hinzugeben und die Titel der Bücher zu 
leſen, welche in einem niedrigen Bücherſchrank mit 
ungleichen Regalen ſtanden. Die Seitenthür wurde 
ſoeben geöffnet, und ich ſah den Oberſt eintreten, der 
mit der Sorglichkeit eines Krankenwärters einen Roll⸗ 
ſtuhl vor ſich her ſchob, in dem ein Mädchen von 
ungefähr fünfundzwanzig Jahren ſaß. 


Er hat Ihnen ja das 





Der ehemalige Herr. 


Der Anblid jeder unheilbaren Krankheit, wenn 
Ni die Krankheit mit der Jugend vereint, läßt 
\hmerzlic in der Tiefe unferer Seele eine Saite er- 
fingen. Und wenn nun gar das Geſchöpf ſchön 
und gut ift, dem ſolches Siehtum in der Blütezeit 
der Jugend beitimmt ift, fo ift unfer Mitleid noch 
viel größer, Miß Ruth Scott hatte, wenn man nur 
Ba Geſicht anſah, gewiſſe zarte und doch zugleich 
usdrucksvolle Züge von jener Seelengröße, welcher 
. Alter feinen Eintrag zu thun pflegt, fie bejaß 
"en Teint, durch den die Kraft eines herrlichen 
uteg hindurchſchimmerte, einen fein gejäumten 
Mund, bei deſſen Lächeln tadellofe Zähne zum Vor⸗ 
Ichein famen, Zähne, wie die ihres Vaterd. Ihre 
beilblauen Augen erzählten von dem redlichiten und 
ftolzeften Tyrauenherzen, und um ihre edelgeformte 
Stirn rahmte fich reicheß, üppiges goldblondes Haar. 
Eine böfe, unerbittliche Krankheit, eine Krankheit, 
deren Namen bei diefer Jugend und Schönheit fait 
unglaublich klingt, nämlich ein chronischer Gelenk⸗ 
theumatismus, lähmte ihre Füße, die von Deden 
eingehüllt waren und die fie völlig am Gehen ver- 
binderten. Dagegen ließ jie ohne Sofetterie ihre 
durch Schwellungen an den Gelenken graufam .ent= 
ftellten Hände jehen, arme, kranke Hände, melde 
feine Feder mehr führen und feine Nadel mehr halten 
fonnten. Und dennoch las man auf diefem Gelicht 
eine lächelnde Refignation, ja noch mehr, eine jtrenge, 
ernfte Freudigkeit, welche der Ausdrud aller Trau- 
rigfeit eines Märtyrerſchickſals zu fein ſchien. Ich 
begriff al3bald, woher jene Heiterkeit des Geijtes bei 
einem jo großen und unabänderlichen Unglüd kam. 
Miß Ruth Hatte noch eine zehn Sätze geſprochen, 
als das Geheimnis ihrer innerlihen Stärfe mir 
bereit3 offenbar war. Sie war wie ihr Vater von 
der Verantwortlichleit der Leute ihrer Raſſe gegen» 
über den Schwarzen durdhdrungen, und bei ihr fonnte 
ih wie bei dem Vater jenen Profelyteneifer wahr- 
nehmen, den ohne Mißtrauen zu betrachten einem 
Romanen fo ſchwer fällt. Die Geſchichte der Angel» 
ſachſen wäre indeſſen unverffändlih,, wenn man bei 
ihnen nicht einen angeborenen Inſtinkt zur aktiven 
und perjönliden Miffion vorausſetzte. Miß Scott 
war nur eine von Tauſenden in diefer Hinficht, 
allerding3 viel rührender als viele andere, weil ie 
felber unglüdlih war. Noch jebt klingt mir ihre ein 
wenig barſche Stimme im Obr, jene Stimme, worin 
die Härte eines ſtets aufs Apoftolat gerichteten Be— 
wußtſeins erflang, und ich höre fie noch, wie jie mir 
in Bezug auf einen von diejen Negern jagte, deſſen 
beihauliche Sorglofigkeit ich gerühmt hatte: 

„Nein, das ift nicht immer zutreffend. Es gibt 
jelbft heute noch Rafjentragödien, die man nicht 
ahnen mödte... Es find jebt zehn Jahre her, ich 
war auf einer Schule in Bolton. Da ftellt ſich eines 
Tages ein farbige Mädchen in unjerem College ein. 
Die Leiterin desfelben beſaß Gerechtigfeitägefühl. 
Sie ließ uns alle fommen und bat ung, ihr zu ver- 
iprechen, daß wir den neuen Ankömmling als eine 
der unſrigen betrachten möchten, ſonſt würde fie ihn 


e 


615 


nieht aufnehmen. Sie gab ung eine Stunde Bedenk⸗ 
jeit. Wir überlegten mit einander, und da Die 
Meinungen geteilt waren, jo beichlojjen wir, daß 
Stimmenmehrheit entjcheiden ſollte. Dieſe war der 
Fremden günftig. Welche Graujfamteit, nicht wahr, 
wäre es auch geweſen, ihr wegen ihrer Abftammung 
das bißchen Bildung vorzuenthalten, zumal da ihr 
Vater ein angejehener Arzt war?... Sie blieb vier 
Sabre bei und. Sie war jehr intelligent, was dieſe 
Schwarzen ja oft find, und jehr rechtichaffen, was 
fie nicht immer find. Wir hatten fie jehr gern. 
Selbft die, welche nicht zu ihren Gunften gejtimmt 
hatten, hielten Wort und ließen fie nie fühlen, daß 
fie fie ala etwa3 anderes al3 eine Weiße betrachteten. 
Sie felbjt war darüber ſehr glücklich ... Da ftarb 
ihr der Vater, ohne Vermögen zu hinterlajien. Sie 
mußte nad) Savannah zur Familie ihre Großvater 
zurüdfehren. Doc, jetzt fand das Mädchen, welches 
in der beiten Gejellihaft de& Nordens zu verkehren 
gewohnt war, feinen anjtändigen Menichen, der fie 
aufnehmen oder überhaupt nur kennen wollte. Sie 
war ausfchließli auf den Umgang mit den unter- 
geordneten, groben, brutalen Leuten ihrer Raſſe an= 
gewieſen ... Sie hat fo viel gelitten, daß fie endlich 
ein Verbrechen beging. Sie endete durch Selbjtmord; 
ſie ftürzte fi) ins Waſſer. Habe ich nicht recht, iſt 
da3 nicht ein furchtbares Schickſal?“ 

„Doch warum ift fie nicht im Norden geblieben ?“ 
fragte ih. „Hätte fie fich nicht in dem Milieu, in 
welchem fie auferzogen worden war, verheiraten 
fönnen?* | 

„Nein,“ jagte jet der Oberft, „und das kann 
ih auch ſehr wohl verftehen. Die Ehen zwijchen 
Schwarzen und Weißen find bei uns nicht ftatthaft, 
und das ift auch ganz gerecht. Gott hat nicht ge= 
wollt, daß dieſes Blut fi miſche, und der Beweis 
dafür ift, daß die Mulatten faft immer jchledht find. 
Nein, nicht darum handelt es fi, die weiße Raſſe 
durch die ſchwarze zu verderben. Es handelt ſich 
vielmehr darum, aus dieſer jo lange gefnechteten 
Rafje ein Menſchengeſchlecht zu machen, das wirkliche 
Menichen darftellt, Bürger, welche wirkliche Bürger 
find, furzum, etwas anderes als Kinder oder Tiere.“ 

„Aber fie find doch bereit? Chriften?” unter- 
brad) ich. 

„Und zwar gute Chrijten,” verjehte Miß Ruth. 
„Man muß bloß hören, wie fie ihre Lieder fingen, 
worin fie von dem alten Paulus oder dem alten 
Moſes ſprechen, wie von Leuten, die fie gefannt 
haben, und mitunter ftedt Poefie in diefen Liedern! 
Erinnert Du Did, Vater, an das Lied von den 
Gebeinen und dem jüngjten Geriht? Möchteft Du 
es und einmal vorfingen ?“ 

„Ich will's verfuchen,” fagte der Oberft. Und 
ohne weiteres jeßte er fih ans Pianino. In welchen 
Alter er nur die Muße gehabt haben modte, an= 
genehm mufiziren und fingen zu lernen? Er präs 
Indirte, bejann fich auf die Melodie, und diejelben 
gewandten Finger, welche den Offizierödegen gehalten 
hatten, die Lanzette des Arztes, die Feder des Ad— 


616 


miniftrators und die vor faum einer halben Stunde 
die Zange in den Rachen der Klapperſchlange ge- 
führt, fie griffen jebt die Tajten. Es war eine 
janfte, dumpfe Weile, eine von jenen gebämpften 
Melodien, welche klingen wie das Echo eines in 
monotonem Takte zur Nachtzeit gefchlagenen Trommel— 
wirbels. Der Tert lautete ungefähr aljo: „Ich 
weiß, daß diefe Gebeine mir gehören — daß fie mir 
gehören — und daß fie wieder auferjtehen werden 
— an jenem Morgen da..." Welch ein Sat 
von herzzerreißendem und feltenem Inhalt, wenn 
man bedenkt, daß er von armen Sklaven erfunden 
und gejungen wurde, die in der That nichts anderes 


| 


| 


bejaßen, al& diefe Gebeine, dieſes Knochengerüjt, daß 


man ihnen unmöglic” aus dem Leibe heraußreiken 
konnte, um es zu verkaufen! Welch ein Elend und 
welch eine Hoffnungsfreudigfeit dabei! 


Paul Bourget. 


ein retroſpektives Schaujpiel von lediglich maleriſchem 
Reize, und als er das Pianino verließ, um jeinen 
großen, biegjamen Störper in einem Schaufeljtuhle zu 
wiegen, meinte er: | 

„Sie hätten beide Lieder von Tauſenden von 
Eoldaten auf den Märjchen fingen hören ſollen ... 
Das waren tapjre Leute, die einen wie die anderen, 
und Eoldaten bis zum lebten Augenblid. Ich Hub’ 
gejehen, wie dieje Armeen gemacht, gebildet wurden, 
täglich, jtündlich, gleid) einer neuen Stadt... Sch 
erinnere mich. In der allerlegten Zeit fragte mid) 
ein franzöjiicher Offizier, der einer unferer Paraden 
beiwohnte: „Seht, wo Sie dieje ſchöne Armee bei— 
jammen haben, wo wollen Sie nun beginnen? Mit 
Kanada oder Merito® — Mir wollen damit an 


fangen, daß wir jie alle heimjchiden zur Arbeit,‘ 


„Und fie ließen die Knochen ihrer Ferſen und | 
und ſechs Monate darauf fünfzigtaujend....“ Und 


ihrer Kniee aneinander Happern des Nachts, wenn 
wir jie dieſe Worte längs unſeres Haufes fingen 
hörten,“ meinte Miß Scott. „Wenn Sie dieſe 
Lieder gern haben, ſo werden wir Ihnen noch andere 
herausſuchen.“ 

„Es gibt einen Geſang,“ antwortete ich, „den ich 
nie gehört habe, den Sie aber kennen müſſen, Oberſt. 
Ich denke, die Neger müſſen ihn ebenfalls ſingen, 
da er der Schlachtgeſang ihrer Befreiung geweſen iſt. 
Ich meine den Marſch John Browuns.“ 

Nicht ohne Abficht Hatte ih meinen Wirt, den 
ih jo gefällig jah, um das Kriegslied gebeten, dus 
mir in feiner männlichen Schlichtheit immer einen 
ſolchen Eindrud made: 

„Der Körper Iohn Browns — wird im Grabe 
faulen. — Heil, Heil, Hallelujah! — Aber jeine 
Seele wird gen Hinmel ſchweben.“ 

Sch rechnete darauf, daß dieje Marjeillaife der 
Nordarmee ihm Gelegenheit zu der Mitteilung 
einiger Sriegäabenteuer geben würde, wie die Sol— 


Daten fie zu erzählen lieben. Doc id) beurteilte die 
er 
dien ein wenig verwundert über meinen Einfall, 


erftaunliche Einfachheit diejeg Manues ſchlecht. 


gleich als ob Ddiejes Lied John Browns etwas Alt: 
modiſches, Unintereflantes wäre: „chestnut, eine alte 
Kaſtanie“, jo heißt bei ihnen der Ausdrud dafür, 
Dennoch beugte er fi von neuem über das Pianino 
und ftimmte den Kriegsgeſang an. 
einfache, lebendige und beinahe heitere Dielodie. Eie 
ift der Ausdrud des Gelbjtvertrauend, eines fat 
freudigen Selbjtvertraueng und des Mutes im Dienfte 
einer gerechten Sache. Ic betrachtete den Sänger, 
während er den für ihn mit blutigen Erinnerungen 
verfnüpsten Text ausſprach. Er ſang die Melodie 
Iujtig, wie vorgejchrieben, mit einer Miene, als ob er 
lich) darüber freute. Das befremdete mich indeljen 


Es it eine fehr 


bilden. 





nod) lange nicht jo al3 gleich darauf fein Anerbieten, 


mir den Südmarſch vorzujingen, „Das DireysLand”, 
eine echt Leichtfertige, behende und frivole Tanzmuſik. 
Der Oberſt hatte bei der Grinnerung an beide das 
gleiche Vergnügen, jo jehr war für ihn jener Bürger: 
frieg ein Ereignig aus vergangener Zeit, beinahe 


antwortete ih. Und fo war's aud. Am Ende des 
Krieges hatten wir zwölfnalhunderttaujend Mann 


Dabei zeigte er ein ſchönes Lächeln nationalen Stolzes. 
Er that ſich auf diefe Beurlaubung mehr zugute als 
auf zwanzig Siege. — Doc ernit auf jein eigente 
liches Thema zurückkommend, wie ein echter Amerikaner, 
Ihloß er: „Trotzdem haben wir nicht genug für die 
Schwarzen gethan. Man durfte ihnen weder Die 
Rechte verleihen, die man ihnen gab, noch fie jo 
gänzlich vernachläſſigen.“ | 

„Kann man denn eine Rafje beſſern?“ fragte ich. 
„In Kanada, wovon Sie eben |pradhen, und zwar in 
der Nähe von Miontreal, habe ich ein Dorf befehrter 
Irokeſen bejuht. Ihr Geiftliher jagte mir, e& fei 
unmöglich, fie über einen gewijjen Punkt hinaus zu 
Es erijtirt gleihlam im Blute eined jeden 
von und eine vorgejchriebene Kulturſchranke.“ 

„Dann müßte man eben dieje wenigſtens zu er- 
reihen ſuchen,“ meinte lebhaft Miß Ruth. — Id) 
bemerfte in ihrer Stimme jenen Klang von Unwillen, 
ja jaft von Zorn, den ſolche Apofteljeelen gegenüber 
naturwijenjchaftlicher Notwendigkeit nicht zu unter= 
drüden vermögen. — „Sie werden vielleidt eine 
andere Meinung bekommen,“ juhr fie fort, „wenn 
Sie die Schule gejehen haben werden, die wir in 
Philippeville gegründet haben.” 

Als ich den Oberſt verließ, hatten wir aud) bereits 
ſchon ein Rendezvous zu dieſem Beſuch verabredet. 
Sch Sollte meinen Lund) bei ihm einnehmen, und dann 
follten wir nad) der Schule fahren in Geſellſchaft 
feiner Tochter, die mitteljt eines jinnreichen und von 
ihm vervollitändigten Apparates vom Rollſtuhl in 
den Wagen gehoben werden konnte. Er erzählte 
mir, was wir an jenem Nachmittag alles anfangen 
würden, indem er mich durd den Park hindurch zu 
meinen Wagen zurüdbegleitete. Wir hatten einen 
andern Weg eingefchlagen als den, auf welchem id) 
angefommen war, und al3 wir zu einem kleinen mit 
Bäumen bewadjenen und von niedrigen Mauern 
eingejchloffenen Orte gelangten , jagte mein Führer: 

„Sehen Sie, da8 ijt der Kirchhof, wo die Chaſtius 
alle jeit Hundertfünfzig Jahren begraben worden find. 
Wollen Sie die Gräber jehen? Derartige Winkel 


Der ehemalige Herr. 


bilden ein Stück Altamerifa, das die Reiſenden oft 
und allzu jehr über dem neuen Amerifa vergefjen. 
Ind dennoch ift dieſes ohne jenes unverftändlich.“ 
. ‚Wir betraten alſo den Kirchhof. Die üppig 
ſprießende ſüdliche Vegetation hatte gegenwärtig dieſe 
ungefähr dreißig Quadratmeter in einen ungeheuren 
„mentorb verwandelt. Wilder Jasmin, Weildorn, 
Saßblatt, Narziſſen wuchſen da bunt durch einander. 
dinghflangen wanden ſich an den Bäumen empor, 
gelbe Roſen von der Art jener Miniaturroſen, 
A = banksias nennt, Hetterten in dichten Büſcheln 
SM dunklen Cypreſſen hinauf. Steine, von der 
geit derivittert, wurden in diefem jugendjchönen und 
Iruhlingsduftigen Garten fihtbar. Ich bog die 
jaftigen Zweige und die Schönen Blumen auseinander, 
um einige Grabjchriften zu entziffern. Der neueite 
diefer Steine war zweifellog von Mr. Scott gejeßt 
und mit einem eingemeihelten Säbel geihmüdt. Ich 
(a3 die Infchrift und jah, daß dies das Grub des 
legten der Chaſtins war und daß diejer lebte Träger 
des Namens ebenfalls Oberſt, doch in der fonföderirten 
Armee geweien war. Dicht Daneben, auf einem andern 
Grab, das ganz unter der Vegetation verftedt lag, 
unterichied ich das Datum 1738 und die Worte: 
„New⸗-Orleans“. Ich begriff, daß der Nachfolger 
der entſchwundenen Herren die fromme Abjicht gehabt 
Hatte, den Stifter der Beſitzung und alle feine Nach— 
Tolger der Neihe nach neben einander ruhen zu laſſen. 
Die Humanität, welche er bier auf diejem Friedhof 
xibte, rührte mich ſehr. Ein ganzes franzöfijches Ge- 
Tchlecht Schlief hier. Es war einjt mächtig gemwelen, 
zund niemand war übrig geblieben, um jein Andenken 
Zu ehren, außer einem hochherzigen Feinde, der jein 
Mrbe angetreten hatte Und der Frühling ver= 
Ähmendete feine Pracht an diefem Aſyl der Trauer 
mit jener rühmlichen Gleichgiltigfeit der Natur, Die 
man haßt, wenn man jung ift, und die man liebt, 
wenn man zu altern beginnt. Wenn wir darüber 
nahfinnen, wie gering wir doch find, fo nehmen wir 
Die unvermeidliche Vernichtung leichter mit friedlichen 
Gemüte hin. Obwohl al® Mann der That und ala 
Kriegsheld der Oberjt nicht ganz diejelbe Empfindung 
haben mochte, fo ließ ihn doch jene Heine Zotenoafe, 
welche zu jo fonnenheller Stunde allein das Geſumm 
der Fliegen belebte, durchaus nicht gleichgiltig.. Er 
ſchwieg wie ih, und erft al3 wir wieder draußen 
waren, jagte er mit feiner gewohnten Lebhaftigfeit: 
„Sie haben gejehen, daß der Kirchhof in gutem 
Stande fich befindet. Eine von ihren alten Sflavinnen 
läßt ji) das angelegen fein. Man nennt fie Tante 
Sarah. Sie werden fie in der Schule fennen lernen; 
fie beforgt dafelbft den Haushalt der Kinder. Diele 
ihre Anhänglichteit gereicht den Chaſtins zur Ehre 
und fie macht mir jenen Ort völlig teuer. Ja, es 
ift ein Vergnügen, wenn man bedenft, dag man 
ein Haus befißt, welches durch vier oder fünf 
Generationen Hindurd) von guten Leuten bewohnt 
war. Das ift gleihjam ala ob es feine Unglüdlichen 
um eirıen gebe. Sie werden Sehen, wie zufrieden die 
Leute Wliden. Ein bißchen gejalzenes Schweinefleiſch 


617 


und einige Früchte: damit find fie jo vergnügt, als 
befäßen jie die Millionen aller Billenbewohner von 
Newport... Doch da Steht Ihon Ihr Wagen...“ 

Meine feine Kaleſche erwartete mich ganz in der 
Nähe und zwar fajt unmittelbar an dem Thore des 
Kichhofe. In dieſer zartjinnigen Gaftlichfeit er— 
fannte ih das liebenswürdige Weſen der Kranken. 
Der Oberjt gab dem Kutſcher einige Inſtruktionen, 
und ala er zu mir fagte: „Alſo Dienstag um ein 
Uhr!” und mir die Hand dabei drüdte, jo fühlte ich 
mid) faſt verfuht zu antworten: „Dienstag? .. 
Das ift mir ja viel zu lange biß dahin!...“ Die 
Driginalität feines Charakters, das edle Antlik jeiner 
Tochter, das Malerifche ihre Heims hatten mir in 
kurzer Zeit ein Intereſſe eingeflößt, wie e8 die Roman— 
ſchriftſteller von Beruf vielleicht ‚allein verjtändlich 
finden werden. Unjere Phantaſie ift wie verzaubert, 
und wir haben den leidenſchaftlichen Wunſch, alles 
über jemand zu erfahren, feine Luft zu atmen, jein 
Leben zu leben, jeine Gedanken zu denfen. Als ich 
auf fandiger Landftraße nad Philippeville zurüdfuhr, 
bemerfte ich faum die Schönheit der mich umgebenden 
Landichaft, jo jehr war ich in Sinnen verfunfen über 
diefe beiden mir vor wenigen Stunden noch völlig 
unbefannten Dienfchen. Sch mwunderte mic), wie der 
puritanifche Eifer, in dem fich ihre Vorfahren verzehrt 
hatten, noch mit ungelöjchter Glut in ihnen forte 
brannte. Ich fand in ihrem Befehrungsfieber deu 
Atavismus der Paſſagiere des Mayflower wicder. 
Ich ftaunte ob der Beharrlichkeit des Raſſengefühls, 
welcher fie trotz dieſes Apoftolates die Heirat einer 
der ihrigen mit der beiten ihrer ſchwarzen Schüblinge 
al3 eine Schmad betrachten ließ. Ih dachte an deu 
geijtigen nd Förperlihen Reichtum diefer Mannes« 
natur, die fünf oder ſechs verjchiedene Berufsarten 
und eine fechzigjährige Arbeit nicht zu erichöpfen ver« 
mocht hatten, an das traurige Geichid ſeines Kindes, 
an den Zauber dieſes märchenhaften Landes, an die 
londerbare Erjeheinung Mr. Scotts, wie er einer 
hloroformirten Klapperichlange die Giltzähne auszog. 
Kurzum, bunderterlei Gedanken gingen mir durd) den 
Kopf, die in mir den Wunſch lebendig madıten, 
jobuld als möglich” den Mann wieder zu jehen, den 
ich heute erft fennen gelernt hatte. Ich ahnte nicht, 
dab ich ihm am Diendtag unter ganz anderen Um— 
ftänden wieder begegnen würde, fern von dem traus 
lihen Zund), bei dem Miß Ruth die Honneurs zu 
machen pflegte, und ich ließ mir nit im Traume 
einfallen, daß ich in feiner Gejelihaft an einer 
Treibjagd teilnehmen würde, die für einen Pariſer 
Chhriftiteller noch weit jonderbarer war als eine Jagd 
auf Klapperſchlangen. | 

Ich hatte dem Oberjten meinen Bejuch am Freitag 
gemacht. Während der folgeuden drei Tage fiel ein 
in jenen warmen Klimaten häufiger Regen nieder, 
der die Atmojphäre, anftatt fie abzufühlen, mit heißen 
Dämpfen zu erfüllen ſchien. Ans Hotel gefejjelt, 
hatte ich feine andere Zerſtreuung als zuzuſchauen, 
wie das Waſſer unaufhörlich niederflutete, und mit 
dem Wirt zu plaudern. Ich war jo boshaft ge= 


618 Paul Bourget. 


wejen, ihm meine Begegnung mit einem jener furcht« 
baren Reptile zu jchildern, deren Vorhundenjein er, 
glaube ih, auch daun noch hartnädig geleugnet haben 
würde, wenn er eines davon mitten auf feinem 
Tennisplatz fich hätte jonnen fehen. 

„Die Neger werden die Schlange aus Tylorida 
geholt haben,” Jagte er mir. „Sie haben die Manie, 
diefelben lebendig einzufangen, um fie an irgend 
einen zoologischen Garten zu verfaufen.” — (Er fagte 
einfach: „an einen 300”, der Kürze halber). „Mr. Scott, 
der ſonſt ein fo guter Menſch ift, ſollte ihnen nicht 
derartige Dienfte leiften, welche fie in ihrem Thun 
noch ermutigen, ganz abgejehen davon, daß die 
Schlange leicht während der Operation hätte erwachen 
können . . . Aber der Oberit ift immer viel zu gut 
zu den farbigen Leuten geweſen. Manchmal wird 
ihm da3 ſchön vergolten. Hat er Ihnen nicht erzählt, 
daß gegenwärtig ein ehemaliger Diener von ihm, ein 
gewiller Henry Seymour, im Philippeviller Gefängnis 
fibt, den er wegen Diebſtahls entlafjen hat und der 
feitdem im Lande herumplünderte?... Der Mann 
hatte fih nach einem Morde in den Wald geflüchtet 
und daſelbſt mit jeinem Wincheiter ein Jahr lang 
gelebt. Er ſchoß jo gut, daB er der Schreden aller 
anderen Neger war. Die Feiglinge lieferten ihm 
Eſſen, Whiskey und Patronen. Endlih hat man 
ihn befommen. Ein falicher Freund that ihm Opium 
in den Whisky und Tieferte ihn dann aus. Man 
hat dem Seymour den Prozeß gemacht und ihn zum 
Tode verurteilt... Wollen Sie glauben, daß Mr. 
Scott empört darüber war, daß man den Mann 
- auf folde Weife dingfeft gemacht hat? Er hat e3 
durchgefeßt, daß man die Hinrichtung aufſchob. Er 
iſt nad Atlanta gereift, um ein Gnadengefuch durch— 
zufegen. Das ift ihm übrigens nicht geglüdt, und 
nun wird die Sanaille gehenkt werden... .* 

„Aber der Oberſt muß doch wohl noch andere 
Gründe al3 dieſen Verrat angegeben haben, um für 
Nachſicht mit ihm zu plädiren?“ 

„Gewiß. Er hat behauptet, Seymour wäre zu 
jung befehrt worden. Sie haben doch Menſchen in 
braun und weiß geftreiften Anzügen mit Setten an 
den Füßen auf den Landſtraßen arbeiten jehen? Das 
find unjere Zwangsarbeiter. Der Burjche hat eben= 
falls dieſe Beſchäftigung verrichten müllen. Ich 
erinnere mid) feiner. Er war freilich erft fiebenzehn 
Sahre alte Doch warum hatte er ſchon zwei Dieb» 
jtähle begangen, ganz abgejehen von dem bei Mr. Scott, 
für den er nicht einmal bejtraft wurde?“ 

„Siebenzehn Jahre!” antwortete ich, „das ift troß« 
dem noch jehr jung. In diefem Alter ift man nod) jehr 
leicht zu beeinfluffen, und eine ſolche Geſellſchaft von 
Zwangsarbeitern wird faum einen Charakter befjern, 
der zum Böfen neigt... .“ 

„Well,“ meinte Williams, „viele von ihnen bleiben 
ein, zwei Jahre an der Kette und dann beginnen fie 
ein neued Leben. Wenn bei uns ein Menjch feine 
Schuld bezahlt Hat, jo glauben wir Amerifaner, daß 
diefelbe auch wirklich bezahlt if. Seymour hätte die 
jeinige durch Arbeit abbüpen fönnen. Er hat es 


indeljen vorgezogen, fich jo zu führen, daß eine andere 
Buße notwendig geworden ift. Daß ijt feine Sade... 
Würde es Sie übrigens nicht interejliren, der Hin- 
richtung beizumohnen? In Georgien haben wir die 
Flektrizität nicht eingeführt. Wir halten es nod mit 
dem Galgen. So können Sie ja Bergleihe mit 
Frankreich anftellen. Sie haben die Guillotine, nicht 
wahr?...” 

„Ich babe fie niemals funktioniren ſehen,“ fagte 
ih zu ihm, „und ich zweille, daß meine Nerven 
fräftig genug jein werden, um zuzuſchauen, wie ein 
Menſch gehenkt wird.” 

„Ich werde immerhin für Sie beim Sheriff ein 
Billet beitellen,“ meinte der Hotelier, „ob Sie nun 
Gebrauch davon machen oder nicht.“ 

Er hielt Wort, und zwei Tage darauf, am 
Montag, hatte ich die verſprochene Einlaßfarte. Doc 
am Abend desjelben Tages kam er im Hotel an mid 
heran, um mir mit der bejorgten Miene eines guten 
Bürger, den eine Nachricht betrübt, und eines 
Wirtes, der in feinen Intereſſen durch einen ärger 
lihen Zufall geihädigt wird, folgendes zu jagen: 

„Run! Willen Sie ſchon die Geichichte? Sie 
werden von Ihrem Erlaubnisſcheine keinen Gebraud 
machen können. Der verdammte Kerl, der Seymour, 
wird nicht hingerichtet werden.“ 

„Hat Dr. Scott fein Gnadengeſuch durchgeſetzt?“ 
fragte ih. 

„Nein, aber der Lump ift entwiiht. Man gab 
ihm zu viel Yreiheit in feiner Zelle. Er befam viel 
Beſuch. Jemand hat ihm ein Meſſer zugeftedt, und 
wie ihm Heute nachmittag der Wärter das Eſſen 
brachte, hat Seymour den Augenblid benützt, wo der 
Mann die Schüjjel auf den Boden fehte, und hat 
ihm das Meſſer da zwifchen die Schultern gejtopen. 
Der Wärter fiel jofort tot nieder. Seymour nahm 
ihm den Revolver, die Schlüffel und befreite jo noch 
jieben andere Schwarze und Mulatten, die wie er 
gefangen waren. Und die acht Verbrecher entwijchten 
durch eine Hinterthür des Gefängnifjes, welche nad) 
dem Dorfe hinausgeht. Sie haben das Glüd gehabt, 
daß niemand fie bemerkte, fo daß ihr Ausbruch erft 
zwei Stunden |päter befannt wurde. Und nun find 
fie im Walde bei dieſem Regen und den aufgeweichten 
Megen, wo man ihre Spur nicht finden wird. Weiß 
Gott, wenn man fie wieder erwilchen wird! Halte 
ich nicht reiht, als ich Ihnen jagte, der Oberft ſei zu 
nachſichtig mit diejen Leuten? Hätte er feinen Aufs 
hub erbeten, jo wäre Seymour bereit8 in der ver« 
Hangenen Woche gehenft worden, der Wärter wäre 
noh am Leben und unferein® würde nicht jeine 
Kundſchaft einbüßen. Ich follte nächfte Woche eine 
Millionärsfamilie aus Philadelphia beherbergen. Nun 
brauden fie bloß von dieſer Flucht in den Zeitungen 
zu lejen und fie werden Furcht befommen und werden, 
in der Meinung, Georgien fei nicht ficher, nad) 
St. Auguftine gehen... .* 

Sch felbjt war zu ſehr an die Leltüre der von 
Williams gefürchteten Zeitungen gewöhnt und an ihr 
ſeltſames „Vermiſchtes“, al8 daß ich mich weiter ge⸗ 


Der ehemalige Herr. 619 


wundert hätte über jeine Erzählung. Verläßt man | weitere Vorbereitungen dem Oberft auf einem der 
einmal die großen Zentren, fo ift und bleibt Amerika | Wege, die den gewaltigen Terpentinforft um Philippe: 
Immer noch das Land der Handjlreiche, die hier mit | ville durchqueren. Mein Pierd war ein Tier aus 
einer Kühnheit ausgeführt werden, welche feine Gefahr | Kentudy, fehr janft und auf jenen Galopp dreifirt, 
beeinträchtigt, Trohdem hatte ic, ein friedliebender | den die Amerifaner den single foot nennen — eine 

De · romaniſcher Literat, mir keineswegs träumen ſchnelle und wiegende Gangart, die ich ſonſt nirgends 
En daß ich in die tragiſche Geſchichte eines aus gefunden habe. Unſer kleines Gefolge ſetzte ſich, wie 

bj an engnifle ausgebrochenen Banditen mit ver» | ich jpäter erfuhr, aus einfadhen Kaufleuten zuſammen. 

der t werben fönnte. Ich brachte den Abend nad Abgejehen von den Gamaſchen, waren ſie alle wie 

ig h tzählung Williams dgmit zu, nadyzufinnen, wie | in ihren Comptoir gekleidet, nur zeigten fie im 
eim Dejeuner am folgenden Tage den Oberften Geſichtsausdruck eine feltene Energie und eine nicht 

am eheften dazu bringen könnte, mir von feinem | geringere und nicht minder erftaunlihe Gejdhitlichkeit 
früheren Diener zu fprechen. Ic hatte nämlich aus | im Reiten. Offenbar hatten fie alle einen andern 
den wenigen Andeutungen des SHotelierd entnehmen Beruf ausgeübt, bevor ſie in diefem gottvergeljenen 
fönnen, daß dies eine empfindliche Stelle im Herzen | Winfel von Georgien der eine als Krämer, der 
des Vhilanthropen von Scott? Place fein mußte. | andere al3 Sattler, diejer als Paſſementeriewaren⸗ 
Der jonderbare Mann jollte mir diefe Ungewißheit | händler, jener ala Inhaber eines Beerdigungs— 
eriparen, denn am Diendtag Morgen um neun Uhr | magazin ſich etablirt hatten. Mit Ausnahme des 
überbrachte man mir feine Karte mit einigen fehrift- : Oberften und meiner felbjt priemte die ganze Kara— 
Iihen Worten. Er wartete unten auf mid. Ich | mwane. Ich jah wie ihre Kinnbaden ſich Hin und ber 
fand ihn im Jagdloftüm, wie das erftemal, feine | bewegten und wie die Sarabinerläufe düfter neben 
Beine jtedten in hohen Ledergamajchen, feine Stiefel ; den in automatischer Beichäftigung begriffenen Ge- 
waren mit gewaltigen Sohlen verjehen. In der | fichtern blinften. Die Hunde, acht Heine Tiere, die 
Hand hielt er einen Karabiner. für einen Laien wie ich wie die gemöhnlichiten Jagd- 
„sh bin gekommen,“ jagte er, „um Sie um Ent |; hunde ausſahen, liefen vor uns, neben uns, zur 
Thuldigung zu bitten, wir müfjen das Frühſtück | Rechten, zur Linken, ſchnüffelnd, jtugend, umfehrend, 
auf ein anderesmal verihieben ... Sie wiljen ; eine Spur wieder aufnehmend und bald wieder ver« 
Toohl, daß mehrere Sträflinge auß dem öffentlichen | laſſend. Das Unwetter vom vorigen Tage hatte 
Gefängnis entwidher find, unter anderen ein zum | aufgehört, und der Morgen nach diefer mehrtägigen 
Zode Berurteilter, ein ehemaliger Diener von mir...” | Sintflut war feucht und fonnenglänzend. Obgleid) 
„Dan hat e& mir gejagt,” antwortete ih, „und | die Waldwege bereit3 fait den ganzen Regen aufs 
caud), daß Sie fehr gut zu dem Unglüdlichen gewejen |; geiogen Hatten, jo war dennoch alles überſchwemmt, 
ind...“ die Heinjten Flüſſe jelbft, welche fich in ein nahes 
| 
1 








„Dan bat Ihnen nicht die Wahrheit erzählt,“ | Waller ergojjen, waren übergetreten, und wir hatten 
verießte er, „Doch daran liegt übrigens wenig. Das, | in einem fort Büchlein zu überjchreiten, die fich in 
worauf es jebt anfommt, ift, ihn wieder zu faffen, ji förmliche Seen verwandelt hatten, in denen unjere 
damit er nicht von neuem die Umgegend unficher : Pferde bis an den Bug verjanfen. In den großen 
made. Wir haben fofort telegraphirt und blood | Wäldern von Georgien und Florida haben die Neger 
hounds von Atlanta fommen lafjen, Hunde, die auf | die Gewohnheit, da3 Harz aus den Terpentinbäumen 
den Mann dreifirt find. Ic Habe zehn Bürger zu | zu entnehmen, indem jie diejelben anjchneiden. Diejer 
diefem Zwecke refrutitt. Für alle Fälle habe ih Einſchnitt ift fo tief, daß infolge defjen ein jtärferer 
Ihnen auch ein Pferd mitgebracht, wenn Sie mit und | Wind genügt, um den Baum zu breden. Nun hatte 
fommen wollen... .“ ‚ vorher ein wahrer Sturm ſich während zweimal 

„Warum nicht ?” erwiderte ich ihm nad) einigem | vierundzwanzig Stunden über die ganze Gegend ente 
Zögern, „voraußgefeßt indeſſen ...“ feſſelt. So kam e3, daß wir immerwährend über 

„Sie fürdten irgend eine Lynchjuſtiz?...“ Baumjtämme hinweg zu ſetzen hatten, welche den Weg 
unterbrach mich der Oberft, der mir meine Gedanfen | verfperrten. 
von den Augen abgelejen hatte. „Seien Sie un „Die Schwarzen nennen die umgeftürzten Stämme 
beforgt. Wenn ich dabei bin, dürfte man Derartiges Orkane,“ jagte der Oberſt erflärend zu mir. Das 
niht wagen... Haben Sie eine Flinte? ...“ | Bellen der Hunde, welche jebt eine Spur verfolgten, 
Und auf meine verneinende Antwort meinte er: „Sie ' belebte die Frühlingslandſchaft mit einem gar ſelt— 
brauchen übrigens feine. Sie find nicht aus diefer | famen Lärm. Da ich feine Alltagsjorgen hatte, wie 
Gegend und brauchen infolge defien nur Zuſchauer ! jene Reiter auf ihren Gefichtern ſolche erkennen ließen, 
zu fein, das ift ganz natürlid. Außerdem ijt nur ; indem fie hinter einander im Schritt herritten, den 
dieſer Seymour bewaffnet und zwar bloß mit einen Zügel um die Fauſt gewidelt, die Augen zu Boden 
Kolt Nr. 48, dem des Wärters. Wenn er feinen geſenkt, die Büchje in der Hand, jo hatte ih Muße, 
Winche ſter hätte, würde ih Sie nicht mitnehmen, ' daran zu denken, mit weldem Schreden diejes laute 
denn Dann würde er fih nicht fangen laſſen, ohne |; Hundegebell von ſieben oder acht Unglüdlichen gehört 
fünf o Der ſechs von uns niederzujchießen ...“ werden fünnte, die entiveder im Verſteck unbeweglic) 

3wanzig Minuten Später und ich folgte ohne daſtehen oder im wilden Lauf dahinſtürmen mochten, 








620 


indem fie nit zitternden Armen die Zweige zerteilten, 
vor Angſt feuchten, vor Erſchöpfung wankten. Plötzich 
ſtürzte die Meute, Die ſoeben ſchnüffelnd inne gehalten 
hatte, auf einen Seitenweg mit ſolcher Wut los, daß 
wir ſie bald aus dem Geſicht verloren hatten. Der 
Oberſt befahl uns allen, ſtehen zu bleiben. Er horchte 
einige Augenblicke mit der geſpannten Aufmerkſamkeit 
eines alten Praktikus, der gewohnt war, die Geräuſche 
in Entfernungen umzuſetzen. 

„Die Hunde ſind ſtehen geblieben,“ ſagte er 
endlich, „ſie haben einen. 


bilden, um ſie und den Mann einzuſchließen.“ Auf 


Paul Bourget. 


gequälten Gewiſſens auf dieſem männlichen Geſichte 
miſchte ſich mit dem Ausdruck kriegeriſchen Trotzes. 
Auf einmal ſah ich fein Antlitz ängſtlich erzittern. 
Der Oberſt hatte von neuem fein Pierd angehalten, 
jeine Hände erfaßten frampfhaft den Karabiner und 
langjam machte er die Waffe jchußbereit. Ich beugt: 
mich über den Hals meines Pierdes, erblidte da: 


| Ufer des Fluſſes und ſah, wie die Hunde dichtgedrängt 


Mir müffen einen Kreis 


jein Geheiß verteilte ih in wenigen Minuten die 


Heine Truppe zwiihen den Bäumen. Ich fah jet, 
wie die Neiter nad) einander ſich im Dickicht verloren, 
indem fie den Zügel losliegen und die Büchſen ſchuß— 
bereit hielten. 
zu fühlen, wohin fie gehen mußten, 
bloß einen Drud mit dem breiten, hölzernen und mit 
Leder überzogenen Steigbügel, worin der Fuß auf 
merifanische Art rubte, und das Tier wandte ich, 


Die klugen erde Schienen inſtinktiv 
Der Meiter gab 


oder es trat vorjichtig in die Waſſerlachen, oder es 


nahm die Hinderntife in Geſtalt der großen allent- 


mit dem Hufe zu berühren. Der Oberſt und id 
blieben allein und wandten und nach der Richtung, 
aus der das Gebell fam. Wir waren noch feine 
zweihundert Meter weit geritten, als wir langſamer 
vorwärts dringen mußten. Der Fluß — einer von 
jenen feinen, meift unbenannten Flüſſen, wie fie da 


hinter dem Kopfe eines Menſchen herſchwammen. 
Dit einem Arm ſchwamm der Unglüdliche, während 
er ınit dem andern einen Revolver über das Wailer 
hielt. Langſam, faſt unmerklich fam er vorwärts, in- 
dem er, gegen die Strömung anfämpfend, eine über: 
ſchwemmte Brücke zu erreichen juchte, deren eiſerner 
Anfer noch fünf Meter über das Waſſer hinausragte. 
Dieſer bildete jeine einzige Hoffnung, über den Fluß 
hinwegzukommen, dejjen reijende Strömung man un 
der Schnelligfeit erfennen fonnte, wonit die Bäume 
auf demfelben dahintrieben. Wie durch ein Wunder 
wurde der Schwimmer von feinem derjelben erjapt- 
Er kämpfte ſchon geraume Zeit gegen die Strömung, 
ohne den Mut zu verlieren. Und als ihm nun die 


Meute ganz nahe Fam, drängend und heulend, dod 
halben herumlicgenden Baunjtämme, ohne diejelben 


drüben breit wie die Etjch oder der Po zu Hunderten 


fliegen — war übergetreten. 
Yeinem ſchlammigen Gewäſſer den Teil des Waldes, 
wo wir zu reiten hatten. Der Oberſt ritt voraus, 

„sch ferne den Meg ein wenig,“ fagte er zu mir, 
„und jo rizfire ich weniger, daß mein Pferd in irgend 
einem Loche fteden bleibt und ein Bein bricht.” Ich 
Jah ihn eine Pferdelänge vor mir. ein troß des 
Alters ſonſt noch behender Körper erfchien mir heute 
etwas ſchwerfällig. 
neigte fih ein wenig, wie um auf das Geräufch zu 
hören, auf das wir zuritten. Ich erblickte fein ernſtes, 


Er überſchwemmte mit 


Zeitweile bewegte er ji und 


entſchloſſenes Profil von einer Traurigfeit erfüllt, die | 
ic) mir zur Genüge aus den Jndisfretionen des Ho« | 


teliers ſowie aus dem eigentümlichen Charakter des 
Oberſten erklären könnte. Selbſt jetzt, wo er feine 
Pflicht als guter Bürger erfüllte und auf einen Bri— 


ganten Jagd machte, ſah er ohne Zweifel dieſen Bri⸗ 


ganten im Geiſte noch als ſeinen Diener: als einen 
kleinen, jungen Menſchen, der ſaſt noch Kind war. 
Der Kontraſt zwiſchen dem Tage, wo er Seymour 
nad einem geringfügigen Vergehen fortgejagt hatte, 


und dem heutigen, wo er durch den überſchwemmten 
Wald einen Trupp führte, um den ehemaligen Diener, 


welcher ein Verbrecher geworden war, einzufangen, 
war zu Stark. Bei feiner puritanifchen Auffaſſung 
von der Verantmwortlichfeit der Menſchen mußte der 
Oberſt jich dDiefe beiden Epijoden vergegemmvärtigen und 
ih jagen: „Ich hätte das verhindern fünnen, wenn 
ich weniger ftreng geweſen wäre.” 


Die Sorge eines | fein Baum befand ſich mehr vor ihm. 


ohne ihn zu beißen, jo jchlug er mit dem Stolben 
feiner Waffe nah ihren Schnauzen. Dadurch trieb 
er jie ein wenig auseinander und es gelang ihn, nodı 
ein Stück vorwärt3 zu kommen. Offenbar jparte 
er den Revolver zu einem wirfjameren Gebraud) auf, 
für den Fall, daß er auf die einzige Hoffnung, zu 
fliehen, verzichten mußte. In dieſem erbitterten 
Kampfe gegen fo viele Gewalten, gegen Elemente, 
Tiere und Menjchen, Tag ein verzweifelter Mut, welder 
einem das Herz zufammenjchnürte. Wir waren jest 
dem Manne jo nahe, daß ich genau die Linien Jeines 
Gelichtes erfennen konnte. Es war ein jugendlides 
Mulattengeſicht, cher gelb ala braun, mehr an die 
Abjtammung von Weißen ala von Schwarzen ge: 
mahnend. Sein Haar war nicht kraus, nur ein Hein 
wenig geloct, die Naſe war adlerartig anjtatt platt. 
Melches Spiel der Vererbung mochte jenem Räuber 
und Mörder ein jo ariftofratifches Ausjehen verlichen 
haben? Von wenn jtammte Henry Seymour ab? Denn 
er wares. Wenn ich nad) der Bejchreibung, die mir 
der Hotelier von ihm gegeben Hatte, überhaupt nod) 
zweifeln fonnte, fo mußte mir die Unruhe des Oberjten 
den Ichten Net von Zweifel benehmen. Bieter hielt 
feinen Karabiner immer nod zum Schuß bereit, dod 
fein Finger drüdte den Hahn nit ab. Doch, hätte 
er es auch gethan, die Kugel würde ihr Ziel verfehl 
haben, derartig zitterte der Arm des ehemaligen 
Herrn, der auf den ehemaligen Diener zielte, Dann 
hob Mr. Scott den Lauf in die Höh’, ohne abzu— 
idhießen, und ſagte laut, al3 wäre er ganz allein: 
„Nein, ich kann auf ihn nicht hießen.” 

Darauf gab er feinem Tiere, das noch ein wenig 
vordrang, die Sporen. Das Wafjer war jebt fo tief, 
daß es dem Neiter bis an die Kniee reichte. Er hätte 
nur dur) Schwimmen mit feinem Pferde näher 
kommen fünnen, Er war an der Leilte des Waldes, 


Ich fah, wir 


Der ehemalige Herr. 


der jylüchtling, der feinen Revolver immer noch über 
Waſſer hielt, auf einen Ruf des Oberften die Waffe 
auf diejen richtete und gleich darauf wieder finfen 
ließ. Seymour hatte ebenfalls Mr. Scott erfannt 
und ſchoß nicht. Diefe Unentichloffenheit erſchien mir 

A einem gewohnheitsmäßigen Mörder unter der- 

ortigen Umftänden jo auffällig, daß ich troß der auf- 

genden Situation mich nicht enthalten fonnte, mid) 

„uber zu wundern. Der Mann, der jhon fo viel 
5 vergofien hatte in jeinem Leben, mußte für feinen 
* eine ſeltſame Verehrung haben, wenn er in 
tier Page vor einem Revolverſchuß mehr zurüde 
ichtedte. Oder hatte er vielleicht die Handbewegung 
de3 Oberjten gejehen und war er jicher, daß dieſer 
nicht fyeuer geben würde? Meinte er vielleicht, es jei 
thöricht, eine von jeinen fünf Kugeln zu verſchwenden? 
Möglich auch, daß der ausgezeichnete Schüße ſich außer 
ſtande glaubte, beim Schwimmen fein Ziel zu treffen. 
sch werde nie hinter da3 Geheimnis der Motive 
fommen, die ihn während diejer mit rapider Tragil 
ih ubjpielenden Ecene leiteten. Der Oberſt jchien 
niht3 von alledem zu bemerken. Aufrecht in jeinen 
Steigbügeln ftehend und jo mit feiner ftattlichen Figur 
noch ein viel beſſeres Ziel bildend, ſchrie er mit einer 
Stimme, die das wütende Gefläff der Hunde, das 
Zojen des Waſſers und das Raufchen des Waldes 
übertönte:: 

„Vorwärts, Henry, mein Junge! Zu fiehit, daß 
Du verloren bijt; ergib Did. Neun andere Gewehre 
Juden Dich, und werden in fünf Minuten zur Stelle 
ſein!“ 

Der Menſch ſchüttelte den Kopf, ohne zu ant— 
worten. Und wie wenn die Gegenwart feiner Feinde 
ihm neue Kraft verliehen hätte, feuerte er auf Die 
Hunde, jo daß einer vor Schmerz laut aufheulte und 
die anderen zurüchwichen. Nun meinte er wohl, jeine 
Waffe könnte ihm nichts mehr nüben. Er ließ fie 
ins Wafjer fallen und ſchwamm mit beiden Armen 
davon. 

„Er entwiſcht!“ rief der Oberjt, und feine hellen 
Augen blidten finjter. Er hob den Karabiner, und 
nun wußte ih, daß er nicht mehr ſchwanken würde, 
Doc dieje heroifche Selbjtüberwindung jollte ihm er= 
Ipart bleiben. Seymour war jebt gang nahe bei der 
Brüde, jo nahe, daß er den Anker faſſen fonnte. 
In demjelben Augenblide tauchte er unter, um gleid) 
darauf auf der andern Seite des Ankers zum Vor— 
jchein zu fommen. Vielleicht wäre er, wenn er, auf 
der Brüde untertauchend, vorwärt3 gegangen wäre, 
entlommen. Das Bedürfnis, nach einer derartigen 
Anjtrengung feine Glieder zu dehnen, ließ ihn einen 
Augenblick fih aufrichten, jobald er feiten Boden 
unter jeinen Füßen fühlte. Sein Rumpf erichien 
außerhalb des Wafjers, und in demselben Moment 
fnallten rechts von uns zwei Flintenſchüſſe. Eine der 
Kugeln traf den Mulatten am Arm, der glei) darauf 
ichlaff herabhing. Die andere traf den eijernen 
Anker, prallte dort ab und vermundete den Banditen 
am Fopf. Diejer führte die heile Hand an die Stirn 

und geriet ind Wanken. Inſtinktiv madte er noch 
Au A fremden Zungen. 1895. II. 13. 


621 


einige Bervegungen, um ſich an dem Eijen ſeſtzu— 
flammern. Er wurde ohnmädtig und fiel ind Waſſer. 
Doc bereit3 war der Oberft auf jeinem Pferde auf 
ihn zugeſchwommen. Berjelbe hob ihn mit kräftigen 
Arme auf und zog ihn ans Land, wo er ihn zwijchen 
den Bäumen hinlegte. Eine Viertelftunde Darauf hatte 
der ganze Trupp, durd) die Schüjje herbeigelodt, ſich 
um den Chnmächtigen verjammelt. Die Hunde frochen 
zwiichen den Beinen der Bferde hindurch und be= 
Ichnüffelten und befedten die blutigen Linnen, mit 
denen Mr. Scott die übrigens nur leichten Verlegungen 
de3 Unglüclichen reinigt. Wir erfuhren nun, daß 
Diejer in der Hoffnung, jeine Hinrichtung zu verhindern, 
eine Kranfheit vorgefchüßt und jeit mehreren Tagen 
Speiſ' und Trank zurüdgewiejen hatte. Das wurde die 
eigentliche Urfache jeines Verderbens. Wäre er kräftiger 
geweſen, jo würde er ſich nicht veripätet Haben, und 
er hätte wie die anderen eine Stunde vor unjerer 
Ankunft die Brüde überfchritten. Einmal auf der 
andern Seite ded Waldes angelangt, würde er wie 
lie eine Eilenbahnlinie erreicht und nad) Art der pro— 
fejlionellen tramps einen Zug im Fahren bejtiegen 
haben. Ich muß übrigens bemerken, daß, nachdem 
man einmal den Mörder dingjeft gemacht hatte, ſich 
niemand mehr um feine Spießgejellen bekümmerte. 
Man war defjen jiher, daß fie nicht mehr in der 
Gegend herumjchweifen würden und wahrſcheinlich 
Georgien überhaupt verlajjen dürften. Der Staat 
war jie los. „Good bye, old chums.* — Ich glaube, 
die braven Bürger von Yhilippeville hätten den 
Flüchtlingen gern dieſen herzlichen Gruß nachges 
rufen, wenn fie im Augenblid nicht mit der Pflege 
ihres Gefangenen bejchäftigt geivejen wären, an dem 
fie für alle farbigen Burjchen der Umgegend ein war— 
nendes Beilpiel ftatuiren wollten. 

Anzwilhen Fam Henry Seymour wieder zu Tid). 
Bei der erjten Bewegung, die er machte, um fid) 
aufzurichten, 309g einer der Yeute den Hahn jeines 
Karabiner auf, während zwei andere die Beine des 
Verwundeten padten und ſie ihn feit an einander 
fnebelten. 

Seymour machte übrigens feinen weiteren Ver: 
ſuch zu einem nunmehr gänzlich ausfichtälofen Wider: 
itande. Die zweite Kugel, die am Eiſen abgepralit 
war, hatte ihm die Augenbraue getroffen. Die ganze 
linfe Seite der Stirn und des Augenlides war furdt- 
bar entjtellt. Cie war bereits dick angeſchwollen, jo 
daß jih nur noch das rechte Auge zu öffnen ver- 
mochte. Der Blid diejes einzigen Auges war bei der 
Musterung unjeres Streijes jo wild und frech, daß 
einer der Jäger auf die ſchweigende Herausforderung, 
ganz unwillkürlich laut antwortete: 

„It is too late, man. — Es iſt zu ſpät, Wann!“ 

Senmour Tchien diefe Worte, welche ſchlechthin 
fein Schickſal verfündeten, nicht gehört zu haben. 
Jetzt betrachtete ihn der Oberſt und zwar mit einem 
ganz andern Blide. Ich machte mich auf irgend 
eine jeltjame oder rührende Anfprache gefaßt. Doch 
er ſagte nichts, und aud) der Verwundete jchwieg eine 
Zeit lang, bis er fid) endlich direkt an Mr. Scott, 

19 


622 


als wären die anderen für ihn nicht da, mit der Bitte 
wandte: 

„Trinken, Cherft, id) hab' Durft ... Wollen Sie 
mir zu trinten geben?“ 

Es Hang etwas Einfchmeichelndes, faft Kindliches 
in jeiner Stimme, als er den ehemaligen Herrn an— 
redete — gleihjam ein Appell an die Nachſicht, 
durd die er einjt verwöhnt worden war. Mr. Scott 
30g eine platte Flaſche aus feiner Taſche, entkorkte 
fie und hielt die Definung dem Gefangenen an die 
Lippen, indem er dabei deilen Kopf hielt, Ecymour 
tranf gierig einige volle Züge, jein Auge erglänzte 
liebevoll, er lächelte vergnügt, und wie wenn er feine 
foeben noch an den Tag gelegte Wut vergejjen hätte, 
jein gejtriges Verbrechen, feine wahnmißige Flucht 
von heute morgen, feine VBerwundung, die Gewißheit 
de8 traurigen Lojes, das ihm bevorftand, jagte er, 
mit der Zunge Ichnalgend : 

„Sa, das ift ja immer noch derjelbe Whisty, 
den wir zu trinken pflegten, wenn wir zufammen auf 
die Jagd gingen. Der übertrifft doc) jeden andern. 
Dante, Oberjt.” 

„Und nun,“ antwortete diejer, „jei vernünftig 
und laß Dich verbinden.“ 

„Belomme ich) dann noch Whisky?“ fragte Sey— 
mour. 

„Du ſollſt noch welchen haben.” 

„Und eine von Ihren Eigarren, Oberſt?“ 

„Und eine von meinen Cigarren!” 

„Dann meinetivegen ,“ meinte der Mulatte, der 
willig feinen Kopf und darauf jeinen Arm hinhielt. 
Mr. Scott hatte Verbandzeug mitgebracht. Er nahm 
es hervor und ſäuberte und verband die beiden 
Yrunden mit der Geichidlichkeit eines alten Chirurgen, 
während der Militär in ihm einen ihm unverftändlic) 
gebliebenen Punkt fich zu erflären juchte: 

„Wieſo Haft Du nit ſchon geftern abend den 
Fluß überjchritten, Henry?” fragte er. 

„Weil wir bi3 zur Georgetownbrüde gegangen 
find, Oberjt, und weil das Waſſer fie fortgeſchwemmt 
hatte. Wir konnten nur zweierlei thun: entweder wir 
gingen bis zu der zwanzig Meilen entfernten Brüde 
von Berkeley Farms oder wir fehrten zu diefer zurück. 
Da wir die Wege befjer kannten , jo haben wir die 
zweite Straße gewählt, und wir hatten unrecht. Aber 
wie konnten Sie wiljen, Oberft daß wir auf dieſer 
Seite waren?” 

„Sch wußte, daß die Brüde von Georgetown vor 
zwei Tagen zerjtört tourde,“ meinte Mr. Scott, „und 
id) dachte mir bald, daß ihr jo handeln würdet, wie 
ihr es gethan habt. Ihr habt auch gejagt: ‚Man 
hält und nicht für fo tollfühn, daß wir wieder in 
die Nähe der Stadt fommen werden.‘ — Aber Dir, 
Henry, fehlte e8 weder an Klugheit no an Mut... 
Und kann id) noch etwas thun für Dih? Der Ver—⸗ 
band ift fertig.” 

„Schiden Sie mir eine Flafche von Ihrem 
Whisky ins Gefängnis,“ meinte Seymour, „und bitten 


Paul Bourget. 


„Sie haben es gehört,“ ſagte der Oberft zu mir, 
al3 wir beide nad) der Stadt zurüdtehrten. Unſere 
Gegenwart war nun überflüjlig, und wir hatten die 
Jäger verlafjen, die ihre Vorkehrungen trafen, um den 
Gefangenen nad Philippeville zurüdzuführen. „Ja,“ 
wiederholte er, „Sie haben es gehört. Er hat einen 
Löwenmut, dieſer Junge, und er bejikt auch noch 
einige andere gute Eigenjchaften. Sie haben dod 
gejehen, daß er nicht auf mich ſchoß, als er mich er« 
fannte? ... Uebermorgen wird er gehenkt werden, 
und jein einziger Gedanke bei dem ihm fo nahe be 
borjtehenden Zode ift, ſich noch ein letztesmal zu bee 
trinfen ... jonft nichts ...“ 

„War er denn immer ſo?“ fragte ich. 

„Immer,“ meinte Scott; und mit ernſtem Tone, 
in dem ein leiſer Schmerz Hang, fuhr er fort: „Eie 
haben bemerkt, daß ich ebenfalls nicht auf ihn ges 
\hofien habe, als ich ihn vor meinem Slarabiner 
hatte, und fie mußten es unerklärlich finden, daß id 
jo einem Mörder Gelegenheit gab, zu entfliehen. 
Das ijt indefjen jehr natürlid. Man Hat Ihnen 
gejagt, ich fei jehr gut zu ihm geweſen, und id) habe 
Ihnen gejagt, daß dies nicht wahr wäre, wenigſtens 
nicht in der lebten Zeit, denn anfangs hatte ich ihn 
allerdings fehr gern. Später war er mir wider: 
wärtig aus einem eigentümlichen Grunde. Das iſt 
nun bald neun Jahre ber. E3 war in der erjlen 
Zeit meines hieligen Aufenthalts, und ich hatte noch 
nicht da3 Gut von den Chaſtins gefauft. Ich jagte 
viel, und Seymour begleitete mich ftets. Ich hatte 
ihn zufällig in der Umgegend aufgegrifjen. Ich war 
jehr zufrieden mit feiner Intelligenz, mit feiner 
Thätigkeit und auch mit feinem Charalter. Außerdem 
war er noch ein ausgezeichneter Kutſcher. Als wir 
nun eines Tages in den Wald fuhren, wurden die 
Pferde, zwei eben erft aus Texas angefommene Tiere, 
ſcheu und gingen durch. Es war ein Weg wie diejer 
hier. Sie waren nod) feine zweihundert Meter weit 
geraft, al3 der Wagen über einen Baumitamm ftürzte, 
zerbradd und wir heraußgefchleudert wurden. Wir 
ftanden bald wieder auf, ohne allzu großen Schaden 
genommen zu haben, und da die Pferde von felbit 
jtchen geblieben waren, fo machten wir ung and Wert 
und brachten unjer Gefährt wieder in Ordnung. Dann 
ſuchten wir meine Jagdutenfilien zufammen, die im 
Graſe ringsum zerftreut lagen. Es fehlte nur ein 
großes Meſſer, dejjen ich mich zum Trandjiren bes 
diente und das gewöhnlich in dem Riemen de3 Pro: 
viantforbe3 jtedte. Ich fange an zu fuchen. Ic 
jage zu Seymour, daß er ebenfalls juchen folle ... 
Wir wühlen im Graſe herum. Auf einmal, wie id 
mich umdrehe, jehe ih, daß das äußerfte Ende von 
dem Stiele des Mefjerd inwendig aus der Weſte des 
Burſchen Herausgudt. Nichtsdeftomweniger kniete er 
ruhig auf dem Boden und jtellte fich, als ob er ſuche. 
Ich rufe ihn heran und nehme ihm das Meſſer weg. 
Er beginnt zu zittern, zu weinen und jagte mir ſchließ⸗ 


lich: ‚Sch Hab’ geglaubt, Sie wären wütend auf mich, 


Eie den Sheriff, er foll fie mich austrinken laſſen, | weil ich die Pferde habe durchhrennen lafjen, und id) 


bevor e3 mit mir zu Ende geht.“ 


| dachte, Sie würden mich töten. Da hab’ id) das 


Der ehemalige Herr. 


Meſſer geftohlen . . .: 

Sohn behandelte!“ 
„Ich begreife, daß Sie ihn darnad) nicht mehr 

leiden mochten,“ ſagte ih. „Für ein Kind von ſech— 

gehn Jahren, das Sie jo gut behandelten, war dieſes 
ißtrauen abſcheulich.“ 

„Nicht wahr?“ meinte Mr. Scott. „Ich hätte 
aut bedenken müſſen, daß dieſer widerwärtige Ver— 
ein Erbteil der Sklaverei war. Die Weißen 
* en ſie ſo furchtbar mißhandelt! — Doch dieſe 

ndlungsweiſe machte auf mid) den Eindrud einer 
JU niedrigen Undankbarkeit. Sch fuhr nicht mehr mit 
Ihm aus und ſprach nur felten noch ein Wort mit 
ihm. Er behielt mich troßdem auf jeine Art noch 
gern, und ich habe dafür manche Beweiſe, von 
denn heutigen ganz abgeſehen ... Hat dad Gefühl 
jeiner Mißliebigleit bei mir in ihm die böfen In— 
jtinkte entfeſſelt? Möglich ift das immerhin. Kurz, 
bald fehlte Miß Scott ein Kleinod, eine Diamanten 
brofhe. Seymour hatte den Gegenftand entwendet, 
um feiner Geliebten damit ein Geſchenk zu machen. 
— Das Lafter erwacht bei ihnen ebenjo zeitig als 
die Eitelkeit. — Nun Stahl er anderswo. Er wurde 
feftgenommen, verurteilt und in Ketten gelegt. Da⸗ 
dur wurde er nur noch jchlechter, ftahl von neuen, 
murde wieder eingejperrt, entwifchte, mordete. Das 
übrige willen Sie... Nun mohl, ich habe immer die 
Heberzeugung gehabt, daß wenn ich ihn nach der 
Geſchichte mit dem Mefjer bei mir behalten und feine 
arme Seele gerettet hätte, ich einen anftändigen Men— 
hen aus ihm gemacht haben würde. Es war ein 
guter Bedienter. Er hatte etwas Anmutiges und 
Einſchmeichelndes in feinem Weſen ... Aber gerade 
der Kontraft zwijchen diefer Zutraulichkeit und feinem 
unerhörten Argwohn hat ihn mir verhaßt gemacht. 
So viel Heuchelei mit jo großer Tugend vereint 
empörte mich ... Hatte ih regt? Kurz, an alles 
das habe ich mid) erinnert, als ich ihn da vor meinem 
Gewehr hatte, dem Gewehr, welches er mir fo oft 
getragen hatte. Sch bin glüdlich darüber, daß ich 
nicht auf ihn geichoffen Habe. So wird cr wenigſtens 
vor feinem Tode Zeit zur Neue finden.“ 
Ereigniſſe wie die, welchen ich ſoeben beigewohnt 
batte, find nicht? Nußergemöhnliches in Philippe— 
ville, in einer Stadt, wo man fi faum erinnert, 
einmal ein Jahr zugebracht zu haben, ohne Lynch— 
juftiz zu üben. Daher nahmen die Dinge als— 
bald wieder ihren gewöhnlichen Verlauf, und ala ic) 
am Abend dieſes dramatifch bewegten Tages mir 
neuen Rihmonder Cigarrettentabaf bejorgte, erfannte 
ih in dem Händler, welcher ihn mir verfaufte, einen 
bon jenen Reitern, mit denen ich auf der Suche nad) 
Henry Seymour den Wald durdjftreift hatte. Er 
priemte mit demjelben unerjchütterlihen Phlegma 
wie zuvor, und wir |pielten auf unfer gemeinfihafte 
lies Abenteuer ebenfo wenig an, wie zwei Pariſer, 
die fich im Klub begegnen, von dem Grube jprechen, 
welchen fie im Bois de Boulogne gewechſelt haben. 
Selbeſt die Zeitung brachte nicht die übertriebene 
Darftellung von der Verfolgung, auf die ic) mich 


Er, den ih wie meinen 


623 


gefaßt gemacht Hatte. Das liegt jo im Charalter 
der Amerifaner: ihre gewohnte Sucht zur Weber- 
treibung hört in dem Augenblide auf, wo die Vers 
hältniffe wirklich ernft und tragifh werden. Was 
den Oberften anbelangt, den ich gleih am nächſten 
Tage befuchte, fo erfuhr ih, daß er in aller Frühe 
anf die Jagd gegangen war, während Mik Ruth 
ic) in ihre Schule begeben hatte. Nur Mr. Williams 
dien einen tiefen Eindrud von dem Ereignis em— 
pfangen zu haben, denn er fonnte fich nicht enthalten, 
mir feine faft unpafjende Freude zu befunden. Dod) 
er rechtfertigte diejelbe mit dem naiven Gejtändniß: 

„Die Leute aus Philadelphia, von denen ich Ihnen 
geiprodhen habe, werden übermorgen hier jein,“ jagte er; 
„ich habe ihnen joeben die Gefangennahme Seymours 
telegraphirt. Sie müſſen die Nachricht von feiner Feſt⸗ 
nehmung zur jelben Zeit befommen haben wie die 
von feiner Flucht, und fie haben mir mit diejer De: 
peſche hier geantwortet, welche mir ihre Ankunft ans 
zeigt... Ah! ich war ehr bejorgt ... Sch habe 
ganz vergefien, Ihnen Ihr Eintrittsbillet zur Hins 
rihtung zu übergeben. Seymour ift nicht jo ver= 
wundet, jcheint e8, daß man ihm nicht morgen, 
Donnerdtag, wie es beftimmt war, den Garaus 
machen follte. Ich werde Sie die genauere Zeit noch 
willen laſſen. — Doc halt,” fügte er hinzu, indem 
er aus feiner Brieftafche ein vom Sheriff auf meinen 
Namen außgeftelltes Stüd Papier hervorzog, das er 
mir zeigte: „Man hat den Titel ‚ausländifcher Doktor‘ 
darauf gefeßt, weil ich gejagt habe, Sie wären ein 
Arzt, der aus wiljenjchaftlichen Gründen (for a scien- 
tific purpose) zufehen möchte, wie jemand gehenkt 
wird.” 

„Wie ein Menfch gebenft wird,“ murmelte ic) 
unmillfürlich leiſe, als der Hotelwirt* mich verlafjen 
hatte und ich mich allein inmitten der Halle befand, 
mit dem VBorzugsbillet in der Hand. Ich erinnere 
mich: ich zerfnitterte den Papierwiſch und warf ihn in 
eine Ede dieſes öffentlichen Lofal3, um eine Schranfe 
zu ſetzen zwiſchen die Verſuchung, dem Strafakte bei- 
zumohnen, und die innere Stimme, die mir zurief: 
„Du wirft nicht hingehen!" Eine Viertelftunde }päter 
fehrte ich au meinem Zimmer zurüd, um den Er- 
laubnisfchein wieder aufzuheben. Zum Glüd oder 
auch zum Unglüd fand ich ihn noch und gab ihm 
wieder eine anftändige Form. Don dem Augenblid 
an wußte ich, daß die Verfuchung zu ſtark war und 
daß ich diefen Tod mit anfehen würde. Vermutlich 
haben alle gebildeten Dienfchen, die den furdhtbaren 
Entſchluß faßten, einer Todesſtrafe beizumohnen, dies 
jelbe nervöje Erregung durchgemacht, welche mid) 
während der folgenden Stunden befiel. Sehr mannig- 
faltige Stimmungen machen fi) dabei bemerkbar. 
Zunächſt Mitleid mit dem Unglüdlichen, dejjen Todes» 
fampf unfere Schaulujt befriedigen joll, dann Ges 
wiſſensbiſſe, daß wir wirklich dahin gehen wie zu einem 
Schauſpiel, ferner eine quälende Angjt bei dem Ge— 
danfen an das Schredliche des Anblid3 und ſchließlich 
eine Art menjchlicher Neugierde, von der ich beinah 
behaupten möchte, daß fie ein edles Gefühl in ſich 


624 


Das Myſterium des Todes, die Verant- 


schließt. 


wortlichkeit des jozialen Rechts find hinter einer dere 
Man will ihm ind | 


artigen Hinrichtung verborgen. 
Angeficht Schauen, diefem Myſterium, man will es 


verförpert fehen, nicht mehr bloß in dem falten Buch- 
ftaben des gedruckten Wortes, fondern in Tleiich und 


Blut. Wir fhauern in innerjter Seele zujammen 
wie beim Herannahen aller tragifchen und unabwend— 
baren Ereigniffe des Lebens. 
diefe Empfindung, ala id) am Donnerstag, mittags 
um halb cina, nad dem Gefängnis ging. Die Hin— 
richtung war auf zwei Uhr feitgefekt. Der Tag 


| 
| 
| 
| 


Paul Bourget. 


giltigfeit, wie wenn er mir die Abgangzzeit eincs 
Zuges mitgeteilt hätte: „Dreiviertel auf zwei!“ 
„Und warım gerade dieje Zeit?” fragte ich. 
„Der Verurteilte hat’3 fo gewollt,“ erwiderte der 
Mann. „Dan bat ihm die Wahl gelafjen von neun 
Uhr früh bis um vier Uhr nadhmittage. Er hat 


‘ dreiviertel auf zmei gewählt, um noch feinen Lund 


Ach wenigftena hatte 


ftrablte in fo hellem, frühlingsprächtigem Glanze wie | 


der vorige. Die Sonne brannte bereit3 faſt uner— 


träglih. Die Menge umftand den Verſchluß von 
kaum fünf Minuten die Schüffeln gebracht.” 


Brettern und Bäumen, der das Gefängnis umgab, und 
drängte ſich jebt dicht an den Zaun, um ein wenig 
Schatten zu haben. Dieſes Menfchengewühl bildete 
einen unheimlichen Kontraft zu einem inmitten des 
Meges einfam ſtehenden Gefährte, worauf ein ganz 
neuer Sarg Sich befand. Das oberjte Brett desjelben 
lag auf jehr Tangen Nägeln, die nur halb eingefchlagen 
waren und deren Köpfe herausragten. Doch wer in 
der heiteren, gejchwäßigen Menge mochte den Wagen 
und die Bahre betrachten? Die etwa aus zwei— 
hundert Perſonen und zwar zumeift aus Negern be= 
jtehende Verfammlung ſchaute dem Tode zweifellos 
nit jener der Raſſe eigentümlichen philojophiichen 
Gelafjenheit ins Antlit. Die Männer und Meiber 
da fannten Seymour; fie famen hin und bofften 
gar nicht eingelaſſen zu werden; fie wollten nur 
erfahren, wann und wie die Sache enden würde. 
Als ich meine Karte mit dem Erlaubnisſchein des 
Sheriff3 überreichte, hörte ich in meiner Umgebung 
einen ziemlih Larmlojen Scherz. Der Wächter 
nannte beim Einführen meinen Namen, dem er 
den von Williams mir verliehenen Titel „Doktor“ 
poranjeßte: 

„Der arme Henry!” fagte ein junger Menfch, 
„er braucht einen Arzt fehr ...“ 

Zwijchen der Einzäunung und dem Gefängnis 
— welches Tebtere ein banaler Bau aus roten FZiegeln 
war — dehnte fich eine weite, gegenwärtig leere Fläche 
aus ‚Drei Kühe weideten auf ihr und zwei Heine Sinaben 
jpielten Schlagbal. Das Nlltägliche im Dafein, da3 
man unter gewöhnlichen Verhältniſſen faum bemerft, 
wirkt immer unheimlich, wenn ein Drama id) da= 
neben ereignet. Doch war dies wirftic) ein Drama? 
Der Anblick des Raumes, den ich im Erdgeihoß des 
Gefängniſſes zunächſt betrat, konnte mid) daran 
zweifeln laſſen. Fünf oder ſechs Männer, Weiße, 
hielten fi dort auf. Sie rauchten und plauderten 
jo friedlich, wie wenn der Galgen, welcher in einem 
Kleinen und durchs Fenſter jichtbaren Hofe errichtet 
war, gar nicht vorhanden geweſen wäre. Der große, 
dunkelgelbe, mit Talg eingeriebene Strid hing von 
einem unbewegli drohenden Balfen herab. Die 
Leute beachteten ihn faum. Der, an den ih) mid 
wandte, um die genaue Stunde der Hinrichtung zu 
erfahren, antwortete im Tone volljtändiger Gleich— 


zu befommen.” 

„Seinen Rund zu befommen?* rief ich; „aber er 
wird ja nicht den Mut haben, auch nur einen Billen 
davon herunterzuſchlucken.“ 

„O, der hat ſchon Mut,” fagte ein anderer von den 
Raudern. „Sie brauchen bloß Leraufzufteigen, und 
Sie werden jehen, ob er nicht mit ebenso viel Appetit 
ißt wie Sie und id. Der Sheriff hat ihm vor 


Man Hatte mich nicht getäufcht. Als ich die 
dreißig Stufen emporgeftiegen war, welche zum 
eriten Stod führten, und mid vor der Zelle Sey— 
mour3 befand, fah ich durch die Eiſenſtäbe Hindurd) 
ifn mit dem Verbande des Oberften in einer Ede 
liegen. Er nahın aus den Händen eines alten Mannes 
eine Schüfjel mit Bratfiichen, eine zweite mit Kuchen 
und ferner eine Flaſche Wein. Der alte Mann, der 
ihm das Eſſen reichte, war derfelbe, weldyer ihn als— 
bald henken follte, der erfte Beamte der Etadt und 
fraft dieſes Titel® mit den Funktionen des Henkers 
betraut. Sein längliches und rauhes Gefidht war 
mit einer Haut bededt, die fih am Halſe zu alten 
runzelte, welche jo hart wie Schuppen fchienen. Seine 
rote Geſichtsfarbe, feine blauen Augen, fein gelblich 
weißes Haar, bildeten einen ergreifenden Kontraft 
zu dem jonnengebräunten Antliß, dem langen dunklen 
Lockenhaar, den pechſchwarzen Augen des Mulatten, 
ebenjo wie feine ſteiſe Würde zu den behenden, ſchlangen⸗ 
artigen Bewegungen, die Seymour noch bis zum 
legten Momente bewahrte. ch hatte nur noch Augen 
für dieſen Banditen, deffen lebte Stunde gejchlagen 
hatte, den ich mit übermenfchlicher Tapferkeit fein Leben 
verteidigen gejehen hatte und der jebt den Bratfiid 
der Henkersmahlzeit mit jo erftaunliher Genußfühig- 
feit verzehrte. Mit dem einen Arm, der wie feine 
Stirn verwundet und verbunden war, hielt er auf 
den Knieen die Schüljel; mit dem andern riß er die 
Stücke von dem Ejjen los. Ich fah feine behenden 
Negerfinger geſchickt die Filchrefte ablöfen. Die Gräten 
knackten zwijchen feinen weißen Zähnen. Die große 
Schüſſel, die man ihm gereicht hatte, wurde immer 
leerer. Als er die lebte Krume beruntergejchludt 
hatte, wandte er ſich zu mir, und da er offenbar 
meine Aufmerkſamkeit gewahrte, fagte er Tächelnd: 

„Sch will meinen Bauch voll mit Fiſch da ’rauf- 
tragen. — I will carry with me a belly full of 
fish, where I go!“ 

Fr erblicte darauf eine Flaſche, welche Schwarzen 
Kaffee enthielt. Er trank bedächtig mehrere Schlud 
davon, nahm darauf -einen Teller mit Süßigfeiten 
und leerte ihn mit demjelben Yangjamen Wohl: 
behagen. Der Sheriff pfiff jet eine Melodie, in der 
ich den Weitpointer Kadettenmarfch erfannte. Ich ſah, 


Der ehemalige Herr. 


wie er, über ein Paket gebeugt, ein neues Hend und 
einige Knäuel Bindfaden herausnahm. Menſchen 
lamen und gingen im Korridor. Sie wechſelten mit 
Seymour einige Worte und riefen „Henry“ in einem 
der weder mitleidig noch verächtlich klang. 
che erſchien auch Oberſt Scott und zwar in dem— 
Augenblich, auls der Sheriff dem Verurteilten 
an Hemd, in dem er hingerichtet werden jollte, 
in Fell Der braune Leib des Unglüdlichen ähnelte 
Infue er muskulöſen Magerkeit dem einer Bronze 
R - hohl der verwundete Arm ihn in feinen 
ewegungen behinderte, jo ließ ſich doch in jeder 
Musfelbewegung die behende Geſchmeidigkeit einer 
wilden Sage erfennen, und der unverjehrte Arm, die 
Schultern, die Brujt waren munderbar mobdellirt. 
Das fräftige, fo gejunde und fo junge Fleifch, dejjen 
Stunden gezählt waren, erbebie in leichtem Schauer 
bei der Berührung mit der jriichen Leinwand. Mr. 
Scott folgte, ohne ein Wort zu reden, mit den Blicken 
jenen Vorbereitungen. Bei feinem Kommen hatle 
er mir die Hand gedrüdt und hatte fich ebenfo wenig 
Darüber gewundert, mich hier zu treffen, als ich ihn. 
Als Seymour fi Gefiht und Hände gewaschen, fein 
Haar gekämmt und von ſelbſt die Arme auf den 
Süden gelegt hatte, damit der Sheriff fie bände, 
Tragte der Oberft den lebteren: 
„Rollen Cie mid mit Henry einige Minuten 
allein lafjen ?” 
„3a, Oberſt,“ fagte der alte Dann und ſah auf 


625 


langſamer und deutlicher mit der Geduld eines Lehrers, 
der nadjichtig einen Schüler lehrt. Und manche 
feiner Formeln Hangen gar feltjam unter diefen Um— 
Ständen und zu dieſer Stunde... „Und führe ung 
nicht in Verſuchung .. .“ Ich weiß nicht, wie es 
fam, aber ala ich hörte, wie der arme Teufel, deſſen 
ganze Ausficht der ſchmale Hof mit feinen hohen 
Mauern und jeinem Galgen bildete, diejen Satz nach— 
ſprach, da erinnerte ich mich an den ſeichten Scherz 
eines fterbenden Baudevilledichtere. Man fragte ihn: 
„Was hat Ihnen der Prieſter gejagt?” — „Ad!“ 
meinte er, mit dem Tode ringend, „er hat mir gute 
Ratſchläge gegeben. Hätte er mir übrigens jchlechte 
gegeben, ich wäre außer ftande gewejen, fie zu be» 
folgen...” Nicht ala ob Mr. Scott unrecht damit 
gehabt hätte, den Banditen das heiligfte aller Gebete 
ſtammeln zu laſſen. Für mic, der ich dieſe Worte in 
dieſer Meije hörte, hatten fie einen ganz beftinmten 
Sinn. Für Seymour hatten fie einen ſolchen zwar 
nicht, aber indem diefer jie dem Oberften aus Ge— 
horſam nachſprach, bewies er zum letztenmale feine An— 
hänglichfeit. Der durchaus phyſiſche und faſt tieriiche 
Mut, welchen er vorhin beim Eſſen gezeigt hatte, 
wurde nun durch einen gewiljen Zug von Idealismus 
geadelt. Er wollte nicht mit vollem Wanfte bloß 
dahingehen, wie er vorhin gejagt Hatte. Er legte 
aud) Wert darauf, verjöhnt mit dem einzigen Weſen, 
das ihm von Kind an Gutes gethan und ein wenig 
Achtung eingeflöht hatte, aus der Welt zu jcheiden. 


Ich zog mich in den Hintergrund des Korridord 
zurüd, denn ic) jebte voraus, daß die beiden Männer 
intime Angelegenheiten mit einander zu bejprechen 


jeine Uhr. „Wir haben die Geſchichte auf drei— 
u tertel vor zwei feſtgeſetzt, und jebt ift es noch nicht 
Es alb zwei...“ 


„Ich danke,“ verjegte Mr. Scott, „wir werden 
t8 furz machen.“ 

AS der ehemalige Herr in die Zelle des che- 
maligen Dieners eintrat, fam mir ein romantijcher 
Gedanke. Ich erinnerte mich unſeres vorgeſtrigen 
Geſprächs und bildete mir plötzlich ein, daß er dem 
Verurteilten Gelegenheit geben wollte, dem Galgen 
und den Todesſchmerzen zu entgehen, indem er ihm 
eine geladene Waffe oder ein ſchnell wirkendes Gift 
reichen würde. Ich hatte den Getreuen des Präſi— 
denten Lincoln, den letzten myſtiſchen Sproß eines 
Geſchlechts begeiſterter Chriſten, in falſchem Ver— 
dacht. Kaum hatte ſich das Gitter wieder hinter 
ihm geſchloſſen, ſo war der Oberſt ohne Scheu vor 
den Leuten, die ihn ſehen fonnten, auf den Stein— 
fliejen ing Snie gefunfen. Er half Seymour, ein 
Sleihes zu thun, und nun begann er: — „Vaters 
unſer ... “— „Baterunjer ... .* wiederholte der 
Mulatte — „ . .. der du bift im Himmel, dein 
Wille...” — „... der du biſt im Himmel, dein 
Wille...” Und fo ging es weiter. Der Oberſt 
\prah Die Süße des Gebetes mit Fräftiger Stimme. 
Der arıdere wiederholte fie im leifen, liſpelnden Tone 
eines Kindes. Selbft in der Haltung offenbarte ſich 
die Berjdiedenheit der beiden Weſen. Mr. Scott 
hielt ſi CH gerade und aufrecht in den Knieen, Seymour 
gedudt und zujammengelauert. Lebterer verſprach 
ih bisweilen. Dann begann der Oberjt von neuem 


hatten. Seymour war verheiratet. Seine Frau und 
feine beiden Kinder lebten. Ich hatte es von dem 
Hotelier erfahren. Obwohl ſie ſich gehütet Hatte, zu 
ericheinen, könnte er ihr dod) einen Schridegruß fenden 
wollen. Ich dachte daran, mit wel erjtaunlicher 
Gleichgiltigkeit dieſer Mulatte aus dem Leben ging, 
einem Leben, an dem er dennoch hing, da er ſinn— 
lich, laſterhaft und energiſch war. Ich ſagte mir: 
Welch eine Ironie liegt doch darin, daß ein Menſch 
von dem Schlage, ein Orangutang, der die Fähigkeit 
beſitzt, eine Flinte zu handhaben und zu ſprechen, im 
Handumdrehen ſich die Philoſophie erwirbt, die wir 
als die reifſte Frucht des Denkens betrachten: die 
Fügung ins Unvermeidliche. Ich erinnerte mich an 
einen meiner Lehrer, den größten Denker der Zeit, 
mit dem ich zwei Jahre vor ſeinem Tode, im Herbſt, 
durch einen Wald ging. „Ich verſuche, ſterben zu 
lernen, indem ich dieſe Bäume betrachte, welche es 
ſich ruhig gefallen laſſen, daß ſie ihr Laub verlieren,“ 
ſagte er zu mir. „Und doch, wie iſt das bitter! ...“ 
Ich fragte mich, ob der Mut diejes unerjchrodenen 
Seymour nicht doch etwa Prahlerei wäre und ob er 
bis ans Ende ftandhaft bleiben würde. Mich ver= 
langte auch zu wiſſen, wa3 der Oberjt fühlte und 
empfand, ob er bereits früh ſchon dagewejen wäre 
oder ob er ich damit begnügt hatte, erſt im Tebten 
Augenblicke zu erjcheinen und zu befehlen, daß der 
Perurteilte noch einmal biete. Mollte der Puritaner 


626 


feine Gewijlen3bilfe beichwichtigen, von denen er mir 
gefprodden hatte? Das eine fteht jedenfalls feit: 
Als er aus der Zelle heraustrat und auf mich zufam, 
glänzte eine ernſte Freudigfeit auffeinem martialijchen 
Antlitz. 

„Er wird gut ſterben,“ ſagte er ſchlicht, ‚„und Sie 
werden jehen, wie alle dieſe Leute das empfinden 
werden.“ 

Er hatte bei diejen Worten nach einem geöffneten 
Fenſter hingewieſen, welches auf den Hof hinausging 
und durch das ein immer lauter mwerdendes Getöje 
heraufdrang. Die vierzig Perſonen, denen der Sheriff, 
wie und, die Erlaubnis gegeben hatte, der Hinrichtung 
beizumohnen, hatten ſich während der lebten DViertel- 
itunde dicht um das Schafott gedrängt; diefe Leute 
lachten, plauderten, pfiffen. Wir traten ans enfter 
und wir fonnten jehen, daß die ſchlimmſten Habitucs 
der „saloons* von Philippeville, vermutlich auch die 
Rädelsführer bei den Wahlen, fi) dajelbjt ein Nendez- 
vous gegeben hatten. Die Neger waren vorherrichend. 
Sie zeigten ihre vom Trunk entjtellten Galgenphyfio= 
gnomien. Sie blidten zu dem offenen Fenſter empor 
und begrüßten uns mit ungeduldigem Gefchrei. Eine 
Gruppe weißer Riefen mit hellem Haar und hämi— 
ſchen Gefichtern, welche priemten oder Pfeife rauchten, 
begannen ung auszuziſchen. Als fie Mir. Scott er= 
fannten, ſchwiegen jie. Es war dies ein Spitzbuben— 
gefindel, auf welches indeſſen die GSeelenftärfe des 
Delinquenten bereit3 den von dem ehemaligen Herrn 
voraudgejagten Eindrud zu madhen anfing. Obſchon 
wir am Fenſter ftanden, jo hörten wir deutlich, wie 
der Sheriff die Worte ſprach, die ung veranlaßten, 
und umzudrehen. 

„Biſt Du bereit, Henry?” 

„sa, Kapitän,” antwortete der junge Menſch. 
„Beben Sie mir nur diefe Cigarre und zünden Sie 
lie an.” Der alte Mann jtedte ihm eine halbe 
Cigarre zwifchen die Lippen, die auf einem hölzernen 
Borjprung in der Zelle jorgfältig aufgehoben worden 
war. Die erfte Hälfte von diefer Havanna, die ein 
mitleidiger Beſucher gejchenft hatte, hatte Seymour 
vorzüglich geſchmeckt, und er hatte die zweite Hälfte 
aufbewahrt, um fich kurz vor dem Tode noch einmal 
den angenehmen Genuß zu verihaffen. Diefe letzten 
Rauchwolken, die er beim Hinabjteigen der Treppe 
aus jeinem Munde blies, waren ein Abſchied vom 
Leben — von jeinem Leben. Als die Thür des Hofes 
ih öffnete und er das Schafott erblidte, fiel ihm 
die Cigarre aus dem Munde. Dieje Erregung 
war das einzige Zeichen von der Ergriffenheit des 
Mannes. Er gewann im übrigen fofort jeine Selbjt= 
beberrijhung wieder und ftieg die hölzernen Stufen 
raſch empor, ohne daß feine nadten Füße zitterten. 
Seine Haltung war fo feit, jo ſchlicht und eine troß 
der Schande der Strafart jo völlig würdige, daß 
tiefe8 Schweigen unter den rohen Zuſchauern ent« 
ſtand. Unterhalb des unbeilverfündenden Gtrides, 
der unbeweglich herabhing, war ein frei ſchwebendes 
und an der einen Seite mit Lederriemen am Schafott 
angebrachtes Brett befeftigt. Auf der andern Seite 


Paul Bourget. — Der ehemalige Herr. 


bing es an einem Scharnier an den beiden Ballen 
des Galgend. Seymour trat auf da3 Breit. Der 


Sheriff band ihn Beine und Füße feft, legte ihm 


die Schlinge um den Hals und zog ih, nad« 
dem er ihm das Gelicht mit einem Schwarzen Schleier 
verhüllt hatte, auf die Plattform des Schafotts zurüd, 
um ihn zu fragen: 

„Was haft Du noch zu jagen, Henry?“ 

„Nichts, Kapitän,“ antwortete der Verurteilte, ohne 
daß der ſchwarze Schleier fich bewegte; jo jehr war 
der Menſch gewillt, jich ruhig zu zeigen. 

„Sag: ‚Herr, gedenke meiner in deinem 
Reiche“ rief mit kräftiger Stimme neben mir der 
Oberſt. 

„Herr, gedenke meiner in deinem Reiche,“ wieder⸗ 
holte lijpelnd der Mulatte. Und fodann fuhr er nad) 
furzem Schweigen fort: „I am all right now;“ und 
mit Feſtigkeit jagte er, fi zum Sheriff wendend: 
„Good bye, captain, good bye, everybody.“ Noch 
einmal, diesmal funfter, ertönte feine Stimme: 
„Good bye, colonel!“ 

„Wir alle antworteten inſtinktiv: „Good bye, 
Henry!“ Sauter al8 die anderen rief der Oberft: 
„Good bye, my boy ... good bye, my boy!* — 
In diefem Augenblide zerhieb mit einem Beile ber 
Sheriff die Ledergurten, welche das Brett fejthielten. 
Es fiel unter den Füßen des Delinquenten hinweg, 
der um Leibeslänge hinabſtürzte. Ich geitehe, da 
id) mich umdrehte, um das Schredliche nicht zu jehen. 
Als ich wieder hinblicte, hing der Leihnam am Ende 
des Strafen Strikes jchlaff herab. Auf den Gefichtern 
der Zufchauer lag ein eigentümlicher, unbejchreiblicher 
Ausdrud. Ale jchwiegen, während draußen jeßt 
dasſelbe Geſchrei, dasſelbe Pfeifen und Lachen hör- 
bar ward, das Mr. Scott und mich bereits im Innern 
des Gefängniſſes angewidert hatte. Es war die Menge 
von der Straße, der man die Thüren der Umfriedigung 
öffnete, damit ſie den Leichnam ſehen und den Tod 
feſtſtellen konnte. 

„Verhalten Sie ſich ruhig, meine Herrſchaften,“ 
ihrie der Sheriff mit einer Stimme, weldjer den 
Lärm übertönte. „Der Arzt will hören, ob das Herz 
noch ſchlägt.“ 

Ein Menſch mit jovialem Geſichtsausdruck ſtand 
auch wirklich auf dem Schafott. Er hatte den Ge— 
henkten zu ſich herübergezogen und ſein Ohr an deſſen 
Bruſt gelegt. Einige Minuten nach dieſer letzten Aus— 
kultation rief er: „Es iſt aus!“ und lieh den Delin- 
quenten wieder los. Der Sheriff hielt den hin und 
her jchwebenden Körper im Vorbeigehen an und mit 
dem Phlegma eines Packträgers, der von feinem Koffer 
Ipricht, jagte er: „Seht muß ich den Leichnam ab» 
nehmen.” Der alte Mann ergriff darauf fein Zeil. 
Mit einem Hieb durchſchlug er den Strid gerade 
über dem immer noch verjchleierten Kopfe. Bier 
Männer, die ihm freiwillig Hilfe leijteten, nahmen 
die Lajt auf ihre Arme und trugen fie nad dem 
Sarge, während die anderen Zeugen des lebten Altes 
von diejem Drama, die nad der Befeitigung der 
ſterblichen Hülle Seymours ihre wahre Natur wieder: 


Bon Diefem und Jenem. 


fanden, fi) um die Stüde des Stride und um die 
vederriemen balgten. Der Oberjt und ich eilten 
n von dieſem fehredlichen Treiben fort; er jagte 
u mır: 

‚3% fann Ihnen leider nicht anbieten, Sie in 
Meinem Wagen nad) den: Hotel zurüdzufahren. Ich 


627 


habe meiner Tochter verjprechen müfjen, jo jchnell 
al3 möglich heimzufonmen, damit fie wife, ob der 
arme Junge vor dem Tode noch einmal gebetet hat. 
Seit achtundvierzig Stunden befindet fie ſich in großer 
Aufregung. Es iſt dod) ein Troft für uns, daß er 
bereut hat und gerettet ijt.. .* 


Bon Diefem und Jenem. 


Daul Bourget. 


Paul Bourget, der unter jo jhmeidelhaiten Bedingungen in 
die Academie francaise erwählt worden, ift das jüngfte Mit: 
glied nit nur diefer verehrenswerten Verſammlung, fondern 
auch ded ganzen Inſtituts. 

Er zählt in der That faum zweinndvierzig Jahre. Sohn eine 
gelehrten Mathematikers, des Rektors der Alademien von Air 
und Glermont, machte er feine Studien zu Ste:Barbe, erhielt 
bei dem allgemeinen Wettbewerb von 1870 den zweiten Ehren 
drei in der Rhetorik und erwarb fih nad einem glänzenden 
(Examen den Grad eines Lizenziaten &s lettres. 

Sat 1872 iſt er Mitarbeiter an dem Journal »La Renais- 
Sance< von Emile Blemont und Jean Aicard, und im Jahre 
1873 fand er mit einem Artikel über den „realiftiihen und den 

Duetiftiihen Roman” Aufnahme in die »Revue des Deux-Mondes«. 

Sein erfied Bud mar eine Sammlung von Gedichten »La 
vie inquiete«, in denen ſich ſchon die pſychologiſchen Neigungen zu 

e ztennen gaben, die fi durch feine ganze fchriftftellerifhe Thätig- 
Feit binziehen. Dieſem Erſtlingswerke folgte eine Dichtung 
» Edel« und ein zweiter Band Gedichte »Les aveux«. 

Er wandte fih dann von der Poeſie ab und dem Roman zu, 
em er das zarte Gefühl für die Empfindung entgegenbradte, 

das den poeliſchen Gedanken felbft bis in die Sinnlichkeit hinein 
gewahrt wiſſen will, und erwies fi, wie er jelbft jagt, ala 
„einen bedingunglofen Anhänger der pfychologifhen und einen 
leidenſchaftlich begeifterten Berehrer der analytifhen Richtung” 
(»maniaque de psychologie et amoureux passionne de l'ana- 
lysee), 

Er veröffentlihte nah einander eine Reihe pfychologiſcher 
Eſſays, die Romane: »L’irreparable«e, »Cruelle eEnigme«, »Un 
crime d’amour«, »Mensonges«, »Le disciple«, »Pastels«, 
»Nouveaux pastels«, »Coeur de femme«, »La terre promise«, 
»Sensations d'Italie«, »Cosmopolise, Bücher, die da3 Publikum 
gleih von Anfang an fefjelten und es frhließlih ganz und gar 
für ſich einnahmen. 

Von einem längeren Aufenthalte in den Vereinigten Staaten 
hat Bourget ſchließlich in der letzten Zeit fehr geiftvolle Studien 
über die amerikaniſchen Sitten mitgebradt. Sie wurden unter 
dem Titel »Outre mer« veröffentliht, und es ift befannt, mit 
wie großem Erfolg. Dieſer Sammlung ift unjere Novelle „Der 
ehemalige Herr“ entnommen. 

Bald in Paris, bald in Gannes, lebt der junge Alademiler 
flet3 in friedliher Zurldgezogenheit. Gr gehört zu jenen über- 
legenen Geiftern, von melden Grimm ſpricht, die fih fammeln 
und alle Geiflesvermögen zur Konzentration bringen in einer 
Einſamkeit, die gewöhnliche Geifter in Schlaffheit verfallen läßt. 


Reuerdings bat fih Emile Zola in der »Nouvelle Revue 
internationale« folgendermaßen über Bourget geäußert: 

Es ift lange her, daß ih Paul Bourget kenne und liebe, 
wohl ara die zwanzig Jahre. Er hatte damals gerade in fehr 
maderer Weiſe mit akademiſchen Banden gebroden, um, von der 
Leidenſch aft Stendhals und Balzacs hingerifjen und plöglich zur 


| Erleudtung gelommen, fi feine ganze geiftige Freiheit zurüd- 
jugemwinnen; und er machte fi an die Arbeit al3 eine arbeitfame 
und methodifhe Natur, die ein Ziel vor Augen hatte. 

Seit damals habe ih ihn mit großer Teilnahme verfolgt ; 
ih habe alles, mas er veröffentlicht hat, gelefen. Bei feinen 
erften proſaiſchen Sachen dachten wir in der Heinen freitbaren 
Öruppe, die wir um jene Zeit bildeten, nicht daran, daß er je 
ein Romancier erfien Ranges werden werde. Er fhien und fpe= 
ziell für die Kritik veranlagt, für die er cin wunderbares anas 
lytiſches Wertzeug mitbradte, von einem ganz ungewöhnlichen 
Durhdringungsvermögen, das den Gegenftänden bis auf die 
feinften TFafern nachging. Damals fetten und Studien über 
Balzac, über Stendhal und, ich glaube, eine über Napoleon in 
Erſtaunen, wegen des umfafjenden und feinen Verftändniffes, das 
fie bei diefem jungen Manne von zwanzig und einigen Jahren. 
enthüllten. Und infolge eine jener befländig ſich miederholenden 
nedifhen Spiele der Logik, welche die nicht hinreichend überlegten: 
Borherfagungen zu Schanden maden, ift e8 gelommen, dab ge=- 
ade die ſchäthenswerten analytifhen Eigenschaften, wegen deren 
wir ihn unter die Kritiler verweilen wollten, au3 ihm einen un— 
ferer großen Romanſchriftſteller gemacht haben. 

Das Gebiet des Romanes, ad, wie ift es in unferem Jahre- 
hundert jo gründlich bearbeitet, fo gründlih durchwühlt und 
immer wieder in Angriff genommen worden! Man follte glauben, 
e8 ſei auch nicht cin einzige Fleckchen Erdreich übrig geblieben, 
mit dem ſich noch etwa3 anfangen ließe. Nach den großen Ernten: 
der Romantiter, einem Chateaubriand, einem Hugo, einer George 
Sand, einem Dumas, einem Eugene Sue, find gleichzeitig oder 
jpäter etiwa8 weitere Einheimfungen der Wirklichfeitsrichtung ge: 
tonımen, ein Stendhal, cin Balzac, ein Ylaubert und die Gon— 
court ; und es ift felbft noch eine Nachleſe vorhanden in meiner 
Generation, in den Schriftftellern, melde heute die Fünfziger 
paffirt haben. Was für eine Verlegenheit daher für die wach⸗ 
jende Schar der jungen Romancierd diefem durchwühlten und- 
dem Anſcheine nah erjhöpften fyelde gegenüber! Im Roman 
wie in der Poefie, foll man meinen, haben die Aelteren alles: 
gefagt. Das erklärt zugleid die Ausihreitungen nad) dem 
Schlimmeren bin, denn die Zulektgelommenen haben da3 Red, 
dem Boden ihren Pla abzuverlangen, und fie mögen glauben, 
daß ihnen nichts als die revolutionäre Gewalt übrig bleibt, das: 
Eiſen und das Teuer, da3 ein Rei zerftört, um eine neue Welt 
ju gründen. 

Aus diefem von drei Generationen von Romantifern außs 
gebrüteten Eroberungdfelde hat Bourget für feine Perfon die 
geiftige Fähigkeit beſeſſen, fi nocd ein ganzes Königreich heraus: 
zuſchneiden. Eie find nicht zahlreih, die Romancier3 feiner Ge⸗ 
neration, die fih über Formeln hinaudzuſetzen verftanden haben, 
und die neben dem Befihftande der älteren ein ihnen eigentüm— 
lich gehörendes Erdreich aufzumweifen haben, defjen legitime Herren 
fie find. Ich rechne dazu faum nod zwei andere, Huysmans, 
der in feiner goldzifelirten Kapelle etwas abjeit3 vom Wege ge= 
blieben int, und Maupajjant, diefen Haren und feften, allzu früh 
vom Strahle des Geſchickes getroffenen Geiſt. So bleibt von 
allen denen, die uns folgten, Bourget faft allein no übrig in 
voller originaler Thätigkeit, das heißt, nachdem er mit feinem 


628 


neuen Format hervorgetreten ift, fich ſein Publikum crobert hat 
und Herr der Welt ift, die er ſich geſchafien bat. 

Ih Schreibe hier feine vollftändige Studie und fann dieſe 
Welt Bourgets nit genauer abgrenzen. Bourget ift nad dem 
herrihenden Spradgebrauh der Meiiter des piychologiſchen Ro— 
mancd. Tiefe Bezeichnung ift ungenau, denn es gibt feinen 
Roman obne pſychologiſchen Gehalt. Er felbft bat in der fürz: 
lich gejchriebenen Vorrede zur »Terre promises ſehr gut gejagt, 
was es über dieſe Frage des pſychologiſchen Momentes im ‘No: 
man zu jagen gibt. Es genügt aber, wenn man fi verftändigt; 
die Tomäne, die er fich zu cigen gemacht und die fih neu ges 
ihaffen hat, ift das Gebiet der intimen Analyie, des Innen— 
lebend, der Zergliederung der Yeidenichaiten dom Standpunkte 
de3 individuellen Glüded und der Moral aus, ohne Berüdjiche 
tigung der Rüdwirkung auf die breiten menſchlichen Maſſen, auf 
den Verlauf einer Zivilifatten. Won Uruelle enirme: an bis 
zu »Outre mer« ftellt und löſt jedes Werl, einſchließlich von 
sMensonges- und »Coeur de femmes, ein kajuiſtiſch-leiden— 
ihaftlihes Problem, in welchem die Liebe unferer Zeit, fo wie 
die Raſſe und das Milieu fie gemacht haben, zum Öegenftande einer 
Studie gemacht wird. Trotzdem das Gebiet nad allen Rich— 
tungen hin ausgebeutet ift, entfaltet er auf demfelben entſchieden 
Originalität, mit einer ganz wunderbaren Durchdringung des 
Gegenftandes, mit Darlegungen und Unterfuhungen, die geradezu 
ftaunenäwert und dabei jo perſönlich find, wie fein anderer 
Schriftſteller unſerer Zeit fie zu Schreiben im ftande ift. 

Und diejed Gebiet, das er fi erobert bat und als König 
beberricht, verweift, ich wiederhole ed, Youraet auf die erite Rang: 
ftufe. Trotz der kritiihen Einwendungen jogar, Die ih gegen 
jeine Formel erheben laſſen, nimmt er eine herrſchende Stellung 
ein, weil er fich feinen Vorgängern gegenüber genug Unabhängig: 
teit gewahrt bat, um eine der Provinzen des Romanes neu bes 
gründen zu fünnen. Nur um diefen Preis erwirbt man id die 
Stellung eine3 großen Romanciers. 

Andere Strititer haben ſchon mit Recht hervorgehoben, daß 
bei Bourget ein vollftändiger Entwicklungsgang zu verfolgen ift. 
Er ift ganz gewiß von dem reinen Intellektualismus, von der 
Freude am Verftändnis ausgegangen. Das war aber nicht 
möglich ohne in den Bann des Dilettantiämus zu geraten, ohne 
die Luftempfindung, welde die allen Gegenftänden ſich mit der 
gleihen Leidenichaftlicgleit zu wendende Gehirnthätigkeit gewährt; 
wenn er auf Reifen gegangen ift, wenn er Muſeen und Biblio: 
theten beſucht hat und ihn der Tebbafte Drang Deicelte, Die 
verihiedenen Ziviliiationen fennen zu lernen, fam das nur don 
dieſer Bevorzugung einzig und allein, des Erkenntnistriebes in 
jeiner Ausdehnung auf das weite Gebiet der intelleftuellen Welt 
ber: Tilettant und Kosmopolit, ift er da3 alles ſicherlich mit 
Eifer und raftloiem Streben geweſen. 

Und da ſchreibt er ein düſteres Buch gegen den Jutellektna— 
lismus, gegen den Vilettantismus und Kosmopolitanismus. Ju 
diefen Roman werden die Nosmopoliten hart mitgenommen; fie 
jäen nichts, fie begründen nichts, fie ſind einfache Spieler, welche 
die Borjehung mit ihrem Blißtſtrahle trifft. Die Schlukfolgerung, 
die ih aus »losmopolis: ergibt, wäre, mit allen dieſen ver— 
lorenen Kräften aufzjuräumen. Das tabula docet läßt ſich aber 
vielleiht noch deutlicher aus Porfenne, einer der handelnden 
Verfönlichleiten, abitrabiren. In ihm wird der aus Verſtändnis— 
jreudigleit auf Abwege geratene Intelleltualiit, der Dilettant 
mit dem gelähmten Herzen, in graufamer Weiſe von der Strafe 
ereilt. Ueber jeine Freude an der endlojfen Zergliederung hat 
er den Willen zu lieben verloren: er ift e3, der alle Verantwor— 
tung zu tragen und moraliih den Tod Alba verſchuldet hat, 
worüber er ſich miemals zu tröften vermag. Alles um uns ber 
fällt der Vernichtung anheim, und es jollte das Yeben nit ala 
ein glüdlojes geführt werden. 

Die Abſicht ift augenſcheinlich, Bourget ift dahin gelangt, an 
der reinen Intelligenz zu zweifeln und diejenigen zu verdammen, 
die ſich mit der Hoffnung tragen, daß das Leben ſich innerhalb 
der Schranken des Gehirns und der Sinnesempfindung halten 
laſſe. Es ſcheint ſogar, daß er dem Glauben zuſtrebt, und zwar 
nicht dem unbeſtimmten Glauben des Deiſten, ſondern dem noch 
unerſchütterten und durch das Dogma geregelten katholiſchen 





Von Dieſem 


— 


und Jenem. 


Glauben. In dieſer Hinſicht ſollte die Schlußſcene von »Cos- 
mopolis« feinen Zweifel laſſen, jene Scene, in welcher Dorſenne, 
verwirrt und weich geſtimmt, den heiligen Vater, an einer Roſe 
riechend, durch den papſtlichen Garten ſchreiten ſieht. Bereits im 
»*Disciple« und ſpater in der »Terre promise: ſprach dieſer 
Entwicklungsgang, der bier fo ſtark zum Ausdruck und zum Pol: 
zuge gelangt, ſich aus. 

Gewiß, der katholiſche Glaube iſt ein feſter Wanderſtab, wenn 
man zufällig das Glück hat, ihn zu beſihen. Auch ich bin über: 
zeugt Davon, dak es nidts Beſſeres gibt, als zu glauben, und 
daß der Glaube allein die Glüdsirage löſt. Aber meine Unruhe 
beginnt, wenn Bourget das Wort Balzacs citirt: „Der Gedante, 
der Anfang des Guten und des Böſen, kann nur durch die Re— 
ligton vorbereitet, gebändigt und geleitet werden.” Hoört ſich das 
nicht an wie eine Politische Marime der Regierung von dieer 
Welt? Sch meine, Balzac hat in feinen autoritativen und berrid: 
jüctigen Charakter lediglid Die Ordnung durd Unterwerfung 
im Wuge gehabt. Denn, beim allmädtigen Gott! hat nicht 
andererjeits gerade die Religion häufig die Intelligenz mad: 
gerufen, und gibt es eine Stille, die nicht don den Leidenſchaften 
durchweht wird, welcher Art diefe immer aud frien ? 

Nein! Das Glück Tiegt in der Natur, in dem natürlichen 
Verlaufe des Lebens. Unſere Leiden kommen ftet3 daher, daß 
wir unſer Daſein nicht führen, wie es geführt werden jollte. 
Muß es nit auffallen, daß bei Bourget, da mir gerade don 
einmal von ihm sprechen, die handelnden Perſonen ſtets Müßig— 
gänger find, die niemals mit ihren zehn Fingern etwas muden’! 
Gs iſt immer und immer wieder eine Gruppe ſchöner Damen 
und ſchöner Herren, die im Treibhaus gezüdtet find und das 
unmotivirtefte und einfoltigite Tafein führen. Darum verbingt 
auch die geringfte Kleinigkeit, die für die große Arbeit des Welt: 
getriebe ganz und gar belanalos ift, die allergrökten Leiden 
über fie. Ich meine, wenn fie ſich jeden Tag ihr Brot zu ver: 
dienen hätten, würden fie in der Erbitterung ihrer Unthätigleit 
weniger über ihr nichtiges Weh in Thränen ausbrechen. 

Es verhält ih damit gerade fo wie mit der Liebesfrage: fi 
ie nicht jehr einfah? Tas Kind muß an der Pruft licaen, 
font gibt es nichts als Shmuß und Unrat. Muß es nicht in 
Staunen verjeßen, daß in all dieſen weltlichen Liebesgeſchichten 
der Gedanke des Kindes nicht einmal zum Borjchein kommt? 
Man betet fih an, man nimmt fih, man verläßt fih, man 
bribt in Thränen aus und man tötet fih, und das alla mit 
Außerachtlaſſiung des einzig natürliden und geredtjertigten 
Zwedes. Ste haben es ſich ſelbſt zuzuschreiben, wenn jie leiden! 
Sie brauchen nur zur natürlihen Ordnung der Dinge zurüdiu: 
Ichren: ein guter Mann, eine gute Frau und ein hübſches Kind 
in der Wiege. 

Wird Bourget mir wohl die Bemerkung geftatten, daß «6 
außer der guten Natur weder Wahrbeit noch Gewißheit gibt! 
Er ift ein fehr großer Schriftiteller, und der einzige Fehler, den 
er, meiner Anficht nad, hat, ift vielleiht nur der, daß er nicht 
auch cin einfacher Menſch if. 


Aus den „Pensces et Maximes“ 
ron 
Emanuel Wertbeimer: 


1. So lange man geliebt ift — nur Zweifel; wird man e 
nicht mehr — quälende Vorwürfe, wie jehr man cs war. 

2. Mit den Urfachen der Eiferfurht ſchwinden zuweilen aud) die 
der Liebe. 

3. Die Liebe ift nur ein Gaft der Ehe. 

4. Für eine Ebeiheidung haben die Frauen mehr Gründe, die 
Männer mehr Wuünſche. 

5. Einer lebten Liebe folgt gemöhnlih immer no cine vorlehte. 

6. Die Viviſektion beiteht, ſeit es Gerichtshöfe gibt. 

7. Die Pflicht hält ſich ſo aufrecht, weil ſie von der einen Seite 
durch die Straſe, von der andern durch die Belohnung ge: 
jtüßt wird, 

8. Durchs Fernrohr entdedt der Aftronom immer unermeßlichere 
Gebiete jeiner Unwiſſenheit. 





Herausgeber: Joſeph Kürſchner in Eiſenach; verantwortlidier Redakteur: Ludwig Thaden in Etuitgart. 
Derlag und Trud der Deutſchen Verlags-Anſtalt in Etuttgart. 





⸗ 


1895. Heft 14. Preis 5o Pfe.. Vierteljährlich (6 Hefte) Preis 3 Mark. 





6 
Falbnoig sfchrift fo 


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von 


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Shuffgart, Deulſche 
Deirzig ‚Serlin. a en -Ruftalt. 


S Die Epoche der Sl jet er —— 
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N. 


—— 


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— 













HÄARWYAND 
UNFERSITY 
LIBRARY 
JUN 23 1941 


Inhalt des vierzehnten Heftes. 


Die Kleine Kirhe. Roman aus dem Franzöfifchen von Alphonje Daudet (Hortiegung) . . . 629 
Waffıli Tjorkin. Roman aus dem Ruffiichen von P. Boborykin (Hortfeßung). . . . . . 68 
Veh. Roman aus dem Englischen von Thomas Hardy (Fortiegung) . 2 2 nenn. 


Virard 9 Honff. Novelle aus dem Amerikaniſchen von Rebekka Harding Davis . . . . 6M 
Veruaniſches Lieee.676 





Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien. 


— — - — 


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Siegessäule auf dem Königsplatz Börse 
Brandenburger Thor Könirliches Schloss und Begasbrunnen 
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Denkmal Friedrichs des Grossen Potsdamer Bahnhof 

Königliche Universität Belle-Alliancebrücke am Halleschen Thor 
"Königliches Opernhaus Vicetoriapark und Kriegerdenkmal 
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Die Kleine Kirche. 


Don 
Alphonfe Daudet, 


(Fortſehung.) 


Entzückt darüber, den Damen zeigen zu können, 
daß es auch ihm nicht an Beleſenheit und Bered- 
jamteit fehle, redte der Richter jeinen Kopf in die 
Höhe und erhob feine Stinnme wie vor Gericht; aber 
da3 Ende feines Vortrages ging in einer allgemeinen 
Verwirrung verloren. Der Herr Pijarrer hatte ge= 
funden, daß der Beſuch lange gedauert habe, Hatte 
ſich Tebhaft erhoben, fi) von der Herrin des Haufes 
verabjchiedet und ging gerade auf die Thüre zu, als 
der Vikar feinen Aufbruch bemerkte „O, mein 
Gott,” fagte fi der Unglücksmenſch, „wieder eine 
Zerſtreutheit ...“ Er ftürzte durch den Saal, jtieß 
an ein Tabouret, warf einige Stühle um und um— 
\hlang mit den Worten: „Nein, das werde ich nicht 
dulden... id) weiß zu wohl, was ich meinem Vor⸗ 
gejeßten ſchuldig bin,” feinen Kleinen, diden Pfarrer 
mit beiden Armen gerade in dem Wugenblid, als 
diejer hinausgehen wollte Er hob ihn förmlich auf 
und ftürzte auf den Flur hinaus, wo er mit. einer 
triumphirenden Gefte als guter erjter ankam. 

„Ein droliger Kauz... Warum hat er immer 
ſolche Eile?“ fragte Delcrous ganz leiſe Lydie und ihre 
Mutter, die den beiden Geijtlihen nachſahen. Die 
Pelerine des Pfarrers begleitete feine heftigen Zornes— 
geberden mit wütenden Bewegungen. Der Vilar ging 
ganz beftürzt mit gejenftem Kopf nebenher und ließ 
eine fürchterliche Predigt über den gejellichaftlichen 
Anſtand über ſich ergehen, die indejlen gar nichts 
nüßte, denn als er den Briefträger traf, der vor dem 
Gitterthor von feinem Velociped ftieg, blieb er, der 
immer zerjtreut und mitleidig war, ftehen, um ſich 
nach dem Befinden feiner Tranfen Frau zu erkundigen. 
Man hörte die Icharfe und nervöſe Stimme des 
Pfarrers: „Wenn’s gefällig ift, Herr Abbé! ...“ 
unD darauf Entſchuldigungen des unglüdlichen Ceres, 
der Dann auf der Straße in einem Wirbel von 
Sta ub und heftigen Worten verſchwand. 

Aus fremden Zungen. 1895. II. 14. 





„Unjer armer Bilar,” fagte Frau Fenigan. 
„Der da wird ihm das Leben auch nicht gerade füß 
maden.” 

Lydie antwortete nit. Sie war von einen 
Briefe Richards in Anjprud) genommen, der ihr feine 
und Merivet3 Rückkehr für den fommenden Dieng- 
tag anfündigte. „In drei Tagen, Mama... Sn 
drei Tagen wird er da fein.” Der Ausdrud ber 
Freude, mit dem fie ihre Arme um den Hals der 
Schwiegermutter ſchlang, verriet jo viel ehrliches Ge— 
fühl, daß der Richter, al3 er gegen Abend nad) Cor- 
beil zurücfehrte, bei ſich dachte: „Das ift gewiß, die 
Ehe ift eine folide Inftitution. Sollte man e3 für 
möglid) halten, dab Ddieje Leutchen nach derartigen 
Stürmen nod) eine glückliche Ehe führen können?” 

So urteilt die Welt, die von Menjchen und 
Dingen immer nur die Außenjeite ſieht, ohne von 
den inneren Vorgängen eine Ahnung zu haben. So— 
gar in dem nächſten Bekanntenkreis, unter denen, 
die die Nachficht des Gatten, feine hochherzig ihr aufs 
gedrungene Verzeihung billigten oder tadelten, ahnten 
die wenigiten, daß das Drama nod) fortdauerte, daß 
der traurige Konflikt ſich noch mehr zugeſpitzt hatte; 
die wenigften Hatten eine Ahnung von dem Grund 
zu Nichard3 langer Reile, von den in ihrer grau 
Samen &intönigfeit herzzerreißenden Briefen, die die 
beiden Gatten feit zwei Monaten wechſelten. Bejon- 
der3 in der eriten Zeit fteigerte die Abweſenheit, das 
Fernſein, die ſonſt auf Wahnideen jo günjlig ein» 
wirfen, die eiferfüchtige Erregung des Mannes. Der 
Gedanke, daß der Prinz in Grosbourg war, daß fie 
lich begegnen, ſich wiederjehen konnten, brachte ihn 
dazu, in endlofen, im fliegender Haft gejchriebenen, 
beinahe unlejerlichen Briefen immer von neuen die 
Scene aus der Nacht vor feiner Abreife zu wieder: 
holen: „Warum haft Du ihn geliebt?... Schwöre 
mir, daß Du ihn nicht mehr liebſt.“ Und fie ſchwor 

80 


630 


und bededte ganze Seiten mit Beteuerungen und er= 
ſchöpfte alle Eidesformeln. 

Aber das wunderbare, mannigfaltige Landſchafts—- 
bild der algerifchen Eahel und mehr noch als dieſes 
Landſchaftsbild, da3 ſich feinen jpießbürgerlichen 
Bliden verjchloß, die Hekjagden, der Gang auf 
den Anjtand, die langen Ritte, denen ein tiefer 
Schlaf im Zelt folgte, bewirften es endlid) doch, 
daß Nichard Fénigans Nerven fi) beruhigten und 
daß er feine fire dee aufgab. Der Ton Seiner 
Briefe änderte ſich, wurde heller und feſter, wie die 
Stimme cined Genejenden. Eines Tages jchrieb 
Merivet: „Es geht bejier.” Und Richard fchrieb 
einige Zeit darauf: „Ih befinde mi volllommen 
wohl.” Sehr bald folgte dann der Brief, der feine 
Ankunft für den kommenden Dienstag anzeigte. 

Lydie ſaß in ftiller Einſamkeit auf einer Bank im 
Parke und las immer wieder den lieben Brief, der ganz 
erfüllt war von zärtlihen Worten und von Plänen für 
ihr Glück. Der Tag ging zur Neige, und die Atmoſphäre 
Türbte ſich in weichen Zönen. Durch die Zweige hindurch 
erblidte man ein Stück Himmel, der aus einem tiefen 
Blau in ein zarte3 Grün Hinüberjchimmerte. Es 
war das rechte Wetter zum Hoffen und zum Glauben. 
Plöglid hörte man ganz in der Nähe Hinter einem 
Gebüſch eine wütende Yrauenftimme jchelten, die die 
Leidenſchaft jo entjtellte, daß man fie gar nicht er— 
kennen fonnte: „Machen Sie, daß Sie fortlommen, 
Sie ſchlechte Perſon ... Benimmt Sid) jo eine ver- 


heiratete rau... Schämen follten Sie id, Sie | 


gemeine Streatur!“ 


Lydie war ganz erichredt aufgeiprungen, weil fie 


glaubte, daß die Beleidigung ihr gelte, als fie vor 
dem auf den Wald hinausführenden Thore Rofine 
Chuchin erblidte, die fi) mit beiden Händen an die 
Gitterſtäbe feftflammerte und ihren Zorn in der 
Richtung hin ergoß, in der cin rojageftreiftes Kleid 
und ein Sonnenſchirm in den Wald hinein flüch— 
teten. Die Mäjcherinnen hatten ihr von der langen 
Unterredung des Herrn Alerander mit Sautecoeurs 
Tochter erzäblt und, da fie auf ihren alten Liebhaber 
eiferfüchtig war, erjchien ihr ein Liebeshandel zwijchen 
den beiden um ſo wahrſcheinlicher, als fie jeit einigen 
Tagen die Sautecveur in dem Heinen Scnart in 
der Umgebung von Uzelles, wohin Alexander fott- 
während fam, Herumftreifen ſah. Lydies Gegenwart 
jtörte Jie nicht; fie rief fie vielmehr zur Zeugin auf 
für diefe Unverjchämtheit und Gemeinheit: „Machen 
Sie ſich eine DVorftellung von der Frechheit dieſer 
Perſon, gnädige Yrau... bis zu ung zu kommen, 
um und unjere Männer wegzukapern!“ 

„Bill Du denn verheiratet, meine arıne Roſine?“ 

„Nein, gnädige rau, aber e3 gibt auch zu pein- 
liche Dinge... Wenn fie glaubt, daß ich fie ihre 
Ränke ſchmieden laſſen werde... Sch werde es nicht 


Alphonſe Daudet. 


ihrem Dunmfopf von Mann jagen, ſondern ihrem 
Schwiegervater, dem Indier, der ihr DA Standpunft 
far machen fol... Du jolljt es mir teuer bezahlen, 
Du Dirne!“ | 

Aber auf dem Waldwege, der an diefem Abend 
in föjtlicher Nuhe dalag, hörte man nicht mehr als 
da3 Springen der Kaninchen und da3 Flattern der 
durd) all das Geſchrei erfchreeften Yalane. Lydie war 
ganz ftarr, in diefer Chuchin, die fie für verjchlafen 
und verſchloſſen, für ein rechtes Murmeltier hielt, jo 
viel Leidenschaft zu finden, und veriuchte ihr vernünftig 
zuzureden: „Es wäre ja entjeßlid), wenn Du dem 
Schwiegervater etwas jagtelt. Du weißt ja, er ilt 
da3 reine wilde Tier... Aber ich fenne Dich, Du 
wirft e8 nicht thun, Du bift ja nicht Schlecht.” 

Roſine jchütlelte den Kopf. 

„Nein, aber ih bin ciferfüdtig... O, eifer: 
ſüchtig . . Sehen Sie, gnädige Frau, das ijt eine 
Krankheit, wie der Wahnſinn . .. Man ift gebifjen 
und man will beigen. Man leidet und man madıt 
andere leiden.“ 

Ihr gewöhnliches Gelicht wurde ordentlich ſchön 
und befam Farbe durd) die Leidenſchaft, die es durch— 
zudte,; und Lydie Fenigan fand zu ihrem Schred in 
dem Mienenspiel des Bauernmädchens ala eine Art 
von Drohung oder Vorboten den jehmerzlichen Ge: 
ſichtsausdruck wieder, den fie jo gut fannte umd der 
fie an jo graufame Stunden erinnerte. 


XV. 
Tagebuch de8 Prinzen. 


Ich weiß jet, warum meine Familie mich fo 
lange von Grosbourg verbannt hat. Der Gatte der 
Frau %..., der die Entführung feiner Frau mit 
philoſophiſchem Gleichmut dDahingenommen Hatte, joll 
in die hellſte Wut geraten fein, als er erfuhr, daß 
fie verlafjen worden war. Die Drohungen des Herrn 
Bum-bum Haben auf meine Mutter einen großen 
Eindruck gemacht; fie Jah mich Schon ertränft, ge= 
hängt, geipießt, jfalpirt und hat ſich erſt wieder 
etwas gefaßt, al fie mid) unter dem Schutze meines 
Vetter3 von Boutignan und der unüberwindlichen 
Fünfziger Dragoner wußte, Was mag bei unjeren 
Nachbarn in Uzelles vorgegangen fein, während wir 
im großen Manöver waren. Mean verlichert mir, 
daß Madame in die ehelihe Wohnung zurückgekehrt, 
daß Bum-bum nad) Algier ausgeriſſen jei, ohne daß 
mir jemand den Echlüfjel zu dieſem doppelten Ge— 
heimnis hätte geben fünnen. Die Hauptſache ift, 
daß mic) der Oberft meiner Yamilie wieder gegeben 
hat, mit einem Urlaub, der unbejchräntt erneuert 
werden Tann. 

Luſtig iſt 8 gerade nicht in der Familie. Die 
Herzogin ift immer unterwegs in dieſer endlojen 


Die Eleine Kirche. 


Erbſchaftsangelegenheit; der General kann fich von 
Tag zu Tag weniger bewegen und ijt jenen mytho= 
logischen Perſonen ähnlich, von denen PVirgil und 
Ovid ung erzählen, wie fie vom Zorn eines Gottes 
verfolgt und in einen Baum oder in einen Felſen 
verwandelt werden. Von Stunde zu Stunde jteigt 
die ſchmerzliche Scheide de3 Steine oder der Rinde, 
die fie umjchließt, höher hinauf. An ihm wird aud) 
bald nicht? mehr leben, al der Kopf und dann die 
Augen, dieſe finfteren und empörten Augen, in denen 
dad Licht nod) aufleuhtet, wie die untergehende 
Sonne in einem Manfardenfenjter. Seine Gedanken 
beherrſcht er noch, ebenfo die Sprache, aber er benüßt 
fie nur, um in verzweifelten Worten feine Krankheit 
zu ſchildern. Alles, was er jpricht, ift mild, blikt, 
zwidt und ſchneidet wie ein chirurgifches Inftrument; 
und doch werden, wenn man ihm glauben fol, feine 
Kräfte ftumpf, denn das Cello des Magijter Jean 


fißelt feine Nerven nicht mehr jo wolfüftig wie einft. 


Allerdings kann Magifter Jean felbjt kaum mehr 
japjen; wenn er mit cinem Spricht, glaubt man taub 
zu fein, man bat den Eindrud, als höre man ihn 
im Nebenzimmer fprechen ; vielleicht wird fein Cello 
aphoniſch wie er. 


Geitern nachmittag ſprachen wir drei mit einans 


der auf der Uferterraſſe. „Mad mir eine Eigar« 
tette,“ ſagte der General mit ſcharfer Stimme. 
Während ich fie ihm rollte, habe ich wohl auf feine 
großen, Teblojen Hände gejehen, die, wie welfe Blätter 
zuſammengeſchrumpft, auf feinen Knieen lagen. Seine 
üble Laune brach deutlicher hervor: 

„a3 gibt’3 denn da, mit meinen Händen? 
Sie find freilich nicht jo weiß, wie die der Frau 
F ...“ Sobald er den Namen ausgeſprochen Hatte, 
fuhr er auch auf, warf mir vor, daß ich mid) 
diejer Frau gegenüber gemein benommen habe und 
bejhuldigte mich, daß ich mich ihr wieder zu nähern 
jude. Und während die Eiferfucht feinen Mund 
berzertte, jchrie er mir, in dem befehlenden Ton, 
mit dem er in Longchamp den Vorbeimarſch der 
Truppen vor der Tribüne des Prälidenten zu fom« 
mandiren pflegte, zu: „Ic verbiete es Dir, hörft 
Du wohl, ich verbiete e8 Dir.“ Da warf ich mid) 
in die Bruft: 

„Sie verbieten es mir? Und mit welchem Recht?” 

„Mit meinem Recht ala Bater... mit meinem 
Recht als Familienoberhaupt.“ 

Gerade Ihr letzter Brief, mein lieber Ballongue, 
behandelte das Prinzip der Autorität und ihren alle 
gemeinen Bankerott. Ich erinnerte mich au Ihre 
bochtönenden, ſehr beredten Phrafen und fehte fie 
dem General vor, als wenn es mein eigenes Ge- 
wächs gewejen wäre. 

Als ich ihm jagte, daß die Familie den Fußſtapfen 
des Staates folge, daß fie, nachdem fie nad) feinem 


631 


Bilde monarchiſch gemejen jei, zu monarchiſchem 
Liberalismus übergegangen jei und jebt mit ihm de— 
mofratijch werde, nein, Sie fünnen fi) von der Ver⸗ 
wirrung und dem Entjegen meines erlauchten Vaters, 
die jich in dem traurigen Geficht des Magifter Jean 
widerjpiegelte, feine Vorſtellung machen. 

Das Kurze und Lange von der Sadıe ijt, daß 
der General immer noch an unſere hübſche Nach— 
barin dent und vor Wut über fein Untergeftell 
fterben möchte, wenn er mich über die Brüde gehen 
liebt, Da er überzeugt ift, daß ich um Uzelles herum— 
ſtreiche . .. Sch gebe Ihnen aber mein Ehrenwort, 
Daß ich jeit unjerem Brud Frau %... nicht mehr 
gejehen habe, bis wir uns heute früh bei einem Ju— 
welier in Gorbeil trafen. Sie ſchien mir etwas 
magerer geworden zu fein, zeigt aber immer nod) 
ihre indolente Grazie und eine gewiſſe Bläffe, die 
ih aber den Schred der Begegnung zufchreibe. Kein 
Wort, faum cin Blid wurde gewechſelt und dabei 
blieb es. Ich kann Ihnen jogar verſichern, daß es 
dabei bleiben wird, denn wenn man mid) beichuldigt, 
ih ginge wieder nad) Uzelles, jo hat das feinen 
Grund darin, daß ich mit meiner Heinen Sautecoeur 
faft innmer in dem Teil des Waldes zufamnenfomme, 
der fi) an dem Park der Yenigans Hinzieht. Ich 
habe Ihnen gejagt, wie fie überwacht wird, die liebe 
Kleine, und weld tolle Angft fie vor dem Indier hat, 
dank dem wir erft bis zu den Präliminarien ges 
fommen find. Darum feljelt wohl ohne Zweifel diefe 
Liebelei meine Phantafie, und darum hat feine Frau 
der Gejellihaft, weder eine hochadelige noch eine 
Dürgerlide, mich jemals jo gereizt, wie dieje ent- 
züdende feine Zuderbirne. 

Ob fie hübſch ift? Das wäre ſchon das aller= 
höchſte. Sie hat einen großen Mund, eine Heine 
Montmartrenaje und die Iendenlahme Eleganz des 
Lehrmädchens mit dem großen Karton. Als Frau 
%... neulid bei dem Juwelier eintrat, bei dem 
wir eine goldene Kette ausjuchten, fchleuderte fie mir 
ihre ganze Verachtung in einen Blid zu, der jagen 
jollte: „Da find Sie aljo angelangt... Ich gra- 
tulire.“ Unglüdlicherweife ſtand mir als einzige 
Antwort auch nur ein ausdrudspoller Blick zu Gebote, 
und das genügte nicht, um ihr einen deutlichen Auf- 
\hluß zu geben. 

Sie ſehen, Wilfie, duß ich, obgleich ic) noch jehr 
jung bin, meine Studien über das Weib, bejonders 
ſo weit fie die franzöſiſche Frau betrifft, faft voll- 
endet habe. Und nun zumächft, wo ift jie denn, die 
Franzöſin? Welches ift ihe Typus? Iſt es Die 
mit faltem Blute ausjchweifende Phantaftin, von 
der und die Nomane des achtzchnten Jahrhunderts 
erzählen? Iſt jie jemals errötet, hat fie jemals ge: 
jeufzt wie die Malwinas der jungfranzöſiſchen Roman— 
tiker? Winden wir jie eher unter dem tieffinnigen 


632 Alphonſe Daudet. 


Viehſtand der parnaſſiſchen Dichter, unter den In— 
ftinftiven der Naturaliften oder den Myſtiſch-⸗Nervöſen 
der Decadenten? Eie ijt vielleicht überall da geweſen, 
oder fie hat es ſich wenigſtens eingebildet, al3 Glieder— 
puppe für die Nomanfıhriftjteller, als ſchlanke, ge= 
fällige Probirmamſell für alle, auch noch jo erzen- 
triihden Moden; aber im Grunde habe ich den 
Verdacht, daß ihre Leidenschaft falſch, daß fie ohne 
Ueberzeugung leichtfertig ift, daß fie einfach und faft 
immer die Mutter, die Mama ift. Während der 
mehr als drei Jahre, die ich mich nun in Frauen— 
armen berummälze, ijt das der Typus, dem ich am 
häufigsten begegnet bin. Das hängt mit meinem 
Alter zufammen, werden Sie jagen. Und doch ver- 
fehre ich hier jogar mit ganz jungen, Mädchen und 
Frauen, unferen Nahbarinnen aus Merogis, bei 
denen ich da3 ganz beſtimmte Gefühl habe, daß alles 
nur Maske, Trainirung oder Mode it, alles, mit 
Ausnahme des zärtlihen, ſchützenden Inſtinktes der 
Mütterlichkeit. 
anderes; fie ijt ein Feines, erregtes Weſen, Tollheit 
und Begierde Spiegeln ſich in ihrem Geſicht; das ift 
weder die ariſtokratiſche Schönheit der Gräfin, noch 
der Typus der rothaarigen Jüdin einer Rebekka 
Dollinger, aber id) weiß gewiß, daß mich da etwas 
anzieht, wofür id) den Gegenwert nicht fenne. Ich 
werde Ihnen das morgen jagen, lieber Freund, und 
will mein Tagebuch daher heute noch nid)t abjchließen, 
damit ich ehe, ob ich mich nicht in meiner Diagnoſe 
geirrt habe. 

Sie fragen: „Warum morgen?" Weil ich, mit 
einiger Hinterliſt, uns eine Nacht habe ſichern kön— 
nen, eine ſchöne Nacht, ganz für uns, in einem rich— 
tigen Bett, nicht mehr unter dem drehbaren Schuf; 
eines Sonnenſchirms. Ich babe nämlid) den Cber- 
auffeher veranlaßt, ein großes Zreibjagen auf die 
Milddiebe zu veranftalten, deren Kühnheit anfängt 
unerträglich zu werden. Der Indier, der mit der 
ganzen Rotte aus dem großen und kleinen Senart 
auf heute abend nad) der Faſanerie beordert ift, 
wird nicht vor ſechs Uhr morgens nad) der Eremitage 
zurücfehren. Sie können fid) aljo denken, daß wir 
uns das zu nuße machen werden. 

Ich lege Hier die in zwei Farben ausgeführte 
Skizze meiner verehrlichen Larve bei, die der Nitter 
Borski, Fälſcher bei den Fünfzigern Dragonern 
angefertigt hat. Wie Sie jehen, war fie ſchon recht 
ähnlih, nur hat diejfer Teidenjchaftlihe Borski nad) 
dem Gejeh der Subjeltivität, von dem wir einmal 
ſprachen, und das meinen diden Schneider, troß 
allem, was ich ihm jagen mag, zwingt, feiner Kund— 
Ihaft Welten mit einem Baud) zu maden, in meine 
Augen die brennende Glut der feinen gelegt, wodurch 
der Ausdruck meines Gelichtes vollkommen verändert 
iſt. Ich Habe diejen unglücklichen Jungen im Ka— 


Bei der Sautecoeur ift e8 etwas 


fernenhof wieder gejehen an den Morgen, an dem 


nah Seiner Verurteilung zur Zwangsarbeit die’ 


Erekution an ihm vorgenonımen wurde. Die trau 
rige und theatralijhe Zeremonie der Degradation 
bei regneriihem Himmel, zwijchen den vier ſchwarzen 
Mauern und den triefenden Menſchen und Pferden 
ihien gar feinen Eindrud auf ihn zu machen. Als 
er bei mir vorbei Fam, den umgekehrten Waffenrod 
über den Schultern, den Kopf hoch aufgerichtet, war 
id) darüber ganz betreffen, wie wenig er bei der 
Sade war, wie jehr ſich feine Gedanken und Blide 
über die Situation wegjegten. Man fühlte, daß er, 
taujend Meilen von allen Kerkern entfernt, der, die 
ihn zum Verbrecher gemacht hatte, begeijtert zus 
lächelte. Dieſe flammende Leidenſchaft hat er auch 
mir verliehen, aber jchr zu Unredt. 

Ach nein, in den Augen unſerer Generation ſprüht 
feine Ylamme, nicht wahr, Vallongue? Wir erglühen 
ebenjo wenig für die Liebe, wie für dad Vaterland. 
Woran liegt die Shuld? Sie, der Philofoph, der 
Denker, der Grübler, der Bücherwurm, haben, wie 
Sie glauben, Ihre Wärme und Ihre Strahlen in 
dem Mebel der deutſchen Metaphyſik verloren; Sie 
bejchuldigen die Bücher, die Sie zu früh aufgeklärt 
und ausgetrodnet hätten. Aber wie ſteht's denn mit 
ung, mit und Yaulpelzen, die wir nicht3 leſen? wir 
hätten es doch behalten müſſen, dieſes Feuer der ehr: 
lichen Ueberzeugung, und juſt das Gegenteil davon 
iſt der Fall. Wahrſcheinlich braucht man die diden 
Schmöker, die Sie ernüchtert haben, gar nicht auf: 
zuſchlagen, um fie zu kennen; die troftlojen Ideen, 
die fie im Keime enthalten, Haben Gejtalt angenom- 
men und ſich über die ganze Welt zerjtreut, und wir 
atmen fie mit der Yebensluft ein, wir ſaugen fie 
durd) alle Poren auf. Nicht ein einzigegmal haben Eie 
mir eine3 der jchönen und traurigen Ariome Ihrer 
Philoſophie citirt, ohne daß ich mir gejagt hätte: 
„Aber das weiß id) ja ſchon.“ Wir haben da eines 
jener unerklärlichen Phänomene, durch die in einem 
Tage die Nadhricht von einem großen Ereignis von 
einem Ende der Wüſte zum andern verbreitet wird, 
ohne daß man ſich den Vorgang der Fortpflanzung 
erklären fönnte. Dieſes Phänomen ift mir nicht 
befannt. Deswegen leiden wir alle von der jüngften 
Generation, von der Generation der Eroberung, ob 
wir nun nichts willen, wie ich, oder gelehrt find, wie 
Sie, wir alle leiden an Langeweile und Erjchöpfung, 
wir jind bejiegt noch vor der Schladjt, wir find alle 
Anarciftenjeelen, denen der Mut zur That gefehlt 
hat ... Charlexis. 


XVI. 
Als der alte Merivet in Marſeille, wo er ſich 


einen oder zwei Tage zur endgiltigen Regelung ſeiner 
Geſchäſte aufhalten mußte, an Land ging, war er 


Die Fleine Kirche. 


höchſt erftaunt, al3 er fah, daß Richard feit ent» 
ihlojien war, fi) von ihm zu trennen und nad 
Paris weiter zu fahren. 

„Aber warum denn, nur?" fragte Napoleon, 
während er. feinen launijchen Reijegefährten vom 
Dampfer an die:Bahir begleitete. „Sie haben un- 
jere Anfunft auf Dienstag oder Mittwoch angefün= 
digt, was haben Sie davon, wenn Sie einen Tag 
früher fommen? Sie werden feinen Wagen be= 
fommen, niemand wird Sie erwarten.” 

„Es ijt gut, wa3 ic) vorhabe,“ ſagte Richard und 
errötete Dabei, da er ſich, ohne zu wollen, verraten 
hatte. Merivet geriet außer fi) und machte eine 
beftige Bewegung, nad) der fich der ganze Boulevard 
des Italiens umgefehen Hätte, die aber unter jo 
vielen ähnlichen Berwegungen auf den geräujchvollen 
Trottoird der Cannebière unbemerkt blieb. 

„Wie, Unglüdlicher, jo fteht c3 mit Ihnen?... 
Sie wollen heimlich zurüdkehren und Ihre Yrau zu 
ertappen juhen?... Und ich war dumm genug, zu 
glauben, daß Sie endlich geheilt feien. Nun, Sie 
verdienten, daß, wenn Sie anfommen —“ Aber da 
er Richards Bewegung Jah, hatte er nicht den Mut, 
den Satz zu vollenden. „Alſo glüdliche Reife, großer 
Narr; und, da Sie fie früher jehen werden als ich, 
jo umarmen Sie Ihre Mutter und Ihre Frau im 
Namen ihres alten Freundes.“ 

Es war nicht nur die Eiferjuht, die Richard 
dazu trieb, vierumdzwanzig Stunden früher nad) 
Haufe zurüdzufchren. Es drängte ihn, Lydie an 
fein Herz zu drücken, aber er wagte nicht, es Merivet 
gegenüber zuzugeben, ihm einzugejtehen, daß es ihm 
unerträglich jchien, nachdem ihm feine Frau mehr 
als ein Jahr geraubt gewejen war, fie einen Tag 
länger zu entbehren. 

Als er am Morgen in Villeneuve-Saint⸗Georges 
angelommen war, übernahm «3 ein altertümlicher 


Omnibus mit einen Kutjcher in blauer Blufe und 


einer lahmenden, abgetriebenen Nofinante, ihn und 
fein Gepäf nach Uzelles zu befördern. Es ging 


recht gemächlich , in einem rechten langjamen Trott; . 


und da die Sonne höher hinauf ftieg und das Leder 
des alten Karrens in der Sonne brannte, und einen 





elelhaften Duft von Biltualien und Tabak ent= | 
widelte, ſetzte ſich Richard auf den Bock neben den | 


Kutjher, den ein an der Biegung von Chäteau-Frayc 
genoljenes Glas Weißwein gejprächig gemacht Hutte. 
Es war ein alter Trompeter von den dritten Jägern 


aus der Zeit, ala der Herzog von Alcantara das | 
überraſchte. 


Regiment kommandirte. 
„Ein guter Kerl, der Herzog, der ſich ſeinerzeit 


die Weibchen zu holen wußte, wo er ging und ſtand. 


Da iſt e8 denn kein Wunder, daß er jid) das Mark 
verbrannt bat. 


Uebrigens jcheint fein Junge, der | 





633 


zu gönnen. Im vorigen Jahre ijt er mit der Frau 
eine hier in der Nähe anjäjjigen Herrn davon« 
gegangen; bei dem Ichten Feſt in der Eremitage 
ſprach man von nicht3 anderem al3 von diejer Ge—⸗ 
ihichte. Der Herr Neijende hat vielleicht davon 
Iprechen hören.“ | 
Richard machte ein verneinendes Zeichen und 
ſprach auf dem ganzen Wege fein Wort mehr. Nad) 
einigen ſruchtloſen Verſuchen glaubte der Kutſcher, 
daß fein Fahrgaft, den er zwiſchen den Zähnen 
jummen hörte, die Muſik liebe, Holte unter feinem 
Sitz ein eingedrüdtes, mit Grünjpan bedecktes Horn 
hervor und begann, alle Signale des dritten Regi— 
ment3 zu blajen. Richard war bald von all der 
Blehmufil, deren Gellen ihm die Ohren zerriß, er= 
müdet, ALS jie jid) dann feinem Wohnſitz näherten, 
begegneten fie auf der Bergjtraße Leuten, die ihn 


kannten und die ſich über dieſes fonderbare Gefährt 


wunderten. Hinter Draveil flieg er ab und jchlug 
fi in den Wald, während der Omnibus im heißen 
Sonnenbrande jeine mujifaliihe Fahrt auf der 
Straße fortſetzte. In Wahrheit aber hatten die Er— 
zählungen des Kutſchers feine häßliche Neugier wie» 
der rege gemacht und ihn veranlaßt, zu einer Stunde 
und auf Wegen, wo man ihn nicht erwarten Tonnte, 
überrajchend einzutreffen. 

„Was macht fie? Denkt fie an mid)?“ 

Diele Worte gaben ihn den Talt an, mährend 
er raid) und lautlos über das elaſtiſche Moos auf 
einem nach der Prioreiche führenden Fußpfad dahin= 
Schritt. Won der Heinen Kirche, deren Glode er in 
der zitternden Hitze der Ebene erfannte, ertönte der 
Mittags: Angelus. Er Taufchte auf den befannten 
Ton, ala er in feiner Nähe Aefte Frachen hörte, wie 
wenn jemand eilig davonflieht; gleichzeitig hörte er 
das Geräuſch eines Werkzeuges, eines Spatens, den 
er auf einen der großen Ameijenhaufen geworfen 
ah, von dem man die Eier als TFalanenfutter zu 
hofen pflegte. Es war offenbar irgend ein Näuber, 
den er bei der Arbeit geftört hatte. 

Ohne weiter daran zu denfen, jebte er feinen 
Marſch fort, den er unwillkürlich beichleunigte, je 
mehr er ſich jeinem Ziele näherte, und befand ſich 
auch bald an dem Rundell der Prioreihe, von 
dem mehrere Alleen jtrahlenfürmig ausliefen, unter 
anderem aud) eine, an deren Ende man das Gitter- 
thor jeined Parkes erblickte. Schon von weitem ſah 
er diejes Thor, das für gewöhnlich gejchlojjen war, 
offen und ein Hinundher von Menſchen, das ihn jehr 
Es Tiefen Leute aus dem Park und 
wandten jih nach rechts in den Wald, wo man eine 
Anſammlung erblickte, die ſich al3 dunkler Punkt in 
der hellen Lichtung Hin und her beivegte. Er wandte 
ſich dorthin, da ihn das geſpenſtiſche Schweigen der 


Heine Charles-Sixte ſich aud) ein Feines Vergnügen ı Menge jehr beunruhigte. Die ganze Umgegend war 


634 


da verlammelt: Soiſy, Draveil, Jagdhüter und 
Gendarmen. Wa3 ging da denn vor? Jedenfalls 
etwa3 Trauriges, da gleichzeitig mit ihm, in den 
Geleifen der Kohlenwagen daherrumpelnd, der ſchwere 
Karren Foucarts anlangte. 

„Da ilt Herr Richard,“ jagte jemand. Gofort 
trat die Menge reipeftvoll au3 einander, und man 
erblidte den Nichter Jean Delcrous mit jeinem Ge— 
richtsjchreiber, den Arzt von Soiſy und den von 
Draveil, die für jih in einem Kreiſe bei einander 
ftanden und fid) ganz leiſe mit Herrn Wlerander 
unterhielten. Bor ihnen lag im Graje hingejtredt 
eine lebloje Geftalt, von der man nur die mit hohen 
Gamaſchen befleideten Beine ſah; der übrige Zeil 
des Körpers lag unter einem großen gelben Sonnen— 
ſchirm, der ihn ſchützte und verburg. 

„Ad, mein lieber Fénigan, es iſt ſchrecklich!“ 
murmelte der Richter in dem kühlen Amtston und 
reichte Richard die Hand, ohne im geringſten über— 
raſcht zu ſein, ihn hier zu ſehen. Die übrigen Per— 
ſonen der Gruppe grüßten ihn mit vor Schreck er= 
ſtarrten Mienen, aber niemand klärte ihn über den 
Unfall auf. 

„Wer iſt es?“ fragte er und plötzlich durchzuckte 
ihn ein Verdacht, der ſeine Lippen entfärbte und ſeine 
Augen aufleuchten ließ. Delcrous ſah ihn er— 
ſtaunt an: 

„Wie, Sie wiſſen nicht? ... Aber der Prinz 
von Olmüß, tot, wie man annimmt, jeit zwei oder 
drei Tagen. Wir haben ihn joeben an den Pla und 
in die Stellung gebradt, in der ihn Alerander heute 
früh gefunden hat.“ | 

Auf die Aufforderung des Richter las der Ge— 
richtsſchreiber Richard halblaut den Bericht vor, den 
er gerade nad) dem Diktat de3 ehemaligen Haushof= 
meiſters niederjchrieb: 

. Nachdem der Prinz Freitag abend nad) 
jeinem Diner Grosbourg verlaſſen hat, ijt er bis 
heute, Montag früh, nicht wieder erichienen: aber 
niemand im Edjloß beunruhigte ſich darüber, beſon— 
der3 in den erjten beiden Tagen, weil er öfters der— 
artige Ausflüge unternahm. Man wurde erit am 
Sonntag abend bejorgt, al3 man ihn nicht bei dem 
Diner erjcheinen fah, das zur Feier ſeines neunzehn— 
ten Geburtstages gegeben wurde und zu dem die 
ganze Nachbarſchaſt eingeladen war. Um jedod) die 
Herzogin nicht zu erichreden, blieb der Salon bis 
jpät in die Nacht erleuchtet und die Jugend tanzte 
ein Menuet, das für dieje Gelegenheit einjtudit 
worden war. Am Montag in der eriten Morgens 
ſtunde ließ der General, der die ganze Nacht über 
fein Auge gejchlojlen hatte, Herrn Alerander holen, 
und teilte ihm feine geheime Belorgnis mit. Bert 
Alerander lächelte bei den eriten Worten. 

„Aber, Herr General, ich) habe ihn ja gejtern 


Alphonſe Daudet. 


gejehen, den Herrn Charlexis .. 
vorgeſtern gejehen.” 

„Wo denn?” fragte der Vater ganz erfreut. 

„sm Walde und immer an derjelben Stelle... 
Es ift ein Winkel im Heinen Senart in der Gegend 
der Prioreiche, wo der Prinz feit einem Monat jeden 
Nachmittag auf die Farnfräuter Hingefiredt und 
unter dem Schutze eines großen Sonnenſchirms auf 
jemand wartet. Auf wen?... Darüber mid zu 
erkundigen, bin ich niemal3 jo neugierig geweſen, 
aber wenn der Herr General es wünſcht ...“ 

„Nicht im geringjten. Ich wundere mid) nur, 
daß er, da ſein Manöverfeld jo nahe ift, nicht nad) 
Gro2bourg zurüdfommt, um feine Mutter zu beruhigen. 
Wenn Sie ihn heute fehen, jo autorijire ih Sie, 
das Inkognito des Stelldicheins zu ftören und ihm 
da3 in meinem Namen mitzuteilen.“ 

Herr Alerander verſprach es und, da er wieder 
nad) Uzelles zurüdging, fam ihm der Gedante, 
ohne auf den Nachmittag zu warten, jeinen Weg 
längs der Parks durd) den Wald zu nehmen. Ju 
der Nähe des Ihores der Fénigans beugte cr fid), 
von einem unerflärlichen Gefühl getrieben, und blidte 
dur das Unterholz in die Ferne in der Richtung, 
in der fich der Prinz gewöhnlich aufhielt. E3 war 
londerbar, obgleich es faum acht Uhr morgens war, 
ftand der Sonnenſchirm weit aufgejpannt in dem 
betauten Graje, das an diefer Stelle ſehr dicht if. 
Auch der Liebhaber war da, jchlief aber offenbar, 
denn Herr Alerander erhielt, nachdem er ihn zwei: 
mal angerufen hatte, feine Antwort. Da... 

Hier brad) das Protokoll ab und der Geridt; 
ichreiber wandte fi zu Herrn Alerander, der jort- 
fuhr: 

„Da, meine Herren, {hob ich den Sonnenſchirm 
beijeite und ich erblidte etwas jo Entjehliches, day 
ich ſchreiend davonlief. Die Gärtner des Herm 
Richard hörten mi), man fam von allen Seiten 
berbeigelaufen, aber bi3 die Gerichtsbeamten von 
Gorbeil anfamen, ließ ich niemand an den Körper 
heran treten, nichts berühren und nichts verrüden.“ 

Die Umſtehenden murmelten zujlimmend. 

„War der Tod gewiß?“ fragte Yenigan, von 
einer unbejtimmbaren Bewegung ergriffen, in der 
ſich noch mehr Erleichterung als Schred erraten ließ. 
Der Nichter und fein Schreiber wechjelten ein trübes 
Lächeln. 

„Nicht den Schatten eines Zweifels ... Sehe 
Sie ſelbſt,“ fagte Delcrous und zeigte das, mas einfl 
der Prinz von Olmütz gewejen war, der Herzen: 
fieger, der umwiderjtchliche junge Mann mit der 
| Gavata, der jebt dieſe ſcheußliche, nicht zu bezeich— 
nende Maſſe geworden war, ein jchledht macericter, 
ſtellenweiſe ſchon ſtelettirter Echädel. Neben völlig 
gereinigten Knochenteilen, die weiß und glänzend 


. Ich Habe ihn aud) 





Die kleine Kirche. 


waren Wie Elfenbein, hingen wie blutige Spiben zer— 
feßte Sleiichlappen in den Hümperigen Augenhöhlen; 
in der Mundhöhle, in den Najenlöhern und den 
Ohreingängen, um den Unierfiefer herum, der durd) 
einen Reit von Muskeln verzogen war, wimmelten 
unzählige rote Ameijen, Würmer, Kaferlafen. Das 
war das, was jo viele Frauen geliebt und geliebkoft 
hatten, das, was Männer wahnjinnig vor Eiferſucht 
gemacht hatte. 
Die neugierige Menge, die, troßdem fie von den 
Gendarmen zurüdgehalten wurde, den Blicken Richard, 
die ſich jeßt auf die Leiche richteten, gefolgt war, fuhr 


635 


teinen, fteinigen und dornigen Weg geleiteten, der 
ſich längs des Parkes der Foͤnigans hinzieht. Lang—⸗ 
ſam teilte ſich die Menge in ſchwatzende Gruppen 
und zerſtreute ſich über alle Wege des Waldes, als 
plötzlich Richards Stimme, den Schall der Schritte 
und das Knarren der Räder laut übertönend, den 
Karrenführer, der ſein Pferd am Zügel nahm und 
Miene machte, zu wenden und in den Park hinein 
zu fahren, heftig zurief: 

„He, Sie, wo wollen Sie hin?“ 

Als der Mann antwortete, daß, wenn man über 
das Gut führe, man eine halbe Stunde gewinnen 


vor Schreden und Entjeben zurüd. Die, die etwas | würde und daß Herr Alerander es angeordnet Babe, 


gelehen hatten, berichteten den anderen unter Aus— 
brüchen de3 Mitleids, 
lichen Worten und Bildern... 
löhert wie cine Laterne... 
lidy, wie bei jedem düjteren Drama, Hier und da 
ein erſtickes Lachen hören. Sofort aber war die 
Stille wieder hergeftellt, die große, erregende Stille 
der Verſammlungen, in die hier das Summen der 
im Sonnenjhein tanzenden Mücken hineintönte, das 
Brummen und Raſcheln all der Käfer im Gras. 
Auf ein Zeichen des Nichter3 fuhr der Totenfarren 
vor und zwei Jagdhüter legten den Leichnam hinein, 
nahdem der eine von diejen Münnern das Zart—⸗ 
gefühl gehabt hatte, den Kopf mit einem Tuche zu 
bededen. Dieje wenigen Schritte hatten genügt, um 
die blauen Uniformen der Träger von oben bis unten 
mit Ungeziefer und mit Blut zu bededen. 

„Wohin Fallen Sie ihn bringen?” fragte Richard 


„Der Kopf durd)» 


in den dem Volke eigentüms 


.“ Und dazwiſchen ließ | 








Henigan, indem er ſich zu einem jchmerzlichen Tone | 


zwang, den Richter Delcrouß. 

„Nah Grosbourg über den Leinpfad, um die 
Eltern nicht zu jehr zu erfchreden, die Alexander zu 
benachrichtigen übernommen hatte. 
Belien auf dem Gute ein Yamiliengrab und die 
Beerdigung kann fofort ftattfinden. Was eine ge— 
richtliche Sektion betrifft, jo glaube id) wohl, daß 
Die beiden Aeskulape in Eylindern, die Hinter uns 
hergeben, ſich diefer Aufgabe faum ohne Beiſtand 
entledigen werden. Diejer zermaderte Kopf bringt 


Die Alcantaras | 





Vie aus der Faſſung. Sie nehmen einen plöblichen 


Tod infolge einer Blutjtodung an, ein Unfall, der 


in der Familie jchon häufig vorgefommen iſt und | 
ı in ihm aufgejtiegen war, und es hätte wenig gefehlt, 


Der dem jungen Prinzen unter feinem Sonnenſchirm 


Zugejtoßen fein wird. Sch bin im großen und ganzen 


ihrer Meinung; man müßte fonit einen Mord an— 


nehmen, nad) dem der Körper in feine gewöhnliche | 


Tage und unter jein gewöhnliches Schubdad) gebracht 
worden wäre. Das märe dann ſchon eine ganz 
zoffinirte Grauſamkeit ... 
Zwecken?“ 

Sie folgten im Geſpräch dem traurigen Wagen, 





und was ſollte ſie bee 


ſchrie Richard zornig: 

„Nie und nimmer! Ich dulde es unter gar 
feinen Umſtänden ... Was Hat ſich dieſer Lump 
von einem Lakaien da hinein zu miſchen?“ 

Delcrous zitterte bei der Nervoſität der Stimme 
und der Bewegung und ſofort ſtiegen tauſend Ge— 
danken, die ſich faſt zum Verdachte ſteigerten, in ihm 
auf, die er aber bald wieder aufgab, weil er fi 
einfad) fagte: „Ja, e3 ift wohl der frühere Liebhaber 
fiiner Frau; aber e3 iſt ja ſchon längſt alles aus, 
und die Ehegatten haben ſich ſchon längſt wieder 
ausgeſöhnt. Und dann ſehen ja die Unterſuchungs— 
riihter überall Mörder. Da das die erjte Unter: 
ſuchung ift, die ich übernonmen habe, wollen: wir 
doc lieber diefe Fächerlichfeit vermeiden...“ Man 
war inzwiſchen an dem Thore angelangt; er drehte 
ih, um,” erteilte jeinem Schreiber einige Aufträge, 
verabjchiedete fi von den Aerzten, jchob feinen Arm 


unter den Richards und zog ihn gemütlid) in den 
| Park hinein: 


So, jeht wollen wir Ihre Damen 
aufjuchen ; ic) habe ihnen Heute morgen verjprodhen, 
ſobald ich die Schinderei hinter mir hätte, zu fommen 
und ihnen Bericht zu erjtatten... Sie jagten mir 
übrigens, daß fie Sie erjt morgen erwarteten.” 
„Sa, aber es machte mir Spaß, einen Tag früher 
einzutreffen und durd den Wald zu gehen, um fie 
zu überrajchen. Und nun habe ich die Leberraihung 
gehabt, und was für cine entjeßliche Ueberraſchung.“ 
Der Ton, in dem er da3 ſagte, war aufrichtig, 
ebenſo wie die Verftörtheit dieſes ehrlichen, derben 
Gefichtes, das der Sirocco verbrannt hatte. Der 
Richter zürnte ſich wegen des Verdachtes, der flüchtig 


jo hätte er fi) in der freudig gehobenen Stimmung, 
in der er ih befand, ganz laut Deswegen entſchul— 
digt: „Gewiß, mein lieber Richard, es ijt ein Ichred= 
liches Ereignis, aber, fol id) es Ihnen geftehen? 
Ich bin andererjeit3 jo glüdlih, daß e& mir Jehr 
ichwer fällt... Sie kannten wohl meine Abtichten 
auf Ihre Couſine Elije? Sie Hat nun Ihrer rau 


Ä Mutter, wie es Scheint, in günfligem Sinne geant» 
Den Here Aerander und die Gendarmen über den 


wortet, aber dieje hat mir joeben in der Verwirrung, 


636 


in der fi daß ganze Haus befand, nur ein paar 
Worte jagen fünnen ... Ab, da ſind ja die Damen.“ 

Am Ende der Allee tauchte Frau Yenigan und 
Lydie auf. Sie waren zufällig heute früh beide im 
Objtgarten gewejen und hatten Roſen geichnitten, als 
die rau des Gärtner? ganz verftört anfam und 
ihnen von dem graufigen Funde berichtete, den Ale— 
rander auf dem Raſenplatz gemadt hatte. Die Heine 
Gartenfchere mit den Elfenbeingriffen, die Pydie in 
der Hand hielt, hatte — das hatte Yrau Yenigan 
beobadytet — ihr Geſchäft ohne die geringjte Unter— 
brechung, ja fogar ohne jedes Zuden weiter ver— 
richtet. Lydie begnügte ſich, den Gedanfen, der fie 
bei Diejer Nachricht erfaßte, Halblaut auszuſprechen: 
„Welch ein Glüd, dat Richard nod) nicht zurüd ijt!” 
Ihren zweiten Gedanken aber ſprach fie nicht aus: 
„Nachdem er jo oft gedroht, den Prinzen zu er— 
morden, hätte man zweifellos ihn bejhuldigt... ich 
jetoft hätte ja glauben fünnen....“ Diejer Gedanke 
verließ fie nicht mehr, und als Delcrous, von Gorbeil 
berbeigeholt, einen Augenblid im Schloſſe voriprad) 
und fie ihn mit jeinem Schreiber die verfchiedenen 
Möglichkeiten des Unfalles erwägen hörte, war jie 
drauf und dran, ſich laut zu der Abweſenheit ihres 
Gatten Glüd zu wünjchen; aber ein geheimnisvoller 
Inftinft hielt fie davon ab. Unter diefen Umständen 
kann man fi) das Entjegen der jungen Frau vor— 
jtellen, als fie gegen Mittag Richards Koffer und 
jeine Reijetajche vor dem Papillon erblidte. 

„Das ijt mit dem Omnibus aus Billeneuve ge: 
fommen,” ſagte ihr die Gärtnersfrau. „Herr Richard 
hat den Weg durd) den Wald genonmen.” 

Lydie war zu Tode erjchroden, denn fofort hatte 
ih) ihrer die MHeberzeugung bemädtigt: „Er Hat 
Charley getötet...” Mit einem Echlage ftand ihr 
da8 Drama far vor Augen: Ihr Mann war einen 
Tag früher angefommen, um fie zu überrafchen, der 
Prinz lag in der Nähe des GitterthoreS auf der 
Lauer, die beiden Männer hatten ſich getroffen, ein 
Wutaufall und der Mord war geichehen. Es blicben 
zwar nocd Einzelheiten unerflärlih, aber bei denen 
hielt fie fich nicht auf, Jo ſehr war fie von Schred 
und von Bewunderung ergriffen; denn fie betvunderte 
ihn, weil er das gewagt hatte, er, diejer ſchüchterne 
und ſchwache Menſch, diefes Kind, dem fie nur 
Ihränen und Klagen zutraute, Wie verliebt und 
eiferfüchtig mußte er gewejen fein! And bei all 
ihrer Angſt ſtieg eine danfbare Zärtlichkeit in ihr 
auf, eine fieberhafte, ſüße Liebe, die ſich noch fleigerte, 
al3 fie Richard an einer Bicgung der Allee erblidte. 
Er war dur) den afrifaniihen Eonnenbrand ge= 
bräunt und abgemagert, feine Augen Teuchteten vor 
Freude, und in feinem ganzen Mejen war etwas 
Männliches, Beſtimmtes, was fie biäher an ihm 
nicht gefannt Hatte. 


Alpbonje Daudet. 


Auf Lydies Arın gejtüßt, deren Ichhajten Schritt 
lie verzögerte, rief die Mutter ihrem Sohne ſchon 
von weitem zu, inden fie die Worte in ihrer Unge: 
duld hajtig herausſtieß: „Das war einmal eine der, 
und nicht zu benachricätigen! Weißt Du, daß wir 
große Angjt gehabt haben, als wir Dein Gepäd jahen 
und niemand... Beſonders nad) diejer entjeßlihen 
Geſchichte ...“ 

„Das iſt wahr, ihr Lieben, Guten, ich habe den 
Tag recht ſchlecht gewählt.“ 

Er unterbrach ſich, fiel ſeiner Mutter um den 
Hals und zog zugleich Lydie an ſein Herz, deren 
zartes Geſicht er ſich erſt unter einem großen Roſahut 
ſuchen mußte. Es fiel ihm auf, daß ſie eiskalt war, 
und am ganzen Körper zitterte, ſo daß er darüber 
ganz laut eine Bemerkung machte. Frau Fenigan, 
die wohl merkte, daß ſie allein ſein wollten, ging 
mit Delcrous voran. 

Trunken vor Freude preßte Richard ſeine Frau, 
die an ſeinem Arme ging, an ſich, wie der Arme 
ſein Stückchen Brot an ſich drückt, wie der Ertrin— 
kende den Rettungsgürtel feſthält; bei jedem Schritte 
blieb er ſtehen, ſah ſie an, blickte bis auf den Grund 
ihrer Augen und fragte fie: „Warum zitterſt Du? 
Warım jind Deine Hände, Deine Tippen wie Eis?! 
Meine überrajhende Rüdfehr Hat Dich ja mohlerregt... 
aber das iſt ja jeßt vorüber... Iſt es nicht vielmehr 
das Entſetzen, die Ergriffenheit über diefen Tod!“ 

„D nein,‘ antwortete jie jo aufrichtig, daß eine 
Täuſchung ausgeſchloſſen war. Er drang aber weiter 
in fie: 

„Weißt Du, Du mußt e3 mir jagen; jeht fann 
ich alles hören...“ 

„Für mid) war er Schon lange tot, wie Du weißt 
... Nein, Richard, das ijt e3 nicht.“ 

„Alſo was? ... Freut Du Dich nicht, mid) zu 
ſehen? Deine Briefe waren dod) jo zürtlid).“ 

„Ich bin viel zärtlicher wie fie, mein Richard, 
und jehr glüdlich, bei Dir zu fein. O fehr — ſehr 
— das ſchwöre id) Dir.“ 

Eie zitterte immer mehr und fchmiegte fi in 
innigfter Hingebung an ihn, während auf den jtum: 
men, bebenden Lippen ein Beleuntnis oder cine 
Trage jchwebte, Die fie nicht auszuſprechen wagte. 
Und Richard grübelte und jtellte Vermutungen auf, 
während er über die gleichgütigften Dinge \prad, 
die immer das erjte Band zwijchen zwei Herzen find, 
die lange getrennt waren. Von Zeit zu Zeit flamm⸗ 
ten in feinen guten, großen Augen Blitze auf, die 
zu ihrer jehr alltäglichen Unterhaltung in feinerlei 
Beziehung ftanden. Ein finftrer Argwohn, den er 
vergebens zu verſcheuchen ſuchte, flieg aud in ihm 
immer wieder auf und er beobachtete fchließlid) jeine 
Frau mit denjelben angſt- und furdterfüllten Biden, 
mit denen fie zu ihm aufjah. 


Die kleine Kirche. 


Vor ihnen ging am Arme der frau Yenigan | 
der Nichter Delcrous und Schwamm in Glück und 
Seligfeit, al3 er hörte, daß Elije bereit ſei, „Ja“ 
zu fagen. Er fah fih Schon am Vorabend feiner 
Hochzeit, überlegte ji, wem er feine Haben, feinen 
Papagei, feinen ganzen Junggejellenhausftand ver= 
machen jollte, und fragte Richards Mutter wegen 
jeiner fünftigen Wohnung und der Wahl der Trau- 
zeugen um Rat: „Wenn Dieje traurige Gefchichte 
heute morgen nicht pajlirt wäre, hätte ich meinen 
erlauchten Freund, den Herzog von Alcantara, bitten 
können ...“ Das Stirnrungeln der Frau Fenigan 
veranlaßte ihn, nicht fortzufahren. 

„Sie vergeflen, mein Herr, daß Uzelles niemals 
etwas mit Grosbourg zu Schaffen haben fünnte. Gott 


getroffen hat, nicht mehr grolle, aber wir find durch 
diefe Leute fo unglücklich geweſen ...“ 

„Verzeihen Sie meine Zölpelhaftigfeit, gnädige 
Frau,“ ſagte Delcrous in gerührtem Tone, „der 
Ueberichwall meines Glückes ift ſchuld daran...” 

Die Stirne der Frau Fenigan blieb gerungelt. 
Tas Mort Glück erfhien ihr unpafjend in nächſter 
Nähe der andern Mutter da drüben, der man ihren 
Sohn auf dem Totenwagen nad) Haufe bradte. 
Slüdlicherweije wurde die Unterhaltung durch Die 
Nahriht unterbroden, daß man den Herrn Unter- 
ſuchungsrichter in Grosbourg zu ſprechen wünſche; 
Alexander war in einem Tilbury gekommen, um ihn 
zu holen und wartete auf der Straße. Lydies Er— 
regung fteigerte ſich bei diefer Nachricht fichtlich, und 
während der Beamte feine Wirte bat, ihn zu ent- 
ſchuldigen, fürchtete Richard, fie werde in feinen 
Armen ohnmächtig werden. 


weiß e&, Daß ich ihnen nad) dem Schlage, der fie 


* 


Kaum hatte jid) Delcrous neben Alerander nieder- 
gelaſſen, als auch wieder das Intereſſe für daS ge— 
heimnisvolle Drama, das er aufzuklären beauftragt 
war, in ihm wach wurde. Er erkundigte ſich über 
die Stimmung auf dem Schloſſe. 

„Ich glaube wohl, daß die Frau Herzogin noch 
von nichts eine Ahnung hat,“ antwortete der alte 
Diener in refervirtem Tone. „Was den Herrn 
General anbetrifft, jo hat er dieſes neue Unglüd fehr 
heldenmütig aufgenommen; er hat uns befohlen, den 
Körper in das fogenunnte Fantöme zu bringen, 
einen Heinen Bau, in den man gelangen kann, ohne 
das Haus zu betreten... .” 

„Und was fagt man, was denft man in der Uns 
gegend, ſtimmt die Anficht der Aerzte mit der öffent« 
liden Meinung überein ?“ 

Der alte Diener machte eine unbejtimmte Hand— 
bewegung: „Was das Landvolk fagt, jehen Eie, 
Herr Richter, das könnte man fchließfich wohl er: 

Aus fremden Zungen. 1895. II. 14. 


637 
fahren. Was es dent, das ijt eine ganz andere 
Sache.“ 

„Aber Sie, Herr Alexander?“ 

„O, id —“ 

Um ſich nicht äußern zu müſſen, that er, als 
müßte er das Tier, das einen furchtſamen Seiten» 
\prung gemadt hatte, beruhigen... Sie waren an 
den Bappeln der Brüde angelangt. Bon dem Wafd)- 
boote Mangen grelle Stimmen herauf, während die 
Wäſche, die unten auf der Wieje an Leinen auf: 
gehängt war, im Winde flatterte: „Wenn Ihr 
Schreiber hätte aufzeichnen können, was man hier 
jeit heute morgen erzählt,” fuhr der alte Ged fort, 
indem er jeinen langen Oberförper im Wagen aufs 
richtete, um recht weit in Gejelihaft des Unter⸗ 
ſuchungsrichters im Wagen der Alcantaras gejchen 
zu iwerden, „dann wüßten Sie vielleicht, was man 
über die Angelegenheit jagt, was ohne Zweifel —“ 

Als er dieſe jebt wieder hermetiſch geſchloſſenen, 
breiten Lippen ſah, wußte der Richter, daß er von 
dieſem von einem Bauern gezeugten Leporello nichts 
weiter herausbringen würde, obgleich ſeine kleinen 
Augen dabei ſehr verſtändnisinnig dreinſchauten. 
Er regte ſich nicht weiter darüber auf, in der 
Ueberzeugung, daß derſelbe Alexander, der jetzt ſo 
zurückhaltend und verſchloſſen war, ſich in ſeinem 
Amtszimmer in Corbeil bei der erſten gerichtlichen 
Vorladung, dieſes Schreckgeſpenſt für die Leute vom 
Lande, ſehr geſprächig zeigen würde. 

Delcrous war an dem menſchenleeren Ufer bei 
einem der kleinen Thore von Grosbourg ausgeſtiegen 
und trat jetzt auf die Unterterraſſe, wo die Herzogin 
im Hute, zum Ausgehen bereit, lebhaft mit ihrem 
Mann und Magiſter Jean diskutirte, die auf einer 
Bank vor den Rainweiden des Lawn-Tennisplatzes 
ſaßen. In dem langen Geſicht des Generals zuckte 
es auf, als er ihn ſah und ſchon von weitem rief er 
ihm, während die Augen des Erziehers hinter den 
Brillengläſern ein wildes Geberdenſpiel aufführten, 
zu: „Kommen Sie mir zu Hilfe, mein Lieber... 
Helfen Sie ung, die arme Herzogin zu beruhigen, 
die glaubt, daß wir ihr irgend etwas verbergen.” 

Delcrous antwortete, auf den Wink de3 Herzogs 
eingehend: „Sie haben aljo noch immer feine Nach— 
richten, Herr General?” 

„Immer noch nicht; und darum Habe ic) Sie zu 
mir gebeten, denn ich muB geftehen, daß ich anfange, 
unruhig zu werden.“ 

„Die Sadıe ift die...” jagte der Richter, in— 
dem er verlegen feinen Badenbart ſtrich. Die Her— 
zogin, die mit der Epiße ihre Sonnenfdirmes in 
Kies wühlte, jah die drei Männer mit einem arg: 
wöhniſchen Blid an. Ihre Wangen Jahen bleifarben 
aus, ihr gelbjüchtiger Teint ſpielte ins Schwarze 
herüber, fie war im zwei Tagen eine alte Frau 
81 


638 Alphonſe Daudet. 


geworden. Sie fühlte es, daß die drei in derjelben 
Lüge gegen fie verbunden waren, daß fie feit ent- 
ſchloſſen waren, ihr nicht3 von dem zu jagen, was 
lie nicht zu erraten wagte, und daher wandte fie ſich 
an den Erzieher, als den ſchüchternſten unter ihnen, 
mit den Worten: „Den Sclüjjel vom Fantoͤme, 
verjichen Sie mid), Magijler Jean, ich brauche ihn.“ 

„Gewiß, Frau Herzogin... Aber id) weiß wirk— 
lich nicht," ftotterte der arme Zeufel, „der Prinz 
ſelbſt Hat es abgeichlofien ... die Tennisbälle 
rollten immer da hinein... er hat jedenfalls den 
Schlüſſel in der Taiche behalten.” 

„Dann werden Sie ihn weiter fuchen ; ich wieder: 
hole Ihnen, daß ich ihn noch vor morgen braude.” 

Mährend fie ſich entfernte, jagte der General 
jehr laut, damit fie es hörte: „O, dieje Einbildungen 
der rauen... hat dod) die Herzogin heute nacht 
geträumt, daß man ihren Sohn in dem alten Mufife 
pavillon, den man, id) weiß jelbjt nicht warıım, das 
Tantöme genannt hat und in dem niemals ein 
Tropfen Wafjer war, ertrunfen aufgefunden habe.“ 
Er mwinfte Delcrou3 heran und zeigte mit feinem 
Stod den Heinen roten Baditeinbau, der hinter dem 
Gefträuh ftand. „Sie willen, daß er da drün ijt 
und daß die Seltion im Laufe des Abends ftattfinden 
muß. Ic wünſche eine fofortige Einſargung; die 
Mutter würde wahnfinnig werden, wenn fie ihn jo 
ſähe ... Ach, mein lieber Delcrous, id) habe in 
meinem Soldatenleben jo manches entjebliche Ge— 
metzel mit angefehen, aber als ich ſah, was man mir 
von meinem Sohn zurückbrachte, von dieſem hübſchen, 
blonden Jungen, hier an dieje jelbe Stelle, wo er 
noch vor faum acht Tagen ſpielte —“ 

Er hielt inne, denn er ſah im Geiſte Charleys 
ſtrahlendes Bild, das ihnen allen noch ſo gegen— 
wärtig war, daß ſie ſich einbildeten, ſie hörten auf 
dem Raſenplatze ſein Lachen, ſeine Rufe: „Play...”, 
während die Bienen die Nainweiden umjummten. 
Nach einem langen Echmeigen ergriff der Richter 
zuerft das Wort und jagte, immer nod) halblaut: 
„Es ift gut, Herr General, die Aerzte werden vor 
Einbrechen der Nacht hier fein, aber wenn fie ihre 
Anficht nicht ändern, jo werden jie, wie ic) glaube, 
die Sektion für überflüflig erflären, da fie, wie id), 
glauben, daß der Prinz vom Schlage getroffen ijt.“ 

„Ich bin einer durchaus entgegengejebten An— 
ſicht,“ jagte der Herzog von Alcantara, ohne daß 
eine Falte ſeines leichenblaſſen Gelichtes gezudt hätte, 
„Aber ic) möchte vor allen Dingen eine Frage an 
Sie rihten... Wie ift es gefommen, day Eie in 
diefer düſtern Angelegenheit mit den erften Cr: 
hebungen beauftragt worden find?“ 

Delcrous geriet in eine leichte Verlegenheit. 

„Aus dem einfachen Grunde, Herr Herzog, weil 
unfer Unterſuchungsrichter aus Geſundheitsrückſichten 


beurlaubt ijt und der Staatsanwalt feine Hochzeits— 
reife macht ...“ 

„Und Sie, wollen Sie ſich denn nicht zu der 
Ihrigen rüſten?“ 

„zn meiner Hochzeitsreiſe, id)...“ ſagte der 
Beamte, fehr erjtaunt darüber, daß feine Pläne ſchon 
befannt, und an jo hoher Stelle befannt, waren. 

„Sollen Sie nicht eine Goufine der Feénigans 
heiraten, eine gejchiedene Frau, eine hübſche Perſon, 
mit einem hübſchen Vermögen?” 

Non der Bank, auf der fie jagen, jah man auf 
dem gegenüber Tiegenden Hügel den Pavillon von 
Uzelles und den Fangen Paubengang, der auf die 
Hauptfaſſade ftieß. So vorſichtig und zurüdhaltend 
er auch war, tagte der Nichter angeſichts dieſer 
Steine und diefer Bäume, die jeine Nertrauten und 
feine Zeugen waren, doch nicht, jeine Hoffnungen zu 
leugnen; er geitand, daß allerdings noch Einzelheiten 
feftzuftellen wären, daß dieje Verbindung aber im 
Prinzip feiner Anſicht nad) beichloffene Sache jet. 

„Dann, mein Verehrter ...“ und die Etimme 
de3 Generals, wie feine matten Augen belamen eine 
ftarfe, durchdringende Lebenskraft, „ilt e& abjolut 
notwendig, dab Eie die Unterſuchung dieſes Falles 
einem Ihrer Kollegen übergeben, denn mein Sohn 
iſt das Opfer eine Mordes geworden, und der Mörs 
der ijt niemand anders als der Ihnen künftig ver- 
wandte und verichwägerte Richard Yenigan.“ 

Delcrous jprang in einer faft natürliden Em- 
pörung auf und rief: „Was jagen Sie da, Herr 
Herzog?” 

„Nichts, was ich nicht beweiſen Fünnte... Ma: 


giſter Jean, bitte, wollen Sie den Herrn leſen 


laſſen ...“ 

Verſtört holte der Erzieher aus einer Maroquin⸗ 
mappe, die auf ſeinen Knieen lag, eine Anzahl von 
Briefen hervor, die er Delcrous zeigte. Es waren 
die unglüdlihen, im Wahnfinn gejchriebenen Briefe, 
in denen Richard, wütend dariiber, daß ſich ihm 
niemal3 jemand jtellte, in allen Zonarten und in 
allen Varianten wiederholte: „Er will ji nidt 
Ihlagen, nun gut, dann werde ich ihn töten, dann 
werde ich ihn töten.” Auf einen Wink des Generale 
fügte Magijter Jean mit feiner franfen, faum hör 
baren Etimme Hinzu: „Und diefe Drohungen hat 
man ſich nicht nur zu jchreiben begnügt. Herr Fe 
nigan hat fie zweimal im Gejpräd mit meiner We 
nigfeit ausgeſtoßen und geſchworen, daß er dem 
Prinzen an irgend einem Kreuzweg im Walde aufe 
lauern und ihm jein hübjches Geficht mit dem Abjak 
zu Brei zerireten werde, wie er e3 mit feinem Dies 
datllonbild getan Habe.“ 

„Bas denken Sie davon, mein Lieber?“ fragte 
der General. 

„Ich geftehe.,“ antwortite Delcrous, „daß mein 


Die kleine Kirche. 


Verdacht ſich ganz zuerſt auch in dieſer Richtung be— 
wegte. Aber die Unmöglichkeit liegt klar zu Tage. 
Die Rückkehr des Mannes, die allerdings ſehr un— 
vorhergeſehen kam, erfolgte erſt heute morgen, wäh— 
rend das Verbrechen vor mehreren Tagen begangen 
jein muß. Sonſt könnte das Ungeziefer des Waldes —“ 

Er wagte in Gegenwart des Vaters nicht, ſeinen 
Satz zu vollenden. Der Herzog aber fuhr mit der 
größten Ruhe fort: „Der Mörder hat vielleicht die 
That nicht felbjt ausgeführt... Das aber, was er 
dem hübjchen Gejiht, das ihm ein Dorn in Auge 
war, angedroht Hat, ijt zu fehr im Sinne feiner 
eiferfüchtigen Wut ausgeführt worden, ala daß er 
nicht dabei beteiligt fein follte. Glauben Sie mir, 
Delcrous, ich weiß nicht, mie Sich dieſe entjeßliche 
Sache zugetragen Hat, aber ich erfenne darin das 
Gepräge der Leidenſchaft, jeine Kralle... Es iſt 
Richard, ic) ſage Ihnen, er ijt es, und wenn Sie 
ihn entwiſchen lafjen, wenn Eie ihn nit faſſen 
laſſen, und zwar jchleunigit, jo wird man Ihnen 
vorwerien, daß Eie Ihre Familie ſchonen, und es 
könnte Ihnen teuer zu ftehen kommen.“ 

Delcrous zitterte: „Ach, Herr Herzog... .” 

„Die Sache iſt jehr einfach. Telegraphiren Sie 
nad) Verſailles nad) einem Stellvertreter.“ 

Der Nichter wog feine Chancen ab, überlegte 
einige Sefunden und jagte dann mit einer pathetis 
ihen Gefte: „Herr General, das ijt eine Gewiljend- 
ſache; ich erbitte mir von Ihnen bis heute nacht 
Bedenkzeit.“ 


XVII. 


Während unter den ſchattigen Bäumen von 
Grosbourg dieſe traurige Verhandlung ſtattfand, 
ging auf der andern Seite des Fluſſes auf den un— 
bewaldeten Abhängen, auf denen der Obſtgarten der 
Fenigans ſich mit feinen von Weſpen umſchwärmten 
Spalieren, ſeinen bogenförmigen Weingeländern und 
ſeinen mit kleinen, verkrüppelten Obſtbäumen be— 
pflanzten Alleen hinſtreckt, Richard mit ſeiner Mutter 
auf und ab. Es war rührend, anzuſehen, wie ſie 
den Hünen, der neben ihr herſchritt, wie ein kleines 
Wickelkind ängſtlich mit einem Sonnenſchirm ſchützte. 
Lydie war im Salon zurückgeblieben, um die Gäſte 
zu empfangen, denn der Montag war der Empfangs— 
tag der Damen Fenigan, und infolge des Dramas 
bon heute früh war eine bejonders große Anzahl von 
Beſuchen erſchienen, die neugierig darauf waren, 


— — — — — — — — —— — — — — —— — — —— — — — — — — —— — — 


Einzelheiten zu erfahren, und die beſonders neue | 
gierig darauf waren, was die junge Frau angejichts 


der Statajtrophe für ein Gejicht machen und welche 
Haltung fie annehmen werde. 

Trotz ihrer Verwirrung, troß ihres Wunſches, bei 
ihrem Gatten zu jein, Hatte Lydie eingejchen, daß 


Ve Richards Sicherheit und der Würde ihres Hauſes 


639 


ſchuldig war, den Ueberfall aller dieſer übelmollenden 
Leute ftand zu halten. Was war denn diejes Feine 
Opfer ihres Stolzes dem gegenüber, wa3 er für jie 
gewagt hatte? Und während die Glockenſchläge am 
Schloßthore fi) raſch auf einander folgten, ſagte die 
Mutter, die von dem Ende des Obſtgartens aus 
die Beſucher erkennen konnte, ihrem Sohne nad) ein— 
ander: „Das ift der Break von Chateau⸗Frayé ... 
Da3 find die Fleinen Jüdinnen von Merogis... 


; Nein, wirklich, Deine Frau hat jehr wohl daran gc= 


than, fie zu empfangen, mein liebes Kind... Wenn 
man bemerft hätte, daß fie heute den Beſuchen aus 
dem Wege gegangen wäre, Gott weiß, was all das 
Bolf gejagt und vermutet hätte.“ | 

„Was hätte man denn glauben können?” fragte 
Richard ganz leiſe. Um ungeflörter zu fein, hatten 
fie fih in die lebte Allee geflüchtet, zwiſchen die viele 
farbigen, nach Pfefjer und Weihrauch duftenden Nelken- 
und Levkojenbeete. 

„Kann man das wiſſen?“ antwortete fie... 
„Daß diefer Tod des Prinzen Pydie jehr angreiit, 
daß jie ſich verftedt, Damit man nichts davon ſieht ... 
Die Welt ijt ja jo ſchlecht.“ 

Richard atmete erleichtert auf, al3 ob er viel 
Ichredlichere Vermutungen erwartet hätte. „So 
graujam diefer Tod auch ift, der jein Opfer viel zu 
früh erreichte, jo hieße e8 doc), die ſtolze Natur 
unſeres Lieblings verfennen, wenn man glauben 
wollte, er hätte fie eine Ihräne koſten können ... 
Zunächſt hat jie ihn niemals geliebt, diefen Char- 
lexis . . . Und foviel Teigheit und Roheit Haben 
ihr ſchließlich ſogar Haß eingeflößt, ja, ein Rache— 
bedürfnis ... Sch erinnere mich, daß ich fie in 
Duiberon in ihren Delirien jogar Todesdrohungen 
habe ausjtogen hören... .“ 

„Schweige, ſchweige,“ flüjterte der Sohn Tebhaft, 

al3 er einen Gärtnerburjchen kommen jah, der ein 
Treibhausfenſter vorbeitrug, und als der Burſche jich 
entfernt hatte, fragte Richard jeine Mutter etwas be— 
fangen: „Wußteſt Du, daß der... er... mm 
Charley ... wußteft Du, daß er feit einiger Zeit 
hier herumſtrich?“ 
„Ich habe e8 heute früh erfahren; Deine Frau 
wußte es auch nicht, wenigſtens hat fie eg mir ver— 
fichert, und ich zweifle niemald an ihrem Wort ; 
dazu kenne ich fie jebt zu gut." 

Richard blieb tief bewegt in der Allee jtehen und 
Jagte: „Da Du fie kennſt, jo kannſt Du mir vie!» 
leicht jagen, warum jie jeit meiner Rückkehr fo ver: 
ſtört und jo gezwungen ift? Ich fühle, daß irgend 
ein Gejtändnis auf ihr laſtet, das fie mir nicht zu 
machen wagt. Ich hatte einen Augenblit daran 
gedacht, daß der Anblick dieſes ſcheußlichen, krüppeln— 
Dia" | 

„ber fie Hat ja gar nichts geſehen.“ 


640 


„0, das weiß ich und darum fuche ich auch nad) 
etwas anderem... O, fei unbejorgt, es find nicht 
meine ſchwarzen Schmetterlinge, die mic) verfolgen... . 
Ich bin geheilt und zwar für immer... Aber 
diefer Charlexis, der Tonıplizirt und forrumpirt war 
wie fein Name, hatte eine teufliiche Seele; und ich 
frage mih, ob er nicht, wütend darüber, daß er 
Lydie ſich entihlüpfen ſah, durch irgend eine ver= 
brecheriiche That verjucht Hat, ihrer wieder habhaft 
zu werden. Stelle Dir einmal vor, daß er Briefe 
aufbewahrt habe, vielleicht ein allzu intines Bild, 
und daß er da3 in meiner Abweſenheit gewiſſermaßen 
als Köder benützte, als Drohmittel, um zunächft eine 
Zujammenfunft zu erlangen... .” 

„Ad, mein Gott, das ift wahr, Du erinnerft 
mid)...” Frau Yenigan wurde durd) zwei heftige 
Glockenſchläge, die aus dem innern Hof kamen, unter= 
brochen. „Ich wette, Lydie ſchickt nad) mir, der 
Salon muß bredend voll fein...” Der Sohn 
machte eine Bewegung. die fie begriff. „ber zuerjt 
muß ih Dir meine Geichichte zu Ende erzählen... 
Aljo, anı leßten Freitag, am Markttage von Corbeil, 
Hatte ich Lydie, die jeit Deiner Abreiſe nicht ausge— 
gangen war, mitgenommen.” 

Die Mutter ging bei ihrem Bericht über die 
Begegnung mit dem Prinzen, die im Junvelierladen 
ftattgefunden Hatte, vorjidhtig zu Werke. Sie be= 
tonte da3 bleiche Ausjchen der jungen Frau, als fie 
aus dem Paden heraustrat, ihre Beſtürzung, die 
deutlic) bewies, daß es cin unerwartete Abenteuer 
war; und da fie immer einen Ausbruch des armen 
Eiferſüchtigen fürchtete, jebte jie Hinzu: „Wenn Lydie 
Dir in ihren Briefen nicht darüber geſprochen hat, fo 
geſchah es, weil ich fie darıım gebeten hatte... Hörft 
Du wohl, mein Sohn, Du darfjt ihr nicht zürnen; 
ih, ich allein — — —“ 

Richard zmeifelte feinen Augenblid an der Wahre 
haftigfeit jeiner Mutter und an der Ehrbarfeit feiner 
rau. Er dadite mır an die jchredlicdhe, jo ganz 
andere Scene, deren Zeuge vor faum einigen Monaten 
diejer felbe Objtgarten gewejen war. Was war in» 
zwiichen alles gejchehen, wie hatten fie alle ihre Ge— 
fühle verändert! ruft ergriff er die alten, lieben, 
mütterlichen Hände, die in den Gartenhandſchuhen 
ftedten, und drüdte fie inbrünftig an die Lippen: 
„Sei ohne Furcht, geliebte Mutter, Hinfort glaube 
ih) an Pydie, wie an Did) ſelbſt . . ber was 
Du mir erzählit, das beftätigt nur meine Ahnungen. 
Ich weiß jebt, ih errate ...“ 

„Was? Was gibt es denn? Was vermutejt 
Du...? Du madjt mir wirklich angſt.“ 

Nieder ertönte ein Glockenſchlag und faſt gleich— 
zeitig erjchien ein Diener, um Frau Fénigan zu 
holen, Es war jo, wie Ste ſich gedacht hatte; ihre 
Anweſenheit im Ealon war jchlehterdingd notwendig 


Alphonſe Daudet. 


getvorden. Und in einem erziwungen fröhlichen Tone, 
denn das Angftgefühl ihrer Kinder begann jetzt aud 
fie zu ergreifen, rief fie im Davongehen Richard zu: 
„sch werde Dir Deine Frau jcdhiden, nimm fie 
einmal in die Beichte.“ 

Die Ellenbogen auf die Ziegeljteinfappe der 
niedrigen Mauer gelchnt, die den Chjtgarten von 
einem großen Haferfelde trennte, das fich den Ab: 
bang hinunter bis zur Seine erjtredte, ftand Richard 
lange unbewegli in Gedanken: ... „Lydie beichten 
lalien, zu welchem Zweck?“ Ceine Ueberzeugung 
jtand feit... . Zwiſchen ihr und ihrem alten Lieb: 
haber bejtand noch irgend ein beſchimpfendes, ent 
ehrendes Band. So erklärte ſich das Herumſchweiſen 
um den Parf und die Begegnung in Corbeil. Ge: 
fangen, umſtellt einerjeit3 von der Kühnheit dieſes 
Elenden, andererjeit3 von der bevorftehenden Rückkehr 
ihres Gatten, war fie tapfer zu dieſem leßten Etell: 
dichein gelonımen, um da3 Pfund, den Brief oder 
da3 Bild, die in verbrecheriichen Händen geblieben 
waren, um jeden Preiß wieder zu erhalten. Dort 
hatte ji) da3 arme Sind, da ihr zu gemeine Bes 
dingungen geftellt wurden, gerät, fich verteidigt 
und, wie eines Abends in Duiberon, aber nut ficherer 
Maffe, die fie dieſesmal nicht mehr gegen fic jelbit 
richtete... Seht, da der Menſch tot war und ihre 
Empörung ſich gelegt hatte, war jie ftarr und entjekt 
über ihr Verbrechen und hatte das jo menschliche Bes 
dürfnis, zu befennen, bejonder3 ihrem Manne, der 
allein im ftande war, fie zu entfehuldigen, fie zu ver 
ftehen. Darum jchmiegie fie fi) jo an ihn an umd 
verjenfte ihre Augen in die jeinigen, als mollte ſie 
ihm jagen: „Ich fürchte mi, ih ſchäme mid... 
Verbirg mid), rette nich.” 

Mas follte er thun? Wie konnte er Diejes ente 
jegliche Gejtändnis ander? aufnehmen, ala indem er 
jein Herz und feine Arme weit öffnete! War er 
nicht mit verantwortlich) ? Wie oft und in welch ver- 
zweifeltem Tone hatte er ihr nicht gefagt: „So lange 
dDiejer Menſch lebt, werden wir nicht glücklich jein 
fünnen.... Ich werde immer daran denfen, daß er 
Dich beſeſſen Hat, ich werde immer fürchten, daß er 
Did noch bejigt.” Konnte er feiner Frau darüber 
zürnen, daß fie ſich endlid) befreit hatte? Und wenn 
er in dieſem Augenblicke feine Eeele weit und von 
einer unbegreiflichen Freude erhoben fühlte, und wenn 
ihn die zitternden Mogen der Buchweizen und Hafer 
felder, der fammenflrahlende Fluß, der ſich da unten 
durch die große Ebene ſchlängelt, der Himmel und 
die Bäume, wenn Der ganze, ihm fo vertraute 
Horizont ihn blendete, wie noch nie, verdankte er es 
nicht dem Gefühl, daß er jet der einzige war, det 

dieſes entzüdende Geſchöpf zu beißen begehrte?... 

Flüchtige, raſche Schritte und das Rauſchen eines 
Mufjelinkleides wurden hörbar. Sie ftand an feiner 





a er iu kin — — — ur 


Die kleine Kirche. 


Seite, raſchatmend und ſeht blaß ... „Delcrous iſt 
da,“ flüſterte ſie Richard zu, ohne ihn anzuſehen, 
indem ſie ſich neben ihn auf die kleine Mauer 
fügte. „Die Situation hat ſich, wie es ſcheint, voll= 
ftändig verändert, man glaubt jet an ein Ver— 
brechen ... eine neue Spur...“ Ad, dieſe armen 
weißen Lippen, die ſich, während fie jpradhen, zu 
läheln bemühten, wie fchnell hätte er ihnen Farbe 
und Peben wiedergegeben, wenn fie im Garten allein 
gewejen wären; aber man hörte in allen Allen 
Rechen fnirfchen und die Gießkanne auf der Etein- 
einfafjung der Brunnen aufſchlagen. 

„Bas für eine Spur?... Weiß man?... 
fragte Richard mit gleichgiltiger Miene, die fie be» 
ruhigen follte. 

„Nein, der Richter will nicht? jagen. Wie id) 
fortging, war der ganze Salon in eifriger Neugier 
um ihn verſammelt.“ 

„Was fann uns ſchließlich daran gelegen jein,“ 
jagte Richard mit einer gewiljen zärtlichen Heitigfeit, 
Und dann ergriff er unter dem leichten Muſſelin 
einen jungen, runden Arm, den er gegen den jeinigen 
preite. „Es ijt hier jo gut fein...” Während 
die Sonne zur Nüfte ging, verbreitete fi) um jie 
herum der würzige Geruch der gelben, purpurroten 
und malvenfarbigen Levfojen; die Nelfen erfüllten 
die Luft mit ihrem kräftigen, balſamiſchen Duft, und 
in diefer Wechſelwirkung von ftarfen Gerüchen und 
Ichhaften Farben flatterten ganze Wolken von mikro— 
ſtopiſchen Schmetterlingen, die die frijchbegofjenen 
Beete aufjuchten und wie blaue Funken über den 
Blumen hin und her jchwebten. 

„Ja, hier iſt's gut fein,” feufzte Lydie, indem fie 
ihren Kopf mit einer kindlichen Sofetterie an Die 
Schulter ihres Mannes lehnte, während ihr Herz von 

graufamer Angſt erfüllt war. Sie fragte ſich, erjtuunt 
darüber, ihm angefichts dejjen, was ihm drohte, jo 
tubig zu jehen: „Mas hofit er? Moher nimmıt er 
feinen Mut ...? Wenn mannod) die Gemwißheit hätte, 
da man ſich nicht verlafjen müßte, daß man gemein= 
ſam leiden und jühnen dürfte... Ad), arıner, lieber 
Freund!“ Richard dagegen, der durch Gharleys Tod 
von der Laſt befreit war, die jo lange fein Herz bedrüdt 
hatte, genoß in vollen Zügen die ftrahlende Schönheit 
jeiner rau, wie er ji) an dem Glanz des Himmels 
und de3 Horizontes berauſchte; aber die Angſt der 
Ihönen grauen Augen, die fi auf ihm richteten, 
ſtörte ihn, quälte ihn: „Ach, jeufze nicht mehr jo... 
Sage, Lydie, was haft Du nur...* So lange 
max wir beide bei einander find, ganz allein, ein— 
ander ganz nah...” 

„Nicht allein genug, mein Nihard, nicht nah 
gerrug für das, was wir und zu jagen haben.“ 

„Wo denn? Wann willft Du? Heute abend, 
Haute nacht ...“ 


“4 


641 
„5a, heute naht... Da wollen wir und alles 
jagen.“ 

Ihre Lippen und ihre Hände fuchten fi) und 
taufchten Glut um Glut. Und Richard Jagte janft: 
„Haft Du denn feine Angft, daß ich wieder jchlecht 
bin wie damals, weißt Du, in der Nacht vor meiner 
Abreiſe?“ 

„Ich fürchte mich nicht mehr davor,“ ſagte ſie 
ruhig. 

„Warnum?“ 

Sie hatte die Faſſung, die fie einen Augenblick 
verloren hatte, wieder gewonnen und jagte: „Weil 
jetzt etwas zwiſchen uns iſt ...“ 

Er that, als habe er nicht verſtanden und fragte 
ganz leiſe: „Was ſür ein Etwas?“ Sie ſahen ſich 
bebend an, wie von demſelben Fieber ergriffen, von 
demſelben glühenden Verlangen entzündet. Hinter 
ihr erſtrahlte der ganze Himmel im Feuerglanze und 
verbreitete um ihre feinen Haare eine Art von 
Heiligenſchein. Ueber ſeine Augen ergoß ſich der 
rote Schimmer der untergehenden Sonne. Niemals 
hatten ſie ſich ſo ſchön gefunden, niemals hatten ſie 
ſich ſo Heiß begehrt. Und es war nicht das ver» 
Härende Licht, das fie umgejtaltete, daß fie den einen 
für den andern neu und herrlich ericheinen Tieß. 
Es war das „Etwas“, da3 dijlere „Etwas“, das 
einer von dem andern argwöhnte, und da3, ftärker 
ala dag Mitleid und die Vergebung, allein die Kraft 
haben wird, ihre Zärtlicjfeit neu zu beleben und fie 
alles vergejjen zu laſſen. 

„Benigan! He, Fénigan ...“ 

Die befehlende und fchneidende Stimme crtönte 
eben im Objtgarten. „Das ift Delcrous,” fagte die 
junge Frau, von einem plößlihen Entjeen ergriffen. 
Richard Fluchte zwijchen den Zähnen: „Was hat er 
uns denn bis hierher nachzuſteigen?“ Zugleich ſchloß 
er in einem inſtinktiven Gefühl Lydie jchügend in 
jeine Arme, als wollte er jagen: „Sch bin da, 
fürchte nichts.“ 

Sie dachte, als jie ihn jo ruhig fah: „Wie 
tapfer er iſt! Wie ich ihn liebe!“ Und Richard 
wieder fand jie rührend, jo ganz, das zarte Weib, 
da3 nad) der That von nervöſer Furcht erichüttert war. 

„Entjihuldigen Sie mid), mein lieber Fenigan,“ 
tief Delcrous, indem er mit Heinen, rajchen Schritten 
herankam. „Sch möchte gerne in Gorbeil jein, jo lange 
mein Schreiber nod) da iſt; fünnten Sie mid) vielleicht 
hinfahren laſſen?“ Fénigan antwortete: „Nichts iſt 
leichter al3 da3,” und Pydie rief mit überquellender 
Freude: „Ich will Libert jagen, daß er anſpannt.“ 
Delcrous ging; es war heute nicht3 mehr zu fürchten. 
Und ihr Mann fekte lachend Hinzu: „Dann wollen 
wir alle zujammen zu Libert gehen.“ 

Während jie den arten, in dem die Schwalben 
im Abendſonnenſtrahl zwiticherten, wieder hinan— 


642 


Stiegen, flüfterte der Richter, der neben Yenigan ging, 
diefem ins Ohr: „Begleiten Sie mic) doc) ein Stüd 
Weges, aber fö, daß wir beide allein bleiben; ich 
möchte mir ein paar Auskünfte von Ihnen Holen.“ 
Es war Har, er wollte ihn über Lydie auffragen ; 
da3 war die Spur, auf die man ihn in Gro@bourg 
gebracht hatte. Richard mußte feine ganze Kalt: 
blütigfeit und Sicherheit aufbieten. 

„Ich bin bereit,“ antwortete er gleichfalls in ge— 
heimnisvollem Ton. 

Als Lydie die offene Kaleſche in den Hof fahren 
jah, wo die Wagen der Gäfte.vor der Paulownia 
warteten, al3 fie ja), daß Richard neben dem Unter- 
ſuchungsrichter einjtieg, Da entfärbte ſich ihr ſüßes 
Geſichtchen, und ein geheimer Inſtinkt fagte ihr 
plößlih,, daß man ihr ihren Mann raubte, daß Jie 
ihn jo bald nicht wieder jehen würde. Trotzdem 
bezwang ſie ihre Bewegung und fagte lädjelnd: 
„Seien Sie nett, meine Herren, und nehmen Sie 
nich mit; ich will nur noch einen Hut aufjeßen.” 

Richard verftand das Zeichen, da3 der Beamte 
ihm gab, indem er ihn mit dem Ellenbogen anſtieß 
und jagte: „Das lohnt ſich wirflih nicht, ich fahre 
bloß bis zum Dorfeingang mit,“ ımd, indem er ihr 
eine Kußhand zumarf, jehte er Hinzu: „&eh wieder 
etwa3 in den Salon hinein, Qu wirft der Mama 
damit einen Dienjt leiften.” Durch die offenen 
Parterrefenjter drang ein Gewirr weiblicher Stimmen 
hinaus, ein jehr lebhafter Geſellſchaftsklatſch. Lydie 
jtand oben auf der Tyreitreppe und fah, wie Die 
Vferde der Kaleſche jteppend zum Thore hinausfuhren 
und ihr Mann ſich umdrehte, um ihr zuzurufen: 
„Auf ſogleich ...“ Nicht ohne herzzerreißenden 
Schmerz — obgleich dieſer Ausdruck, wenn wir von 
Delcrous ſprechen, vielleicht etwas übertrieben iſt — 
hatte der Richter Uzelles Grosbourg, die Liebe dem 
Avancement, geopfert. Er war die Seine entlang zu 
Fuß gekommen und auch, als er ſchon mitten auf 
der Brücke angelangt war, war er noch immer un— 
ſchlüſſig; und wenn das Rotkäppchen da geweſen wäre, 
ſo iſt kein Zweifel, daß der Zauber ihres Lachens, 
die Macht ihrer lebendigen Gegenwart über ſeine 
Sehnſucht noch einem raſchen Avancement und dem 
Nimbus.hoher Gönnerſchaft triumphirt haben würde. 
Aber ſeinen eigenen Inſtinkten völlig überlaſſen, war 
der Richter nicht im ſtande, bis nach Uzelles zu 
kommen, ohne den Entſchluß gefaßt zu haben, zu dem 
ihm ſein Ehrgeiz und ſein vertrocknetes Herz rieten. 
Er wollte „ſeine Beamtenpflicht“ thun und zu dieſem 





Zweck vor dem eigentlichen Verhör eine vertrauliche 


Alphonſe Daudet. — Die kleine Kirche. 


Unterredung mit feinem lieben Fenigan herbei— 
zuſühren ſuchen, um fo die Geſtändniſſe des An— 
geklagten durch die vertraulichen Mitteilungen ſeines 
Freundes kontrolliren zu können. Kaum hatten ſie 
auch das Dorf rerlaſſen, kaum erdröhnte unter dem 
Hufſchlag der Pferde der harte Boden der großen 
Straße, jo begann er auch ſchon mit jeinem Berhör. 
Freund Fenigan werde wohl den Grund begreifen, 
der Sie verhindert Habe, ſeine junge Frau mit: 
zunehmen; wie fünne mau denn in ihrer Gegenwart 
von dem Tode des Prinzen von Olmüb ſprechen, 
der thatjächlic) ein gewaltjamer und höchſt tragiſcher 
gewejen jei und durchaus nicht der einfache Unfall, 
von dem die Aerzte geredet hätten? 

„Haben Sie denn Beweiſe?“ fragte Ridard br: 
gierig. Und Delcrous antwortete mit einer Kopf⸗ 


! bewegung: 


„Unanfechtbare!” 

Seht zmeifelte der Mann nicht mehr. E3 handelte 
id) um Lydie. Aber weld) ein Wahnſinn war e, 
zu glauben, daß er feine Frau dieſen Gerichts 
menschen ausfiefern wiirde, daß er nicht hundertmal 
lieber ſich ſelbſt ausliefern würde! Obgleich Delcrous 
nicht ſehr feinfühlig war, hatte er doch bemerkt, dab 
Richards gebräuntes Geficht von einer Bewegung 
ergriffen wurde und fuhr entzückt fort: „Der erite 
Beweisgrund, der uns anfangs ganz entgangen war, 
ijt folgender: Wie die meijten reichen Leute, bejonders 
die jungen, trug der Prinz Briefe von Frauen, Bilder 
und Jonftige Andenken bei ji), Die er gerne vorzeigte. 
Ein kleines Schildpatttäſchchen, das mit derartigen 
Botivbildern gefüllt war und das feine Freunde jehr 
gut kannten, verließ ihn nie Nun, ald man ihn 
auffand, waren feine Tajchen Teer; das Hat unjeren 
Verdacht die Richtung gegeben und ihn bejtärkt.“ 

Da3 war genau da3 Drama, das Richard ſich 
ausgemalt hatte, Lydie, die um jeden Preis das An: 
denken wieder haben wollte, das Charley ihr zurüd: 
zugeben fich weigerte; aber er nahm jid) doch zu: 
ſammen und fand die Kraft, dem Richter, deſſen 
Gründe ihn zufammenpreßten wie eine Zange, ein 
zuwerfen: „Aber wenn feine Tafchen jo jehr durd;: 
fucht waren, fo hat man ihn eben ganz einfad ct 
mordet, um ihn zu bejtehlen,“ 


feine Uhr und feine Ninge bei fih. Man hatte es 
nur auf diefe Briefe und diejes hübſche Mädchen— 
jägergeficht abgejehen. Das ift durchaus die Art 
und Weiſe eines aus Leidenfchaft verübten Ver— 
brechens.“ (Schluß folgt.) 


u —— — 





„Nein, denn er hatte noch fein Portemonnaie, 


Waffili Tjorkin. 


2. Boborykin, 


(Fortſetzung.) 


XIX. 


Sie ſind immer noch hier?“ 

Der Anruf Pjerwatſchs ließ die beiden zuſammen— 
Ihreden. Der Taxator ſtand am Eingang der Laube, 
lächelnd und im bunten Halstuch prangend. Sein 
heller, fnapp gefchnittener Rod lich feine Taille her— 
bortreten. Der Strohhut faß ihm etwas ſchräg auf 
dem Kopf. 

„Ja, wir jind hier,” antwortete Tjorkin troden 
und fragte ihn mit den Blid: was er wolle? 

„Swan Sacharytſch und Paula Sacharowna 
Tdiden mid), um Sie zum Thee zu bitten. Alerandra 
Iwanowna,“ wandte er ſich an Sanja mit einem 
zädeln, da3 Tjorfin nicht gefiel,. „iſt es Ihnen hier 
wicht zu fühl? Die Sonne ift untergegangen und 

Sie find in einer leichten Bluſe.“ 

„Kühl ift mir nicht! Ich fühle mich ſehr wohl! 
Hier ift es ſogar noch etwas jtidig.” 

„Erlauben Sie mir, Plab zu nehmen?“ fragte 
Pjerwatſch mehr Tjorkin als Sania, im Tone eines 
Menſchen, der ſich wohl dienftfertig erweijen, zugleich | 
aber auch feine Würde wahren wollte. | 

„Es ift Pla genug. — Sehen Sie ſich.“ 

Zjorfin entſann ji), bemerkt zu haben, wie Sanja 
plößlic errötet war und verjtohlen nad) Pjerwatſch 
Bingejcielt hatte, jo daß ihm jekt der Gedanfe fam: 
„Zwiſchen dem Fräulein und diefem Fant fcheint ein 
Zechtel-Mechtel zu bejtehen.” 

Jetzt wurde ihm die Anwejenheit von —— | 
der ihr trauliches Zwiegeſpräch gejtört hatte, unan— | 

genehm. 

„Waſſili Iwanytſch, Sie ziehen alſo vor, hier zu 
übernachten? Ihr Zimmer iſt im Anbau bereitet, 
wo ich auch wohne. Und für den braven Anton 
Pa nijeljäitſch wird ſich ſchon ein Platzz finden.“ 

„Dieſer Anton Pantjeljäitſch iſt doch Ihr Feld: | 
merier? Er iſt Doch Feldmeſſer?“ fragte Sanja eifrig. 


„Wieſo Feldmeſſer?“ unterbrad) Pjerwatſch ver- 
ächtlich. „Einfacher Aufſeher.“ 

„Nein,“ dehnte Tjorkin und warf einen Blick 
auf Pjerwatſch. „Anton Pantjeljäitſch iſt Agronom 
von ausgezeichneten Kenntniſſen und im Forſtfach 
Kenner.“ 

„Allerdings, allerdings, er hat manche praktiſche 
Erfahrung,” bemerkte Pjerwatſch. 

„Und gelehrt iſt er zur Genüge. Und überhaupt 
iſt er eine ſehr eigenartige und ———— — 
lichkeit.“ 

„Er iſt entzückend!“ rief Sanja. 
Anzug ſieht er gewiß wie Papa aus.“ 

„Was befehlen Sie in Bezug auf Ihr Nacht— 
quartier, Waſſili Iwanytſch?“ 

Die Blicke Sanjas und Tjorkins kreuzten ſich. 
Sie wurde kaum merklich verwirrt und drehte den 
Kopf ſo, daß ihn Pjerwatſch nicht ſehen konnte. 

„Sie müſſen wohl gar zur Stadt zurück?“ fragte ſie. 

„Nein, wenigſtens hat es keine Eile. Es iſt nur, 
um Sie nicht zu beläſtigen.“ 

„Gar nicht — gar nicht! Die Wärterin Thedos— 
jäjetona wird Sie vortrefflich unterbringen. Nikolai 
Nikanorytih jagen Sie der Tunte Martha Sad)a= 
rowna, bitte, daß Waſſili Iwanytſch über Nacht 
bleibt. Wollen Sie?“ 

„Ich danke Ihnen.” 

„Und der Thee?“ fragte Pjerwatih), mit dem 
— ——— Wunſch, fortzukommen. 

„Wir kommen gleich ... Hier iſt es jo herrlich!” 

„Gehen Sie, gehen Sie, dikolai Nikanoryiſch.“ 

Pjerwatſch ſah mit einer gewiſſen Spottluſt auf 
Sanja, ſtand auf und ſagte in der Laubenthür zu 
Tjorkin: 

„Es wird alles beſorgt werden ... 


„Im steh 


Man eriwartet 


Sie.“ 


Bis ſeine Schritte auf dem Gartenwege verſchollen 


waren, ſchwiegen beide. 


644 PB. Boboryfin. 


„Alerandra Iwanowna!“ begann Tjorfin Halb» 
laut, „wir find allerdings faum erjt eine Woche mit 
einander belannt, id) möchte Sie aber dod) über etwas 
befragen... Sie braudjen mir ja nicht zu antworten.” 

„Worüber denn, worüber dein?” 

Sanja erglühte und ſpielte mit der rechten Hand 
an dem Zopfende, das ihr über die Schulter hing. 

„Wie finden Sie dieſen ... Tarator?“ 

„Nikolai Nikanorytſch?“ 

„Ja, Nikolai Nikanorytſch.“ 

„Er iſt ſehr nett.“ 

„Nun, das iſt nicht gut. 
als ... Ausflucht.“ 

„Hübſch. Luſtiger Geſellſchafter.“ 

„Weiter nichts?“ 

Tjorkin ſah ſie von der Seite an. 

„Ich weiß nicht.“ 

„Nun, laſſen Sie gut ſein. Ich bin kein ſolcher 
Inquiſitor. Jener Fant und gelehrte Schwarzkopf 
bringt mir ein ruſſiſches Sprichwort in Erinnerung, 
das Sid) allerdings vor jungen Damen nicht paßt.“ 

„Sagen Sie.” 

„E3 paßt ſich nit. Der Sinn davon ift, daß 
man nieniand den Finger in den Mund fteden ſoll. 
Diefer Sinnſpruch gilt aud) für junge Damen. Iwan 
Sacharytſch Scheint große Stüde auf ihn zu Halten.“ 

„Sa, es fcheint fo.“ 

„Und daS Tantchen, die hauptſächliche ... Sie 
ſcheint die Herrihaft im Haufe zu haben. Wie heißt 
fie doch?“ 

„PBaula.” 

„Auch die Scheint von ihm fehr eingenommen 
zu fein.” 

„Ich glaube.” 

Eanja wurde bei diejen ragen Tjorkins uns 
heimlich. Er merkte dies gleid). 

„Alerandra Iwanowna, denken Sie ja nicht, daß 
id) Sie peinlich verhören will.“ 

„Peinlich verhören ?“ 

„Ausforichen heißt dad. Ich bin offenherzig — 
wie Sie jehen. Eines fage ich Ihnen: ich will Ihren 
Papa nicht übervorteilen, noch mir feine Notlage zu 
nuße machen. Ich bitte Sie, mid nicht für eine 
Spinne zu halten, die ihr Ne nad allen Ihren 
Gütern ausſtreckt.“ 

Narıım er ihr das nur fagte? Menn ihn einer 
feiner Auftraggeber, ein Aktionär der Gejellichaft ge— 
bört hätte, mußte er meinen, daß er vor jedem Unter: 
rode fröche, ſich von jedem einfältigen Edelfräulein 
in Gefühlswallungen bringen ließe, wenn nur feine 
männliche Großmut in Frage kam ... 

Immerhin! ... Ihm that das Mädchen mehr 
leid als der Vater. Er würde feine Lage nicht aus— 
beuten, aber ein anderes Gefühl als das eines ver— 
ächtlihen Efel3 vor aller diejer gutsherrlichen Sinn— 


Das jagen Sie nur 


lichleit und Liederlichkeit könnte er für ihn nidt 
aufbringen. 

„Man erwartet und zum Thee,“ erinnerte Sarja, 
ji) erhebend. | 

Sie war ſchon ganz verwirrt. Warum hatte 
fie denn Nikolai Nikanorytſch nicht verteidigt? Er 
gefiel ihr dDoh und — ftand ihr nah. Sole „rei: 
heiten“ erlaubt jid) nur ein Bräutigam. Aber heute 
— eridien er ganz fremd. Warum ein jo guter 
Menſch wie Waſſili Iwanytſch mit ihr nur gleich in 
ſolchem Tone ſprach. War das abſichtslos? Oder 
ahnte er ihre Vertraulichkeit und war eiferſüchtig? 
Alle Männer ſind eiferſüchtig, das iſt das dumme! 
Wie wird es mit ihrer Herzensſache weiter gehen? 

„Bitte ſehr!“ 

Tjorkin bot ihr den Arm. Das hatte Sanja 
nicht erwartet und ihre DVerlegenheit ſchwand mit 
einemmale. hr wurde fo wohl und warm an ber 
Seite dieſes jtattlihen und fchönen Mannes. Er 
meinte es gewiß gut mit ihr und bei etwas näherer 
Belanntichaft würde ſie ihm ficher alles anvertrauen 
und ihn bei allen um feinen Rat fragen. 

Sie famen an einem Fliederſtrauch vorbei. An 
feinen Wipfel blühten erft einige Büchel. Es war 
weißer Flieder. 

„Ach, ich ehe jeht erjt, wie groß Sie find, Waſſili 
Iwanytſch. Können Sie bis an den Flieder gan; 
oben hinaufreichen ?“ | 

„Erlauben Sie!” 

„Wundervoll, wie er duftet!“ 

Sie hielt ihn mit ihren winzigen Händchen den 
Büſchel unter die Naje. Er hätte gar zu gern die 
Heinen Fingerchen geküßt, bezwang fich aber. 

„Wundervoll!“ ftimmte er bei. „Und fo jcade, 
daß ſolch ein Garten verwildert. Bekümmern Eie 
lich denn nicht um die Blumen, Fräulein?” 

„Ich? ... Das veritche ich nicht.“ 

„Haben Sie feinen Lehrer?“ 

„Keinen.“ 

„Die Gutsherren find in zu große Gleichgiltig— 
feit für ihre Beſitzungen verfallen,“ 

Sanja ſchwieg. 

„Waſſili Iwanytſch! Haben Sie gute Augen?“ 

„Allerdings! Ich kann nicht klagen.“ 

„Bitte, ſehen Sie dieſes Büſchel. ... Suchen 
Sie doch nach einer fünfteiligen Blüte.“ 

„Sie wollen wohl wahrſagen, nein?“ 

FORT: UN 

Tjorkin begann lächelnd zu ſuchen. Sanja folgte 
ihm mit den Augen, Sie hatte gefragt: ijt Nikolai 
Nikanorytſch ein ſchlechter Menfch oder nicht? Schlecht 
war er, wenn ſich eine fünfteilige Blüte fand. 

„Geitatten Sie?“ 

„Dein, das ift nicht möglich!" 

„Zehen Sie!” 


Waffili Tjorfin. 


Die Blüte Hatte fünf Blättchen. 

„Ach!“ fchrie Sanja beinah auf, während ihr 
die Nöte über die Ohren ſtieg. „Sommen Sie. 
Man erivartet und.” 


XX. 


Der Zwerg Tſchurilin fragte an der Thür: 

„Haben Sie noch etwas zu befehlen?“ 

„Halt! Morgen bin ich um ſechs Uhr zu wecken.“ 

„Und Herr Chrjaſchtſchew?“ 

„Iſt nit nötig. Er wacht früh auf.” 

„Bute Nacht!” 

Das geräumige, dreifenftrige Zimmer ging nad) 
dem Garten und ftieß an einen Flur, wo man für 
Tſchurilin auf einer Truhe ein Lager bereitet Hatte. 
Chrjaſchtſchew Tchlief unten. Pjerwatſch hatte jeine 
Mohnung im Seitengebäude. 

Tjorkin bejah fi die Wände, die Möbel mit 
Zißbezug, den Kupferſtich über dem Sofa, ſowie fein 
Bett mit der dünnen, friſchen Wäfche. Auf dem Nacht— 
th Stand eine Karaffe und ein Glas. Es roch 
nad irgend welchen Kräutern. Hinter dem Bette 
führte eine Thür in ein Zimmer, in welchem weiche 
Zritte hörbar wurden. 

„Anton Bantjeljäitih?... 
rief er. 

Niemand antwortete, dagegen knarrte die Thür 
und e3 erichien ein Kopf mit einer Nachthaube. 

„sit noch etwas gefällig?” 

Die Stimme Hang noch nit alt. In dem ge= 
täumigen Zimmer berrjchte bei nur einer Serze 
Dämmerung. Das Gefiht fonnte er nicht einmal 
erkennen. 

Er ſchloß aber ſofort, daß es eine Schließerin 
oder Wärterin ſein müſſe. 

„Kommen Sie, kommen Sie, Mütterchen!“ lud 
er ſie ſehr freundlich ein. 

Es erſchien eine Alte mit aufgewecktem, etwas 
ſtrengem Geſicht in der Kazawjaika, von kleiner Ge— 
ſtalt, von Ausſehen — nicht wie vom Hofgeſinde, 
ſondern wie aus einem andern Stande. Die Haube 
bedeckte das Haar. Die dunklen Augen blickten 
forſchend. 

„Wir ſind Nachbarn?“ 

„Ganz recht. Ich wohne hier. Nur wollen Sie 
ſich nicht beunruhigen. Man hört mich nicht. Aber, 
brauchen Sie noch etwas zur Nacht? Kwaß oder 
ſonſt ein Getränk?“ 

„Dante! Daran bin ich nicht gewöhnt.“ 

Er wollte nicht ſchlafen. Er ließ fie fich neben 
ih auf das Sofa ſetzen. 

„Sie belieben morgen früh aufzuftehen? Unfer 
Herr — thut dies Spät. Wünſchen Sie Kaffee oder 
Thee?“ 

„Ich würde für Thee dankbar ſein.“ 

Aus fremden Zungen. 1895. II. 14. 


Sind Sie das?" 


645 


„Sehr gut.” 

Ihr Ton war ſehr — artig, aber ohne Kriecherei 
oder Aufdringlichkeit. 

„Sie find wohl gar die Wärterin des Fraͤulein 
Alexandra Iwanowna?“ fragte Tjorkin, ihr ln 
rüdend. 

„Ich Habe nicht nur fie, nden auch ihre Mama 
gewartet, Herr.“ 

Ihre bleichen Lippen zogen ſich zuſammen. 

„Ein herrliches Mädchen!“ 

„Hat ſie Ihnen gefallen? Sie iſt noch ganz 
minderjährig ... Nicht an Jahren, ſondern an Ver- 
ſtand. Man müßte ſie recht hüten und anleiten, 
ſtatt deſſen —“ 

Sie ſtockte. 

Aus ihrer Stimme klang Kummer. 

„Sie werden es nicht falſch verſtehen, Väterchen,“ 
hub ſie halblaut an, indem ſie nach der Flurthür 
blickte. „Ich lebe hier Tag für Tag im Flügelbau. 
Wochenlang bekomme ich Sanja nicht zu ſehen. Sie 
flieht mich wie eine alte Schwätzerin. Doch mir thut 
fie in der Seele weh. Ich Habe Heute zum erſten⸗ 
mal das Vergnügen, Sie zu fehen, halte Sie aber 
für einen edeldenfenden Mann.” 

Diefe Erflärung erſchien Tjorkin ſehr fonderbar. 

„Sie find von dem ehemaligen Hofgefinde, 
Mütterchen?“ 

„Nein, Herr,“ antwortete Thedosjäjewna faſt ge— 
kränkt. „Ich war nie in Hörigkeit. Von den Eltern 
der Mama von Sanetſchka bin ich als Wärterin ge— 
miete. Mein Vater diente als Schreiber auf dem 
Rathaufe und Hinterließ fieben Kinder.“ 

„Ah — ah —“ dehnte Tjorfin, „ich verftehe, 
Sie wurden als ihre Pflegerin angenommen und 
haben dann auch nod die Tochter gewartet.” 

„Ganz regt. Erlauben Sie... ich habe nicht 
die Ehre, Ihren Tauf- und Vatersnamen zu kennen.” 

„Waſſili Iwanytſch.“ 

„Ich habe gehört, Waſſili Iwanytſch, daß Sie 
das ganze Erbgut kaufen wollen.“ 

„Bisher handelt es ſich noch um einen Waldbeſitz.“ 

„Alles, alles wollen ſie aufgeben —“ ſie wandte 
den Kopf in der Richtung nach dem Hauptgebäude 
— „erſt dieſes Gut, dann das übrige. Die ältere 
Schweſter wird ihrem Bruder alles abnehmen, doch 
die Tochter ſucht ſie zu verführen und wird ſie dann 
in alle vier Winde jagen. Sie, als edeldenkender 
Mann, Sie werden mich nicht verraten. Ich habe 
immer das Gefühl, daß Sie, Waſſili Iwanytſch, 
nicht zufällig hierher gelommen find. Es ift Gottes 
Finger! Er kann nicht wollen, daß alles verloren 
geht und meine Sanja verdirbt.” 

Im Verlauf einer halben Stunde wußte er alles, 
betreff$ der Mutter Sanjas, betreffs der „boshaften 
Budeligen“, ihrer Arglift und Gewinnfucht, darüber, 

82 


646 PB. Boborylin. 


wie Sanja von der Tante Martha unter Vorwilfen 
der Tante Paula jeden Nachmittag mit dem Feld— 
meller zujammen bei Liqueuren zufammengebradht 
würde. Maura Thedosjäjewna ſchwor, daß ihre 
Herrin nie ihren Gemahl betrogen habe, und daß 
Sanja die richtige Tochter von Iwan Sacharhyfſch ſei. 

„Jeden Nachmittag, Väterchen, bewirtet die Dide 
fie mit folder ‚Schlederei‘, — wie es Pjerwatſch 
nennt — und wenn cr fie verführt, dann jagt Die 
Budelige zu ihrem Bruder: ‚Siehft Du wohl, ganz 
die Mutter, gerade eine foldhe Herumtreiberin ; befjer 
lie gleih an den Feldmeſſer abzugeben.‘ Sie beide 
werden Iwan Sacharytſch ſchon herumfriegen. Er 
heiratet fie aber gar nicht einmal; darum ift es ihm 
gar nicht zu thun. Es ijt eine Schande!.. .* 

„Aber Alerandra Iwanomwna ſelbſt,“ jagte Tjorkin, 
„gefällt er ihr denn?“ 

„se nun, Herr, das ift ja das reine Vögelchen.” 

„Bögelchen!” wiederholte er mit ftillem Lächeln. 

„Es ſingt, es hüpft ... das Blut in ihr aud, 
offenbar. Wer zuerft fommt... Ich fehe es, beim 
Himmel, von meiner Komorke auß... wie man fie 
Tag für Tag immer näher zum Abgrund fchleift. 
Und dabei geht alle nah Wunſch. Die Budelige 
läßt den Bruder in Ruh, fobald er ihren Willen 
thut. Daß der Kopf von Iwan Saharytih nicht 
an übergroßer Klugheit krankt, haben Sie wohl jelbft 
ihon bemerkt.“ 

„Was ſoll ich aber dabei thun?“ drängte fid) 
ihm als Frage auf, die er aber nicht ausſprach. Ihm 
that die liebliche Sanja leid, mit ihren Händchen, 
Stimmden, Anftande und Offenherzigfeit, und bes 
ſonders in ihrem hilflofen Wejen. | 

„Berzeihen Sie, Waſſili Iwanytſch, daB ih Sie 


im Schlafen ftöre. Wohl möglich, daß der Herrgott 


Sie und als Rettungdengel geſchickt hat. Mir jagt 
mein Herz, daß, wenn fein edler Mann hier hilft, 
alles drunter und drüber geht. Ich dachte daran, 
mid) an den Adelsmarſchall zu wenden. Wir haben 
aber einen von der Gorte!... Sch bitte Sie mit 
Thränen . . . die Selige hat fie meinen Händen an« 
vertraut. Sie ahnte, wie e8 mit ihrem Kindchen 
fommen würde... Zu Ihren Füßen beſchwöre ich 
Sie —“ 

Maura Thedosjäjewna erhob fih von Sofa und 
wollte fi) vor ihm auf die Kniee werfen. Tjorkin 
fing fie mit beiden Armen auf und Hlopfte ihr auf 
die Schulter. | 

„Dante für Ihr Vertrauen. Mir thut das Fräu— 
fein leid. Jener windige Meſſer ſoll ih in act 
nehmen. Ich bleibe noch bei Ihnen... .“ 

„Seien Sie mir nicht böfe, verzeihen Sie die 
Störung.” 

Er führte fie zur Thüre und rief ihr nad: 

„Gute Naht! Noch einmal beiten Dant!“ 


Er lag mit offenen Augen auf dem Bett, bei 
gelöſchtem Licht, und konnte nicht einjchlafen, obwohl 
er den ganzen Tag über gelaufen war. 

„Schutzengel!“ wiederholte er, in der Duntelheit 
lähelnd. Er — ein Gutsauffäufer, ein Schlaufopf 
in den Augen eines jeden weltfundigen Menſchen! 

Thedosjäjewna hatte die Wahrheit gelagt. Da: 

Schickſal lenkt! Waſſia Tjorkin, ein Bauernfnade, 
auf den Glockenturm geklettert — träumte ſinnlos 
von dem Glück, ſolches Schloß mit Park an den 
Ufern der Wolga zu beſitzen — jetzt kann er es 
kaufen, ſogar noch ein anderes und ein gut Stüd 
Wald dazu. 

Marum denn nit? Die Gefellichaft heißt alle 
feine Handlungen gut. In drei biß vier Jahren 
wird er ſich mit ihr aus einander gefeßt haben. Der 
Part — ift fein, das Haus ift fein. Wird er in 
ſolchem Haufe auch allein wohnen? 

Ueber dieje Trage — ſchlief er ein. 


— — — — 


Sbluß. 
XXI. 


Der Morgen bradd mild und feucht an; ein rolig 
bläulicher Nebel Iagerte über dem Wolgalande. Im 
Park erglänzten auf den faftigen Eichen die filbernen 
ZTautropfen. 

Noch ſchlief alles, als ſich Anton Pantjeljäitid 
Chrjaſchtſchew auf der Lindenallee mit zögernden 
Schritten dem Bankplatz näherte, von dem aus der 
Blid nah Samodnoje am ſchönſten war. 

Cr lächelte ftill, während er ſich nach allen Seiten 
umſah und an den glikernden Blättern der Eichen 
und Nhornbäume ergößte, welche die nahe, zum 
Fluß abfallende Schlucht bejtanden. Niederes Hafel- 
geftrüpp ummallte hie und da die Stämme der mäd: 
tigen Bäume, und die weiße Borle der einzelnen 
Birken fpielte in dem Grün des abfallenden Blätter: 
daches. 

„Es wird einen Regenguß geben!“ äußerte er im 
Flüſterton. 

Er hatte die Gewohnheit, beim Alleinſein die 
Gedanken laut auszuſprechen. 

Unter den Bäumen lagen kaum bemerkbare 
Schatten, und in der Luft ſummten die Inſelten. 
Das Zwitſchern und Singen der Vögel ertönte aus 
allen Winkeln des Parkes. Es duftete nach Mai— 
blumen und Traubenkirſchenblüten. Alles ſproßte 
und trieb in dieſem Jahre früher und reichlicher als 
ſonſt. Das Herz des Forſtmanns war erfreut. Für 
ihn gab es keine ſchönere Zeit als die frühen Morgen⸗ 
ſtunden, bei gutem Wetter, oder die Nacht im Waldes⸗ 
bidicht, wenn die Sterne durch die Lüden der hoben 
Fichtenwipfel Teuchteten. 


MWaffili 


Er liebte auch den Gartenbau, obwohl er ſich nie 
für einen gelernten Gärtner ausgab. &3 intereflirten 
ihn au mehr die großen Fruchtbäume, das Auf: 
piropfen, Das Alflimatifiren der Südfrühte. Wenn 
es fid traf „ Daß er einmal irgend ein füdliches Ge— 
wid, und fei es nur eine Staude, in Die Pflege 
defam, Dann forgte er dafür wie für ein leib— 
liches Kind und äußerte felbft, daß er ſich damit an« 
fellte Wie Der Narr mit dem gemalten Sorbe. 

In Diejem Parke fand er den Beſtand reichhaltiger, 
als man nad dem „Beitengrade” — Anton Pantjels 
jätid Liebte wiſſenſchaftliche Bezeihnungen — an« 
nehmen durfte, was er durch die günftige Lage der 
Schluchten erflärte, die zum Wohnfige aufftiegen 
und Die Südweſtſeite des Fluffes ſchützten. 

Im Schatten der Eichen wurde es ihm noch freu- 
diger. Geſtern war er in fhredlicher Erregung ein- 
geſhlafem. Ihm ftand eine Unterredung mit Waifili 
Jranytſch bevor, die ihm äußerſt unangenehm und 
ſeiner ganzen Natur zuwider war. 

Seine Gedanken gingen nad) der entgegengefeßten 
tung. Alles wird fih zum beiten wenden. Mit 
dem Manne, wie Waffili Tjorfin, weiß man, daß 
die Dinge gelingen werden, und daß es große, gute 
Dinge find. 

Mit Ziorfin muß man fi) leicht verftändigen. 
Er liebte nicht die heutigen „Autodidalten“, die ſich 
as niede rem Stande hervorgearbeitet hatten, achtete 
fe geringer als die ſchlechteſten Herren von Geburt 
und pflegte fie mit verjchiedenen aus Journalen und 
Büchern Herausgelefenen Beinamen zu belegen. Diefer 
war aber ein Mann der That, und auf ihn vertraute 
et; Vie waren fi in ihren Gedanken und Plänen 
einig. SZHm waren die ruſſiſche Erde, die Wolga, 
der Wald teuer; in der Gefellfhaft, deren Seele er 
nat, ſteckte eine Idee. 

Chrja ſchtſchew wandte fih hinunter nach dem 
Ziergarten und ſetzte fid) dort auf eine Bank, von 
der aus er die Pforte zum Flügelbau unter Augen 
hate. Beim Herausgehen hatte er Tſchurilin be= 
foblen, ih m ſchleunigſt die Meldung zu bringen, ſo— 
bald Waſſili JIwanytſch aufſtehen und feinen Thee 
derlangen würde; das Anſpannen des Tarantaß 
hatte er ſelbſt angeordnet. Sie mußten vor dem 
drühſtück Zur zweien, ohne Pjerwatſch, zur Belichtigung 
des Waldgutes fahren. 

Die Ausſprache war unabweisbar, und es war 
beſſer, ſſe Hier vorzunehmen. Vielleicht will Waſſili 

Swangtjch einen Bli in den Park werfen. Beim 
her würde es fih nicht fehiden. Es möchte aud) 
der Windbeutel dazwiſchen fommen oder am Fenfter 
langen. Solche Leute ind zu allem fähig. 
Und wiederum ſchweiften die Gedanken Anton 

Vanteljaitſchs nach einer andern, angenehmeren 

Richtung. Er ſchaute auf das Haus, auf die ver— 


Tiorkin. 647 
hängten Fenſter des zweiten Stockes, auf die Ab» 
meſſungen des ganzen Gebäudes, und ſein Kopf 
ſpielte ihm einen neuen, ganz erheiternden Ge— 
danken vor. 

„sa, ja, darin liegt eine Idee! ...“ ſprachen 
halblaut ſeine etwas wulſtigen Lippen. 

„Zu welchem Zweck wünſcht nur Waſſili Iwa⸗ 
niytſch ſelbſt dieſe Beſitzung mit dem von ihm fo ge— 
liebten Park zu erwerben. Für ſich allein? Er iſt 
Junggeſelle. Aber möglicherweiſe denkt er ans Hei— 
raten. Nun, ſchließlich, eins ſchließt das andere nicht 
aus — eine Kombination kommt zur andern.“ 

„Eine herrliche Idee!“ äußerte er laut und be= 
gann fich zu jchämen. 

Durfte er nicht auch einmal einen eigenen Ge- 
danken haben. Vorſchlagen konnte er ihn immer. 
Sol ein Mann wie Tjorkin nimmt das nicht übel 
und jagt nicht gleich: „Was haft du mir denn mit 
deinen eigenen Projekten zu fommen, ich trage meinen 
eigenen Kopf auf meinen Schultern.” 

Es duldete ihn nit am Pla. Er begann auf 
dem einen Schlage der vierfeitigen Allee auf und ab 
zu rennen, wobei er aus herzinnigem Behagen un⸗ 
aufhörlic die Arme außsftredte. 

Im Kopf arbeitete e8 immer lebhafter. Was für 
eine wundervolle Baumjchule mußte fih im Part 
einrichten Taffen, mit Reihen von Fruchtbäumen, mit 
üppigen Abteilungen rein ruſſiſcher Gewächſe, mit 
Beeten und Spalieren für Beerenfrühte. Und da 
draußen, was läßt fi nicht da noch anbauen? 

Die Baden von Anton Pantjeljäitih röteten 
ih, und die Neuglein irrten bald freudig, bald nad)» 
denflih umher. Er wandte den Kopf nad ber 
Pforte und ſah die ftattlihe Geſtalt Tjorkins in 
einem nagelneuen Anzug und einem Strohhut. Er 
ging ihm noch heiterer entgegen. 

„Er wird ſchon Stußer!” meinte er und eilte mit 
gezogenem Hut auf feinen „Chef“, wie er Zjorfin 
bereit3 im jtillen nannte, zu. 

„Buten Morgen, Waflili Iwanytſch! Es ijt eine 
Wonne hier!” 

Jener reichte ihm die Hand, ſchaute ihn freund 
lich an und fragte: 

„Himmel, Ihr Herz iſt erfreut, Herr Verwalter?” 

„Das iſt's! ... Wollten Sie nicht gefälligjt von 
der Laube dort durch den rofigen Nebel auf das 
MWolgaland Ihauen? Oder ziehen Sie vor, Thee zu 
trinfen, Waſſili Iwanytſch?“ 

„Der Thee wartet. Kommen Sie.“ 

„Machen Sie mich nur nicht dafür verantwort— 
lich, daß ich ſogleich etwas zu Ihrer Kenntnis bringen 
muß... was zu der herrlichen Offenbarung der 
gütigen Natur nicht flimmt.“ 

„Laſſen Sie gut ein, laſſen Sie gut fein!” unter- 
brach ihn Tjorkin. „Nur nicht fo hitzig! Geſchäft 


648 


nah Geſchäft ... Iebt laſſen Sie mid nur noch 
etwa3 in der Morgenfühle verjchnaufen.” 

„Entiehuldigen Sie, entichuldigen Sie, Waſſili 
Iwanytſch, meine Vorrede. Ich babe ja jelbit hier 
geträumt. Wunderfchöner Pat! Im Park kann 
man da3 gar nicht fo jehen. Und alles ift in ſolchem 
Verfall.“ 

„Wem ſagen Sie das?“ 

Tjorkin beſchleunigte feinen Schritt auf dem Wege, 
indem er behaglich mit fräftigen Zügen die laue Luft 
einatmete. 

„Und was für ein Duft!“ 

„Borzüglih!... Die Blumen des Wonne— 
monats! ... Maiblumen, wie fie die Deutjchen jo» 
gar nennen follen. Kein Waldblümchen blüht ver- 
ftoblener und ſchamhafter.“ 

„Anton PBantjeljäitjch! 
Poet.“ 

„Was?“ 

„Ich ſage Poet. Ihre Seele iſt im Fluge und 
im Gefühle... wie ſoll ich ſagen ...“ 

„Der Natur! ... Der endlos waltenden Natur, 
Waſſili Iwanytſch — das iſt's.“ 

Sie gingen nach dem Abhang zu. Tjorkin näherte 
ſich bis auf zwei Schritte dem äußerſten Rande und 
ſah mit gekreuzten Armen lange nad) dem Fluß über 
das Molgalund mit den weißen Slirchtürmen de3 
Dorfes Samwodnoje hinaus. 

Er war in jeiner Bruft durd) etwas bewegt. Weber 
ſeinen Seelenzuftand war er ſich noch nicht Mar. Sein 
geſtriges Gefpräh mit Maura Thedosjäjemna ging 
ihm im Kopfe herum. Wie das alles fo wunderbar 
gelommen war!... Sanjas Haupt mit dem Zopf, 
ihre Händchen, ihr Nugenausdrud, ihre Geflalt 
tauchten vor ihm auf... . Auch das Stimmchen Haug 
ihm im Chr... Es that ihm leid um das Mädel: 
hen, und ein neues Gefühl großmütiger Schußbereit- 
Ihaft wurde in ihm wach. Sie ift doch die gejeßliche 
‘ Erbin dieſes Beſitztums, dieſer Taxator Stellt ihr 
nah, und die eigenen Tanten finnen auf ihr Ver— 
derben. 
der Nitter und Netter der Zarentochter ift, mit der 
er zwölf Stod hoch vom Turm herunterfpringen muß. 

Waren wohl folche Anftrengungen nötig? Mochte 
ihn nicht das Schidjal einen einfacheren und ehr— 
bareren Weg führen ? 

Er dachte lange nad). 


Da find Sie wieder — 


XXII. 
„Die Sache iſt alſo die, Waſſili Iwanytſch —“ 





Chrjaſchtſchew ſaß auf einem Ende der Bank und 


ſtreckte zweimal ſeine Arme aus, doch lange nicht ſo 


weit, wie vor einer halben Stunde während ſeiner | 


Träumeret, 





Alles gerade wie im Märchen — worin er 


PB. Boborpyfin. 


„Vielleiht etwas betreffs jenes... 
Lümmels?“ 

Zjorfin wandte den Kopf nach dem Seitenbau. 

„Sie haben e3 erraten! Ueber den!“ 

„Nun, was ijt 108?“ | 

Tjorkins Geſicht nahm fogleich einen geſchäftlichen 
Ausdruck an. 

„Er — wie ſoll ich ſagen ...“ 

„Er hat ſich an Sie heran gemacht? Ver— 
ſprechungen gegeben?“ 

„Von etwas der Art war die Rede. Und ich 
habe mich ein wenig jo angeſtellt, Waſſili Iwanyfſch, 
als ob ich ihn ganz und gar nicht verjtünde. Er 
Icheint große Luft zu Haben — in den Dienft der 
Geſellſchaft zu treten.” 

„Das mag fein!“ 

„Mid armen Sünder fing er an audzuforiden 
... willen Sie... auf moderne Art... mit ganz 
gewählten Worten... und in Wugemut gehüllt...“ 

„Was?“ | 

„In Wugemut gehült! Das ijt jo ein Aus: 
drud, wie ihn meine Gattin von ihren Brüdern und 
Derwandten auf dem Seminar erwildht hatte.“ 

„Was haben Sie ihm gejagt, Anton Pantjel- 
jäitſch?“ | 

„Ich ſchwieg ganz Still... Sonft hätte id) mid 
um den Hals reden fünnen. Ich durfte aud nid 
annehmen lafjen, daß fich ſolche Größe wie ih zu 
einer Verbindung nit dem Herrn QTarator herbei: 
laljen würde. Handelte e& fih doch um nicht mehr 
und nicht weniger als wie wir Sie alle — Niſowjew, 
Tſchernoſoſchni, Sie, Waflili Iwanytſch und — in 
Ihrer Perfon — die ganze Geſellſchaft leiten und 
lenken jollten.” 

Als Chrjaſchtſchew auf den ftrengen und Haren 
Blid Tjorkins traf, fuhr er, den Kopf ſenkend, un 
ſicherer fort: 

„Meine Lage ift in diefem Augenblid gar nit 
vorteilhaft, Waſſili Iwanytſch, ſogar einem ſolchen 
Manne wie Sie gegenüber ... Ich ſtelle den Gogol- 
hen Erdarbeiter vor...” 

° ‚Nur daß ich kein Chleſtakow bin, Anton Pantjel- 
jäitih, da Sie font gar nicht erjt anzufangen 
brauchten.” | 

„Deshalb mache ich mich gerade lieb Kind, und 
beanspruche eine Belohnung... wie für das Finden 
einer verlorenen Brieftaſche.“ 

„Das ift vergeblich. Pjerwatſch ift — ein Gamer 
und ſoll fchleunigft entfernt werden. Dafür ſtehe 
ih ein!“ 

„Selbftverftändfich wird er ſich zur Wehr ſetzen. 

„Als 0b ich gerade fo drauf 108 gehen werde? 


gemeinen 


Ich bin fein Meiner Junge ... Ich werde ſchon mit 


ihm fertig werden. Seien Sie unbejorgt.” 
Tjorkins Augen blikten. 


Waſſili Tjorkin. 


„Um ſo beſſer, Waſſili Iwanytſch, wenn Sie ſich 
ſelbſt dieſes Jünglings annehmen. Er wird Ihnen 
nicht entgehen. Mich hielt er für Ihre Vertrauens— 
perſon — wenn ich auch die Maske der Beſcheiden⸗ 
heit vorgen ommen habe.” 

„Und bat er fi denn darin geirrt, Anton Pan⸗ 
tieljäitich 7” 

„Worin Denn?“ 

‚Sie find jegt fnapp ein Jahr in meinem Dienit, 
dennoch vertraue ich Ihnen volllommen und fpreche 
dad offen aus.” 

Ihm war e8 angenehm, Chrjaſchtſchew zu ſchmei⸗ 
den. Deſſen Augen blidten erfreut und verlegen 
af Zjorfin. 

„Das iihrige wird von Ihnen abhängen, Anton 
Pantjeljäitſch. Gefchäfte gibt e8 viele und große.“ 

„Das gejegnete Geſchäft,“ brach e8 bei Chrjafch 
den hervor. „Und wenn Sie mich auch fonjt nicht 
da ermunten... So mödte ich Ihnen gleich 
einige meiner verwegenen Gedanken befennen.” 

„Bekennen Sie!... Ih höre...“ 

‚Sch fürchte aufzuhalten...“ 

Bir werden glei Thee trinfen. Es ift noch 
früh, Wollen Sie eine Eigarrette ?” 

‚Sch Tann feinen Gebrauch davon machen.“ 

‚Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ 

„Es ijt mir... die Idee gefommen vor Ihrem 
Eintreffen ...“ 


„203, 108 mit der Idee! Es geht nichts über 
eine Idee. Ohne Ideen ift alles nur Schlendrian 
und 30pf.” 


„Ganz Ihrer Anficht, Waffili Imanytih... Ich 
bin von Diefem Park fehr entzüdt. Ihnen fcheint 
et gar ſchon krankhaft ans Herz gewachſen zu fein. 
Seine Lage im Verein mit der Befigung ift jo günftig 
weine Forſtſchule, wie es im ganzen Wolgalande 

We güinftigere geben mag.“ 

Wahrlich,“ rief Tjorkin — dachte aber gleich: 

„Sollte Der etwa auch ein Mantelträger fein und 
mit nach Dem Munde reden?“ 
„Das TB aldgut des Herren Tſchernoſoſchni Hat 
eine gute Beſchaffenheit, ohne Frage. Dasjelbe aber 
ohne diefe We fikung und die Uferanlagen zu erwerben, 
möhte nachteilig fein.“ 

Tjorlim ſah ihn von der Seite an. 

„Sie Haben mir dag — gewiß aus meinem Kopf 

abgelefen, Anton Pantjeljäitſch?“ 

„Alſo haben Sie ſchon ſelbſt den Gedanken be— 
treffs der Beſitzung gehabt?“ 

„Durchaus!“ 

Von ſeinen kindlichen Träumereien auf dem 
Glodenurm Yon Sawodnoje hatte er ihm nichts geſagt. 

„Um fo ſchmeichelhafter wird es auch fein, 


649 


daran, nur aus Eigennutz und zu Ihrem perjönlichen 
Borteil das herrſchaftliche Befiktum zu erwerben.“ 

„Uebrigens,“ warf Tjorkin ein, „Ichmeichelhaft 
it e8 immerhin, an die Stelle der thörichten, an⸗ 
geftammten Erbherren zu treten, befonder3 für einen 
Bauernfindling, wie mic.“ 

Davon, daß Tjorkin ein Bauernfindling wäre, 
hatte Chrjaſchtſchew früher ſchon gehört; das hatte 
ihn aber nicht weiter befümmert. 

„Dem fei, wie ihm wolle,“ hub er an, „chmeichel- 
haft — feine Frage. Die ganze Sache fteht aber 
höher... ch habe nod) foeben darüber nachgedacht, 
ala ich in jener Allee promenirte. Es würde Maffili 
Iwanytſch ein Leichtes fein, die Gejellichaft zu bes 
wegen, zugleich mit dem orftrevier auch dieſen 
Wohnſitz mit Park zu erwerben, und diejen zu einer 
Zentraljtelle für ihre ganze wolgiſche Waldwirtichaft 
zu machen. Hiermit wäre der Grund zur DVerbreis 
tung regelredhter Kenntniffe in der Forſtwiſſenſchaft, 
jowie zur praftiihen Pflege aller Arten von Nutz⸗ 
und Obftbäumen zu legen... Betrachten Sie dag 
Haus... das eine Stockwerk eignet ſich gerade zur 
Schule. Nur Park und Blumengarten! Welch reich: 
haltige Baumschule ließe fih da anlegen! Was für 
ein vielfeitiger Objtgarten. Was wäre da Euer 
Gorygorjätäf dagegen! Eine ganze Lijfinskifche Forſt⸗ 
anftalt!... Sie find ein ſolcher Eiferer für Die 
vaterländiichen Neichtümer, Waſſili Iwanytſch! Sie 
fönnten auf diejer Belitung Ihr Sommerquartier 
nehmen, um von bier au alle wolgiichen Yorjten 
zu verwalten, den Feldzug gegen die Waldverwüftung, 
gegen die liederliche Verfchleuderung, jowie gegen die 
gutsherrlihe Sinnlofigkeit zu führen. Doch, wen 
lage ih das? Die Schule wird der Gejelliehaft 
nicht Gott weiß was fojten, im Vergleich zum Nußen! 
Wie mancher arme Schluder, der, wie ich, bei einiger 
praftiichen Erfahrung und aller Verehrung der Willen- 
Ichaft, dennoch der theoretiſchen Kenntniſſe entbehren 
mußte, könnte zur Pflege eines ſolchen nationalen 
Schabes, wie e8 der Wald ift, und ohne den bie 
Wolga, befonderd im oberen Lauf, bald austrodnen 
würde, herangebildet werden.” 

Je länger er Sprach, deſto lebhafter wurden 
Chrjaſchtſchews Stimme und Geften. 

Tjorkin hörte rauchend, mit geſenktem Blide zu. 
Früher — vor zwei Jahren — hätte er es mohl 
übel vermerkt, wenn ſolch ein ihm untergebener Wicht 
ihm hätte feine befte Jdee wegnehmen und zu einem 


| großartigeren, ausführbaren Plane aufbaufchen wollen. 


„Anton Pantieljäitſch,“ rief er nach der Chrjaſch— 
tſchewſchen Tirade und fah ihn freundlid an... „Sie 
hätten mir meine Grundideen nicht jo rauben jollen 
... doch Ihr Wan geht über den meinigen hinaus. 


Woſſli Iwanytſch — Ihnen meine Idee vorzutragen. Ich wäre vielleicht auch noch auf denſelben verfallen, 
So weit ih Sie verstanden habe, denfen Sie nicht | wenn aud) mehr im perjönlichen Intereſſe.“ 


650 P. Boboryfin. 


„Ale Wege führen nah Rom, Waſſili Imanytic. 
Warum wollten Sie fih Ihrer Perfönlichkeit ent« 
äußern? Das erfte ift, feinen Namen mit folcher 
Sade zu verfnüpfen. Unter Ihrem Namen müßte 
die Normaljhule für rationellen Forſtbetrieb be- 
gründet werden... Uebrigens find Sie nicht ohne 
bedeutende Vorgänger. Im Nordoſten ... hat eine 
Familie Strogonow etwas derart gegründet... ob 
Anfang diefes oder Ende vorigen Jahrhunderts... 
laſſe ich dahingeftellt. Sie ſchickte auf ihre Koften 
Zöglinge nah Deutſchland und gewann dadurd 
einen Stamm gelernter Yorftmänner. Jebt wäre es 
aber ſchon lange an der Zeit, einen neuen Anftoß 
zu geben, weil ohne einen foldhen da3 ganze Wert 
einichlafen würde.“ 

Tjorkin lächelte ſtill vor ſich hin. 

„Herrlih, Anton Pantjeljäitih, herrlich. Die 
Idee ijt foftbar, nur muß man fie unferen Aktionären 
vergolden, damit fie nicht von vornherein über un« 
fruchtbare Unternehmungen jchreien... Ih will 
Ihnen — unummwunden — geftehen, daß ich ein 
franfhaftes Gelüft verfpüre, diefe Beſitzung für mich 
jelbft zu erwerben und mich mit der Gefellichaft dar— 
über ind Einvernehmen zu jeßen.” 

„Um jo bejjer! Sie werden Ihr Pfund nicht 
vergraben! ... Und was für ein Wohnfik im Som— 
mer... bejonders wenn Sie Gott mit Familie jegnet 
... Sie müſſen dod lauter — Prachtkerle be- 
kommen!“ 

„Prachtkerle!.. Sie kennen das Wort! So 
hat man mich auf dem Gymnaſium genannt.“ 

„Denken Sie nur an mein Wort... Prachtkerle!“ 

Beide lachten und erhoben fich zugleich). 

„Kun aber zum Thee, und dann in den Wald!“ 
fommandirte Tjorkin. 


XXI. 


In Martha Saharomnaa Stube ging die Be— 
wirtung ihren gewohnten Gang. Zum Ejien war 
der Käufer nicht erichienen — er hatte ausdrüdlich 
abgefagt. Iwan Sadharytih und Paula Saharomna 
waren unruhig. Auch Pjerwatjch fühlte fich unbe— 
haglich, und alle peinigte der Zweifel, ob Tjorkin 
dDireft zur Stadt abgefahren fei. Den ganzen Tag 
über hatte er mit feinem Gehilfen die entfernten 
Grenzen des Forſtreviers befichtigt; zuerft waren fie 
am frühen Morgen weggefahren und dann nad) dem 
Frühſtück wiederum, ohne den Tarator mitzunehmen. 

Auch in Sanja gärte die Unruhe. Sie hatte id) 
befonder8 gepußt und lauerte nur auf eine zweite 
Unterredung mit Tjorkin. Pjerwatſch jaß ihr zur 
Seite und hätte gern das alte Manöver wieder ver« 
ſucht; fie 30g aber ihren Fuß zurid und gudte nad 
der andern Seite. Als zum Schluß des Eſſens die 
Unterhaltung betreff3 des Waldes erregter wurde 


und Pjerwatich darauf anfpielte, daß Tjorkin leicht 
Winkelzüge machen könne, fo daß man die Ohren 
fteif halten müffe, ärgerte fie fi wohl in Waſſili 
Iwanytſchs Namen, dachte aber doch jelbjt: „Wer 
weiß, ob er fi nicht nur jo bieder und aufridtig 
ftellt, um ung alle anzuführen, nicht nur ein Joldes 
Dummerden wie mid), jondern auch Nikolai Nika— 
norytſch.“ 

Bei Tante Martha wurde fie zu Pjerwatſch zu: 
traulicher,, Tieß fih von ihm unter dem Tiſch die 
Hand drüden, und ftieß zweimal mit ihm an, wobei 
fie Liqueur trank und viel Ledereien najchte. 

„Martha Sacharowna!“ rief Pjerwatich der 
Diden zu, die mit ſchwimmenden Augen und bren- 
nender Cigarrette — fie rauchte mitunter — auf dem 
Sofa faß: „Alexandra Iwanowna hat ſich bei Tiſch 
gegrämt; fie hat ſich auf Herrn Tjorkin geſpitzt.“ 

Dabei blinzelte er nach Sanja zu, welche erglühte 
und die Stirn runzelte. 

„Gar nicht, gar nicht!“ 

„Ich ſage ja.“ 

„Ich ſage nein.“ 

Sanja klopfte ſogar mit der Fauſt auf die Tiſch— 
kante. 

„Nun, was zankt ihr euch, Kinder?“ beſchwichtigte 
die Tante, „was ſich liebt, neckt fih!... Sanja, 
trinke ein Schlückchen! Willſt Du noch ein halb 
Gläschen?“ 

„Tante ... gib mir zu rauchen!” 

„Wollteſt Du?” 

„Sie will ihren Summer betäuben,“ behauptete 
Pjerwatſch. 

„Ach, wie Sie garſtig find!... Ich wollte auf 
Ihre Gefundheit trinken, nun thue ich e8 nicht.“ 

„Na, na, ftoßt an!” bejänftigte die Tante. 

Sanja und Pjerwatſch jtießen an. Sie jog mit 
vollen Lippen die ſüße, dunkelrote Ylüjligfeit aus 
dem Glas und lächelte ihm dabei mit den Augen zu. 

„Singt ‚Plowzow!““ ſchlug Martha Sacha⸗ 
rowna vor. 

„Ach, Tante, immer Plowzow. Etwas anderes, 
was nicht ſo alt iſt.“ 

„Meinetwegen! ... Was für ein Lied...” 

„Es ſchäumt der Fluß, 
Der Fluß erbrauſt.“ 

„Losgeſungen!“ kommandirte Pjerwatſch. 

Martha Sacharowna ergriff die Guitarre und 
ſie ſangen zu dreien. 

„Ach! ...“ | 

Sanja ſprang erjchredt vom Plab. 

Tjorfin war erjdienen. Er ftand in der Thür 
und klatſchte in die Hände. 

„Luftige Geſellſchaft! 
gnügen!” 

„Waffili Iwanytſch, welche Ueberraſchung!“ 


Ich wünſche viel Ber 





Waſſili Tjorkin. 


Pjerwatſch erhob ſich geräuſchvoll vom Seſſel und 
eilte auf ihn zu. Martha Sacharowna zupfte an 
dem oberen Rande ihrer Kapote. 

„Verzeihen Sie, bitte!” ſtammelte fie, „wir find 
bier zu Haufe.“ 

„Um Gottes willen, geniren Sie jih nicht! ... 
Geftatten Sie mir, Pla zu nehmen, bier neben 
Alerandra Iwanowna.“ 

Er zeigte ſich ſehr aufgeräumt, und fein Aufs 
treten ärgerte die Dide und den Taxator. Sanja 
reichte ihm, noch immer faſſungslos, die Hand. Sie 
wurde ſich plößlich ihres LTiqueurglafes bewußt, das 
vor ihr auf dem Tiſche fland. Sie rüdte ab; Tjor⸗ 
tin feßte fich zwifchen fie und Pjerwatſch. 

„Martha Sacharowna!“ rief er munter: „Sie 
ipielen Guitarre? Ih auch ...“ 

„Nun jagen Sie ’mal an! Wie nett daß ijt! 
Iſt Ihnen nicht aber etwas gefällig? Oder haben 
Sie noch nicht geſpeiſt? Dann werde ich e3 gleid) 
anordnen.” 

„Ih dankte... Wir find beim Bienenvater ein« 
gefallen. Dort hat man uns mit Weißbrot und 
Honig bewirtet... Doch wenn Sie ein Gläschen 
Branntwein gejtatten —“ 

Ale zeigten fich geſchäftig. Man holte noch ein 
Glas und noch eine Flaſche Pflaumenbranntmwein. 
Tjorfin erbat die Guitarre von Martha Sada- 
rowna, ftimmte fie neu und erfundigte jih nad dem 
gefungenen Liede. 

Die Tante, mit glühenden Wangen, mit trunfe- 
nen, weit aufgeriffenen Augen, lächelte Tjorfin zu 
und ftieß mit ihm über den Tiſch an. 

„Sanjetſchka hat eine nette Stimme,” ſagte fie 
in jüßem und verſchämtem Ton. 

„Wünſchen Sie ein Duett?” fragte er Sanja. 

„Sch kann ja eigentlich gar nichts fingen.“ 

„Das jagt fie nur jo, Auch Nikolai Nikanorytſch 
fingt jehr hübſch.“ 

„Dann beffer gleih im Chor!” 

„Kennen Sie nit. ... die wunderjchöne, wenn 
auch etwas altmodiiche Romanze: ‚Es jchäumt der 
Fluß? ...“ 

„Ach, Tantchen, ſchon wieder!“ rief Sanja. 

„Warum denn nicht?“ ſcherzte Tjorkin. 

„Siehſt Du! Siehſt Du!“ 

Martha Sacharowna rückte ſich auf dem Sofa 
zurecht und zupfte ſich wieder am Kapotenrand. 

Die Guitarre erklang unter Tjorkins Fingern. 
Er neigte ſich zu Sanja und ſprach leiſe zu ihr: 

„Sollten wir nicht zuſammen harmoniren, Ale— 
randra Iwanowna? Ich bin doch Ihr guter Freund? 
OR LE 

„Ja... .* brachte Sanja hervor, aber weiter fein 
Mort. 


Die Gegenwart von Pjerwatich beunruhigte fie. 


651 


Auch erſchien ihr die Beteiligung von Waſſili Iwa— 
nytſch nicht als eine „harmloſe“, ſondern als eine 
„abſichtliche“. Dabei fam ihr Nikolai Nikanorytſch 
auf einmal fo fremdartig vor. Wenn er fi) doch 
nur entfernen wollte! 

„Alſo, Achtung, Herrſchaften! 
Tjorkin: 


Zugleich!“ rief 


„Es ſchäumt der Fluß, 
Der Fluß erbrauſt.“ 

Ale ſtimmten an. Pjerwatſch fang mit verhal⸗ 
tenem Laden; Martha Sacharowna kreiſchte ihre 
Spittelweiberftimme dazu; da8 Stimmchen Sanjas 
verſchmolz mit der Stimme Tjorkins und ſchlug bei 
ihm zugleih die Saite des Mitleid mit dieſem 
„Knöspchen“ an. So nannte er fie, indem er ge= 
danfenvoll ihre Wangen, ihr Näschen, ihren Schopf, 
ihre Händchen betrachtete... Und er ahnte, daß fie 
ih vor ihm ſchämte. 

Die Märterin hatte nicht3 erfunden. Sie wird 
hier nach und nach verdorben, und Pjerwatſch küßt 
fih wohl ſchon mit ihr. 

„Küßt fih, weiter wird es fchwerlich gekommen 
jein.” Doc der Gedanke, daß dad arme Mädchen 
dieſem Nichtsnutz zum Opfer fallen jollte, machte ihn 
ganz franl. Er hieb indeffen munter auf die Gui« 
tarre 108 und machte ein ſehr vergnügtes Geficht dabei. 

„Sie find ein Meifter!” jagte Pjerwatſch ſchmei— 
helnd, nachdem die erfle Strophe gefungen war. 
„Martha Sacharowna, erlauben Sie, daß ich das 
Wohl von Waſſili Iwanytſch ausbringe!” 

Ale ftanden auf, um mit ihm anzujtoßen. Für 
Sanja goß die Tante ein volles Glas ein. Sanja 
hielt e3 Tjorkin Hin, that aber nur ein ganz Feines 
Schlückchen. Hatte fie doch vor feiner Ankunft be- 
reit3 zwei volle Glas geleert, was ihre Wangen ver- 
rieten. 

„Ihr Wohl!“ fagte fie leiſe. 

Er ftieß noch einmal mit ihr an und fagte ebenfo 
leiſe: 

„Und auf unſere Freundſchaft!“ 

Pjerwatſch hörte dieſe Worte und blickte über die 
Schulter Tjorking hinweg zu Sanja hinüber. 

„Hat er ſich etwa auch ſchon in fie verſchoſſen?“ 
dachte er, ohne indefjen die geringfte Eiferjucht zu 
jpüren. 

Ihm kam auch das gelegen. Wenn ihn Tjorkin 
al3 Haupttarutor in den Dienjt der Gejellichaft 
nimmt und fie Frau Direktor wird — ganz wunder« 
ihön. Er wird fi Schon im Vertrauen von Mann 
und Frau feitzufegen verftehen. 

Man jang noch einige Zigeunerlieder und Glinkas: 

„Rimmer kehrt ihr wieder, Tage alter Zärtlich- 
feiten......“ Tjorkin begleitete Sanja in Terzen. 

Ihr Glas Hatte jie immer noch nicht ausgetrunfen. 

„Auf Ihre Gejundheit!“ bot er ihr an, 


652 


„Nein, genug.“ 

Sie ſchaute auf ihn ſchamhaft und beicheiden, 
itand auf und jagte zu Martha Sacharowna: 

„Tantchen, es iſt heiß! Ich möchte in den 
Garten, Waſſili Imanytfh! Kommen Sie nicht mit?“ 

„Wir fünnen ja alle!” mijchte ſich Pjerwatſch ein. 

„Sie haben gewiß vergeſſen ... Papa hat Sie 
gebeten, zu ihm zu fommen.... Er bat wahrſchein— 
(ih ausgeſchlafen. Tante... Sie bleiben wohl auf 
dem Sofa... das kann ich nit. Es ift mir zu 
ftidig hier.” 

Sanja ſprang fort. 


XXIV. 


Martha Sacharowna zog hinterdrein. 

„Wir kommen gleich nach!“ rief Tjorkin. „Ich 
habe noch zwei Worte mit Nikolai Nikanorytſch zu 
reden.” 

Sobald die Dide aus dem Zimmer war, ftüßte 
er den Ellenbogen auf den Tiſch und lud den Tarator 
ein, ich zu ihm zu jeßen. 

„zrinfen wir nicht noch ein Gläschen?“ forderte 
er ihn auf. 

„Mit Vergnügen.“ 

Während Pierwatſch feinen Stuhl heranrüdte, 
ſah er ihn aufmerljam an. Es fam ihm in den 
Sinn, daß ihn der „Wälderdauß”“, wie er Tjorkin 
für ih nannte, ausholen wollte. Bisher hatte er jede 
Unterredung unter vier Augen mit ihn vermieden 
gehabt; jebt knüpfte er eine ſolche an, ehe die Ge— 
ihälte mit Iwan Sacharytſch und Niſowjew zum 
Abſchluß gefommen waren. 

Tjorkin jchaute ausnehmend treuherzig darein. 
Sie ftießen an. 

„a3 da& betrifft, Herr Tarator,” Hub er munter 
an; „mit Ihren Arbeiten bin ich zufrieden... So— 
wohl im Niſowjewſchen Beligtum, wie auch hier...“ 

„Mir außerordentlih ſchmeichelhaft,“ war Pijer- 
watſch im Begriff zu jagen, was Tjorfin indes ab— 
ſchnitt. | 

„Nur muß ich in allem Klarheit haben... Es 
mag Ihnen daran gelegen fein, die ferneren Arbeiten, 
welche die Gejellfchaft in ihren Yorjtbeftänden vor— 
zunehmen hat, weiter auszuführen.“ 

„D, gewiß!“ | 

Diefer Ausruf war Pjerwatſch unwillkürlich ent— 
ſchlüpft. 

In Tjorkins Augen ſah Pjerwatſch den Ausſpruch 
glänzen: „Lieber Freund, vor allem mußt du erſt 
lernen, uns die Stange zu halten —“ 

„In Bezug auf die Niſowjewſchen Yorften,” fuhr 
Tjorkin fort, „find Sie nicht Vermittler geweſen, 
wie es betreff3 der Iwan Sadharytihfchen Liegen— 
\haften der Fall war.“ 


PB. Boboryfin. 


„Erlauben Sie, Waſſili Iwanytſch, Ihnen ein 
zuwenden,“ unterbrah Pjerwatſch, „daß aud im 
Niſowjewſchen Beliktum, über defien Wert auf weite 
Streden hin noch feine volle Aufklärung bejteht, die 
erſt von mir erwartet wird... Sch Ipreche ſchon gar 
nit von dem Walde und dem Wohnſitz von Iwan 
Sacharytſch — wenn Sie diefe etwa erwerben wollten, 
in weldher Sache ohne meine Mitwirkung gar nicht? 
geihehen kann.“ 

Zjorfin nickte zuftimmend mit dem Kopf. 

„Ein anderer an meiner Stelle würde als Mafler 
eine Forderung ftellen... sch bin aber von jeder 
erbärmlichen Courtage weit entfernt... da& verhehle 
ih Ihnen nit,” — Pjerwatſch ſah ſich dabei um 
und ſprach leiſer — „in der Familie Tſchernoſoſchni 
ift diejer Verkauf mit verfchiedenen Intereſſen ver: 
fnüpft. Und ohne meinen Nat — wage ich zu denfen 
— wird nicht? gejchehen. Der Schwerpuntt liegt 
nicht in der Alten, dem Haupt der Familie, jondern 
in einer andern Perſon — und Sie werden vielleidt 
erraten, wen ich meine.” 

„Ah, ah?" dehnte Tjorkin in fragendem Ton. 

„sn gleihem Sinne habe ih ſchon mit Herrn 
Chrjaſchtſchew geſprochen.“ 

„Haben Sie etwas erreicht?“ warf Tjorkin da: 
zwiſchen. 

„Ich hatte ihn für Ihr Faktotum und vollen 
Vertrauten gehalten... doch iſt er nichts ... als 
eine Art Aufſeher.“ 

„Das trifft nicht zu, Nikolai Nikanorytſch; die 
Stellung von Chrjaſchtſchew iſt eine ſehr verantwort⸗ 
liche. Der Mann beſitzt große, praktiſche Erfahrungen.“ 

„Das beſtreite ich nicht. Nur fürchte ich, Waſſili 
Iwanytſch, daß er mich falſch verſtanden hat. Er 
denkt vielleicht, ich habe ihn durch das Anerbieten 
einer Courtage erkaufen wollen. Nichts derart liegt 
vor. Wohl verſtanden ... mir lag daran, etwas 
von Ihren Abfichten zu erfahren. Auch das verberge 
ih nit, daB das Schidjal der Familie Ticherno- 
ſoſchni für mich nicht gleichgiltig iſt.“ 

„Sie wollen wohl gar mit ihr in Verwandtſchaft 
treten?” fragte Tjorkin zwinkernd. 

„Das liegt noch fern... Iwan Sacharhtſch Tann 
in kurzer Zeit in recht traurige Verhältniſſe geraten. 
Einem andern Käufer würde ich nichts davon ſagen, 
doch Sie ſind ein ſo edeldenkender Mann, daß ich 
vor Ihnen davon reden darf. Selbſtverſtändlich iſt 
die Geſellſchaft nicht verpflichtet, in die Familien— 
verhältniſſe des Verkäufers einzudringen. Anderer⸗ 
ſeits hängt es von mir ab, den Kauf auf die eine 
oder andere Weiſe zu beeinfluſſen.“ 

Pjerwatſch richtete ſchnell ſeine ſchönen Augen 
auf Tjorkin und ſenkte die Lider. 

„Nach meiner Ueberzeugung,“ nahm Tjorkin ruhig 
und beſtimmt das Wort, „iſt Iwan Sacharytſch jo 





MWaffili Tjorfin 653 


in feine Gefchäfte verwidelt, daß er Hals über Kopf | werbern kann es ihr — bei ihrer Mitgift — nicht 


einen Käufer für feinen Wohnfig Juden muß. Und 
diefe Abgabe wiegt ſchwerer ala die des Waldes.“ 

„Selbitveritändlid.” 

Vierwatich ftieß ein kurzes Lachen aus. 
Thür öffnete fich Teife. Paula Sacharowna trat ein. 
Beide ſtanden zugleich auf. 

„Nikolai Nikanorytſch! Der Bruder bittet Sie 
zu ih,“ ſagte fie und fah ſich verftohlen um. „Sie 
ind zurüd, Wafflli Iwanytſch, was mir niemand 
gemeldet bat... Wo find Ihre Damen?“ 

„Im Garten,“ antwortete Pjerwatich. 

„Und Sie find bier beſchäftigt?“ 

„Nein... 
babe mich ein wenig mit Waffili Iwanytſch unter- 
halten.” 

Pjerwatſch wandte ſich Zjorfin zu: 

„Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, Waffili 
Iwanytſch; unfere Unterredung fönnen wir fortjegen, 
warn es Ihnen beliebt.” 

„sh will nit ftören!” fagte Paula Sacharowna 
und jah beide aufmerfjam an. 

„Es Hat feine Eile,” entgegnete Tjorkin, „das 
Wichtigſte ift bereits beſprochen.“ 

Pjerwatſch ſcharrte beim Heraußgehen mit ben 
Füßen. 

„Wollen Sie in den Garten?” fragte Paula 
Sacharowna noch einmal. 

Sie ſetzte ſich in die Sofaecke und betrachtete den 
Tiſch mit den Reſten der Leckereien. 

„Sie haben luſtige Geſellſchaft gehabt? Auch 
Muſik, wie es ſcheint?“ 

Ihre Lippen zeigten ein wegwerfendes Lächeln. 

„Ja,“ antwortete ihr Tjorkin, ſich am Tiſch 
niederlaſſend; „ich traf die Geſellſchaft in vollem 
Zuge. Allem Anſchein nach wird es bei Ihnen bald 
eine Hochzeit geben?“ 

„Hochzeit? Wer ſollte denn heiraten?“ 

„Ihre Nichte, Alexkandra Iwanowna. Iſt etwa 
Herr Pjerwatſch nicht ihr Bräutigam?“ 

„Das erſte, was ich höre.“ 

„Dann erlaubt Ihre Schweſter, verehrteſte Paula 
Sacharowna, dem fremden Herrn ſich auf ſolchen 
Fuß zu der Tochter eines ſolchen Hauſes zu ſtellen? 
Sie verzeihen mir, ich habe kein Recht zu ſolcher 
Bemerkung ... Ich urteile nach dem Augenſchein.“ 

„Das Mädchen iſt — von Natur aus bis zur 
Wurzel verdorben... Ganz ihre Mutter... Ich 
waſche meime Hände... Die Schwefter unterftüht 
in ihrer Charakterſchwäche ihre ſchlimmen Neigungen. 
Ob Herr Pierwatih, ob ein anderer — fie ift der 
Verführung preisgegeben.” 

„Daß thut mir leid... .. Wenn ich meine Herzens— 
meinung äußern darf; fie ijt jo jung und hilflos... 
dabei die einzige Erbin ihres Vaters... An Be: 

Aus fremden Zungen. 1895. II. 14. 


| 
| 


| 


Die 





Ich gehe zu Iwan Sacharytſch. Ih | 


— — 








fehlen.“ 

„Welcher Mitgift?“ 

Paula Sacharowna zuckte ihre 
Schultern. 

„Sollte denn von den beiden Erbgütern Iwan 


verwachſenen 


Sacharytſchs nichts übrig bleiben? Mir geziemt 


dieſe Frage nicht. Ich — bin der Vertreter der 
Geſellſchaft, der Ihr Vater ſeinen Wald, und ſogar 
— wie Sie wiſſen werden — dieſen Wohnfig mit 
dem Park angetragen hat. Wenn wir einig werden, 


erhält er einen ſchönen Preis für die hieſigen Plätze 


... doch nur, verehrteſte Paula Sacharowna, wenn 
jeder unnötige Vermittler und Makler ausgeſchloſſen 
bleibt.“ 

„Auf wen ſpielen Sie denn an?“ 

Sie hatte ſchon gemerkt, daß er den Taxator 
meinte. Pjerwatſch fonnte jederzeit ihn und ihres 
Bruders Partei verlaffen und auf die Seite des Ver⸗ 
fäufer3 treten. Möchte er nur jo bald als möglich 
das Mädchen verführen und mit ihr, aus dem Kaufe 
gelde mit einer Mitgift von fünf oder zehntaufend 
abgefunden, auf Nimmerwiederjehen das Weite juchen! 

Aber diefer Bürgerdmann war wohl ſelbſt ein 
Einfaltspinfel, den man bei dem Edelmut feiner Ges 
fühle erwiſchen konnte. Er möchte gern beweijen, 
daß er mehr Edelfinn und Ehrenhaftigkeit als ber 
Adel befikt. Sie hatte ſchon gejtern die Abjicht ge— 
habt, ſich mit ihm unter vier Augen auszuſprechen. 
Wie e8 fcheint, Hat ihm das Mädchen aud) in die 
Augen geſtochen ... Mag er fie dem Feldmeſſer ab- 
nehmen und mit ihr abziehen... Um fo beijer. 

„Dit es Ihnen nicht gefällig, mit mir zu fommen?“ 
ſagte fie und erhob ſich. „Ich werde Sie nicht lange 
aufhalten... Doch, wie Sie jehen, kommen Sie 
mit meinem Bruder nicht zum Abſchluß, ehe Sie mich 
nicht gehört haben.” 

„Ich ftehe zu Ihren Dienften, Paula Sacha— 
rowna, Sie find ja hier — das Haupt... das habe 
ich gleich bemerkt.“ 

Sie erwiderte nicht, ſondern ftieß nur einen uns 
artifulirten Naſenlaut aus. 

„Waſſili Iwanytſch!“ rief Sanja über die Ter— 
raſſe laufend. „Sind Sie hier?“ 

„Waſſili Iwanyfſch iſt jetzt nicht da!” entgegnete 
Paula Sacharowna durch das Fenſter und humpelte 
am Stock davon, Tjorkin mit ſich führend. 


XXV. 


„So ſteht alſo die Sache, Paula Sacharowna!“ 

Tjorkin Hatte der Buckeligen aufmerkſam und mit 

ehrerbietigem Geſichtsausdruck zugehört, obmohl er 

am liebjten der ihm widermwärtigen Perjon in Die 

Haare gefahren wäre. Schließlich that ihm die böfe, 

alte Jungfer doch leid — beſonders ihres pſycho— 
83 


654 PB. Boborykin. 


pathiichen Zuftandes wegen. Sie hatte ihm den Haupt= 
beweggrund ihres Handelns nicht enthüllt, wenn er 
aber die Eröffnung Thedosjäjewnas mit in Betradht 
30g, fo wurde ihm alles Har. 

„Ja — a,“ äußerte Paula Sacharowna, mit ein- 
gelmiffener Unterlippe. „Sie verftchen, Tiebfter Herr, 
wenn mein Bruder jo große Verpflichtungen mir 
und meiner Schweiter gegenüber hat, und in feiner 
Schlafiheit die Sade jo verwirrt, dann muß ich 
Ihnen Haren Wein einſchenken ...“ 

„Allerdings, allerdings,” beeilte fih Tjorkin zu— 
zuftimmen, „doch was hat da3 mit Ihrer Nichte zu 
thun? Iwan Sadarytih behält immer noch im 
Talle des Verkaufs diejer Befigung — das entfernte 
Gut; auf das Sie aber aud) Anspruch erheben. An— 
genominen, e3 bleibt wirklich nidht in feinem Beliß, 
jo müßte es dennoch ſchließlich Alexandra Iwanowna 
als Ihrer Erbin zufallen ...“ 

„Entſchuldigen Sie... Ich denke noch nicht ans 
Sterben! Es iſt Sache des Vaters — für ſeine 
Tochter zu ſorgen ... Und übrigens, das ... das ...“ 

„Geht mich nichts an, wollen Sie ſagen? Das 
— ſtimmt, Paula Sacharowna. Aber gerade um 
Ihr Fräulein thut es mir wunderbar leid. Sie iſt — 
ohne jede Obhut. Sie mögen nicht wiſſen, was hier 
zwiſchen Ihren Wänden vorgeht. Sie werden mich 
entſchuldigen .. . Sch ſpreche jo, nach Ihrer Er—⸗ 
klärung zu mir ... Sie wünſchen, daß ich Sie bei 
meiner Verhandlung mit Ihrem Bruder vertreten 
ſoll? Alſo — vertrauen Sie mir!“ 

Die Buckelige hob die Schulter, zwinkerte erſt 
mit den Augen, die ſich darauf mit Feuer füllten, 
während die Lippen zitterten. 

„Herr Tjorkin! Wenn Sie auch ein fremder Menſch 
ſind, muß ich Ihnen doch ſagen — dieſes Mädchen 
iſt von Natur im Grunde feiner Seele verdorben.... 
Mein armer Bruder hat ihre Mutter angebetet und 
dieſe hat ihn auf das jchnödefle betrogen.” 

„Sp, jo!" dachte Tjorkin; „Thedosjäjewna hat 
die Wahrheit gejagt.” 

„Und Cie alfo auch ... Sie rächen jebt an der 
Tochter, was die Mutter, wie Sie behaupten, an 
ihrem Gatten gejündigt hat!“ 

„Entſchuldigen Sie, Tiebfter Herr! Das Mädchen 
it gar nicht Bruder Iwans Tochter — iſt e8 nie 
geweſen!“ 

„Mag ſein, verehrteſte Paula Sacharowna, ſie 
gilt indeſſen als ſeine Tochter, iſt — Edelmanns 
Sproß, in einem adeligen Inſtitut erzogen — und 
das reine und unſchuldige Kind.“ 

Als er dies ſagte, fühlte Tjorkin wohl, daß er 
aus der Rolle als Diplomat fiel, der die Buckelige 
dazu zu bringen trachtete, ihre Karten vor ihm auf— 
zudeden.... Was ihn zu Sanja hinzog, war etwas 
mehr als bloßes Mitleid. 


„Unſchuldig!“ entgegnete Paula Sacharowna 
ſcharf; „Scherze hat ſie ſchon angefangen. In allen 
Ecken küßt ſie ſich ja herum.“ 

„Mit wem?“ | 

Zjorfina Trage Fang faſt zornig. Er rüdte ihr 
näher und fagte halblaut und haftig: 

„Sit das nicht eine Sünde don Ihnen — von 
Ihnen und Ihrer Echweiter — fie in die Klauen 
eines ſolchen Schlaufopf3, wie dieſes Taratorß fallen 
zu laſſen . . . Denken Sie — er werde fie heiraten, 
ohne eine gehörige Kufche mitzubelommen? Daraus 
wird nichts. Sie legen es aber offenbar darauf an, 
fie zu entehren und ohne Biſſen Brot ins Elend zu 
jagen... .“ 

„Meine Gefühle und Gedanken behalte ich für 
mid.” 

„Genug der Winkelzüge!“ fiel Tjorkin lauter ein 
und fehritt im Zimmer einher. „Ich habe Sie an— 
gehört. Jetzt komme ich an die Reihe. Um Ihre 
verwandtichaftlichen Verhältniffe brauche ih mich nicht 
zu fümmern, wenn ich aber will, fann id auf Ihren 
Bruder einen Drud ausüben, der Jhnen, wenn nidt 
die ganze, jo doch einen Teil der Schuld ſichert. 
Dafür jtele ih aber als erjte Bedingung: dieſer 
gemeine Tarator muß entfernt werden. Er ift ein 
— Schuft, er hat meinem Forftmann wie mir Ber: 
ſprechungen gemacht und ijt jofort bereit, Sie alle: 
jamt zu betrügen.“ 

„Das thut Heutzutage jeder.“ 

„Wohl möglich; aber morgen muß er verjchollen 
fein. Wollen Sie gütigft Ihren Bruder dazu be= 
ftimmen, da3 noch heut und zivar in meinem Beijein 
anzuordnen. Zudem hat Iwan Sacharytſch, für den 
Tal des Verkaufs feines MWohnfikes mit Park an 
mich, für feine Tochter durch Abſchluß unferes Ver: 
trages — für deren Lebenszeit zu forgen.” 

Paula Saharomna erhob fi), zupfte nervös an 
ihrem Gewande um ihren dürren Hals herum, und 
humpelte haftig in die äußerjte Ede des Zimmers. 

„Liebjter Herr, Sie jcheinen und Geſetze vor: 
Ichreiben zu wollen?“ 

Dieſe empörende Dreiftigfeit durchzuckte fie bis in 
die Yingerfpigen. Ein Bauer oder Bürgergmann — 
und wagt ihr das zu bieten. 

Sie atmete ſchwer und Fehrte zu ihrem Platz 
zurüd. 

„Sie haben mein Vertrauen gemißbraucht — und 
jebt.... .” 

„za —ta— ta!” unterbrad) fie Tjorkin und fuch— 
telte mit der Hand. „Ohne böje Worte, Paula 
Saharowna, ohne böje Worte... Sie braudden 
mich. Und außer mir fauft augenblidlich fein Menſch 
Iwan Sacharytſch feinen Wald und jein Gut zu 
einem guten Preife ab. Rur unfere Geſellſchaft kann 
fi) das Teiften. Und zum Ankauf des MWohnfiges 


ui ur ner — — —— — En nt 1 = u EEE En 


Waſſili Tijorfin. 


mit dem Park bedarf es noch meiner bejonderen 
Fürſprache bei der Geſellſchaft. Folglid — wollen 
Sie jelbft den Schluß ziehen: Thun Sie Ihre Schul- 
digfeit, beihfummeln und verderben Sie dieſes gänz- 
ih unjhuldige Mädchen nicht, befonder8 auf dieje 
ganz nichtswürdige Manier!” 

„Ich ſoll fie verderben?!” 

„Was fonft? Ihre Schwefter bringt fie geradezu 
an den Trunk — und verfuppelt fie an einen Gauner.” 

Er bielt ſich vor, ob er nicht etwa zu weit ge= 
gangen wäre; dennoch verjpürte er feine Luft, den 
Ton zu Ändern. Das Köpfchen Sanjas mit den 
Haren Augen, ihr Stimmen, die eigenartige Hilfs» 
bedürftigfeit und Harmlofigleit ihres ganzen Weſens 
fahten in ihm das Mitleid mit dieſem einer gut3- 
herrfhaftlihen Yamilie entjproffenen Kind an. In 
ihr rannen noch geſunde Säfte; der Reit flößte ihm 
Abſcheu und Bemußtjein eigener Ueberlegenheit ein; 
diefe Buckelige, ihre dicke, Dumme Schweiter, beider 
nihtiger Bruder. Gegen die wahnmibige Marotte 
der nutzloſen alten Jungfer, ſich für die Liebe des 
Bruders zu der verhaßten Echwägerin an der Tochter 
rähen zu wollen... da mußte eingejchritten werden! 

Die Augen Paula Sacharownas glänzten heller, die 
Mundwinkel zitterten. Sie ftieß eine kurze Lache aus. 

„Wollten Sie nicht etwa ſelbſt unfere Blödhold 
dur Ihr Anerbieten von Herz und Hand beglüden? 
9a, ha!“ 

Diefe Frage fuhr ihm in die Glieder. Das Blut 
ftieg ihm in die Wangen. Er dämpfte indefjen feine 
Erregung und antwortete mit Bedacht: 

„Ich ſtehe bier als einfadher Bürger... Sie 
\eßen fi auf8 hohe Pferd, das eine jage ih nur — 
hätte ih Abfichten auf Alexandra Iwanowna, dann 
würde ich das Geſchäft ganz anders anfafien... 
Sie belieben mir nur zum Truß vorzubalten, daß ic) 
mir auf diefe Weiſe eine gute Mitgift verſchaffen 
wolle. Dem entgegen muß ich Sie aber verfichern, 
mein gnädiges Fräulein“ — er nannte fie zum erften- 
mal jo — „daß meine finanzielle Lage mir ermöglicht, 
ganz andere Summen herauszufchlagen, wenn id) 
mid) darauf hin verheiraten wollte.” 

Bor der Thür wurden Pjerwatſchs Schritte laut. 

„Darf man eintreten?” 

„Bertrag geht über Geld!“ flüfterte Tjorkin auf 
den Tiſch gebeugt: „Ihn...“ dazu machte er eine 
Handbemwegung. 

„Sie können eintreten!” rief Paula Sacharowna. 

„Meine Konferenz mit Iwan Sacharhtſch ift be= 
endigt,” ſagte er, ji die Hände reibend. Seine 
Augen [weiten unruhig von der Budeligen zu Tjorkin. 

„Ist der Bruder in feinem Kabinet?“ fragte 
Paula Sacharowna. 

„Er möchte vor dem Thee noch Waffili Iwanytſch 
ſprechen.“ 


655 


„Bitten Sie Iwan Sacharytſch Hierher!” ſagte 
Tjorkin ... „Allein!“ fügte er ausdrücklich hinzu. 

„Ich verftehe! Ih will nicht läſtig fallen... 
Bitte ſehr!“ 

Pierwatich machte auf einem Abjaß Kehrt, wandte 
in der Thür fein Gefiht noch einmal zurüd. 

„Sie beunruhigen fih unnötig, Waſſili Ima= 
nytſch! Läjtig will ich nicht fallen.“ 

„Gar zu liebenswürdig!” rief ihm Tjorkin nad). 


XXVI. 


Auf dem Balkon war alles beim Thee verſammelt, 
Martha Sacharowna ſchenkte ein. Sanja ſaß ein 
wenig abſeits, Pjerwatſch lehnte am Geländer, kaute 
an einem Grashalm und warf nach dem Tiſchende, 
an welchem Tjorkin zwiſchen Iwan Sacharytſch und 
Paula Sacharowna Platz genommen hatte, unruhige 
Blicke. 

Ihm ahnte ſchon, daß ſeine Rolle in dieſem Hauſe 
ausgeſpielt und ſein Eintritt in den Dienſt der Ge— 
ſellſchaft ausgeſchloſſen ſei. . Auch mit dem Fräulein 
wird es nichts Geſcheites werden. 

Iwan Sacharytſch, im hellblauen Hausroch, rauchte 
zaghaft an ſeiner Cigarrette und bemühte ſich, ſeine 
Würde zu wahren. Sein Geſicht war ungewöhnlich 
rot. Es wurmte ihn, daß er einen bürgerlichen Auf⸗ 
käufer in ſeine Familienverhältniſſe einweihen müſſe. 
Schweſter Paula hatte ihm anbefohlen, ſich mit dieſem 
Menſchen gut zu ſtellen. Niemals war ſein adeliger 
Tick ſo gekränkt worden, dennoch mochte es ſchon gut 
fein, wenn ſich Tjorkin in Sanja verliebte und ihr 
einen Antrag madte. Und warum follte er dies 
nicht? Spielte er doch ſchon die Rolle eines herzens- 
ſiechen Vormunds, indem er die Verforgung Sanjas 
al8 Vertragsbedingung aufſtellte. Gott weiß, was 
alles Schweiter Paula ihm, Iwan Sachargytſch, noch 
mehr zumuten wird; eines ſchönen Tages mag er 
feine ungeſetzliche Ehe auflöjen wollen, dann muß 
wieder abgefunden werden. Ohne Verkauf des 
Wohnſitzes weiß er weder aus noch ein; ein beſſerer 
Käufer ift aber nicht zu finden. Gegen die Schwefter 
anzufämpfen, wagt er gar nit. Formell ift fie ja 
im Recht, wenn er ſich aud) niemals hätte einen 
folhen Ausgang träumen laſſen. 

Paula Saharowna ſchielte nach ihrem Bruder 
hin, der würdevoll feinen Thee ſchlürfte. Sie wird 
jet jchließlih zu ihrem Gelde kommen, wenn aud) 
dieſer Dudmäufer die ganze Lage verſchoben hat. 
Ihm und nicht dem eigenen Mugen Kopf wird fie 
verpflichtet fein. Er gewährt ihr eben ein Gejchent. 
Dem fei nun, wie ihm wolle, ihm gefällt zweifellos 
das Mädel, das auch vortrefflich für ihn pajjen mag! 
Abmweijen kann ihn der Bruder gar nicht; dann 
braucht fie aber auch nichts für die verhaßte Brut 
der liederlihen Schwägerin abzugeben. Und wie wird 


656 


e8 weiter fommen? Während Frau Tjorlin bier als 
Herrin und Millionärin hauft, kommt der Vater ganz 
herunter und verkauft auch das andere Gut. Die 
Echmeftern verftehen es und nehmen ihn mit hin. 
Wenn aber der Schwiegerfohn mit der Tochter hier 
Hof hält, dann holen fie ihn wieder ber... Das 
thut der Ducdmäufer ſchon aus reinem Bürger: 
hochmut. 

Der Thee wollte ſchlecht durch Paula Sacharows 
Gurgel durch; ſie mußte wiederholt hüſteln. 

Tjorkin ſaß zwiſchen ihnen, unterhielt ſich aber 
meiſt mit Sanja. 

Er hatte die Empfindung, als ob er jemand aus 
dem Waller gezogen habe. Auf Sanja blidte er 
wie auf fein eigenes „Kind“. Darum vertraute er 
darauf, daß fie ihre Unſchuld noch bewahrt habe, 
Der Tarator mußte morgen weg; das hatte er be= 
flinnmt verlangt. Damit bejeitigte er in erfter Linie 
nicht den gaunerhaften Mater, jondern vielmehr den 
Frechling, der im ftande war, das lieblihe Mädchen 
zu verderben. Er ſchämte ſich dieſer Veranftaltung 
nicht. Der Wunsch, Sawodnoje fein eigen zu nennen, 
wenn nicht gleich, jo doch in drei, vier Jahren, wuchs 
mehr und mehr. Der Entihluß, den Ankauf auf 
feine Kappe zu nehmen, ftand jeßt bei ihm feſt. 
Stimmt die Gejelljchaft nicht zu — um fo befler, 
das Gut ift dann ſein eigen und er richtet eine Schule 
für praktiſche Yorftwirtihaft auf eigene Koften ein. 

Das war e3 nicht allein, was ihn erfreute. Er 


ſaß hier al8 Ehrengaft inmitten einer gut&herrlichen 


Tamilie, er, der Bauernfindling und Bürgersmann, 
mochte ihn Tante Paula auch wohl „Dudmäufer“ 
und „Emporlümmling” nennen... Ja! Erbgüter 
gehen ſchon auf jolche Leute über, die ein Herz für 
die Heimaterde, den reihen Wald und den nährenden 
Strom haben. Und das verdankt er nicht dem 
eigenen Beutel, deſſen er fi nicht rühmen fann, 
fondern nur feinem Kopf und feinem Herzen, fowie 
der Aufficht über fein Gemiljen. 

„Wünſchen Sie ihn ſtark, Waſſili Iwanytſch?“ 
erſcholl Sanjas Stimmchen zu ihm. 

Sie blickte vom Samowar her zu ihm herüber. 

„Ja, ſtark, Alerandra Iwanowna.“ 

„Mit Sahne?“ 

„Mein, mit Zitrone, wenn ich bitten darf.” 

Das Stimmen Sanja3 und der weihe Schimmer 





P. Boborykin. 


verführt, an die er zeitlebens denken wird. Dafür hat 
er fie ausgebeutet — hier ſoll er dagegen jelbft ein 
bilflofe3 weibliches Weſen ſchützen, als Gefährtin an 
fein Dafein knüpfen, und das nicht aus wilder, 
tieriicher Leidenſchaft, ſondern weil e8 bat jo fein 
ſollen. 

Sein Blick liebkoſte Sanja, als ſie ihm den Thee 
reichte. 

Im ganzen Hauſe bereitete ſich ein Ereignis vor. 
Auch in ihr ſelbſt geſchah etwas Neues. Die Gegen: 
wart von Nikolai Nikanorytſch wurde ihr läſtig. Eie 
hätte gern alles au&gemerzt, was zwiſchen ihnen vor- 
gefallen war. Er war ihr fremd. Ein „guter 
Menſch“ ift er nicht, wie der andere, Waffili Iwa— 
nytſch, vor dem fie alle friechen, jogar Tante Paula. 
Der ſcheint auch das ganze Schidfal der Familie in 
der Hand zu haben. Dabei fommt er ihr aber gar 
nicht fremd vor. Im Gegenteil! Waſſili Iwanytſch 
ift gut und hübſch, viel netter als Nikolai Nikano— 
rytſch. Und ficher wird er fi noch viel mit ihr 
unterhalten... . dann wird fie ihm auch alles ge- 
ftehen und gar nicht erft feine Fragen abwarten. 

„Wo ift denn Ihr Beamter?“ fragte Martha 
Sadarowna Tjorlin... „Er muß dod auch Thee 
haben.“ 

„Er it noch nicht aug dem Wald zurüd,“ ent 
gegnete Tjorkin. 

Paula Sacharowna warf ihrer Schweiter einen 
Seitenblid zu: „Wir haben, meine ih, an einem 
Eindringling genug und brauchen nicht noch allerhand 
Bedienitete in unjern Kreis aufzunehmen.” 

Tjorkin fing dieſen Blid auf und fagte zu Iwan 
Sadarytic gewandt: 

„Er kennt Ihren Wald ſchon fo gut wie feine 
fünf Finger.“ 

Swan Sacharytſch ſchwieg und lächelte nur ſüß— 
ich. Ihm Stand eine Auseinanderfegung mit Pjer- 
watſch bevor, die er nicht einzuleiten wußte. Die 
Schweiter hatte jede Beteiligung abgelehnt... Geld, 
um Pjerwatſch zu bezahlen — bejaß er nicht; er hätte 
ed erſt von dem Käufer erbitten müſſen. 

Es trat ein längeres Stillichweigen ein, was 
Zjorfin nicht Täftig fiel. Er verlangte feine Unter 
haltung, ihm war wohl. Aus dem Blumengarten 
wehte ein bduftiges Lüftchen. Im Parke ſchlug die 
Nachtigall. Dort unten glitt lautlos der Strom, zu 


ihrer Augen berührten eine Saite des Mitgefühls in ; dem er gern Arm in Arm mit Sanja geivandelt wäre. 


feiner Bruft. Am liebiten hätte er fie diejer Familie 


fogleich entriffen, fie gehegt und gepflegt und ihr ein | 
Schnelle, jchnelle Gedanken 


neues Leben bereitet. 
jagten in feinem Gehirn. Da war ein Weib — 
zwei Jahre ift es her — die hat ihn mit ihrem Geld 
auf den Weg gebracht, auf dem er in jo erjtaunlich 
furzer Zeit an fein heutiges Ziel gebracht ift. Aber 
jene hat ihn zu einer Abfindung mit dem Gemijien 


| 
| 
| 
| 


„Die Glocke!“ rief Sanja leiſe, wie aufgejchredt. 

„Wer mag daß fein?” fragte Martha Sacharowna. 
„Der Adelamarichall ?” 

„Der ift noch nicht auf Reifen!” entgegnete Iwan 
Sacharytſch. 

Der Ton erſchallte deutlich an der Freitreppe. 

Tjorkin dachte an Swjärjew. Hatte ſich Pjotla 
in feinem geſtrigen Zuſtande zu ihm aufgemacht, 


Waſſili Tjorkin. 


dann beabſichtigte er gewiß, ihn um ein paar Tauſend 
zu erleichtern. 

Ter Kammerdiener Iwan Sahamtich3 erichien 
an der Thür zur Zerraffe. 

„Ber ift gefommen?” fragte Martha Sacharowna 
als erite. 

„Eine Dane... Sie haben eine Karte gegeben... 
für Herm Tjorkin ... In Geſchäften ... Sie wün— 
ſchen, Sie zu ſehen.“ 

„Mich?“ fragte Tjorkin und erhob ſich ſchnell. 

„Ganz recht.“ 

Auf der Karte ſtand: „Serafima Jefimowna 
Ruditſch.“ 

Er bezwang ſeine Erregung, wenn auch Sanja 
bemerkte, daß ſich ſein Blick verdüſterte. 

„Erlauben Sie mir, die Dame im Flügelbau zu 
empfangen?“ wandte er ſich an den Hausherrn. 

„Barum niht? Das Empfangszinnmer fteht zu 
Ihrer Verfügung,” erwiderte Iwan Sacharytſch geziert. 

Zjorfin war ſchon auf der Schwelle, er eilte im 
ſchnellen Schritt durch das Empfangszimmer und traf 
im Salon auf den Gaft. 

Sein erfter Gedanke war geweſen, fie nicht zu 
empfangen, doch wies er diejen als „erbärmliche Feig— 
heit“ zurüd und ging kühn allem entgegen, was ihm 
diejed Zufammentreffen mit Serafima bringen konnte. 


XXVII. 


In derſelben Laube, in der er zum erſtenmal mit 
Sanja geredet hatte, ſaßen ſie einander gegenüber. 

Tjorkin warf ſchnell einen flüchtigen Blick auf ſie 
und wandte ſodann die Augen von ihr ab. Serafima 
war bunt gekleidet, doch der Hut mit hellen Federn 
und der ſeidene, pelzverbrämte Regenmantel von 
dunkler Himbeerfarbe mit geſtickten Aermeln ſtanden 
ihr vortrefflich zu Geſicht. Sie ſchminkte ſich ein 
wenig, wie ihm ſchien. Ihre Augen ſtanden un« 
natürlich weit offen, ala ob fie diefelben gemalt oder 
die Augenfterne mit irgend etwas behandelt habe. 
Ueber ihr bleiche8, ein wenig afchfarbenes Geficht 
jagte es wie nervöfe® Zuden. Ein ftarker Duft 
nad) Eſſenzen ftrömte von ihr aus. Unter dem hellen 
Unterffeid Tugten ihre Füße in roten Stiefelhen her— 
vor. Ihre Stirnhaare waren gebrannt. 

„Die Kofotte, wie fie im Buche ſteht,“ entjchied 
er in Gedanken — und empfand in der Bruft eine 
Art von Brennen. Bon Freude oder gar Aufregung 
\pürte er nichts. Ihm ftand etwas Zweckloſes und 
Läſtiges bevor, 

„Guten Tag, Waſſia!“ begann Serafima zuerſt 
und näherte ihm ihre üppige Büſte. 

Er erwiderte nichts. 

„So empfängſt Du mich?“ 

„Wozu dieſe Fahrt hierher? ... Ich habe doch 
ein Quartier in der Stadt ...“ 


657 


„Wer kann dafür, daß Du Tag und Nacht hier 
biſt? ... Niſowjew hat vergeblich nach Dir geſchickt. 
Er erwartet Dich übermorgen. Haſt Du ſeinen Brief 
erhalten?“ 

„Sa... Ich bin aber hier noch nicht fertig.“ 

„Nun, ich zog es vor — felbft zu fommen. Mid) 
führen Geſchäfte her — nichts Unſchickliches — falls 
Dur jebt etwa folder Zierlich-manierlich geworden 
fein ſollteſt. Oder ftehft Du mit diefen Unholden 
in näheren Beziehungen als nur als Räufer ?“ 

Ihre Lippen bebten deutlihd. Sie fniff fie zu— 
jammen, um die Thränen zurüdzuhalten. 

„Das alles gehört nicht hierher, und es ift ver- 
gebli, daß Sie...“ 

„Nein, ih muB dringend bitten — nicht mit — 
Cie... Wie Du Dich immer zu mir ftellen magjt 
— das vertrage ih nit . . . hörft Du, Waſſia — 
id) vertrage e8 nicht. Das ift Schlecht, Deiner un— 
würdig. Sch bin — frei, gehöre niemand an, fann 
nad) Belieben mit jedermann auf Du und Du ftehen. 
Noch dazu, da id Frau bin.... Wir find alte 
Freunde. Wie fteht es mit Dir — Du bift jemand 
Rechenſchaft ſchuldig?“ 

Ihre Augen hefteten ſich glühend und leiden— 
ſchaftlich auf ihn. Ihm wurde unheimlich. Er ſah 
ſie nicht an. 

„Mit der Freiheit iſt es nicht weit her,“ erwiderte 
er ſanfter. 

„Komm von hier fort. Man hört und ſieht uns 
bier... Und Du wirft Dich geniren.“ 

„sn wiefern?“ 

„Ich bitte Dich.“ 

Sie brachte dieje drei Worte jo hervor, daß 
er nicht miderjtehen konnte. Serufima nahm ihn 
jelbft unter den Arm. 

„Dorthin, dorthin! ... Hinunter. Dort fann 
man mid für eine Käuferin halten... Siehft Du 
das Raſenfleckchen unter den Eichen? Wie ſchön ift 
es hier!“ 

Serafima erfaßte jeine Hand und hielt ihn an. 

„Ah, Waſſia!“ jeufzte fie aus voller Bruft. „Wie 
und das Leben doch mitſpielt! Da bin ih nad) 
Waſilſursk auf die Holzmelje geraten... .“ 

„sh weiß — mit wem... .” 

Er fonnte da8 Gelüfte nicht unterdrüden, ihr ſcharf 
zu Gemüt zu führen, mit wem fie dort erfchienen war 
und mit was für Verehrern fie fid) jet abgab. Be— 
jonders fam ihm in den Sinn, was Niſowjew von dem 
jeftirenden Petersburger Holzhändler erzählt Hatte. 

„Niſowjew hat Dir gewiß von Schujew ge: 
Iprochen ?“ 

„Bon was für einem Schujem ?* 

„Nun, von den... . von den... 
Täubchen‘.* 

Sie ftodte und lächelte. 


‚weißen 


658 


„Sit da8 wahr?“ fragte er und feine Lippen ver- 
zogen ſich zu einem verächtlichen Lächeln. 

Sie durdhbohrte ihn mit den Augen, 
die Hand losließ. 

„Du meinft, ih und er? ...“ 

„Schwierig wär's!“ fpottete er. 

„Nun, ganz gleih, Du denfit, 
aus. Mag fein!... Wieerift. 
Ihaft erfüllt... das Fennft Du nit! Er ift bis 
zur Schwärmerei verliebt. Ya. Und er gibt feine 
Seele zum Pfande, daß er jedes Verlangen von 
mir erfüllt. Sein Onkel — mit fieben Millionen, 
hat volles Vertrauen zu ihm. Hörft Du — fieben 
Millionen! Und er ift — einziger Erbe...” 

„Gut, gut!” 

Som that feine Anſpielung auf den Geftirer 
ſchon leid. 

„Ih Habe ihm verboten, mir zu folgen... &8 
machte zu allgemeined Aufjehen!” rief fie und nahm 
ihn wieder unter den Arm. „Hier wollen wir uns 
ſetzen. Bitte ſchön! Hier ift e& herrlich!“ 

Er widerjtrebte nicht. Serafima ließ ſich im 
Schatten zwiſchen den Bäumen auf den Rafen nieder. 

„Seh Did da her... Nun, ich danfe Dir. 
Es ift Dir nit recht, daß ic Dich, wie von alters 
her, mit Waſſia und ‚Du‘ anrede. Ah?“ 

„Mir ift es recht.“ 

„Run, aud dafür Danf.” 

Ein großer Traubenkirſchbaum breitete feine Zweige 
bi3 über fie aus und ftreute ihnen weiße, zarte Blüten- 
blätter vor die Füße. 

Serafima hob den Kopf und atmete voll die 
Luft ein. 

„Herr Gott,” unterbrach fie fih, „wie herrlich! 

.. die Luft! ... Wie es duftet! Unſer Strom 
— noch ganz der alte. Iſt es lange her? Etwa 
zwei Jahre, noch weniger. An demſelben Ufer ... 
und zu derſelben ... Ah! Waſſia? Iſt es Dir 
unangenehm? Verzeih, aber ich kann nicht. Mein 
Herz hüpft mir ſo freudig. Gerade, als ob das nur 
ein Traum war, ein bunter, ſchwerer — Du weißt, 
wie Alpdrücken — und jetzt bin ich erwacht ... in 
einem Zaubergarten. Und Du bit da, mir zur 
Seite. Herr Gott!“ 

Die Bewegung hemmte ihre Rede. Sie wandte 
den Kopf und bededte das Geficht mit den Hänben. 
Tjorkin ſaß etwas höher als fie, mit dem Rüden an 
eine junge Eiche gelehnt. Auch er dachte — wider 
Willen — an die Vergangenheit. Seine Kniee 
zitterten wie damals, als er fie beim Denkmal im 
Gärten von mweitem fommen jah. Er prüfte fich, 
faft beforgt, ob ſich das Anzeichen erwachender Leiden= 
ſchaft einftelen möchte. Und e3 jtellte ji ein. Diefem 
herrlichen und üppigen Weibe mußte er mehr Tiefe 


indem fie 


ih beute ihn 
. von Leiden⸗ 


P. Boborylin — Waſſili Tjorlin 


der Empfindung und Ehrbarkeit zugeftehen, als fih 
ſelbſt. Weiſe war es nicht, daß fie feinem Andenten 
diefe Treue bewahrte, während fie bereit3 anderen 
Männern den Kopf verdrehte. Wer hatte ihn je jo 
geliebt? 

Seine Nugen hefteten fih — verftohlen — auf 
ihr Profil, ihre Büfte, die Linien de Hauptes. Ja, 
fie gli einer Kofotte; aber in diefem Augenblid 
wurde fie von Sehnſucht nah Verjühnung, Liebe, 
Abbüßung jeder Schuld durchbebt. 

Eichen und Traubenkirſchen Ipendeten ihren Wohl— 
geruch; in der Nähe girrten Turteltauben, Gänie 
blümchen äugelten aus den Gräjern. 

Zjorfins Herz wurde weicher. Er wollte des 
Böfen nicht gedenfen. Doc konnte und durfte er 
nicht Tügen, heucheln oder das Aergernis geben, glei 


zu jagen: „Du bift zu Kreuze gekrochen . . . ſchön, 
nun verzeihe ih Dir!“ 
Unverjeheng ftreifte er ihren Arm. Serafima 


fuhr bei diejer Berührung zuſammen. 

„Ich babe nichts gegen Dich,” fagte er, ohne den 
Blid auf fie zu richten, und die Worte wollten nicht 
über feine Lippen. „Mein Herz ift ausgebrannt. 
Es mag wohl fein, daß ich Dich zuerft hätte um 
Berzeihung bitten müſſen. Das fage ich wie ein 
Bruder zu feiner Schwefter.” 

„Wofür?“ unterbrach ihn Serafima faft beſtürzt. 

„Daß ih Dich zur Sünde verleitet habe. Ta: 
hat niemand fonft gethan.“ 

„Nun, fo etwas! Seit wann befleißigft Du Ti 
ſolcher ya Waſſili? Das fieht Dir nidt 
ähnlih. Oder . 

Gie wollte — 
verwandelt?“ 

„Bon Scheinheiligkeit iſt feine Rede. Ich ge 
brauche das Wort ‚Sünde‘ ausdrüdiih. Ich ftrebte 
nah Deinem Beſitz, obwohl ich Dich dad Weib eines 
andern wußte, ohne an den andern auch nur zu 
denfen. Und das war gemein ... das übrige weißt 
Du. Auch vor Dir bin ih ſchuldig. Ih — kein 
anderer — habe Dich zur That beitimmt und Dein 
ganzes Weſen umgewandelt.“ 

Diefe Eröffnung ergoß ſich aus einer verborgenen 
alte feines Gewillens und erleichterte ihn ungemein. 

„sh bin Fein Phariſäer, Sima. Ich erfläre 
mid) ſchuldig und bereit, Dich auf jede mögliche Weile 
vor tieferem Sinken zu bewahren. Ich babe Di 
bäßlich aufgenommen; halb war ich erjchredt, halb 
erzürnt. Doch das ift jet ganz vorüber. Unſere 
Rechnung ift fomit vollkommen ausgeglichen, hörft 
Du, volllommen.“ 

„Vollkommen?“ jtammelte fie und näherte ihm 
ihr zudendes Antlik. 

„Vollkommen!“ 


„Oder hat Dich Kaljeria ſo 


(Fortſehzung folgt.) 





Teß. 


Von 


Thomas Hardy. 


(Fortſetzung.) 


Teß öffnete die Thür ſo leiſe als möglich, um 
niemand zu ſtören; das untere Zimmer war leer, 
aber die Nachbarin, welche bei Frau Durbeyfield 
wachte, zeigte ſich an der Spitze der Treppe und 
flüſterte, daß die Kranke ſich nicht gebeſſert habe, 
obgleich ſie augenblicklich ſchlafe. Teß machte ſich 
ſelbſt ein Frühſtück und inſtallirte ſich als Pflegerin 
im Zimmer ihrer Mutter. 

AS fie die Kinder am Morgen ſah, hatten fie 
alle ein merkwürdig verlängertes Ausſehen; obgleich 
Teß nur etwas mehr als ein Jahr abweſend geweſen 
war, jo waren fie dennoch erjtaunlich viel größer 
geworden; die Notwendigkeit, Herz und Seele auf 
ihre Bedürfniffe zu richten, zog fie von ihren eigenen 
Sorgen ab. 

Das Mebelbefinden ihres Vater8 war noch immer 
von der gleichen, unbeftimmten Art, und wie ge= 
wöhnlih jaß er in feinem Stuhl. Uber den Tag 
nad) ihrer Ankunft war er ungewöhnlich heiter. Er 
hatte einen vernünftigen Lebensplan gefaßt, und als 
Teß ihn fragte, worin er beftände, antwortete er: 

„Ich beabjichtige, an alle alten Altertumdnarren 
in biejem Teil von England ein Rundjchreiben zu 
richten und fie zu bitten, einen Fonda zu fammeln, um 
mid zu unterhalten; ich bin ficher, fie werden e3 für 
eine romantifche, fünftlihe und ganz befondere Sache 
halten, die8 zu unternehmen. Sie geben Haufen 
bon Geld aus, um alte Ruinen zu erhalten, Knochen 
auszugraben oder Aehnliches zu Schaffen; Tebende 
Ueberbleibjel werden doch nod) intereffanter für fie 
ein — fie müffen mi) nur erft kennen. Ich möchte, 
daß jemand Herumginge und ihnen jagte, mas 
unter ihnen lebt, ohne daß fie davon miljen. Wenn 
Pfarrer Tringham, der mich entdedt hat, noch lebte, 
er würde es ficher thun.” 

Teß verfchob ed, ihre Meinung über Dies große 
Projekt Taut werden zu laſſen, bis fie ihre Kraft an 


naheliegenden dringenden Sachen, die durch ihre 
Geldfendungen wenig gebefjert ſchienen, erprobt hätte. 
Als das Notwendigfte im Haufe geordnet war, wandte 
fie ihre Aufmerkſamkeit den Dingen außerhalb zu. 
Es war Zeit, zu pflanzen und zu ſäen; viele Gärten 
und Loſe der Dorfbewohner waren bereit3 bejtellt, 
der Garten und das Los der Durbeyfield3 aber lagen 
noch völlig brach. Zu ihrem Verdruß entdedte Teß, 
daß dies daher fam, weil man die Pflanzkartoffeln 
gegeilen hatte — der letzte thörichte Streich der Un⸗ 
befonnenen. Zunächft that fie jelbft, was in ihrer 
Kraft ftand; nad) wenigen Tagen war ihr Vater 
indes wohl genug, um fich infolge ihrer Vorftellungen 
de3 Garteng anzunehmen, während fie ſelbſt das 
Aderftüc bearbeitete, da3 man auf einem etliche 
hundert Ellen vom Dorfe entfernten Yelde ge- 
pachtet hatte. 

Nach ihrer Haft in dem Sranfenzimmer, wo fie 
jeßt bei der Beſſerung ihrer Mutter nicht mehr 
nötig war, unterzog fie fich gern diefer Mühe. Starke 
Bewegung leitete ihre Gedanfen ab. Das Nderland 
befand ſich in einer hochgelegenen, trodenen, offenen 
Umzäunung unter vierzig bis fünfzig ähnlichen 
Stüden, auf welchen e8 am gefchäftigiten herging, 
wenn die Mietarbeit de8 Tages bereit3 vorbei war. 
Das Graben begann gewöhnlich um ſechs Uhr und 
erftredte fich biß in die Dämmerung oder in den 
Mondſchein hinein. Grade jeht ließ man Haufen 
von dürrem Unkraut und Rankenwerk im Feuer auf: 
gehen, da das trodene Wetter diefe ausgedörrt hatte 
und den Verbrennungsprozeß begünftigte. 

Eines ſchönen Tages arbeiteten Teß und Liza-Lu 
hier mit ihren Nachbarn, bis die lebten Strahlen der 
Sonne flach auf die weißen Pfoſten ſchien, welche 
die Lofe teilten. Sobald die Dämmerung dem 
Sonnenuntergange folgte, begann da3 Flackern der 
Duede und der Kohlftrünfe luſtig die Stüde zu 


660 


erleuchten, während die Umgebung bei dem dichten 
Zualm je nad der Richtung des Windes bald heil 
aufleuchtete, bald verſchwwand. Menn ein Teuer | 
friiche Nahrung erhielt, jo wurden die Bänke von 
Rauch, dicht an der Erde dahinziehend, durch einen 
düftern Glanz erleudhtet und ſchieden die Arbeitenden 
völlig von einander; jo erklärte fich die Bedeutung 
jene Ausdruds: „Säule von Nebel“, die bei Tage 
einer Mauer und bei Nadıt einer Lichtwolfe glich. 

Als die Dunkelheit zunahm, fehrten einige der 
Männer und Frauen heim; die meiften blieben indes 
zurüd, um ihre Pflanzarbeit zu vollenden — unter 
diejen Teß, obgleich fie ihre Schweſter hatte gehen 
lafien. Es war eine der vom Teuer bejchienenen 
Stüde, das fie mit ihrer Gabel bearbeitete, deren 
bligende Zinfen in Heinen Schlägen gegen die Steine 
und trodenen Schollen Fangen. Zuweilen wurde fie 


durch den Rauch völlig eingehüllt; dann wieder ftand : 


fie völlig frei, 
de3 brennenden Haufens. Sie war für die Nacht 
etwas jonderbar gefleidet und gewährte einen auf— 
fallenden Anblid, denn ihr Anzug beitand aus einem 
Rod, der durch häufiges Waſchen gebleiht war, und 
aus einer kurzen ſchwarzen Jade, fo daß ſie gleich- 
zeitig den Eindrud eines Hochzeits- und eines 
Beerdigungdgaftes machte. Die weiter entfernten 
rauen trugen weiße Schürzen, da3 einzige, was 
man außer ihren bleihen Gefichtern im Dunfel unters 
Icheiden konnte, im alle fie nicht hie und da durch 
einen Strahl heller beleuchtet wurden. 

Weſtlich erhoben fih die drahtförmigen Zweige 
der nadten Dornenhede, welche die Grenze des Feldes 
bildete, gegen das blaſſe Farbenſpiel des dunklen 
Himmel. Drüber hing Jupiter glei einer voll 
erblühten Jonquille — jo hell, daß er fait Schatten 
warf. Einige namenloje Sterne erfchienen hie und 
da. In einiger Entfernung beilte ein Hund, und | 
Räder rafjelten dann und warn die frodene Straße 
entlang. 

Noch klangen die Zinken unausgejeßt gegen Die 
Schollen und Steine, denn e8 war noch früh; und, 
obgleich die Luft friich und ſcharf wehte, jo merkte 
man doh etwas vom Frühling in ihr, da3 Die 
Arbeitenden aufmunterte. rt und Stunde, das 
Praſſeln de3 euer, der phantaftiiche Zauber von 
Licht und Schatten machten anderen jowohl wie Teß 
den Aufenthalt angenehm. Das Hereinbrechen der 
Naht, das im Froft des Winters ala etwas Feind— 
liches und in der Wärme des Sommers als etwas 
Freundliche? daherkommt, ſchien an diefem Märztage 
Ruhe und Frieden zu bringen. 

Niemand jah auf feine Gefährten. Die Augen 
aller waren auf den Boden gerichtet, fo daß die 
Gefichter der Arbeitenden durch die euer hell bes 
Ihienen wurden. Während Teß, leicht vornübergeneigt, 


beichienen von dem fupferigen Glanz | 








| gefinnt war, 


— — — —— — — — — — — — — 


Thomas Hardy. 


ihre närriſchen Heinen Lieder vor ſich hin ſang, jetzt 
ſchon faft ohne Hoffnung, daß Clare fie jemals hören 
werde, fchenkte fie der Perjon, die ihr am nächſten 
arbeitete, lange Zeit feine Aufmerfjamfeit — einem 
Manne in einem langen, groben Rod, der, wie fie 
bald entdedte, mit ihr auf demfelben Loſe beichäftigt 
war und von dem fie annahm, daß ihr Vater ihn 
ihr zu Hilfe gefendet habe, damit fie rajcher fertig 
werde. Als die Richtung der Srabarbeit ihn näher 
an fie heranbrachte, konnte fie ihn genauer ſehen. 
Zumeilen trennte der Raud fie, dann wieder, wenn 
er eine andere Richtung nahm, waren fie beide 
einander fichtbar, aber von allen übrigen gejchieden. 

Teß ſprach nicht mit ihrem Mebenarbeiter, und er 
ſprach nicht mit ihr. Teß erinnerte fi, daB er bei 
vollem Tageslicht noch nicht dageweſen fei, und er: 
fannte in ihm feinen der Arbeiter aus Marlott — 
was indes nicht? jagen wollte, da fie während der 
legten Jahre jo lange und häufig abmwejend geweſen 
war. Nach und nad) fam er indes jo nahe an fie 
heran, daß die Strahlen des Feuers von den Etahl« 
zinken feiner Gabel ebenjo deutlich zurüdgemorfen 
wurden als von denen der ihren. ALS fie auf das 
Feuer zuging, um eine dürre Ranke hineinzuwerfen, 
bemerkte fie, daß er von der andern Seite ebenfalle 
fich näherte. Das euer fladerte auf und fie er 
fannte Alex D'Urberville. 

Das Unerwartete feiner Gegenwart, das Groteßfe 
feiner Erſcheinung in dem faltigen Rod, der nur noch 
von den altmodiſchen unter den Arbeitern getragen 
wurde, hatten etwas unheimlich Komiſches, Das fe 
bis auf das Mark durchſchauerte. D’Urberville brad 
in ein leiſes, lang anhaltende Lachen aus. 

„Wenn ich aufgelegt wäre, zu jcherzen, jo würde 
ih jagen: ‚Wie jehr gleicht die8 dem Paradies!“ 
bemerfte er mit einem gewiſſen Galgenhumor, indem 
er fie mit vorgeneigtem Haupt betrachtete. 

„Bas jagen Sie?" fragte fie ſchüchtern. 

„Ein Narr könnte behaupten, e8 ginge bier wie 
im PBaradiefe zu. Sie wären Eva und ich wäre der 
Böſe, der in Geftalt eine niedern Tieres ge 
fommen, Sie zu verfuden. Als ich noch theologiſch 
ging ih ganz auf in jener Scene 
Miltond. So etwa heißt fie: ‚O Königin, bereitet 
ift der Weg und gar nicht weit, dort unter jenen 
Myrtenbäumen führt er Hin... Wenn du er 
laubft, daß ich dich Führe, ich bring’ dich bald and 
Biel". Nun, gut denn‘, ſagte Eva, ‚führe 
mich" Und fo weiter. Meine füße, geliebte Teß, 
Io ungefähr werden Sie — indes mit Unrecht — 
etwa gedacht Haben, und nur als Ihre Voraus— 
ſetzung citire ich dieje Stelle.” 

„Id habe niemals gelagt, daß Sie Satan wären, 
oder e& auch nur gedacht. Ich denfe überhaupt nicht 
in diefer Weile an Sie. Ich gedenke Ihrer nur mit 


——— — — — — 


Te. 


Kälte, ausgenommen, wenn Sie mich beleidigen. Sie 
ind aljo nur meinetwegen hierher gelommen und 
graben nur meinetiwegen hier?“ 

„Nur Ihretwegen, ganz allein Ihretwegen! Der 
alte Rod bier, den ich zum Verkauf aushängen fah, 
ala ih hierher fam, diente mir nur als Verkleidung, 
damit ih nicht erfannt werde. Ich komme, um 
Protelt dagegen zu erheben, daß Sie eine Arbeit 
wie dieje verrichten.” 

„Sch verrichte fie gerne — jie ift für meinen Vater.“ 

„Ihr Engagement an jenem Plate ift zu Ende?“ 

„a.“ 

„Wohin werden Sie denn jebt zunädjt gehen? 
Wollen Sie fih mit Ihrem geliebten Gatten ver- 
einigen ?* 

Der demütigende Mahner wurde ihr fait un« 
erträglih ... 

„D, das weiß ich noch nicht,“ erwiderte fie bitter. 
„Ih habe keinen Gatten.” 

„Das iſt völlig wahr — in dein Sinne, den Sie 
meinen. Aber Sie haben einen Freund, und id) 
habe beſchloſſen, daß Sie es gut haben jollen troß 
Ihrer jelbjt. Wenn Sie nah Haufe fommen, werden 
Sie jehen, was ich für Sie dorthin gejendet habe.” 

„O Uler, ih habe nur den einen Wunſch, 
dag Sie mir überhaupt nichts fchenfen. Ich kann 
niht3 von Ihnen annehmen. Ich mag es nicht — 
es iſt nicht recht.“ 

„Es iſt recht!” erwiderte er feit. „Ich Halte es 
nit au, eine Frau, die ich fo zärtlich) liebe wie 
Sie, in Not zu jehen, ohne den Verſuch zu machen, 
ihr zu helfen.“ 

„Aber e8 geht mir ja ganz gut! Ich bin nur 
in Not über — über — nicht über das Leben im 
allgemeinen.“ 

Sie wendete ſich ab und nahm verzweifelt ihre 
Grabarbeit wieder auf, während Thränen auf ihren 
Sabeljtiel und auf die Erdſchollen Hinabjfielen. 

„Aber wegen der Kinder — wegen Ihrer Brüder 
ud Schweſtern!“ jchloß er. „Ich habe an jie 
gedacht.“ 

Teß zitterte das Herz. — D'Urberville hatte es 
in der That an ſeiner empfindlichſten Stelle berührt. 
Ihre größte Sorge galt allerdings den Kindern. Seit 
ſie nach Hauſe zurückgekehrt war, war ihre Seele 
mit einer Zuneigung auf dieſe Kinder gerichtet, die 
an Leidenſchaft grenzte. 

„Wenn Ihre Mutter nicht wieder hergeſtellt wird, 
muß jemand etwas für ſie thun, da Ihr Vater, 
wie ich vorausſetze, nicht im ſtande ſein wird, viel 
Hilfe zu leiſten.“ 

„Er kann es, wenn ich ihn unterſtütze. Er 
muß es!“ 

„Und wenn ich ihm beiſpringe.“ 

„Nein, Herr!“ 


Aus fremden Zungen. 1895. II. 14. 


661 


„Wie elend dumm!” brach D'Urberville aus. „Er 
denkt doch, daß wir von derſelben Familie ſind, und 
wird ganz zufrieden ſein.“ 

„Nein. Ich habe ihn umgeſtimmt.“ 

„Um ſo närriſcher ſind Sie!“ 

Voll Aerger verließ D'Urberville ſie und ging 
zur Hecke, wo er den Faltenrock, der ihn unkenntlich 
gemacht hatte, auszog, ihn zuſammenrollte und in 
das Feuer warf; dann ging er. 

Nach dieſem Zwiſchenfall hatte Teß nicht mehr 
den Mut, ihre Arbeit fortzuſetzen. Sie war voll 
Unruhe, ob Alex zu ihres Vaters Hauſe zurückgekehrt 
ſei; ſie nahm deshalb ihre Gabel und zog heimwärts. 

Ungefähr zwanzig Schritte vom Hauſe entfernt 
traf fie auf eine ihrer Schweitern. 

„D Teſſy — was glaubft Du wohl! Liza⸗-Lu 
weint und ein Haufen Volks ift im Haufe, Mutter 
ijt viel beiler, vom Vater aber glaubt man, daß er 
tot iſt.“ 

Das Kind hatte eine Ahnung von der Widhtig- 
feit ihrer Neuigkeiten, aber noch nicht von ihrer 
Ichlimmen Bedeutung; e& blieb ftehen und jah mit 
runden, fragenden Augen auf Teß, biß e3, den Ein- 
drud gewahrend, den ihre Worte auf Teß machten, 
fortfuhr: 

„a3, Teß, werden wir niemals mit Vater mehr 
Iprechen können?” 

„Aber Vater war ja nur jehr wenig frank!” rief 
Teß verwirrt. 

Liza-Lu fanı herbei. 

„Er ijt gerade hingefallen, und der Doktor, 
welher der Mutter wegen bier war, fagte, daß 
e3 feine Hoffnung für ihn gebe, weil jein Herz ge: 
brochen ſei.“ 

Ja, das Durbeyfieldſche Paar hatte die Plätze 
gewechſelt; der ſterbende Teil war außer Geſahr, 
und derjenige, der kaum krank geweſen, tot. Das 
bedeutete aber mehr, als der Wortlaut ſagte. Das 
Leben des Vaters beſaß einen Wert, der mit ſeinen 
perſönlichen Eigenſchaften nichts zu thun Hatte oder 
vielleicht nicht viel zu thun gehabt haben würde. 
Es war das letzte der drei, während deren Dauer 
das Haus und die Grundſtücke unter Pacht gehalten 
wurden; und jchon Jeit langer Zeit waren fie von 
dem Farmer für jeine regulären Arbeiter, die id) 
mit einem Hütten-Quartier hatten behelfen müſſen, 
begehrt worden. Zudem wurden dieſe Pächter auf 
Lebenszeit wegen ihrer Unabhängigfeit in den Dörfern 
faft eben jo jcheel angejehen wie die Freiſaſſen, und 
wenn eine Pacht zu Ende ging, wurde fie niemals 
erneuert. 

So jahen jebt die Durbeyfielda, die ehemaligen 
D'Urbervilles, ein Geſchick auf ihre Häupter ſich 
herabſenken, das ſie ſelbſt, als ſie noch unter den 
Olympiern der Graſſchaft waren, ohne Zweifel häufig 

54 


662 


graufam genug denen bereitet hatten, die, wie fie 
jebt, fein Land bejaßen. So löfen fi Strömung 
und Gegenftrömung — der Rhythmus des Wechſels — 
in allen Dingen diejer Welt ruhelos ab. 


VII. 


Ecdjlieglicd) war der Abend von Mariä Himmel— 
fahrt herangelommen und die landwirtichaftliche Welt 
war in einem Fieber der Aufregung, wie es nur an 
jenem einzigen Tag des Jahres ſich zu ereignen pflegt. 
Es ijt ein Tag der Erfüllung; Verträge auf Außen: 
arbeit für da8 folgende Jahr, die um Lichtmeß ab» 
geichloffen worden find, treten jett in Kraft. Die 
Arbeiter, die auf ihren alten Pläßen nicht länger 
bleiben wollen, begeben fid) zu ihren neuen Herren. 

Diefe jährliche Wanderung von Yarm zu Yarın 
war hier im Zunehmen. Zur Zeit, ald Teß' Mutter 
ein Kind gewejen, war die Mehrzahl des Feldvolks 
ihr Leben lang auf einer Farm geblieben, die ſchon 
ihren Vätern und Großvätern eine Heimat gewährt 
hatte; ſpäter aber war der Wunſch, ſich jährlich zu 
verändern, ftet3 allgemeiner geworden. Den jüngeren 
Familien bereitete der Wechlel eine angenehme Auf— 
regung und hatte vielleicht Vorteile zur Folge. Das 
Aegypten der einen Familie war das Land der Ver— 
heißung für die andere, weldhe e& nicht näher kannte, 
bi3 es bei längerem Aufenthalt auch für dieſe wiederum 
zu cinem Land der Plage wurde; und jo wechſelte 
man fort und fort. 

Alle diefe Veränderungen, die im Dorfleben in 
wachſendem Make ſichtbar wurden, hatten indes nicht 
allein ihren Urjprung in der Iandwirtichaftlichen Un— 
raſt; eine Abnahme der Bevölkerung ging mit ihr 
Hand in Hand. Das Dorf hatte früher neben den 
landwirtichaftlichen Arbeitern eine wichtige und befjer 
unterrichtete Klaſſe enthalten, die jenen übergeordnet 
war — jene Klaſſe, zu welcher Teß' Eltern gehört 
hatten und die den Schreiner, den Schmied, den 
Schuſter, den Höfer und alle Arbeiter außer den 
Taglöhnern umfaßte, eine Volksſchicht, der eine ge= 
wiſſe Stetigfeit der Richtung und der Lebensweiſe 
inne wohnte, da fie entweder Pächter auf Lebenszeit, 
wie Teß' Vater, Zinspächter oder gelegentlich aud) 
Sreilaffen waren. Wenn aber die Padhthäufer auf 
lange Zeit eingingen, wurden fie ſelten denjelben 
Pächtern wieder überlafjen, jondern meiſtens nieder- 
geriſſen, im Falle fie nicht von dem armer für den 
eigenen Gebraud) eingezogen wurden. Häusler, die 
nicht direft auf dem Acker arbeiteten, wurden mit 
Mißgunſt angejehen und die Nustreibung einiger 
ſchädigte das Gejchäft anderer, die auf diefe Weiſe 
gezwungen wurden, zu folgen. Dieje Yamilien, 
die das Hüdgrat des Dorflebens in der Ver— 
gangenheit gebildet hatten, welche die Sadwalter 


Thoma Hardy. 


der Dorjtradition waren, mußten eine Zuflucht in 
den großen Städten ſuchen. Diefer Prozeß, der 
von Statiftifern humoriſtiſch als „die Tendenz der 
ländlichen Bevölkerung den großen Städten zu“ be- 
zeichnet wird, gleicht in Wirklichfeit der Tendenz des 
Waſſers, welches durch Maſchinen gezwungen wird, 
thalauf zu fließen. 

Die Wohnungägelegenheit in Hütten war auf 
diefe Weile auch in Marlott dur Zerftörung jehr 
eingeihränft worden; und jedes Haus, das ftehen 
geblieben war, wurde durch den Landwirt für feine 
Arbeiter in Anſpruch genommen. Seit dem Ereignis, 
welches einen fo tiefen Schatten über Teß' Leben ge 
breitet hatte, war die Familie Durbeyfield ftets 
al3 eine derjenigen angeſehen worden, die zu gehen 
haben werde, wenn ihr Pacht zu Ende fei, wenn aud) 
nur im SIntereffe der Moralität. Es war in der 
That durdaus wahr, daß der Haushalt niemals 
glänzende Beilpiele weder der Mäßigfeit, noch der 
Ordnung und Steujchheit gegeben hatte. Der Vater 
und felbjt die Mutter hatten zeitweilig dem Xrunfe 
ji ergeben, die jüngeren Kinder häufig die Kirche 
gef hwanzt und die ältefte Tochter in jonderbare 
Verbindungen ſich eingelajien. Auf irgend eine 
Meile mußte das Dorf von ihnen befreit werden. 
Infolge dejjen wurde an diejem erjten Mariä Himmel« 
fahrtätag, an welchem die Durbeyfield3 vertrieben 
werden Ffonnten, das geräumige Haus für einen 
Kärrner mit großer Familie in Anſpruch genommen; 
und Witwe Joan, ihre Töchter Teß und Liza=Lu, 
der Knabe Abraham und die jüngeren Sinder mußten 
wandern. 

An dem Abend, der ihrem Auszuge vorherging, 
wurde e3 frühzeitig dunfel, weil ein riefelnder Regen 
den Himmel verhing. Da e8 der lebte Abend war, 
den fie im Dorfe, ihrem Geburtsplatz und ihrer viel« 
jährigen Heimat verbrachten, jo waren Frau Durbey- 
field, Lizas?u und Abrahanı fortgegangen, um einigen 
Freunden Lebewohl zu jagen, und Teß bewachte bie 
zu ihrer Rüdfehr das Haus. 

Sie fniete auf der Fenſterbank und hielt ihr Ge— 
iht nahe an die Scheiben gedrüdt, an denen das 
Regenwaſſer hinabriefelte. Ihre Augen hafteten auf 
dem Neb einer wahrſcheinlich längſt verftorbenen 
Spinne, welches aus Verſehen in einer Ede aus: 
gelpannt worden war, wohin niemals eine liege kam, 
und das in dem leichten Zuge, der durch die jchlecht 
Ihließenden Tylügel ind Zimmer drang, zitternd ſich 
hin und her bewegte. Teß dachte nach über die Fuge 
ihrer Familie, an der fie jelbft nicht ohne Schuld 
war. Wäre fie nicht heimgefommen, jo hätte man 
ihrer Mutter und den Kindern wahrjcheinlich erlaubt, 
als wöchentliche Mieter zu bleiben. Aber unmittel» 
bar nad) ihrer Rückkehr war fie von einigen Leuten 
HMeinlihen Gharafter8 und von großem Einfluß 


Teß. 


beobachtet worden; ſie hatten ſie auf dem Kirchhof 
ſich aufhalten und mit einer Gartenkelle die verfallene 
Grabſtätte eines kleinen Kindes wieder herrichten 
ſehen. Infolge deſſen hatte man entdeckt, daß ſie 
wieder hier lebe; ihre Mutter war dafür geſcholten 
worden, daß fie ſie beherberge; Joan hatte es an 
Iharfen Ermwiderungen nicht fehlen laſſen und fich 
mutig bereit erklärt, zu gehen; fie war beim Wort 
genommen worden und die Folgen blieben nicht aus. 

„Ich hätte niemal3 heimkommen jollen,“ fagte 
Teß voll Bitterkeit zu ſich ſelbſt. 

Diefe Gedanken nahmen fie jo in Anjpruch, dag 
fie anfang3 von einem Dlanne, der in einem weißen 
Madintojh die Straße herabritt, faum Notiz nahm. 
Möglicherweife war ihr eigenes Geficht, das fo dicht 
an der Scheibe ſich befand, die Urjadye, daß er fie 
jo ſchnell ſah und fo nahe an die Hausfront heran- 
ritt, daß die Hufe feines Pferdes faſt auf den Pflanzen- 
jaum traten, der an der Mauer fid) entlang zog. 
Cie achtete nicht eher auf ihn, als bis er mit dem 
Knopf ſeiner Neitpeitfhe an das Fenſter klopfte. 
Der Regen hatte beinahe aufgehört; fie öffnete daber, 
jeiner Gejte gehorchend, den Feniterflügel. 

„Sahen Sie mid nicht?” fragte D’Urberville. 

„Ich mar unaufmerkſam,“ erwiderte fie. „Ich 
hörte Sie, glaube ich, aber ich bildete mir ein, Pferde 
und Wagen kämen daher. Ih war in einer Art 
Traum.“ 

„Sie haben vielleicht die D'Urbervillekutſche ge— 
hört. Sie werden doch die Legende kennen?“ 

„Nein — nein — irgend jemand wollte fie mir 
einmal erzählen, ijt aber nicht dazu gekommen.“ 

„Wenn Sie wirklid von den D’Urbervilles ab» 
jtammen, jo jollte ih Ihnen nicht? jagen. Was 
mid anbelangt, fo bin ich ein faljher D’Urberviffe, 
und deshalb iſt die Geſchichte für mich ohne Bedeutung. 
Sie ift graufig genug. Das Geräujd einer Geiſter— 
tutihe joll nämlidh nur von jemand aus dem Blut 
der T’Urbervilles gehört werden fünnen, und für 
denjenigen, der es hört, gilt e& als ein böjeg Omen. 
Es handelt ſich um eine Mordihat, die jemand aus 
der Familie vor Jahrhunderten begangen haben joll.“ 

„Nun Sie angefangen haben, erzählen Sie aud) 
nur bis zu Ende.“ 

„DMeinetwegen. Es wird gejagt, einer aus der 
Familie habe ein ſchönes Weib entführt, das aus 
der Kutſche, in moeldher er fie fortbrachte, zu ent= 
fommen ſuchte; in dem Kampfe, der fich entipann, 
tötete er fie oder fie ihn — ich weiß es jelbft nicht 
mehr. So lautet die Erzählung... Ich fehe, daß 
Ihre Bütten und Eimer zufammengepadt find — 
gehen Sie fort?“ 

„sa, morgen — an Mariä Himmelfahrt.” 

„Ich hörte e8, Tonnte e3 aber faum glauben; «8 
ſcheint zu plöblich; wie fommt das ?” 


663 


„Vater war der letzte Mieter auf Lebenzzeit im 
Hauje; und als er ftarb, hatten wir fein Recht mehr, 
zu bleiben. Wir hätten vielleicht als MWocenpächter 
bleiben fünnen — wenn ich nicht geweſen wäre.“ 

„a3 hat denn das mit Ihnen zu thun?“ 

„Ich bin Fein Weib — ohne Mafel.” 

D’Ürbervilles Geſicht überzog fich mit einer jähen 
Röte. 

„Was für ein verfluchter Unſinn! Dieſe arm— 
ſeligen Lumpen! Ihre ſchmutzigen Seelen mögen zu 
Aſche verbrennen!“ rief er in Tönen hochmütigen 
Zornes. „Deshalb müſſen Sie gehen, werden Sie 
hinausgetrieben?“ 

„Nicht hinausgetrieben — dem Wortlaut nach. 
Aber da man ſagte, wir müßten bald gehen, war es 
am beſten jetzt zu gehen, wenn jedermann geht, weil 
es am leichteſten Gelegenheit gibt, wieder unterzu— 
kommen.“ 

„Wohin gehen Sie?“ 

„Nach Kingsbere. Wir haben dort Zimmer ge— 
mietet. Mutter ijt jo närriſch in Betreff der Ver- 
wandten Vaters, daß fie durchaus dorthin will.” 

„Aber die Yamilie Ihrer Mutter ijt für Nacht 
quartiere und für ein Feine Loch wie jenes wenig 
geeignet. Und warum wollen Sie nit in mein 
Gartenhaus in Trantridge ziehen? Seit dem Tode 
meiner Mutter ift nur noch wenig Geflügel da, und 
das Haus, das Sie kennen, mit den Garten wartet 
auf Verwendung. Es fann in einem Tage gepußt 
werden und Ihre Mutter kann ganz angenehm dort 
leben; die Kinder will id) in eine gute Schule ſchicken. 
Ich muß wirklich etwas für Sie thun.“ 

„Aber wir haben die Zimmer in Slingäbere 
ihon gemietet!” erflärte fie „Dort können wir 
warten —” 

„Warten — auf wa3? Auf den netten Che» 
mann, ohne Zweifel! Jetzt hören Sie ’mal, Te, 
id) weiß, wie die Männer find, und kann die Gründe 
Ihrer Trennung leicht erraten; ich bin feſt überzeugt, 
er wird fich niemal® mehr um Sie fümmern. Ob- 
gleich ich Ihr Feind geweſen, bin ich doc) jetzt Ihr 
Freund, Jelbft wenn Sie es nicht glauben wollen. 
Kommen Sie mit auf mein Landhaus! Wir wollen 
eine reguläre Kolonie von Geflügel aufziehen, Ihre 
Mutter kann fie ausgezeichnet pflegen und die Kinder 
werden etwas Ordentliches lernen.“ 

Teß atmete Schneller und fchneller und ſchließlich 
lagte Sie: 

„Wie kann ich willen, ob Sie dies alles aud) 
thun werden? Ihre Anſchauungen können fich ändern 
— und dann — werden wir — wird meine Mutter 
— abermals heimatlos fein.“ 

„O nein, nein. Ich will es Ihnen, wenn es 
nötig iſt, ſchriftlich geben. Ueberlegen Sie es ſich!“ 

Teß ſchüttelte ihren Kopf. Aber D’Urberville 


664 


Thomas Hardy. 


blieb ſtandhaft; fie Hatte ihn felten jo entihloffen | ihm den Vorwurf nicht erfparen. Niemals in ihrem 


geſehen; eine Ablehnung nahm er nicht an. 

„Bitte, ſprechen Sie jofort mit Ihrer Mutter !* 
fagte er emphatiih. „Es ift ihre Sache, zu ent= 
jheiden, nicht die Ihre. ch werde dag Haus bis 
morgen früh ausfehren, weißen und heizen laſſen; 
bis Abend ift es troden, jo daß Sie fofort einziehen 
fönnen.” 

Teß ſchüttelte abermals den Kopf — die Bruſt 
von widerſtreitenden Empfindungen geſchwellt. 
wagte den Blick nicht zu erheben. 

„Ich bin der Vergangenheit wegen in Ihrer 
Schuld, Sie wiſſen es wohl,“ fuhr er fort, „und 
Sie haben mich zudem von jenem Wahnſinn kurirt; 
ich bin deshalb froh —“ 

„Es wäre beſſer, Sie hätten jenen Wahnſinn 
behalten und mit ihm den Wandel, der damit ver— 
bunden iſt.“ 

„Ich freue mich dieſer Gelegenheit, Ihnen etwas 
wieder heimzahlen zu können; morgen werde ich 
darauf warten, die Sachen Ihrer Mutter ausladen 
zu ſehen. Geben Sie mir Ihre Hand darauf — 
liebe, reizende Teß!“ 

Bei den lebten Worten hatte er ſeine Stimme 
bi3 zum Murmeln gedämpft und ftredte feine Hand 
in da3 halboffene Fenſter. Mit aufgeregten Augen 
verließ fie Schnell die Fenſterbank und quetjichte in 
ihrer Eile feinen Arm zwiſchen dem Fenſterflügel 
und dem Fenſterkreuz. 

„Berflucht — Sie find aber graufam!“ fagte er, 
jeinen Arm zurüdziehend, „Nein, nein! Ich weiß, 
Sie thaten es nicht mit Abſicht. Nun gut — id 
werde Sie, Ihre Mutter und die Kinder alle er» 
warten.” 

„Ich werde nicht fommen — ich habe Geld 
genug!“ rief fie. 

„Wo?“ 

„Bei meinem Schwiegervater, wenn ich darum 
bitte!“ 

„Wenn Sie darum bitten! Aber das merden 
Sie nicht, Teß; ich kenne Cie — Sie werden eher 
iterben, ehe Sie darum bitten.” 

Mit diefen Worten ritt er davon. Gerade an 
der Wendung der Straße traf er auf den Mann 
mit dem Yarbentopf, der ihn fragte, ob er die Brüder 
verlaſſen habe. 

„Sehen Sie zum Teufel!” erwiderte D’Ürberville. 

Teß blieb bewegungslos an derjelben Stelle, wo 
fie Schon jo lange vermeilt Hatte, biß eine plößlic) 
bervorbreihende Empörung gegen das Unredt, das 
jte zu erleiden hatte, ihr die Thränen in die Augen 
trieb. Ihr Gatte, Angel Glare, hatte wie die anderen 
zu harten Mafregeln gegen fie gegriffen — gewiß 
hatte er das! Bisher hatte fie einen jolchen Gedanken 
niemals in ſich auffommen laſſen — aber fie fonnte 


Sie j 


Leben — fie war von Herzen bereit, es zu befchwören 
— hatte Jie beabjichtigt, Unrecht zu thun, und dennod 
hatte jie dieje harten Urteile erdulden müfjen. Was 
fie auch gefündigt hatte, fie hatte gegen ihren Millen, 
aus Sorglojigfeit gejündigt; warum mar fie ohne 
Ende und Wende gejtraft worden? 

Aufgeregt ergriff fie das erfte Stüd Papier, das 
in ihre Hand fam, und bejchrieb es mit folgenden 
Zeilen: 

„D Angel, warum behandelft Du mich jo ſchred⸗ 
lich? Ich verdiene e& nicht. Ich habe alles forg- 
ſam überdadt und fann Dir niemal® — niemals 
vergeben. Du weißt, daß ich nimmer beabjichtigt 
babe, Dir Unrecht zu thun — warım bift Du fo 
ungereht gegen mih? Du bift graujfam, in der 
That graufam! Ich will verſuchen, Dich zu vergeiien. 


Ich Habe nicht? als Unrecht aus Deiner Hand em: 


pfangen. T.“ 

Sie wartete, bis der Poſtbote vorbeikam, lief 
hinaus zu ihm mit ihrer Epiftel und nahm ihren 
einjamen Plaß innerhalb der Fenſterſcheiben wieder ein. 

Es wurde dunkler; nur der Widerjihein des 
Feuers erhellte da8 Zimmer. Die beiden größten 
der jüngeren Kinder tvaren mit der Mutter gegangen; 
die vier Fleinjten im Alter von drei bis elf Jahren, 
ſämtlich in ſchwarzen Kleidern, hatten ſich um den 
Herd verfammelt und jchwaßten mit einander. 
Schließlich geſellte ſich Teß zu ihnen, ohne ein Licht 
anzuzünden. 

„Dies iſt die letzte Nacht, die wir hier in dem 
Hauſe, in welchem wir geboren ſind, ſchlafen werden, 
Kinder!“ ſagte ſie. „Das dürfen wir nicht vergeſſen, 
nicht wahr?“ 

Sie alle verfielen in Schweigen; mit der Ein— 
drucksfähigkeit ihres Alters, waren fie bei dem Ge⸗ 
mälde des Scheidens, das Teß heraufbeſchworen 
hatte, ſofort bereit, in Thränen auszubrechen, obgleich 
fie bisher Tag für Tag bei dem Gedanken an ihren 
neuen Aufenthalt in ein Jubelgefchrei ausgebrochen 
waren. 

„Singt nur Kinder!” ſagte Teß. 

„Was follen wir fingen?“ 

„Was ihr kennt, es ift einerlei!“ 

Eine augenblidfide Pauſe trat ein, die zueril 
durd) eine Feine Probenote unterbrochen wurde; eine 
zweite Stimme fiel ein, eine dritte und vierte ber» 
ftärften fie und uniſono erjchallten die Worte, melde 
fie in der Sonntagsjchule gelernt hatten: 

„Hier ift nimmer Fried’ und Ruh‘, 
Leid und Wandern immerzu, 
Raft allein im Himmel.“ 

Die vier fangen weiter mit der phlegmatijgen 
Gleichgiltigkeit von Leuten, welche die Frage lüngit 
vorher entſchieden haben und die, weil fein Irrtum 








Te. 


möglich ijt, auch nicht die Notwendigkeit empfinden, 
weiter Darüber nachzudenken. Ihre Züge verrieten 
die Anftrengung, mit der fie die Melodie heraus- 
braten, während ihre Augen ſtarr auf den Mittel- 
punft des fladernden Feuers gerichtet waren; Die 
Stimmen der jüngeren Fangen regello3 in die Bauen 
hinein, welche die älteren machten. | 

Teß wendete ſich von ihnen ab und ging wieder 
an das enter. Ueberall war es völlig dunkel, 
dennoch drüdte fie ihr Geficht gegen die Scheibe, ala 
0b fie hinausſähe — in Wirklichkeit aber, um ihre 
Ihränen zu verbergen. Wenn ſie nur hätte glauben 
fünnen, was die Kinder fangen, wie zuverfichtlich 
würde fie jie der Vorjehung und ihrem zufünftigen 
Königreich überlaffen haben; aber da ihr der Glaube 
fehlte, hatte fie die Pflicht, etwas für fie zu thun, 
ihre Vorjehung zu fein, denn für Teß wie für viele 
andere lag eine furchtbare Satire in den Verſen des 
Dichters: 

„Nicht in der Nadtheit unferes Körpers, 

In Ruhmeswolken eingehüllt — jo fommen wir!“ 

Für fie und ihresgleichen war die Geburt ſelbſt 
ein Gotteurteil von einem perjönlich erniedrigenden 
Zwange, deijen Wilfür niht3 in dem ARefultat zu 
rechtfertigen ſchien und die im beiten Fall nur be= 
Ihönigt werden konnte. 

In dem Schatten der naſſen Straße unterjchied 
fie in furzem ihre Mutter mit Liza-Lu und Abraham. 
Frau Durbeyfields Holzihuhe Eapperten der Thüre 
zu und Teß öffnete. 

„Ih ſehe die Hufipuren eines Pferdes draußen 
vor dem Fenſter,“ jugte Joan. „Hat jemand vor= 
geipruchen 7” 

„Nein,“ antwortete Te. 

Die Kinder am feuer ſchauten ernft zu ihr hin- 
über und eins murmelte: 

„Do, Teß, der Herr zu Pferde!“ 

„Er ſprach nicht vor,” erwiderte Teß. 
mir nur im VBorbeigehen einige Worte zu.“ 

„Wer war der Herr?” fragte die Mutter weiter. 
„War es Dein Mann?“ 

„Nein. Der wird wohl nimmer — nimmer 
kommen,“ antwortete Teß mit jtarrer Hoffnungs- 
loſigkeit. 

„Wer war es denn?“ 

„O, Du brauchſt nicht zu fragen. Du haſt ihn 
ebenſo gut geſehen wie ich.“ 

„Ah ſo! Und was hat er geſagt?“ fragte Joan 
neugierig. 

„Ich werde es Dir morgen ſagen, wenn wir um— 
gezogen find — in Kingsbere — Wort für Wort!” 


„Er rief 


VIII. 


Während der wenigen Stunden des nächſten 
Morgens, in welchen es noch dunkel war, wurden 


665 


die Anwohner der Landſtraßen in ihrer Nachtruhe 
durch ein Geräuſch geftört, da8 mit Unterbredhungen 
bi3 Tagesanbruch immer ſich wiederholte — ein 
Geräuſch, das in diefer befondern erſten Woche des 
Monat jo gewiß ſich hören ließ, wie der Kudud in 
der vierten. Es war der Vorbote des allgemeinen 
Umzuges — die Fahrt der leeren Wagen und Ge= 
Ipanne, welche die Habe der umziehenden Yamilien 
fortführen follten, denn ſtets wurde der gemietete 
Mann durch das Gefährt des Farmers, der jeine 
Dienfte in Anſpruch nahm, feinem Beitimmungsort 
zugeführt. Die Abficht, diefe Aufgabe in einen Tag 
zu vollenden, erflärte das Geräuſch, das ſchon früh 
nad Mitternacht begann, da die Yuhrleute um ſechs 
Uhr, wenn das Verladen der Mobilien anfing, bereits 
an der Thür der verziehenden Yamilien jein mußten. 

Vor die Wohnung von Teß und ihrer Mutter 
ſandte indes fein ſorgſamer Farmer fein Geſpann. 
Sie waren nichts ald Frauen, feine regelrechten 
Arbeiter; fie wurden nirgends bejonder8 verlangt. 
Deshalb Hatten fie einen Wagen auf ihre eigenen Koſten 
mieten müſſen und erhielten nicht3 umſonſt gejendet. 

Es war für Teß, als fie an jenem Morgen aus 
dem Fenſter fah, ein Troft, zu entdeden, daß es 
troß de& windigen und trüben Wetter nicht regnete 
und der Wagen fich rechtzeitig eingefunden hatte. 
Ein najfer Mariä Himmelfahrtitag war ein Gejpenit, 
das eine verziehende Yamilie niemals mehr vergaß ; 
feuchte Diöbel, feuchte Betten und feuchte Kleider be= 
gleiteten e3 und ein Heer von Krankheiten ließ es 
zurüd. 

Teß' Mutter, Liza⸗Lu und Abraham waren 
ebenfall3 erwacht, die jüngeren jchliefen aber. Die 
Melteren frühftücdten bei einem dünnen Talglicht, 
dann wurde die Räumung de3 Haufes in Angriff 
genommen. 

Da ein paar befreundete Nachbarn halfen, fo 
machte ſich bald eine gewilje fröhliche Stimmung 
bemerkbar. Als die großen Möpbelftüde untergebracht 
waren, machte man aus den Betten und dem Bett: 
zeug ein freisförmiges Neft, in welchem Joan Durbey- 
field und die jüngeren Kinder während der Fahrt 
ſitzen ſollten. Nach dem Aufladen verging eine lange 
Zeit, bis die Pferde gebracht wurden, da fie ab— 
gejchirrt worden waren; gegen zwei Uhr aber war 
alles endlich zur Abfahrt bereit; der Kochtopf ſchwang 
an der Achſe unter dem Wagen hin und her, Yrau 
Durbeyfield und ihre Familie jagen hoch oben, jene 
mit der Hausuhr in ihrem Schoß, damit dem Wert 
fein Unheil widerfahre. Teß und das nächſtälteſte 
Mädchen hatten ich entichloffen, nebenher zu gehen, 
bis man da3 Dorf hinter ich habe. 

Da man am Morgen und am vorhergehenden 
Abend bei einigen wenigen Nachbarn Beſuch gemacht 
hatte, jo famen einige, um jie abfahren zu jehen und 


666 


ihnen gute Wünſche für die Zukunft mit auf den 
Weg zu geben, obgleich fie tief im Herzen faum er- 
warteten, daß es einer folhen Yamilie gut gehen 
fünne, harmlos, wie die Durbeyfield3 gegen alle 
waren, ausgenommen gegen fich ſelbſt. Die Karawane 
legte fich in Bewegung und begann bald zu einem 
höher liegenden Terrain emporzufteigen; mit dem 
MWechjel der Erhebung und des Bodens wurde aud) 
der Wind härter und rauber. 

Da der Tag der jechäte April war, jo begegneten 
die Durbeyfields vielen Wägen mit Familien auf der 
Höhe ihrer Ladung. Einige derjelben waren fehr 
lebendig, andere ſchweigſam, andere hielten vor den 
Zhüren der Schenken an der Straße; in entſprechen— 
der Zeit kehrte auch die Durbeyfieldfche Menagerie 
ein, um die Pferde zu füttern und den Reijenden 
eine Heine Erfriſchung zu gönnen. 

In der Zwiſchenzeit fiel Teß' Auge auf einen 
blauen Dreipintenfrug, der zu der Frauenabteilung 
eine Haushaltes auf der Höhe einer Ladung des 
öftern auf und ab ftieg. Sie verfolgte ſchließlich die 
Reife des Kruges aufwärts und bemerkte, daß fie in 
Händen endigten, die ihr wohl befannt waren. 

Sie trat näher an den Wagen heran und rief: 
„Marian und Izz!“ Denn dieje, welche die Familie, 
bei welcher jie bisher gewohnt hatten, auf ihrem Um— 
zuge begleiteten, waren ed. „Wollt ihr euch aud) 
verändern, wie fajt jedermann heute?“ 

So war e& in der That. Das Leben zu Flint 
comb⸗Aſh war ihnen zu rauh gewejen; fie waren faft 
ohne Ankündigung davongegangen und überließen es 
Groby, jie zur Rechenſchaft zu ziehen, wenn er Luft 
dazu hatte. Sie nannten Te ihr Ziel und Teß 
ihnen das ihre. . 

Marian beugte ſich über die Ladung herab und 
dämpfte ihre Stimme. 

„Halt Du erfahren, daß der Herr, der Dich ver- 
folgt — Du wirft erraten, wen ih meine — in 
Ylintcomb nah Dir fragte, als Du fortgegangen 
warst? Wir haben ihm indes nicht verraten, wo Du 
warft, da wir ja wohl wußten, daß Du ihn nit 
jehen willſt.“ 

„Uber ich Jah ihn!” flüfterte Teß. „Er entdedte 
mich.” 

„Und weiß er, wohin Du gehſt?“ 

„Ich glaube wohl.“ 

„Iſt Dein Mann zurüd?“ 

„Nein.” 

Sie jagte ihren Bekannten Lebewohl — denn die 
Fuhrleute waren inzwiihen aus der Schenke zurüd- 
gekehrt — und die beiden Magen jegten ihre Neije in 
entgegengejeßter Nichtung fort. Das Behifel, auf 
welchem Marian, Izz und die Familie ihres Wirtes 
jagen, war glänzend geftrihen und mit drei fräftigen 
Mferden beipannt, die blikenden Schmud an ihren 


Thomas Hardy. 


Geſchirren trugen ; der Wagen dagegen, welchem Frau 
Durbeyfield und ihre Familie ſich anvertraut hatten, 
war ein krachendes und knirſchendes Bauwerk, das 
faum das Gewicht der auf ihm ruhenden Laſt tragen 
fonnte, und wurde nur durch zwei Pferde fortbemegt. 
Der Kontraft bezeichnete den Armen jcharf den Unter: 
Idied, von einem reichen Farmer geholt zu werden 
oder auf eigene Koften an einen Ort fich begeben 
zu müſſen, wo fein MietSherr mit einem Willlommen 
auf fie wartete. 

Die Entfernung war groß — zu groß für eine 
Tagereife — und nur mit der äußerften Kraftan— 
ftrengung erreichten die Pferde das Ziel. Obgleich 
der Aufbruch jo früh erfolgt war, jo erreichte mun 
dennoch erſt am fpäten Nachmittage den Abhang 
einer Höhe, die einen Teil des Greenhill genannten 
Hochlandes bildet. Während die Pferde verjchnauften, 
Ihaute Teß fih um. Unterhalb de3 Hügels, gerate 
vorau3 lag der hulbtote Marktfleden, der Endpuntt 
ihrer PBilgerihaft, Kingsbere, die Ruheſtätte jener 
Vorfahren, von denen ihr Vater bis zum Ueberdruß 
gefungen und geſprochen hatte: Kingsbere, der Ct 
aller Orte der Welt, die Heimat der D’Urberville, 
in welcher ſie volle fünfhundert Jahre refidirt hatten. 

Fin Mann näherte ſich ihnen von der Vorſtadt 
ber und bejchleunigte feine Schritte, ſobald er die Art 
der Wagenladung erfannt hatte. 

„Sie find die Frau, die man Frau Durbenfield 
nennt, rechne ich!" fagte er zu Teß' Mutter, die ab: 
geftiegen war, um den Anlommenden auf der Straß: 
zu erwarten. 

Sie nidte mit dem Kopfe und ſetzte hinzu: 

„Obgleich Witwe des verftorbenen Sir John 
D’Urberpille, eined armen Edelmannes, wenn id) 
meine Nechte verteidigte — die zurüdfehrt zur To: 
mäne jeiner Vorfahren.” 

„Wirflih? — Nun, ich weiß nichts davon; aber 
wenn Sie Yrau Durbeyfield find, jo bin ich her: 
geihicdt, um Ihnen zu jagen, daß die Zimmer, die 
Sie haben wollten, vermietet find. Wir mußten 
nicht, daß Sie kommen würden, bis wir Diejen 
Morgen Ihren Brief erhielten — als e8 zu jpät war. 
Aber Sie werden hier leiht anderäwo ein Unter 
fommen finden.” 

Der Mann hatte Teß' Geſicht beobachtet, das bei 
feiner Nachricht ajchfahl geworden war. Ihre Mutter 
ſah hoffnungslos vor ſich hin und ſagte bitter: „Was 
folfen wir jebt thun, Teß? Das ift der ‚Willfonm‘ 
im Lande Deiner Ahnen! Indes — verjudden wir 
es weiter!“ 

Sie begaben ſich in die Stadt und während Te 
bei dem Wagen blieb, um die finder zu beaufſich⸗ 
tigen, hielten ihre Mutter und Liza⸗Lu Umfrage. 
Als Ivan in fpäterer Stunde zu dem Wagen zurüd-» 
fchrte und berichtete, daß ale Mühe vergeben: 


Teß. 


geweſen, ſagte der Fuhrmann, daß die Sachen ab— 
geladen werden müßten, da die Pferde halbtot ſeien 
und er wenigſtens einen Teil des Heimweges noch 
am Abend zurückzulegen habe. 

„Nun gut, laden Sie hier ab!“ ſagte Joan 
ſorglos. „Ich werde ſchon irgendwo ein Unter⸗ 
kommen finden.“ 

Der Wagen hatte unter der Kirchhofsmauer Halt 
gemacht, an einem Platze, der vor neugierigen Augen 
geſchützt war; bereitwillig holte der Fuhrmann den 
armſeligen Haufen von Haushaltungsgegenſtänden 
herunter. Als er fertig war, zahlte Joan ihm aus, 
indem ſie ſich faſt bis auf den letzten Schilling ent— 
blößte, und er fuhr davon, froh, mit einer ſolchen 
Familie nicht3 weiter zu thun zu haben. Es war 
eine trodene Nacht und er nahm an, daß ihnen Fein 
Ungemach zuftoßen merde. 

Berzweifelt betrachtete Teß die Möbelpyramibde. 
Das kalte Eonnenlicht des Frühlingsabends jchielte 
boähaft auf die Töpfe und Kefjel, auf die Bündel 
trodener Kräuter, die im Winde zitterten, auf die 
Meffinggriffe des Anrichtetiiches, auf die Wiege aus 
Weiden, in welcher fie alle geichaufelt worden waren, 
und auf den wohl gebohnten Uhrkaſten; alles atmete 
den vorwurjavollen Glanz häuslicher Gegenstände, 
die nicht gewohnt find, dem Wechſel einer Ausſtellung 
ohne Dad und Fach ausgeſetzt zu werden. Rund 
umher befanden ſich entwaldete Hügel und Schluchten 
— jebt in Heine Gehege aufgeteilt — und die grünen 
Örundmauern, die anzeigten, wo ehemals das Schloß 
der D’ÜUrbervilles geitanden hatte, auch ein bor= 
Ipringender Ausläufer von Egdon Heath hatte einft 
zu der Beſitzung gehört. Ganz in der Nähe fchaute 
unerſchüttert das Schiff der Kirche, das man einft 
das D’Ürbervillefchiff genannt hatte, in die Welt 
hinaus, 

„Sit nicht euer Yamiliengewölbe euer Freigut ?“ 
jagte die Mutter, als fie von einer Rekognoszirung 
durd Kirche und Kirchhof zurückkehrte. „Natürlich 
it e8 das; und dort wollen wir fampiren, Mädchen, 
bis die Stadt eurer Ahnen und ein Dad) gewährt. 
Teß, Liga und Abraham, Helft mir! Wir wollen für 
die Pinder ein Nejt machen und dann mollen wir 
uns noch einmal umjehen.” 

Teß legte ſchweigend Hand an und in einer 
Viertelftunde war die alte vierpfoftige Bettftelle aus 
dem Haufen von Sachen entfernt und unter der 
ſüdlichen Kirchenmauer aufgejchlagen , in der Nähe 
jenes Gebäubeteiles, der ala das D’Urbervillefchiff 
befannt ift und neben dem die großen Gemölbe 
liegen. Oberhalb des Betthimmels befand ſich ein 
ſchön verziertes Fenſter mit vielen Scheiben aus dem 
fünfzehnten Jahrhundert ; es wurde das D'Urberville— 
jenfter genannt; und in feinem oberen Zeil fonnte 
man heraldiſche Embleme unterfcheiden, die denen 


— — 


667 


auf dem alten Siegel und dem Löffel der Durbey— 
fields glichen. 

Joan zog die Vorhänge um das Bett wie ein 
Zelt zuſammen und legte die kleineren Kinder hinein. 
„Wenn es zum ſchlimmſten kommt, ſo können wir 
für eine Nacht wohl alle darin ſchlafen,“ ſagte ſie. 
„Aber wir wollen uns nicht aufhalten und zugleich 
etwas zum Eſſen für die Lieben einkaufen. O Teß, 
was nützt Dein Spiel, Herren zu heiraten, wenn es 
uns einer Lage wie dieſer überläßt!“ 

Begleitet von Tiza=-Lu und dem Knaben, begann 
fie die Heine Gafje, welche die Kirche von dem Städt- 
hen trennte, abermals hinaufzufteigen. Sobald fie 
in die Straße gelangt waren, beinerften fie einen 
Dann zu Pferde, der auf und ab fpähte. „Ah, da 
ind Sie ja — ih habe nad Ihnen ausgeſchaut!“ 
lagte er, auf fie zureitend. „Das iſt in der That 
eine Yamilienverfammlung an dieſem Bijtorijchen 
Orte.” 

Der Reiter war Alex D’Urberville. 

„Wo it Teß?“ fragte er. 

Perfönlih hatte Joan feine Neigung für Alex. 
Sie deutete daher nur kurz die Richtung nad) der 
Kirhe an und ging weiter, nahdem D’Ürberville 
gejagt hatte, er werde fie wiederjehen, im alle fie 
Süd auf ihrer Suche nad einem Unterlommen 
hätte, von der er joeben gehört habe. Als die drei 
fort waren, ritt D’Urberville einer Schenke zu und 
fam nad) furzer Zeit zu Fuß wieder heraus. 

Inzwiſchen war Teß mit den Kindern im Innern 
der Beitjtatt zurücdgeblieben und hatte eine Weile mit 
ihnen fich unterhalten, bis fie fah, daß fie für den 
Augenblid nicht3 mehr thun fünne, um es ihnen be= 
haglich zu machen, und auf den Kirchhof hinausging, 
der jebt bereit3 anfing, durd die Schatten der Däm- 
merung ſich zu verjchleiern. Die Thür der Kirche 
war unverſchloſſen und zum erjtenmal in ihrem Leben 
betrat fie ſie jebt. 

Innerhalb de3 Fenſters, unter welchem die Bett- 
ftelle ftand, befanden ſich die Gräber der Familie, die 
mit ihren Daten über mehrere Jahrhunderte fi) aus— 
dehnten. Sie waren mit Baldadhinen bededt, von 
Altären bejchattet oder auch einfach; die Bildhauer- 
arbeit an ihnen war zerbrochen und abgeidhliffen, das 
Metall von feinen Muttern abgedreht; die Niet- 
höhlungen glichen Marderlöchern in einem Sandhügel. 
Bon allen Mahnungen, die ihr jemals zu Gemüte 
geführt hatten, daß ihr Gejchlecht ſozial au&gelöfcht 
lei, war feine jo eindringlid) gewejen, wie diefe Ver— 
wüftung. 

Sie trat näher an einen ſchwarzen Stein heran, 
auf dem folgende Inſchriſt eingegraben war: 
„Ostium sepulchri antiquae familiae D’Urberville.“ 

Teß las da3 Kirchenlatein nicht wie ein Kardinal, 
aber Jie erfannte, daß dies der Eingang zu ihrer 


668 


Tamiliengruft war und daß die großen Nitter, von 
welchen ihr Vater im Raujche gefungen, in ihr die 
legte Rubeftätte gefunden hatten. 

Nachdenklich wendete fie fih zum Gehen und ging 
an einen Altargrab, dem älteften von allen, auf 
welchem eine liegende Geftalt auägeftredt lag, nabe 
vorbei. In der Dümmerung hatte fie es vorber 
nicht beachtet und würde es auch jebt kaum beachtet 
haben, wenn e3 ihr nicht fonderbar genug vorgefommen 
wäre, daß die Figur fih bemege. Sobald fie nahe 
genug herangetreten war, entdedte fie indes jofort, 
daß fie e8 mit einer lebenden Perfon zu thun hatte; 
und der Schred, daß fie nicht allein gemefen Sei, war 
\o heftig, daß fie völlig übermannt murde und faft 
ohnmächtig niederfanf, indes nicht ohne vorher Aler 
D’UÜrberpille erfannt zu haben. 

Er fprang von der Steinplatte herab und eilte 
ihr zu Hilfe. 

„I ſah Sie eintreten,” fagte er lächelnd, „und 
fletierte dort hinauf, um Ihre Meditationen nicht zu 
unterbrechen. Iſt e8 nicht eine Yamilienverfammlung 
mit diefen alten Burſchen unter ung? Hören Sie 
mal!” 

Er ſtampfte mit dem Abſatz heftig auf den Boden; 
ein hohles Echo antwortete von unten. 

„Das wird fie ein bischen in Aufregung bringen, 
dafür ftehe ih!” fuhr er fort. „Und Sie glaubten 
wirflih, dab ich nichts fei, als ein Steinbild einer 
derjelben! Aber Teinesivegg — die alte Ordnung 
wechlelt: Der Kleine Finger des falihen D’Urberville 
kann mehr für Sie thun ala die ganze Dynajtie der 
wahren dort unten... Seht befehlen Sie über mid). 
Was joll ih thun?“ 

„Gehen Sie fort!” murmelte fie. 

„sa,“ antwortete er janft, „ih will nach Ihrer 
Mutter jehen.” Im Borbeigehen flüfterte er indes: 
„Merken Sie fi aber die: Seien Sie von nun au 
höflich gegen mich!“ 

Als er fort war, beugte fie jich zu dem Eingang 
in die Gewölbe hinab und fagte: 

„Warum bin ich an der unrechten Seite dieſes 
Thores?“ ... 

Inzwiſchen hatten Marian und Izz Huett ihre 
Reife in der Nichtung auf ihr Kanaan — das 





oo. QX 
XOM 


Thomas Hardy. — Teß. 


Aegypten einiger anderen Familien, die erſt dieſen 
Morgen gegangen waren — fortgeſetzt. Die Mädchen 
dachten indes nicht lange daran, wohin ſie gingen. 
Sie ſprachen von Angel Clare und Teß und Teß' 
beharrlidem Liebhaber, deſſen Verbindung mit ihrer 
früheren Geſchichte fie zum Teil gehört, zum Zal 
erraten hutten. 

„Daß er fie einmal gewonnen hat,” bemerkte 
Marian, „verjchuldet allein den ganzen Streit. €: 
wäre jammerfchade, wenn er fie wieder in jeine 
Gewalt bringen follte. Herr Clare fann niemals 
etwas für uns fein, Izz; weshalb follten wir ihn ihr 
mißgönnen und nicht verfuchen, dieſen Streit aus 
der Welt zu fchaffen? Wenn er nur wüßte, welchen 
Nöten fie ausgeſetzt ijt und was um fie her vorgeht, 
er würde fommen und nach dem Rechten ſehen.“ 

„Könnten wir es ihn nicht wiljen lafjen?“ 

Sie dachten während ihres ganzen Weges bie an 
ihr Ziel hierüber nach; aber die Unruhe, bis fie ſich 
in ihrer neuen Heimat wieder eingerichtet hatten, 
nahm ihre ganze Aufmerkfamtfeit in Anfprud. Einen 
Monat Später hörten fie von ber nahe bevorftehenden 
Rückkehr Angels, obgleich fie von Teß inzwiſchen 
nichts mehr erfahren Hatten. Daraufhin entkorkte 
Marian, aufs neue von ihrer Anhänglichkeit an ihn 
bewegt und edel gegen Teß gefinnt, ihr Pfennig 
tintenfläjchchen, das die Mädchen gemeinfam gefauft 
hatten, und beide zufammen verfaßten folgende Zeilen: 

„Seehrter Herr! Schauen Sie nad) Ihrer grau, 
wenn Sie fie jo ſehr lieben, als fie Sie liebt, denn 
fie wird heftig verfolgt von einem Feinde in Geilalt 
eines Freundes. Geehrter Herr, es iſt einer bei iht, 
der jo weit als möglich von ihr fern fein follte. Eine 
Frau jollte nicht über ihre Kräfte hinaus verjudt 
werden und ein fortgejeßter Tropfenfall höhlt einen 
Stein — ja, mehr — einen Diamanten. 

Zwei gute Freunde.“ 

Diefen Brief adreſſirten fie an Angel Clare und 
ihicten ihn an die Pfarre von Emminfter, den ein- 
zigen Ort, den jie im Zufammenhang mit ihm hatten 
erwähnen hören. Dann verfielen fie über ihren 
eigenen Edelmut in eine Art eraltirter Erregung, 
fangen hyfterifche Liederbruchjtüde, um dann zur Ab» 
wechslung kläglich zu weinen. (Fortfegung folgt. 








Tirard y Soult. 


Von 
KRebekka Harding Davis. 


Robert Knight, der in New-England geboren, er⸗ 
jogen und erwachſen war, genährt mit feinem Glauben 
und jeinen Zweifeln entwöhnt, ging vom Gym⸗ 
naſium direft nach Louifiana auf eine Plantage, und 
es fam jo, daß er ging: 

&r war Zipilingenieur. Unter den Plantagen 
bejikern bildete jich eine Gejellihaft, um die Diftrifte 
dom Golfe mit ihren Sümpfen troden zu legen, und 
dort große Reisplantagen anzulegen. James B. Eads, 
der Knight kannte, nannte ihnen feinen Namen als 
denjenigen eines jungen, viel verfprechenden Menſchen, 
der vollftändig im flande fei, das von ihnen ge= 
wünjchte einfache Werk auszuführen, und der wahr- 
Iheinlich mehr Eifer und Zeit an die Sache wenden 
würde als ein Mann, deſſen Ruf ſchon gefichert ſei. 

Nahdem Mr. Knight das Feld der Arbeit gründ« 
li unterfucht hatte, wurde er von dem Präfidenten 
der Geſellſchaft, Monfieur de Fourgan, eingeladen, ihn 
auf jeine Plantage Lit de Fleurs zu begleiten, wo er 
die Direltoren der Geſellſchaft treifen würde. 

„Es ift eine große und plößliche Veränderung,” 
\hrieb er feiner vertrauten Freundin, Miß Cramer. 
„Bon Bofton zu dem Lit de Fleurs, von der Concord» 
Ihule der Philoſophie zur Geſellſchaft von Erjffaven- 
befitern, von Emmerfon zu Gayarre. Ich erwartete 
— geiftig — den Atem zu verlieren. Ich erwartete 
in der Plantage große Fruchtbarkeit, Unordnung und 
Schmuk zu finden; die Männer ungebildete Feuer⸗ 
frefler; die Frauen Houris wie die, von denen unjere 
Väter in Tum Moore zu leſen pflegten; ftatt deſſen 
fand ich die Farm ungeheuer groß, es ift wahr, aber 
in Ordnung. Die Kornfeider find mit der genauen 
Nettigkeit eines holländiſchen Gartens bearbeitet. 
Die Zuderwerle werden durch gejchidte deutſche Ar— 
beiter bedient. Die Direktoren find ſcharfſinnig und 
iehr Mug. Madame de Yourgan ift eine dide, all» 
tägliche Fleine Frau. Da find andere Frauen — 
das Haus wimmelt von Gäften — aber feine Houri 
unter ihnen. Auf morgen. R. K.“ 

Das Ende war plötzlich, aber Knight hatte den 
Rand ſeines Blockpapiers erreicht. Er riß es ab, 
ſchob es in ein Geſchäftscouvert und gab es auf die 
Poſt. Er und Miß Cramer pflegten eine gewiſſe 
männliche Geringſchätzung kleinlicher Formen zu be— 

Aus fremden Zungen. 1895. IL 14. 


obadıten. Er jchrieb ihr auf der Rückſeite alter 
Couverts, einem Stüdchen Umfchlagpapier, was ihm 
gerade zuerjt in die Hand fam. Gie hatte das 
gerne! — Er war arm und fie war arm, und fie 
waren zwei gute Kameraden, die mit einander feine 
Umjtände machten; fie hatten ihre Freude daran, ihre 
Verachtung für elegante Spielereien irgend einer Art 
zu zeigen, in Kleidung, Literatur oder Religion. 

„Gebt mir das Ehrlihde — das Solide!” war 
Emma Cramers Wahlſpruch, und diejes Gefühl ſchien 
Knight Hoch und Schön. Emma felbft war eine Heine 
Perſon mit unbedeutender Naje, Haut, Haar und 
Augen von gelblicher Farbe. Eine gewiſſe Nettigfeit 
und Pilanterie der Kleidung hätte fie entſchieden hübſch 
ericheinen lajlen. Sie ging aber in einem engan« 
ichließenden grauen Kleide umher, ein ſchwarzſeidenes 
Tuch um den Hals geichlungen, das Haar nad) oben 
im Heiniten Knötchen zufammen genommen. 

Doch, kurz und einfach wie fie war, fo liebte fie 
doch den furzen Schluß dieſes Briefe nicht. 

Welcher Art waren jene Frauen, die feine Houris 
waren? Er hätte e8 willen fünnen, daß fie einige 
Neugierde empfinden würde. Hatten fie irgend eine 
geiftige Schulung ? Sie dachte fich, ſie Fönnten tanzen, 
fingen und ftiden glei) jenen armen Geſchöpfen in 
den Harems. 

Miß Eramer lebte auf einer Farm in der Nähe 
des Dorfes Throop in Maſſachuſetts. An jenem 
Abend, nachdem fie ihr Werk vollendet, nahm fie den 
Brief hinüber zu Mrs. Knight, um ihr denfelben 
borzulejen. In einem Briefe von Robert an fie 
waren feine Geheimnifje, die feine Mutter nicht hätte 
teilen fönnen. Sie waren alle zufammen intime 
Treunde, und Mrs. Knight war vielleicht von den 
dreien die Jüngfte und Unbeſonnenſte. Die Knights 
wußten, wie der Onfel des Mädchens fie über- 
anftrengte, denn Emma war eine Waiſe und von 
ihm abhängig. Sie kannten alle verjchiedenen Me— 
difamente, die fie für Verdauungzftörungen einnahm, 
und mußten genau, wie viel fie durch Schreiben von 
Bücherrezenfionen für ein Boftoner Blatt verdiente. 
Und Emma wieder wußte um jeden Dollar von 
Roberts jährlichen Ausgaben auf dem Gymnafium. 


| Sie hatten alle die furchtbare Sorge geteilt, daß fid) 


85 


670 


vielleicht feine Stellung für ihn finden wiirde, und 
ih zufammen an dem Anfang in Louiſiana erfreut. 

Mrs. Knight eilte ihr entgegen, jie zu begrüßen. 

„D, Du haft auch einen Brief? Hier ift meiner!“ 

Sie las den Brief mit dem nervöſen Niden und 
Lachen überfließender Tyreude, die Schmetterling3- 
ſchleife aus gelbem Bande auf ihrer Haube flatterte 
im Triumphe. Emma feßte fi auf die Stufen der 
Pforte — mit einem jeltfamen, erfältenden Gefühle, 
al8 wäre fie von diefem Erfolge ausgeſchloſſen. 

„Das Lit de Fleur? Welch ein merfwürdiger 
Name für eine Farm. Und wie jeltjam von diejem 
Monfieur de Fourgan, Robert zu bitten, in feinem 
Hauje zu wohnen! Glaubft Du, er wird ihn für 
die Koft zahlen laſſen?“ 

„Nein, ic glaube es nicht!“ 

„Run, Robert wird dabei nicht$ gewinnen. Er 
muß es irgendwie ausyleihen. Ich möchte nicht, 
daß er dem Manne gegenüber für den Aufenthalt 
verpflichtet wäre. Sch habe ihn gefchrieben, feinen 
Gehalt in die Sparlaffe von Throop zu legen, bis 
er es anzulegen wünſcht. Er wird fchöne Gelegen— 
heiten zum Anlegen haben, im Lande herumreifen — 
Oſten, Welten, Süden — überall. Das Haus voller 
Grauen. Ich hoffe, er wird ſich nicht zu jchnell ver— 
lieben! Robert muß jebt gut heiraten!” 

Miß Cramer fagte nichts. Die Sonne war 
untergegangen und eine falte Dämmerung breitete 
ſich über die felfige Ebene mit ihrem fpärlichen Gras— 
wuchs. Rechts war Mrs. Knights Fleden in Heine 
Beete mit Kartoffeln, Korn und Kohl geteilt. Als 
Emma3 Auge darauf ruhte, dachte fie daran, mie 
viele Jahre fie der Witwe geholfen hatte, jenes Feld 
zu baden und zu jäten, und wie ftolz fie auf jeden 
Schilling geweſen, den fie aus dem Garten gemadt. 
Tür Robert — alles für Nobert! 

Jetzt Iegte er feine Hand der Welt auf den Naden 
und bezwang fie! Norden und Welten und jener 
große tropifhe Süden mit feinen Blumen und Houris 
— alles jtand ihn offen. Sie jchaute auf den Kreis 
von unfrudhtbaren Feldern. Er war hinausgegangen 
— fie war eingejchlojfen. 

Mrs. Knight beobachtete fie mit ihren umher— 
irrenden grauen Augen. Sie fühlte ein gewiſſes 
Mitleid mit dem Mädchen. 

„Nimm eine Roſe, Emma,” fagte fie, eine 
pflüdend, die etwas wurmſtichig war. 

Enma dankte ihr, wünschte ihr ein „gute 
Nacht” und ging den dunfelnden Pfad hinunter, 
heimwärts. Sie jah auf die Roſe, lachte und warf 
iie fort. Welch eine Thörin fie war! Das Faktum, 
daß Nobert einen guten Gehalt Hatte, fonnte nicht in 
einem Tage die ganze Ordnung der Welt ändern. 
Ihre Kameradſchaft mit Knight, ihre Pläne, ihre 
Sympathie — dieſes war die Meltordnung — Die 
der armen Emma ewig und Jolide erjchien. 

„Ich bin feine Freundin,“ ſagte fie fich jebt. 
„Wenn er zwanzig Frauen hätte — feine von ihnen 
fönnte meinen Pla einnehmen.“ 

Nun hatte aber Knight in feinem Briefe gar nicht 


Rebekka Harding Davis. 


die Möglichkeit einer Verheiratung angedeutet. — 
Zwiſchen ihm und Emma war nie ein Wort oder 
ein Blid der Liebe geweſen; und doch ſah fie ihn 
jetzt ganz deutlich am Altar und neben ihm eine 
ſchwarzäugige Houri. 

Sie ging durd) den Küchenweg in das Farmhaus. 
Da ftand die kalte weiße Paftete bereit, um zum 
Frühſtück gefehnitten zu werden, und die zum Bügeln 
angejeuchtete Wäſche. Oben in ihrem eigenen öden 
Zimmer waren Papier und Tinte und zwei Bücher 
zum NRezenfiren — „Abftrafta der griechiſchen Philo- 
ſophie“ und „Die unterirdifche Trodenfegung“. Diele 
Rezenfionen waren einer von den Gegenjtänden, an 
denen jie verfucht hatte, ihm Intereſſe gewinnen zu 
lajfen. Ihn zu interejjiren! Griechifche Philoſophie! 
Trodenlegungen ! 

Sie warf die Bücher auf die Erde, und vor den 
Spiegel laufend, Töjte fie ihr Haar und fuhr mit 
ihren Fingern durch dasſelbe, riß das Tuch von ihrem 
Halſe, unterſuchte mit atemloſem Eifer ihre blaſſen 
Augen, die Haut voll Sommerſproſſen und die form 
loje Naſe; und ihr Geficht in den Händen verbergen), 
wandte fie jih ab — ind Dunlle. 


* 


Die Nachtluft, die in Throop ſo dünne und fühl 
war, wehte naß über Lit de Fleur und jchmer von 
den guten und ſchlechten Gerüchen, die den Sümpfen 
des Golfes entjtrömen. Madame de Fourgans Gäſte 
hatten da3 Abendeſſen beendet und ſaßen auf ber 
niedrigen Galerie, die um das Haus Tief, oder lagen 
müßig in den Hängematten unter den großen Mag— 
nolien auf dem freien Platze. Unter ihnen waren 
eine oder zwei Frauen von unzweifelhafter Schönheit; 
aber Nobert Knight intereffirte ji an jenen Abend 
nicht für das gute oder Schlechte Ausſehen irgend einer 
rau, weder in Throop noch in Louifiana. Er war 
durch einen neuen Gefährten amüfirt, der von einer 
benachbarten Plantage herüber geritten var, einem 
Monfieur Tirard. Knight hielt ihn zuerft für einen 
aufgeſchoſſenen Knaben; ihm näher tretend, bemerkte 
er aber graue Streifen in dem kurzgeſchorenen Haare 
und Barte. 

Tirard hatte nad) Mittag eine komiſche Geſchichte 
erzählt und gejpielt, und die älteren Männer hatten 
darüber wie über die Luftiprünge eines Affen ge 
lat. Während fie Karten ipielten, ſpielte er mit 
den Slindern Crodet. Für die Frauen mußte er 
Gänge madıen. 

„Sole, mein Fingerhut ift in der Bibliothek!“ 
— „Soje, fehen Sie do, wo die Märterin dad 
Baby hingebracht hat!“ 

Ein Stuhl war für die Tante von Monfieur de 
Fourgan herausgebracht worden, einer alten Dame mit 
Ichneeweißem Haar und zarten, ftolgen Zügen. oje 
flog, ihr einen Shaw! zu bringen, und widelte fie in 
denjelben ein. Sie Elopfte ihn auf feine fette Wange, 
und als er herumhüpfte, erzählte fie Knight, wie un 
ſchätzbar das „cher enfant“ wäre, 

„Er machte heute jene Creole-sauce. Wh, der 


Tirard y Soult. 671 


petit gourmand kennt viele Geheimnijje für Srebje 
und Suppen. Er fagte, die cheſs in Paris vertrauen 
fie ihm an, — aber es find feine eigenen, monsieur; 
fie jind in Joſes Heinem Gehirn geboren” — und fie 
Hopite ihre eigene Stirne. „Ah, hören Sie ihn jetzt! 
63 ift die Stimme eined Seraphs!“ 

Sie erhob ihre Hände, um im Himmel und auf 
Erden Schweigen zu gebieten, fich zurüdiehnend und 
die Augen jchließend, während der Heine Mann, zu 
den Füßen eines hübſchen Mädchens mit einer Gui— 
tarre fiend, fang. Selbſt Knights träge Nerven er⸗ 
sitterten. Er hatte nie eine Stimme wie dieje gehört. 
Sie bewegte fein Herz mit ihrem unendlichen Weh 
und Pathos. Sich feiner Bewegung ſchämend, wandte 
er fih ab, um fortzugehen, aber es herrſchte eine 
atemlofe Stile um ihm. Die Kreolen licben alle 
die Muſik und JYojes Stimme war in den Diftrikten 
des Golfes berühmt. Selbit die Negerinnenmwärte- 
rinnen ftanden und harrten mit offenem Munde. 

Der Gejang endete und Tirard ging ins Haus. 

„Seltjamer Kauz!“ jagte Monfieur de Fourgan. 
„Er wird vielleicht in Monaten nicht wieder Die 
Guitarre berühren.” 

„Er würde fingen, wenn id) es wünſchte,“ ſagte 
die alte Dame. „Er achtet das Alter.“ 

Monſieur de Faurgan, hinter ihr, zog die Augen» 
brauen in die Höhe. 

„306,“ ſagte er zu Knight, „ift ein guter Junge 
für die (grauen und Babies; aber er hat eine jeunesse 
orageuse‘ gehabt mit feinem eigenen Volk in St. 
Charles; e3 gibt feine ausfchweifenderen Strolche in 
New⸗Orleans!“ 

„Iſt er ein Plantagenbeſitzer?“ fragte der neu— 
gierige Neu-Engländer. 

Madame Delfair ſcharfe Ohren hörten die Trage. 

„Ah, der arme Junge! Er Hat fein Land, nicht 
einen Ader! Sein Vater war ein Spanier. Ruy 
Zirard, er heiratete Bonaventura Soult. Die Plans 
tagen der Soult und Tirard auf dem Bayou Sara 
waren ungeheuer. Joſeés Vater hatte feinen Teil. 
Aber Hungersnot — Karten — der Krieg — und alles 
it fort!“ Ihre Hände weit öffnend: „ALS Ihre 
Regierung den Frieden erflärte, ließ fie den armen 
oje — mit zwanzig Jahren — mit dem Einfommen 
eines Bettlers.” 

„Aber das war vor zwanzig Jahren,“ ſagte 
Knight. „Konnte er jein Vermögen nicht wieder er= 
ſetzen — durch feinen Beruf — durch Arbeit? Was 
thut er?” 


ſtauntes, beſtürztes Geficht von einem zum andern, 
„Ölaubt er, daß Doje arbeiten wird? Joſèe? — 
Mon Dieu!“ 

„Zirard,” ſagte Monfieur de Fourgan lachend, 
„it nicht gerade ein Geſchäftsmann, Mr. Knight. 
Er Hat unzählige Tyreunde und Verwandte. Wir alle 
Ind Better der Tirard3 und Soults. Er ijt überall 
willkommen.“ 

„O!“ ſagte Knight, mit bedeutungsvollem Ktopf- 
niden. Selbſt während ſeines kurzen Aufenthalts in 


dieſer Nachbarſchaft hatte er andere Männer als 
Joſé gefunden, die in nicht mehr wohlhabenden Ver⸗ 
hältnifjen, in abjolutem Nichtsthun lebten. Sie waren 
weder alt, noch frank, no unfähig. Zu arbeiten 
entiprad einfach nicht ihrer Yaune. Sie wurden 
unterftüßt und fo forgfältig behütet, als wären fie 
Stüde unſchätzbaren Porzellans. Es iſt ein jchlaffer, 
verſchwenderiſcher Zug des Lebens, ebenſo natürlich 
in Louiſiana, als er in Connecticut unmöglich iſt. 
Es reizte Knight und zog ihn doch an, wie alles Neue 
für einen jungen Mann. Er wandte ſich ab und 
ſchlenderte im Zwielicht auf und ab. Auf jenen reichen, 
fruchtbaren Prairien ohne Arbeit zu leben, nie an das 
„Morgen“ zu denken, zu geben ohne Grenzen, ſelbſt 
faulen Paraſiten — es lag etwas Königliches darin. 
Es berührte ſeine Phantaſie! denn man muß nicht 
vergeſſen, daß er zwanzig Jahre lang nur Throop und 
ſchwere Arbeit gekannt hatte. 

Die Luft war kühl geworden. Im Hauſe hatte 
M. Tirard auf dem Herde ein großes Feuer ale 
gefacht. Er Eniete, es mit dem Blafebalg anfachend, 
während ein junges Mädchen nachläjlig. gegen den 
Kaminſims lehnte, die Flammen beobachtete und ab 
und zu oje ein Zeichen gab, ein anderes Sceit 
Holz aufzuwerfen. Die unbedeutende Handlung er= 
ftaunte Knight merkwürdig. Wie fie das Holz ver: 
geudeten! 

Seine ganze Knabenzeit hindurch follte er jeden 
Span und jede Rute ſammeln. Wie oft hatte es ihn 
verlangt, ein großes, verſchwenderiſches Feuer zu 
machen, wie fie e3 jebt thaten. 

Die junge Danıe war eine Miß Venn, die gegen 
ihn Höjlich gewejen war. Es fiel ihm ein, daß fie 
die wahre Perjonififation des verſchwenderiſchen 
Lebens an diefem Orte fei. Er dachte weder jebt 
nod) jpäter darüber nad), ob fie ſchön fei oder nicht. 
Aber die weiche, loſe Menge rötlihen Haare, und 
die großen, ruhigen, blauen Augen müßten, dachte 
er, einer Yrau gehören, die eine freigebige Verſchwen— 
derin des Lebens jei. Vielleiht war Knight im 
Herzen ein Verſchwender. Jedenfalls fühlte er plöß- 
lich einen merkwürdigen Eifer, mit Miß Venn befier 
befannt zu werden. Am nächſten Morgen fuchte er 
fie unter den Gruppen unter den Magnolien auf. 
Es fonnte fein Zweifel darüber fein, daß fie dumm 
war. Sie hatte nicht als ihre Bibel und die Er- 
zählungen in den Zeitungen gelejen und hatte weder 
über da3 eine noch über das andere eine Meinung. 


Sie geftand aber die Unwiſſenheit, mit dem ruhigiten, 
„Was er tut? — thut?“ — ſie wandte ihr er⸗ 


unjduldigiten Lächeln daliegend. 

„Hamlet? O ja; ich las es, als e3 zuerft er- 
ſchien. Aber jene Dinge entfallen meinem Gedächt— 
nifje wie Waller dur ein Sieb.” 

Tür Robert, deſſen Verjtand Iange an Emmas 
ftacheligen Ideen fich gerieben, war diefe Einfältig- 
feit wie ein Daunenbett der Ruhe. Emma rang 
immerwährend mit allen Kräften ihres Verſtandes 
nad) Fortſchritt. 68 fiel Lucretia Venn nie ein, dar« 
über nachzudenfen, was fie morgen oder in Zukunft 
machen würde. In Throop war unter den Nachbarn. 


672 


auch viel hartes Vorurteil. 
Icharfe Herbigfeit de3 Mikes zu haben, Emmas Sar— 
kasmus war einjchneidend mie ein Riemen. Diele 
Leute aber waren freundlich geboren ; fie waren freunde 
\haftlih gegen alle Welt, während in Yucretia ein 
lanfter Ueberfluß der Natur war, der fie zum Zen⸗ 
trum all dieſes warmen, angenehmen Lebens machte. 
Die alten Leute nannten fie bei irgend einem fiebes- 
namen, die Hunde folgten ihr, die Kinder Hetterten 
in ihren Schoß. Knight fühlte ſich ihr gegenüber wie 
ein Reiſender, der lange auf einem öden, falten Moor 
umhergeirrt war und in ein durch euer erhelltes, 
gaftfreieg Zimmer tritt. 

Eines Nachmittags erhielt er die Karte von Mon—⸗ 


Klug zu fein, hieß eine 


t 


ſieur Zirard y Soult, der fam, ihm einen fürmlidhen 


Beſuch abzujtatten. Der Heine Ged war blendend — 
in weißem Leinen, auf der Bruft und an den Hand- 
gelenfen glänzten Diamantjolitaires. 

„Sie werden reiten ?“ ſagte er, als die Pferde vor- 
geführt wurden. „Lucretia, mein Kind, Du wirft 
reiten? Es droht zu regnen“ — an den Rand der 
Galerie hüpfend, „Du wirft Dich erkälten.“ 

„Es ift feine Wolfe am Himmel,“ jagte Monfieur 
de Fourgan. „Komm, Rucretia, fteige auf! oje 
glaubt Dich immer am Rande irgend eines Unglüds.* 

„&8 kommt ein Sturm,“ beharrte Tirard. „Du 
mußt einen ſchweren Anzug anlegen, ma petite.“ 

Miß Denn lachte, lief auf ihr Zimmer und 
wechjelte den Anzug. 

„Welhen Weg werden Sie reiten?” fragte Joje 
Tirard ängitlid). 

„Zu den Sümpfen.“ 

„Da iſt's jehr gefährlich, Donfieur. Da find 
Herden von wilden Vieh — und jchlüpferiger Boden“ 
— zornig die Galerie auf und nieder rennend. 
„Chut! Zirard wird felbjt gehen. IH will nicht 
des Kindes Leben in Gefahr ſehen — ich!” 

Knight war ürgerlid). 

„In welcher Beziehung flieht Monfieur Tirard 
zu Miß Venn?“ fragte er jeinen Wirt beijeite. „Er 
nimmt ihr gegenüber die Stontrolle eines Vaters in 
Anſpruch.“ 

„Er iſt ihr Vetter. Er pflegte das Kind auf den 
Knieen zu ſchaukeln und fühlt es nicht, daß ſie eine 
erwachſene Frau iſt. O ja, der arme kleine Burſche 
liebt ſie, als wäre ſie ſein eigenes Kind! 

„Als ihr Großvater, Louis Soult, vor zwei Jahren 
ſtarb, hinterließ er feinen ganzen Beſitz Lucretia, Zoje 
nicht einen Dollar. Es war unmenſchlich! Aber Joſéè 
war entzüdt. ‚Eine Frau muß Geld haben, oder 
e3 ift ihr falt in der Welt,“ fagte er. ‚Aber für 
geſchorene Lämmer gleih mir ijt jeder Wind ge— 
. mildert.‘“ 

Mr. Knight war während des erjten Teiles des 
Nittes nachdenklich. „Ich wußte nicht,“ ſagte er plöß- 
lich zum jungen Mc Cann von Saint-Louis, einem 
Fremden glei) ihm, „daß Miß Venn eine vermögende 
Dame iſt.“ 

„O ja, der Randeigentümer des Diftriftes und 
nebenbei zehntaujfend im Jahre rein.“ 


ne 


— — — — — — — — — — — —— —— — — — — 


lichkeit füllte ſein Herz. 


Rebekka Harding Davis. 


Zehntauſend im Jahre! Und Emma — ſich bis 
Mitternacht plagend, für zwei oder drei Dollars die 
Spalte! Arme Emma! Ein Strom ungewohnter Zärt⸗ 
Die einfache, treue Seele! 

Zehntaufend im Jahr! Knight hätte e8 als eine 
Demütigung gefühlt, daß diejes Geld feine Gefühle 
für das junge Mädchen, die es bejak, hätte ändern 
fönnen. Doc e8 änderte diejelben. Sie war nidt 
länger ein einfältiges, für feine Phantafie anziehendes 
Geihöpf. Sie war eine Macht; etwas, auf das 
man mit Reipeft jehen mußte, wie eine Bauafjociation 


‚ oder eine Pacificeienbahn. Aber aus irgend einem 


unerflärlien Grunde vermied er fie während des 
Nittes gefliffentiih. Miß Venn war über dieſes De 
jertiren ärgerlich und zeigte e8, wie ein Sind es ges 


‚ than hätte. Sie winkte ihm immer und immer wieder, 
‚ihm das Neſt eines Reihers zu zeigen, oder die 


Waſſerſchnecken, wie fie über den Rand des Banou 
ihoilen, oder eine Ehamäleonfamilie, die auf einem 
ſtacheligen Birnbaum haujte. Als fie ſah, daß er 
nit an ihrer Seite blieb, gab fie zulekt ihre un« 
Ihuldigen Kunftgriffe auf und ritt fchweigend weiter. 
Monſieur Tirard warf ſich dann fopfüber in die Breſche. 
Er erging fi, zum Vorteile von Knight, in Aus 
fünften über Louiſiana, feine eigenen flüchtigen Ans 
fichten überall hineinftreuend. Er erzählte Geſchichten 
und lachte über diejelben lauter als ſonſt jemand, 
während jeine braunen Augen vor Luft tanzten; 
unterdeilen beobachtete er verftohlen Lucretia, um zu 
ſehen, welche Wirkung es auf fie machte. 

Sie hatten jeßt die Sümpfe erreicht, die den Golf 
entlang liegen. Sie waren mit dünnem Grale be 
det, daS in dem heißen Mittage wie heller Smaragd 
leuchtete. Die Ebbe jog die Erde unten ein und die 
Ihmalen Ragunen, die fich ſeewärts hinzogen, traten 
zurüd. Cine Herde Inochiger Rinder wanderte ziel« 
108 über die ſchwammige Oberfläche, zmeifelnd, ob 
das Land — Waſſer, oder das Waller — Land jei. 
Sie ftolperten im Gehen vor lauter Schwäche; ein 
Thier fiel erſchöpft, und als Lucretias Pferd vorüber- 
Ichritt, hob e& matt den Kopf, fah fie mit beſchwören⸗ 
den Augen an und fiel zurüd. Eine Schar Bujlarde 
witterten ihr Opfer in der tyerne und begannen aus 
dem Haren Himmel niederzuftoßen, — gleich ſchwarzen 
Bliten über dem lebhaften Grün der Prairie, — 
mit immer tieferen Senkungen, bis fie ſich bebend 
auf dem verendeten Tier niederließen und anfingen, 
ibm da3 Fleiſch von den Seiten zu reißen. Sole 
ritt fie nieder, vor Wut fchreiend. Er kam zurüd, 
ſpaniſch ſchwatzend und düfter über den weiten, öden 
Sumpf blidend. 

„Ich haſſe den Tod überall, aber diejes ijt Mord 
im großen! Dieje elenden Cujone der Sümpfe 
Jammeln größere Herden, als fie ernähren können; 
fte hungern zu Hunderten. Jenes arme Vieh ijt tot 
— Gott fei es gedankt!“ Nach einer Weile rief er 
mit einem Zuden der Schultern: „Gut, gut! Euer 
Syndifat wird dieſes Delta bald in feiten Boden 
verwandeln, Mr. Knight; es ift eine edle Arbeit! 
Große Vermögen” — mit großfprederiicher Bes 





Fr — 


TZirard y Soult. 673 


wegung der Arme — „liegen in diefem Schlamm 
verborgen.” 

„Weshalb nehmen Sie denn an Dielen edlen 
Werk nicht teil?” fragte Mc Cann, „das heißt, wenn 
e3 nicht Ihre anderen Beichäftigungen hindern würde!” 

„Ih? Ich habe feine Beichäftigungen. Welche 
Arbeit jollte ih thun?“ fragte Joſe mit einem 
Schnulzen feiner diden Finger. Plötzlich galoppirte 
er an Miß Venns Seite. 

„Lucretia, mein Kind, ift Dir der Gedanke ge= 
fommen, daß Du mich lieber hättejt, wenn ich Doktor 
wäre, oder Rechtsanwalt, oder irgend etwas?“ 

Lucretia ſah ihn erichredt an, ſagte aber nichts. 

„Mir ift der Gedanke nicht gekommen,“ fuhr 
er ernithaft fort. „Ich Habe drei» bis vierhundert 
Dollars in jedem Jahre, mir meine Kleider zu kaufen. 
Ich babe den Schmud der Tirard. Was braude 
ih mehr? Alles, was ich braude, fommt zu mir.“ 

„Natürlich, warum nicht?“ antwortete fie zerſtreut, 
während ihre Augen über den Sumpf wanderten, ala 
ſuchten fie etwas. 

„Es iſt Dir alſo nicht unangenehm?“ fragte er 
beſorgt. „Ich möchte mein kleines Mädchen mit dem 
alten Joſe zufrieden ſehen. Was die übrige Welt 
anbetrifft...” — und er machte eine verächtliche Be— 
megung mit dem Daumen. Miß Benn lächelte matt. 
Sie hatte ihn nicht einmal gehört. Sie beobachtete 
Knight, der die Gejellfehaft verlaſſen hatte und allein 
heimwärts ritt. Joſè glaubte in ihren Augen Thränen 
zu jehen. 

„Lucretia!” 

Keine Antwort. 

„Rucretia, quäle Di nicht! Ich bin hier.” 

„Du! DO, mon Dieu! Du bift immer bier!“ 
rief fie verdrießlich. 

oje rang nad) Atem, als hätte er einen Schlag 
erhalten — dann zügelte er fein Pferd und blieb 
zurüd, während Mr. Mc Cann gerne jeinen Platz 
einnahm. 

Nach diefem Tage kehrte Monfieur Zirard nicht 
auf die Plantage zurüd. Einmal traf er Monſieur de 
Fourgan irgendwo im Bezirke und fragte mit einem 
ihwaden Lächeln, ob Lucretia gejund wäre. 

„Denten Sie daran, Sean,” fügte er ernfthaft 
Binzu, ein Stüd Weges mit ihm reitend. „Ich bin 
des Heinen Mädchens Bormund. Wenn fie je heiratet, 
jo iſt es Jofe, der fie fortgeben muß. So lädherlid) 
von ihrem Vater, einen närrifchen, jungen Burjchen 
wie mid zu ihrem Vormund zu machen!” 

„Gar nit! Nein, wirklich! Sehr paflend, 
Zirard !* ſagte Monfieur de Fourgan höflich, worüber 
Joſes Geficht noch blafjer und erniter wurde. 

Eines Tages erſchien er gegen Mittagszeit auf 
der Galerie. Seine Schuhe waren kotig und feine 
Kleider hatten die Farbe einer jchmußigen Motte. 

„Ah, mon enfant!* rief Madame Deſſaix freund» 
ih von ihrem Stuhle in einer fchattigen Ede. „Was 

üt da nicht recht? Kein weißes Koftüm heute? Keine 
Diamanten, kein Laden? Was ift es, Juje?“ 

„Nichte, Madame,“ jagte der Heine Dann traurig. 


„sch werde alt. Ich Heide mich nicht mehr wie ein 
junger Diann. Ich palje mich dem Alter an — und 
den Runzeln.“ 

„Runzeln? Bah! Kommen Sie und jeben Eie 
ih zu mir. Nach wen [hauen Sie aus?“ 

„Aber — ich glaubte, ich hörte Lucretia lachen, 
als ich heraufritt ?“ 

Madame Deffuir nidte bedeutungävoll, und ihre 
Finger an die Lippen legend, mit all der Freude, 
die eine Franzöfin an Liebenden hat, führte fie ihn 
auf den Fußſpitzen ang Ende der Galerie, und den 
Mein beijeite ziehend, zeigte fie ihm Lucretia in einer 
Hängematte unter einem riefigen Pecanbaum. Ein 
Gewirre von hängenden grünem Moos umgab fie. 
Sie lag darin wie ein weicher weißer Vogel in einem 
großen Neft. Knight lehnte gegen den Stamm de3 
Baumes, auf fie niederjehend, der Ausdrud gefpannt 
und jein mageres Geſicht erhikt. Er hatte zu ihr 
geiprodhen , aber fie antwortete nichts. Sie lächelte 
träge, wie fie es auch that, wenn die Kinder ihr die 
Wange Hopften. 

„Voilà!“ flüfterte Madame BDefjair trium«- 
pbirend; dann, ala fie bemerkte, daß Monfieur Tirard 
ſchweigend binblidte, jah fie ihn an. 

Er rafite fih mit einem eigentümlichen Geräuſch 
in der Kehle auf. „Sa, ja! Nun — was antwortet 
fie ihm?“ 

„Mere de Dieu! Was fann fie antworten? Er 
ift jung; er ift ein Dann, der feinen Willen durch» 
ſetzt. Er will feine andere Antwort haben als die 
eine. Wir betrachten die Angelegenheit als beendet!“ 

Zirard machte feine Bemerkung. Er wandte id) 
ab und ging jchnell hinunter in den Scheunenhof, 
wo die Kinder waren, und ftand eine Weile unter 
ihnen und den Kühen. Die Stalljiungen, an allerlei 
Scherze und Foppereien von ihm gewöhnt, ergingen 
ih in verſchiedenen auagelajlenen Späſſen. Als er 
aber weder lachte noch fluchte, jahen fie ihn aufmert- 
jamer an und bemerkten mit Erjtaunen und Gering- 
ſchätzung feine ſchäbige Kleidung. 

„Don Zofe krank, ta — ta!” flüfterten fie, „Don 
oje, Ihr nicht jehen Schmuß auf Euren Kleidern?“ 

Aber er lehnte am Zaun, blind und taub für fie. 
Seine Quälgeiſter verjuchten einen andern Angriffs- 
punkt. „Don Sofe nicht frank, aber feine Stute 
franl. Arme Chiquita! Sie altes Pferd jekt.” 

„Es ift eine verdammte Lüge!“ und Tirard fehrte 
ich mit jolher Wut zu dem Burſchen, daß er zurüd- 
Iprang. „Sie ift nit alt. Führe fie heraus!“ 

Die Neger ftolperten in ihrem Schreden über 
einander. Die feine weiße Stute wurde heraus— 
geführt. Joſé ftreichelte fie mit zitternden Händen. 
Wie groß der Hummer auch war, der ihn erjchüttert 
hatte, er machte jich jeßt in diefem Fleinen Ausbruch 
Luft. 

„Es gibt fein Pferd wie diejed in Attakapas!“ 
murmelte er für jih. „Ich bin alt, aber fie ift 
jung!“ 

Die Stute wieherte vor Freude, als er fie jtreichelte 
und aufitieg. 


674 


Als er aus der Umzäunung ritt, wurde ein plumper 
Brauner aus dem Stalle geführt. Knight fanı die 
Anhöhe herunter, ihm entgegen. oje betrachtete dag 
Pferd mit grimmiger Verachtung. 

„Ah, das gemeine Vieh! Und fein Herr ift nicht 
anders! Mber wer kann jagen, was dem kleinen 
Mädchen gefällt?” Tirard fonnte feine Augen aber 
nicht vor der Thatfache verſchließen, daß die Geftalt 
auf dem jchweren Pferde männlid und hübſch war. 
Die Courage in feinem Herzen war in vollftändiger 
Ebbe. 
„Joſé ift alt und fett — fett. Das ift ein junger 
Burſche — er fieht wie ein Dann aus!” 

Sein Kinn zitterte, wie bei einer hyſteriſchen ran. 
Im nächſten Nugenblide warf er ji) auf den Hals 
der Stute. 

„Seht habe ich nur did, Ehiquita! Niemand 
ala di!” “ 

Sie legte die Chren zurüd und flog über Die 
Prairie, leihtfühig wie ein Neh. Als er an Knight 
vorüberritt, grüßte Monſieur Zirard ihn mit tiefer 
Verneigung. 

„Komiicher Heiner Dann,” fagte Robert zu Me 
Cann, der ſich ihm angeſchloſſen hatte. „Man 
könnte ihn als ein Ausrufungszeichen in der Welt 
bezeichnen, aber er reitet ein ſchönes Pferd.“ 

„Ja, ihrerzeit ein berühmter Renner, wie man 
mir ſagt. Tirard ſpricht von ihr, als wäre ſie eine 
Blutsverwandte. 
Pferde von ihrem Bau. Euer Tier ſinkt bei jedem 
Schritt in den Schlamm.“ 

„Er iſt heute tiefer als gewöhnlich. Ich verſtehe 
es nicht; wir haben feinen Regen gehabt.” 

Nach einigen Minuten trennten fie fi, und 
Knight Ihlug den Weg zu den Sünpfen am Meere 
ein. Auf den Sümpfen war es immer ftill, heute 
aber herrſchte eine jeltjame, tiefe Stille. Die Sonne 
war durc) tief niederhängende Nebel verborgen und 
verwandelte fie in zeltartige Schleier, ihnen einen 
lanften, filbernen Glanz verleihend. Die Yurben 
und felbjt der Gerud) auf den Sümpfen waren unter 
ihnen merkwürdig ftarf; die regung3loje Luft drüdte 


| 
| 
Ä 
| 
' 


Ih wünſchte, wir hätten gerade 


Rebekka Harding Davis. 


mit dem amüſirten, angenehm berührten, dummen 
Starren eines dieſer Rinder, wenn ihre Seiten von 
dem langen Graſe gekitzelt werden. Sie hatte ihm 
feine bejtinnmte Antwort gegeben. Knight pflügte 
deshalb jeinen Weg durd die ſchwammige Prairie in 
jehr jchlechter Laune, welche die ungewöhnliche Tiefe 
des Schlammes nicht liebenstwürdiger machte. Gr 
mar immer wieder gezwungen, in die Bayour zu 
reiten, um die flebrigen Klumpen von den Beinen 
feines Pferdes zu ſpülen. 


x 


Wohin Monfteur Tirard an jenem Tage ritt, 
hätte er ſelbſt, als der Nachmittag fam, nicht jagen 
fünnen. Er hatte eine unbeftimmte Erinnerung, daß 
er bei verjchiedenen Farmhäuſern ohne irgend einen 
Zweck angehalten hatte. Er war fein Trinfer und 
hatte den ganzen Tag nichts als Mafjer genofien, 
und doc war fein Kopf betäubt und verwirrt, als 
erwachte er von einer langen Schwelgerei. Als er zu 
lic) fam, war er auf den niederen Sümpfen. Chiquita 
war plößlic) ftehen geblieben, |preizte Die Beine gleich 
einem Mlaultiere und weigerte ſich, aud nur einen 
Zoll weiter zu gehen. Wa3 war diefem Bayou? 
Auch er hatte Halt gemacht — und war zu einem 
tagnirenden ſchwarzen Teiche angejchwollen. 

Joſé war jet ganz weh. Er verſtand was ge 
heben war. Eine ſchwere Springflut im Golfe hatte 
alle Ausflüſſe für die Bayour versperrt, welche die 
Sümpfe durdfchnitten. Der große Fluß, für den fie 
nur Miündungen waren, bahnte ji) ſchon feinen Meg 
über ihre Ufer und floß durch all den ſchwammigen 
Boden. Es war feine augenblidlihe Gefahr des 
Ertrinkens da; wenn er aber nicht augenblidlich ent» 
floh, jo war es ficher, daß er in dem fich ſchnell ver: 
breitenden Zriebjande und Schlamm verfinfen würde 
— und ertrinfen. Wenn Chiquita —? 

Er kehrte ihren Kopf zum Lande und rief ihr zu. 


Sie begann mit größter Vorfiht vorzugehen, jeden 


auf den jtarfen Geruch des Grajes und der Rojen; 


die Lagunen, gewöhnlich jchofoladenfarbig, waren 
ſchwarz wie Tinte unter ihren Franſen von gelben 


und violetten Schmwertlilien, die unzähligen kreis- 


fürmigen Teiche mit Marem Waſſer jchienen ſich ver— 
‚vielfältigt zu haben, und hüpften und jprudelten als 


wären fie lebendig. Wenn die arme Emma doch ihre 


Augen von den Feldern von Throop zu diejen fremd» 
artigen, bezaubernden Ebenen hätte wenden können? 
Er ftodte. Welches Recht hatte er, nah Emma 
zu verlangen? Lucretia — 
Aber Lucretia würde darin nichts fehen als 





Schlamm und Unkraut! Lucretia war ein liebes Gen 


ſchöpf; aber, dachte er und lachte, ſchließlich find ihre 
beiten Eigenſchaften diejenigen einer gutmütigen Kuh. 
An diefem jelben Tage hatte er es verfucht, um jie 
zu werben, mit jo viel Heberzeugung in den Worten, 


ala fein Gehirn ihm eingab ; fie hatte ihm zugehört, | 


Schritt verfuchend, ab und zu auf einen Hügel von 
fefter Erde jpringend. Zweimal hielt fie an und 
veränderte die Richtung. Joſé ftieg verichiedenemal: 
ab und verfuchte fie zu führen, verfant aber bald 
fnietief.. Er jah ein, daß der Inftinft des Pferdes 
jiherer war als jein Urteil, und blieb zuletzt ruhig 
im Sattel ſitzen. Zu gewöhnlicher Zeit hätte er ge: 
flucht und gejchimpft und vielleicht, da er allein war, 
Ihränen vergojjen, denn im Herzen war Jofe feige 
und fein Leben war ihm teuer. Heute war aber in 
de3 kleinen Mannes Herzen tiefe Ebbe. Der größte 
Teil des Lebens hatte ihn mit Lucretia verlafjen. 
Seine Liebe zu ihr hatte ihm in feinen eigenen Augen 


_ einen Wert gegeben ; ohne fie war er ein armer Spaß- 


macher, der feine Späfje von Haus zu Haus brachte, 
al3 Bezahlung für Almofen. Er that jedoch, was 
er fonnte, und ziemlich vernünftig, um fein Leben zu 
retten, warf jeine ſchweren Stiefel fort und den 
ſpaniſchen Sattel, der Stute die Laſt zu erleidhten, 
klopfte fie, jang und lachte, um fie zu erheitern. Ein: 
mal, als e3 verzweifelt ſchien, jprang er ab. 


2 


Ti — 
ln tan. 


Tirard y Soult. 


„Sie fol nicht ſterben!“ fagte er grimmig. Er 
verſuchte fie fortzutreiben, doch fie ftand ftill und ſah 
ihn jehnfüchtig an. 

„Aha!“ ſchrie Joſé entzüdt, einem unfichtbaren 
Zuſchauer zunidend. „Seht ihr da3? Sie will mid 
nicht verlajjen! So, mein Liebling! Du und Tirard 
werden bis zuleßt zufammenhalten.” Und er jtieg 
wieder auf. 

Chiquita machte nad diefem langſamen, aber 
fiheren Fortſchritt. Sie erreichte ein höheres Plateau. 
Selbjt da wurden die Pfüben jchnell größer; das 
abfließende ſchwärzliche Waſſer fing an, zwiſchen den 
Grashalmen hindurchzuſcheinen. In weniger denn 
einer Stunde würde dieſes mit der See gleich ſein, 
aber in weniger denn einer Stunde würde Chiquita 
ihn auf trodenen Boden gebradjt haben. Joſé jprad) 
jetzt unaufhörlih zu ihr ſpaniſch, den Beweis für 
dieje oder jene Richtung führend. „Na! Was ift 
da8?” rief er, fie zügelnd. „Iener ſchwarze Klumpen 
am Bayou? Ein Mann? — Nein! Ein Pferd und 
ein Dann! Sie finten — ſitzen feft!" Er ſchwieg 
einen Augenblid, vor Aufregung keuchend, dann fchrie 
er: „Es ift Knight! Wie eine Ratte in der Falle 
gefangen! Er wird fterben — Gott fei es gedankt!“ 

Iſt Knight tot, jo wäre Lucretia wieder fein 
eigenes Heine Mädchen. Der Gedanke durdzudte 
Ihn wie ein Blig! Joſé wartete unentfchloffen, denn 
Knight Fehrte ihm den Rüden und ſah ihn nicht. 

Nah dem erften mörderijchen Triumphe hoffte er 
doch, Robert würde gerettet werden. Tirard war 
feige, im Grunde war er aber ein Mann — wie 
viel er vom Manne in fi hatte, mußte er noch be- 
weilen. Je länger er den Ingenieur anjah, defto 
mehr haßte er ihn mit einer blinden, findifchen Wut. 

„Ich bin aber fein Mörder — ich!” fagte er fid) 
mechaniſch wieder und wieder. Chiquita ſcharrte mit 
Dem Fuß — ungeduldig fortzufommen. Das Waſſer 
ſtieg ihr über die Hufe. Es blitzte jet überall unter 
Den Schilfe. Der Tod erwartete beide Männer, ein 
Tiller, ſchweigender, ficherer Tod — um fo grauen= 
Bafter, weil ohne Wut und Dunkelheit. Der filberne 
Nebel umfing die Erde nod) immer, gleich den Wänden 
eines Zeltes; die violetten und gelben Schwertlilien 
Leudteten friedlich in der ruhigen Beleuchtung; oben 
Die fliegenden Buffarde, ſchwebten tiefer und tiefer 
Hemieder. Sie fehend, knirſchte Tirard mit den 
Zähnen. Ehiquita konnte einen Mann retten — und 
auur einen! Die Tirard und Soult3 waren durd) 
Senerationen Männer von Mut und Ehre gewefen. 
Dr Blut regte ſich in jeinem Heinen , fetten Körper. 
Sin Gedanke durchfuhr ihn wie ein Meſſerſtich. 
»XWenn Knight ftirbt, wird es ihr das Herz 
Vreden, aber ih?" Er Inadte feinen Daumen ver= 
Achtungsvoll. „Mas fühlt fie für den armen, alten 
Doſéè?“ 

Wir wollen nicht fragen, was während der nächſten 
Zehn Minuten in feinem Herzen vorging. Er war 
allein mit feinem Gott! 

Er ritt an Knight heran und klopfte ihn auf die 

Schulter. 


675 


„Hallo! Was iſt da nicht richtig?“ 

„Ich bin in den Sumpf verſunken. Dies Vieh 
von einem Pferde ſinkt immer tiefer in den hölliſchen 
Schlamm.“ 

„Schlagen Sie es nicht! Ich will mit Ihnen 
die Pferde wechſeln, wenn Sie Eile haben, die Plan« 
tage zu erreichen. Chiquita kann Sie jchneller hin— 
tragen, als jener da.“ 

„Aber Sie? — Ich verftehe Sie nid. 
wollen Sie thun?“ 

„Sch habe Feine Eile.“ 

„Dieſes Pferd wird Sie nicht tragen. 
mir, daß der Schlamm tiefer wird.” 

„Ich kenne den Schlamm unferer Sümpfe beifer 
als Sie. Kommen Sie, nehmen Sie Chiquita ; 
gehen Sie!” 

Knight ftieg ab und beitieg die Stute mit einen 
verdußten Gefichte. Er Hatte geglaubt in wirklicher 
Gefahr zu ſchweben und es demütigte ihn, zu ſehen, 
daß oje die Sade fo leicht nahm. 

„Run, guten Tag, Monfieur Tirard!” ſagte er. 
„Es ift jehe freundlich von Ihnen, jenes verdammte 
Vieh von mir zu nehmen. Ich will es, wenn möglich, 
morgen verlaufen!“ Er nidte Joje zu und zog die 
Zügel fharf an. „Komm, vorwärt3!” fagte er, 
Chiquita mit der Peitſche berühren. 

Joſé fprang auf wie eine Katze. 

„Berdammt! Unterjteht Euch nicht, fie zu be= 
rühren!" — Er entrang die Peitſche jeiner Hand 
und bob fie, ihn zu jchlagen. „Pardon, monsieur !* 
lagte er dann fteif. „Mein Pferd erträgt feinen 
Schlag. Spredt nicht mit ihr, und fie wird Eud) 
ſicher tragen.” 

Seine Hand ruhte einen Moment auf dem Naden 
der Stute. Er murmelte ihr etwas ſpaniſch zu und 
fehrte dann den Nüden, um nicht zu jehen, wie fie 
fich entfernte. Mr. Knight erreichte in ungefähr zwei 
Stunden die höheren Sümpfe. Er bemerkte ein Boot 
das Bayou herunterfahrend und erkannte in ihm 
Monfieur de Fourgan und einige andere Männer 
der Plantage und ritt hinunter ihnen entgegen. 

„Bott fei Dank, Sie find gefund, Knight!” rief 
Monfieur de Fourgan. „Was iſt das? Das iſt ja 
Chiquita, die Sie da reiten? Mo fanden Sie fie?” 

„Jener fonderbare Heine Merifuner beitand dar— 
auf, daß ich mit ihm die Pferde wechſelte. Mein 
Klepper war verjunfen und —“ 

Die Männer fahen ji) gegenfeitig aıt. 

„Wo verließen Sie ihn?“ 

„Su den Seefümpfen, in der Nähe der Mündung 
diejeg Bayou. Wie, was denken Sie? It er in 
Gefahr? Halt!” ſchrie er, als fie, ohne ein Wort 
zu jagen, abftießen. „Ums Himmels willen, laßt 
mich mit eud) gehen!“ 

Er ließ Chiguita auf dem Ufer, ſprang in das 
Boot und nahm ein Nuder. „Sie glauben doch nicht, 
baß er fein Leben für meines risfirt hat?“ ſagte er. 

„Es ſcheint jo,“ antwortete Mc Cann. „Und id 
hätte Doch darauf ſchwören fünnen, daß er gegen Sie 
eine beſondere Abneigung hatte.” 


Was 


Es ſcheint 


676 


„Das alte Blut der Tirard ift auf Erden nod) 
nicht ausgeſtorben,“ jagte Monfieur de Yourgan mit 
lauter Stimme, „ftrengt euch an! Jetzt zuſammen! 
Ich fürdte, wir fommen zu jpät!” 

Bevor jie den Sumpf erreihten, war er ganz 
unter Waller. Sie fanden Yojes Körper über- 
Ihmemmt, aber in den Aeſten eines Pecanbaumes 
eingeflemmt, auf den er geflettert war. Er fiel gleich 
einem Stein in da8 Boot. 

Monſieur de Fourgan legte fein Chr an fein Herz, 
drüdte jeine Brujt und erhob ſich, ihre Blide mit 
einem Kopfichütteln beantwortend. Er nahm fein 
Ruder und ruderte einige Minuten ftillichmweigend. 
„Zieht, Gentlemen!” fagte er dann heiter. „Die 
Nacht ijt falt da. Wir wollen ihn in mein Haus 
bringen.“ 

Dod Knight glaubte nicht, daß Joſé tot fei. Er 
entkleidete ihn und rieb und erwärmte den auf— 
gedunfenen Körper auf dem Boden des Bootes. Als 
fie da3 Haus erreihten und nad) Stunden vergeb- 
lichen Verſuchens ſelbſt der Arzt es aufgab, wollte 
Knight nicht auf fie hören. 

„Er joll nicht Sterben, fage ih euh! Warum 
jollte fein Leben für meines dahingegeben fein? Ich 
dankte ihm nicht einmal, Tier, da3 ich bin!“ 

Es war nur einige Minuten ſpäter, daß er vom 
Neiben aufblidte, fein Geficht wurde plößlic) weiß. 
Der Doktor legte feine Hand auf Tirards Bruft. 

„Es ſchlägt!“ rief er erregt. „Tretet zurüd! 
Luft — Pranntwein!” 

Endlich öffnete Joſe feine Mugen und feine Lippen 
bemwegten fich. 

„Was iſt's, mein lieber Junge?” riefen fie alle, 
ih um ihn drängend. Doch nur Knight verftand 
da3 Geflüfter. Er erhob ſich mit dem Ausdrude 
beftürzten Verjtändniffes in den Augen. Monfieur 
de Fourgan beifeite ziehend fagte er: „Ich verjtehe 
jebt! Ich fehe, weshalb er es that!“ Und er eilte 
plögli fort, Miß Venn zu juchen. 

Den nächſten Morgen wurde Monfieur Tirard 
in einem Armftuhl auf die Galerie getragen. Er war 
der Held des Taged. Der ganze Haushalt, von 
Madame Deffair an bis zu den ſchwarzen Picaninnies, 
bemühte jih um ihn. Miß Venn fam die Galerie 
herunter, ſtrahlend, gerötet , die Augen ſanft durd) 
Thränen blidend. Sie winfte fie alle beijeite und 
feßte fich zu ihm, feine kalte Hand mit ihren Händen 
jtreichelnd. 

„Haft Du mid nötig, Joe? Nicht dieſe anderen? 
Nur mid?” 

„Wenn Du mir ein wenig Zeit widmen kannſt, 
Lucretia?“ jagte er demütig. Sie antwortete nicht — 
fo lange, daß er fi) wandte, ihr ind Antlit zu jehen. 

„Ein wenig Zeit? Die ganze Zeit!” flüſterte fie. 

Joſé beugte ſich plößli vor. Sein erfältetes 
Herz ſchien kaum zu Schlagen, feit er aus dem Waſſer 
gezogen war. Seht jandte es ihm das Blut heiß 
durd den Körper. 





Rebeffa Harding Davis. — Tirard y Soult. 


„Was meinit Du damit, Kind?“ fagte er ftreng. 
„Bedenfe, was Du ſagſt. Es iſt der alte Joie. 
Wilft Du damit jagen —?” 

„Ja, und ich meinte es immer,” fagte fie ruhig. 
„Wir, nur wir find ja noch geblieben — Du und 
id. Und Chiquita !” fügte fie lachend Hinzu. 


*% 


Fine Woche Später erhielt Mrs. Knight einen Briei 
von Robert mit der Erzählung feiner Errettung. Sie 
weinte viel darüber. 

„Obgleich ich nicht einſehe, warum er denkt, da} 
es von dem feinen Manne jo außerordentlich war, 
jo zu handeln!” erwog fie. „Jedermann würde 
Robert retten wollen, jelbft ein wilder Dierilaner. 
Und warum, in aller Welt, weil fein Leben in Ge⸗ 
fahr war, er gejchrieben und e8 Emma angeboten 
hat, überfteigt meine Begriffe! Sie hat nidt einen 
Dollar !” 

Dur das Fenſter jah fie jett das Mädchen mit 
leichten, ſchnellen Schritten über die Felder kommen. 

„Sie hat von ihm gehört! Sie fommt, es mir 
zu jagen. Nun, ich dachte wohl, Robert würde eine 
Frau mit Vermögen heiraten, da er die Wahl hatte —“ 
Uber der Mitwe Herz war tief bewegt worden. 

„Arne Emma! Sie ijt Robert fo treu wie ein 
Hund gewejen. Wenn fie auch fein Geld hat, jo 
wird fie feines fparen, wie feine Erbin es gethan 
hätte. Die Vorſehung ordnet alle Dinge zum Beiten.“ 
dachte fie nachgebend. „Hat da3 Mädchen nicht an 
einem Mochentage ihr beſtes Kleid angezogen! — 
Wie froh fie jein muß! Ich will ihr entgegen geben, 
denfe ih! Sie hat jebt feine Mutter, fie zu füllen, 
oder ein ‚Gott fegne Dich‘ zu jagen, armes Kind!“ 

Und fie eilte zum Thore! 


—— 


Peruaniſches Lied. 


Wohl im Heft des Kuckucks bat mid 
Meine Wutter einft geboren, 
Denn nun muß ich irre geben 
Und mich Rränken alle WMenfchen. 


Und es will mich niemand Lieben, 
Wankend muß ich weiter wandern. 
Kommt der Regen, klag' ich trübe, 
Wet der Wind, umber dann flieg’ id. 


Gleiche fo dem Wond am Simmel, 
Gleiche ibm auf diefer Erbe: 
Einfam bin ich, Babe niemand, 
Der verflände meine Klagen. 


Auf der weiten, weiten Erde 
Iſt wohl Reiner, der mir gleiche; 
Ward auf odem Feld geboren 
Und auf ibm ich enden werde. 


Herausgeber: Joſeph Kürfchner in Eiſenach; verantwortlider Redakteur: Ludwig Thaden in Etuttgart. 
Verlag und Trud der Deutſchen Berlags-Anjtalt in Stuttgart. 


2 


1862 5. Heft 15. Preis so Pfe. Vierteljährlich (6 Hefte) Preis 3 Mark. 





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HARVARD 
UNIVERSITY 





LIBRARY Ifenuar Fu — 
| JUN 23 1941 — d 
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Veh. Roman aus dem Engliihen von Thomas Hardy (Fortiegung) . . . | 
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Die Kleine Kirche. 


Don 


Alphonfe Daudet, 


(Schluß.) 


Der Mann antwortete nicht. Delcrous fürchtete 
ſchon, daß er zu weit gegangen ſei und nichts mehr 
von ihm würde erreichen können; um ihn wieder 
einzufangen, verſuchte er es mit einer Ablenkung: 
„Wiſſen Sie, woran ich gedacht habe, Richard? An 
die Rache einer Frau ...“ Er ſah ihn zittern, und 
da er glaubte, daß der Köder gut jei, fuhr er fort: 
„Diejer Gedanke iſt mir angefichts des forgfältig 
bingebetteten Körpers gefommen, der in einer ge= 
wohnten Lage und unter einem gewohnten Schulz 
die Jlufion des Lebens hervorruft. Finden Gie 
niht, daB dieſe eines Panoptifums würdige An— 
ordnung, das Naffinement und die Slofetterie eine 
durhaus weibliche Blutrache verrät?” 

Richard ſah, daß feine Frau verloren war, und 
trat ſchützend vor fie. „Die Rache hat fein Geſchlecht, 
mein Pieber, ebenfowenig wie die Eiferfudt. Ein 
betrogener Ehemann, der fi) rät, fann fein Ver— 
breden ebenſo ſpitzfindig in Scene jeßen, wie die 
entartetite Frau.“ 

„Dann glauben Sie alfo feine Frauenhand darin 
zu erfennen?“ 

„Ich möchte da8 Gegenteil beſchwören.“ 

„Na, Sie verftehen fi darauf,” ſagte der Richter 
unter lautem Lachen, das er für jehr geijtreich hielt. 
Dann madte er einen jener Sprünge, die zu den 
Finten einer Unterſuchung gehören, und fragte plößlid) 
vertraulich und ernft: „Sie find, wie man mir vers 
ſichert hat, jehr eiferjüchtig ?“ 

„Sehr eiferjüchtig in der That.” 

„Sie haben, wie e3 fdheint, unter dem Zwange 
diejer Leidenſchaft Briefe gejchrieben von einer Heftig- 
keit ...“ 

„Weiß man denn, was man in einem ſolchen 
Zuſtande thut ...?“ 

Hier kam einer jenex Orgelpunkte, dem einige 


Takte Pauſen folgen, während deren die Gemüter ſich 
Aus fremden Zungen. 1895, II. 15. 


beruhigen und jich wieder fallen. Auf der Straße, 
die um fo heller erjchien, je mehr der Himmel id) 
verdunfelte, gingen Arbeiter, die müde und ſtumm, 
mit der ganzen Laft des Tages in ihren Gliedern 
heimfehrten,, zu zweien und dreien, den Knüppel mit 
dem Querſack auf der Schulter, an ihnen vorüber. 
Ein Kärrner, der bei dem eintönigen Geläute feines 
Geſpanns eingeichlafen war, ſprang rajch von jeinem 
Tier herunter, um der Kaleſche Platz zu machen, 
der der Pandftreicher, der an einem Grabenrande ſaß 
und die leinenen Binden von feinen blutig ge= 
laufenen Füßen abnahm, neidiſch nachblickte. Zu 
Füßen der rebenbeitandenen Abhänge ließ die Seine, 
die die untergehende Sonne purpurn gefärbt Hutte, 
die dichten Wälder, die jich) drüben längs der ganzen 
Bergſtraße Hinzogen, noch dunkler erjcheinen. In 
weiten Abjtänden ertönten Signalpfiffe auf dem 
Fluſſe und die Nadtigallen oben im Walde ant— 
worteten mit einer Flut von verliebten, jubelnden 
Tönen. Der Duft von Maiglödchen, der unterwegs 
zu dem Wagen aufftieg, rief in Richards Herzen 
Lydies entzücdendes Bild hervor, erinnerte Delcrous 
an das Lachen und die bligenden Zähne Eliſens. 
O du fingender, Fingender Mai, o du duftendes 
Grün des Waldes, mit weld) geheimnigvoller Kraft 
ergreift ihr aud) die ſprödeſten Seelen! 

Der Richter war jehr ergriffen und hätte beinahe 
nad) Verſailles telegraphirt, um ſich bei der Unter— 
ſuchung vertreten zu laſſen, aber dieſe Schwäche hielt 
nicht lange vor. 

Mlöblich, in der Nähe des Einganges von Soiſy, 
ftieg von einem Heinen in die Weinberge hinauf: 
führenden Wege ein langer Schatten auf, der ſich 
von dem freideweißen Wege tiefſchwarz abhob. 
„Guten Tag, Herr Ceres!“ rief Richard und gab 
dem SKuticher den Befehl, zu halten. Das erjte 


Wort des Vikars war die naive Frage, ob der Be— 


86 


- 





678 Alphonſe 


ſitzer der Heinen Kirche auch zurüdgelommen ſei. | 
Richard antwortete, daß er Herrn Merivet in Marſeille 
zurüdgelaljen habe, aber nicht für ange. „Und Sie, 
mein lieber Abbe, wer hält Sie noch fo jpät unter= 
weg3? Es gibt hier wohl Elend zu lindern?“ Der 
alte Geiftlihe trodnete fi den Schweiß von den 
weißen Haaren, die franzfürmig unter dem breit» 
randigen Hute hervorſahen, und fagte jehr einfach: 
„sh komme von Ihrer Fiſcherei, Herr... Vater 
Georg, der alte Bettler, den Sie bei fi) aufgenommen 
haben, hat mich rufen laſſen.“ | 
„Iſt er immer noch frank?” 
„D, er liegt im Sterben... Ich werde ihm 
noch im Laufe des Abends die letzte Delung geben.” 
„Armer Vater Georg! Lydie wird ſehr betrübt 
fein,” ſagte Richard, und al3 die Soutane in der 
Dämmerung verihwand, fügte er Hinzu: „Alle 
Beerdigungskoſten, wenn ich bitten darf, auf meine 
Rechnung, Herr Abbe.” 
„Danke, braves Herz,“ antwortete dic fräftige 
Stimme de3 Priejterd ſchon aus der Ferne. | 
Der Schatten der Bäume ſchwand von den | 
Wieſen. Alles wurde ſchwarz, al3 wenn der Tylügel 
des Todes über den Weg dahin geflogen wäre. 
Während der Kutſcher feine Laterne anzündete, hatte | 
fi Delcrous wieder auf da3 Drama des Morgens ' 
und auf jeine Beweisftüde befonnen und fragte | 
Freund Fenigan: | 
„Wann haben Sie denn Herrn Merivet vers | 
laſſen?“ | 
„Ich Habe ihn geftern früh verlajlen...” Er: 
verbeilerte ſich ſehr raſch, denn es fiel ihm ein, daß | 
er jeine Frau bloßſtellte. „Ach nein, was ſage ich 
denn... Vorgeſtern ... Kurz, vor zwei Tagen. Man 
glaubt gar nicht, wie man durd) jo eine durchreifte 
Nacht aus aller Zeitrechnung herausgebracht wird.” 





„Er reitet ſich hinein, der Unglücksmenſch,“ dachte 
der Richter, und aus einer Art von Mitleid, vielleicht 
in einer Anwandlung von Dilettantismus, bemühte 
er fi, da er fo das Spiel zu leicht fand, Richard 
die Augen über feine Unvorſichtigkeit zu öffnen. 
„ber, al3 wir uns heute früh im Walde begegneten, 
haben Sie mir doch gejagt, daß Sie foeben erft an— 
gefommen jeien. Und jo wird es wohl auch gewejen 
fein, denn man kann doc nicht annehmen, daß Sie 
jeit zmei Tagen die Gegend hier durchftreifen, ohne | 
ein einzigesmal bei ſich einzukehren.“ 

„Das ijt Har,” murmelte Richard in gejpielter | 
Beltürzung. Diesmal fagte der Nichter fih: „Er 
ſpielt den Dummen ...“ Nachdem er einen Augen: 
blick überlegt hatte, ſagte er zu Richard: „Nun, 
Fénigan, ganz unter uns geſagt, Sie wiſſen ja, daß | 
unglüdlicheriveije die Beziehungen des Prinzen von 
Olmütz zu einer Perſon, die Ihnen teuer ift, in der 
Gegend jehr bekannt waren?“ 


Daudet. 


„Ich weiß es,“ jagte Richard unempfindlich. 

„Run, haben Sie fi denn nicht geſagt, daß, als 
man den Leichnam des Prinzen faft vor Ihrer Thüre 
fand, die Juſtiz zunächſt an einen Racheakt denten 
würde, der, wenn auch nicht von Ihnen, jo Doch von 
Ihrer nächiten Umgebung ausgegangen fein Fönnte?" 

„Dielen Gedanken habe ich nicht gehabt, meil 
dieſe Vermutung in der That zu nahe lag und «& 
vielleicht gejchidter war, anzunehmen, daß der Prinz 
an einem andern Ort getötet und in einer jehr 
durchſichtigen Abjiht an dieſen Pla gebradit 
worden fei.” 

Seht Jah Delcrous ſich übertrumpft und jagte 
ganz laut mit den ehrlichiten Augen: „Das iſt ver: 
nünftig gedadt. Sch will Ihnen aber noch cine 
Frage vorlegen, auf die es Ihnen freifteht, mir nidt 
zu antworten. Nehmen wir einmal an, daß Sie, 
eijerfüchtig, wie man Sie nun einmal fennt, ge 
heimnißvoll durch) das in den Wald führende Thor 
nah Hauje famen und fi plößlid dem jungen 
Prinzen gegenüber fanden, der beim Morgengrauen 
aus Ihrem Park heraußtrat, was wäre dann ge 
ſchehen? Glauben Sie nidt, daß...” 

„Daß ich ihn getötet hätte! Ja, gewiß, und 
noch dazu mit Erlaubnis des Geſetzes.“ 

„Aber nein, Unglüdlicher, nie im Leben!... Das 
Geſetz, ja freilich... aber doch nur auf frischer That.“ 

„Dein lieber Delcrous, für die Phantaſie dei 
Eiferfüchtigen iſt überall eine friihe That.“ 

Diefe Worte wurden mit einer Heſtigkeit aus: 
gejprodhen, die den Beanten von den Kiſſen der 
Kaleſche aufjpringen ließ und die ihm da3 beitimm: 
tefte Geſtändnis zu fein ſchien, das er aus dieſen 
freundſchaftlich-vertraulichen Mitteilungen erzielen 
konnte. Jetzt hatte der Unterſuchungsrichter das Wort. 
Der Gatte ſeinerſeits war ſehr beunruhigt und ſragte 
ſich: „Was will er thun? Was hat er mir mit— 
zuteilen, daß er mich bis hierher geführt hat?“ 

Sie fuhren in der That ſchon nach Corbeil hinein, 
als der Schein der erſten Straßenlaternen ſich zugleich 
mit den lebten Strahlen der untergehenden Sonne 
in der Seine widerjpiegelte. Leichte Nauchroölfchen 
jtiegen .nocy von diefen Schornfteinen der Kunſt⸗ 
mühlen und Bapierfabrifen auf, deren Arbeiter in 
jchweigenden Trupps die Trottoird entlang famen 
und die alle, Männer wie Weiber, diijtere Stroh: 
förbe Irugen, die zweifellos infolge der Ausdünjtung 
der Fabrik rußfarbig waren. Außer diejen müden 
Herden, die da herausfamen, war weder in der Rue 
Notre- Dame, nod) auf der engen und finjtern Place 
Balignani ein Menjch zu jehen. Hier erhob ſich in 
einer Ede, an die wie bejchneit ausſehenden, mehl⸗ 
beftreuten Dächer der großen, an der Cfjonne 
liegenden Mühle gelehnt, dag alte Gerichtsgebäude, 
das mit dem Gefängnis in Verbindung ftand. 





Die kleine Kirche. 


„Der Wagen des Präſidenten iſt noch da,“ ſagte 
Delcrous, als er die beiden Flügel des Hauptportals 
offen ſtehen ſah, und als der Kutſcher zauderte, rief 
er ihm zu: „Fahren Sie doch hinein!“ 

Im Hof, der von dem letzten Schein des Tages 
und zwei alten Laternen nur undeutlich erleuchtet 
war, ſtieg er zuerſt aus und bat Richard, ihm in ſein 
Bureau zu folgen: „Es handelt ſich um eine dring⸗ 

liche Eröffnung,“ brummte er mit veränderter Stimme 
ſehr Ichroff. Nichard folgte ihn, ohne zu antworten, 
in ein großes Zimmer am Ende des Ktorridord, wo 
eine kleingeſchraubte Lampe auf einem Cylinderbureau 
brannte. Die Stille, die in dem Raume herrſchte, 
wurde nur von den jchmweren, dumpfen Schlägen 
unterbrochen, die von der Mühle und ihrer hydrau⸗ 
liſchen Maſchine herüberflangen. Delcrous jchraubte 
die Lampe in die Höhe und klingelte nach ſeinem 
Schreiber, der in dem Nebenzimmer arbeitete. Während 
lie ſchmierten und flüſterten: „Haftbefehl, Amts— 
geheimnis“, erblickte Richard durch ein offenſtehendes, 
hohes, vergittertes Fenſter in einem zweiten Hofe 
über einer gelben Thüre eine Inſchrift, die er in der 
Dämmerung mit einiger Mühe entzifferte; ſie lautete: 
„Zellengefängnis“ ... Ab, die jo fahle, 
niedrige Thüre! Und welch treffendes Sinnbild des 
Elends, das dahinter verborgen war, war die Tyleder= 
maus, Die zwiſchen den vier hohen, dumpfen 
ihivarzen Dauern an diefem ſchwülen Sommer- 
abend Hin und ber flatterte. 

„Mein lieber Herr yenigan ...“ bei dem jcharjen 
Ion der Stimme des Richters drehte ſich Richard 
nah dem Bureau um... „Sie jehen mid uns 
teöjtlih. Ich bin gezwungen, Sie in Verhaft zu 
nehmen.“ 

Richard nahm eine entjegte Miene an, aber er 
mußte eine derartige Ueberrajchung erwartet haben, 
da er dem Kutſcher Libert, der unbeweglich auf feinem 
Bo ſaß, einen Zettel für Lydie zugeitedt hatte, der 
die Worte enthielt: „Reiſe ſofort ... ih bin im 
längitend acht Tagen bei Dir, wo Du aud) eilt.“ 


XVII. 


Der Abbe Ceres hatte Richards Wagen weiters 
fahren laſſen und die Straße von Soiſy überjchritten, 
wo über jede Schwelle das Kniftern von grünem 
Holz und ein jcharfer Duft von Zwiebeljuppe drang, 
und Hatte eben an dem Thor des Wailenhaujes ge= 
Hlingelt. 

„Unjere teure Mutter Oberin ijt immer noch 
\ehr leidend,“ wurde ihm anı Sciebjenjter von der 
Piörtnerin geantwortet, „aber wenn der Herr Abbe 
Schweſter Martha zu fehen wünjcht, fie ift gerade 

im vordern Hof.” 

Die Irländerin, hinter der ein Hiümpel Heiner 


679 


Mädchen von allen Größen heriprang und tollte, 
Ihüttelte ihren Rod mit beiden Händen ab und kam 
noch ganz atemlo3 von ihrer tüchtigen Leiftung bei 
dem alten Geijtlihen an. Bei den erjten Worten 
des Vikars bewegten ſich die großen Flügel der 
Haube, die ji) von dem dunklen Hof blendend weiß 
abhoben, in freudiger Ueberraſchung. „Kommen Sie 
hierher, Herr Abbe, niemand wird Sie beſſer aufflären 
fönnen als ih.” Cie traten in das fanft erhellte 
Spredzimmer ein, in dem die weißen Roſen des 
Ruhealtars, der für den Marienmonat vor dem 
Standbilde der Jungfrau mit dem langen, zur Erde 
fallenden Roſenkranze errichtet worden war, ihren 
Duft ausjtrömten. Schweſter Martha nahm mit 
einer ihrer heftigen Ignorantinerbewegungen von 
einem Bücherbrett der Bibliothek ein dickes Eintrags» 
buch mit grünem Rüden herunter und jagte, nachdem 
fie raſch darin geblättert Hatte: 

„Hier it das genaue Datum von dem Eintritt 
unjerer fleinen &ydie in dem Waifenhaufe... am 
28. Oftober 1860. Es find nun bald neunund« 
zwanzig Jahre, es war das erjte Jahr meines No— 
viziates, und darum find mir wohl auch alle, ſelbſt 
die fleinften inzelheiten diejer Aufnahme gegen— 
wärtig... Es war acht Uhr, wir waren beim Abend» 
gebe. Marie von Bethanien, unjere Schweiter 
Pförtnerin, die Ihnen joeben aufgemadht hat, trat 
mit entjeßter Miene an Fräulein von Bouron heran. 
Sie hatte joeben vor ihrem Schiebfenſter ein Kleines 
Mädchen von achtzehn Monaten oder zwei Jahren 
vorgefunden, das eingeichlafen und halbnadt in einer 
Dede ftedte, auf der, wie ein großer Schmetterling, 
ein weißes Papier fejtgeftedt war, das in einer 
großen, ungeſchickten Handſchrift den Namen ‚Lydie‘ 
trug.“ 

„Es ftimmt genau,” jagte der Vikar, über den 
Yolioband gebeugt. 

Die Irländerin fragte jtrahlend: „Sie haben 
aljo ihre Familie wiedergefunden? Ich war über- 
zeugt davon... Es find Leute aus unjerer Gegend, 
nicht wahr?“ | 

„Nein, meine Schweſter.“ 

„Dhne Zweifel hoher Adel?” 

„D, weit entfernt.“ 

„Aber ich erinnere mich doch,“ beharrte die Ir— 
länderin, „auf der Dede, einer großen Pferdedede, 
war eine Krone und ein Wappen mit einem bildlich 
dargeftellten Namen eingeftidt. Sehen Sie, auch 
unjer Regijter erwähnt es.“ 

„Ich fürchte, es war eine gejtohlene Dede,“ 
lagte der Vifar der fleinen Kirche mit einem freund 
lihen Lächeln. 

Die Jrländerin rief empört aus: „Geltohlen! 
Aber woher ftammt fie dann, das unglüdliche Kind?“ 

Der Vikar bat, ihn zu entichuldigen, wenn er 





— — — a ee — 


680 Alphonſe Daudet. 


nur Richards Frau ſelbſt das Geheimnis ihrer Geburt 
enthüllen könne. Er habe ſich dazu einem alten 
Großvater gegenüber verpflichtet, der, dem Tode ſehr 
nahe, ſeine kleine Lydie wiederſehen wolle: „Wenn 
ich zuerſt hierhergekommen bin, meine Schweſter, ſo 
geſchah es, um mir für gewiſſe Einzelheiten, gewiſſe 
Daten die Beſtätigung zu holen. Denn der Bericht, 
der mir gemacht wurde, war recht verwirrt und wurde 
von einem zahnloſen, von Alter und Krankheit ent« 
ftellten Munde geftammelt, der aber, wie ich fehe, 
doch die Wahrheit gelagt bat.” 

Er Stand auf. Auch Schweſter Martha erhob 
ih, ohne weiter in ihn zu dringen, da fie, wie fie 
ſagte, jeine Zurüdhaltung um fo mehr billigte, als 


fi der Jlufion hingebe, daß die junge Frau von 
hoher Geburt Jei. 

„Da fehlt’8 aber-arg, uj jeh!“ ſagte der Vikar 
in feiner derben Arièger Sprechweije. — 

Sehr ſpät am Abend ging er mit Lydie am Ufer 
der Seine entlang. Sie war mit diejen jchmalen 
Graspfaden wohl vertraut, die fie doch fo oft be» 
Ichritten Hatte, wenn fie ihren Mann begleitete, um 
die Reufen ihrer Fiſcherei auszumerfen oder einzu— 
ziehen. In einen großen Spibenfchleier gehüllt, ging 
fie vor dem Priefter her und madte ihn auf ein 


— —— 


| 
| 
| 


„Ic danke Ihnen, meine Gute,“ jagte der Vikar, 
„jest warten Sie hier, ich werde Sie rufen.” 

Sanft ſchob er Lydie, die am ganzen Körper 
zitterte, vor fich hinein. In einem feuchten Durd- 
einander von Nuderjtangen, Bootähaden, Neben, 
Pfählen und Angelruten jtanden zwei jilberne Leuchter 
auf einem mit einem weißen Tiſchtuch bededten 
Kaſten, der zur Aufnahme des Viatitums hergerichtet 
worden war; dadurch war an dem Stopfende des 
Totenlager8 ein heller und ſauberer Winkel ent 
itanden. Die Hände, die Arme, der ganze Körper 
des alten Bettlers verſchwanden wie die Kleidungs⸗ 
ftüde, die auf dem ärmlichen Bette lagen, im uns 


| beftimmten Dunkel; nur der Kopf tauchte ftill und 
alle Welt, ſowohl bei Yenigand ala im Waifenhaufe, | 


Erdloch aufmerkjam, auf den Ring, an dem ein Boot | 
feitgemat war, denn er ging nur zaudernd vor= | 


wärts, da jeine Hände, in denen er das Viatikum 
trug, behindert waren. Trokdem die Nacht Har war, 
war ein dichter Nebel vom Water aufgeſtiegen, der 


die beiden Ufer vereinigte und fid) in leichten Schichten | 


bi3 zur halben Höhe des Abhanges ausbreitete. Als 
fie fi) dem Heinen Hafen näherten, in dem Richards 
Boote feſtgemacht waren, erblidten fie durch die 
ſchlecht in einander gefügten Bretter der Hütte ein 
Licht. Gleichzeitig ftürzte ihnen ein ſchmächtiger 
Schatten entgegen. 

„Seid Ihr es, Mutter Lucriot?“ 

„Ja, Herr Abbé, aber Sie bringen uns den 
lieben Gott zu ſpät. Der Vater Georg hat aus— 
gelebt.” | 

Der Heine Schatten gejtifulirte mitten im Nebel 
wie eine Mlarionette hinter einem Oelpapier und 
berichtete mit Worten und Geberden von den lebten 
Augenbliden de3 armen Alten. Den ganzen Abend 
habe er unverjtändliche Worte gemurmelt und mit 
feinen Katzenaugen nad) der Thür geſchielt; dann, 


als der Arzt eingetreten ſei, habe er fich in feinem 


Bette aufgerihtet und ſei, als er das nicht erfcheinen 
jah, was er erwartet Hatte, mit offenem Munde 
zurüdgejunfen, ohne mehr einen Atemzug zu thun. 
Glüdliherweife Habe Mutter Lucriot eine Flaſche mit 
Weihwaſſer bei fih gehabt und jeit einer Stunde 
hielte fie bei ihm die Totenwache. 








i 


ſtolz hervor, nicht mehr weinrot und aufgedunen, 
fondern wachsbleich und von entjtellenden Runzeln 
befreit. Auch der Bart machte, entwirrt und ge 
ordnet, einen majeltätiihen Eindrud, und man mußte 


ı unmillfürlih an den alten König Lear der Land— 


Straße denten, der von Schlage getroffen worden 
war, während er jeine Cordelia erwartete. 

Lydie hatte der undefinirbare Ameifengerud, den 
die Kleider und die Fleinen, winfeligen Wohnungen 
des wahren Elendes auäftrönen, der „Armengeruch“, 
zuerft den Atem benommen, dann aber war fie fofort 
von der Größe und Schönheit dieſes Bildes von einem 
alten Bettler ergriffen worden. Und angefichts des 
alles glei) macjenden Todes war die Scham, die fie 
jeit diefem Abend verzehrte, Seit fie wußte, dap fie 
die Enfelin dieſes Landſtreichers war, einem zärt⸗ 
lichen und ehrfurchtsvollen Mitleide gewichen. Der 
Prieſter hatte fie faſt gegen ihren Willen mit ſich 
gezogen, denn jie war empört, wütend und wollte 
gegen dieſe entehrende Herkunft protejtiren, dem 
Greije zurufen: „Sie lügen..." Seht, al& fie ſich 
über das blafje Gejicht beugte, in dem fie vielleicht 
eine Aehnlichkeit entdedte, traten ihr die Thränen in 


die Augen, da fie an das von Nufopferung und 


Elend erfüllte Leben dachte, von dem ihr Ceres er 
zählt Hatte: 

... Ein Herbjtabend auf der Straße von Gorbeil. 
Ein Wagen kommt dahergefahren, in dem Zigeuner- 
volf fißt, Korbwarenhändler, Scherenichleifer, Wahr: 
lager. €3 fehlt an Brot und die Räder freifchen. 
weil jie längſt nicht mehr gejchmiert werden konnten. 
Da ruft am Eingange von Soiſy da3 ſchöne Waijen- 
haus mit den neuen Dächern und den hellen Bor« 
hängen bei dem fahrenden Volke den Gedaufen wad), 
einen von ihren Heinen, hungrigen Schreihälfen, den 
jüngſten, das Heine, engelhafte Mädchen, da zu laſſen, 
und als der Tag ſich geneigt hatte, legten fie e8 unter 


‚ dem Thorbogen nieder, auf dem ſich ein Kreuz erhob. 


Am erjten Abend Hatte die Mutter geiveint, aber 
unter all den anderen, die ernährt werden mußten, 
tröftete fie fi) damit, daß wenigſtens dieſe dem Elend 





Die kleine firde 


entriffen jei, und als erjt die Räder etwas weiter 
gerollt waren, dachte niemand mehr an das kleine 
Mädden, niemand außer dem alten Großvater, der 
allein zurüdgeblieben war und ſich fein Brot in der 
Umgebung des Stlojter3 von Soiſy zufammenbettelte, 
um jehen zu föürınen, ob man da8 verlajjene Find 
aufnehme, und der dreißig Jahre hindurch big zu 
feinem Tode fich nicht mehr aus der Gegend ent= 
fernte, der die Hübjche, kleine Zigeunerin vorbeigehen, 
heranwachſen, zum jungen Mädchen erblühen und zur 
jungen rau werden jah, ohne daß er ein einziged= 
mal das Geheimnis jeiner erniedrigenden Baterfchaft 
verraten hätte. 
Und in Lydie jteigen jeßt die Erinnerungen auf 

... Die Donnerdtagsipaziergänge, an denen der alte 
Bettler auf der glühenden Straße von weiten folgte. 
„Lydie, Dein Armer!“ ſchrieen die Kleinen. „Lydie, 
Dein Liebhab er!“ flüſterten die Großen. Und alle 
zeigten lachen d auf den Landſtreicher mit dem kahlen 
Schädel, über den ſich eine dide, blaue, von der 
Sonne angefchwellte Ader Hinzog... Und wieder 
andere Zage, an denen der Boden überſchwemmt 
war, heftige Windjtöße den Herbſtregen vor fich her 
jagten und den Horizont mit einem ungeheuer großen 
grauen Neß von engen, zitternden Majchen über» 
zogen, zwilchen denen die Gejtalt des Vaters Georg 
ihtbar wurde, der auf einem Grenzſtein ſaß und 
zum Sprechzimmer des Waiſenhauſes hinaufblidte, 
während das Waſſer von ſeinem Bart und ſeinen 
Augen herablief ... Und jener Morgen im vergan—⸗ 
genen Winter, während ſie ſich als Geneſende im 
Kloſter befand, als man den alten Bettler im Schnee 
auffand, in dem er die ganze Nacht ſchlafend zu— 
gebracht hatte. . Und jener andere Morgen vor 
zwei Jahren, der troß der hellen Julijonne jo traurig 
war, ald Lydie aus dem Gitterthore in den Wald 
hinauätrat und ihr Water Georg plößlid) den Weg, 
die Flucht vertrat, als ahnte er ihr tolles Vor— 
haben und als ſuchte er es zu verhindern. O ja, 
er wußte, daß ſein Kind ihm entichlüpfte, vielleicht 
für immer verloren war, und das verzweifelte 
Schluchzen, da3 fein Abſchiedsgruß für fie war, hätte 
Lydie verraten müflen, welch herriſche und zärtliche 
Hingebung unter diefem Haufen von Lumpen wohnte 
... Armer Vater Georg! Nach) all den Leiden hatte 
die leßte Freude, fein Kind nur einmal, nur ein 
einzigeamal jehen und in die Arme jchließen zu 
dürfen, dieſer Wunſch feines legten Atemzuges, nicht 
in Erfüllung gehen follen. Sie war zu ſpät ge 
lommen, feine Cordelia, und fragte fid) angefichts 
des Ahnherrn, der ſich zur ewigen Ruhe niedergelegt 
hatte, womit fie jo viel entjagende Liebe wettmachen 
könnte. 

„Drücken Sie ihm die Augen zu, gnädige Frau, 
das iſt alles, was er von Ihnen begehrte.“ 


681 


Sie erzitterte bei den Worten des Prieſters, beugte 
ſich über die Stirne des Toten, der ſchon kalt und 
ſtarr war wie ein Stein, und küßte ſie. Dann ſchob 
fie die lebloſen Augenlider über die verglaſt drein— 
blickenden, gebrochenen Augen. „Das iſt auch alles, 
was ich ihm geben konnte,“ murmelte ſie und fuhr 
dann, zu dem Vikar gewandt, fort: „Ich bitte Sie, 
Herr Ceres, halten Sie mich nicht für die hochmütige 
und herzloſe Frau, als die ich Ihnen erſcheinen muß, 
das, was heute abend hier vorgekommen iſt, unter 
uns, ganz unter und zu bewahren.“ 

„Ich wollte es Ihnen eben vorſchlagen,“ fagte 
der Geiftliche kühl. „Ich begreife die Yamilienrüd- 
ſichten ...“ 

Aber ſie unterbrach ihn: 

„Nein, Sie wiſſen nicht ... Sie können nicht 
wiſſen. Die Rückſichten, von denen Sie ſprechen, 
hätten mich nicht daran gehindert, meine Herkunft 
einzugeſtehen und dem alten Großvater ein Leichen— 
begängni3 zu bereiten, das feines Mutes würdig 
gewejen und bei dem id) ſelbſt an der Spike des 
Leichenzuge3 gegangen wäre. Das wäre ich ihm 
wohl ſchuldig geweſen. Aber jchrediiche, unvorher« 
gejehene Umftände._.. Man Hat foeben meinen 
Mann verhaftet, Herr Gere... gerade heute abend, 
in der Sache de3 Prinzen von Olmüß... Es han« 
delt ih um einen Mord und Richard iſt angeflagt. 
Dos erflärt Ihnen auch die Verwirrung, in der wir 
una alle auf dem Schloſſe befanden und wie mein 
Meggang unbemerkt bleiben konnte. Als Sie an- 
famen, hatten wir eben die Nachricht erhalten. Sie 
fünnen ji das Entjeßen, die Verzweiflung meiner 
Schwiegermutter vorfjtellen. Ihr Sohn des Mordes 
angellagt, ein Yenigan im Gefängnis... Und wie 
e3 Icheint, un mid), um feiner Frau willen. Sie Hugt 
mid) nicht an, die unglüdliche Mutter, aber ich errate 
lie. Iſt e8 da denkbar, daß zu allen ihren gerechten 
Beichwerden die uber meine Herkunft, der Mafel 
kommen follte, den ich) dem Namen der Fenigans 
angeheftet habe, die durch mich Verwandte des Vaters 
Georg geworden find. Nein, ih würde nicht den 
Mut Haben, es ihnen mitzuteilen, ebenjo wenig ihr, 
wie ihrem Sohn... Ja, wenn man wüßte, daß 
Richard fich feine Frau aus dem Wagen einer herum« 
ziehenden Wahrjagerfamilie geholt hat, jo würde 
jogar in der öffentlichen Meinung und in der An— 
\hauung de3 Richter das Bild meines Mannes an 
jeiner Makellofigfeit verlieren, er würde gefunfen, 
heruntergelonmen erjcheinen, und das könnte ihn noch 
mehr gefährden.” 

Der Abbe Geres, in deſſen energijchen und be= 
weglichen Geſichtszügen alle jeine Gefühle deutlich zu 
leben waren, war zuerjt ganz erjtaunt und dann bei 
den Gejtändnifjen der jungen rau tief bewegt; ver- 
traufich ergriff er ihre Hände und ſagte: 


—— ae ren 


1 
| 
. 
a 





682 Alpbonfje Daudet. 


„Sie haben hundertmal recht, mein liebes Kind, | hatten, jo fonnten da3 Datum 1802 und der Name 
aber jeien Sie ruhig, das ift ja eine Art Beicht- Mendelſohn immerhin richtig fein. 
geheimnid. Niemand hat Sie hier eintreten ſehen, „Es ijt ein berühmter Künſtlername, nicht wahr, 
als die Mutter Lucriot, für die ich einftehe, übrigens ! gnädige Frau?“ fragte der Vilar. Er wollte damit 
weiß man ja, daß Sie immer ein Herz für die ; offenbar ihren Schmerz abſchwächen, denn er nahm 
Armen hatten, und befonders für diejen Hier. Ihre . an, daß ihr Stolz ftärker getroffen war, ala jie cin 
Anweſenheit in der Hütte, in der Sie ihm ein Ob» geſtehen wollte. Sie nidte leife mit dem Haupte. 
dad) gewährten, würde übrigen? aller Melt ganz In ernfter Haltung ftand fie jchweigend da und hielt 
natürlich erjcheinen, bejonder3 da Ihr Mann ſelbſt daS Heine Buch des Elend3 in der Hand, in dem 
die Kojten der Beerdigung auf fih genommen hat.” der große Name auf dem beſudelten, zerfnitterten 


Und da Lydie erftaunt aufjah, erzählte er ihr von | Blatt einen ebenfo eigentümlichen Gegenjaß bildete, 
der Begegnung, die er mit Ridyard und dem Unter» | wie ihre elegante Erjcheinung in der ſchmitjigen 
ſuchungsrichter auf der Landſtraße gehabt Hatte. Baracke zwiſchen den ſchwarzen, geteerten Wänden. 
„Der Gute...” jeufzte Lydie, bis zu Thränen Der langgezogene Pfiff eines Schlepper3, der die 
davon gerührt, daß er mitten in dem Drama, mitten : Schleufe paffiren wollte, riß die aus ihrem 
im Kampfe um fein Lchen an ihren Armen gedaht Traume. Die Lichter begannen zu qualınen; große 
hatte. Der Geiftliche fuhr fort: „Ich denke, die Be- | Schatten glitten über das mattbleiche Geficht dei 
erdigung wird morgen jtattfinden, jehr würdig. aber Zoten hin, während der Priefter vor dent ärmliden 
jehr einfah. ch bitte Sie, mir Ihre Einwilligung Bette fniete und betete. Lydie fand nicht den Mut, 
dazu zu geben, daß ich am nächſten Sonntag die dasſelbe zu thun. Zu viele widerjtreitende Gefühle 
Meile in der Heinen Kirche als Totenmeſſe Iefe, von | hatten fie mehr aufgeregt als wirklich bewegt, und 
der wir beide allein wiſſen werden, wen fie gilt. | fie hatte hauptſächlich das Bedürfnis, ſich zu ſammeln, 
Auf dem Friedhof von Draveil wollen wir ihn nicht ſich zu fallen. Einen letzten Blid noch warf fie auf 
auf der NArmenabteilung begraben. Da ich von | ihren Armen, den fie um jeinen tiefen Schlaf be- 
Herrn Rihard dazu bevollmädtigt bin, werde ich | neidete, und dann war fie draußen... 
eine Heine Grabftelle faufen, |d nah wie möglid) an „Wünjcht die anädige Frau, daß ich fie begleite?” 
der Landftrake, auf der diefer wandernde Gefelle | flüjterte die alte Lucriot, die, den Kopf in ihre Röde 
immer gelebt hat, und werde einen großen ſchwarzen vergraben, auf dem Hinterteil eines kleinen Bootes 
Stein beitellen, auf dem das Datum feines Todes eingeſchlafen war. 
und feiner Geburt ſowie fein Name eingegraben „Danke,“ jagte Lydie, die möglichft bafd allein 
werden jollen, den ich in diefem Büchelchen Hier ge= | fein wollte, und dann entfernte fie ſich in dem Nebel, 
funden habe.” der inzwilchen noch dichter und dunkler geworden 
Er nahm vom Kopfende des Bettes ein Feines, | war. In der Ferne verfperrte die Schleufe ben 
Ihimmeliges, ſchmutziges Heft, das von dem Ächred- | ganzen Horizont mit ihrem ununterbroddenen bumpfen, 
lihen Geruch ganz durdtränft war. Es war eine | donnerähnlihen Grollen, in dem der verzweifelte 
jogenannte Identitätsbeſcheinigung, in der zwiſchen Schrei des Schleppers verhallte Sie Hatte das 
Amtsjtempeln und den Spuren ſchmutziger Finger | Gefühl, als fei fie das, als jei das ihr unglüclliches 
zu lefen ftand: Leben, das um Hilfe rief, um Hilfe ſchrie. Eo 
„Georg Mendeljohn, genannt Vater Georg. 5 a es gi all den — — 
F endlos langen Tages in ihrer armen Seele aus! 
ongegeunn eo Was hatte ſich nicht alles ereignet! Am Morgen die 
Das war alles, was man bei ihm gefunden hatte, Auffindung des Toten auf dem Raſenplatz, dann 
dieſes Büchelchen und den Schlüſſel „ſeiner Hütte”, | Richards Verhaftung und endlich, während ſie ſich 
wie er ſagte, einen ungeheuer großen Schlüſſel, den | vergeblich abmühte, den wunderlichen Zettel zu ver⸗ 
er, jorgfältig an einer Heinen Kette befejligt, direkt | jtehen, der ihr au& dem Gefängnis zugegangen war, 
auf der Haut am Halje trug. Der arme Menich | der Beſuch des Abbe Ceres, der fie an da3 Kranken⸗ 
war jo alt, jo frank, ſein Gedächtnis war in allen | bett des Vaters Georg führte!... Das aljo ftedie 
Dingen, die nicht die „Kleine“ betrafen, jo unzuver= | hinter jener Krone und jenem Wappen, den goldenen 
läſſig, daß der Geiftliche nichts Genaues über feine | Träumen ihrer Kindheit, in die fie fich in trüben 
Heimat, jeinen Namen und feine Yamilie in Erz | Stunden gehült, zu denen fie ſich mit ihrem 
fahrung hatte bringen können. Die Welt begann | Stolz und ihrer unbewußten Empörung geflüchtet 
und endete für ihn mit Lydie, alles übrige verſchwwand | hatte. Jetzt war ja ihre adelige Herkunft fejtgejtellt, 
im Staub und Nebel der Tandftraße. Da aber die | ihre Abenteuerluft und ihre Wandertrieb erklärt! 
Beicheinigung bei jeiner Ankunft in Soiſy ausgeftellt | Ihr armen, wandernden Arbeiter, Die ihr an der 
war, che noch Alter und Krankheit ihn geſchwächt Straßenede am Brunnen Raft machtet, ihre herum⸗ 





Die kleine Kirche. 


ziehenden Jahrmarktswagen, deren Rauch ſie nach— 
blickte, bis er ſich ins Graue verlor, darum liebte fie 
euch ſo ſehr! Ihr wart Genoſſen ihrer Heimat, ihres 
wandernden Stammes! ... Und als fie dann an 
Richard und feine Mutter dachte, die ſchlichten, ſried⸗ 
lichen Exiſtenzen, die ihr Zigeunerblut bis zur Toll 
heit verwirrt hatte, da bedauerte Lydie aufrichtig, 
daß man ſie da unten in Quiberon nicht hatte ſterben 
laſſen. Einen Augenblick trat ſogar die Verſuchung 
zum Selbſtmord wieder an ſie heran: der Fluß war 
ihr ſo nahe, das Ufer ſteil abfallend, das tiefe 
Waſſer, auf dem lange Gräſer, das aufgelöſte Haar 
des Abgrundes, ſchwammen, ſchlug gegen die Brücken⸗ 
pfeiler und lockte hinab. Sie ſah ſchon, wie ſie am 
andern Morgen auf dem Selbſtmörderkarren das 
Ufer hinaufgefahren wurde... Plötzlich aber erinnerte 
fe jih an Richards Hingebende Liebe; fie dachte an 
das, was er für fie gethan hatte, und wußte dann, 
wo ihre wahren Pflichten Tagen. Nein, fie durfte 
niht mehr über ihr Leben verfügen. Und auch, 
wenn fie für ihren Gatten nicht das tiefe, ſüße Ge— 
fühl gehabt hätte, das ihre Brujt erfüllte, fie wäre 
es jih doch ſchuldig geweſen, ihm zu folgen, ihm bis 
zum Ende auf der verzweifelten Bahn zur Seite zu 
itehen, in die er fi) aus Liebe zu ihr gejtürzt hatte. 
Und während fie fich in ihrem glühenden, roman 
tiihen Köpfchen alle möglihen Entbehrungen und 
Opfer ausmalte, während fie fi) vorjtellte, daß fie 
mit ihm verbannt, unter den jengenden Himmel eines 
Deportationdortes verwiejen fei, weckte gerade das ferne 
Signal des Gorbeil paſſirenden Schlepper3 Richard 
yenigan auf, der ganz glüdlich darüber war, daß 
eriih an Stelle feiner rau in dem am Ufer licgen- 
den Gefängnis befand. 
XIX. 

Un einem leuchtenden Sonmermorgen, an dem 
fein Wölfchen am tiefblauen Himmel zu jehen, kein 
Lüften zu fpüren war, wurden in Grosbourg die 
Rajenjtüde gemäht. Auf den langen Raſenplätzen, 
die weiße mit Vaſen und Statuen geſchmückte Mar: 
morbaflujtraden einfaßten, büdten und erhoben ſich 
wieder unter dem fengenden Strahl der Sonne zwei 
Reihen von Mähern. Sein Gejang, fein Wort bes 
gleitete das ländliche Geſchäſt; man hörte nicht ein= 
mal die Sichel an dem Scleifjtein klirren. Wenn 
das Bild nicht von einem jo prunfreichen Rahmen 
umgeben gewejen wäre, hätte man glauben fünnen, 
eine Straftolonie bei der Heuernte zu jehen. 

Plötzlich ertönte ein fchriller, herzzerreißender 
Schrei, ein empfindungalofes, traurige Aufjchreien, 
wie man es in den Gärten der Irrenhäufer hört, 
und hallte von dem einen Ende des ungeheuren 
Gutes bis zum andern, von der Uferterraſſe bis zum 
Haupteingang , den großen, monumentalen Gitter: 


683 


thor, deſſen Embleme, vergoldete Liftorenfasces, an 
den ehemaligen Oberbefehlähaber der kaiſerlichen 
Reiterei erinnerten, Als dieſe verzweifelte Klage iiber 
die Najenpläße hin ertönte, hob jich nicht ein ein» 
ziger Kopf; die Arbeiter ſchienen unempfindlich zu 
jein wie die Bildjäulen. Man hätte meinen können, 
es handle fid um ein dem Haufe eigentümliches 
Geräuſch, das feine Bewohner ſchließlich gar nicht 
mehr hören. Aber in dem kleinen Eckſalon mit den 
gelbſeidenen Tapeten, in dem ſich der Herzog von 
Alcantara mit dem Richter Delcrous unterhielt, 
wurde das Geſpräch doch plötzlich unterbrochen, als 
der Schrei durch die hohen, halb geſchloſſenen Jalou—⸗ 
jien hereindrang. 

„Da hören Sie, mein Lieber, ijt e8 nicht ent: 
ſetzlich!“ jagte der Herzog. „Seit dem Mlorgen, an 
dent fie ſich troß aller unjerer Bemühungen das Fan— 
töme öffnen ließ, two fie ihren Sohn mit dem von 
dem Ungeziefer zerfreffenen ZTotengejiht auf dem 
Seziertijch liegen ſah, hat die Herzogin nichts mehr 
gejagt und feinen Menjchen mehr erkannt; Diejer 
traurige Schrei, den fie von Stunde zu Stunde aus— 
jtößt, ijt das einzige Lebenszeichen, das fie von ſich 
gibt. Und nun fiße ich hier, zwiſchen dieſem Toten 
und diejer Wahnjinnigen, in meinem Krankenſtuhl 
... Und Eie wollen mir davon Sprechen, den Mör- 


der laufen zu lajjen, mir aud) noch die Freude der 


Nahe zu rauben!“ 

Die Augen de3 Gelähmten, in denen allein nod) 
das Teuer ſeines nervöjen Lebens brannte, funkelten 
vor Wut, während fich der Richter, fehr beftürzt, 
verteidigte und fild ganz verwirrt ausdrückte. Der 
Herr Herzog könne doch an feinem guten Willen 
nicht zweifeln... die Verhaftung noch am felben 
Abend... die jhon drei Tage währende Untere 
ſuchungshaft ... und doch jei nichts, nicht das ges 
ringjte Reſultat erreicht. 

„Er führt Sie hinter's Liht... Sie find ihm 
nicht gewachſen,“ brummte der General. 

„ber im Gegenteil, mein teurer Herzog... er 
ſcheint ſich abjichtlich zu belaften, fich zu überlajten. 
Das ift rein unerflärlid). Ich Habe jekt den Beweis 
in Händen, daß er erft Montag früh, zwei Tage 
nad) dem Morde angelommen ijt... Und während 
fi) diefe Fährte allmälich verliert, komme ich auf 
eine andere, viel jicherere, two alles zujummenftinmt, 
die Etunde, der Tag, die Beweggründe, die Berichte 
meiner Agenten und anonyme Briefe, die mir zu— 
geihictt werden.“ - 

Delcrous hielt inne, da er in der halb offen 
jtehenden Ihüre einen Diener ericheinen fah: „Wer 
iſt da® Ich habe doch gejagt, daS man ung nicht 
jtören ſoll,“ Ichalt der General in feiner Kommandos 
jtimme. Der Diener 309 ſich erjchredt zurück. An 
jeiner Stelle verdunfelte ein riefenhafter chatten 





— — — — — — 
J 


684 | Alphonſe Daudet. 


den Eingang, und eine Stimme jagte: „Um Ber- | hören. Aljo, vorwärts, ſprich ... oder nein, warte.“ 


gebung, Herr Herzog.“ 
„ad, Ihr ſeid's, Eautecoeur?* 
Raſch und geräufchlos näherte jich Delcrous dem 


General und fagte: „Ic bitte Sie, empfangen Sie | 


diejen Menſchen; wenn Sie ihn geiprodyen haben, 
wollen wir weiter reden.” 

Der General zudte die Achſeln, zeigte ihm die 
Tapetenthüre, die in die Empfangäzimmer führte und 
ſagte: „Sehen Sie da hinein, ic) werde Sie dann 


rufen.” Dann wandte er fid) gegen die Freitreppe 


und rief: „Kommt herein, Eugen!” 


Abgemagert, zufammengejunfen, mit ſchwanken- 


den Beinen jchien der Indier eben cine ſchwere 
Krankheit überjtanden zu haben. Auch feine Stimme 
hatte an Metall verloren, obgleich cr ſich alle Mühe 
gab, beſtimmt zu ſprechen und aufrecht zu gehen, 
wie er aud) in Paradeunifornm und bewaffnet vor 
feinem Gebieter erichienen war. 

„Herr Herzog,” jagt er, vor dem General ftehend, 
während jeine Nugen id) an den Teppich hefteten, 
„ih wollte Sie bitten, mir meine Entlafjung zu 
bewilligen.“ 

„Warum?“ 

„Mein Sohn geht mit feiner Frau nad) Amerika. 
Die Kinder haben mich gebeten, fie zu begleiten; 
aber erjt wenn id)... wenn ich) mich‘ mit den Ge» 
richten aus cinander gejcht habe.” 

Der Herzog wurde in feinem Lehnſtuhl unruhig. 
„Mit den Gerichten? Was iſt Dir denn pajjirt ?“ 

„Eine häßliche Suche!” 

„Erzähle!“ 

„Weiß nicht, ob's gehen wird,” ſagte der Forjt« 
wart ganz leife. Er Ichnte fi an den Kamin und 
zitterte Dabei jo heftig, daß der Hahn der Flinte, die 
er umgehängt hatte, auf dem Marmor klapperte. Er 
mußte fi) wieder ganz gerade hinjtellen, um feine 
Geſchichte erzählen zu können. Sie war einfach und 
düſter, dieſe Geſchichte. Freitag nacht war er zu 
einem: Treibjagen auf die Wilddiebe fommandirt 
worden und kam gegen zwei Uhr morgens nad) Haufe, 
al3 er aus einem Fenſter jeines Haujes einen Mann 
ein paar Schritte von ſich entfernt in den Hof der 
Eremitage jpringen ſah. Es war dunfel. Er glaubte, 
es wäre ein Dieb, zielte auf3 Geratewohl, traf, und 
als er heranfam, um zu fehen, wer es war — 

Eine brutale Stimme unterbrad) ihn: 

„Du lügſt!“ 

Der Forſtwart fuhr kei dem beleidigenden Worte 
auf: 

„Herr General!“ 


„I Tage Dir, daß Du Tügft! Eo haft Du 


den Prinzen nicht getötet! Das weiß ich, ich weiß, 
was Du gethan Haft, jo genau, al3 wenn id) Dein 





Er rief heftig: „Delcrous!“ 

Als der Indier den Richter vom Gerichtshof in 
Corbeil, dem er fo oft in. Wilddiebsangelegenheiten 
Anzeige gemacht hatte, gewichtig hereintreten jah, da 
fühlte er feine Sniee wanken, als wenn ihm ber 
Scharfrichter ſchon die Hand auf die Schulter gelegt 
hätte und jagte: „Vorwärts!“ Seine breiten, flahen 
Wangen cerbleidhten und fielen ein. Er hatte wirt 


lich nicht gedacht, daß e3 fo raſch gehen würde. 


„Nun, Herr Unterfuchungsrichter,” ſagte der Her 
309 triumphirend, „ich hatte doch, wie mir ſcheint, 
einigen Grund, anzunehmen, daß der Efende, von 
dem wir ſprachen, die That fehr wohl nicht jelbit 
auageführt zu haben brauchte. Hier haben wir jekt 
jein Werkzeug und zugleih auch die Erklärung für 
alle die Alibis, die Sie außer Faſſung bringen... 
Vorwärts, Eautecoeur, wenn Du willſt, daß man 
gnädig mit Dir umgeht, jo erzähle uns genau, wie 
ſich alles zugetragen hat... . aber vor allen Dingen, 
feine Lügereien.“ Er glaubte, daß fein Forſtwart 


ſich zu Sprechen jcheute, und um ihm das beichäntende 


Geſtändnis zu erleichtern, Fam er ihm zu Hilfe, legte 
er ihm die Worte in den Mund: „Nun aljo, was 
hatte man Dir verſprochen? Mas hat man Bir 
gegeben? Denn Du Haft ja doch nicht auf eigene 
Rechnung gearbeitet ?“ 

Sautecveur richtete ſich kerzengerade auf, feine 
Wangen glühten, feine Stirnmusfeln waren firafj 
gejpannt, und nur mit der größten Anftrengung 
fonnte er feine Faſſung bewahren, als er fagte: „E3 
ijt ja möglid), daß dergleichen Streihe auch um Geld 
ausgeführt werden; daß aber mein Herr, nadden 
ih achtundzwanzig Jahre treu gedient habe, dreizehn 
Jahre in der Poſte-aux⸗-Lievres und fünfzehn Jahre 
in der Eremitage, mid für fähig Halten kann... 
ein!“ 

„Du wirjt uns dod) nicht erzählen mollen, daß 
die Geihichte, die Du vorhin zum beiten gegeben 
hajt, wahr wäre,” jagte der General höhniſch, dabei 
aber etwas verwirrt. 

„Vorhin Habe ich gelogen, Herr Herzog, aus 
einem dummen Stolz, zu dem ich Fein Necht mehr 
babe. Der Arm ift einmal gepadt, da wird mohl 
and) der ganze Kerl hinterdrein müſſen ... Nun, jo 
mag er denn in drei Teufelsnamen binterdrein fahren!“ 


Er ſtellte ſich ſeſt hin, ballte die Fäuſte und begann: 
„Bor zehn Tagen erhielt id) während der Abweſen⸗ 
heit meines Sohnes in der Eremitage ein Briefchen 


Gewiſſen wäre; aber ich will es Dich jelbft erzählen : 


ohne Unterjrift, in dem mir mitgeteilt wurde, daB 
id) in der folgenden Nacht zwiſchen Drei und fünf 
Uhr von der Pachomiuspforte aus würde fehen kön— 
nen, wie ein Mann durd) das Fenſter aus den Fim- 
mer meiner Echiviegertochter fteige. Nun muß id 
bemerken, daß id) feinerzeit Unglüd in der Che 





Die kleine Kirche. 


gehabt hatte. Ich hatte eine Frau, die ich liebte und 
die mir gehörige Hörner aufgeſetzt hat. Schließlich ging 
fie mit einem Gendarmen von Montperon durd) und 
ließ uns, da3 Kind und mid), allein in unferer Ein» 
öde der Pofte-aur-Lievres. Ein Nichts, nicht wahr? 
Aber jeit diefem Erlebnis habe ich einen Haß gegen 
alle Weiber behalten, und als mein Junge heiratete, 
habe ich mir das Mort gegeben, ein Auge auf fein 
Haus zu haben, feit entjchloffen, wenn es dazu fom= 
men Jollte, fein Elend und das meinige mit einem 
Schlage zu rähen. Da3 war in unjerer Gegend 
ſehr genau befannt und die, die mir den Brief ge= 
ihrieben haben, wußten jehr genau, was jie thaten.“ 

Delcrous fragte: ‚„Haben Sie diefen anonymen 
Brief aufbewahrt?” " 

„Lallen Sie ihn doch zu Ende erzählen,” ſagte 
der Herzog ungeduldig. 

„Juſt an diefem Freitag war alles auf den 
Beinen, um ein paar Lumpen aus Mainville abzu— 
fangen, die unfere beiten Rehe wegſchoſſen ... In 
dem Briefe ftand: zwiſchen drei und fünf. Gegen 
drei Uhr verließ ich meinen Poften in der Allee der 
grogen Eiche und verjtedte mid) in der Nähe der 
Vahomius- Pforte im Gebüſch. So wahr ich nun 
meine Flinte hier in meiner Hand Halte, wußte id) 
nit, wen meine Dirne von Schwiegertochter in 
ihrem Zimmer empfing. Ich hatte wohl gehört, daß 
der Prinz um fie herum ſcherwenzelte, aber nachdem 
ih mit der Kleinen eine Scene gehabt Hatte, hielt 
ih die Sache für beendigt, auch hatte mir der Brief, 
wie Sie jehen werden, meine Herren, einen ganz 
andern Kamen in den Kopf gejekt. Ucber eine halbe 
Stunde wartete ich Schon in cinem nicht enden wollen= 
den Plabregen, jo daß ich bis auf Die Knochen 
durchnäßt war, da hörte ich das Geräuſch eines 
Fenſterriegels. Etwa zehn Schritte von meinem 
Verjted enifernt jprang jemand Heraus und Tief 
davon. Man fonnte nicht recht jehen, wenn er aljo 
weitergelaufen wäre, hätte ich leicht fehlen können. 
Unglüdlicherweije blieb er aber ftchen, um eine rt 
von Regenſchirm, den er bei ſich trug, aufzujpannen, 
und ich drüdte ab. Der Menſch machte ein paar rajıhe 
Schritte vorwärts, dann ftürzte er in den Graben, 
ohne ſich auch nur zu rühren, wie ein Tier, das jeine 
Ladung hat. Dann lief ih ins Haus. Die Kleine 
that als jchliefe fie und Hatte ihre Dede bis über 
die Augen hinaufgezogen: ‚Steh auf und nimm die 
Laterne‘ jagte ich ihr, ‚id Haube Deinen Liebhaber 
getötet, fomm und Hilf mir ihn vergraben.‘ Sie 
zitterte vor Angft, und ich brauchte e3 ihr nicht zum 
zweitenmale zu jagen, das können Sie mir glauben 
-.. Noch in diefem Augenblid hatte ich feine Ah— 
wung davon, was id ala Opfer meiner Büchſe finz 
den follte. Der beſte Beweis dafür ift, daß ich, ala 
wir beide im Graben neben dem unbewveglichen 

Aus fremden Zunge. 1805. II. 15. 


685 


Körper jtanden, meine Schwiegertochter fragte: ‚Wer 
iſt es? — ‚Sehen Sie hin,‘ fagte fie mir ganz leiſe, 
indem fie die Laterne hinunter hielt... Ach, Herr 
Herzog, ala ich fah, was ich gethan hatte...“ Er 
wijchte ſich mit dem Aermel feines Dienftrodes die 
triefende Stirne. Der Herzog beobachtete heimlich) 
den Eindrud, den diefe Erzählung auf Delcrous 
madte und fragte jeinen Jagdhüter im ruhigften 
Tone: 

„Womit haft Du gejchofjen ?“ 

„Mit Rehpoſten.“ 

„Und wo haſt Du ihn getroffen?” 

„Er hat nicht die ganze Ladung bekommen ... 
Nur ein Loch, da, in der Schläfengegend.“ 

Es entjtand eine ſchreckliche, ſſumme Paufe, wäh 
rend der wieder der Schrei der Mutter ertönte, ala 
babe fie joeben die Wunde gejehen, das Loch, da, in 
der Schläfengegend. Dann begann das Verhör 
wieder von neuem: | 

„Du ſagſt, daß er dicht bei der Eremitage ge— 
fallen ift, und doch hat man ihn nicht dort ge- 
funden?” 

„Wir Hatten ihn erjt in eine alte Steingrube 
gelegt, wie es deren an diejer Seite des Waldes fo 
viele gibt, und ihn mit Dorngeſtrüpp und Laub zu« 
gededt. Als wir dann, immer noch ganz ftarr vor 
Schreck, nad) Haufe gefommen waren, fam uns der 
Gedanke, ihn aus der Grube herauszuholen und auf 
den NRajenpla bei dem Feniganfchen Park nieder 
zu legen. Die Kleine hielt die Laterne; ich trug den 
Toten in meinen Armen wie ein ind, ich bin jchr 
ſtark.“ 

Jetzt nahm der Richter eine ſchlaue Miene an 
und fragte aus ſeinem Winkel: „Und was ſollte der 
aufgeſchlagene Sonnenſchirm über dem Kopfe?“ 

„Ich erinnerte mich daran, daß man einmal im 
Wald von Fontainebleau eine Frau tot unter ihrem 
Sonnenſchirm auffand, die acht Tage ungeſtört auf 
derſelben Stelle gelegen hatte.“ 

„Und warım in der Nähe des Feniganſchen 
Parkes?“ 

Sautecoeur reckte ſeinen Hals und ſtammelte: 

„Das war ein gemeiner Gedanke, Herr Delcrous 
... der Gedanke eines Feiglings, für den ich mid) 
jebt jirafe, indem ih ihn Ihnen eingeftehe. Nach 
den Gejhichten, die zwilchen dem Prinzen und Frau 
Richard Fénigan vorgefallen waren, war e3 leicht 
möglid), daß man den Verdacht gegen den Gatten 
richtete... Aber ich mu) doch Hinzufügen, daß wir, 
meine Schtwiegertochter und ich, nie auf diejen Ge— 
danken gelommen wären, wenn uns nicht ein Brief, 
den der Prinz bei fi) trug, darauf gebracht hätte.“ 

„Nun endlich, find wir jo weit!“ ſchrie der Her: 
30g in wild erregter Heftigfeit. „Gejtehe doch, daß 
Du ihm die Taſchen durchſucht haft, um die Bapiere 

87 


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g. 
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« hl . 


686 Alphonſe Daudet. 


an Dich zu nehmen, die der Mann haben wollte... 
Geftehe das, und wir wollen Di) in Ruhe laſſen.“ 

Der Jagdhüter zog, ohne zu antworten, einen 
Brief und ein Täſchchen aus feinem Rod. „Der 
Prinz von Olmüß,” fagte er ernft, „hatte außer den 
Gegenftänden, die Ihnen übergeben worden find, 
dieſes Tälchchen hier bei ſich und dieſen unverjchlofe 
ſenen Brief, den er an einen feiner Freunde jchrieb. 
Er wollte mit der Abjendung desjelben warten, bis 
er erfahren hatte, ob die Nacht Schön gewejen war... 
Ich hätte ja den Brief zweifello8 nicht leſen follen, 
aber id) hatte meinen Kopf jo vollfommen verloren, 
und meine Schwiegertocdhter wiederholte mir dazu 
nod fortwährend: ‚Vielleicht jteht etwas darin, 
wodurd man uns fallen könnte.‘ Und in der That 
it diefer Brief das Beweisſtück für alles dus, was 
ich gejagt Habe. Wenn Sie ihn lejen, werden Sie 
jehen, daß ic) nicht gelogen habe und daß ferner der 
unglüdlihe junge Mann mit eigener Hand die 
Schlinge gelegt hat, in der er dann den Tod ge= 
funden bat.“ 

Er legte auf ein Pult, daS zum Gebrauch de3 
Kranken an den Stuhl herangerüdt war, den letzten 
Brief an Vallongue und ein Schildpatttäjchchen. 

„Und die anonyme Anzeige, die Sie erhalten 
haben, wo ift fie?” fragte Delcrous, während der 
Herzog las. 

„Ich Habe fie bier... Wenn der Herr Unter» 
ſuchungsrichter Einfiht nehmen will!” 

„Sieh da... Die Handichrift einer Frau und 
zwar die einer ungebildeten Yrau... Ab, alle 
Teufel...” Er zitterte, während er halblaut zum 
Forſtwart redete, als fürdhtete er, daß der Vater ihn 
hörte: „Sie waren aljo der Meinung, auf Nlerander 
zu ſchießen?“ 

„Ja,“ jagte der Yörjter und nidte daher mit dem 
Kopfe. 

Der General, der während der ganzen Zeit wi» 
tend feinen Schnurrbart gedreht hatte, Jah von dent 
Brief an Vallongue auf und Jagte: 

„Und dod) find da Dinge, die ic) mir nicht er— 
fären fann... Was bezwedt zum Beilpiel der 
Schritt, den Du eben jebt unternimmft... Und 
warum haft Du ihn nicht jchon früher gethan?“ 

„Ah, Herr Herzog, die Weiber... Ich habe den 
Bitten meiner Schwiegertodhter nachgegeben, die ihren 
Mann wie das hölliiche Feuer fürchtet und ihm alles 
verheimlichen wollte. So kam es denn, daß der gute 
Junge die ganze Zeit mit und zujammen lebte, ohne 
von etwas eine Ahnung zu haben. Er fuhr in fein 
Geſchäft und ſprach im Waggon mit aller Welt über 
die Sache ... IH, nun, Sie fünnen fi denken, 
wie mid die Sache mitnahm! Der Gedanke, daß 
ein Unfchuldiger meinetiwegen im Gefängnis jaß, 
vielleicht verurteilt wird... Geftern endlih, wir 


jaßen alle drei bei Tiſch, ſah mein Sohn, dag id, 
ohne etwas gegeljen zu haben, meinen Zeller zurüd- 
hob, wie mir das feit einigen Tagen jchon öfter 
pajjirt war, und jagte: ‚Heraus mit der Sprade, 
Bater, was haft Du Da fonnte ich nicht mehr 
an mid halten, es laſtete zu ſchwer auf mir, und 
ih jagte ihm alle... Ach, der arme Junge! Ih 
dachte, der Schlag, den ich ihm verfeßte, würde ihn 
jäh zu Boden ftreden. Seine Frau warf ji vor 
ihm auf die Kniee, er fah fie nicht einmal an; an 
jein eigenes Unglüd dachte er gar nicht. ‚Nein, nein,‘ 
lagte er, ‚zunächft Handelt es fi) nur um den Vater! 
Der Bater hat gefehlt, das muß er jühnen!" Ad, 
das find Augenblide in einer Familie! ... Schlud. 
zend umarmten wir uns alle drei. Ich habe ihm 
geſchworen, daß id) Sie heute morgen aufjuden 
wolle... und ih bin hier!“ 

„Das alles klingt nah Wahrheit,” murmelte 
Delcrous. | 

„Und es ftinnmt mit dem zufammen, was id) jo- 
eben gelejen habe,” jagte der General wie bedauern. 
„Unerflärlich ift nur noch der Rehpoſtenſchuß, deiien 
Spur die Aerzte nicht haben auffinden fönnen, da 
das Geſicht ſchon ganz zerjtört war... Und doch 
ijt der Körper nur zwei Tage im Walde geblieben!“ 

„Ein Wilddiebäfniff, Herr Herzog,“ antwortete 
Sautecveur ſchaudernd, „aber ich würde mir lieber 
die Zunge außreißen, ala...“ 

„Als dem Vater erzählen, daß man jeinen Sohn, 
um ihn unfenntlid zu madjen, eine ganze Nacht die 
Beine in der Luft, den Kopf bis zu den Schultern 
in einem Ameijenhaufen an einer Birke hatte hängen 
lafjen.” 

Der Nichter hielt den Brief von Charleris in 
ber Sand und flüfterte denn General ins Chr: „Habe 
ih Ihnen nicht gejagt, daß es eine faljche Fährte 
war... Es ift ja ganz far, daß dieſer Menſch der 
Mörder iſt; und wenn Ihnen daran liegt, fi zu 
rächen ...“ 

„Mich zu rächen, an dieſem Kerl! ... Neun, 
nein, mein Lieber, mit Yenigan hatte ich es vor... 
aber der da...“ 

„Um fo mehr, als dieſer Brief bei den Alten 
eine Verurteilung jehr erſchweren würde.“ 

Der Herzog beſann ſich einen Augenblid und 
ſagte dann entſchloſſen: „Ich glaube, daß der gute 
Name des Prinzen und unferer Yamilie, wenn bie 
Sude ruhbar würde, nicht gerade gewinnen würde, 
ebenfo wenig wie durch die cyniſchen Bekenntniſſe 
diefer beiden jungen Ehrenmänner ... Wenn irgend⸗ 
wo, jo ijt hier eine der belichten Niederichlagungen 
am Platze —“ 

Der Beamte mit den Wolfszähnen und den hin⸗ 
ausſtarrenden, von Le Nötre aufgebauten Bartfote- 
letten unterbrach ihn lebhaft und wandte fi an 





Die kleine Kirche. 


Sautecoeur, der immer noch kerzengerade, die Mütze 
in der Hand, unbeweglich daſtand: „Sie hören, der 
Herr Herzog will dieſe unſelige Angelegenheit nicht 
weiter verfolgen. Verlaſſen Sie die Gegend ſo bald 
wie möglich, ohne gegen irgend jemand etwas davon 
zu erwähnen; es hängt nur von Ihrer Vorſicht ab, 
daß Ihnen keine weiteren Unannehmlichkeiten zu— 


ſtoßen.“ 


Der Forſtwart verbeugte ſich: „Danke, meine 


Herren.“ An der Thüre fragte er noch, ehe er das 
Zimmer verließ, zögernd: „Und Herr Richard?“ 

„Seien Sie ohne Sorgen... Herr Richard wird 
heute noch vor Abend nach Uzelles zurüdfehren.” 

Als Delcrous dem Förſter diefe Verficherung 
gab, fragte ihn der General übellaunig: „Heute nod) 
vor Abend? Und warum? Sie können es wohl 
gar nit erwarten, daß dieſer rohe Kerl wieder in 
den Befig feiner Frau gelangt?“ 

Es war der Aufjchrei des Hafjes, der Eiferjucht 
de3 ſtrüppels, der ihm trotz des nagendſten Kummers 
und all der Oualen feiner väterlichen Verzweiflung 
entihlüpft war. 

R 

In Uzelles jagen am Abend Frau Fenigan 
Mutter und der alte Merivet unter der großen Pau— 
lownia arı der Einfahrt und tauſchten melandolijche 
Gedanken aus, die dann wieder von langem Still- 
Ihiveigen und von jenen Seufzern unterbrochen wur« 
den, die den Funken eines verlöjchenden Feuers 
gleihen. Indeſſen Ihöpften die Gärtner und Mägde 
der Meierei auf der mondbeſchienenen Straße vor 
dem geöffneten Thore friihe Luft. Die unabänder- 
liche Feierabendſtunde hatte längſt geſchlagen, ohne 
daß ſich irgend jemand daran gekehrt hätte, vielleicht, 
weil die Nacht ſo unbeſchreiblich ſchön war, vielleicht 
aber auch, weil das verdüſterte und verſtörte Haus 
ſich über die peinliche Befolgung der Hausordnung 
hinwegſetzte. Aber welch ein Kontraſt herrſchte zwi— 
ſchen der Stille des geräumigen, hell erleuchteten, 
aber einſam daliegenden Parterres und der lärmen— 
den Freude der Dienerſchaft, zwiſchen dem ſchallen— 
den, nichtsſagenden Lachen und dem ſchmerzlichen 
Tone, in dem die beiden Stimmen im Schatten des 
ſchlummernden Baumes flüſterten. 

„Wie weit die Luſt heute nacht den Schall trägt 

. man hört jemand über die Brücke von Ris 
gehen,“ ſagte der Eigentümer der kleinen Kirche, der 
ſeit ſeiner Rückkehr Richards Mutter und ſeine Frau 
nicht mehr verließ. | 

„Ohne Zweifel irgend jemand, der mit dem lebten 
Zug von Corbeil angelommen ijt, und jemand, der 
große Eile hut,“ antwortete Frau Yenigan, die aud) 
diefen ungewöhnlich raſchen Schritt hörte. 

Der alte Merivet fuhr fort: „rau Pydie var 
heute abend jehr traurig, noch trauriger ala gewöhn— 


687 


lid. Der Tod dieſes Bettler fcheint einen ſehr 
großen Eindrud auf fie gemadt zu haben.“ 

„Wellen Herz jchwer iſt, dem bietet alles einen 
Borwand, feine Thränen zu vergießen,“ jeufzte Frau 
Fénigan. „Denken Sie do, mein Freund, feit 
drei Tagen, feit der Verhaftung feine andere Nach— 
rihten von ihrem Mann als diejer geheimniavolle, 
feine Zettel... .* 

„Der Ihnen beweift, wie ficher er feiner baldigen 
Befreiung ift. . Ein Mipverftändnis, gnädige Frau, 
ih wiederhole Ihnen, e3 ijt ein Mißverſtändnis ... 
Ich wußte es jofort, als ich Delcrous gegenüber 
ftand, feine verlegene, verzweifelte Miene... Glauben 
Sie mir, Sie werden Ihr teures Kind bald wieder 
ſehen ... Uebrigens da, fehen Sie einmal... Aber 
jo jehen Sie do, Frau Fenigan!” ſchrie Napoleon 
Merivet, der inzwijchen aufgelprungen war, mit 
dröhnender Stimme. 

lleber die bläulich-weiße Straße vor dem weit 
offen ſtehenden Thore huſchte eine wohlbelfannte Sil- 
houette. Ohne die Kraft zu befigen, ſich zu rühren, 
rief die Mutter in den Schatten hinein: „Richard, 
Richard!” 

„Ihr jeid da,” antwortete eine Stimme, die 
tapfer klingen wollte und ſich in einem Schluchzen 
brach; dann, ſobald er jprechen fonnte, fragte er: 
„Und Lydie, habt Ihr Nachrichten von ihr?“ 

„Lydie? Uber fie it in Deiner, in eurer Woh— 
mug im Pavillon.“ 

Starr vor Staunen und ohne auf die Erklärungen 
feiner Mutter zu hören, ftürzte Richard durch den 
Laubengang davon. Das dunkle Blältergewölbe 
rauſchte, die Lindenblüten ftrömten ihren Duft aus, 
und am Ende des Ganges erjtrahlte ein Licht, ein 
verheißendes Zeichen. | 

Im Nachtgewand, die fchönen Haare für die 
Naht Thon aufgeitedt, ſaß Lydie in dem Parterre— 
zimmer ihre Mannes und ſchrieb. Sie drehte ſich 
nicht um, da fie glaubte, daß NRojine eingetreten 
war, und erhob erjt ihren Kopf, als Nichard dicht 
neben ihr ftand. Dann aber war e3 ein Ausbrud) 
der Ueberraſchung und der Freude, daß zwiſchen 
Küſſen und Umarmungen ein Wort da3 andere 
jagte: „wrei! Du bijt frei!” 

„sa, der Schuldige ift entdedt!“ 

Sie Jah ihn ganz vernichtet an: „Wie, der Schul: 
dige?“ 

Ihre Bewegung, der Ausdruck ihrer Augen ent« 
rijien Richard den Schrei: „Du glaubteit aljo, daß 
ich es ſei?“ 

„Ja,“ ſagte ſie ganz leiſe, ohne die Kraft zu 
finden, zu lügen. Und ihr Mann, der ebenſo ver— 
wirrt war wie ſie, murmelte: 

„Und dabei habe id) dasſelbe von Dir gedacht.“ 

Lydie blidte wieder zu ihm auf und fagte: „Iſt's 





688 Ä Alphonſe Daudet. 


möglich?“ Dann plöglich erriet jie den Zujammens 
bang und rief: „O, jebt begreife ih, warum Du 
mir fchriebft, ich jollte abreifen ... . warum Du diejen 
Richter glauben ließeit... Du wollteſt Did an 
meiner Statt verurteilen lafjien... Mein Dann, 
mein geliebter Mann!” 

Sie warf ſich ſchluchzend an feine Bruft. Richard 
fühlte durd) das zarte Spibengewand das Wogen 
ihres Buſens, die Bewegung ihres jungen Körpers, 
und eine füße Bethörung erfaßte ihn: „Komm und 
lage mir’3, daß Du mid) liebſt, und ich werde für 
alles belohnt fein,“ murmelte er, indem er fie janft 
mit ſich zog. 

XX. 


„Lydie ... Richard ... vorwärts, ihr Faulpelze, 
es hat ſchon zum letztenmal zur Meſſe geläutet.“ 

Dieſer Ruf ging von Couſine Eliſe aus, die ſeit 
zwei Tagen in Uzelles war und jetzt eben unter den 
Fenſtern des Pavillons herumſchwirrte, während die 
Glocke der kleinen Kirche ihre hellen Töne in die 
Stille des Sonntagmorgens erklingen ließ und Frau 
Fenigan mit ihrem majeſtätiſchen Patrizierinnenſchritt 
am Ende des LTaubenganges erſchien, in der einen 
Hand ein goldbeſchlagenes Meßbuch, in der andern 
ihre feidene Taſche, in der die Schlüffel und die 
Schlüſſelringe klirrten. 

„Und Richard?“ fragte die Mutter, als ſie Lydie, 
deren elegantes ſchwarzes Kleid mit den lebhaften 
und auffallenden Farben des kleinen Rotkäppchens 
ſcharf kontraſtirte, allein herunterkommen ſah. 

„Wir haben noch ſehr lange geleſen, ich habe 
nicht gewagt, ihn zu weden,” antwortete die junge 
ran, über deren Geficht ſich bei dieſer Lüge eine 
Purpurglut ergoß. Dann eilte fie der Kapelle zu, 
noch damit befchäftigt, ihre Handſchuhe anzuziehen. 

Ohne gerade zu ſchlafen, lag Richard, die Augen 
liver von einer füßen Müdigkeit beſchwert, in dem 
großen Bett und ließ ſich von dem Glodenfpiel der 
Saintes$rene, das mit dem Rauſchen des Brunnen? 
an der Landitraßenede und dem Klirren ſeines Bechers 
durch das ofjene Tyenfter hereindrang, in eine Art 
von Schlaf lullen ... Warum hatte er jeine Mutter 
und jeine rau nicht zur Meſſe begleitet? Ohne 
Zweifel, weil er fürchtete, lächerlich zu erjcheinen, 
weil es ihn langweilte, da hinein zu gehen, ſich nad) 
all den Ereigniffen dort zu zeigen. Und doch hatte 
jeine Mutter in diejer bejcheidenen Kirche menſch— 
liches Verzeihen, menjchliches Mitleid gelernt, und 
von dort war fie abgereift, um die Entflohene auf« 
zufuchen und wieder zurüd zu bringen. Ja, er war 
ihr Dank jhuldig, der Heinen Kirche, und wenn es 
auch feinen Stolz koſtete, er wollte beftimmt an einem 
der nächſten Sonntage... | 

... Die Glode ließ ihre Ießten Töne erflingen. 


In der Verworrenheit des Halbſchlummers hörte 
Richard die rauhe Stimme des Fiſchereiaufſehers 
Chudin, der ihn daran erinnerte, daß fie noch, ehe 
die Sonne zu hoch geitiegen fei, in der Nähe der 
Sperlingäinjel ihre Nee auswerfen follten. Er 
ſprang raſch aus dem Bett und ftieß beim Fortgehen 
an der Thüre auf eine ganz gebrechliche alte rau, 
die mit einem Strauß prächtiger Blumen davoneilte, 
die ihr Rofine Chuchin chen gegeben hatte. Das 
verlegene, geheimnisvolle Gebaren des großen 
Mädchens beunruhigte ihn feit einiger Zeit. Er fam 
wieder zurüd und fragte argwöhniſch: „Wer ift denn 
diejeg Meib da?“ 

„Die Mutter Lucriot aus Draveil.“ 

„Und die Blumen, was haben die zu bedeuten?“ 

Rofine wußte es nit. Frau Lydie habe be 
fohlen, der Lucriot jeden Morgen einen Strauß zu 
übergeben, weiter nichts. Richard fragte nicht weiter, 
da er es für anftändiger hielt, fih an Lydie zu 
wenden; er fühlte nur, daß er ganz traurig geworden 
war. An der Biegung der Landjtraße begegnete er 
den beimfehrenden Kirchenbeſuchern mit ihren fnar- 
renden Stiefeln und ihren raufchenden Seidenfleidern. 
In der Gruppe der Damen Fenigan ſprach das 
Heine Rotkäppchen ſehr erregt und jchüttelte dabei 
ihren Sonnenſchirm und ihre Bänder: „Ganz, wie 
Sie wollen, liebe Coufine, aber ich liebe e3 nicht, 
für Leute zu beten, die ich nicht kenne... Und dann, 


- hätte ich gewußt, daß ich einer Totenmefje beiwohnen 


würde, jo hätte ich ein weniger auffallendes Kleid 
angezogen, jo wäre ih in Schwarz gekommen mie 
Lydie.“ 

„Aber ih... ich wußte nicht, warum...“ ſtotterte 
Lydie, melde der Blid, den ihr Mann auf ihr 
dunkles Kleid warf, verwirrte. 

Richard fragte: „Wem zu Ehren hat heute morgen 
das Totenamt ftattgefunden ?“ 

„Niemand weiß ed. Nicht einmal Herr Mterivet,* 
antwortete Elije, während Fenigan feine Frau bei« 
feite nahm, um fie ganz leife und raſch zu fragen: 

„Und Du? Weißt Du e8?“ 

„a.“ 

„sit e3 derjelbe, dem Du Blumen jchidijt ?“ 

Sie fuhr vor Erjtaunen zujammen und fagte 
dann entſchloſſen: „Derjelbe... ja, der Mater 
Georg.” Das war alles. 

Sie waren jeit einigen Tagen jo glücktich; die 
MWogen, auf denen fie ich jo ſanſt ſchaukelten, er- 
Itrahlten in einem jo goldenen Sonnenidein, fangen 
ihnen eine jo beraujchende Weije, daß fie fich fürch— 
tete, in dieſes volle Glück ihr erbärmliches, ihr kläg⸗ 
liches, ihrerniedrigendes Abenteuer hinein zu ſchleudern. 
Wenn er fie nun nicht mehr liebte, Die Tochter dieſes 
fahrenden Volkes, einer umberirrenden, verbaßten 
Rafje! Bor allem fürdhtete fie aber eine Auseinander—⸗ 





Die kleine Kirche. 


689 


ſetzung mit ihrer Schwiegermutter, die zwar ſehr umgekippten Schiebkarren ihrem Vater das Frühſtück 


verändert, ſehr liebevoll und mütterlich war, die aber 
noch ſtolzer und hochmütiger war wie ihr Sohn; 
darum verſchob fie dieſe unvermeidliche Auseinander⸗ 
ſezung, wobei fie hauptſächlich auf den Einfluß des 
Abbe Gere rechnete. Unglücklicherweiſe ſagten ihr 
die Worte und das befümmerte Ausſehen ihres 
Mannes, daß ihr Geheimnis nicht mehr lange ihr 
allein gehören würde. “ 

Anftatt zum Fiſchwaſſer hinunter zu gehen, febte 
Richard feinen Weg auf der Yandftraße fort; jein 
Fiſchzeug interellirte ihn nicht mehr. Er dachte an 
Die Meile, an die Blumen und bejonder8 an Die 


Trauerkleidung, die für den alten Bettler eine wirt» 


Li zu auffallende Kundgebung geweſen wäre. Nein, 
e3 war durchaus unwahrſcheinlich, daß es ji um 
den Vater Georg handelte, da würde man nicht jo 
geheimnisvoll zu Werke gegangen fein... Wer alſo 
war es? Jener, der im Park von Groäbourg in 
dem ftolzen Yamiliengrabe ſchlummerte? Wäre es 
möglich gewejen, daß fie noch an ihn dachte? Um 
ih darüber zu vergewiſſern, brauchte er ja Schließlich 
nur bei den Lucriot3 einzufehren, die hinter Draveil 
in einem alten Bahnwärterhäuschen mit einander 
hauſten; er wollte die Alte fragen... Und während 
ihn feine Schritte fajt unbewußt dorthin zogen, 
herrſchte auf der Straße um ihn herum das friedliche 
Sonntagsleben. Napoleon Merivet, der eben feine 
Kapelle abgeſchloſſen hatte, drohte ihm mit feinem 
Schlüſſel und Richard dachte wütend bei fih: O 
nein, er würde feinen Fuß nie in dieje Kirche der 
Verzeifung um jeden Preis ſetzen, in der man für 
Leute betete, die einem Uebles gethan... Daun traf 
ihn der unterwürfige, friecheriiche Gruß des Herrn 
Alerander, der, obgleich die Jagd noch nicht eröffnet 
war, außgerüftet wie ein Jäger aus dem „Freiſchütz“ 
an ihm vorüberging. Er hatte den ganzen Morgen 
in den Gehegen von Grosbourg auf Kaninchen ge— 
jagt. Und feine Jagdtaſche, feine Hohen Gamaschen 
und jeine Flinte, alles war neu, glänzte und krachte. 
Sogar der Hund, der ihm folgte und fich furchtiam 
an die Gamaſchen feines Herrn drüdte, jah nad 
einem fünfftündigen Birf—hgang aus wie ein Hund 
aus Karton, der eben friich aus der Schachtel kam. 
„Gute Jagd, Herr Alexander!“ fchrieen ihm die 
Mägde der Meierei zu. — Die Büdersfrau beugte 
ſich unter den Verded ihred Wagens hervor und fragte 
im Borbeigehen: „Gute Jagd, Herr Alerander?” 
Jedem und jeder antwortete Alerander in dem 
nagläffigen und gleichgiltigen Ton, in dem er 
auf dem Schloß hatte reden hören: „Mein, ich 
habe nichts gejehen.” Der Hund hatte auch nicht? 
geiehen. Aber jie, jein Herr und er, hatten jchon jo 
oft diefelbe Antwort geben müſſen, daß, als eine der 
Töchter des Straßenwart3, die gerade auf einem 


vorfeßte, ihm von weitem zurief: „Gute Jagd, Herr 
Nerander? Haben Sie etwas für mich?” der alte 
Bediente fi) umdrehte, ala habe ihn eine Viper ge» 
bilfen, und ihr mit einer ſüßlich wütenden Miene 
zurief: „Etwas für Dich, meine Seine? Ich habe 
immer etwas für Did.” Der Tonfall, in dem er 
dies fagte, war jo komiſch, daß Richard ſich nicht 
enthalten konnte zu lachen; aber die Begegnung, die 
er gleich darauf hatte, brachte ihn wieder auf feine 
düjteren, nagenden Gedanken. 

An der Ede, von der der fteile Abhang zu der 
Brüde von Ris hinunterführt, war ein mit Möbeln 
beladener Karren ftehen geblieben. Zwei Männer, 
zwei Riejen waren um ihn befchäftigt, zogen bie 
Bremſe an und brachten die geloderten Seile wieder 
in Ordnung. Dann rief vorne die Stimme Saute- 
coeur3: „Hü, Blanchette!“ und das Fuhrwerk jehte 
ih Ichwerfällig in Bewegung, gefolgt von den 
beiden Männern, die, ohne ein Wort zu fprechen, 
neben einander bergingen. Richard, der zur Seite 
getreten war, um die armen Leute nicht in Verlegen» 
heit zu bringen, blidte ihnen nad), während fie den 
Abhang hinuntergingen, und ſah, wie ihre hoben 
Schultern wie von einem Schluchzen erfchüttert 
wurden. Für den alten Forſtwart bedeutete bei 
jeinem hohen Alter diejer Wegzug die Vernichtung 
alles. dejjen, was ihm lieb und teuer war; fein 
Wald, feine Eremitage, fein ganzes Leben war zer- 
jtört, verjengt und alles um der Laune eines grünen 
Jungen? willen. Allerdings hatte der Feine Lump 
feine Grille teuer genug bezahlen müfien... Bei 
feiner Jugend, feinem großen Namen, bei dem Erbe, 
dem größten Majorate Frankreichs, das feiner war⸗ 
tete, war ein ſolches Schidjal wirklich bejammerns⸗ 
würdig, und in Lydies Ergriffenheit, ihren Blumen 
fträußen und ihren Gebeten fonnte jchließlich Fein 
Menſch eine Schuld finden. War das dies erniedri- 
gende Verhör wert, das er jebt bei dieſen Lucriots 
anzuftellen verfuchen wollte, bei der perionifizirten 
Verleumdung und Verlommenheit? Um jo mehr, 
al3 der Heine Kirchhof ganz in der Nähe lag und 
er nur das Grab des Vater Georg aufzujuchen 
brauchte, um zu erfahren, ob feine rau gelogen 
hatte. Als er fi in der Richtung des Friedhofes 
eilig auf den Meg machte, 309 der Gelangverein von 
Draveil, der, die Fahne voran, feinen Sonntags» 
ausflug machte, an ihm vorbei. Die Leute mar— 
ſchirten in vier Gliedern Dicht auf einander gerüdt 
in das offene Feld hinein, bliejen in die Blech— 
infirumente, daß ihre biederen blaurafirten, bäuer— 
lihen Wangen, auf die die Goldborte ihrer Mützen 
einen goldenen Schimmer warf, beinahe plabten, und 
ließen eine heroiſche Marſchmuſik erflingen, die ganze 
Ketten von Nebhühnern aus den Garben aufſcheuchte. 





690 


Richard jah ſchon über einer großen Mauer am 
Eingang de3 Dorfes die Tarusheden und die weißen 
Grabkreuze auftauchen, als ihn wieder jeine Zweifel 
erfakten und er ſich auf einer Steinbanf am Rande 
der Straße niederließ. Nein, nein, dieſes Nachſpüren 
wäre nad feiner Ausjöhnung mit die wirklich zu 
erbärmlich geweſen; er wollte ſich nicht dazu er- 
niedrigen. Warum wollte er jeiner Frau nicht ein⸗ 
fad) jagen: „Ich glaubte mich geheilt, ich bin es nicht. 
Ih glaubte, daß mit feinem Tode alles ein Ende 
haben würde, und jebt bin ich ſogar eiferfücdhtig auf 
diefen Tod. Da diejes poſthume Mitleid in Deinem 
Herzen mich zur Verzweiflung bringt, bitte ich Dich, 
verzichte darauf... Sch bin zu unglüdlih!" Während 
er jo dachte, befänftigte, beruhigte fich fein Gemüt 
und allmälich ftrömte von der großen Sonntagzitille, 
von den unbeweglichen Schatten, den weiten, ein— 
jamen Gefilden, den Raps» und Buchweizenfeldern, 
deren jilberweiße und goldbraune Wogen bis zu dem 
Maldrande reichten, ein ſüßes, belebendes Gefühl in 
ihn hinüber, wie es ein Berwundeter empfindet, dem 
man, nadhdem man ihm feinen drüdenden Küraß 
abgenommen bat, einen Trunf reicht. 

Wie lange mochte er wohl an derjelben Stelle 
fißen geblieben fein? Der Gejangverein war vor- 
beigezogen und war, während die Blechinftrumente 
und die Medaillen in der Sonne ergläuzten, wieder 
zurüdgefommen; dann zog die Herde der Meierei 
vorüber, ein paar Haufirer, der Briefträger, der 
Mann mit jeinem melandoliihen Ruf: „Qumpen, 
altes Eijen zu verfaufen”, der Heine, budelige Schuh: 
händler, alle die Gefichter des Gänjejpiels. Plötzlich 
wurde der Angelus von zwanzig Fleinen Gloden- 
türmen geläutet, von denen einer Dem andern ant- 
wortete, und als Echo ertönten die Frühſtücksglocken 
in den Höfen der Schlöjjer und Villen; da erft, ala 
er aufitand, bemerkte Richard, daß er auf dem Unter: 
bau eine& großen eijernen Gedächtniskreuzes geſeſſen 
hatte, das an der Stelle errichtet worden var, wo 
den ehemaligen Notar von Draveil, Herrn Fenigan, 
dereinft der Schlag getroffen hatte Cine mehr 
abergläubijche als liebevolle Erinnerung rief in ihm 
da3 ferne, verblaßte Bild des Vaters hervor, den er 
fajt gar nicht gefannt Hatte. Hatte er fie von ihm, 
dieje brennende Wunde in feinem Herzen, diejes ent- 
jegliche Uebel der Eiferfucht, das ihm in Fleiſch und 
Blut übergegangen war? War da3 bei den Feni— 
gans erblich wie der Stolz, eines jener geheimnie- 
vollen Legate, die die Teftamente nicht erwähnen ? 
„Ah, Vater, Vater...“ feujste der arme Bum— 
bum, der, al3 die Erinnerung der jchlimmen Tage 
in ihm aufjtieg, wieder nah Hauſe zurückkehrte, 
„weniger Mühlen, Wälder und Wiefen, und dafür 
nicht dieſe entjegliche Wunde, die doch, das fühle ich, 
niemals ganz heilen wird —“ 


Alpbonfe Daudet. 


Dis zum Abend jchwebte ein Mißbehagen über 
Uzelles, troß der Freudenrufe des Heinen Rotläpp- 
hend. Das brave Mädchen mar glei nad der 
Kataſtrophe herbeigeeilt, war zum Unterjugung: 
richter gejtürzt und ihr verdankte Richard feine ſo— 
fortige Entlaffung- aus der Haft. In Draveil und 
in Soijy hatte man natürlich gejagt: „Die Fenigans 
ſind fo rei... bei denen, da hat es feine Gefahr, 
daß die Gerichte lange herumtrödeln.“ In Wahrheit 
aber fühlte Delcrous ſich jeinen Freunden gegenüber 
in der Schuld. Was lag daran! Im Vertrauen 
auf jeine Liebe und eine jtarle Dofis Unverſchämtheit 
hatte er fih auf heute Sonntag abend zum Belud 
angejagt; man kann ſich leicht vorftellen, wie diejer 
Beiuh im Dienftbotenzimmer und bei Glements 
kommentirt wurde. Roſine Chuchin aber, die durch 
ihren anonymen Brief die Urheberin des ganzen 
Dramas geworden war, lief, ſobald ſie am Abend 
die Hausthürglocke erklingen hörte, in die Ilba, ſchloß 
ſich dort ein und rührte ſich nicht mehr von ber 
Stelle. Im Salon, den man nad) dem ftilfen, du 
tenden Park zu offen gelafjen hatte, fand der Dann 
mit den ftarren jchwarzen Bartfoteletten für jeden 
ein pajjendes Wort. Seine Wolfszähne bligten, ald 
er die atlasweichen, vollen Formen des Eleinen Roi- 
käppchens ſah, und während er LXydie injtändig er 
ſuchte, ſich an das Klavier zu ſetzen, Tieß er Richard 
und feine Mutter einen dithyrambijchen Artikel über 
die Yamilie Yenigan lejen, der am Morgen an der 
Spite de8 „Journal de Corbeil” erjchienen war. 
Der Nrtifel war Verax unterzeihnet und enthielt 
eine Ueberfülle theatraliſch aufgepußter, jchaler, leeret 
Phrajen, deren Berfajjer leicht zu erraten war, Dies 
jelbe Nummer enthielt unglüdlicherweije die folgen: 
den Zeilen: 

„Heute Sonntag hat in der Heinen Kapelle 
von Grosbourg, jowie in den Hauptkirchen des 
Sprengel3, in Draveil, Soiſy, Nis, Athis und 
Morangis eine Meile für die Seelenruhe des 
Prinzen von Olmüß ftattgefunden. Gleih nad 
dem Gottesdienft find der Herzog und die Her: 
zogin von Alcantara, die beide jehr Frank find, 
mit dem Doktor Jean Meber nach dem Engadin 
abgereijt.” 

Richard, der lange auf die Nachricht Hingeftarrt 
hatte, ala wenn er fie buchſtabiren oder überjegen 
jollte, trat an das Klavier heran, legte das zujammen: 
gefaltete Zeitungsblatt, in dem er mit dem finger: 
nagel eine Stelle bezeichnet hatte, vor Lydie auf das 
Notenpult und fagte mit leifer Stimme: „Jetzt weil 
ih es ... Hier, für diefen da haft Du heute morgen 
gebetet... Die Blumen waren wohl aud für ihn!" 

Sie erhob ihre ſchönen, angfterfüllten Augen zu 
ihm und jagte: „DO Richard! ...“ Sie jpiele 
weiter, aber ihre Thränen fielen in ſchweren Tropfen 





Die kleine Kirde. 


auf ihre Zaften und ihre ſchmalen, weißen Hände, 
denen die Kraft verfagen wollte. Dann erhob fie 
ih in einem plößlichen Entihluß und fagte: „Du 
ſollſt alles willen... fomm!“ 

„Wohin geht ihr, Kinder?” rief die Mutter 
überrafcht, aber fie hatten den Eaal ſchon verlafjen. 
% 

Am folgenden Sonntag, um die Zeit der Meile, 
itand, Napoleon Merivet, Ritter de3 Ordens vom 
Heiligen Gregor, vor feiner Kirche, in der er alle 


691 


Beſucher nad) genau bemefjenen Abjtufungen begrüßte, 
als er die freudige Ueberrafhung Hatte, Richard 
Fénigan anfommen zu jehen, feine Frau am Arme, 
jeine geliebte Heine Mendeljohn, die ganz in Blau 
gefleidet war wie die Heilige des Kirchenfenſters. 
Als fie in die Kirche eintraten, flatterten ein paar 
Tauben um den Glodenturn, und der gute Alte ver- 
beugte ſich Heute janft lächelnd etwas tiefer und hieß. 
fie mit einer zärtlichen und befriedigten Miene will- 
fommen! 


In einem WVorortzuge. 


Don 


François Coppéece. 


S⸗ hielt der Zug, man rief den Namen der Station, 
I Die Cigarrett' im Mund ſaß ich in dem Waggon, 
Warf einen Bli hinaus und fah dort an den Thüren, 
Die vom Perron hinab ins Pleine Städtchen führen, 
Drei hübſche Schweftern ftehn, einander völlig gleich. 
Dasjelbe lod’ge Haar ummeht die Stirnen weich; 
Derjelbe Blumenhnt, das gleihe Sommerfleid 

Und anch derjelbe Blick naiver Heiterkeit. 

Die Augen ſtrahlend froh fie mit einander lachten 

Und mit den Sonnenfchirm von weitem Zeichen machten 
Dem Dater zu, ein Mann mit granem Badenbart, 
Der von Paris heimfehrt mit Päckchen aller Art. 

Dom Staube ganz bedect, ftieg er aus dein Coupe 

Und reichte fein Billet am Ausgang dem Portier. 

Er lieh fi zärtlich von den Töchterchen umarmen, 
Die die Pakete ihm erft nahmen aus den Armen. 

Und alle drei zugleich beftürmten ihn mit Fragen, 

Der Gröften reichte er den Arm und fdien zu fagen 
Doll Stolz und Glück: „Seht, mein ift alles dies!" 


Ein Pfiff, und unfer Zug den Bahnhof fchon verlief; 
Und träumend dachte ich den Weg entlang für mid: 
Welch ſchön Familienglüd, fie wohnen ficherlich 

In einem Häuschen dort am waldbegrenzten Feld; 
Der Dater fcheint ein Kaufmann, gut geftellt. 

ie wohnen ftets das halbe Jahr hier droben 


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Und denfen jetzt daran, die Aeltfte zu verloben. 

Bier könnt' fein Glück man machen, wenn man wollte; 
Im Sommer Sonntags ftets heraus man fommen follte, 
Man führe mit der Bahn und rauchte guter Dinge, 
Und alles uns vergnügt auf der Station empfinge; 
Man würde froh begrüßt und voller Scherz genedt, 
Und für das Frühſtück wär’ die Tafel fchon gededt 
Im hübfdhen Garten auf dem frifchen Nafenbeet, 
Jedoch zuvor man in das Pleine Simmer geht, 

Holt eine Bluſe fi und einen alten Hut, 

Sieht prüfend auf den Tifch, ob die Melone aut. 

Und während der Papa zum Flaſchenkorbe greift 

Man nach dem Rebengang und in den Garten läuft, 
Um reifes Obſt und Blumen abzuſchneiden, 

Mit feiner Braut und ihren Schweftern beiden, 

Die uns von Seit zu Heit mit muntern Werten necken. 
So ftreift man fröhlich durch die üppig grünen Hecken.“ 


Nicht fchwer gewefen wär's, zu haben alles dies, 
Dielleicht hätt’ es genügt, daß ich den Zug verlich. 
Doch nein, das Glüd, das ih idylliſch mir erdadht, 
War in der Phantafie viel fchöner als vollbradtt. 

Ob es wohl befier war, wenn ich dort eingefehrt ? 
Nein, denn der Wunfch ift mehr als die Erfüllung wert. 
Und ich wär’ heut ein Narr, wenn ich bedauert hätte 


| Den Traum, der ausgelöfcht mit meiner Cigarrette. 





Waſſili Tjorkin. 


Von 


V. Boborykin. 


(Fortſetzung.) 


XXVIII. 


„Woaſſia! ... Vergib!“ 

Unter dieſem Aufſchrei ſank ſie mit dem Kopf auf 
ſeinen Schoß, während das Schluchzen ſie erſtickte. 

„Du! Du!“ 

Tjorkin fand feine Worte. Er ſuchte ſie an den 
Schultern zurüdzudrüden. Sie gab nicht nad und 
preßte Frampfhaft ihr Haupt auf feine Kniee. 

„Bergib der Verdammten! Ich kann nicht 
leben... ich kann e8 nit... . ohne Dich!“ entrang 
fih mühſam ihren ftarren Lippen. 

Ihr ganzer Körper bebte. 

So verftrihen Minuten. Es gelang ihn, fie an 
der Schulter aufzurichten. 

Der plößliche Ausbruch von Leidenschaft und Reue 
jtimmte feine Scele zum Mitleid und veränderte ihr 
Bild, wie es fi) ihn feit Jahren eingeprägt hatte. 
Aber die Negung, fie zu umfangen, mit Kiffen zu 
bededen, durfte nicht auffommen und fo enthielt er 
lich jeder unvorfichtigen Liebkoſung. 

Mit verſchwommenen, geröteten Augen lehnte fie 
an einem Stamm, mit der Handfläde auf den Raſen 
geftüßt und unterdrüdte mühlam das Schluchzen. 

„Genug, genug!“ beruhigte er jie flüſternd, zu 
ihr geneigt. 

Er rührte jie aber nicht weiter an und ließ auch 
ihre Schulter los. 

„Du biſt gut, herrlich. Ich rechtfertige mich nicht 
etwa. Ich flehe um Gnade, Waſſia! Mir ift alles 
jo zumider geworden ... das ganze Leben... das 
Reiſen ... die Gejellichaft . .. das Kokettiren ... 
die Männerwelt, alte und junge ... die ganze 
Meute... Soupers ... Champagner ... Pub... 
Diele Sappen . . ." 


Sie riß fih den Hut ab und jchleuderte ihn | 


von ſich. 
„Nicht zu ertragen !“ 


Und mit einer plößlichen Bewegung warf ſie ſich 
mit dem Kopf an feine Schulter. 

„Waſſia! Mein Leben! ... Verwehre es nicht. 
Nimm mich mit ... Ich brauche nichts ... Keine 
Rechte ... Wenn Du mir ſelbſt die Ehe böteſt — 
ich würde ſie ablehnen. Was ich aber erſehne! Dich, 
Dich ... hören, zur Seite haben ... zu willen, dab 
Du da bilt... daß Did) mir niemand raubt, als... 
Du ſelbſt, oder der Tod. Ich werde ja früh fterben. 
Ich weiß es. Mir bleiben noch fünf Jahre. Nidt 
fo viel... Wohl nur zwei! Vielleicht nur eins!“ 

Aus ihrer abgerijjenen Rede klangen ihm un: 
gewohnte Töne entgegen, etwas Naiv-kindliches, Durd: 
fichtiges, von unverhüflter Glut. Nie Hatten ihn. 
jemal3 Worte von ihr — ſelbſt bei den finnlojetten 
Ausbrüchen ihrer Leidenichaft — fo in der Tiefe dei 
Herzens betvegt. 

Er war nahe daran, ihr zuzurufen: „Laß ab: 
Sprid nicht jo!” 

Die Thränen drangen ihm in die Mugen und die 
Lippen bebten. Das Mitleid zu ihr wuchs, ein Mit: 
leid, wie mit einem Menſchen, der ſich auf dem 
Sterbebette mit aller Verzweiflung an das Yeben 
klammert. 

Weiter empfand ſein Herz indeſſen nichts — deſſen 
war er ſich klar bewußt. 

„Sima,“ ſagte er leicht hin, in der Beſorgnis 
loszuweinen, „Du haſt mich mehr als je bewegt ... 
An Deine Liebe glaube ih... .” 

„Slaubjt Du!” ſchrie Serafima auf und rihtete 
ih gerade. Die Augen ſprühten, das Geſicht ver: 
Härte ſich. 

„Slaube id,“ wiederholte Tjorkin mit abge 
wandtem Geſicht. „Aber ich bitte, ich beſchwöre Dich 
... Beſtürme nicht mein Herz... Unwandelbar 
dahin iſt da8 Gefühl...“ 

Er brachte das Ende nicht übers Herz. 

„Ja—a,“ ſprach fie gedehnt und dumpf, mit 





Waſſili Tijorkin. 


geſenktem Kopf. Die Arme ſanken gleichfalls herab 

und wiederum ſtützte ſie ſich mit der Hand auf den 

Raſen. „Das wußte ih, Waſſia ... ich konnte es 
vorausſehen... Ihr Männer ſeid nicht jo, wie wir. 
Und doch fordere ich nichts! Verſteh! Nichts! Nur 
beritoße mich nicht. Du bift ja allein... frei ... 
Penn Du niemand liebft, laß mich in Deiner Nähe 
atmen! Ich bin Dir doch nicht zuwider? Ich bin 
fein Unhold. Du bift jung...“ 

Serafima errötete plötzlich. Sie ſchämte ſich ihrer 
orte. 

Beide ſchwiegen über eine Minute. 

„Wozu... Dich erniedrigen!” hub Tjorkin zuerft 
an, wurde ſich aber gleich der Ungehörigkeit diefer 
Torte bewußt. 

„Erniedrigen!“ wiederholte fie mit thränenlofer 
Stimme und in eigentümlichem Ylüfterton. „Ers 
niedrigen! Kann ich mich etwa mit Dir vergleichen ? 

Verſteh! Ich flehe um Gnade, und Tu fommft mit 
einer Sittenpredigt.” 

Das verihloß ihn. Er ſchaute ftrenger auf fie, 
und fein Bedauern war Schon anderer Art. Was 
joflte er damit, daß fie ohne ihn nicht Ichen könne? 
Seinem Herzen war fie nichts. Sie aber zur Liebſten 
nehmen, nur weil fie ſchön und feurig war, das hätte 
er wohl früher fertig gebracht — dod) jeßt nicht mehr. 

Aus ihrem ganzen Benehmen, ſelbſt auß ihrer 
ungezügelten Leidenſchaft, trat ihm nur ein nerpöjes 
Weib mit unlöſchbarem Durft nad Sinnenlufl, ſogar 

niedrigfter Art, entgegen. Piychopathie und Hpfterie 
grinfen ihn mit allen Zudungen an. Iſt e8 nicht 
eins, jo iſt's das andere, iſt's nicht der Mann, fo 
iſt es das Morphium, was fie beraufcht. Dort windet 
fh ein der Klinik verfalleneg Opfer. 

Der Icharfe Aetherhauch, der von ihr ausging, 
drüdte auf feine Schläfen. Diefer Gerud) erfticte 
in feinem Herzen die letzte Regung von Mitleid, das 
er noch vor kurzem empfunden hatte, 

„Ich will nicht heucheln, Serafima,“ fagte er 
ſchwer, indem er fich ihrer Umſchlingung entrang. 

„Ich fordere nichts ... Verſtoße mich nicht!“ 

„Nicht verſtoßen! Das Heißt, mit Dir ... leben. 
Nichts weiter ... Ich bin nicht von Stein, ſondern 

Don Fleiſch und Blut. Mit Dir leben, ohne Dich 
Zu lieben, das will ich aber nicht.“ 

„Fürchteſt Du Dich?“ 

„Ob ich mich fürchte? ... Ia! 
micht. Ih fürchte mich!” 

„Das fürchteft Du denn?“ 

„allerlei! Die Berirrung fürchte ih!... Du 
tannit Deine Leidenfchaften nicht beherrfchen, für 
Deine Natur nicht einftehen. Reiche id) Dir den 
Meinen Singer, jo nimmft Du die ganze Hand.” 

„Du biſt aljo jegt ein Gerechter.“ 
Sie langte nah) dem Hut und feßte ihn auf. 
Aus fremden Zungen. 1895, II. 15. 


Ich leugne e3 


693 


„Kein Gerechter. Wie follte ih!“ 

„Du bift Hoch gefommen ... giltit ala großer 
Geihäftsmann.” 

„Darum muß ich über mid) wachen, daß das 
Gold nicht allein mein ganzes Herz erfüllt.“ 

Serafima |prang mit einer Bewegung ihres ge⸗ 
chmeidigen Körpers auf die Füße. - 

„Das iſt es alles nicht!“ : 

Ihre Wangen verfärbten ſich, ihre Augen traten 
aus den Höhlen. 

„a8 denn?“ fragte Tjorfin leiſe. 

„Haft Du Di nit in das Fräulein vergafft?“ 
— fie zeigte mit der Rechten nach dem Haufe hin — 
„Mit dem Wohnfit willſt Du auch gern die DVer- 
wandtichaft ererben? ... Ha, ba! Und um jolden 
‚Hamijter‘, wie jene feilte Dirne — verihmähft Du 
mich und meine Liebe! ... Das ijt gar fein Weib, 
londern ein Hamfter, Hamſter!“ 

Diefeg mit Schadenfreude aufgegriffene Wort 
hätte fie biß in die Unendlichkeit wiederholen mögen. 

„Was ſoll das heißen?” unterbrad fie Tjorkin 
mit Selbſtbeherrſchung. 

Sie ſtanden dicht an einander, und Serafimas 
Atem ſtreifte ſein Geſicht. Ihre Augen funkelten 
und um ihren Mund ſpielten nervöſe Zuckungen. 

„Run ja! ... Wir find Liebhaber von runden, 
prallen Baden. Und ein Rittergut möchten wir 
aud) gern mitnehmen. Dann werden wir Landftand. 
Schade, daß es mit dem Adelsmarſchall nicht geht ... 
Ha, ha!“ 

Ihr hyſteriſches Lachen erklang. 

„Genug, Serafima! Schäme Di!” hielt er fie 
noch einmal an. 

„Run, alſo ... zur Geſundheit! Lebe wohl!“ 

Sie begann eigentümlich mit den Händen und 
dem Hals zu zucken, beherrſchte ſich aber, reckte die 
Schultern, nahm die Handſchuhe, zog ihren Paletot 
zurecht, wandte ſich und ſchritt hinauf, indem ſie ihm 
zurief: 

„Nimm nur Deinen Hamſter in Beſchlag! ... 
Verſtand und Liebe! ... Begleitung brauche ich 
nicht; ich fenne den Weg ... Meinen Weg kenne 
ih nun.” 


XXIX. 


Er dachte nicht daran, fie aufzuhalten, oder ihr 
nur nachzufehen. Serafima verfolgte mit ftürmijchen 
Schritten den ſchmalen Fußpfad, indem fie nervös 
an ihrem Umbang zupfte. 

Schidliherweife hätte er fie begleiten, ſowie die 
Hausherrſchaft über das jchnelle Verſchwinden der 
Dame aufklären müflen. Sie hatte ſich indejlen „in 
Geſchäften“ anmelden lafjen, und zum Ligen hatte 
er feine Luft. 

Mit diefem Weib ih von neuen einzulafien, 

83 


694 P. Boborykin. 


war undentbar, Dod Hatte er feine Veranlafjung, 
ihre Schuld ihr nachzutragen. Gern hätte er ihr 
hilfreich die Hand geboten, wenn ihr damit gedient 
gewefen wäre. Aber: „Alles oder nicht3,“ das 
iſt und bleibt ihre Parole. Jetzt war mit Ddiejem 
Weibe das anftößige Gebild non Ginnenluft und 
zerrütteten Nerven von ihm gewichen. Er atmete 
erleichtert auf. Dagegen regte ſich in feiner Ceele 
da8 Streben nah etwas anderem. Das „Aus— 
Ichmeifen“ mußte ein Ende nehmen. Jenes Wort 
hatte Serafima bei ihrem erften Fiebesringen feinem 
Gedächtnis eingeprägt. Wozu flet? Leidenichaften 
juhen! War es nicht beiler, wenn die Annäherung 
an ein weibliche® Weſen zugleidh eine gute That 
war? Kine einfahe bäuerlihe Ehe — nur ohne 
Eigennutz und Roheit. „Das Schidjul jendet dir 
ein junges, gejundes, herziged Mädchen — made 
daraus, wa3 du willft, flöße ihm eine ftille und ehr» 
lihe Empfindung ein, werde ihr eine Quelle alles 
Rechts, jeder Erleuchtung Nimmft du dich ihrer 
nicht an, geht fie Hilflos unter.“ 

Tjorkin hatte fih noch nicht vom Flecke gerührt. 

Wäre oben das helle Kleid Sanjas ſichtbar ge— 
worden, hätte er fi ein Herz gefaßt und fie an— 
gerufen. Das geht auf dem Lande. Sudt man 
nicht nad ihm? Es erſchien etwas Dunkles. Cr 
ah genauer hin und erfannte Chrjaſchtſchew. 

„Anton Pantjeljäitich!” rief er von unten. „Hier 
bin ih! Kommen Sie.” 

Chrjaſchtſchew beichleunigte den Schritt und kam 
den Hügel hinunter gerade auf ihn zu, mit der Mütze 
in der Hand und etwas außer Atem. 

„Sie jehen mid al3 Eilboten bei Ihnen, Waſſili 
Iwanytſch. Bei meinem Eintreffen fand ich foeben 
die Herrſchaften Tſchernoſoſchni in gewaltiger Aufs 
regung. Darf ich mich ein wenig auf den Rafen jegen ?“ 

„Nehmen Sie Pla! Was ift 103?” 

Tjorfin fragte dies mit etwas bemegter Stimme. 

„E83 wäre eine Dame zu Ihnen gefommen. Ich 
bin ihr am Thor begegnet... In einer Kaleſche ... 
Solder Hut mit Federn und überhaupt pilfein.” 

„Nun, wa3 dann?“ 

„Mid Hat gleich alles attakirt. Die Budlige, 
deren Bruder und der liebe Tarator, was das wohl 
für eine Perfon wäre? Ob fie ſich am Ende in 
den Handel mifchen wolle? Ich weiß nidt, warum 
fie auf einmal fo aus dem Häuschen geraten find. 
Man jagte mir, fie ſei in Gejchäften angelommen, 
Waſſili Iwanytſch Habe fie in den Garten geführt 
und dann erjt in der Taube, doch |päter hier unten 
mit ihr zuſammengeſeſſen. Nach Furzer Zeit hat 
man dann die Dame in einer Equipage abfahren 
ſehen ... Man ift in großer Aufregung und hat 
nich gebeten, Sie aufzuſuchen. Ha, ha!... Nun 
finde ih Sie hier heil und unbejchädigt!” 


„So hat man ſich weniger darum geängitigt, dag 
mich jene Dame mit Vitriol begießen, als daß fie 
vielmehr die Kaufsverhandlungen ftören würde?“ 

„Selbftverftändiih. Nur darf ih Ihnen nid 
verhehlen, daß das Fräulein Ihrer eigenen Perſon 
wegen bejorgt iſt ... Sie hat mid) auf den Balfon 
geführt und mir dort leiſe zugeraunt: ‚Geben Sie 
mir, bitte, ein Zeichen... falls etwas nötig jein 
iollte... Ich werde mich in der Allee aufhalten.“ 

„Alerandra Iwanowna?“ 

„Ganz redt... Und die Aeuglein leuchteten. 
Es geht noch oft mit ihr die Kindheit durch.” 

Zjorfin ſetzte fih und ftredte die Beine aus. 
Wenn es ihn auch nad oben 309, wollte er die 
Chrjaſchtſchew doch nicht gleich zeigen. 

„Dante, Anton Pantijeljäitſch,“ fagte er in 
rubhigem, gefhäftsmäßigem Ton. „Haben Sie die 
entlegenen Waldreviere befichtigt ?* 

„Ich bin fertig, Waſſili Iwanytſch.“ 

„Und was ſagen Sie?“ 

„Ausholzungen find vorhanden... auch zwei 
Sümpfe. An alten, verfaulten Sümpfen iſt kein 
Mangel. Doch im ganzen — nicht ſchlecht.“ 

„Ich kann Sie aber erfreuen. Der Gauner da 
mit dem ſchönen Halstuch geht heute ſchon heidi!“ 

„Sie haben beliebt, ihm einen Reiſepaß auszu— 
ſtellen?“ 

„Den habe ich ihm ausgeſtellt.“ 

Chrjaſchtſchew hodte nieder und warf feine weite 
Mütze ins Gras. Sein Gefiht zeigte fröhlige: 
Lachen und Bewegung der Nafenflügel. Tjorkin lachte. 

„Waſſili Iwanytſch! ... Wohlthäter!... Laſſen 
Sie mich Sie ſo bäueriſch benennen. Herrgott, 
ih freue mich nicht aus Bosheit. .. Nur warum 
zu Ihrem reinlichen Geſchäft ſolche Burſchen zus 
laſſen —“ 

Und ſich beſinnend, kroch Anton Pantjeljäitſch an 
Tjorkin heran und fragte flüſternd: 

„Wie denn... wollen Sie ſich ſelbſt zu dem 
lieblichen Fräulein begeben, oder ſoll ich ſie beruhigen 
gehen?“ 

„Ich ſelbſt.“ 

Mit einem Sprunge war Tjorkin auf den Beinen 
und machte ich zurecht. 

„Alexandra Iwanowna ift dort in der Allee?“ 

„Ganz redt... Sie werden Sie um die Laube 
herum finden. Aber mir erlauben Sie, mich hier ein 
wenig zu wälzen. Ich bin ſchon ganz in dieſen Parl 
verliebt und lafje meiner Phantafie hier freien Lauf 
... Alles auf Koften der dendrologiichen Prlanz- 
ſtätte ...“ 

„Fine Pflanzſtätte ſoll es geben ... Wie ſagten 
Sie? Den ... den ...“ 

„Das iſt wiſſenſchaftlich: dendrologiſch, aber ein 


| fach: Baumjchule.“ 





Waſſili Zjorfin. 


„Das gibt's, Anton Pantjeljäitih, das gibt’3!“ 
tief Zjorfin vergnügt und Tief, ohne fi an das 
niedrige Unterholz zu kehren, den Abhang hinauf. 

Oben ſchimmerte Sanja3 helles Kleid. Sie ging 
auf die Zaube zu, wo die Unterredung mit Serafima 
vor faum einer Stunde begonnen hatte. 

Ihm unbegreiflich, ftellte fich ihm der öde, ver⸗ 
brannte Garten mit den elenden, wahnfinrigen 
Weibern im Fichte eines heißen Julitages dar, wie er 
ihn damals durch die Ribe in fchauerlicher Furcht vor 
dem eigenen Wahnfinn betrachtet hatte. Nicht um 
Serafima war ihm bange, jondern um das holde 
Drägdelein, das jene fo wegwerfend mit dem Worte 
Hamſter bezeichnet hatte. Wäre er nicht gelommen, 
\o hätte fie irgend ein nichtenußiger Taxator entehrt 
und dann verftoßen. Sie wäre vielleiht Mutter ge= 
worden und hätte ihre Schande nicht ertragen — 
und dort wälzt fie fih beulend wie jene Alte, in 
einem ſchmutzigen Hemde auf dem verdorrten Raſen. 

Schauer durchbebte ihn vom Scheitel bis zur 
Sohle bei dieſem deutlichen Schredensbilde. Noch 
unter diefem Eindrude flürzte er oben auf Sanja 
nit dem Anruf zu: 

„Alerandra Iwanowna, 
Hier bin ic!” 

Sanja wandte fi) fchnell um und ftieß ein lieb» 
lich mädchenhaftes „Ach!“ aus. 

Tjorkin eilte heran und führte fie in die Taube, 

Die beiden waren von dem AufenthaltSorte Anton 
Pantjeljäitſchs unter den Eichen her fihtbar. Defjen 
weiße Mühe Tag im Grafe. Auf feiner Stirn perlten 

Schweißtropfen... Er kniff die Augen, die nad 
oben auf die nach der Laube jchreitenden Geſtalten 
von Zjorfin und Sanja gerichtet waren. 

Der Humor fpielte in faum bemerkbaren Linien 
um Anton Pantjeljäitfch® braven Mund... dann 
erhielten die Augen einen nachdenklichen Ausdruck. 

„So, ſo,“ dachte er laut; „Mutter Natur leitet 
alle Gefhöpfe, jedes zum felben Ziel... Ob Kampf 
um3 Dajein, ob Liebeswerf, der Ausgang ift nur 
einer... Alles verrinnt im Al, wiederum entjprießt 

aus unfihtbarem Samen der Gradhalm, wie der 
Menſch, und die Seele erbebt vor dem Wunder der 
Welt!“ 

Die umrankten Laubwände verbargen das Paar 

ſeinen Blicken. Er lächelte ſtill. 


Alexandra Iwanowna! 


XXX. 


Sanjas Buſen wogte heftig, und die Wangen 
glühten, als fie Tjorfin ungeſtüm zur Laube brachte. 
„Mein liebes Fräulein, Sie haben mid) gejucht? 
Waren Sie beunruhigt ?” 
Unter dem Bid feiner großen Augen irre lie 
oh verwirrter; ihre Lippen fräujelten fich zu dem 


695 


Lächeln eines reizenden und auf irgend einer Unart 
ertappten Kindes. 

Man hatte fie ausgejchidt, zu ergründen, nicht ob 
Waſſili Iwanytſch etwas zugeftoßen fei, wohl aber, 
ob die Dame etwa einen Schabernad verübt habe, 
der das Kaufgeſchäft zum Scheitern bringen könne. 

Sanja wagte nicht zu fügen. 

„Lieber Waſſili Iwanytſch!“ fie faßte ihn mit 
beiden Händen und wandte den Kopf ab, um nicht 
loazumeinen; „Papa fürdtet... und Tante Paula 
gleichfalls . . . Sie verſtehen ... Sie glauben — da 
jene Dame etwas wegen des Gutes ... Sie verſtehen 

. Es thut dem Papa leid ... er muß verkaufen.“ 

„Ihnen thut es wohl auch leid um den Wohnſitz 
und den Park?“ 

„sa — ſehr.“ 

Die Thränen ſtanden ihr in den Augen. 

„Und mich ſehen Sie für ein wildes Tier an, 
das Ihr heimatliches Neſt ausraubt?“ 

„Nein, nein!“ Sanja begann ihn an der Hand 
zu zupfen — „denken Sie ſo etwas nicht! Sie ſind 
gut und brav! ... Sie ſagen alle: mehr als Sie 
gibt keiner. Sie haben aber gefragt, ob es mir leid 
thut? Und wie ſoll es mir nicht leid thun!“ 

„Setzen Sie ſich, ſetzen Sie ji," drängte Tjorkin, 
ohne ihre Händchen loszulaſſen. „Sie können nicht 
lügen! Liebe ... Sie find das reine Kind. Ein 
Kindskopf! wie man bei mir zu Haufe jagt. Dabei 
find wir allzumal Sünder!” 

„Und ich exit!“ 

Dieſer Ausruf entrang ſich ihr unwillkürlich, in- 
dem ſie den Kopf noch mehr abwandte und eine 
Hand befreite, um mit dem Tuch ihre Augen abzu⸗ 
trodnen. 

„Sie auch?“ 

„sa, ich, ich. Waſſili Iwanytſch ... Sie ſprechen 
ſo freundlich zu mir... wie ein älterer Bruder... 
Sie halten mich gewiß für einen unſchuldigen Cherub, 
mit Engelöflügeln, und dabei bin ih — ein Ekel!“ 

„Run, gleich ein Ekel?“ 

„Ein Ekel!" 

Sanja entwand ihm aud die andere Hand und 
bedecdte fich mit beiden Flächen das Geſicht. 

„Was Haben Sie denn groß verbrochen?“ 

„Wenn id) mid) nur nicht vor Ihnen jchämte... 
Ih Habe mid . 

„Küſſen luſſen? ergänzte Tjorkin, und zwar mit 
innerem Unbehagen bei dieſer Frage... Er wünſchte 
keine bejahende Antwort. 

„Das habe ich!“ liſpelte Sanja, während ihre 
Thränen unter Schluchzen hervorbrachen. 

Zwiſchen durch floſſen ihre Worte: 

„Sie werden mich verachten ... Tante Paula 
nennt mid: ‚Verworfene Dirne ...‘ Und hat ſie 
nicht recht? Herrgott!“ 


696 


Auch bei ihm meldeten ſich Thränen. Er hielt 
ih nit — er faßte ihre Hand, dann zog er fie 
an fih heran und küßte fie heiß und innig auf die 
Stirne. 

Das Schluchzen ließ nach; fie jeufzte nur noch) 
faum hörbar. 

Nicht eine Sekunde dachte er daran: „Was thuft 
du da? Hat das Schidjal dir etwa bejtimmt, diejen 
Hamfter zum Altar zu führen?“ 

Der Hamfter wurde ihm im Laufe weniger Mis 
nuten noch teurer. Er fpürte feine Regungen männ— 
liher Raubgier. Nur Sanja erfreuen ımd auf den 
rechten Weg bringen! 

Ihr wurde ftill und friedlich im Buſen. Und wie 
ſüß war dieſe Beruhigung. Jetzt durchbebt fie nur 
die freude darüber, daß der liebe Waſſili Iwanytſch, 
der num ihr garftigeg Benehmen kennt, ihr verzeiht, 
und ſich nicht von ihr, als von einer vermworfenen 
Dirne, abkehrt. Die Hoffnung, feine Braut zu wer- 
den, war ihr nod) gar nicht aufgedämmert. Sie 
hatte fogar vergefjen, wie ſehr fie ſich noch vor zehn 
Minuten die Ankunft der gepubten Schönheit zu 
Herzen genommen hatte. 

ALS Tjorkin fie auf die Stirn küßte, bemerfte er, 
wie weit fie in diefem Moment von jeder mädden- 
haften Berehnung entfernt war... Und er ergriff 
wieder zart ihre Hand, führte dieje an die Lippen 
und Ichaute ihr lange in die Augen, aus denen die 
ſtillen Thränen tropften. 

„Kindskopf!“ wiederholte er in feinen heimat— 
lichen Lauten. „Kleines ... unbedächtiges Mädchen ! 
Der ganze Schreden ift mit einemmal vorbei... 
Und e3 foll feiner folgen. Wir werden alles gut 
machen. Ich bin nicht gefommen, Ihr Neft zu jer- 
ltören, fondern neu herzuftellen.“ 

„Wie?“ fragte Sanja, ihn unter Thränen ans» 
lächelnd. 

„Ich bringe Wohnſitz und Park an mich. Etwas 
nur ſage ich Ihnen ind Ohr... Sie koftet es bloß 
ein Wörtchen. Sie wiſſen, ich bin bäueriſcher Art 
... Ich frage auf bäueriſche Manier: Darf Ihnen, 
Fräulein, der Bürgersmann Waſſili Iwanytſch Tjor— 
fin Liebe bieten... Eh? Wenn Sie ſich ſelbſt noch 
nicht antworten fünnen — warten Sie.“ 

„Liebe!“ rief Sanja laut und mußte unwillfür- 
lich laden. 

In dieſes Lachen ftimmte er ein, und feine breite 
Bruft bebte, indem fich feine Augen mit Thränen 
füllten. 

Sie faßen Hand in Hand neben einander. 

„Wenn Sie meine Liebe annehmen — dann 
brauchen Eie fih nidht von Ihrem heimatlichen Neft 
zu trennen.” 

Sanja jperrte verwundert die Augen auf. 

„Wieſo niht? Mollen Sie etwa nicht faufen?” 


PB. Boborykin. 


„Ih kaufe. Ah, Sie kindlihe Einfalt!... 
Verſtehen Eie denn nicht?” Seine Augen erklärten, 
was er nicht ausſprach. 

Das Blut flieg ihr bis über die Chren: gan; 
verftört ftammelte fie: „Lallen Sie mid, Täubchen, 
Maffili Iwanytſch —“ und fie ftürzte aus der Laube. 

Er hielt ihre Hand nicht, rief ihr aber nad: 

„Alerandra Iwanowna!“ 

Sanja ftand, ganz über und über zitternd, til. 

„Bertrag ift beſſer als Geld! Gegen niemand 
einen Muds, bis ich jelbjt mit dem Papa geſprochen 
habe... Möglicderweife fann man mir aud) den 
Etuhl vor die Thür jtellen.” 

Die Vermirrung Eanjad machte einer ſtillen 
Heiterfeit Plap. 

Sie trat an ihn heran, ergriff die Hand ımd 
beugte ihren Kopf dit un jein linfes Chr. 

„Darf ich eine Frage jtellen ?* 

„Welche Sie wünſchen, Kindskopf!“ 

„Iſt jene Dame... Ihre Belannte oder Ber: 
wandte?” 

„Jene Dame,“ antwortete Tjorfin heiter, „werden 
Sie in Ihrem ganzen Leben nicht wieder fehen...“ 

„So?“ 

Ihre Lippen berührten ganz leiſe Tjorkins Schläfe, 
worauf fie noch ſchneller als das erſtemal die Allee 
entlang flog. Die Wangen glühten wie Feuer; in 
der Bruſt ſchäumte es, aber freudig, mie in einem 
Shampagnerpofal. Im Kopf hüpfte alles umher. 
Sie konnte feinen ordentlichen Gedanken falten. 

Und plößlic) an der fünften oder ſechsten Pinde 
ftand fie wie gebannt. Ein Fröfteln überlief fie. 
Jetzt wurde ihr alles Mar. Das war ein Antrag 
gewefen, und fie hatte ihn angenommen, doc wie? 
Deutli von Gelächter begleitet ertünte ihr da: 
Wort: „Liebe*. 

„Ad, ich Unglückliche!“ 

Sie griff mit den Händen nah einem Baum- 
ſtamm; ihre Füße ſchwankkten. 

„Werden denn die hochgeborenen Herrſchaften ihre 
Einwilligung geben? Was denkt er denn!... Du 
kannſt lachen, Schätzchen, daß ich mid) deiner an 
nehme. Du magft dem Bettelftand Lebewohl jagen, 
da ich nicht nur Bürgerdmann, jondern au Millionen⸗ 
mann bin. Du haft ja auch ‚Liebe‘ gerufen, gerad: 
al3 ob du da8 große 208 in der Lotterie gezogen 
hätteſt.“ 

„Herrgott, Herrgott!“ flüſterte ſie verſtört. 

Der kalte Schweiß trat ihr vor die Stirn, und 
vor ihren Augen flimmerte es. Das dauerte aber 
nur Sekunden. 

„Nein, ſo iſt er nicht!“ rief ſie freudig und 
munter für ſich, und eilte ſchnelleren und leichteren 
Schrittes, ohne des Weges zu achten, auf das Haus zu. 

„Alerandra Iwanowna! Wo haben Sie geftedt?” 


MWaffili Tjorkin. 


Eine jharfe männliche Stimme hielt fie an. Pjer- 
watſch vertrat ihr mit auägebreiteten Armen den 
Weg. Beinah wäre fie ihm an den Hals gefallen. 

„Nikolai Nikanorytſch!“ ſagte fie laut, ihm beim 
Reitergehen ausweihend. „Gehen Sie, jagen Sie 
allen: was Waſſili Iwanhtſch beichlofien hat, das 
führt er durch.“ 

„Wozu denn dieſe Treierlichfeit? 
etwa alle beglüdt? Spaß!” 

„Er bat mehr als das gethan!... 
mich von Ihnen befreit! Leben Sie wohl!” 

Hart an der Terraffe vorbei, wo no alle um 
den Theetiſch ſaßen, eilte Sanja nad) dem Anbau, 
vım fi) über alles mit der Wärterin Thedosjäjewna 
zu beipredden. 


Hat er euch 
Cr bat 


XXXI. 


Ein ſtiller, warmer Morgenhimmel mit leichten 
Wolkenballen am ſüdlichen Horizont ruhte auf dem 
zum Wohnfitz von Samodnoje gehörigen Hegwald. 
Der Fichtenbeitand dehnte ſich ſtromabwärts zu bei« 
den Seiten der Wolga Hunderte von Delfiatinen 
meit aus; die Schonung war mit Ahorn und Schwarz= 
Holz beitanden. 

In der fiebenten Mlorgenftunde nahmen zwei 
Fußwanderer, die jchon jeit Tagesanbrud den Wald 
durhftreift Hatten, auf alten, verwitterten Baum— 
ſtümpfen inmitten des hohen Graſes und niedrigen 
Geftrüpps einer Lichtung Plab. 

Es waren dies Zjorfin und fein Gehilfe Chrjajıh- 
tichem. 

Sie hatten tags zuvor verabredet, mit dem 
jrüheften, ohne jemand zu mweden, und nüchtern 
zum Walde aufzubrechen. Geftern war der Erbiik 
der Tihernofofhnis in die Hand der Geſellſchaſt 
übergegangen, und geftern hat Tjorfins Verlobung 
mit Sanja ftattgefunden. 

Er fühlte den Drang, feine Seele dem Walde 
zuzuführen. Wenn er auch Chrijaſchtſchew gejagt 
hatte, daß fie die Gehege befichtigen wollten, fo hatte 
Anton Pantjeljäitſch doch gleich begriffen, daß es 
ihm nur darum zu thun war, mit dem Walde zu 
fraternifiren, wa8 ihn ungemein gerührt hatte. In 
der gemeinjamen Liebe zur Mutter Natur und im 
Schmerz um die dem Raube gemweihten Volksgüter 
Hatten fie fi beide ja zufammen gefunden. 

Beide waren etwas ermüdet, ſpürten aber weder 
Hunger noch Durft. 

Bor ihnen ſtanden jenfeits eines jchmalen Aus— 
Haues, an dem ein Fußpfad entlang führte, mäch— 
tige Tannen mit dunfelgrünen Nadelbüfcheln. Andere 


wiſchten ſich mit nadten Stämmen und vertrodneten | 


Wipfeln unter die Fichten. Hinter dem Wal von 
Radelholz Tag ein dunkelgrünes Feld mit Haſel⸗ 


ſitäuchern und Ebereſchen. Hie und da blinkten 


697 


heiter und heil vereinzelte Birkenſtämme. Bon recht3 
glänzte die Sonne auf die Lichtung und ließ den 
Rafenjtreifen in hellſmaragdner Färbung Strahlen. 

Hierauf richtete Anton Pantjeljäitich feine Mugen 
und lachenden Augen, indem er mit feinen dicken 
Yingern Tjorfin darauf hinwies. 

„Sold ein Rafenflüd, Waſſili Iwanytſch, ſcheint 
gleihfam wie aus einer andern Welt! Was ein 
Sonnenftrahl nicht alles kann ... Und was für eine 
Pracht — die Tanne!... Sie nimmt es mit der 
Eihe auf... Sehen Eie nur jenen Riejen dort! 
Das ift eine Zeder des Libanon — wenn fie aud) 
feine fo füßen Kerne gibt und nicht auf jüdlichen 
Bergen, fondern in der Niederung wächſt.“ 

„Tür die Fichte taufche ich nicht die Tanne ein,“ 
entgegnete Tjorfin, indem er einen freundlichen Blid 
auf den Grübler warf. 

„Ah nein, jagen Sie dad nit, Wailili Iwa— 
uytſch! Die Fichte ift bei Abendbeleuchtung ja auch 
ganz ſchön, aber mit den Tannen doch nicht zu ver⸗ 
gleihen. Sehen Sie, wie jene dort ihr Zeltdach 
ausſpannt und jedes Grashälmchen beſchützt. Woher 
der Raſen, die Sträuder, die Beeren bier? Sie 
leben alle unter ihrer Obhut. Im Fichtenmwalde if 
dagegen alles tot. Allerdings jchreitet man wohl 
auf weichem Teppich, doch der Teppich ijt leblos... 
eine Anhäufung abgeftorbener Nadeln.“ 

„Das macht es nicht, Anton Pantjeljäitih! Die 
Fichte ift -— die Königin unſeres Nadelholzes... 
Sie baut unfere Häufer, fie richtet unjere Mafte... 
Mit der Eiche nimmt fie e8 nicht nur in der Schöns 
heit, fondern auch in der Feftigfeit auf. Sie ift — 
bier zu Lande — die Grundlage des ganzen Wald- 
reichtums. Daß dem gegenüber das Tannenholz gar 
nicht in Betracht fommt, willen Sie ſelbſt.“ 

„Ih weiß, ich weiß! Und ich behaupte, daß 
da3 auf Vorurteil beruht... Es herricht oft heißer 
Streit über den größeren oder geringeren Harzgehalt, 
al3 ob die Hauptbedeutung diejer Giganten im — 
Pech beitände. Nein, unter dem Schatten der Tannen 
herrſcht fröhliches Blühen und Gedeihen.” 

Im Bereich des Aushaues, ſowohl zu ihren 
Füßen, wie um die Tannen berum, belebten farbige 
Maldblumen, Anemonen, Gänſeblümchen, Erdbeer- 
blüten, auch einzelne verjtedte Beeren den Raſen⸗ 
teppih. Zarter Blumenduft wurde gewiflermaßen 
von dem leichten Tüftchen emporgehoben und mit den 
fräftigen Harzgerüchen von oben her gemilcht. 

Ueber ihren Häuptern jchüttelte eine einfame Ejpe 
ihre ſchwankenden Zmeige und verkündete Nenderung 
des Wetters. Dieſes Rajcheln entging Chrjajchticher 
nicht, der jofort den Kopf dorthin erhob. 

„Unfere wolgiſche Pappel!“ 

„Jene Eſpe dort?“ fragte Tjorkin ſpöttiſch. 

„Was kann ſie dafür, daß man ſie mit Judas 


6983 


Ischariot in Berbindung gebradt hat? ... 
welh ein Rauchen in ihr... Muſik! Und der 
Wuchs! Man muß nit alles mit der wirtjchafte 
lichen Elle meſſen.“ 

Diefe Worte hätten Tjorkin kränken können. 
Chrjaſchtſchew errötete und warf ihm einen ent= 
ſchuldigenden Blid zu. 

„Nehmen Sie's nicht übel... Ich bitte um Ent» 
ſchuldigung.“ 

„Ich verſtehe!“ rief Tjorkin treuherzig und legte 
ihm die Hand auf die Schulter. „Sie ruhen, wie 
ich ſehe, mit ganzer Seele am Buſen der Natur! 
Und das iſt mir außerordentlich lieb, Anton Pantjel- 
jäitſch.“ 

„Sehr erfreut!“ murmelte Chrjaſchtſchew verwirrt, 
ſchwieg dann nach einem Seufzer und ſchloß die 
Augen. 

Aus dem dichten Gebüſch hinter ihnen miſchte 
ſich mit dem wetterverkündenden Zittern des Eſpen⸗ 
laubes das melodiſche Gezwitſcher eines Singvogels. 

„Das iſt ein Stieglitz!“ äußerte Chrjaſchtſchew 
kaum hörbar. 

„Ein Stieglitzmännchen?“ fragte Tjorkin. 

„Sa, ja. Aber da hat ſich auch ein Zeiſig ver— 
nehmen laſſen.“ 

Unterwegs hatten ſie auf den Vogelſang und das 
Getriller wenig geachtet; jetzt aber trugen ihnen die 
Schwingungen der ſilberhellen Luft alle dieſe Wohl: 
laute zu. 

Noch ein Vögelchen ſandte feine Töne von der 
ſmaragdnen Wieſe im Gehege her. 

„Ich kann es nicht ohne weiteres ſagen, Waſſili 
Iwanytſch, doch ſcheint mir das ein Dompfaff zu 
ſein.“ 

Er ſchwieg bald, wogegen ſich wieder der Zeiſig 
vernehmen ließ, und zwar aus nächſter Nähe. 

Tjorkin hatte ſich in ſeinem Leben nicht ſo tief 
beglüdt und herzlich zufrieden wie an diefem Morgen 
gefühlt. Der Zeifig lenkte mit feinem Zwitichern 
fein nicht Teidenfchaftliches, aber füßes Sinnen auf 
Sanja, die jeßt mit ihrem hohen, vibrirenden Stimm— 
hen vielleicht auch wie dieſes Vögelchen fang. Er 
ihämte fi vor Chrjaſchtſchew. Diejer liebe Sonder- 
ling hätte fein Vertrauen verdient. Wahrſcheinlich 
hatte ihm doch feine neue Freundin, die Wärterin 
Thedosjäjewna, geitern abend Sanja3 Verlobung 
anvertraut. 

„Anton Bantjeljäitich !“ 

„Ah?“ 

„Die Vögel ſingen auch mir ins Herz hinein.“ 

„Um jo beſſer, Waſſili Iwanytſch.“ 

„Wiſſen Sie auch warum?“ 

Er blinzelte ihm heiter zu. 

„Wenn Sie erlauben... Ich will nicht leugnen 
— ſchon geſtern ...“ 


Und 


P. Boborykin. 


„Hat Thedosjäjewna geplaudert, iſt's nicht jo?‘ 

„So iſt's. Geſtatten Sie mir, Ihnen von ganzem 
Herzen meine Glückwünſche darzubringen.“ 

Chrjaſchtſchew ſtreckte ſeine Hand hin, in die 
Tjorkin kräftig einſchlug. 

„Sie haben einen vollen Sieg errungen. Bivat! 
Da bat Ihnen gewiß der fünftige Schwiegervater 
geholfen, wenn er auch ſehr auf dem hohen Roß zu 
ſitzen jcheint . . .“ 

„Geſtehen Sie, Anton Pantjeljäitſch, ohne Uns 
Ichweife. Sie denken fi meine Verhandlung mi 
dem Schwiegerpapa rein gejchäftlich: ich bitte um 
Deine Tochter; willſt Du nicht, kaufe ich Dir keine 
Deifiatine ab.“ 

„Da jei Gott vor!... So ganz ohne wäre ein 
ſolches Verfahren ja nicht gewejen, ha, hal... aber 
das ift nicht Ihr Fall... Sie find ein Held, ein 
Krieger, ein Ritter in allen Lebenslagen.“ 

„Dante!“ 

Tjorkin freute fi von neuem darüber, daß er 
zuerft den Handel mit Iwan Sacharytſch abgeſchloſſen 
und dann erft die Hand der Tochter erbeten hatt. 
Dieſer hatte erft ablehnen wollen, dann nad) einigem 
Befinnen etwas gemurmelt, worauf Tante Paula er» 
ihienen war und die Sadhe in wenigen Minuten 
ing reine gebracht hatte. 

„Geheimnis!“ äußerte Chrjaſchtſchew, beide Hände 
ergreifend... . „Wie jtet3!” fügte er Hinzu und ſchwieg. 

Tjorkin fagte auch nichts weiter. Sie ſaßen jeder 
auf feinem vermwitterten Baumftumpf und lauſchten 
beide auf das Rauſchen in der Luft. Die hellgrüne 
Lichtung verdunfelte fich unter heraufziehenden Wolfen: 
mafjen. Die nahen Eſpen, die Birken und Sträuder 
im Gehege und jenfeit3 der Tannenwand rafdelten 
unter den Wirbelwinden in verjchiedenartigen Tönen. 
Darein mijchte ſich das fräftigere Geräuſch der hohen 
Tannen wie mächtige8 MWogengebrauje. 

Die Vögel verftummten. Aber troß alle Ge⸗ 
töjeg der bewegten Luft blieb die Stille auf der 
Lichtung doch derart, daß fein fremder Laut von 
außerhalb verloren ging. 

„Tuck!“ erflang es zwei Schritte neben ihnen. 

„Ein Tannenzapfen ift herabgefallen,“ flüjterte 
Chrjaſchtſchew und erhob fid. 

„Ai — da! Anton Pantjeljäitfeh,“ rief Tjorkin. 
„Es wird gewiß eine tüchtige Hufche geben; ich möchte 
aber erſt nod dorthin.” 

Sie gingen ſchweigend im tüchtigen, nit zu 
ſchnellen Schritt. Die Sonne verlor fi) ganz hinter 
düſterem Gewölk. 


XXXII. 
Eine Viertelſtunde lang verfolgten ſie kreuz und 


quer einen kaum ſichtbaren Fußpfad und gelangten in 
ein Gebüſch. Beide erfreuten ſich am wachſenden 





Waſſili Tjorfin. 


Rauſchen des Waldes. Von einer Seite türmten ſich 
die Wollen auf. Zur Rechten war noch ein Streifen 
reinen Azurs frei. Das Unterholz des Schwarzholzes 


dunfelgrünen Tannenbüfche hatte der Frühling neue, 
bellfarbene Nadelbündel ergrünen laſſen. 

Die Vögel ſchwiegen im Vorgefühl ded Regens 
oder Gewitter. Nur ein vereinzelter Specht pidte, 
und wohl von weit ber tönten laut und melodiſch 
feine Schnabelftöße. Zn 

„Der Alte ftrapazirt ih!” Hub Chrjaſchtſchew 
nachdenklich an, indem er fih dur das Hajelnuß- 
und Ahorngeſtrüpp, da8 über jeinen Schultern zu= 
jammenjhlug und fein Geſicht verfrakte, durchwand. 
„Höre einer, wie er ſich ftrapazirt! Der allerweijeite 
Vogel macht ih nützlich. Die Spechte und Die 
Drofieln — das find die Vorwiſſer de Guten und 

Böſen in der Natur.” 

„Wie das?“ fragte Tjorkin lächelnd. 

Er drang voran. 

„Jeder Stamm, den der Specht anhackt, iſt dem 
Verderben geweiht. Die Droſſel pickt gleichfalls, 
aber pickt für ſich, indem ſie die ſchmarotzenden 
Ameiſen abfängt und die unſcheinbaren Werkzeuge 
des Todes zerſtört. Es iſt gut, ſolche Leute im Auge 
zu behalten... Jener bietet ein Beiſpiel dafür, 
was e8 heißt, jeine Seele dem Geifte der Finſternis 
vermadt zu haben. 

„So etwa Frieden in der Welt die Sklaven und 
Schmeichler um die mächtigen Böjewichte und Ver- 
brecher herum, indem fie fi) als Opfer bieten. 

„So iſt's, dabei ift die Diagnofe leicht zu ftellen, 
um es mediziniſch auszudrüden. Einerſeits Schmeiß- 
fliegen und Mijttäjer, die von Abfall und Unrat 
Ieben, andrerfeits reinliche Vögel, Ianglebig und von 
großem PVerftand. Die Droffel ift Hüger als der 
Papagei, und wenn fie von Anbeginn an in täg- 
licher Gejellihaft mit Menſchen zubrächte, würden 
beide Teile wohl mit einander reden können.“ 

Tjorkin Tachte Fopfichüttelnd. 

Hinter dem Gebüjch trafen fie auf einen länglich 
ovalen Waldfee, deilen rechtes Ufer mit Wajler- 
gewächs gejäumt war. Weiter vom Rande entfernt, 
wiegten fich gelbe Lilienkelche auf breiten, heiteren 
Blättern im Schilfe. Noch mehr nah der Mitte zu 
Yhwammen weiße Waflerrofen auf dem Zei. Und 
von der dunklen Tannenwand hoben zwei nahe an= 
einander ftehende junge Fichten ihre ſchokoladefarbe— 
nen Stämme ab. 

„Anton Pantjeljäitſch!“ rief Tjorfin, während 
beide am Waſſer ftanden. „Was habe ic) Ihnen 

geſagt! Schauen Sie dorthin! Die Fichten. Welche 
Darbe! Wie beleben fie das ganze Bild.“ 

Chrjaſchtſchew blinzelte und blidte lange ſchwei— 
gend hin, 





I 
} 
} 


den Zannentempel. 
| für 
verlegte ihnen den Weg. An den Enden der alten, 


699 


„Das beftreite ih nit! Eine Art Säulen für 
Dennoch taufhe ich fie nicht 
Tannen und Federn ein.“ 

„Hier hat jemand in gewinnſüchtiger Abficht 
einen Ausbau gejchlagen.“ 

Tjorkin wies auf einen nahen Holzitoß hin. 

„Der Förſter hat fi für den Winter vorgejehen,“ 
bemerkte Chrjaſchtſchew. „Beim Fällen ift der Wechſel 
des Beſitzers nicht bedadt. Der Stoß Erlenholz 
wird ih indefjen nicht ſchlecht bezahlt machen.“ 

Sie lädhelten einander an und gingen am Ufer 
entlang an eine Stelle, wo eine Landenge den See 
in zwei feine Seen teilte. Diefer Pla war be= 
ſonders Tieblih und zeigte eine echt ruſſiſche Land- 
haft. Das äußerte Ende des zweiten Seearmes 
war von vierediger Geftalt und trug eine ſolch dichte 
Pflanzendede, daß nur die friiche Tyarbe des Grüns 
vor dem Irrtum bewahrte, fie für einen jungen 
Rafenplaß zu halten. 

„Nichts als Schinimel und Kahm, die Fräuter- 
juppe da!“ bemerkte Tjorkin Taut. 

„Schimmel und Kahm,“ wiederholte Chrjafch- 
tſchew, lächelnd mit der Hand das fette Finn jtrei= 
helnd. „Sie jagen: ‚Anton Pantijeljäitſch ſchwatzt 
Hug und betrachtet alles vom agronomiſchen Stande 
punlt aus: Schimmel ift eine befannte Sache. 
Vergleich mit der Srautjuppe trifft auch zu. Dort 
gibt e8 ein ganzes Meer von niedrigen Gewächſen, 
die alle unter dem Glas ihre befondere Schönheit 
zeigen.“ 

Tjorkin hörte feinen Yorftmann mit traulicher 
Liebenswürdigkeit an und dachte an deilen warmen 
Ausruf: „Alles ift Wunder!” womit er feiner Be— 
ziehung zum Leben des Univerfums Ausdrud gegeben 
hatte. | 

Auch der letzte Himmelßftreifen war jetzt ummölft. 
Aber Feine düfteren Gemitterwolfen verdunkelten die 
Natur, jondern ein helles Lichtgrau, das dem Auge 
ungemein wohlthat, lagerte auf der weiten Lichtung 
mit den beiden Teichen. 

In das melodiſche Waldesrauſchen mijdhte ein 
Vogel den Ruf: „Tiu—it, tiu—it, tiu—it!“ 

Zjorfin entſann ſich dieſes Rufes von ſeiner 
Kindheit her, konnte aber jetzt auf den Namen des 
Sängers, den er als Knabe ſicher gewußt hatte, nicht 
kommen. Das bekümmerte ihn ordentlich. Bei 
Chrjaſchtſchew, der nicht mit ihm ſprach, ſondern 
ganz Auge und Ohr war, wollte er ſich nicht er— 
kundigen. 

Mit zögerndem, etwas müdem Schritt hielten ſie 
ſich links, wo ihrer Vorſtellung nach der neue, von 
Pjerwatſch ausgeführte Durchhau liegen mußte, 

„Tiu—it, tin—it, tin—it!“ rief von dort der 
Tjorkin unbekannte Vogel. 


Er ſchritt wieder voran. Sein Fuß ſtieß bald 


2700 DB. Boborylim. 


an eine Wurzel, bald an einen Ameiſenhaufen, die 
unter Sträuchern und Blätterwerk verdedt waren. 

„Anton Pantjeljäitſch!“ rief er den vorſichtig 
weiter dringenden Chrjaſchtſchew an. 

„Hier!“ 

„Verirren Sie ſich nicht?“ 

„Gott behüte, Waſſili Iwanytſch.“ 

Aus dem blühenden Blätterdidicht ſchaute das 
breite Geſicht Chrjaſchtſchews heraus. Er hielt einen 
glänzenden Gegenftand in der Hand. 

„a3 haben Eie da?” fragte Tjorkin. 

„Einen Taſchenkompaß — ohne den ich nie bin. 
Mir gehen reht. Dort ift Norden. Der Mohnfik 
liegt im Südojten. Wir müſſen ung nad Nordmweiten 
halten!“ 

Der Wind erftarb, während das geloderte Gewölk 
am grauen Himmel einzelne heliblaue Stellen zeigte. 

Der Wald wurde lichter. Sie begannen unter 
id einen Abhang zu fühlen. Auf einer Heinen 
Lichtung bildeten einige im Kreiſe ftehende Tannen 
eine Art Zelt. 

„Iſt es nicht genehm, auszuruhen? Sehen Sie, 
in dem Neft dort!“ 

Sie nahmen daſelbſt Pla, wo der flache Stumpf 
einer hundertjährigen Tanne, geſchwärzt und mit 
Farnkraut ringe umwachſen, einen weichen Ruhe» 
ſitz bot. 

„sh nenne ſolche Orte Neſter, Waſſili Iwa— 
nytſch,“ Hub Chrjaſchtſchew in dem ihm eigentüm— 
lichen herzlichen Ton an. „Wollen Sie dort ſehen, 
wie unter den Tannen allerhand Kraut, beſonders 
in ſolchen Neſtern, erſprießt, während ſich unter den 
Fichten kaum ein Halm findet. Die Ebereſche wächſt 
auch da. Vorſicht! Das iſt erleichternd für den 
Magen... Und Muttergottesthränen!“ 

„Was Sie nicht alle willen, Anton Pantjel» 
jäitſch! Und anfänglid) ftellten Sie ſich jo beſcheiden! 
Nun, hier ift ein Kraut!“ Tiorfin reichte Chrjafch- 
tſchew einen Stengel mit einer Blüte hin: „Ich fenne 
es bei jeinem einfachen Namen, doch Sie werden 
gewiß den Iateinifchen willen...“ 

„Wie ſollte ih nicht, Waflili Iwanytſch? ... Zu 
was würde id dann jonft auf Koſten der Gefellichaft 
unterrichtet?” 

„Nun alſo?“ 

„Leontodon Taraxacum.“ 

„Und das weiß ich nicht. Ich habe es fogar 
niemals gehört. Dagegen habe ich auf der Schule 
drei ciceronianifche Reden augtwendig gelernt — was 
habe ih aber davon?“ 

„Alles iſt nüglih, Waſſili Iwanytſch.“ 

Gerade über ihren Häuptern gellte hoch am 
Himmel das klagende Geſchrei eines Vogels. 

„Ein Habicht?“ äußerte Tjorkin fragend. 

„Er erwartet Sturm... nur wird es feinen 


geben,“ jagte Chrjaſchtſchew etwas giftig, da er das 
Raubgetier nicht befonders leiden mochte. 

Eie ſetzten ſich dann fchweigend mitten in die 
ftarfen Nadelhaufen und dichten Kräuter, jeder in 
jeine eigenen Gedanken verjunfen. 

Im Malde war alles ganz ftill geworben. Tie 
Vögel fangen und zwitjcherten. Der Himmel über 
ihnen Hatte fih aufgeklärt. Nah etwa fünf Wi: 
nuten fing es irgendwo, man wußte nicht redt, ob 
hinten oder ſeitwärts, zu ſcharren an. 

Chrjaſchtſchew hatte Ichon auf den Laut geachtet, 
als ihn Tjorkin anrief. 

„Das tennen Sie nicht?“ fragte Chrjafchtihen 
mit verwinderten Augen. 

„Holzbau!“ 

„Durchaus nicht, das ift — Meiſter Petz.“ 

„Ein Bär?“ 

„Ja, ja — 

Chrjaſchtſchews Augen leuchteten zärtlich. 

„In welcher Richtung hauſt er?” 

Tjorkin zeigte Unruhe und wollte aufftehen. 

„Er mag gerade Hierher durchbrechen ... Er 
thut niemand etwas zu leide, wenn man ihn nicht 
reizt. Jetzt ift er fatt... Er geht nur etwas nad 
dem Waldesjaum Spazieren. Das Tier ijt fehr ver: 
ftändig und fein Spielverderber, dabei von Geburt 
und Erziehung ein Pflanzenfreſſer.“ 

Chrjaſchtſchew ſagte die legten Worte ruhig und 
liebenswürdig. Tijorkin ftredte Die Beine aus, legte 
beide Arme unter den Kopf, richtete Die Augen auf 
die blaue Himmeläftelle, die auf die Tannen nieder 
Idaute, gähnte behaglih und wandte ji an Jeinen 
Gefährten: 

„Es ijt alle8 Geheimnis, in una und um uns, 
nicht jo, Anton Pantjeljäitſch?“ 

„Geheimnis!“ entgegnete Chrjafchtihen mit 
langem Seufzer und dehnte fih auch im Graie. 

Das heitere Vögelchen fchmetterte wiederum über 
ihnen fein Ziu—it, tiu—it, tin—it! 


XXI. 


Auf dem Tische ftanden noch das Deſſert, eine 
Flaſche Wein und das Kaffeegeſchirr. 

Im Saale des Stabtquartierd don Niſowjew 
faßen gegen zwei Uhr Serafima und Pjerwatich weit 
über den Tifch gebeugt und rauchten. Bor ihnen 
ftand je ein Glas mit Liqueur. 

Die Unterhaltung war noch ebenfo lebendig tie 
bei Beginn ihres Frühſtückes. Die Dienerfchaft lam 
nicht herein. 

„Nun Seien Sie fo gut, Nikolai Nikanoryfſch, 
und ftellen Sie fih nicht an... Ih bin aljo für 
Herrn Tjorfin — eine nichtsbedeutende Perſon. Rechte 
habe ich auf ihn in feiner Weife — das verſteht 





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Waſſili Zjorfin. 


ih. Bis zur Küſſerei find Sie doch mit jenem 
Hamiter gelommen — eh?" Pierwatſch ſaß rot, 
mit aufgeriljenen Lidern feiner glühenden, ſpitzbübi⸗ 
Ihen Augen, ganz Feuer und Ylamme, da. Die 
Ringe an feiner reiten Hand funtelten. 
feinen Finger ſchnippte er die Aſche von der Cigar⸗ 
rette ab und blickte ſpöttiſch umher. 

Im Kopfe wirbelte es ihm ein wenig. Seraftma 
jeßte ihm gehörig mit Trinken zu, tranf auch Jelbit, 
wenn auch bedeutend weniger. Sie rübrte in ihm 
alle Begierden und Berechnungen, Schwärmerei für 
ihre Schönheit, ſowie die durch jeine plößlihe und 


Mit dem ' 





01 


Diejer Feldmeſſerling, mie jener adelige Weiberfnecht, 
den fie anders behandelt, als feine Pariſer Maitrefie 
— und ihr ganzer anderer Anhang. Vor allen ver: 
ächtlih aber — Tjorkin, ihr Idol, ihre Eonne, der 
Verräter an folcher Fiebe, an joldem Weibe, um 


was, um wen? Um jolden Hamjter, den der bü— 


unentihiedene Entlaffung aus Sawodnoje erfahrene 


Kräntung auf. In Serafima fand er eine unver- 
Hofite Rächerin. 


Durch fie erhielt ex bei Nijowjew 


den Poſten eines Aufjehers über defjen ganzen Wald» 


beit. Solch ein Weib war ihm noch nicht zu Ger 
jicht gefommen. Nifowjern war in ihrer Hand, ob- 
wohl fie fih ihm jchmwerlih ergeben hatte. Wer 
weiß!... Mag fein, anfänglid nimmt jie feine 
Freundſchaftsdienſte in Antprud). 

„Ra, nun 108! beichten Sie!” drängte Serafima, 
indem fie ihm über den Tiſch an den Händen hielt. 

Ihre bleiche Bernfleinfarbe war in ein goldiges 


Rot übergegangen. Der leichte, Halb durchſichtige 


Friſirmantel ließ die Arme frei; die Haare waren 
nachläſſig auf dem Wirbel in einen Knoten ge= 
ſchlungen. 

„Ich habe den Grundſatz,“ ſagte Pjerwaiſch, mit 
den Augen umherfahrend, „ſogar, wenn die, die mir 
nahe geſtanden hat, ſich nicht gentlemanlike benom- 
men haben ſollte.“ 

„ah was, Unfinn!. 
gegeben?” 

„Wenn Sie wollen, ja.“ 

„Bielleicht noch mehr?* 

„Ih hielt es nicht für nötig, mich zu beeilen.“ 

„Und ſicherlich Hat dieſes Mädel zuerjt Anlaß 
gegeben, fih mit Ihnen zu füllen. So, daß Sie 
nur ‚put, put‘ zu jagen braudten. Man jieht ihr 
gleich die üppige, finnliche Dirne an, die dem erjten 
beften Manne nadhläuft. Und Herr Tijorkin hält 
für nötig, mit ihr Hermann und Dorothea zu jpielen.“ 

„Wie nannten Eie die?“ 

„Das haben Sie wohl nicht geleſen?“ 

„Rein, ich bin nicht dazu gefommen.“ 


* Aljo Schmatzerei hat's 





ſie ihm den ganzen Tag lang zugehört. 


„Es ift ein Gedicht von Goethe... Ich Habe es 


in ruffifher Ueberjegung auf der Schule geleſen. Da 
gibt es noch ältere Geſchichten: Daphnis und Chloe, 


Philemon und Baucis, in eben demjelben rührjeligen | 


Geſchmack.“ 

Ihre Augen ſprühten Funken, ihr roter, feuchter 
Mund zog ſich leicht zufammen. In ihrem Junern 
dröhnte nur das eine Wort: „Wicht!* 

Me Männer — verächtliches Pad, alle: ſowohl 


Aus fremden Qungen. 1895. II. 15. 


bijche Feldmefſer in einer Woche zu allem gebradt 
hätte! 

„Ha, ba!“ erfehallte ihr Gelächter dur das 
Zimmer. „Ha, ha! Wundervol! Ausgezeichnet! 
Warum haben Sie ihm denn nicht berichtet... wenn 
auch brieflich? Zum Danf dafür, daß Sie von 
feiner zufünftigen Verwandtihaft auf jeinen Wiuf 
jo unzeremoniös an die Luft gejebt find!“ 

„Darüber bin ich erhaben!“ 

„Paperlapapp! Darüber wohl aud, daB der 
Hamiter Sig jo ſchnöde aufgegeben hat! Aber viel- 
leiht hat fie fih ihm verfauft.... nach Art jo man 
hen adeligen Penſionsfräuleins.“ 

„Kaum! Ich war ſelbſt überraſcht ... wie ſoll 
ih jagen... von dem Ion, mit dem fie ...“ 

„Ihnen den Stuhl vor die Thüre fehte? Zu 
ſolcher Niedertracht iſt auch das finnlojefte Weibs— 
ſtück befähigt.“ | 

Serafima ſelbſt gehörte nicht zu dieſer Sorte. 
Ihr ganzes Selbft ging in der einen unteilbaren 
Leidenfchaft zu dem Manne auf, der fie fo empörend 
gemißhandelt hatte, nachdem er mit ihrem Gelde fo 
hoch gelommen war. Hätte er fie noch im Anfalle 
jeiner thörichten Reue, von der niemand etwas willen 
wollte, der „geißelwütigen Himmelsbraut” wegen 
verraten. Diefe Kaljeria hatte doch noch Heiligkeit, 
aufgelöjte Haare und einen engelhaft durchſichtigen 
Teint für fh. Aber nun? Solch eine ſtrohlöpfige, 
ifrofulöje Landpomeranze! Seiner Großthuerei zu 
fröhnen, muß er mit dem Rittergut auch ein NRitter= 
fräulein zugleich erjtehen, wobei ihm das Bewußt⸗ 
jein jchmeichelt, eine ganze Familie zu beglüden und 
eine Teichtfertige Dirne durch eine gejeßmäßige Ehe 
zu beebren. 

Alles fam ihr jo niedrig und gemein vor. Troß 
alledem fonnte fie ſich nicht davon losreißen, und 
wenn Pjerwatfch etwas von dem Verhältnis Tjorkins 
zu dem Hamjter hätte erzählen können, dann hätte 
Er mußte 
aber nicht3 oder jo gut wie nicht3 davon. 

„Hat eine Verlobung ftattgefunden?“ fragte fie, 
ohne Antwort auf ihre unhöfliche Anfrage abzu— 
warten. 

„Weiß ich nicht!” antwortete Pjerwatſch affeltirt. 
„Sit mir auch gänzlich gleichgiltig.” 

Und diefer Schlingel hielt e8 für gut, fi) vor 
ihr als ebenfolder Spitzbube und Böſewicht wie alle 
Männer zu erweifen. Er war aber auf jeiner Hut 
und unterlic das Prahlen. Sicher hatte das Fräu— 

89 


702 


lein vor Tjorfing Ankunft in Samwodnoje mit ihn boshaften Ton. 


M. Boboryfin — Waffili Tjorkin. 


„Mutter-Conmandeufe — Eeras 


geliebelt. Wäre es nicht am zwedmäßigiten, Waſſili | fima Jefimowna. Das fpringt in die Augen.“ 


Iwanytſch in einem Briefe über den Schatz aufzu— 
flären, den er dem Tiederlichen Feldmeſſer abgejagt 
hatte? Mie ein Kammermädchen Hatte fie nad) 
Herzensluft im Garten getändelt! Das ift fein Ideal. 
So Sieht es in dem erjehnten Hafen aus, in den er 
eingelaufen ift! 

Ihre Brust zog ſich frampfhaft zuſammen. Cie 
überdachte ſchon den Brief, in dem fie ihr Gift aus— 
ipriken wollte. DO, fie wird jchon zeigen, daß fie 
ihre goldene Medaille auf der Schule verdient hat. 
Für ein ftumpffinniges, grüßlöpfiges Inftitutsfräulein 
bat fie nie gegolten. 

Ein Gedanke ſchoß ihr durch den Kopf, der ihr 
Fröſteln verurfachte. Wie, wenn fie gebeichtet hätte, 
al3 er um ihre Hand anhielt, und er in ſeinem ras— 
folniihen Edelmut ihr alle Sünden vergeben, und 
dadurch in ihren Augen noch an Erhabenheit ge= 
wonnen hätte? 

Auf keinen Fall wird fie ihre Handſchriſt ver— 
ftellen oder anonym jchreiben; das ijt geniein! Mag 
fie mit ihrem Namen eine Schande jchluden ! 

Alles umfonft. Sie verzehrt fich bei lebendigen 
Leibe. Die Liebe quält fie. An ihre Stelle follte 
der glühende Haß auf das ganze Männergefchledht 
treten — nit nur auf den einen Mann, der fie 
drei Jahre lang als Sklavin ihrer unverantwortlidhen 
Leidenihaft in Feljeln gehalten Hatte. Sein Erbar« 
men — nicht für einen! Co lange ihre Reize nod) 
blühen, wird fie ihre volle Herrichaft iiber alle üben, 
die für dieſelben empfänglich find; fie wird deren 
Herzblut trinken, deren Straft erſchöpfen und ſie dann 
wie ein Bündel alter Kleider beifeite werfen. 

Himmel! Mangel daran ijt nicht zu fürchten. 
Zuerſt Nifowjem — der ſchon von greifenhafter 
Sinnlofigfeit befallen if. Wenn ihm jeine fran» 
zöliiche Liebfte — die Gräfin — zwei Millionen 
Franken gefojtet hat, dann werden ihr noch die un— 
verfauften Hunderttaujende von Walddejliatinen an 
der Wolga, Unfha, Welluga und Kama verbleiben. 

Und gerade, al& ob fie feine Zeit verlieren wollte, 
lehnte fie fih im Stuhl zurüd und rief in kurzem, 
geihäftliden Ion: 

„Pjerwatſch!“ 

„Was gefällig, Serafima Jefimowna?“ 

„Paul Ilarionytſch ſollte zum Eſſen zurück ſein?“ 

„Ja wohl.“ 

„Lange werde ich mit Ihnen nicht fackeln. 
haben mich geſtern verſtanden? Eh?“ 

„Vollkommen verſtanden, Serafima Jefimowna.“ 

„Wenn Sie Oberverwalter werden wollen — 
vergeſſen Sie nicht, wer das Regiment führt.“ 

„He, he!” lachte Pjerwatſch im vergnügten und 


Sie 


„Gut, gut! Und nun will ih Sie nicht auf 
halten. Ih muß mich ankleiden.“ 

„Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.“ 

Er entfernte fich mit einem tiefen Büdling, wäh: 
rend in jeinen glänzenden Augen die Schlangen 
jüngelten. Der eingebildete Tropf dachte bei fid: 

„Kommt Zeit, fommt Rat!” 

Nach feinem Abgang verharrte Serafima ftarı 
einige Minuten in derjelben Stellung, dann legte 
fie die bloßen Arme auf den Tiſch, ſank auf dieſe 
mit dem Kopf und brad in krampfhaftes Schludzen 
aus. Die Töne gurgelten in der Stehle, und Bruft 
und Schulter zudten konvulſiviſch. 


XXXIV. 


Die Abendröte Jandte einen feurigen Streifen 
dur) die halb gefchloffenen Rollläden. Serafimu 
lag auf dem Bett, noch in demfelben Morgenrod, 
den fie beim Frühftüd mit dem Tarxator angehabt 
Hatte. 

Sie war von einem epileptifchen Anfalle heim: 
gefucht worden, fo daß fie zur Rückkehr von Nifow- 
jew feine Toilette hatte machen tönen. Der Anfall 
war heftig und langmwierig gewejen. Das gejdidte 
und ordentliche Kammermädchen, Katja, das ihr von 
Moskau gefolgt war, hatte in ihrem erften Schreden 
einen Doltor holen wollen, war aber von der gnü- 
digen Frau angeſchrieen worden: 

„Sb will feinen Doltor!... 
frieden! ...“ 

Mehrere Stunden hatte fie hinter halb geſchloſ⸗ 
jenen Rollläden gelegen und mit ihrem hyſteriſchen 
Zuftande gerungen. Eine foldhe abjcheuliche Wider: 
wärtigfeit war ihr feit dem Tage nicht paffirt, an 
dem fie wegen ihres Attentats auf Kaljeria von der 
Datſche fortgejagt worden war. 

Das quälte und beihämte fie in dem eigenen 
Augen. Und das alles um ihn, um den verächtliden 
Menſchen, der fie für jenen Hamfter verraten hatte. 
Sie mußte ihre dumme weibifhe Schwäche über- 
winden, und fie überwand fie. Es blieb nur nod 
der alberne Kopfſchmerz in den Schläfen zurüd. 
Darauf war fie eingeichlafen und wieder erwacht. 
ALS fie die ſchweren Augenlider hob, glänzte bereit! 
die Abendröte durd die Spalten der Läden. Im 
Haufe herrſchte Stille; nur recht im Zimmer der 
Kammerzofe ließ fi ein leiſes Tuſcheln hören. Sie 
erfannte Niſowiews Stimme. 

Er war es wirklich, der nun ſchon zum zehnten: 
mal nach ihrem Befinden fragte, und ob es nid! 
beſſer wäre, nach einem Arzte zu jchiden. 

(Schluß folgt.) 


Laßt mid) zu 





a in ut nee. ns EEE EEE EEE EEE; de SEE Zeit ten engen wa u u a ai 


Teß. 


Von 


Thomas Hardy. 


(Fortſetzung.) 


Siebentes Buch. 
J. 


Es war Abend in der Pfarre von Emminſter. 
Die gewohnten Kerzen brannten unter ihren grünen 
Schleiern im Studirzimmer des Vikars, aber dieſer 
hatte noch immer keine Zeit gefunden, ſich niederzu⸗ 
laſſen. Gelegentlich trat er einmal ein, ſchürte das 
kleine Feuer, welches für die wachſende Milde des 
Frühlings genügte, und ging wieder hinaus, machte 
einen Augenblick Halt vor der Hausthür, ging wei— 
ter bi8 in das Wohnzimmer und Tehrte abermals 
zur Hausthür zurüd. 

Sie ging nad) Weften hinaus, und obgleich die 
Dunkelheit auf der Innenfeite überwog, jo war es 
dennoch auch bier hell genug, daß man, wenn aud) 
undeutlih, ſehen konnte. Frau Glare, weldde im 
Wohnzimmer gejellen hatte, folgte ihrem Manne. 

„Roh viel Zeit!“ ſagte der Pfarrer. „Chalf- 
Newton erreicht er nicht vor fieben Uhr, jelbjt wenn 

der Zug pünktlich eintreffen jollte; und zehn Meilen 
Landftraße, von denen fünf auf Grimmercrod-Lane 
fommen, können von unſerm alten Pferde nicht mit 
einem Hui überwunden werden.“ 

„Aber mit uns hat es fie ſchon in einer Stunde 
äurüdgelegt!* 

„Bor Jahren einmal!“ 

So verbrachten fie die Minuten, obgleich jeder 
wußte, daß es Zeitverſchwendung war und ihnen 
nichts weiter übrig blieb, als einfach zu warten. 

Schließlich machte ein leichtes Geräuſch auf der 
Straße ſich bemerkbar, und die alte Ponychaiſe er 
Ichien in der That außerhalb des Gitterd. Sie ſahen 
eine Geſtalt ausjteigen, welche fie gerne erfannt 
hätten, an der fie aber gleichgiltig vorbeigegangen 
ein würden, wäre fie nicht in dem beftimmten 
Augenblid, in welchem eine beftimmte Perſon er« 
wartet wurde, in ihrem Wagen angefommen. 

Frau Clare eilte durch den dunklen Eingang dem 

Thor zu, und ihr Gatte ſchritt langſamer hinter ihr her. 
Der neue Ankömmling, der gerade eintreten 


wollte, entdedte im Thorwege ihre aufgeregten Ge= | 


fihter und den Schimmer des Meftens in ihren 
Brillengläjern; fie aber konnten nur die Umriſſe feiner 
Gejtalt gegen da3 Licht Hin wahrnehmen. 

„OD, mein Junge, mein lieber Junge — endlid) 
wieder daheim!” rief Yrau Clare, welche in diejem 
Augenblid, um den Makel der Heterodorie, der die 
ganze Trennung verurfadht hatte, fich nicht mehr 
fümmerte al3 um den Staub auf feinen Stleidern. 
„Aber das iſt nicht Angel,” rief fie, als man da3 
Zimmer betreten hatte und die Lichter das Antlitz 
des jungen Mannes beleuchteten, „das ift nicht mein 
Sohn, der Angel, der von uns ſchied!“ 

Auch fein Vater war erichüttert über fein Aus- 
jehen, jo jehr wur er durch daS zehrende und jchlechte 
Klima verändert, das er in jeinem erſten Zorn über 
den Hohn der Ereignifje in der Heimat jo übereilt 
aufgefucht Hatte. Man konnte das Skelett hinter 
dem Mann und hinter dem Skelett faſt das Gefpenft 
erfennen. Er gli Erivellis totem Chriſtus. Das 
Licht in feinen Augen war erlojchen, und dieſe lagen 
tief in ihren Höhlen, die eine krankhafte Farbe 
hatten. Die winkeligen Runzeln und Linien feiner 
gealterten Vorfahren waren in feinem Geficht Zwanzig 
Sahre vor der Zeit zur Herrſchaft gekommen. 

„Ich war krank da drüben!“ jagte Angel. „Aber 
jet geht e8 mir gut.“ 

Wie um ihn Lügen zu ftrafen, verlagten ihm die 
Beine plöglic den Dienft, und um nicht zu fallen, 
nahm er ſchnell Pla. Es handelte fich indes nur 
um einen vorübergehenden Schwäceanfall, den Die 
ermüdende Tagereife und die Aufregung des Wieder: 
ſehens verurſacht hatten. 

„Iſt kürzlich irgend ein Brief für mich gekom— 
men?“ fragte er. „Den letzten, den ihr auf gut 
Glück hinabſendetet, empfing ich nach vielen Kreuz— 
und Querwegen im Inlande.“ 

„Er war von Deiner Frau, wenn wir recht ver— 
muteten.“ 

„sa!“ 

Nur einer war inzwilchen angefommen. Man 
hatte ihm denjelben nicht gejendet, weil man wußte, 
daß er bald eintreffen werde. 

Er öffnete ihn haftig und las mit großer Ver— 


704 Thomas Hardy. 


wirrung das Gefrigel, da3 in Teß' Handſchrift fo 
ſchwere Vorwürfe gegen ihn erhob. 

„D Angel, warum behandeljt Du mid) fo jchred= 
lich? Sch verdiene es nicht. Ich Habe alles ſorgſam 
überdacht und kann Dir niemals — niemals ver« 
geben. Du weißt, daß ich nimmer beabfichtigt habe, 
Dir unrecht zu thun — warum biſt Du fo ungeredht 
gegen mich? Du bift graufam, in der That graujam! 
Ich will verſuchen, Dich zu vergeſſen. Ich babe nichts 
als Unreht au& Deiner Hand empfangen. 7.“ 

„Das ift durchaus wahr!” fagte Angel, den 
Brief finfen lafjend. „Vielleicht wird fie ſich nie= 
mals mehr mit mir ausjöhnen.” 

„Sei doch nit jo bejorgt eines gewöhnlichen 
Landmädchens wegen!” ſagte die Mutter. 

„Eines gewöhnlichen Landmädchens wegen? Id 
wünjche, fie wäre e8 in dem Sinne, den Du meinft, 
aber laßt mich jeßt endlich einmal aus einander ſetzen, 
wa8 ich bisher ftet3 verjchwiegen habe; ihr Vater ift 
der Nachkomme eined der ältejten normänniſchen 
Häufer in männlicher Linie, wie jo viele andere, 
weldhe in unferen Dörfern al3 Landleute im Dunkeln 
leben und ‚Sandleute‘ betitelt werden.“ 

Ermüdet ging er bald zu Bett und blichb am 
andern Diorgen, da er ſich entjchieden unmohl fühlte, 
grübelnd in feinem Zimmer. Die Umftände, unter 
denen cr Teß verlaflen hatte, waren derart, daß es 
ihm jept nad feiner Ankunft in Europa keineswegs 
jo leicht erfchien, in ihre Arme zurüd zu eilen, ala zu 
jener Zeit, da er jenſeits des Aequators ihren Liebes— 
brief empfangen und beihlofjen hatte, ihr zu vergeben. 

Sie war leidenſchaftlich, und ihr letzter Brief be— 
wied, daß ihre Achtung vor ihm infolge feines Zö— 
gern3 gejunfen war, und mit Recht geſunken war, 
wie er fich trübe geftand; er fragte ſich daher, ob es 
flug fei, unangemeldet in Gegenwart ihrer Eltern 
ihr gegenüber zu treten. Vorausgejeßt, daß ihre 
Liebe in der That während der letzten Wochen der 
Trennung in Abneigung fich verwandelt hatte, fonnte 
eine plößliche Begegnung leicht zu bitteren Bemer— 
fingen Veranlaſſung geben. 

Glare glaubte deshalb, e3 würde am beiten fein, 
eine Zeile, die feine Rückkehr anzeigte, nach Marlott 
zu fenden, um Teß und ihre Familie vorzubereiten, 
da er hoffte, daß fie, wie er es bei feiner Nbreije 
von England angeordnet hatte, noch dort bei ihren 
Verwandten ſich aufhalte Er führte noch an dem— 
jelben Tage feine Ablicht aus, und bevor die Woche 
verging, erhielt er von Frau Durbeyfield eine furze 
Antwort, die feine Unficherheit indes keineswegs ver— 
minderte, denn fie enthielt feine Adreſſe, obgleid) ſie 
zu jeiner Ueberraſchung nicht aus Marlott fan. 

„Mein Herr!" jo Iautete fie. „Sch jchreibe 
Ihnen diefe wenigen Zeilen, um Ihnen mitzuteilen, 
daß meine Tochter gegenwärtig nicht bei mir ift; ich 


bin nicht ficher, wann fie zurüdfehren wird, aber id 
will e8 Sie willen laffen, fobald fie e8 thut. Ich 
weiß nicht, ob ich Ihnen jagen darf, wo fie fi} zur: 
zeit aufhält, aber ich möchte Ihnen mitteilen, da} 
ih und meine Yamilie für einige Zeit Marlott ver: 
lafien haben. 

Shre 


J. Durbenfield.“ 


Tür Clare war es eine foldhe Erleichterung, zu 
erfahren, daß es Teß ſcheinbar wenigſtens gut geht, 
daß der Eigenfinn ihrer Mutter, ihm ihren Aufent- 
halt zu verjchweigen, ihn nicht lange betrübte. Sie 
waren offenbar alle erzümt auf ihn. Er wollt 
warten, bis Frau Durbeyfield ihm über die Rückkeht 
bon Teß, welche dem Briefe nad) nahe bevorftehen 
mußte, Nachricht geben fonnte. Er verdiente es nid 
befier. Seine Liebe hatte „fich geändert, wenn jıe 
eine Abwechslung fand“. Er hatte in feiner Ab: 
wejenheit einige jonderbare Erfahrungen gemacht; er 
hatte die Fauftina in der Cornelia, eine Lucrekia 
dem Geiſte nad), in einer Phryne dem Körper nad 
gefehen; er hatte an die rau, die er genommen und 
in unfere Mitte geſetzt ift, gedacht wie an eine, die 
verdient, gefteinigt zu werden, er hatte an Uriah ge: 
dacht, die Königin murde; und er hatte fich gefragt, 
warum er Teß nicht lieber ihrem Wejen, als ihren 
Erlebniffen, nicht lieber ihren Ablichten, ala ihren 
Handlungen nad) beurteilt Hatte. 

Ein oder zwei Tage. vergingen, während er in 
jeinem Elternhauſe auf die veriprochene zweite Mir 
teilung Joan Durbeyfield8 wartete und etwas mehr 
Kraft zu gewinnen ſuchte. Die Kraft kam allen 
Anzeichen nach zurüd, aber der Brief Joans lieh auf 
ih warten. Dann juchte er den alten Brief wieder 
hervor, den Teß in Flintcomb » Afh gefchrieben und 
den man ihm nachgeſandt hatte, und las ihn wieder 
und wieder. Einzelne Sätze machten jet einen viel 
ftärferen Eindrud auf ihn ala beim erften Durchleſen. 

„Ih muß Did anrufen in meiner Not — id 
babe ja fonft niemand. Ich glambe, ich muß fterbei, 
wenn Du nicht bald fommft oder mir fagft, doß id 
zu Dir fommen fol. Bitte, bitte, fei nicht nur ge 
recht, jei and) ein wenig gut zu mir. Wenn Du 
fämeft, fo fünnte ih in Deinen Armen fterben. Id 
würde jehr zufrieden fein, e3 zu können, wenn Du 
mir vergeben hätteft. Wenn Du mir nur eine feine 
Zeile enden willft und jagen, ‚ich fomme bald‘, ſo 
will ic) alles ertragen, Angel — und mit der gröpten 
Freude. Denke doch nur daran, wie e8 mein Herj 
verwimden muß, Did niemals — niemals zu jehen! 
Wenn id) Deinem teuren Herzen nur eine Hein: 
Minute des Tages den Schmerz einflößen könnte. 
ben ich Tag für Tag zu tragen habe, es würde Tid 
vielleicht dahin bringen, mir, die niemand hat al: 
Did, Mitleid zu bemeilen. Ich würde zufrichen, 





u — — — — 


— — — — > 


Gib le — —— 


Teß. 


ja, glüdllich ſein, wenn ich bei Dir als Deine Magd 
leben könnte, wenn ich Deine Frau nicht ſein darf, 
ſo daß ich wenigſtens in Deiner Nähe wäre, Dich 
ſähe und mir einbilden könnte, Du wäreſt mein. Ich 
ſehne mich nur nach einem: im Himmel und auf 
Erden oder unter der Erde bei Dir zu ſein, Du 
mein Geliebter! Komm zu mir — fomm zu mir 
und reite mich vor dem, was mich bedroht!” 
Clare beſchloß, jeiner Furcht, daß fie ihn mit 
anderen und ftresgeren Augen anjehen fünne wie 
früßer, nicht mehr nachzugeben, fondern zu gehen 


und fie fofort aufzufudden. Er fragte feinen Vater, 


ob fie während feiner Abweſenheit Geld verlangt 
habe. Herr Clare antwortete verneinend, ımd nun 
fam Angel zum erjtenmal der Gedanfe, daß ihr 
Stolz fie abgehalten und fie vieleicht Mangel gelitten 
Habe. Aus feinen Bemerkungen erfuhren jebt feine 
Eltern die wirkliche Urſache ihrer Trennung; und fo 
aufrihtig war ihr Chriſtentum, daß ihre zärtliche 
Neigung für Teß, welche ihr Blut, ihre Einfachheit, 
jeibft ihre Armut noch nicht hervorgerufen hatten, 
dur ihre Sünde fofort erregt wurde. 

Mährend er einige wenige Sachen haftig für feine 
Reife zufammenpadte, glitten feine Augen über eine 
arme, einfahe Sendung, die ihm ebenfalls zu ſpät 
in die Hand fam — über die Zeilen, welhe Marian 
und Izz Huett mit fo viel Mühe zufammengebracht 
hatten: „Geehrter Herr! Sehen Sie nad Ihrer 
Frau, wenn Sie fie ebenio lieben, als fie Sie liebt!“ 
wıd unterzeichnet waren „Zei gute Freunde“. 


II. 


Nach einer Viertelitunde verließ Clare das Haus, 
von feiner Mutter geleitet, Die feine magere Geftalt 
mit zärtlider Sorge in der Straße verſchwinden ſah. 
Er hatte es abgelehnt, feines Vaters alte Stute zu 
benüßen, da er wohl mußte, wie nötig fie im Hauß- 
balt war. Ex ging deshalb in eine Schenfe, wo er 
eine Heine Ponychaiſe mietete, mit Ungebuld er- 
wartete er den Augenblick, bis fie aufgeſchirrt war. 
Rad wenigen Minzten fuhr er aus der Stadt, den 
Hügel hinauf, den Teß drei Monate früher mit fo 
viel Hoffnungen hinab» und mit jo erfchütterten Vor⸗ 
lägen wieder binaufgeftiegen war. 

Bald ftredte Benvill Lane ſich vor ihm auß, deren 
Heden und Bäume von Knoſpen gerötet waren; 
Angel jah aber nad anderen Dingen und tünmerte 
ſich nur fo weit um feine Umgebung, als nötig ſchien, 
ihm den Weg zu zeigen. In weniger als ein und 
einer halben Stunde Hatte er die ſüdlichen Grenzen 
der Kings Hintod-Güter erreicht und Metterte zu der 
wagaftlihen Einfamfeit von Groß-in-Hand empor, 

wo Teß durch Alex D’UÜrberville gezwungen worden 
war, auf den gottlofen Stein den fonberbaren Eid zu 
leiſten, daß fie ihn abſichtlich niemals mehr verfuchen 


705 


wolle. Die bleihen und verwelften Neffelitauden bes 
vorhergehenden Jahres ſchmachteten nadend auf den 
MWällen, während die jungen grünen Scüffe diejes 
Frühlings bereit aus den Wurzeln emporjproßten. 

Darauf fuhr er am Rande des Hochlandes ent- 
lang, da& oberhalb der andern Hiutocks ſich erhebt, 
und fi zur Rechten wendend, faın er in die Kalk⸗ 
tegion don Flintcomb⸗Aſh, von welchem Orte aus 
fie den einen der Briefe an ihn gefchrieben. hatte 
und wo er fie nad) dem Billet ihrer Mutter noch zu 
finden erwartete. Seine Hoffnung erfüllte ſich nicht, 
und feine SWiedergekhlagenheit wurde noch erhöht 
dur die Entdedung, daß man von einer „rau 
Glare” nicht3 gehört hutte, obgleich Teß bei ihrem 
Vornamen dort befannt .genug war. Sie hatte 
augenjheinlih jeinen Namen während ihrer Tren- 
nung nicht getragen, und ihre Annahme, daß fie fid) 
niemals mehr zujammenfinden würden, wurde nicht 
weniger bewiejen durch diefe Enthaltung als durch 
die harte Arbeit, von der er jeßt zum erftenmal er- 
fuhr und der fie ſich aljo lieber unierzogen hatte, ala 
feinen Vater um Geld anzugehen. 

Dian erzählte ihn, dab Teß Durbeyfield ohne 
die ſchuldige Mitteilung von hier fort in die Heimat 
zu ihren Eltern gegangen ſei; es wurde Daher not« 
wendig für ihn, Frau Durbeyfield aufzafuchen. Sie 
hatte ihm gejchrieben, daß fie nicht mehr in Marlott 
fei, hatte aber in einer fonderbaren Zurüdhaltung 
ihre gegenwärtige Adrejle verfchwiegen, fo daß ihm 
nichts übrig blieb, als nad) Marlott zu gehen und 
fie dort zu erfragen. Der Farmer Groby, der jo 
hart gegen Teß geweſen war, benahm fich gegen Clare 
ganz umgänglich und lieh ihm ein Pferd und einen 
Kuticher, um ihn nad) Marlott zu bringen; die Gig 
hatte Angel bei feiner Ankunft nah Emminfter zu- 
rüdgetendet; denn die Grenze einer Tagereife war 
bier für jenes Geſpann bereits überichritten. 

Clare benübte das Vehikel des Farmers nicht 
weiter al3 big zu den Grenzen des Thale und fehrte, 
nachdem er es zurückgeſendet batte, in einer Schenfe 
ein; am nächſten Tage ging er zu Fuß dem Geburt2« 
ort feier geliebten Teß zu. Es war nod zu früh 
im Jahr, als daß ſchon viel Farbe in den Gärten 
und im Blätterwerf fi” bemerkbar gemacht hätte, 
der fogenannte Frühling war nur ein Winter, der 
einen dünnen Rod von Grün angezogen hatte, und 
erft ein Heiner Teil feiner Hoffnungen war in Er= 
füllung gegangen. 

Das Haus, in welchem Teß die Jahre ihrer Kind» 
heit verbracht hatte, war jeßt durch eine andere Tya- 
milie bewohnt, die fie nicht einmal fannte. Alle, 
die zu ihr gehörten, waren im Garten und unter- 
bielten ich angelegentlich über ihre Arbeit, als ob 
diefe Heimftätte niemals mit der Gefchichte anderer 
verfnüpft gewejen, neben der ihre eigene fich aus— 


106 


nahm wie ein Märchen aus alten Zeiten. Selbit 
die Yrühlingsvögel ſangen über ihren Häuptern, als 
ob fie niemand vermipten. 

Als Clare dieſe koſtbaren Unfhuldigen, denen 
felbit der Name ihrer Vorgänger entfallen war, um 
Auskunft bat, brachte er jchließlich heraus, daB John 
Durbeyfield tot jei und feine Witwe mit den Kin— 
dern nach Kingsbere habe gehen wollen, aber an 
einen andern Ort, dejien Namen man ihm nannte, 
ji) begeben hätte. Bon dieſem Augenblid an war 
das Haus, das aufgehört hatte, Teß zu beherbergen, 
ein Abſcheu für Angel, und Haftig entfernte er fi), 
ohne auch nur einen Blick zurüd zu werfen. 

Sein Weg führte ihn der Wieſe zu, auf welder 
er Teß zum erjtenmal beim Zanz gejehen hatte. Es 
muchte einen ebenjo üblen Eindrud auf ihn wie das 
Haus, und ſchnell ging er dem Friedhof zu. Zwiſchen 
den Grabjteinen entdedte er einen von etwas beſſerer 
Ausführung als die übrigen. Die Injchrift lautete 
folgendermaßen: 

„Zur Erinnerung an John Durbeyfield, rite 
D’UÜrbervile, Glied der einjt jo mädtigen Familie 
dieſes Namens und direkter Nadjlomme der illuftren 


Linie des Sir Bıyan D’UÜrberville, eines Ritter im |! 


Heere des Erobererd. Geftorben am 10. März 13— 

Wie find die Mächtigen gefallen!“ 

Irgend ein Mann, dem Anſchein nach der Mes— 
ner, hatte Clare beobachtet und fam näher. 

„Nun, mein Herr,“ jagte er, „daS ijt ein Dann, 
der bier nicht bleiben, jondern nad) Kingäbere ge= 
bracht werden wollte, wo feine Vorjahren liegen.” 

„Und warum hat man feinen Wunfch nicht er= 
füllt?“ 

„Ach ja, das Geld, Herr, das Geld! Gott ſegne 
Ihre Seele, mein Herr, aber — ich möchte es ſonſt 
nirgendwo ſagen — aber ſelbſt dieſer Stein mit 


allen feinen hochtrabenden Worten iſt noch nicht ein= | 


mal bezahlt.” 

„So? Wer hat ihn gemadt?“ 

Der Mann nannte den Steinmeß im Dorfe, und 
Clare ſprach bei diejem vor, al& er den Kirchhof ver= 
Iafien hatte. Er fand die Angaben wahr und be= 
rihtigte die Nennung. Dann folgte er den Aus— 
wanderern. 

Die Entfernung bis zu ihrem neuen Aufenthalts— 
ort war für eine Fußwanderung zu weit, aber Glare 
fühlte jo lebhaft daß Bedürfnis, allein zu jein, daß 
er zunächſt weder ein Gefährt zu mieten noch eine 
der benachbarten Eijenbahnftationen aufzujuchen be= 
abjichtigte, von der aus er fein Ziel hätte erreichen 
können. Zu Shalton glaubte er indes doch fahren 
zu müfjen; gegen jieben Uhr abends endlich 
erreichte er den Ort, wo Joan ſich aufhalten Jollte, 
nachdem er mehr als zwanzig Meilen von Marlott 
aus zurüdgelegt hatte. 


Zhomas Hardy. 


Das Dorf war Hein, und jo erfuhr er ohne große 
Schwierigkeit, daß die Familie Durbeyfield in der 
That dort wohne und wo ihr Haus fidh befinde; « 
lag ziemlich entfernt von der Hauptfiraße in einem 
ummauerten Garten, und jo gut es ging, hatte jie 
ihr plumpe3, altes Möbelwerk darin untergebradt. 
Es war offenbar, daß fie aus irgend einer Urſache 
nicht gewünjcht hatte, ihm zu begegnen; er hatte 
deshalb ganz das Gefühl, ala ob er fie nicht beſuche, 
jondern überfalle. Sie empfing ihn an der Thür, und 
das Licht des Abendhimmels fiel voll auf ihr Geficht. 

Es war da8 erftenal, daß Clare ihr begegnete, 
aber er war innerlid zu beichäftigt, um mehr zu 
fehen, als daß fie nod) eine hübſche Frau im Gewande 
einer rejpeftablen Witwe war. Er war gezwungen, 
aus einander zu feßen, daß er Teß' Gatte fei und 
wa3 ihn hierher führe, und er that e8 ungeididt 
genug. „Ich möchte Teß einmal fehen,“ fügte er 
hinzu. „Sie haben mir verjprocdden, mir noch einmal 
zu ſchreiben; Sie haben es big jeßt aber nicht gethan.“ 

„Weil jie noch nicht heim gefommen ift,” er: 
widerte Joan. 

„Wiljen Sie, ob es ihr gut geht?“ 

„Nein!“ 

„Wo Hält fie ſich auf?“ 

Dom Beginn der Unterredung an hatte Joan 
ihre Verlegenbeit Dadurch verraten, daß fie ihre Hand 
ſeitwärts gegen ihre Bude hielt. 

„SH... genau weiß ich e8 nicht, wo fie heute 
ih aufhält,” antwortete fie. „Vor kurzem war ſie 
— 

„Wo war ſie?“ 

„Nun, jetzt iſt ſie nicht mehr da.“ 

In ihrer Unbeholfenheit hielt ſie abermals inne; 
die jüngeren Kinder waren inzwiſchen an die Thür 
gekommen, und das jüngſte flüſterte, an der Schürze 
der Mutter ſich haltend: 

„Iſt das der Herr, der Teß heiraten will?“ 

„Er Hut fie bereits geheiratet,“ murmelte Joan. 
„Seh hinein!“ 

Glare jah, wie fie fich bemühte, ihm auszuweichen, 
und fragte: 

„Slauben Sie, daß Teß mir zu begegnen wünſcht 
und es ihr recht ift, wenn ich fie auffuche? Wenn 
nicht, jo...“ 

„Ich glaube nicht, daß fie eg wünſcht.“ 

„Sind Sie feſt davon überzeugt ?“ 

„Sider, fie wünſcht eg nicht.” 

Er wendete fih ab und dann dachte er an Teß' 
zärtlichen Brief. 

„Und ich bin überzeugt, daß fie es wünſcht,“ er: 
widerte er leidenſchaftlich. „Ich Feine fie bejier als 
Sie e3 thun.” 

„Das ijt leicht möglich, Herr; denn ich habe fie 
nie recht verſtanden.“ 


Teß. 


„Bitte, ſagen Sie mir ihre Adreſſe, Frau Dur- 
beyfield, in Güte, einem einjamen, unglüdlichen 
Munne.” | 

Teß' Mutter rieb abermals ruhelo8 ihre Wange 
mit ihrer laden Hand, und da jie jah, daß er litt, 
ſagte fie Ichließlich mit leifer Stimme: 

„Sie it in Sandbourne.” 

„Und wo da? Sandbourne ift ein großer Ort | 
getvorden, wie man jagt.“ 

„Weiter weiß ich nichts, als was ich Ihnen ge= 
jagt habe. Sie ift in Sandbourne. Ich jelbft war 
niemals da.” 

Augenſcheinlich fagte Joan die Wahrheit; Clare 
drängte fie deshalb nicht weiter. 

„Haben Sie irgend etwas nötig?” fragte er 
freundlich. 

„Nein, Herr,” erwiderte fie. „Wir find mit | 
allem reichlich verjehen.“ B 

Ohne das Haus zu betreten, wendete Clare ſich | 
ab. Es befand fi eine Station drei Meilen ent- 
jernt, und nachdem er feinen Kutſcher bezahlt hatte, 
ging er dort hin. Der lebte Zug nad) Sandbourne 
ging kurz darauf; unter jeinen Fahrgäſten war auch | 
Glare. 


III. 


Um elf Uhr abends wanderte er, nachdem er ſich 
ein Bett in einem der Hotel3 gefichert und unmittel- 
bar nah feiner Ankunft feinem Vater telegraphijch 
jeine Adrefje angegeben hatte, in die Straßen von 
Sandbourne hinaus. Es war zu jpät, um irgendwo 
borzujprechen oder nad jemand zu fragen, und 
widerftrebend jchob er fein Vorhaben bis zum andern 
Tage auf. Aber er konnte ſich nicht zurüdzichen, 
um ſchon jebt zur Ruhe zu gehen. 

Diefer modiſche Badeplak mit feinen öftlichen 
und weftlihen Stationen, feinen Pier, feinen Nadel 
holzhainen, feinen Promenaden und Wintergärten, 
gu Angel Elare einem Feenlande, das auf den | 
Wink eines Zauberftabes plößlich vor ihm fich ent= . 
hüllt hatte und ihm geftattete, ein wenig ſchwindelig 
zu werden. Ein jeitab liegender Teil der ungeheuren 
Egdonwüjte war ganz in der Nähe; und dennoch 
hatte an den Grenzen jenes braungelben Stüdes 
Altertum etwas fo glänzend Neues wie diefe Stadt 
des Vergnügens ihren Urfprung fich erwählt. Inner= 
halb der Ausdehnung einer Meile von ihren Bor- 
lädten an war jede Unregelmäßigkeit des Bodens 
vorgeſchichtlich, jeder Gruben ein ungerftörter britie 
ſcher Wegezug, kein Stüd Raſen war bier feit den 
Zagen Cäſars gewendet worden. Dennoch war hier 
plöglich wie der Kürbis des Propheten eine exotiſche 
Pflanze aufgeſchoſſen und hatte Teß dorthin gezogen. 

Bei dem Licht der Mitternachtslaternen wanderte | 
er die windigen Straßen diefer neuen Welt inmitten 
einer alten auf und ab und konnte zwifchen den 





707 


Bäumen und gegen die Sterne die ftolzen Dächer, 
Schornfteine und Türme der zahlreichen phantaftiichen 
Schlöſſer unterfcheiden, aus denen ſich der Ort zu- 
ſammenſetzte. Es war eine Stadt abgelegener Häuſer, 
ein mittelländifcher Faulenzerort am engliſchen Kanal, 
und bei Nacht gefehen, ſchien er großartiger als er war. 

Die See war nahe, aber nicht zudringlich; man 
hörte fie murmeln, aber man glaubte, e3 feien die 


‚ Tannen; die Tannen flüjterten ganz in denjelben 


Tönen, und man glaubte, es fei die See. 

Wo konnte Teß, ein Dorfmädchen, Clares junges 
Meib, inmitten all diejes Reichtums, diefer Moden- 
welt fih aufhalten? Je mehr Angel nachdachte, um 
fo verwirrter fühlte er fih. Gab es hier Kühe zu 
melfen? Jedenfalls gab es hier feine Wiejen dafür. 
Höchſt wahrfcheinlich war fie in irgend einem dieſer 
großen Häufer für irgend eine Arbeit engagirt, er 
ichlenderte an ihnen entlang, fah in die erleuchteten 
Zimmerfenfter und fragte ih Haus für Haus, in 
welchem fie vielleicht wohnen möchte. 

Jede Mutmaßung war nutzlos; er kehrte deshalb 
heim und ging etwas nach zwölf Uhr zu Bett. Bevor 
er fein Licht ausmachte, las er Teß' leidenſchaftlichen 


Brief noch einmal. Schlafen konnte er indeſſen nicht 


— ihr jo nahe und dennoch jo fern; immer wieder 
lüftete er die Rouleaux, betrachtete die Rüdjeite der 
gegenüber liegenden Häufer und fragte fi), Hinter 
welcher dieſer Fenſterladen fie in diefem Augenblid 
tube. 

Er hätte ebenjo gut die ganze Nacht aufbleiben 
können; er erhob fich deshalb ſchon um fieben Uhr, 
Sobald fi im Haufe etwas rührte, und ging gleich 
darauf in der Richtung des Hauptpoftgebäudes fort. 
An der Thüre begegnete er einem intelligent aus— 
jehenden Beamten mit den Briefen für die Morgen— 
außlieferung. 

„Kennen Sie die Adrefje von rau Glare?” 
fragte Angel. 

Der Poſtbeamte fchüttelte den Kopf. 

Glare fiel es nun ein, daß Teß vielleiht aud)- 
bier ihres Mädchennamens ſich bediene, und fagte: 

- „Oder eines Fräulein Durbeyfield ?" 

„Durbeyfield ?” 

Auch diefer Name war dem Pojimanne unbefannt.. 

„Hier fommen und gehen die Gäfte tagaus tagein,. 
wie Sie wijjen, mein Herr,” jagte der Beamte, „ohne 
die Hausnummer ift e8 unmöglid), fie zu finden.” 

Einer feiner Kollegen fam in diefem Augenblick 
heraus; auch ihm wurde der Name genannt. 

„Den Namen Durbeyfield kenne ich nicht,” ent- 
gegnete er; „aber in The Herons gibt es einen Na= 
men D’UÜrberville.” 

„So?“ fragte Clare erfreut, daß Teß zu der 
alten Ausſprache ihres Familiennamens zurückgekehrt 
war. „Was iſt The Herons für ein Platz?“ 


708 


„Ein filvolles Logirhaus. Es find ja, bei Gott, 
alles Logirhäuſer bier!“ 

Glare erhielt Auskunft, wie er das Haus finden 
könne, eilte dort hin und fam gleichzeitig mit dem 
Milchmann an. The Herons, obgleih eine gewöhnt 
lihe Billa, ftand auf ihrem eigenen Grund und 
Boden, und ſicherlich würde man fie zulekt für eine 
Beſitzung gehalten haben, in welcher man Logis hätte 
finden fönnen, jo durchaus glich fie einem vornehmen 
Landhauſe. Wenn die arme Teß bier Dienftbote 
war, wie Angel fürchtete, jo würde fie an die Hinter» 
tür zu jenem Milhdmann kommen, und er batte 
ſchon die Abjicht, ebenfalls dorthin zu gehen. 
feinen Zweifeln wendete er fich indes fchließlich der 
Frontſeite zu und läutete. 

Da ed nod früh war, jo öffnete die Hauswirtin 
jelbft. Klare fragte nach Terefa D’Urberville oder 
Durbeyfield. 

„Frau D’Urberpille?“ 

„Ja!“ 

Teß galt alſo als verheiratete Frau, und Angel 
freute ſich, obgleich ſie ſeinen Namen nicht führte. 

„Wollen Sie ihr nur freundlichſt jagen, daß ein 
Verwandter fie jehnlichft zu ſehen wünſcht.“ 

„Es iſt noch ein wenig früh. Welchen Namen 
darf ich nennen, mein Herr?” 

„Angel!” 

„Herr Angel?“ 

„Nein, Angel. Es ift mein Vorname. Sie wird 
es jchon verftehen.“ 

„Ich will nadhjehen, ob fie wach ift.“ 

Glare wurde in da3 Frontzimmer geführt — 
dad Eßzimmer — und fchaute durch die geöffneten 
Vorhänge auf den Meinen Grasplak, die Rhododen- 
drons und die anderen Sträucher auf demijelben. 
Augenſcheinlich war Teß' Stellung keineswegs fo 
niedrig, al8 er gefürchtet hatte, und der Gedanke fuhr 
ihm durch den Kopf, daß fie auf irgend eine Weiſe die 
Juwelen fi verfchafft und fie verfauft haben müßte. 
Keinen Augenblid tadelte er fie. Bald vernahm fein 
geſchärftes Ohr Fußtritte auf der Treppe, und num 
begann jein Herz jo ſchmerzvoll zu Hopfen, daß er 
es kaum ertragen fonnte „Mein Gott, wa3 wird 
fie von mir denfen, wenn fie mich fo in Aufregung 
jieht !* jagte er zu fich ſelbſt; und die Thür öffnete ſich. 

Teß erſchien auf der Schwelle — durchaus nicht 
jo, wie er fie zu ſehen erwartet hatte — und den= 
noch in der That, wenn aud in anderer Weiſe, 
verwirrend. Ihre große, natürlihe Schönheit war, 
wenn aud nicht erhöht, dennoch durch ihre Kleidung 
mehr in die Augen fallend. Sie war Ioje umhüllt 
von einem grauweißen, in SHalbtrauer geftidten 
Morgenkleid und trug Pantoffeln von derfelben 
Farbe. 
Krauſe und ihre Zöpfe von ſtarkem braunem Haar, 


Ss! 


Ihr Hals erhob fih aus einer niedrigen 


Thomas Hardy. 


die Angel jo wohl befannt waren, hatte fie zum Teil 
am Hinterfopf aufgeftedt, zum Teil hingen fie über 
ihre Schulter — als ein Zeichen ihrer Eile. 
Angel hatte feine Arme außgeftredt, aber er lich 
' fie wieder jinfen ; denn fie war nicht näher gelommen, 
ſondern blieb in der Thür fiehen. Nichts als ein 
braunes Skelett, wie er jet war, fühlte er den Kontraft 
zwiſchen fi und ihr plötzlich ſcharf und bitter und 
glaubte, daß jeine Erfcheinung ihre Abneigung erreye. 

„Teß,“ jagte er heiler, „kannſt Du mir vergeben, 
daß ih Dich verlafien habe? Willſt Tu — zu mir 
fommen? Wie kommſt Du — zu diefem Aufzuge!“ 

„Es ift zu ſpät!“ ſagte fie mit harter Stimme 
und mit unnatürlic” glänzenden Augen. 
| „SH babe Dir unrecht gethan — ich habe Dich 
nicht ganz verjtanden!“ fuhr er fort, fich zu ver. 
teidigen. „Ich habe es inzwilchen gelernt, meine 
geliebte, füße Teß!” - 

„zu fpät, zu ſpät!“ jagte fie, ihre Hand mit der 
Ungeduld eine8 Menſchen bin und ber jchwingend, 
dejien Qualen ihm jeden Augenblid zu einer Stunde 
madhen. „Komme mir nicht nahe, Angel! Nein, 
nein — Du darfft nit! Geh fort!“ 

„Aber liebſt Du mich nicht mehr, mein fühe 
Weib, weil ih durch Krankheit jo heruntergelommen 
bin? Du bijt doch nicht jo wanfelmütig — id) din 
Deinewegen gelommen — mein Vater und meine 
| Muster werden Dich jet willlommen heißen.“ 
| „Sa, ja — o ja! Aber ich habe 8 Dir doch 
ſchon gejagt, es ift zu fpät, zu ſpät!“ Sie ſchrie 
8 faſt. Sie glih einem Flüchtlinge in einem 
" raum, der fort will und fi) nicht bewegen kann. 
| „Weißt Tu denn nichts — weißt Du es nidt? Wie 

fommft Du denn hierher, wenn Du es nicht weißt?” 
| „Ich habe hie und da nachgefragt, und fo habe 
ih den Weg hierher gefunden !“ 


„Ich Habe auf Dich gewartet und gewartet!” 
fuhr fie fort, während ihre Stimme plößlich das alte, 
weich Eingende Pathos wiederfand. „Aber Du 
bift nicht gefommen! Ich habe an Dich gefchrieben, 
und Du bijt nicht gelommen! Da iſt er gelommen 
und hat gejagt, Du würdejt nie zu mir zurüdfchren, 
und ich ſei närriih. Er war gut gegen mich, gegen 
Mutter und gegen uns alle nad) Vaters Tode. Er...“ 

„Ich verftehe Dich nit!” 

„Er hat mid) wieder in jeine Gewalt gebracht!“ 

Glare ſchaute fie durchdringend an ; dann [hmwanfte 
er, den Sinn ihrer Worte begreifend, wie vom einer 
Ohnmacht überrajcht, bin und her und fein Blid 
ſenkte ſich; er fiel auf ihre Hand, die, einft roſig 
jet weiß und zart war. 

Sie fuhr fort: 

„Er it droben. Ich haffe ihn jetzt, weil er mir 
etwas vorgelogen hat — weil er mir vorgelogen hat, 
daß Du niemals heimkehren werdet! Und Du bit 


Teß. 


dennoch heimgekehrt! Dieſe Kleider hat er mir aufs 
gehängt! Es war mir gleich, was er mit mir machte! 
Aber willjt Du nicht gehen, Angel! Und, bitte, 
fomme nie, nie zu mir zurüd!” 

Starr jtanden fie einander gegenüber, während 
die Troftlofigfeit ihrer getäufchten Herzen ihnen er- 
ihütternd au8 den Augen ſchaute. Beide Ichienen etwas 
anzuffehen, fie vor der Wirklichkeit zu beſchützen. 

„Es ift meine Schuld!” rief Angel. 

Aber er fuhr nicht fort. Worte konnten nicht 
mehr fagen als alle8 Schweigen. Aber er hatte ein 
dunkles Bewußtſein, obgleich es ihm jetzt nicht Far 
wurde, daß feine ursprüngliche Teß geiftig aufgehört 
hatte, den Körper da vor ihm als den ihren anzu= 
ſehen — daß jie ihn treiben ließ, wie eine Leiche 
auf einem Strom, in eine Richtung, von der ihr 
lebendiger Wille nichts wußte. 

Finige Augenblide vergingen, dann fam es ihm 
zum Bewußtjein, daß Teß gegangen fei. Sein Ge 
jiht wurde fälter und fälter, während er, vom Mo— 
ment hingenommen, daftand ; eine oder zwei Minuten 
jpäter fand er jich auf der Straße und wanderte 
und wanderte, ohne zu willen wohin. 


IV. 


Frau Brooks, die Hauswirtin in The Heron und 
Eigentümerin all der hübfchen Möbeln in derfelben, 
war feine Perfon von einer urjprünglich neugierigen 
Gemütsrichtung. Sie war ein viel zu materialiſtiſch 
geſinntes armes Weib infolge ihrer langen und er= 
zwungenen Leibeigenjchajt unter dem arithmetijchen 
Dämon Gewinn und Berluft, um eine andere Wiß— 
begierde als diejenige, welche ſich auf die Taſchen 
ihrer Gäſte erſtreckte, ſich konſervirt zu haben. Nichtg« 
deſtoweniger war der Bejuch Angel Clares bei ihren 
pünktlich und gut zahlenden Mietern, Herrn und Yrau 
D'Urberville, in Betreff der Zeit und der Art ges 
nügend ungewöhnlich, um ihre weibliche, angeborene 
Leidenshaft aufs neue zu beleben. 

Teß Hatte zu ihrem Gatten vom Korridor aus 
gejprochen und das Eßzimmer nicht betreten; Frau 
Brooks, die innerhalb der halb gejchloffenen Thür 
ihres etwas zurüdliegenden MWohnzimmers jtand, 
Ionnte Yragmente der Unterhaltung — wenn man 
dieje Geftändnifje jo nennen darf — zwiſchen den 
beiden armen Seelen vernehmen. Sie hörte Teß 
die Treppe zum erſten Stod wieder hinauffteigen, 
Glare fortgehen und die Thür hinter ihm zufallen. 
Dann wurde die Thür zum Zimmer oben geichloffen, 
und Yrau Brooks wußte, daß Teß ihr Appartement 
wieder betreten hatte. Da die junge Dame nod) 
nicht völlig angelleidet war, jo konnte fie vorausſehen, 
daß fie jo bald nicht wieder auftauchen werde, 

Sie jtieg deshalb leiſe Die Treppe hinauf und blieb 
vor der Thür des Frontzimmers ftehen — eines Wohn« 

Aus fremden Zungen. 1895. IL 15. 


109 


zimmers, da3 mit dem unmittelbar daranjtoßenden 
Zimmer, dem Schlafzimmer, dur Flügelthüren in 
Verbindung ftand. Der ganze erfte Stod, der die 
beiten Appartements der Frau Brooks enthielt, war 
für die ganze Woche von den D’Urbervilles gemietet 
worden. Da3 hintere Zimmer lag noch in Schweigen; 
aber vom Wohnzimmer her ſchlugen Raute an ihr Chr. 

Alles, was fie anfangs unterjcheiden konnte, war 
nur eine einzige Silbe, die mit unterdrüdter, weh— 
Hagender Stimme, wie von einem Menjchen, der an 
da3 Nad des Irion geſchmiedet ift, unaufhörlich 
wiederholt wurde: 

„o—0—0!” 

Dann Schweigen, ein ſchwerer Seufzer und wieder: 

„D—0—0!" 

Die Hauswirtin ſah durch) das Schlüſſelloch. Nur 
ein fleines Stücd des Zimmers inmwendig war jicht- 
bar, aber innerhalb diefeg Raumes famen eine Ede 
des Frühſtückstiſches, der bereit3 gededt war, und 
ein daneben jtehender Stuhl zum Vorjchein. Ueber 
den Sitz dieſes Stuhles, vor dem Teß fniete, war 
ihr Antliß gebeugt; ihre Hände waren über ihrem 
Kopf gefaltet, die Falten ihres Kleides breiteten jich 
Hinter ihr über den Boden aus und ihre Füße, von 
denen die Pantoffeln herunter geglitten waren, ruhten 
nadt auf dem Parkete. Don ihren Lippen kamen 
die Laute einer wortiojen Verzweiflung. 

Dann hörte fie die Stimme eines Mannes aus 
dem benachbarten Schlafzimmer: 

„Was ift los?“ 

Teß antwortete nicht, ſondern jammerte weiter 
in Tönen, die eher einem Selbſtgeſpräch als einer 
Klage und eher einem Trauerlied als einem Selbit- 
geipräc entipraden. rau Brooks fonnte nur ein» 
zelne Sätze verjtehen: 

„Und nun ijt mein teurer, geliebter Mann den 
noch) heimgefommen, und ich habe es nicht gewußt! Und 
Du Haft mir zugejeßt mit Deinen graujamen Ueber= 
redungsfünften... endlos... endlos. .. ohne mir Ruhe 
zu gönnen! Und meine Fleinen Schweitern... meine 
Brüder... meine Mutter waren jo in Not... das 
trieb mich . . . Und Du jagtejt, mein Gatte würde 
niemals heimkommen ... niemal® mehr!... Und 
Du verhöhnteit mich ... und ſagteſt, was für eine 
Närrin ich fei, auf ihn zu warten... und ſchließlich 
glaubte ih Dir und gab nad!... Und num ift 
er dennoch heimgelommen und wieder gegangen! 
Zum zweitenmal gegangen, und ich habe ihn verloren 
für immer! Und von nun an wird er mich nicht 
mehr lieben, nicht im geringjten mehr — er wird mid) 
nur no haſſen! Jetzt — habe ich ihn verloren — für 
immer... für jet und alle Zeit!... Und wieder 
durh Did... durch Di allein... ganz allein!“ 

Zudend wendete fie, mit dem Kopf auf dem Stuhl, 
ihr Antlik der Thür zu, jo daß Frau Broof3 die Qual 

90 


710 


erfennen konnte, die in ihren Zügen fid) malte; ihre 
Lippen bluteten unter dem Drud der Zähne gegen 
diefelben, und die langen Wimpern ihrer gejchlofjenen 
Augen berührten in naflen Strähnen ihre Wangen. 

„Und ſicher ftirbt er,“ fuhr fie fort, „er ſah aus, 
als werde er fterben!... Und meine Sünde wird 
ihn töten und nit mih!... Du haft mein Leben 
in Stücde zerbrochen ... mich geopfert und zu einer 
unglüdiiden Sklavin gemadt... Mein wahrer, 
wirflicher Gatte wird niemals, niemals ... o Gott, 
ich ertrag’ es niht!... Es ift unmöglich!“ 

Der Mann antwortete jchärfer und lebhafter; 
dann ein plößliches Rauſchen; Teß war aufgejprungen. 
In der Meinung, daß jie die Thür öffnen und her= 
auseilen werde, zog die Lauſcherin ſich haſtig Die 
Treppe hinab zurück. 

Sie hätte ſich indes ihre Eile ſparen können, 
denn die Thür des Wohnzimmers wurde nicht ge= 
öffnet. Aber Frau Brooks hielt es für gefährlich, 
auf dem Treppenabjaß zu warten und trat in ihr 
eigenes Zimmer unten. 

Sie hörte indes nicht3 mehr, obgleich fie auf» 
merfjam horchte; ſie ging darauf in die Kühe, um 
das unterbrochene Frühſtück zu vollenden. Nachdem 
fie wieder in das Frontzimmer de3 untern Stock— 
werf3 zurüdgefehrt war, nahm fie eine Näherei vor 
und wartete auf das Klingelzeichen ihrer Gäjte, um 
dus Frühftüd hinweg zu tragen, eine leichte Arbeit, 
die fie diesmal jelbjt bejorgen wollte, um möglicher= 
weile zu entdeden, wie die Sade ftünde. Weber 
ihren Haupte fonnte fie jet die Fußbodendielen 
leicht krachen hören, als wenn jemand darauf 
herum fpaziere; dann wurde die Bewegung erläutert 


durh das Rauſchen von Kleidern; die Ctagenthür 
wurde geöffnet und wieder gejchlojjen, und Teß pafe 


firte da8 Thor, um auf die Straße zu treten. Gie 
war jet völlig angefleidet und trug das Promenades 
fojtim einer wohlhabenden jungen Dame, in welchem 
lie gefommen war, mit dem einzigen Unterichied, 
daß fie über ihren Hut und deſſen ſchwarze Federn 
einen Schleier gezogen hatte. 

Frau Brooks hatte fein Wort des Abjchiedes 
zwiſchen ihren Mietern oben wechſeln hören. Viel— 
feiht hatten fie fich noch weiter geftritten, vielleicht 
fönnte auch Herr D’Urberville wieder eingejchlafen 
jein, denn er war fein Frühaufiteher. 

Sie ging in das hintere Zimmer, in welchem fie 
ſich meiſtens aufzuhalten pflegte, und nähte weiter. 
Es fehrte indes weder die Danıe zurüd noch läutete 
der Herr. Immer wieder dachte die Wirtin an Die 
Verzögerung, die heute ihre häusliche Ihätigfeit era 
fuhr, und zugleid an das Verhältnis, in welchem der 
frühe Gaft möglicherweife zu den Paar oben jtche. 
Nachdenklich Ichnte fie ih in ihrem Stuhl zurüd. 

Als fie ihre Augen zufällig über die Zimmterdede 


Thomas Hardy. — Te. 


Ihmeifen ließ, wurden fie plößlich durch einen fFled 
auf feiner weißen Fläche gefeflelt, den fie dort bis 
dahin nicht bemerkt hatte. Er hatte, als fie ihn zu⸗ 
erft juah, die Größe einer Oblate, vergrößerte ſich 
aber jchnell biß zur Ausdehnung einer Hand. Der 
oblonge weiße Plafond mit dem Scharladhfled in der 
Mitte hatte das Ausſehen eines riefigen Herzaß. 

Frau Broof3 befam plötzlich einen jonderbaren 
Anfall von Beſorgnis. Sie fletterte auf den Tiſch 
und berübte den led an der Zimmerdede mit ihren 
Fingern. Er war feucht und fie bildete ſich ein, 
daß er von Blut herrühren fönne. 

Sie ftieg vom Tiſch herunter, verließ das Zim- 
mer und ging hinauf mit der Abficht, in das Schlaf⸗ 
immer einzudringen, um ſich zu überzeugen, ob alles 
in Ordnung jei. Nichtsdeftoweniger konnte fie ich, 
plöglih Weib geworden, nicht entfchließen , nur den 
Griff an der Thür zu berühren. Sie horchte. Die 
Totenftille drinnen wurde nur dur einen regel: 
mäßigen, ſchwachen Laut unterbrochen. 

„Dripp, dripp, dripp!” Hang es. 

Frau Brooks eilte die Treppe hinab, öffnete die 
Hausthür und lief auf die Straße. Ein Mann, den 
lie fannte, ein Arbeitdinann, der auf der benachbarten 
Billa beihäftigt war, fam vorbei; diefen bat fie, mit 
hinein und dann hinauf zu fommen, da fie fürchte, daß 
mit einem ihrer Mieter etwas gefchehen ſei. Der Arbeits: 
mann willigte ein und folgte ihr die Treppe hinauf. 

, Sie öffnete die Thür des Wohnzimmers und trat 
hinter ihm ein. Das Zimmer war leer; das Frühſtück 
— eine jubjtantiele Kollektion von Eiern, Schinken, 
Butter, Brot und Kaffee — ftand unberührt auf 


ı dem Tijche, als jei es eben gebradt worden; nur 


das Brotmefjer fehlte. Sie bat den Mann, durch die 
Flügelthür in das benachbarte Zimmer zu treten. 

Er öffnete die Thür, machte einen oder zwei 
Schritte und kam fuft unmittelbar darauf mit er: 
ſtarrtem Geſicht wieder heraus. 

„Mein Gott, der Herr im Bett ift tot!” rief er. 
„Ich glaube, er ift mit einem Meſſer verwundet 
worden — eine Majje Blut ift auf den Fußboden 
Dinab gerannt.” 

Es wurde Lärm gemadt, und das Haus, da: 
eben nod) jo ruhig gemwejen, ballte wider von den 
Fußtritten zahlloſer Neugieriger; unter diejen befand 
ih aud) ein Chirurg. Die Wunde war Mein, aber 
die Spite der Mejjerklinge hatte das Herz durchbohrt; 
da3 Opfer lag bleich, fteif und tot auf dem Rüden, 


als ob es nad) dem tödlichen Stoß ſich faum nod) 


bewegt hätte. 
Eine Viertelſtunde jpäter Hatte die Neuigfeit, 
ein Herr, ein vorübergehender Gajt der Stadt, jei 


‚in jeinem Bett erjtochen worden, durch alle Straßen 


und jede Villa de& populären Badeplatzes ſich ver: 
breitet. Schluß folgt.) 


Kriſchna Singh. 


Von 
Vandit S. il. Nateſa Saſtri. 


I. 


Vor vielen Jahren Iebte in Puſchpapura, einer 
Stadt im Süden Indiens, ein armer Botenläufer, 
Namens Tan Singh. 

Sein Gehalt betrug nicht mehr ala fieben Rupien 
monatliih. Davon gab er fünf Rupien für feinen 
Pebensunterhalt aus. Das übrige jparte er auf. 
Nach fünf Jahren überzählte er das Erfparte und 
fand, daß e3 ſich auf genau einhundertundzwanzig 
Rupien belief. Wieder und wieder, wohl zwanzig« 
mal, zählte Tan Singh jie, immer mit der eitlen 
Hoffnung, es folle mehr werden — e3 waren und 
blieben einhundertundzwanzig Rupien. 

Traurig jann er darüber nad). 

„Ah,“ ſagte er zu fich jelbit, „das ijt nun alles, 
wag ih mit Mühe und Wot bei fünfjähriger Arbeit 
babe erjparen fönnen! Einhundertundzwanzig Rupien! 
Was kann ich mit jo wenigem anfangen? Genügt 
es, um mir ein ſchützendes Dach zu erwerben? Nein! 
Kann ic mit einem derartigen Heiratägut mir eine 
grau nehmen? Nein! Um nur die nötige Summe 
zum Anlauf einer elenden Hütte zu erjparen, müßte 
ih nod) wieder fünf Jahre dienen. Zum Beſiz einer 
Ihönen rau find fünf» bis ſechshundert Nupien 
unerläßlich notwendig — die Eriparnijje von nicht 
weniger als zwanzig bis dreißig Jahren Wrbeit! 
Darüber könnte ich fterben! Viel bejjer wird fein, 
ih beginne ein neues Leben und gebe da3 erbärm= 
lihe Dajein, das ich bis jebt führte, auf. Kaum 
zehn Jahre jind es ber, jo erzählt man, da begann 
Zavudu Setti mit elenden zehn Rupien einen Handel 
mit Gemüje. Und was ift er jet? Ein ‚Navakoti 
Naryana Setti‘, der Beliger riefiger Bazare und 
Schiffe. Ich habe zmölfmal fo viel, alg er, da er 
jeine Laufbahn begann; warum jollte nun die Reihe 
nit an mir fein und das Glück mich nicht aud) 
begünftigen ?* 

Den Kopf voll von diefen Gedanken, gab Tun 
Singh jeine Stelle auf. Er vertraute dem Glücke 
und eröffnete wie Tavudu Setti ein kleines, beſcheidenes 


Geſchäft für den An- und Verkauf von Hülſenfrüchten. 


Durch umfichtigen, thätigen Handel gelang «3 
ihm, fein Kapital im folgenden Jahre zu verdoppeln, 
und al3 er glücklicher Befiter von zweihundertund 


| 


fünfzig Rupien war, vertaufchte er feinen Laden mit 
einem Bazar für Betelnüffe und -blätter. Als das 
zweite Jahr verftrichen war, belief jich jein Kapital 
auf fünfhundert Rupien, und fchnell vertaufchte er 
feinen Laden mit einem jolchen für Zuderwaren. In 
Hindoftan aber verfünffacht die Zuderbäderei ſchnell 
das Kapital, wenn der Händler fi vor dem Verkauf 
auf Kredit Hütet. 

Zan Singh ging jehr geſchickt zu Werfe, und 
noch war da3 dritte Jahr nicht zu Ende, ala er chen 
mehr als dreitaufend Rupien aufgeipart hatte. Nun 
glaubte er, das Glück babe ihn, wie früher Tavudu 
Setti, zum Günftling erwählt. Jedes Jahr geltaltete 
lich) fein Handel einträglicher und anjehnlicher. 

Während er ftets Hug und ehrlich blieb, vergaß 
er nie, in welch erbärmlicher Tage er fich früher be= 
funden hatte. 

Endlich nach zehnjähriger erfolgreicher Arbeit ver= 
wirflihte ji jein deal, e3 zu einem Navakoti 
Naryana Setti zu bringen, er wurde nämlid) ein 
bedeutender Perlenhändler. 

Perlen und Diamanten vom helliten Waller 
bildeten den einzigen HandelSartifel, den er vertrieb. 

Sein jebiges Leben ftand im grelliten Stontraft 
mit dem bejchwerlichen Dajein, das er vor zehn 
Sahren frijtete. Während er damals ein armjeliger 
Botenläufer mit einem monatlihen Kohn von jieben 
Rupien war, befahl er jetzt ſelbſt über taujend Läufer, 
von denen jeder ein monatliches Gehalt von jieben 
Rupien befam, und fein Einfommen überjtieg das 
eines Rajahs. 

Tan Singh dadhte, er würde fi) gröblich ver: 
Jündigen, wenn er bei einem ſolchen Dajein das 
Leben nicht genießen wollte. So kaufte er jich denn 
für mehr als jechzigtaujend Rupien einen großartigen 
Palaft in Puſchpapura und heiratete eine Jungfrau, 
genannt Kamalabai, aus der beiten Familie Singh 
in der Stadt. 

Niemals ſchlugen jeine Unternehmungen fehl, und 
auch da3 Geitirn feiner rau mar ihm günjtig;,*) 
mit jedem Tag jeines Lebens ward er reicher. 


*) In Hindoftan berriht der Glaube, daB wenn nad der 
Einführung einer neuen Frau in die Familie gute oder böfe 
Zeiten fommen, dieje dem Geftirn de3 neuen Yantiliengliedes 
zugeſchrieben werden müſſen. 


Pandit S. M. 

Zwei Jahre nach ſeiner Verheiratung ward ihm 
ein Sohn geboren. Er nannte ihn Ram Singh 
und zog ihn mit aller Zärtlichkeit auf. 

Drei Jahre ſpäter wurde ihm ein zweiter Sohn 
geboren, dem er den Namen Lakſchmana Singh gab. 
Und nad wieder zwei Jahre fam ein dritter Sohn, 
der Ichönfte von den dreien. Kriihna Singh wurde 
diejer genannt. 

Eo war er, nachdem er ſieben Sahre verheiratet 
geweſen, Vater von drei der ſchönſten Knaben der 
Etadt; der ältefte war eben fünf Jahre alt. 

Da er nun ein ebenjo fluger wie reicher Mann 
war, jo fcheute er feine Mühe, um jeinen Söhnen 
eine gute Erzichung zu geben. Aber das Sprich— 
wort: „Der Aelteſte ijt immer einfältig“ *) bewahr— 
heitete fich hier. Um die Klugheit war es verzmeifelt 
ſchlecht bejtelt bet Kam Singh. 

Keine Kunſt der Lehrer vermochte etwas uber 
jeinen diden Schädel, obgleich feine Erzieher mit 
Nutenhieben nicht geizten. Der Maulari, der Bandit, 
der Upad Hyayar und andere famen einer nad) dem 
andern und jparten feine Mühe. Aber nichts ſchlug 
bei Ram Singh an. Dafür war er jedod) ftet3 für 
ein elegantes Ausſehen bejorgt, er Fleidete fich wie 
ein Rajah, aß wie ein Vielfraß und hegte mit Vor— 
liebe Umgang mit liederlihen, verſchwenderiſchen 
Leuten. 

Lakſchmana Singh war anders geartet. Wenn 
er auch nicht beſonders flug war, jo war er dod) 
äußerſt fleißig und machte troß der geringen Begabung, 
die Paramesvara ihm verliehen, in jeinen Studien 
Fortſchritte. 

II. 

Der jüngſte der drei Brüder war es, der von 
den Lehrern als ein rechtes Licht befunden wurde. 
Er bewies eine bewundernswerte Faſſungskraft und 
eignete ſich alles nach einmaliger Erklärung an. Er 
war die Freude ſeiner Erzieher und ſeiner Eltern. 
Letztere vergötterten ihn förmlich, ſowohl weil er der 
jüngſte war, als auch weil er zu jo ſchönen Hoff: 
nungen berechtigte. 

Eo lebten die drei Söhne Tan Singh3 dahin 
bis zu dem Tage, wo Nam Singh fein adhtzchntes 
Jahr vollendete, während Lakſchmana Singh fünf— 
zehn und Kriſchna Singh dreizehn Jahre alt war. 

Um diefe Zeit geſchah folgendes: 

Tan Singh erging ſich eines Morgens in Bes 
trachtungen über fein früheres Elend und jein jeßiges 
Glück nad) zwanzigjähriger glücklicher Ehe. Er rief 
Stamalabai, jein Weib, herbei und trug ihr auf, jedem 
:jeiner Söhne dreihundert Nupien zu geben, damit 
fie fi ein Vergnügen verichaffen fünnten. Kama 
labai fam diejem Wunjche nad) und gab Kam Singh, 
der gerade von Jeinem Morgenjpaziergang zurüdfam, 
jogleic) feinen Teil, wobei fie ihm ſagte, das jei ein 
Geſchenk feines Vaters. 

Voller Freude nahm er das Geld, ohne aud) 
nur zu fragen, wie man dazu käme, ihm Ddazjelbe 


) Ein tamulifches Spridiwort lautet: »Mutta Muttana«, 
der Acltefte ift dumm. 


Nateſa Sajtri. 


anzubieten. Dann verzehrte er fein Frühſtück, da: 
aus faltem Reis bejtand, begab ſich in die Wohnung 
einer Bajadere und jchenkte ihr die Dreihundert Rupien. 

Kaum hatte Ram Singh das Haus verlajien, da 
fanı Lakſchmana Singh von feinen Lehrern zurüf, 
um fein Frühſtück, das auch aus faltem Reis beitand, 
zu jich zu nehmen. Seine Mutter übergab ihm das 
Geſchenk. Cr erfundigte ſich nach dem Anlaß und 
befam zur Antwort, er ſolle ſich dafür luſtig Halten. 
Lakſchmana Singh empfing das Geld mit freudigen 
Empfindungen und gab es für Bücher und Kleider aus. 

Kriſchna Singh kam gewöhnlid Spät zum Eſſen. 
Als er lange nad) den anderen in da3 Haus zurüd 
fehrte, überreichte feine Mutter ihm jeinen Teil, ale 
er jeinen falten Reis aß, wobei fie auch ihm mit: 
teilte, daß es ihm zur Beluftigung bejtinmt jet. 
Kriſchna Singh lachte über den Gedanken, dreihumdert 
Aupien zum Vergnügen auszugeben, und er tadelte 
jeine Mutter, daß fie ihm das Geld gebradtt, 
obgleich fein Vater e8 für ihn beſtimmt hatte. Er 
fand e3 jehr unüberlegt von feiten Tan Singbs, 
daran zu denfen, Ddreihundert Rupien für eine une 
nüße Ausgabe wegjugeben. Auf dieſe Weije wiirde 
er monatlich neuntaufend Rupien verjchleudern und 
nad) Verlauf von einem oder zwei Jahren ein 
Bettler fein. 

Dunn bat er feine Mutter jogar, fie möchte dem 
Nater das Geld wieder geben und ihn e3 in feinen 
Geldſchrank einjhließen laſſen, damit es zu einen 
nützlicheren Zwecke verwendet werden könne. 

Die Mutter brachte auf ſeinen Wunſch das Geld 
zurück. Der Vater, über die Klugheit ſeines jüngſten 
Sohnes ſehr glücklich, wollte ihm nun ſechshundert 
Rupien geben. Der Knabe blieb bei ſeiner Weigerung, 
obſchon auch der Vater ſeinerſeits nicht nachgeben 
und Kriſchna Singh zwingen wollte, die ſechshundert 
Rupien anzunehmen. 

„Wie kommt es,“ rief Tan Singh, „daß Du, 
ſonſt ein jo gehorſamer Sohn, heute fo ſtörriſch biſt?“ 

„Verſuche nicht, das Unmögliche zu erzwingen!’ 
entgegnete der Junge. 

Tan Singh war aufer ji vor Zorn. Durch 
feine Reichtümer verblendet, fragte er hochmütig: 

„Was wäre denn Deinem Vater unmöglid? 
Nichts auf dieſer Welt.“ 

Kriſchna Singh achte über die Vermeſſenheit 
ſeines Vaters, indem er ſagte, es gübe doch Dinge, 
die er nicht bewerkſtelligen könne. 

„So beweiſe es,“ ſagte der Kaufmann. 

„Nun, würdeſt Du es denn ermöglichen können, 
Deinen Sohn mit der Prinzeſſin von Puſchpapura 
zu verheiraten?“ 

Kriſchna Singh dachte nicht im entfernteſten 
daran, Schwiegerſohn des Königs zu werden; er 
führte dies einfach als Beiſpiel an, um zu zeigen, 
daß es doch etwas gäbe, das zu verwirklichen ſeinem 
Vater unmöglich wäre. Aber kaum hatte Tan Singh 
den Namen der Prinzeſſin vernommen, als ihm auch 
ſchon der Gedanke kam, ſein Sohn liebe ſie wirllich, 
obſchon er erſt dreizehn Jahre alt war. 


Kriſchna Singh. 


Sofort zog er die Pantoffeln von den Füßen und 
ſchlug mit denjelben fräftig auf Kriſchna Singh los. 

Mit der größten Ruhe nahm der Junge die 
Zühtigung Hin, aber auf einmal entriß er die Pan- 
toffeln den Händen feines Vaters und enteilte mit der 
Schnelle eines Fallen, 

Bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit durch— 
ftreifte er die Stadt, ohne einen jeiner freunde oder 
feiner Verwandten zu treffen. Nun Tonnte er jich, 
ohne von jemand bemerft zu werden, in den Tempel 
Kali fchleichen. 

Dort wählte er eine paſſende Nifche in einer der 
Außenmauern, ftellte die Pantoffeln, mit denen ihn 
jein Vater gejhlagen, hinein, bededte fie mit einer 
Schicht Kalt und ließ fie fo ficher geborgen zurüd. 

Dann wollte er nicht länger mehr in Bujchpapura 
bleiben. So jung und zart er auch) war, jchredte er 
nit davor zurück, das Glüc der Unabhängigkeit in 
einer andern Stadt zu juchen. 

So verließ Kriſchna Singh feine Baterftadt noch 
in derjelben Naht. Er ſchlug die Richtung nah 
Norden ein, ohne zu willen, wohin er käme. Ohne 
einen Plan für die Zukunft gemadt zu haben, 
folgte er feinem Geihid. Er ging, jo lange ihn 
jeine Füße trugen, nährte fih von Wurzeln und 
Früchten und übernachtete, feine Gefahr jcheuend, 
auf freiem Felde; kurz, er benahm ſich wie jemand, 
der dem Leben durchaus feine bejondere Wichtigkeit 
beilegt. 

So durdeilten feine Füße weite Streden Landes. 
Dichte Wälder, wilde Gebirge, endlofe Wüſten, 
reißende Gewäſſer Tagen hinter ihm, als er an eine 
große Stadt faın, die man ihm ala Dharapura be= 
zeichnete, die Hauptjtadt des Kaiſers oder des „Herrn 
der Sonnenfcheibe”,*) dem die ſechsundfünfzig Fürſten 
der Welt huldigten. 

Der Kaijer von Dharapura hatte feinen Sohn, 
jondern nur eine Tochter, die al& die ſchönſte Prin- 
zeffin der Welt galt. 

Schandramufhi war ihr Name. 

Sie hatte das Alter von neun Sahren noch nicht 
überjhritten uund lag noch den Studien In der Fürften- 
ihule von Dharapura ob. 

Dieje föniglihe Schule, Rajakumar genannt, war 
eine Unftalt, die eigens für die Erziehung der Mit- 
glieder der königlichen Familie eingerichtet war. 
Während der Schulftunden ftand draußen eine Truppe 
der Leibwache aufgeftellt, die die Prinzeſſin ſtets auf 
ihrem Schulmwege begleiten mußte. Der Sohn des 
Minifter3 Ramaſchandra, des oberjten Heerführerz, 
und die Söhne anderer hoher Perſönlichkeiten waren 
die Schulgefährten der Prinzefjin. 

Zufälig mußte Kriſchna Singh durd) die Straße, 
in der die Schule lag, und der eine von der fünig- 
lichen Leibwache, der der Kaſte Singh angehörte, 
erfannte ihn als einen jungen Angehörigen jeines 
Stammes. Da ihm das traurige Schidjal eines fo 


*) Elajhakradgipati, Herr der Sonnenſcheibe, ift der Titel, 
den die Kaiſer aus ihrem Rechte, eine Sonnenjcheibe zu führen, 
herleiteten. Dieſes Vorrecht hatten die Heineren Könige nicht. 


113 


Ihönen und zarten Knaben leid that, rief er ihn zu 
fih und fragte ihn nad) feiner Herkunft. 

Kriſchna Singh ftellte ſich einfältig und erwiderte 
jenem, er fenne fich jelbft nicht, da er feine Eltern 
habe und, jo lange er fich erinnern fünne, dag Land 
durchſtreife. 

In dieſem Augenblicke kam Schandramukhi aus 
dem Schulgebäude, um ein Glas Waſſer zu trinken. 
Betroffen über die Schönheit und das ernſte Aus— 
ſehen Kriſchna Singhs, über das die durch das lange 
Umherirren verurſachte Etmattung und Erſchöpfung 
nichts vermocht hatten, fragte ſie ihn nach ſeinem 
Namen und ſeiner Familie. 

Die erſte Frage beantwortete er richtig, und in 
Betreff der zweiten ſagte er, daß er nichts von ſeiner 
Herkunft wiſſe, ausgenommen, daß er ein Waifen- 
fnabe jei. Dann fragte fie ih, ob er wohl Luft 
hätte, ihr Diener zu fein. Auf feine bejahende Ants 
wort Hin verlieh fie ihm fofort das Amt eines , 
Tukkuttukki oder eines Niechfijjenträger8 und ſagte 
ihm, feine Pflicht beftände darin, fortwährend um 
fie zu jein und ihr das Riechkiſſen nachzutragen, 
Sowohl wenn fie in die Schule ginge, als wenn fie 
in den Palaſt zurüdfehrte. Dafür verſprach fie ihn, 
daß er gehalten werden jollte wie fie jelbit. Was 
hätte Kriſchna Singh ſich mehr wünſchen fünnen? 
Er lächelte vor Freude, nahm das Anerbieten mit 
Danf an und folgte Schandramufhi in ihre Klaſſe. 
Don diefem Tage an diente er ihr ohne Unterbredjung. 

Der Kaiſer war mit dem Amte einveritanden, 
da8 die Prinzejlin Kriſchna Singh übertragen hatte, 
und, ihrem Verſprechen treu, war fie mit volliter 
Hingebung für ihn bejorgt. Er durfte an ihrer 
Seite die Mahlzeiten einnehmen, und hätte er nicht 
das Riechkiſſen getragen, jo hätte man feinen äußeren 
Unterfchied in der Stellung beider finden können. 

Im Volke war man allgemein der Anſicht, daß 
der Sailer dieſe Bertraulichkeit zwiſchen Kriſchna 
Singh und feiner Tochter gejtattete, weil er Die 
Abſicht Haben mochte, die Prinzeſſin, jobald fie älter 
geworden, mit dem jungen Manne zu verheiraten. 
Aber da aud allgemein der Glaube verbreitet war, 
Kriſchna Singh wäre ein fehr dummer Burjche, To 
erregte die Heiratsprojekt Mißfallen. Denn es 
muß noch gejagt werden, daß, feit Kriſchna im Dienfte 
der Prinzeſſin ftand, er fortgefahren war, den Ein- 
fältigen zu |pielen. Als einer von Schandrumufhis 
Schulgefährten ihn fragte, ob er leſen und ſchreiben 
fönne, antwortete er: Ya, das könne er; er verjtehe 
ih darauf faft jo gut, wie aufs liegen. Dabei 
blieb er nicht ſtehen. Bei verfchiedenen Gelegen- 
heiten benahm er fich fo einfältig, daß alle, die ihn 
fannten, ihn für den größten Dummkopf hielten, den 
die Welt je gejehen. 

Auch die Prinzeſſin teilte diefe Meinung, war 
deshalb aber nicht weniger gut gegen ihn. Sie bewies 
ihn nad) wie vor die zärtlichite Zuneigung, jo daß 
man ich immer häufiger zuraunte, fie habe die Ab» 
licht, den jungen Singh zu heiraten. 

Hätte Kriſchna Singh gezeigt, daß er ebenfo Flug 


714 


— oder noch klüger — tie fie wäre, jo wäre e3 ganz 
anders gewejen; dann hätten viele ſich Schon an den 
Gedanken diefer Heirat gewöhnen fönnen, während 
jeßt nur der Kaiſer daran feſthielt. Er war über- 
zeugt, daß jeine Tochter feinen befleren Gemahl 
wählen könne, als Kriſchna Singh. Gewiß war 
derſelbe ſehr einfältig. Aber was that's? Seine 
Tochter war klug genug, um alles im Hauſe und im 
Reiche zu leiten. War es nicht durchaus notwendig, 
daß ein ihr an Schönheit ebenbürtiger Mann ihr 
Gatte würde? Da Kriſchna Singh dieſer An— 
forderung genügte, warum ſollte ſie ihn nicht nehmen? 
So dachte der Kaiſer, und da er von dieſer Idee 
ganz beherrſcht wurde, wollte er die ſtets wachſende 
Vertraulichkeit zwiſchen dem jungen Singh und ſeiner 
Tochter Schandramukhi nicht ſtören. 


III. 


Mit ſechzehn Jahren war es der Prinzeſſin ge— 
ſtattet, zu heiraten — ſieben Jahre, nachdem Kriſchna 
Singh in ihren Dienſt getreten war. Ramaſchandra, 
der Sohn des Miniſters, hegte ſeit langem den 
Wunſch, ihr Gemahl zu werden; ein- oder zweimal 
hatte er ſogar die Kühnheit gehabt, es ihr zu ſagen. 
Sie ſchien ihm nicht abgeneigt zu ſein, aber ſie 
fuhr fort, die königliche Schule zu beſuchen, nachdem 
ſie ſchon erwachſen war. 

Eines Tages wartete Ramaſchandra auf die 
Prinzeſſin. Bald kam ſie aus der Schule und wollte 
in den Palaſt zurückkehren; vor ihr ging, wie es die 
Sitte forderte, ihr Tukkuttukki Kriſchna Singh mit 
dem Riechkiſſen, während die Wache nachfolgte. 

Ramaſchandra ließ ſich bei einem Wagen nieder 
und bat die Prinzeſſin, zu ihm zu kommen, indem 
er vorgab, er habe ihr ein Geheimnis mitzuteilen. 
Er gab den Wächtern Befehl, ſich zu entfernen, und 
auch den Tukkuttukki bat er, ein wenig voraus zu 
gehen. 

Der Tukkuttukki entfernte ſich ſcheinbar, denn es 
gelang ihm, ſich unbemerkt auf die andere Seite des 
Wagens zu ſchleichen. Dort hörte er alles, was die 
beiden mit einander ſprachen. Ramaſchandra fragte 
die Prinzeſſin, ob fie ihn heiraten wolle. Die Prin— 
zejlin antwortete, daß jein Antrag fie ehre, ſowohl 
in Anbetracht feiner vornehmen Herkunft, als aud) 
ivegen feiner großen geiftigen Vorzüge; aber fie ſagte 
ihm aud), daß ihr Vater diefe Vereinigung nicht 
wünſche, da er, Ramaſchandra, nur unanfehnlich von 
Geſtalt fei, der Kaijer aber die bejtimmte Abjicht 
habe, fie nur demjenigen zur Gemahlin zu geben, 
der ebenſo jchön wie jie wäre. 

Sie fügte hinzu, daß, da fie ſelbſt eine Ver— 
bindung mit ihm von ganzem Herzen wünſche, es 
am beiten wäre, ſie flöhen nad) irgend einem Ort, 
wo fie fich Heiraten könnten. Dann jebten fie den 
Tag der Flucht feſt — es follte der achte Tay nad) 
diejer Unterredung fein — und bald darauf trennten 
fie ſich. 

Sobald Kriſchna Singh das Datum der Ylucdht 
gehört hatte, glitt er unbemerkt am Wagen entlang 


Bandit © M. Nateſa Saftri. 


und blieb erft in einer gewiſſen Entfernung wieder 
jtehen. Da die Wache zu weit ab von ihnen gr: 
tanden, um etwas von der Unterhaltung zu hören, 
jo glaubten Ramafhandra und Schandramufhi be— 
ftimmt, niemand habe ihr Geheimnis erlauſcht, und 
fie begaben fi ruhig und ohne Argwohn nad) Haufe. 

Die Nacht ging wie gewöhnlich vorüber, aber am 
nächſten Morgen, ala der Kaijer Hof hielt, kam 
plöglih der Tukkuttukki und fagte, er wünſche ihn 
im geheimen über eine wichtige Angelegenheit zu 
Iprehen. Da der Kaiſer Kriſchna Singh mehr al: 
fein eigenes Leben Tiebte, erfüllte er ſogleich jeine 
Bitte und befahl allen, einige Minuten Hinaus zu gehen. 

Der Kaiſer zog einen Sefjel an den feinen heran 
und bieß den Tukkuttukki ſich ſetzen und feine Sadı 
vorbringen. Hierauf fragte Krijchna Singh: „Willen 
Eure Majeftät, wie Könige ihre Xöchter erziehen 
müſſen?“ 

Der Kaiſer war vollſtändig verblüfft über die 
Trage. Er Hatte den Tukkuttukki immer für den 
dümmften Menſchen der Welt gehalten, und nun jtelte 
er ihm eine Frage von der größten Schwierigfeit. 

Der Tukkutiukki fagte ihm, berühmte Autoritäten, 
wie Manu, Vyaſa“) und andere, lehrten, ein König 
müſſe feine Tochter bis zum fiebenten Jahre in die 
Schule jhiden, dann wäre e8 empfehlenswert, ji 
von Wrivatlehrern unterridten zu laſſen, bis fe 
mannbar würde; von diefer Zeit an müfle jie dann 
nah dem Karadaſchen Syſtem erzogen werden, 
welches anordnet, daß der Lehrer auf der einen und 
da3 junge Mädchen auf der andern Seite cin 
ſpaniſchen Wand fiße, jo daß ſie nichts von einander 
jehen fünnten. 

Zum Schluß fagte er zum Kaiſer, er habe dieſt 
treffliden Regeln nicht beobachtet und da3 Reſultat 
ſei nun, daß ſeine Tochter gar nicht mehr eine 
Tochter ſei. Dann erzählte er, was ſich am vorher: 
gehenden Abend zugetragen. 

Der König war glüdlih über die Klugheit und 
Treue, die der junge Mann beiwiefen, indem er ihm 
dieje Nachricht überbrachte, bevor es zu ſpät war. 
Er befahl Kriſchna Singh, das tieffte Schweigen 
über dies Ereignis zu bewahren, damit er die nötigen 
Maßregeln treffen könne, um der von feiner Tochter 
und Ramaſchandra beabjihtigten Flucht zuvor zu 
fonımen. 

Sofort ließ er an alle Handiverker den Befehl 
ergehen, fie) innerhalb zwei Stunden in dem Balaltı 
einzufinden. 

Diefe Ordre wurde ftrift befolgt, und als die 
Leute beiſammen waren, fragte fie der König, od es 
ihnen möglich wäre, in zwei Tagen einen Palaft von 
jieben Stodwerfen zu bauen. Sie erwiderten, wenn 
der Kaiſer ihnen Huldvoll feine Gunft zumende, 10 
vermöchten fie das auch in einem Tage. 

Der Herricher traf die erforderlichen Anordnungen 
und befahl dem Minifter und den anderen Beamten, 
alle Arbeiten aufzuſchieben und den Bau des Palaſtes 





*) Altindiihe Geſetzgeber. 


Kriſchna Singh. 


zu beauffihtigen, ſowie alles Nötige herbeilchaffen 
zu laſſen. 

Dann ging der Kaifer zu feiner Tochter und wich 
nicht mehr aus ihrer Nähe, wie wenn er fie gleich 
einer Diebin bewachen wollte. Niemand konnte ſich 
denken, wozu der neue Palaft dienen follte, und 


niemand bejaß die Kühnheit, darnach zu fragen. 


Aber da8 Gebäude wuchs wie im Fluge empor. 
Man hätte jagen mögen, aud die Natur gehorche 
den Befehlen des Kaiſers; der Bau des ungeheuren 
Palaftes von fieben Stodwerfen wurde noch vor der 
achten Stunde desfelben Abends beendet. 

Der Minifter und die anderen Beamten, die mit 
der Aufiht der Arbeit betraut waren, ließen den 
Kaifer benachrichtigen, da8 Gebäude fei fertig und 
fie würden fich mit jeiner Erlaubnis nun zum Ejjen 
zurüdziehen. Mit jolher Eile wurde das Werk zu 
Ende gebracht. 

Hierauf berief der König alle Eunuchen und be= 
fahl ihnen, Die drei oberen Stodwerfe des Palaftes 
zu bewadhen und mit Ausnahme von einer oder zwei 
Berfonen, die er noch nennen würde, einem jeden 
den Ein» und Ausgang zu verweigern. Was Die 
vier unteren Etagen betraf, jo bejtellte er zu deren 
Bewachung alte, ausgediente Soldaten, welche die— 
ielben Befehle wie die Eunuchen befamen. Darauf 
erffärte er, er habe das Gebäude für feine Tochter 
beitimmt, damit fie bis zu ihrer Verheiratung darin 
lebe; mit ihr follten zwanzig Frauen ihres Gefolges 
zu ihrer Bedienung und Geſellſchaft dort wohnen; 
die oberjte derfelben hieß Sellam. 

Einzig und allein Sellam und der Tuffuttuffi 
durften die Mundvorräte und andere unentbehrliche 
Dinge in den Palaft bringen. Außer Sellam und 
dem Zufkuttuffi (und den Eltern natürlich) durfte 
niemand die Prinzejjin jehen. Jedem Mann oder 
jeder frau, die in den Palaft dringen wollte, ſelbſt 
wenn ihnen das Verbot unbelannt wäre, jollte fofort 
der Kopf abgefchnitten werden. 

So wurde die Prinzeſſin Schon am Abend nad 
dem Tage, an dem fie die Flucht bejprochen hatte, 
eine Gefangene. 

Niemals Hatte fie ſich etwas Derartiges träumen 
falien. Wie! Außer Sellam und dem Zuffuttuffi 
durfte niemand die Schwelle ihrer Wohnung über- 
ihreiten! Wodurch hatte fie denn eine jolche Strafe 
verdient? 

Sollte irgend ein Spion ihre geheime Unterredung 
mit Ramajchandra belaufht und dem Kaiſer ihren 
Fluchtplan mitgeteilt haben? Nein! Das war uns 
möglich, da fie doch niemand in der Nähe gejehen hatte. 

Plöglih fam ihr ein Gedanke: Sollte der Tuk— 
futtuffi einige Broden ihrer Unterhaltung hinter dem 
Wagen aufgefangen und ſie verraten haben? ber 
wie fonnte man von feiten eine jo einfältigen 
Menſchen jo etwas erwarten? 

In ihrer Angſt jedoch jtieg diefer Argivohn wieder 
und wieder in ihr auf, und jie beichloß, ihren: Ge- 
fährten mit Lift zu erforjchen. 


Es war um die fünfzehnte Ghatika der Nadıt. | 


115 


Die Prinzeſſin jaß fummervoll und traurig da, fie 
fonnte an nicht als an die plößliche, graujame Ver- 
eitelung ihrer Pläne denken. 

Kriſchna Singh ſaß vor ihr und, um ihn zu 
prüfen, begann fie mit folgenden Worten: 

„Will der Tuffuttuffi mir das Buch von jenem 
Schranke geben, die elfte Seite aufſchlagen und Iefen ?“ 

Kriſchna Singh jah fie eine Minute lang zornig 
an, dann erhob er ſich, nahm das Buch vom Schrante 
und, anftatt zu lejen, zerriß er e3 heftig und fing 
an zu weinen und zu ſchluchzen. 

Nur mit großer Mühe gelang e3 der Prinzeffin, 
ihn zu beruhigen. 

„Was Habt Ihr denn?” fragte fie ihn, „weshalb 
mißhandelt Ihr das arme Buch fo 3” 

„Prinzeſſin!“ antwortete er, „Ihr nahmt mic) 
armen Waiſenknaben auf, Ihr beſchütztet mich jieben 
Jahre Tang zärtlih! Ihr, die Ihr fo reih und 
mächtig feid, was hätte e8 Euch gefojtet, einen Eurer 
Lehrer zu bitten, täglich zwei Ghatifen meinem Unter: 
riht zu widmen? Ihr habt es nicht gethban! Ahr 
jelbjt jeid fo Hoch gebildet — war ich nicht immer 
bei Euh? Ihr ſelbſt Hättet mich täglich zwei 
Stunden belehren können. Auch da8 habt Ihr nicht 
gethban! Zwanzig Jahre bin ih nun alt und kann 
nit da3 ‚Haridom‘*) jagen! Da hr felbft jo 
vieles wißt, wollt Ihr mid) in Gegenwart Eurer Stlaven 
beihämen. Denn welden Grund könntet Ihr fonft 
haben, von mir, der ich befanntlich nicht3 weiß, zu ver⸗ 
langen, die elfte Seite dieje3 erbärmlichen Buches aufs 
zulchlagen? Ich habe einfach das Buch zerriffen, da 
liegt e8 num auf der Erde! Meine ganze Unwifjen- 
heit ift einzig Eure Schuld!” 

So ſprach der Tuffuttuffi, und die Prinzeffin 
glaubte jeinen Worten, hielt ihn für einen unver» 
bejjerlihen einjfältigen Jungen und dachte, fie wäre 
wohl wahnfinnig geweſen, diejen beichräntten Menjchen 
zu verdächtigen. Sie dankt allen ihren Hausgöttern, 
daß fie ihr die Dienſte Kriſchna Singhs zugewendet, 
bejonders jeßt, da der Kaiſer ihn mit dem Vorrecht 
auögejtattet hatte, in dem Kerkerpalaſte ein= und 
auszugehen. Sie beſchloß, die größtmöglichiten Vor— 
teile daraus zu ziehen und ihn als Liebesboten zwijchen 
ih und ihrem Geliebten zu verwenden. Sobald 
diejer Gedanke in ihrem Gehirn entftanden war, nahm 
fie ein Blatt Papier und jchrieb Ramaſchandra, wie 
lie eingelerfert worden und wie fie ſich dieſes Unglüd 
nicht erklären könne; fie fügte aber hinzu, ihre 
leidenjchaftliche Liebe für ihn ſei unmwandelbar, und 
fie würde alles thun, was er ihr raten wolle, Zulebt 
bat fie den Sohn des Minijters inftändigft, fie zu 
befreien, fie irgendwohin zu entführen und zu heiraten. 

Nachdem jie den Brief fertig gejchrieben,, verjah 
te ihn mit einer jehr zärtlihen Unterſchrift — fie 
nannte jich jchon feine Frau — ſiegelte ihn jorgfältig 
und übergab ihn dem Tuffuttuffi, indem fie zu ihm 
lagte: 

„Zrage diejen Brief heimlich zu Ramaſchandra, 

*) Haridom, Gruß an Hari, den die Kinder der Hindus- 
nachſprechen lernen, bevor fie mit dem Alphabet beginnen. 





+16 


meinem Schulgefährten, dem Sohne des Miniſters. 
Du mußt die äußerjte Vorjicht beobachten, darfit ihn 
nicht aus Nahläſſigkeit Jalen laſſen, ihn niemand 
zeigen und mußt ihn jo verbergen, daß Du jeden 
Argwohn vermeidet.“ 

Der Tukkuttukki bat fie, jie möchte doch ihm allein 
den Inhalt des Briefes, um den fie jo bejorgt Jei, 
anvertrauen. 
langen und jagte: 

„Er enthält bloß einige ragen.“ 


Cie ladte über jein närriſches Ver- 


Kriſchna Singh that, als ob ihn diefe Antwort 
höchlich befriedige, und verſprach, das Schreiben früh 


am nächſten Morgen zu Ramaſchandra zu bringen, 
da ed an jenem Abend fchon zu ſpät war. 


* 


Kehren wir nun zu dem armen Ramaſchandra 


zurück! Als fein Vater ihm dad Ereignis aus dem 
Palaſte erzählt hatte, fagte er ſich jofort, jeine Unter: 
redung mit der Prinzejjin müſſe auf irgend eine 
Meile dem Kaiſer zu Ohren gekommen fein. Er 
gab alle Hoffnung auf und zitterte für fein Leben; 
gewiß würde der Stailer bejehlen, ihm ſchon morgen 
früh den Kopf abzuhanen. 

Er wagte nicht, feinem Vater etwas zu jagen, 
und wartete mutlog ab, wie die Sache verlaufen wurde. 


%* 


Der Morgen fam. Die Prinzejjin und der 
Tukkuttuki erhoben fih und nahmen ihr Frühſtück in 
großer Eile ein. Dann befahl Schandramufgi dem 
Kriſchna Singh, jofort Ramaſchandra aufzuſuchen. 
Der Tukkuttukki hüllte den Brief in ein halbes 
Dutzend Taſchentücher ein, indem er jedes einzelne 
vor den Augen der Prinzeſſin mit beſonderer Sorg— 
falt zuknotete. 

Sie lachte über ſeine Kindlichkeit und ſagte zu 
ihm, der Brief ſei nun ſicher gut geſchützt. Er nahm 
das kleine Paket unter den Arm und entfernte ſich 
in ſchnellem Lauf. | 

Kriſchna Singh begab fich aber keineswegs, wie 
man wohl hätte glauben fünnen, mit dem Briefe 
zum Kaiſer; er fannte feit langem de3 Ekaſchakradhi— 
patis Wunſch, ihm feine Tochter zur Frau zu geben, 
und troß der ungünftigen Meinung, die das Volt 
und die Prinzeſſin ſelbſt gegen ihn gefaßt, verzweifelte 
er nicht, ihre Hand zu erhalten. 

Als die geplante Entführung der Prinzeſſin feine 
Pläne zu zerjtören drohte, hatte er gealaubt, fie auf 
immer zu verlieren, wenn er es dem Kaiſer nicht 
anzeige. Da hatte er denn nicht gezögert, alles zu 
enthüllen. Und wahrlich, jebt wurde die Prinzeſſin 
auf das beſte bewadt. Sein Namajchandra follte 
jie ihm entreißen. Er, Kriſchna Singh, wollte, ohne 
daß jemand drum wüßte, die Nolle des Ramaſchandra 
Ipielen, wollte zeigen, wa3 für ein Menſch er in 
Wirkfichfeit jei, und das allgemeine Vorurteil ver— 
nichten, das man gegen ihn gefaßt und über ihn 
verbreitet hatte. 

Auch dachte er, daß ein derartiges Verfahren ihm 





rn — 


Pandit © M. Nateja Saitri. 


leichter daS Herz der Prinzeljin und das Lob de 
Vater? gewinnen würde. Un jenes Ziel zu erregen, 
auf das er fo lange Jahre bingearbeitet, entihles 
er fih, mit Schandramufhi am feſtgeſetzten Tage zu 
entfliehen, inden er dabei die Rolle des Pamaſchandta 
Ipielen würde. 

Solden Träumen nachhängend, jekte er feinen 
Weg jort, begab ſich in einen Bazar und faufte dort 
Papier, Tinte und Feder. Mit dieſen Dingen ver: 
ſehen, entzog ex fich in dem nächjtgelegenen Dſchungel 
allen Bliden. 

Dort öffnete er den Brief, las ihn und begann 
\ogleih, im Namen jeines Rivalen darauf zu ant: 
worten. Da er immer mit dem Sohne des Minifters 
in einer Klaſſe gewejen war, jo Hatte er gelernt, 
deſſen Schrift ſehr gut nachzuahmen. 

Die Antwort lautete folgendermaßen: 


„Meine Innigitgeliebte! 


„Zaufend Dank für Euer zärtlihe3 Schreiben. 
Ich hatte von meinem Vater, ſchon che Fuer Briei 
fan, alles von Eurer Gefangennahme gehört; ih 
witterte ein Geheimnis. Irgend ein fchlechtes Subickt 
hat unjere Pläne ficherlih Eurem Vater verraten; 
aber ich ergebe mich nicht jo leicht ins Unglud. 
Sudt Euren Vater zu beivegen, Euch das vierzehnte 
Zimmer zu geben, und id) werde Euch dann nad 
Verlauf von ſechs Tagen daraus befreien. Nur müßt 
Ihr mic) durch Vermittlung dieſes einfältigen Kriſchna 
Singh mit allem unterjtügen, deijen ich bedarf. So 
beichränft er auch ift, müljen wir uns dod gludlid 
ſchätzen, in diejem Augenblid über jeine Hilfe ver: 
fügen zu können. Schidt ihn mir mit einem Yalı 
Rupien,“) damit ich zur Reife rüſten kann. Ter 
nächſte Brief wird Euch eingehend über alles Nor 
wendige unterrichten. 

Euer zufünftiger Gatte 
Ramaſchandra.“ 


Mit vieler Sorgfalt ſchrieb der Tukkuttukki dicien 
Brief. Dann Schloß er ihn, knüpfte ihm im die ver 
Ichiedenen Tajchentücher, nahm das Ganze unter deu 
Arm und kehrte zur Prinzeſſin zurüd, bevor der Zug 
nod) halb vergangen var. 


IV. 


Er trat lachend in das Zimmer der Prinzeſſin 
und erzählte ihr, wie vielemale der Sohn des Miniiter 
ihren Brief gefüßt und mit welchem Entzüden er ihn 
immer wieder und wieder gelejen habe. 

Ungeduld erfaßte num die Prinzeſſin, die Antwort 
zu leſen. Aber der Tukkuttukki wollte fie ihr durd- 
aus nicht gleich geben, fondern warf ihr vor, mie 
wenig liebreid) e8 von ihr und dem Sohne des 
Minijters ſei, ihm in Bezug auf die Briefe jo wenig 
zu frauen. 

„Ramaſchandra,“ ſagte er, „hat es mir ebenfallä 
wohl ein Dußendmal ans Herz gelegt, vorſichtig bei 
Ueberbringung der Antwort zu fein.“ 








*) Ein Lakh ift glei einmalhunderttaufend Nupien. 


Kriſchna Singh. 


Zuletzt löſte er die Reihe von Knoten auf und 
gub der ungeduldigen Prinzeſſin den Brief. 

Sie las ihn und hüpfte vor Freude. Sie küßte 
ihn wohl über hundertmal und bat den Tukkuttukki, 
ihr zu ſchwören, niemand auch nur ein Sterbens⸗ 
wörthen von den Briefen zu fagen. 

Dann padte fie die hunderttaufend Rupien, die 
Ramajchandra forderte, in verjchiedene Heine Pafete 
und befahl Kriſchna Singh, die Pakete einzeln ihrem 
Geliebten zu überbringen. Da der Tuffuttuffi fie 
für ji behielt, jo trug er fie recht gerne fort. Er 
war lange Zeit Funde einer alten Frau in Dhara— 
pura geweien, die einen Zuderwarenhandel betrieb; 
bei diejer mietete er fi) ein Zimmer, in das er das 
Geld tragen konnte. 

Als er den ganzen Schab dort eingeſchloſſen Hatte, 
wedjelte er jeinen Anzug und kleidete fich wie ein 
Araber. Tann ging er auf der Suche nad) jehnellen 
und fräftigen Pferden in alle Fäden der Stadt. Mit 
vieler Mühe verichaffte er jich zwei ſchöne Asvarat— 
nas,*) die, ohne Nahrung und Getränk zu fich zu 
nehmen, eine ganze Woche lang in der Ghatifa zwei 
Ko8**) zurücklegen. Solche Pferde kann nicht jeder 
faufen, und nur durch einen glüdlichen Zufall wurde 
der Zuffuttuffi ihrer habhaft. Er bezahlte fie mit 
fünfzigtaufend Rupien und mietete zwei Snechte für 
ihre Pflege. Ungefähr fünfundzwanzigtaufend Rupien 
gab er für Sättel und Zierat aus. Dann fpendete 
er den PBaria3 ***) etwas, und die fünfundzwanzig- 
taujend Rupien, die ihm noch blieben, gab er für 
eine Stridleiter und eine bejonders koſtbare Feile aus. 

Nachdem er dies alles eingekauft, fchrieb er der 
Prinzeſſin folgenden Brief: 

„Meine liebe Prinzelfin ! 

„Ich muß unjern Tukkuttukki wirklich bewundern. 
Obgleich er ein dummer Menſch ijt, ift es ihm doch 
gelungen, mir den Lakh Rupien, die Ihr mir geſchickt, 
zu übergeben. Ich Habe zwei der jchönften Pferde 
gekauft, die man ſich vorſtellen kann; Tag und Nacht 
können fie zwei Kos die Ghatifa galoppiren. Id 
jende Euch durch unfern dummen Jungen eine Strid- 
leiter und eine Felle. Für letztere allein mußte ich 
mehr al3 zwanzigtaufend Rupien bezahlen, denn es 
üt eine Wunderfeile, die ftet3 geräuſchlos arbeitet, 
jelbft in Eifen. Sie ift aus Diamant gemacht und 
kann das härtefte Eifen in weniger als zwei Sefunden 
jerihneiden. Am fünften Abend werde ich mich auf 
die önigliche Orientjtraße begeben, die an dem großen 
genfter oben in Eurem Walafte vorbeiführt. Um 
die zehnte Ghatifa in der Nacht, wenn alles in 
tiefem Schlafe liegt, müßt Ihr Euch leiſe erheben, 
dad Fenſtergitter durchfeilen und die Etricleiter auf 
die Pferde herablaſſen. Ich werde da fein und fie 
auffangen. Dann müßt Ihr herunter fteigen und, 
ohne daß noch weitere Zeit verftreicht, find wir ſchon 
mit unjeren Pferden auf der Flucht. In den folgen- 
den fünf Tagen jhidt mir für unjere gemeinjamen 

) Bejonder3 wertvolle Pferde. 

**) Zwölf Meilen die Stunde. 

») ine niedrige dienende Kaſte, die die Grooms liefert. 

Aus fremden Zungen. 1895, II. 15. 


117 


Bedürfniſſe noch jo viel Geld, ala Ihr entbehren 
fönnt. Ich werde auch noch etwas mitnehmen, ohne 
daB mein Vater e3 merft. 
Euer zärtliher Gatte 
Ramaſchandra.“ 

Der Tukkuttukki ſchloß den Brief, ſiegelte ihn 
und hüllte ihn in gewohnter Weiſe ein. In ein 
anderes Stück Zeug packte er die Feile und die Leiter 
und kehrte dann mit all dem zu Schandramukhi zurück. 

Sobald er der Prinzeſſin näher kam, begann er 
vergnüglich zu ſchmunzeln, was ſie ſchon von weitem 
bemerkte und weswegen ſie ihn tadelte. 

„Ich konnte nicht anders,“ ſagte er, „die Pferde 
ſind zu wundervoll.“ 

„Welche Pferde?” fragte die Prinzeſſin. | 

„Seht! Unſer Herr hat die ſchönſten Pferde, die 
es in der Welt gibt, gefauft. Ich habe alle Pferde 
unferes Kaiſers gejehen, aber feines fommt ihnen 
nur annähernd an Schönheit glei. Die elite Seite 
eines Buches konnte ich nicht aufichlagen, aber was 
Pferde anbetrifft, jo könnt Ihr Euch auf mein Urteil 
verlafjen.” 

So ſprach der Tuffuttuffi, aber die Prinzefjin 
bat ihn, ihr fchnell den Brief zu übergeben. Er legte 
ihr jedoch zuerjt die Stridleiter und die Diamanten= 
feile hin. Sie warf fie, ohne fie auch nur anzufehen, 
in ihren Koffer, jo jehr brannte fie vor Verlangen, 
den Brief zu befommen. Endlich gab er ihn ihr. 

Mie groß war feine Freude, als fie den Inhalt 
mit meit aufgerifjenen Augen fürmlich verfchlang ! 
Die Pferde waren zur Flucht bereit! Die Feile und 
die Stridleiter lagen bereit3 im Koffer zum Gebrauche 
da. Was fehlte nur noh? Geld! Und nur für die 
erſten Ausgaben! Sie hatte ja jo unermeßlich viel 
zu ihrer Verfügung; ihr ganzer Khajana*) war mit 
in ihre jeßige Wohnung gebracht worden. 

Sie führte den Tuffuttuffi zu demjelben und bat 
ihn, alles oder wenigſtens jo viel wie möglich davon 
zu Ramaſchandra zu tragen. 

Er willigte unter zwei Bedingungen ein, Erſtens 
jollte fie ihm erflären, für wen die Pferde wären, 
und zweitens, weshalb jie ihren Schaß weggebe und 
an Ramaſchandra ſchicke. 

Sie ſagte ihm, ſie wolle Sonntag abend — das 
war der zur Flucht beſtimmte Tag — in Begleitung 
Ramaſchandras zu dem benachbarten Tempel der 
Kali reifen, um fih die Göttin günftig gefinnt zu 
machen; das Geld wäre für die Koften. Und von 
neuem ermahnte fie ihn, ſich durch nichts auf der 
Melt bewegen zu lajjen, den Mund aufzuthun. Er 
verſprach e3 unter der Bedingung, daß jie ihm erlaube, 
lie zum Tempel zu begleiten. 

Da jie das aber nicht wollte, fing er an, laut zu 
weinen und zu jammern. Sie juhte ihn zu tröften 
und verſprach ihm, wenn jie wiederfäne, würde fie 
ihm jeltene, jüße Prajadas**) mitbringen. Er nannte 





2) Schab. 

**) Praſadas find Ueberrefte von Gaben‘, die für einen Gott 
oder eine Göttin beftimmt find. Sie beftehen gewöhnlich aus 
einer Art Kuchen, der aus Reis und anderen Zuthaten bereitet wird. 
9 


«18 


nun wohl hundert verjchiedene Arten Prafadas und 
beitand darauf, fie müſſe ihm möglichft viele mit» 
bringen. 

Sie verſprach ihm, innerlich lachend, nod) weitere 
hundert, die er noch gar nicht mit aufgezählt. Dann 
ließ fie ihn allein, damit er das Geld forttragen 
könne. Er leerte den ganzen Schab der Prinzeſſin 
und wechlelte, je nachdem er e8 für gut befand, das 
Geld gegen Hundis*) ein. 

%* 

So war bald alles in Ordnung: die Pferde für 
die Reife und Geld, das außreichte, einige Monate 
in einer fremden Gegend zu leben; aus diejen Vor- 
bereitungen gewann die Prinzefjiin Schandramufhi 
die Ueberzeugung, ihr heißgeliebter Ramafchandra 
müſſe doch fein gewöhnlicher Menſch fein, da er dem 
Kaiſer jo jchnell zeigen follte, daß er feine Tochter 
nicht zu bewachen im ftande fei. 

Aber ah! Wie ging e8 dem armen Ramafchandra' 
Was wußte er von allen jenen Dingen, die in Dha- 
rapura heimlich in feinem Namen eingefädelt wurden. 
Geit fein Bater, der Minifter, ihn mit dem Geheimnis 
des Valaftes befannt gemadt, hatte er, bejtändig 
für jein Leben zitternd, fi in feinen Zimmern ein- 
geichloffen. Und wie wurde erft der gute Ekaſcha— 
fradhipati betrogen! Er Hatte nicht die geringfte 
Ahnung von den Intriguen, die in demjelben Palaſte 
angeſponnen wurden, den er für feine geliebte Tochter 
hatte erbauen laſſen. 

* 

Die Tage vergingen; jeder Augenblick war für 
die Prinzeſſin ein Jahr. Endlich kam auch der 
Sonntag, und die Prinzeſſin, die ihre Schmuckſachen, 
ihre Juwelen und ihre koſtbarſten Kleider mitnehmen 
wollte und nicht gerne ſah, daß der Tukkuttukki im 
Palaſt anweſend wäre, wenn ſie ſich für den Abſtieg 
mit der Strickleiter fertig machte, bat ihn, einen Brief 
zu Ramaſchandra zu tragen. In dieſem Briefe bat 
ſie ihren Verlobten, Kriſchna Singh zu beſchäftigen, 
damit er ſie bei ihren Vorkehrungen zur Flucht nicht 
überwachen könne. 

Mit großer Freude übernahm der Tukkuttukki 
dieſen neuen Auftrag, obgleich er ſich ſtellte, als ob 
er ſehr gerne da geblieben wäre, um zuzuſehen, wie 
die Prinzeſſin ſich zu ihrer Pilgerfahrt vorbereitete. 

Er ließ ſie nochmals ſchwören, ſeine Praſadas 
nicht zu vergeſſen, und ging dann fort, indem er 
ſeinem Glücksſtern dankte. 

Das erſte, was er hernach that, war, daß er den 
Brief in Stücke zerriß. Dann brachte er den ganzen 
Tag damit zu, die Pferde für die lange Reife in 
ſtand zu jeßen und die Hundis (Checks) in den Sätteln 
in Sicherheit zu bringen. 

Sobald e3 Abend wurde, verabjdiedete er die 
beiden Stallburſchen mit einem Geſchenke, Hleidete 
ſich jelbft al3 Diener und brachte die Pferde an die 
föniglihe Orientftraße, dem großen Fenſter des 
Palaftes gegenüber, wo er fie an einen Baum band. 


*) Checks, die auf den Vertreter eines Kaufmanns in einer 
andern Stadt lauten. 


Pandit © M. Nateja Saftri. 


In der Zwiſchenzeit hatte die ungeduldige Prin: 
zeffin jede Minute gezählt. Als die Dunkelheit 
hereinbrach, bemerkte fie die Pferde und einen Parie⸗ 
diener, und obgleich fie ziemlich weit entfernt waren, 
ſtand e8 jofort bei ihr feit, das müßten die ſchönſten 
und ſchnellſten Pferde fein, die fie je geliehen. Der 
Zuffuttuffi, der feiner Abreije mit der Prinzeſſin 
ſicher war, wollte noch bis zur zehnten Ghatifa aut 
ruhen, allein er fchlief bald ein, da er die ganze Woche 
der aufregenden Vorbereitungen wegen ſchlecht ge 
ſchlafen hatte. . 


Der Kaiſer von Dharapura hatte fidh durch eine 
Itrenge Maßregel den Haß eine Räuberhauptmann: 
zugezogen. Dieſer hatte ſich entichloffen, fih am 
Kaifer zu rächen, und dur einen Zufall fiel der 
zur Ausführung feines Planes beftimmte Tag mit 
dem der Entführung Schandramufhi3 zujammen. 
Die Stadt follte der Plünderung preisgegeben werden. 
Vierundjechzig Anführer waren ausgeſchickt und jeder 
derjelben jollte mit einer Abteilung Banditen eins 
der vierundjechzig Viertel plündern. Sie hatten Be: 
fehl erhalten, in den Häufern alles bis aufs Salzfaß 
zu rauben. 

Einer diejer Anjührer hatte die fönigliche Orient: 
ftraße eingefchlagen. Er bemerkte die beiden präch— 
tigen Pferde und jah, daB ihr Wächter unter dem 
Baume ſchlief. Er dachte bei fich, dieſe Pferde ge⸗ 
hörten wohl zwei vornehmen Herren, die jedenfall 
ſehr reich jein mußten. Er befahl einem feiner Leute, 
in der Nähe zu bleiben und aufzupaſſen, was ge 
Ichehen werde; er follte die Herren berauben und die 
Pferde mit der erlangten Beute fortführen. 

So jebte fi) denn der Räuber neben die Pferde 
und wartete, biß die Herren fommen würden. Der 
Tukkuttukki aber lag daneben, friedlich jchnardend. 

Inzwiſchen rüdte die vereinbarte Stunde näher 
heran. Die Prinzeffin Hatte alles für die Reiſe vor: 
bereitet und ihre Edelfteine und Kleider in einen 
Heinen Koffer gepadt. 

Um die zehnte Ghatifa der Nucht erhob fie ſich 
und bemerkte mit großer Freude, daß im Palaſt ale: 
in tiefem Schlafe lag. 

Sie glaubte, die Götter feien ihrer {Flucht mit 
Ramaſchandra günftig, und den angeblichen Wei—⸗ 
ſungen diejes jungen Mannes gemäß, feilte fie in zwei 
Sekunden die Gitterftäbe des Fenſters durch, band 
die- Stridleiter feft und warf fie hinab. 

Zum Glüd fing ſich die Leiter an einem flarken 
Baumaft. Die Prinzeffin zog diejelbe an, und als 
fie merkte, daß fie feſt fei, war fie fejt überzeugt, ihr 
Ramaſchandra habe fie mit ftarfer Hand gefaßt. 
Sie fing an hinunter zu fteigen. Die glänzenden 
Juwelen ihrer Obrringe glänzten in der ftillen Nacht; 
dies und die Höhe, aus der fie herabftieg, war über: 
genug, um die Seele des Banditen mit Entjeßen zu 
erfüllen. Seinen menſchlichen Wejen fonnte er & 
zutrauen, zu nädhtliher Stunde ein fo tollfühne 
Unternehmen auszuführen, und nun jollte er gat 
glauben, ein Weib ließe fich in einem folchen Augen: 


Kriſchna Singh. 


blide au3 den Lüften nieder! Das ging über feinen 
Perftand. Wie die Prinzefjin der Erde näher fam, 
mehrte fich feine Angft, und in dem Augenblide, wo 
fie dicht über ihm ſchwebte, war er feiner Sinne nicht 
mehr mächtig. Er ſah in ihr einen Dämon, der 
gelommen, ihn zu holen. Schnell band er das Pferd 
los, neben dem er faß, ftieg auf dasjelbe und riß 
in der Richtung nad) Süden aus. 

Als die Prinzejjin feiten Boden erreicht Hatte, 
ſah fie, wie das eine der Pferde fich entfernte; jie 
dachte, e8 wäre Ramaſchandra, der ſchon voraus ritte. 

„Ramaſchandra,“ fagte fie zu fich jelbft, „hat 
vielleicht geglaubt, ich würde zu ihm ſprechen, wenn 
ih ihn fähe. Ohne Zweifel ift da8 der Grund, wes⸗ 
halb er vorweg reitet.” - 

Dies dachte fie, als fie den Bauın erreicht hatte, 
und fie glaubte, Ramaſchandra habe die Leiter ab» 
fihtlih in dem Baum gelajjen, damit er fortreiten 
fönne; fie jebte den Fuß auf die Erde, band eilends 
da3 andere Pferd 108 und folgte dem faljhen Rama 
\handra. 

% 

Während dies geihah, war Sellam, die erjte 
Dienerin, wach geworden, und als fie die Fenſterſtäbe 
durchfeilt Jah, erſchrak fie gewaltig; da fie aber große 
Geiftesgegenwart befaß, jo ſchlug fie nicht gleich 
Lärm, Sondern fuchte die Prinzejfin überall. Nirgends 
fonnte jie fie finden. Die durchfeilten Stäbe und 
die herabgelaſſene Stridleiter verrieten nur zu gut, 
wa3 fih zugetragen. Sellam, die wohl wußte, daß 
jie al3 oberfte Dienerin in erſter Linie für die Flucht 
verantwortlich gemacht würde, beichloß, der Gefahr 
zu entrinnen und, wenn möglich, die Prinzeſſin ein= 
zuholen. Die Feile in der Hand, ftieg fie die Leiter 
hinab, febte das Fenſter, jo gut fie fonnte, wieder 
in ftand, um wenigjtena für die Nacht nod) jeden 
Verdacht zu vermeiden, und als fie den Baum erreicht 
hatte, riß fie die Stridleiter herunter, die die Prin« 
zellin in der Eile zurüdgelaffen hatte. Dann folgte 
fie den Spuren der Pferde. 

Nahdem Selam fih an die Verfolgung der 
Pferde gemacht, erwachte der Tukkuttukki; aber bei 
jeiner gewöhnlichen Gewandtheit war er, anftatt den 
Mut zu verlieren, ganz entzüdt, ala ihm dieje Wen 
dung der Dinge klar wurde. | 

„Der Himmel fei gelobt!“ riefer aus. „Parames« 
vara hat mir diejen feiten Schlaf gejpendet! Die 
Pferde find fort, und ich glaubte im Traume den 
Schritt von Frauenfüßen zu hören. Sicherlich kann 
die Prinzeffin noch nicht weit fein. Wäre ich er- 
wacht, hätte ich mich in einer jchredlichen Lage be= 
funden. Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, 
ala offen alle meine Fiiten zu befennen. In ihrem 
Zorn hätte fie mich vielleicht getötet. Vielleicht auch 
wäre fie vermittelft der Leiter in den Palaſt zurüd- 
geehrt und Hätte verfucht, alles geheim zu halten. 
Aber durch) die Güte Paramesvaras befand id) mid) 
in einem tiefen Schlafe und entging jo großem Ver= 
druß. Ich will der Prinzeffin nacheilen und ihr 
jagen, ich fei ihr nad) ihrem Wallfahrtsorte gefolgt, 


119 


um ſie an ihr fürzlich gegebenes Verſprechen, mir 
Praſadas mitzubringen, zu erinnern... Bon neuem 
will id den Narren Spielen.” 

Als der Tuffuttuffi hiezu entſchloſſen war, trabte 
er in großer Eile davon, um die Verde wieder ein- 
zubolen. Die Entfernung zwilchen dem Pferde des 
Räuber und demjenigen der Prinzejfin betrug eine 
Ghatika, zwijchen der Prinzefiin und Sellam eben» 
fal3 eine Ghatika und zwiſchen Sellam und dem 
Zuffuttuffi desgleichen. So eilten diefe vier Per⸗ 
onen dur die Nacht. 

Der Morgen begann zu dämmern, und die Vögel 
Tündigten mit ihrem Geſange den nahenden Tag an. 
Unfere Schnellreifenden befanden fi inmitten eines 
dichten Dſchungels. Das ängftliche Verlangen der 
Prinzeſſin, ihren geliebten Ramaſchandra zu fehen, 
war jo groß, daß fie in dem grauen Fichte des däm⸗ 
mernden Morgens ſcharf den vor ihr trabenden Reiter 
verfolgte. Zu ihrer größten Ueberraſchung und Be— 
ſtürzung erfannte fie in ihm nicht ihren Geliebten, 
jondern einen Kalla*) von ſchrecklichem Ausfehen. 
Sie |pornte ihr Pferd, näherte ſich dem Reiter und 
jah, daß es zweifellos ein Kalla war. Sie zog ihren 
Säbel aus der Scheide, ftredte den Räuber mit einem 
Schlage zu Boden und bemädhtigte fich des Pferdes. 

„Ach,“ ſeufzte fie, „bin ich denn zur Welt ge⸗ 
fommen, um fo viel Elend zu erdulden? Wie konnte 
es denn aber auch gejchehen, daß an Stelle Rama⸗ 
Ihandras ein Kalla die ganze Nacht vor mir her- 
jagte. Vielleicht hat diefer Räuber Ramaſchandra 
getötet und ihm jein Pferd genommen. Ich bin nun 
hilflos mitten in einem weiten Walde. Ich weiß 
nit, was mir hier zujtoßen wird. Ich will mid) 
bier hinlegen und ruhen.“ 

Bom Summer überwältigt, ſetzte fie ſich weinend 
bin. Es währte nicht lange, da bemerkte fie in der 
Terne Sellam herannahen. Wie groß war ihre 
Freude! Beide flogen fih in die Arme und die 
Prinzeſſin teilte Sellam ihr ganzes Abenteuer mit. 
Während fie noch plauderten,, fahen fie den Tukkut— 
tuffi eilig auf ſich zukommen, und die erjte Trage, 
die er an die Prinzeljin richtete, betraf die ver- 
ſprochenen Prafadas. 

Sellanı begann zuerjt, die Prinzefjin zu tröjten. 
Sie bat fie, den Mut nit finfen zu lajjen, und fie 
lagten ſich, das Beite, was fie thun fünnten, wäre, 
bi3 zu irgend einer fremden Stadt zu reifen und dort 
einjtweilen unbefannt zu leben. Sie ftiegen alſo zu 
Pferd und baten den Tuffuttulfi, vor ihnen her zu 
laufen. 

* 

Wie ſtanden nun aber die Dinge in Dharapura? 
Bei Anbruch des Tages erſchraken die Dienerinnen 
gewaltig darüber, daß die Prinzeſſin, Sellam und 
der Tukkuttukki verſchwunden waren, und fie benach« 
rihtigten den alten Slaijer davon. Dieſer geriet in 
furdtbaren Zorn, befahl aber den Dienerinnen, die 
Sache volljtändig geheim zu halten und in dem 


*) Kalla, ein Räuberftamm im füdlichen Indien. 


720 


Palaſte weiter zu leben, als ob fie ſich noch unter 
ihnen befände. Er fagte, er würde heimlid) nach der 
verlorenen Prinzeſſin Nachforſchungen anſtellen laſſen, 
und er ſchickte Späher nach mehreren Richtungen aus. 
Er ließ auch nach Ramaſchandra fragen und hörte, 
diejer fie gefund und munter zu Hauje. Die That- 
ſache, daß der Tukkuttukki und Sellam mit der Prin« 
zellin zu gleicher Zeit verichwunden waren, beruhigte 
den Saifer injofern, ala er jich jagen fonnte, es 
würde ihr fein Leid gejchehen. Die Dienerinnen 
fehrten alfo in den Palaſt zurüd und verridhteten 
ihre Arbeiten, al3 ob die Prinzeſſin ſich noch in ihrer 
Mitte bejünde; jelbjt das Eſſen wurde regelmäßig 
für fie geſchickt, als ob fie noch da Sei. 
* 


Indeſſen war der Tuffuttuffi doch nicht Fonderlich 
darüber erbaut, daß, während Sellam an der Seite 
der Prinzejjin dahin ritt, er jelbjt wie ein Hund vor 
ihnen ber laufen mußte. Nicht3deftoweniger verlor 
er den Mut nicht, und alle drei ſetzten bis zur Mitte 
des Tages ihre Reife in der angegebenen Weije fort. 
Dann fühlten die Prinzefjin und Sellam ſich fehr 
erſchöpft. Auch hatten fie heftigen Durjt, und fie 
baten den Tuffuttuffi, ihnen ein wenig Waller zum 
Trinken zu holen. Er fagte, fie follten fich in den 
erfriihenden Schatten eines großen Baumes feßen, 
und er entfernte fi, um Waſſer zu juchen. Ueberall 
ſpähte er darnad. Endlich jah er in der Richtung 
nad Often hin einen roten Lichtſchein. Er ging dem 
Scheine nad und fam bald an einen großen See. 
O Schreden! Das Waſſer des Sees fchien Blut zu 
jein: e8 mar tiefrot. Trotzdem ſchöpfte er es mit 
der hohlen Hand, und fiehe da, ala er e3 zum. Munde 
führte, wurde es Har wie Kriftal. Er ſchloß hier» 
aus, in der Nähe des Sees mülle etwas fein, das 
die rote Farbe verurſache; er begann das Ufer dar= 
aufhin zu unterjuchen. 

Am äußeriten Norden da fand er einen Rubin, 
jo groß wie der Daumen eines Menſchen und ſtrah— 
lend wie Feuer; er hob ihn auf, und nachdem er ihn 
gut eingemwidelt, befejtigte er ihn forgfältig unter 
feinen Kleidern am Gürtel. Dann füllte er ein 
halbes Dubend Sembublätter mit Wafjer und fehrte 
zu den rauen zurüd. Sie tranfen, ruhten noch ein 
wenig und ſetzten um die zwanzigjte Shatifa ihre 
Reife fort. 

Die Gegend, die fie durchreiften, war dem Tuf« 
futtulfi fremd, und am folgenden Morgen befand 
fih die Feine Truppe immer noch mitten in dem 
dichten Dihungel, wo nichts Aufichluß darüber geben 
fonnte, wohin ſie wohl fümen. Über abends gegen 
die fünfundzwanzigfte Ghatifa gelangten fie aus dem 
Dſchungel ins Freie auf eine Landitrage. Nachdem 
er fi orientirt hatte, bemerkte der Tuffuttuffi zu 
feiner größten Freude, daB fie nad Puſchpapura 
führte. 

Diefe Ausficht verdoppelte die Kräfte der Reiſen— 
den. Sie beichloffen, Puſchpapura wenn möglich vor 
Einbruch der Nacht zu erreichen, und in der That 
gelang es ihnen auch, in den Umkreis der Stadt zu 


Pandit © M. Nateja Saftri. 


kommen, bevor es dunfel wurde. Tuffuttuffi bat die 
Prinzeflin und Sellam, mit den Pferden in einer 
Spatram (Herberge) zu bleiben. Er begab fid in 
die Stadt, mietete ein geräumiges und bequemes 
Haus, das drei Stodwerfe hoch war, und ging wieder 
zurüd, um jeine beiden Gefährtinnen zu holen. 

Die beiden Frauen, die fih dem Tuffuttuffi jehr 
verpflichtet fühlten für die Hilfe, die er ihnen in 
ihrer traurigen Lage geleiftet, baten ihn, noch einig: 
Nahrungsmittel für die Naht zu beſchaffen. Er 
begab fih in den Haupttempel der Stadt und bradte 
genug zu eſſen. Nachdem fie nur jehr weniz zu ſich 
genommen hatten, zogen fi die Prinzeijin und 
Sellam zum Schlafen zurüd. Der Tukkuttuki gönnte 
ih noch feine Ruhe, er führte die Pferde in das 
Erdgeſchoß, in welchem er ein Zimmer für ſich behielt. 
Dort brachte er die Hundis und das Geld, das er 
in Dharapura jo forgfältig in den Sätteln der Pierde 
verborgen hatte, in Sicherheit , und obgleich es ſehr 
\pät war, begab er ſich noch in einen Bazar, wo er 
alles faufte, mag nötig war, um in Pujchpapura ein 
bequemes Leben führen zu können. Er faufte ab: 
fchtlih feinen Reis, damit man glauben follte, er 
babe ihn vergefjen. Erjt gegen Mitternacht begab 
auch er fi) zur Ruhe. 

Alle erhoben fi am nädjjten Morgen ſchon früh: 
zeitig, denn „leichte Koft, leichter Schlaf.“ Die 
trauen fanden Efjen und Geſchirr bereit jtehend, 
und der Tuffuttuffi jagte, er habe alles während der 
Nacht bejorgt; als er fie jo angegriffen von der Reile 
gejehen, habe er gedacht, fie würden am nädjiten 
Morgen frod fein, alles fertig zu finden. 

Sie waren ganz überrajcht und meinten, bei dem 
Tuffuttuffi beginne e3 zu dämmern. ber Ichnel 
wandelte fi ihr Staunen in Heiterfeit, als fie Reis 
verlangten und erfuhren, er habe diejen vergejlen. 

Nun ſpotteten fie über feine Dummheit, da er 
das MWichtigfte von allem vergeflen hatte. 

Dann erjuchte die Prinzeffin den Tukkuttukli, die 
gröberen Arbeiten zu bejorgen, die die Wirtichaft mit 
ih brädte, Waller aus dem Brunnen zu jchöpfen, 
Kleider zu wajchen, die nötigen Einfäufe zu bejorgen 
und alle untergeordneten häuslichen Verrichtungen 
zu übernehmen; Sellam jollte die Küchenarbeiten 
beforgen. 

v1. 

So lebten fie in Puſchpapura, ohne Aufmerkſam⸗ 
feit zu erregen, wie ftille einfache Leute. Die frauen 
verließen nie ihren dritten Stod und fehrten in ihrer 
Lebensweiſe zu ihrer früheren „Gosha“*) zurüd und 
ſuchten mit Hilfe des Tukkuttukki ſich das Leben jo 
bequem wie möglich einzurichten. 

Der Tuffuttuffi gewöhnte ſich, feine ſämtlichen 
Arbeiten in wenigen Stunden zu bejorgen. Nachdem 
er dann mit den Damen gefpeift hatte, verließ er 
da3 Haus und fand fein Vergnügen darin, bald bier, 
bald da herum zu fehlendern. Er kaufte ſich noch 


ein Baar jehr ſchöne Pferde und einen ſchönen Wagen, 


*) Eingeichloffene® Leben im Hauſe. 


Kriſchna Singh. 


mietete vier Stallfnechte und richtete du8 ganze Erd» 
geihoß zu Pferdeitällen ber. Auch beitellte er ſich 
Ichöne Kleider nach der neuelten Mode des Tages. 
Alles dies beforgte er nachmittags; morgend mußte 
er Waſſer holen und andere grobe Arbeiten verrichten. 
Die Frauen wußten nichts von feinem Thun, denn 
der Tukkuttukki hatte die Gewohnheit, in feinem 
ſchmutzigen Arbeitszeug von ihmen zu gehen und 
gerade jo wieder zu ihnen zu fommen. Seine 
Mußeftunden aber brachte er damit zu, in vierjpän- 
nigem Wagen, gelleidet wie ein Prinz und noch 
Ihöner durch die Stadt zu fahren. 

So vergingen mehrere Tage, biß der Tuffuttuffi 
ſich entichloß, den König von Pujchpapura zu bejuchen. 
Will man aber einen Fürſten beſuchen, jo darf man 
natürlich nicht mit leeren Händen zu ihm kommen. 
Er nahm aljo den Rubin von dem roten See mit 
und ſchlug die Richtung nach dem Palaſt ein. Seine 
reihe Kleidung, jeine körperliche Schönheit, der vier⸗ 
Ipännige Magen, furz, alles trug dazu bei, ihm das 
Ausfehen eines Prinzen zu geben. So fand denn 
der König von Pufchpapura nichts Auffälliges in 
feinem Beſuche, und er behandelte ihn wie ſeines⸗ 
gleihen, ging ihm einige Schritte entgegen und 
empfing ihn mit königlichem Gruße. Der Tuffuttuffi 
erfundigte ji) nach feinem Befinden und überreichte 
ihm das Geſchenk, was des Königs Annahme über 
die gejellichaftlihe Stellung ſeines Beſuchers zur 
Gewißheit werden ließ. Er war wahrhaft entzüdt 
über ein fo koſtbares Gefchent. Er erzählte dem 
Tuffuttuffi, er befäße einen ähnlichen foftbaren Stein, 
zu dem er ſchon Tange einen dazu pajjenden gejucht 
habe, um fo mehr freue e& ihn deshalb, daß ihn 
num einer angeboten würde. Der Zuffuttuffi hätte 
num den König faft beleidigt, indem er jagte, nur 
jein Stein jei ein Stein vom jchönften Wailer, fein 
Edelftein der Welt fünne ihm an Schönheit oder 
Wert gleich fommen. Der König geriet über diefe 
Prahlerei in Zom umd fing nun an, ſeinerſeits jeinen 
Stein zu rühmen. 

Sie beichloffen daher, e& tolle in einer Wette 
entſchieden werden, welches der jchönfte Stein ſei. 
Der König erflärte, fein Reich verlieren zu wollen, 
wenn fein Edelſtein ala der mindertwertige erflärt 
würde; der Tukkuttukli Dagegen verpflichtete jich, wenn 
er verlöre, dem Könige achtundzwanzig Jahre dienit- 
bar zu fein. 

Die beiden Steine wurden nun allen denkbaren 
Prüfungen unterzogen. Die erfahreniten Sachver⸗ 
ftändigen und Staufleute wurden gerufen, und alle 
gaben ihr Urteil dahin ab, der Stein des Tuffuttuffi 
fände unendlich höher als der des Königs. Seinem 
Worte treu, forderte der König nun den Zuffuttufft 
auf, von feinem Reiche Belit zu ergreifen. 

Aber unfer Held war nicht der Mann, der ji) 
vom Glück verblenden läßt; er bejaß eine tüchtige 
Dofis Klugheit. Er glaubte, nicht verjtändig zu 
handeln, wenn er öffentlich die Funktionen des Fürſten 
übernähme , und er jagte ihm, es genüge ihn, fein 
Pinifter zu fein, das heißt, er wollte, da der König 


Scepter zu führen. 


721 


ſchon alt war, die Regierungsgefchäfte in deifen Namen 
bejorgen. Der Tukkuttukki jollte alles erledigen, aber 
der König die Papiere unterzeichnen und jcheinbar 
den Staat leiten. 

So wollte man es halten, jo lange der alte König 
lebte, und nach deſſen Tode würde er deilen Erbichaft 
übernehmen. Wie konnte e3 ſich der alte König 
noch bejjer wünſchen! Er dankte dem jungen Mann 
und nannte ihn von jetzt ab den jungen König. Er 
befragte ihn nach feiner Familie, und Krijchna Singh 
antwortete, er jei von föniglicher Herkunft, möchte 
aber nicht weiter darüber jprechen, was der König 
entſchuldigen wolle; im rechten Augenblid wolle er 
alles erklären. 

Der alte König war entzüdt von Kriſchna Singh 
und wünjchte ihm Sofort alle Stant3angelegenheiten 
zu übertragen. Kriſchna Singh fam feinen Wünſchen 
nad) und übernahm auf der Stelle die Leitung des 
Reiches Pufchpapura. 

So war plötzlich der Tukkuttukki Durch eine Laune 
des Glückes zu der höchften Würde gelangt, und er 
war nunmehr „der junge König Kriſchna Singh”. 

Des Abends, jobald feine Thätigfeit am Hofe 
zu Ende war, verließ er den Palaft, um in das Haus 
der Brinzeffin zurüd zu kehren. Ihm folgten Krieger, 
Pferde, Elefanten, kurz das ganze herkömmliche 
föniglide Gefolge. Er aber verbot bei Todesitrafe 
allen, ihın bis vor jein Haus zu folgen. 

„Alles dies,” fagte er, „it für eingebildete Könige 
mit hohlen Köpfen erdacht worden, nicht für Menjchen 
wie ich.“ 

Er wünſchte vor allem, ohne Prunk nad) Haufe 
zurüd zu fehren. So erreichte er feine Wohnung 
vor der fünften Ghatifa und fam feinen untergeord⸗ 
neten häuslichen Pflichten nad). 

Morgens um die zehnte Ghatika nahm er jeine 
Arbeit al8 Diener der Prinzeſſin und Sellams wieder 
auf, aber nad dem Mittagsmahl ſtieg er hinunter, 
30g ji ala König an und fuhr an den Hof, wo er 
big zur zwölften Ghatika abends das Reid) regierte. 
Ein joldyes Leben führte er lange Monate. 

Kriihna Singh Hatte den Rajiniti*) jo gut 
jtudirt, dad er wie ein Brihaspati**) regierte und ſich 
gegen jeden gerecht zeigte. Das Voll war entzüdt 
über die Unparteilichkeit und Billigfeit feines jungen 
Herrſchers, und der alte König, der feinen Sohn 
hatte, dankte den Göttern, daß fie ihm jemand ge= 
jandt, der ebenjo Hug und ebenjo befähigt war, das 
Er behandelte ihn mit vieler 
Güte, ſchätzte feine Verdienſte jehr hoch und wagte 
nicht mehr, ihn zu bitten, feine Herkunft zu verraten. 


vn. 


Niemand mußte, woher er morgens kam und 
wohin er abend3 ging, und obgleich er den Audienzen 
ſehr pünktlich beimohnte und feine Pflichten als Fürſt 
gegen alle, von den Größten biß zu den Stleiniten, 
zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllte, dünkte es dei 





*) Belanntes Buch indiſcher Staatsweisheit. 
**) Minifter Indras, des Gefehgeberd des Himmels. 


122 


Miniftern des Reiches doch jehr unangenehm, nichts 
über ihn zu willen. Sie verabredeten ſich daher, 
verfleidet auf die nah Oſten führende Straße zu 
gehen und jeden Abend dem Wagen des jungen 
Königs zu folgen. 

Nach einiger Zeit gelang es jo einem von ihnen, 
das Haus zu entdeden, in welchem Kriſchna Singh 
wohnte. Died war gerade an einem Tage, als die 
Prinzeifin in ihrem dritten Stod ein Delbad nahm. 


Ihre Haare waren jo lang, daß fie durch die Tyenfter- | 


öffnung bis zum zweiten Stod herab wallten und 
Eellam die Loden eine nad) der andern falben fonnte. 
Der Minifter bemerkte e8, und nad) der landläufigen 
Meinung, die Schönheit entipreche der Länge der 
Haare, ſchloß er, jene Frau müſſe von vollendeter 
Schönheit fein, was fie ja auch wirklich war. 

„Wer anders,” jagte er zu fich felbft, „jollte dieje 
Schönheit fein, als die Gemahlin unſeres jungen ver— 
ehrten Königs? Das bloße Verweilen in ihrer ges 
heiligten Nähe müßte Schon veredelnd auf uns wirken.” 

Unter ſolchen Betrachtungen fehrte er zu feinen 
Gefährten zurüd und bezeichnete ihnen das Haus, 
in dem der junge König wohnte. Dann teilte er 
ihnen mit, was er gejehen, und verjicherte fie, daß 
ihre Augen für fie ohne Nuben feien, jo lange fie 
nicht die Frau ihres jungen Königs gelchaut. 

Nun ſuchten die Minifter alle den alten König 
auf und erregten feine Neugierde dermaßen, duß er 
jih darüber ärgerte, daß er den jungen Mann nicht 
dringender über feine Yamilie befragt hatte. 

Er beichloß daher, jo geſchickt wie möglich vorzu« 
gehen, um mehr über ihn zu erfahren, ohne ihn zu 
verlegen, denn die erjtenmale, wo er ihn nad 
feinem Vaterland und feiner Abftammung fragte, 
hatte er ihn jehr hartnädig gefunden. Die Minifter 
ſchlugen ihm vor, in einem vorgeblichen Erlaß befannt 
zu machen, es ſei Sitte, in dem großen Kalitempel 
ein Feſt, das „Schaukelfeſt“, zu feiern. Diejen Erlaß 
wollten fie im Staatsardjiv hinterlegen und dem 
jungen König einreden, das Feſt jei aus verjchiedenen 
Gründen in den lebten Jahren unterblieben, aber 
jebt, da ein neuer Abjchnitt begänne, müſſe dasſelbe 
in alter Weife gefeiert werden. 

Das Dofument follte befagen, während der Zeit 
des Feſtes jei es für jeden, hoch wie niedrig, Fürſt 
wie Bettler, Vorschrift, fih mit jeiner rau in eine 
Schaufel, die in einem Haine dem Kalitempel gegen- 
über errichtet würde, zu ſetzen und fi) darin ſchaukeln 
zu lajjen. 

Das Schriftjtüd wurde aljo mit dem Siegel des 
alten Königs ausgefertigt und zu den Urkunden 
gelegt. Der junge König ahnte nichts von dem 
Komplott, aber da er alle Staat3papiere forgfältig 
ftudirt Hatte, jo wußte er wohl, daß es in Puſch— 
papura nicht Sitte war, ein Felt diejer Art zu feiern. 
ALS nun die Minifter ihm plößlich von einem Schaufel= 
fefte jprachen und ihn baten, die nötigen Anordnungen 
zu deſſen Vorbereitung zu treffen, ſagte er fi), das 
jei ein Streih, den man ihm jpielen wolle. 

Er fragte fih: „Könnte eg möglich jein, daß die 


Pandit S. M. 


Nateſa Saftri. 


| Minifter troß meiner Vorſicht meine Wohnung ge: 

funden und dort die Prinzefjin gejehen hätten? 
Sollten fie fie für meine Frau gehalten und dies 

Feſt einzig, um fie zu jehen, erfunden haben? Nun, 
gleih gut! Ich will ihnen den Gefallen thun und 
eben dadurd) zeigen, daß ich ein Recht auf Schandra- 
mukhi beſitze.“ 

| Er gab nun auf der Stelle die erforderlichen 

' Anweifungen zur Vorbereitung des Feſtes. In der 

Zuwiſchenzeit feßte der König fein gewohntes Leben bis 

zu dem Feittage fort. 

| 


Es war jegt falt ein Jahr, daß die Prinzejüin 
Dharapura verlaſſen, und während der ganzen Zeit 
hatte fie wie eine Privatperfon gelebt und niemand 
außer Sellam und dem Tuffuttuffi gejehen. 

„Ach!“ dachte fie, „mie herzlos ich bin! Einzi- 
ges Kind meiner Eltern, habe ich fie verlaſſen und 
und bin hierher geflüchtet. Bei ihnen lebte ich von 
töniglihen Ehren umgeben, bier bin ich nur eine ge 
wöhnliche rau. Sch hätte Herrjcherin eines großen 
Reiches werden fönnen, wenn ich bei meinem Vater 
geblieben wäre; was ich jeßt bin, ſchäme ich mid) zu 
jagen. Schon faft ein Jahr habe ich mich verbannt; 
in diejer Zeit hätten mir, wäre ich in Dharapura 
geblieben, Hunderte von Fürften den Hof gemadit; 
jet habe ich nicht einen einzigen armfeligen Prinzen, 
der ſich um meine Hand bewirbt. Sellam rät mir, 
den Tuffuttuffi zu heiraten. Ach, der Arme! Bie 
fönnte ich ihn heiraten, der nicht weiß, daß zwei 
und zwei vier find. Ich möchte, mein Vater jtellte. 
Nachforſchungen nad) mir an.“ 

Es war nahe an Mittag, als fie in dieſe Träu: 
merei verſank, und die brennende Sonne erregte ibt 
eine Art Kopfſchmerz, der fie einſchläferte. Plötzlich 
erwachte fie durch da8 lärmende Rufen Sellams, daB 
der Sailer, ihr Vater, endlich ihre Spur gefunden. 

„Gerade in diejer letzten Ghatifa habe ich daran 
gedacht,“ ſagte die Prinzeffin verwundert. „Sit der 
Traum Wahrheit geworden? Ich habe es herbei 
gejehnt, doch fürchtete ich den Zorn meines Vaters 
ſehr!“ 

Und die Prinzeſſin bat Sellam händeringend, 
ihr zu ſagen, was ſie wüßte. 

„Bedarf es einer Erklärung,“ rief Sellam, „hört 
Ihr nicht die Trommeln wirbeln und die Inftrumente, 
die das Nahen eines Königs ankündigen? Faft ein 
Sahr haben wir bier gewohnt, und wir haben nie 
etwas Derartige gehört. Das iſt e8, was mid 
glauben läßt, Euer Bater fomme zu und.“ 

Kaum hörte Sellam auf zu jpredden, als der 
feierliche Zug vor ihrer eigenen Thür anhielt. Ihr 
Schred war ungeheuer, und die Prinzejjin wechſelte 
die Farbe. Sie hieß Sellam hinunter gehen, um zu 
leben, wer vor ihrer Thüre bielte, 

Sellam ging hinunter, und groß war ihre Ueber: 
raſchung, als fie den Tuffuttulfi erfannte. 

„Zäujhen mich meine Augen?“ rief fie. „Vor 
zwei Stunden war er noch bier und reinigte das 
Geſchirr und die Hausgeräte, und jetzt fommt er 


Kriſchna Singh. 723 


prächtig wie ein König geleidet. Sehen meine Augen 
noch genau oder find meine Sinne geſchwächt?“ 

Aber fie konnte nicht Teugnen, daß e8 der Tuk⸗ 
futtulfi war. Sie eilte, der Prinzeſſin zu berichten, 
daß der König, der vor der Thür hielt, der Tukkut⸗ 
tuffi fei. Die Pracht, die ihn umgab, und Die 
Chrenbezeugungen,, die man ihm erwies, mwedten im 
Herzen der Prinzeifin eine geheime Furt, und ihre 
Gosha für den Augenblid aufgebend, ftieg fie jchnell 
hinab, Kriſchna Singh zu fehen, der eben herauf fam. 

Beide grüßten fi, und fie, die ihm bis dahin 
Befehle erteilt hatte, fand in feiner Haltung eine un« 
beſchreibliche Majeftät ausgedrüdt, die fie willig den 
Befehlen des jungen Herrſchers gehorchen ließ. Er 
bededte fie über und über mit Ebdelfteinen. Sie nahnı 
erfreut die Huldigung bin, mit der er fie beehrte, 
und bat ihn, ihr mitzuteilen, durch welchen Glüds- 
fall er König geworden. 

„Alles,“ entgegnete er mit ernfter Würde, „wird fi) 
enthüllen zu feiner Zeit. Zuerft müffen wir uns in den 
Zempel der Kali zu dem großen Schaufelfefte begeben.” 

Sie war gleich bereit, ihm zu folgen. 

Während fie fih noch unterhielten, hörte man 
eine Stimme: 

„Weshalb haben Sie denn jo lange gewartet, 
mein lieber junger König?“ 

Es war der alte König, der diefe Frage an 
Kriſchna Singh richtete. 

Wie die Gedanken fih jagten im Geifte der 
Prinzeifin! Wie? Derfelbe Tufkuttuffi, der noch 
vor drei oder vier Ghatikas gemwöhnliches Geſchirr 
jpülte, war nun König, wurde von dem alten König 
zärtlich angerufen! Wunder der Wunder! Wie fehn- 
ſüchtig wünſchte fie, ihn darüber auszufragen! Aber 
dazu hatte fie noch feine Zeit. 

Ale jeßten fi in Bewegung, um zum Salitempel 
zu fommen. Da die Veranflaltungen nur darauf 
binzielten, die Prinzeffin den Großen und der Menge 
ju zeigen, war es jo eingerichtet, daß die Miniſter 
und die anderen Schandramufhi, jebt ihre junge 
Fürſtin, betrachten konnten. Dazu hatten diefe gute 
Öelegenheit, denn fie ſaß lange Seite an Seite mit 
Kriſchna Singh und Tieß fi) ſchaukeln. 

Der alte König legte eine ſehr koftbare Perlen» 
fette um den Hals feines Nachfolger. Aber diejer, 
der no vor furzem Kraft und Ausdauer genug 
bejaß, einen ganzen Tag vor feurigen Roſſen her zu 
laufen, fand die Kette zu ſchwer und hängte fie an 
den Aft eines Baumes bei der Schaufel. 


VII. 


Das Feſt währte ehr lange, und die Teilnehmer 
gingen nicht vor der zweiten Ghatifa der Nacht nad 
Haufe. Während der ganzen Länge des Weges 
wurde Kriſchna Singh als der edelfte und weijefte 
aller Könige gefeiert. 

Die Prinzejjin konnte dieſes Wunder nicht faſſen. 
„Wie ift es möglich,” fragte fie ih, „daß er, der 
niht die elfte Seite eines Buches aufjchlagen konnte, 
jest König iſt?“ 


Und dann fagte fie zu fi: 

„Ich will ruhig abwarten! Uebereilung war’ eg, 
die mich meines Vaters beraubte.“ 

ALS fie zu Haufe anfamen, bat die Prinzeſſin 
Kriſchna Singh noch einmal, ihr feine Gefchichte 
mitzuteilen. Er jagte, bevor er ihr feine Exlebnijje 
anvertraue, müſſe er erft feine Angarfha ablegen. 
Aber als er das Kleidungsftüd auszog, bemerkte er 
mit großem Verdruß, daß er die Perlentette, die ihm 
ber alte König zum Geſchenk gemacht, vergeſſen Hatte. 
In feinem Geſichte wechſelten Röte und Bläſſe, fo 
daß jeine Frau ihn fragte, was ihm fehle. 

„Ich babe die Perlenfette vergeſſen,“ rief er aus, 
„die der alte König mir gegeben.” 

Eilends wollte er ſich aufmachen, diejelbe zu juchen. 
Aber die Prinzejfin hielt ihn am Arme fejt und fagte: 

„Liebes Männchen, weißt Du denn nicht mehr, 
daß ich die Tochter eines Kaifer bin? Für Dich) 
fann ih Hunderte ähnlicher Ketten haben! Beun— 
ruhige Dich nicht weiter über dieje Unachtſamkeit. 
Bleibe ruhig bei mir.” 

Kriſchna Singh erwiderte ihr, Jugend und Un- 
erfahrenheit Tießen fie fo ſprechen. 

„Es wäre ein fchweres Unrecht von mir, ein Ge- 
ſchenk, und wäre es auch nur ein Kaudi,“) zu mißadhten. 
Uebrigens werde ich in wenigen Minuten zurüd fein.“ 

„Aber jende doch einen Diener,“ jchlug die Prin- 
zelfin vor. 

„Nein,“ entgegnete er, „thäte ic) dag, jo könnte - 
meine Unachtſamkeit dem König mitgeteilt werden 
und ihn betrüben.“ 

Er ging ſchnellen Schrittes fort und erreichte bald 
die Allee des Kalitempeld. Die Naht war finiter, 
Todesſchweigen ruhte über der Erde. Kriſchna Singh 
ſuchte tappend feinen Weg und fam zu dem Baume, 
wo er die Kette aufgehängt. Er ftredte die rechte 
Hand aus, um fie herunter zu holen. 

Aber, o Entjegen! Eine große ſchwarze Schlange 
ließ ſich hernieder. Ihr gräßlicher Kopf Fam näher 
und erbarmungsios biß fie den jungen König Krijchna 
Singh, der leblos zu "Boden ſank. 

Ach, armer Kriſchna Singh! Deine junge Frau, 
zu der Du no nidht einmal als Gatte geiprochen 
baft, jteht nun verlafien da! Was wird aus dem 
armen alten König, der ganz von Dir abhing?® Du 
haft nicht einmal Zeit gehabt, Deinen Vater Tan 
Singh wieder zu fehen! Und der arme alte König, 
wie wird es ihn fchmerzen, zu hören, was Dir zu— 
gejtogen! So mußt Du fo viele Weſen, die Dich 
lieben, verlaffen und bijt nun tot, gerade in dem 
Augenblid, wo Du die Früchte Deiner Arbeit genießen 
fonnteft? Armer Kriſchna Singh! Tot? Dod) nein, 
er war ed noch nicht! 


Zwiſchen der Garbhagriha **) des Kalitempels und 
dem innern Palaſtzimmer der Prinzellin von Pujch- 
papura befand fi) ein unterirdifcher Gang, den die 

*) Ein Kaudi ift der ſechzehnte Teil einer Paſtete. 


**) Der innerfte Raum der hindoftanijhen Tempel, wo da3 
Gögenbild angebetet wird. 


124 


Prinzeſſin täglid) in der Mitte der Nacht durdjichritt, 
um die Göttin anzubeten und fi gnädig gejinnt zu 
machen. 

Sie fam in jener Naht ebenfall8 und betete zu 
der Gottheit. Als fie geendigt, bat fie Kali, ihr 
einen großmütigen und edlen Gatten zu fchenfen. 
Da plötzlich glaubte fie aus der Wolke eine Stimme 
zu hören, welche fagte: 

„Ein Prinz jchläft in meiner geheiligten Nähe. 
Cr jol Dein Gemahl werden.” 

Die Prinzeſſin fuchte Schnell in der Umgebung, aber 
anftatt eines Schlafenden fand jie einen Teblojen Körper. 

In dem vertrauenden Glauben einer Liebenden 
begann fie zu Hagen und zu weinen, als id) eine 
zweite Stimme hören ließ: 

„Dein Kind! Dies ift nur eine Prüfung, die ich 
Dir auferlegen wollte. Jetzt, da Du fiegreih Deinen 
Glauben bemwiejen Hajt, fomm zurüd in meine heilige 
Nähe; dann gehe mit einer Fingerſpitze voll geweihter 
Aſche zu ihm, Deinem Gatten, zurüd, zerjtäube die 
Aſche auf fein Geſicht und befiehl ihn, aufzujtehen.“ 

Die Prinzejlin von Puſchpapura gehordte den 
Befehlen der Göttin Amibika, und zu ihrer großen 
Freude erhob der Mann Jid). 

Sie faßte ihn bei einer Hand, und nachdem fie 
ihm erzählt, was fich zugetragen, bat fie ihn demütig, 
fie in den Palaft zu begleiten. 

%* 

In der Zwilchenzeit war die Prinzeffin von 
Dharapura, da fie ihren Gemahl nicht wiederfehren 
Jah, jehr unruhig getworden, und fie dachte, e3 fei ein 
Unglüdsfall geſchehen. In Sellam3 Begleitung eilte 
fie in das heilige Wäldchen. Als fie im Tempel 
der Kali angefommen, trafen fie dort jene andere 
Frau, die um die Hand des jungen Prinzen anhielt. 

Währenddem war da3 Gerücht von diejen Er» 
eigniljen dem alten König zu Ohren gekommen, und 
Freude erjüllte ihn bei dem Gedanken, daß jeiner 
Tochter ein göttlicher Befehl geworden, Kriſchna 
Singh zu heiraten. Aber nun, nachdem das Schaufel« 
fejt gefeiert, konnte er die Anſprüche der Prinzeſſin 
von Dharapura nicht leuguen, und um allen Mik- 
verftändnillen aus dem Wege zu gehen, twilligte er 
ein, beide Prinzeljinnen jollten Kriſchna Singh ane 
getraut werden. 


Die Einladungen zur Doppelhochzeit ergingen im 


ganzen Königreiche und darüber hinaus. Der Kailer 
von Dharapura, der unterdejjen alle dieje wunder: 
baren Ereignifje erfahren hatte, machte befannt, es 
jei fein Wille, feine Tochter dem Könige Krijchna 
Singh von Puſchpapura zur Frau zu geben. 

Eine geſchloſſene Sänfte, in der ſich jedod) niemand 
befand, begleitete das weibliche Gefolge des Kaiſers, 
jo daß das Volk glaubte, in dieſer Sänfte begebe 
ih die Prinzeſſin Schandramukhi nad Puſchpapura. 

Hier wurde die Hochzeit mit unglaublicher Pracht 
gefeiert; Rajahs waren e3, die die Hochzeitslänften 


Kriſchna Singhs und der beiden Prinzejjinnen trugen. 


Bandit © M. Nateja Saftri. — Kriſchna Singh. 


Der Vater Schandramufgis war überglüdlid, 
al3 er alle Nbenteuer Kriſchna Singh erfuhr und 
ſah, daß er fid) zu dem Neiche, welches er von jeiner 
Frau erhielt, noch ein Reich hinzu gewonnen hatıe 
durch eigene Klugheit. 

x 

Die Gejhichte wäre hier beinahe zu Ende, wenn 
wir nicht noch über die Schidjale Tan Singh und 
über die im Kalitempel verborgenen Pantoffeln zu 
berichten hätten. 

Wie jein Sohn fo fcharjfinnig prophezeit, ver: 
armte Tan Singh jchon jehr furze Zeit, nachdem 
Kriihna Singh ihn verlaſſen. Er lebte kümmerlich 
mit feiner Frau und feinen beiden anderen Eöhnen 
in einer elenden Hütte, nahdem ihn feine Unvor— 
ihtigfeit und jeine Verſchwendung wieder in jeine 
urſprüngliche Armut hatten zurüd finfen laſſen. 

Kriſchna Singh hatte dies ſchon erfahren, jobald 
er in Puſchpapura war, aber er wollte feine Pläne 
nit dadurch aufs Spiel ſetzen, daß er fich gerade 
damals gleich zu erfennen gab. Jetzt, da alles ar 
regelt war, befahl er, eine Sänfte aus Blumen zum 
Kalitempel zu tragen; er holte die Pantoffeln, womit 
fein Bater ihn gejchlagen, aus der Nijche hervor, 
legte fie mitten zwijchen die Blumen und fiek dus 
Ganze in den Palajt bringen. 

Dann jchidte er feinem Vater ein Schreiben, um 
ihm fund zu thun, der König von Puſchpapura wünſche 
ihn und feine ſämtlichen Familienglieder fofort zu jehen. 

Zan Singh wußte nicht, was diefer Befehl ber 
deuten follte, aber zitternd gehorchte er jenem Befehle. 

Kriſchna Singh erkannte fogleich feinen Vater, 
jeine Mutter und jeine Brüder wieder, aber feiner 
bon ihnen erfannte in dem jungen prächtigen König 
Kriſchna Singh. 

Diejer wandte fih nun an alle Anweſenden und 
teilte ihnen kurz alle feine Erlebniſſe mit von dem 
Tage an, wo er geichlagen worden war. Tann 
zeigte er auf die Pantoffeln, die auf ihrem Blumen- 
bette rubten, und er fagte: 

„So bin id nun dur das Glüd, das die Pan» 
toffeln meines Vaters mir brachten, der Gatte zweier 
Prinzejfinnen geworden. Er beftrafte mich, weil ich 
eine haben wollte, aber da fie, die Pantoffeln, ein 
Paar ausmadhen, jo haben fie mir aud) ein Paar 
Gemahlinnen verihafit.“ 

Indem er dies jagte, kniete er vor feinen Eltern 
und Brüdern nieder. Alle weinten vor Freude und 
Rührung, und er führte fie fogleich in den Palaſt. 

Nach all diefen Ereigniffen führte Kriſchna Singh 
mit feinen beiden wundervollen Gattinnen ein langes 
und glüdiiches Leben, bald in Dharapura, bald in 
Puſchpapura. 

So endet die Geſchichte; wir brauchen nur hinzu 
zu fügen, daß Kriſchna Singh eine große Zahl Söhne 
bekam, die den Kaiſer von Dharapura und den 
alten König von Puſchpapura in ihrem Alter tröfteten, 
da beide feine Söhne hatten. 


— — — 


Herausgeber: Zofeph Kürſchner in Eiſenach; verantwortlicher Redakteur: Ludwig Thaden in Stuttgart. 
Berlag und Zrud der Deutihen Berlags-Anitalt in Stuttgart. 













HERVARD 
INNEN’ 
LIBRARY 
JUN 23 1941 


— Dur 
EN.) ] — LESE ‚A B Y 


Pd 
* 4 







Inhalt des ſechzehnten Heftes. 


Sonja Komwalevsky. I. Kindheits- u. Jugenderinnerungen. 


Von ihr ſelbſt erzählt. Aus den Ruſſiſchen . 735 


Ve. Roman aus dem Engliſchen von Thomas Hardy (Schluß).. 2 nenn. 
KHahnfahrt. Gedicht aus dem Böhmifcen von Jan Neruda . . 747 
Waſſili Viorkin. Roman aus dem Ruffiihen von P. Boboryfin (Shlub) . TE  . 
An einen Dichler. Gedicht aus dem Italieniſchen von Lorenzo Stechetti . . . 2... 161 
Driefe der Tran Rechtsanwalt. Novelle aus dent Polniichen von Alfred Konar 762 
Don Dieſem und Jenem: 

Sind wir verrückter als unsere Bäter? Bon Ceſare Lombdroio . 771 

772 


Mus den „Pensees et Maximes“ von Emanuel Wertheimer 
N” 








Deutfhe Berlags-Anflalt in Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien. 


Erinnerungsbilder aus dem dentſch-franzöſiſchen Kriege! 


In unjerem Verlage it erichienen: 


Der Mlan. 


Roman 
bon 
Johannes van Dewall. 
Dritte Auflage. Mit 141 Ihukrationen von 6. Brandt, 


Preis fartonirt in Farbendruck-—Umſchlag M 4. —; 
fein in Leinwand gebunden M 5. — 


Nah Paris zur Zeit feiner Belagerung durch deutiche 
Truppen führt uns’der in den legten Februartagen des 
Sahres 1871 beginnende Noman, deijen dritte Auflage 
in einer bejonders ſorgfältig ausgeftatteten, mit zahle 
reichen Abbildungen gezierten Geftalt erjchienen ift, und 


die den Lefer auch eine willkommene äußere Erinnerung, 


an jene hiltoriich große, gewaltige Seit bieten, die uns 
bier der Verfaſſer in geiftvolliter Weile vor Augen führt. 
Doppelt anziehend weiß er jein Buch zu gejtalten, indem 
er die voll friicher, marfiger Kraft geichilderten hiſtoriſchen 
Norgänge mit den graziöjen Arabesfen fein gebildeten 
Salonlebens und eines originellen und fefjelnden Herzend- 
romans anmutig durchflicht. Das Buch fejfelt ebenjojehr 
durch den intereilanten Gang feiner Handlung mie durch 
die vornehme und lebendige patriotiiche Empfindung, von 
der e3 durchglüht ift. 





Ein Solöatenleben 


in Brieg und Frieden. 
Don 
Hermann Lüders. 
Sllufrirt vom DVerfaffer. 
Preis geh. AM 5.— ; fein in Leinwand geb. A 6. — 


In diefem Werke machen wir die Feldzüge in Böhmen 
1866 und in Frankreich 1870 mit, das iſt der Kernpunlt. 
Dann aber werden mir auch eingeweiht in alle Leiden 
und Freuden de3 Soldatenlebens von dem erften Anpaſſen 
des Nefrutenrodes bis zu den Goldborten des Oberjäger:. 
Alles dies ift Schlicht, wahr ıumd mit warmer Liebe zum 
ESoldatenftande, zu Kaifer und Reich beſchrieben und gleid- 
zeitig veranjchaulicht durch prächtige Bilder, voller Kraft 
und Leben, überrajchend naturwahr, photographiſch treu 
und doch geiftvoll, und von bedeutendem künſtleriſchem 
Wert, fo daß wir in diefem Buche eines jener auber 
gewöhnlichen Werfe erhalten, das zur Unterhaltungsleftüre 
gehört, dabei eine populäre und doch fünftleriihe Ab 
ipiegelung unſeres deutfchen Soldatenlebend gewährt und 
zugleich einen zeitgeichichtlihen Wert befigt. Auch ſtellt 
dies prächtige Buch in Bild und Wort eine Gedichte de 
Entſtehens der neuen deutjchen Armee dar, die um jo ein 
drudsvoller wirt, weil fie aus dem Stoffe ſelbſt ſich ergab 


- and völlig unablichtlich ift. 


Zu beziehen dur ale Buchhandlungen des In- und Auslandes. 





Sonja Kowalevskn. 


I. 


Kindheits- und Iugenderinnerungen. 


Bon ihr feldft erzählt. 


T. 


| von Kiſſen und Pfühlen, ihr ganzer Stolz. 


| 


Wenn 
jie bejonder3 gut gelaunt war, durften wir hinauf 


Mleine früheſten Kindheitserinnerungen ſind alle | klettern und uns oben herum kollern; Faum aber 


mit Reijebildern und Heinen Abenteuern verknüpft. 
Wenn ich mir die erften bewußten Eindrücke in das 
Gedächtnis zurückrufe, taucht vor mir eine breite, 
faubige Ehaufjce auf, mit Birken und Meilenfteinen 
zu beiden Seiten und einem riefigen Reiſewagen, 
groß genug, die Arche Noahs in fi) aufzunehmen, 
Bon diejem allgemeinen, dunklen Hintergrund heben 
ich einzelne Creigniffe wie helle Punkte ab — id) 
jede Anjuta, meine ältere Schwefter, und mid) 
während de3 Aufenthaltes an den Stationen Steine 
am Weg juchen; ſehe, wie ich plößlich ihre Puppe 
duch das Wagenfenfter werfe ; erinnere nich deutlich 
der Nächte an einer oder der andern Poftftation mit 
den improvifirten Betten auf jhmalen, harten Bänken 
oder einfach zufammengeftellten Stühlen. 

Mein Bater, Waſſilij Waſſiljewitſch Corvin-Kru— 
kofsky war General der Artillerie. Er wurde häufig 
verießt, nur in Kaluga blieben wir länger als in 
anderen Städten, und von dieſer Zeit — id) war 
gerade fünf Jahre alt — Habe ich eine vollfommen 
Mare, deutliche Vorſtellung. Anjuta hatte damals 
ihr zwölftes und Fedja, mein Feiner Bruder, das 
dritte Jahr zurückgelegt. 

Die Kinderftube, ein großes Zimmer, in dem 
wir alle drei fchliefen, war jo niedrig, daß Nianja *) 
bequem an die Dede reichen konnte, wenn fie auf 
einen Stuhl ſtieg. Anjuta hatte zur Gouvernante 
überfiedeln ſollen — „der garjtigen Franzöfin”, wie 
wir Finder fie nannten, — aber fie febte es durch, 
bei und bleiben zu dürfen. Alſo ftanden unfere drei, 
an den Seiten mit Nebiverk verjehenen Betten nod) 
neben einander, und wir fonnten uns früh bejuchen, 
ohne auf die Diele treten zu müſſen. Etwas weiter 
weg prangte Njanjas großes Bett mit einem Berg 

9 Rjanja werden in Rußland die Kinderwärterinnen genannt. 

Aus fremden Zungen, 1805. IL 18. 





hatten wir mit Hilfe von Stühlen den Gipfel er— 
Hommen, verjanfen wir zu unjerem größten Ente 
zücken in cinem Meer von Betten, 

Die Luft in der Kinderftube war höchſt eigen— 
tümlich — Weihrauchduft mijchte ſich mit Dunft von 
Zalglihtern und Holzöl und dem Geruch) von Birken: 
baljan, den Nanja gegen ihren Rheumatismus 
brauchte, jo daß die Gouvernante, die garjtige 
Franzöſin, nie herein kam, ohne fid) mit einer Ge— 
berde des Abjcheus das Taſchentuch vor Naje und 
Mund zu halten. 

„Aber, Njanja, machen Sie dod) das Fenſter auf,“ 
pflegte jie dann in gebrochenem Ruſſiſch zu jagen, 
was Njanja indeſſen als perjönliche Beleidigung 
auffaßte. 

„Dieſe Dummheit von der fremden Heidin!“ 
brummte ſie ihr regelmäßig nach. „Soll ich vielleicht 
die Fenſter aufmachen, damit ſich die Kinder erkälten?“ 

Dergleichen Scharmützel wiederholten ſich jeden 
Morgen zwiſchen den beiden. 

Lange ſcheint die Sonne früh in die Kinderſtube, 
ehe wir die verjchlafenen Augen aufmachen, troßdem 
beeifen wir ung nicht mit dem Aufſtehen und An— 
ziehen. Zwiſchen dem Erwachen und den Vorberei— 
tungen zur Toilette liegt ein langer Zeitraum, der 
mit Spiel und Lärm ausgefüllt wird. Wir werfen 
uns die Kiſſen zu, fneifen uns in die Beine und 
ſchwatzen und lachen ohne Ende, 

Da verbreitet ſich ein liebliher Kaffeeduft im 
Zimmer Njanja, die erit halb angezogen ift — ſie 
hat ihre Nachtmütze mit einen feidenen Tuche vers 
taufcht, ihrer Kopjbededung am Tage — bringt auf 
einem Theebrett eine große Kaffeefanne herein und 
gibt ung den Kaffee mit friſchen Semmeln in das 


Bett, ohne uns vorher zu waschen und zu kämmen. 
92 


126. 


Oft Schlafen wir, vom Spielen ermüdet, nad) 
dem Trinfen wicder ein. 

Plötzlich wird die Thür aufgeriffen, und die ent» 
rüjtete Gouvernante erjcheint auf der Schwelle. 

„Comment, vous &tes encore au lit, Annette! 
Il est onze heures. Vous &tes de nouveau en 
retard pour votre lecon!* ruft fie erzürnt und fügt, 
gegen Njanja gewendet Hinzu: „Wie kann man die 
Kinder jo lange ſchlafen laſſen! Ich werde mid) 
beim General beklagen.“ 

„Sa, geh nur, Du Echlange, und bejchwere Dich,“ 
brummt dieſe. „Die eigenen Kinder der Herrichaft 
jollen nicht jchlafen dürfen, fo lange fie wollen! 
Es wäre wohl fein fo großes Unglüd, wenn fie zu 
jpät in Deine Stunde fämen und Du warten miüßteft 
— dann könnteſt Du etwas Geduld Ternen!“ 

Aber troß ihres Brummens Hält es Njanja jebt 
dod) für angezeigt, mit unferer Toilette zu beginnen, 
Und man muß fagen, nahmen die Vorbereitungen 
eine lange Zeit in Anfpruch, To geht die Ausführung 
um fo rajcher von flatten. Njanja fährt mit einem 
Schwanm ein paarmal über uufere Gejichter und 
Hände, mit einem zerbrochenen Kamm durch die 
zottigen Mähnen, wirft und die Kleider über, an 
denen nicht ſelten Knöpfe fehlen, und — wir find 
fertig! 

Während Anjuta zur Gouvernante in die Stunde 
geht, bfeibe ich mit Fedja in der Kinderſtube. Chne 
ſich dadurch ſtören zu laſſen, kehrt Njanja mit einem 
Belen die Diele, wobei fie eine Wolfe von Staub 
aufrührt, breitet die Deden über die Heinen Betten, 
Ihüttelt die Kijien ihres eigenen etwas auf und — 
ſieht das Aufräumen des Zimmers für Heute als ab- 
gethan an. Ich bin mit Fedja auf das Eofa ge= 
klettert, aus deſſen zerrijjenem Machstuchiiberzug bie 
und da große Büjchel Pferdehaare guden, und wir 
Ipielen eifrig mit unjeren Spielſachen. Bon Spazieren— 
gehen ijt jelten die Rede, höchſtens bei außerordentlich 
Ihönen Wetter oder au Feiertagen, wenn Njanja 
mit ung zur Kirche gebt. 

Nad) der Stunde kommt Anjuta wieder zu ung 
herein, denn in der Slinderftube ijt e8 viel unters 
haltender al3 bei der Gouvernante, bejonders wenn 
Säfte fommen, andere Stinderwärterinnen oder 
Kanımerjungfern, welche Njanja mit Kaffee bewirtet, 
und die immer interejjante Gejchichten zu erzählen 
willen. 

Jetzt öffnet ji) die Thüre, und herein tritt eine 
junge, ſchöne Dame in einem fojtbaren feidenen 
leide. Ihr Haar ift mit Blumen geſchmückt, und 
an Hals und Armen funfelt Gejchmeide Es ijt 
Elizaveta Feodorowna — meine Mutter. Sie ijt im 
Begriff, in eine Gejeljchaft zu fahren, und kommt 
herein, um uns adien zu jagen. 

Sobald Anjuta fie erblickt, Ipringt fie auf ſie zu, 


Sonja Kowalevsky. 


bedeckt ſie mit Küſſen und fängt an, ihren Schmud 
zu unterſuchen. 

„Wenn ich groß bin, will ich auch ſo hübſch und 
fein wie Du werden, Mama!“ ruft fie aus, hängt 
lich die Kette der Mutter um den Hals und fteilt 
fich auf die Fußſpitzen, um ſich in dem Heinen Wand: 
fpiegel jehen zu fünnen. Das macht Mama immer 
viel Spaß. 

Manchmal möchte aucd) ic) ie Tiebfojen und mic 
auf ihren Schoß jeben, aber dieje Verjuche laufen 
ſtets kläglich ab. Entweder thue ich ihr mit meiner 
Ungejchiclichfeit wch oder zerreiße ihr. Kleid, laufe 
dann beſchämt weg und kauere mid in eine Ede 
So mijcht ſich in mein Verhältnis zur Mutter bald 
eine gewille Scheu, die immer größer wird, weil id 
Njanja oft jagen höre, Anjuta und Yedja mären die 
Lieblinge der guädigen Frau und id) das Etiejfind 
in der Familie. 

Njanja bildete ſich das wahrſcheinlich nur ein, weil 
fie ſelbſt mich entſchieden vor meinen Geſchwiſtern 
vorzog, obgleich ſie uns alle drei ron der Geburt 
an gewartet hatte. Da ich aber nun einmal ihr 
auzgeiprochener Yiebling war, fonnte fie höchſt auf: 
gebracht werden, wenn mir ihrer Meinung nad 
unrecht geſchah oder jemand unfreundlich gegen 
mic) war. 

Die jo viel ältere Anjuta genoß natürlih große 
Vorrechte vor mir. Sie wuchs in uneingejchräntter 
Freiheit auf und erfannte feine Macht und fein 
Gejeß über fih an. Im Salon hatte fie von ein 
auf freien Zutritt und ftand in dem Ruf eine! 
reizenden Kindes, das die Gäſte mit feinen lebhaften, 
oft ziemlich) najeweijer Einfälen und Bemerkungen 
amüfirte. Fedja und ich dagegen kamen nur bei 
beſonders feierlichen Gelegenheiten in dag Empfang 
zimmer und aßen ſogar Frühſtück und Mittageljen 
faſt immer in der Stinderjtube. 

Wenn die Eltern Gäſte zu Tiſch hatten und das 
Defiert aufgetragen wurde, erſchien Natasja, die 
Jungfer meiner Mutter, zuweilen in der Kinderſtube 
und rief: 

„Liebe Njanja, zieh Fedinka raſch feine hellblaue 
ſeidene Jacke an und bring ihn in das Speiſezimmer 
— die gnädige Frau will ihn den Gäſten zeigen.“ 

„Sagte die gnädige Frau nicht auch, was ich 
Sonja anziehen ſoll?“ fragte dann Njanja in ver—⸗ 
droſſenem Tone, als erriete ſie ſchon die Antwort 
im voraus. 

„Nein, Sonja braucht nicht mit zu lommen,“ 
erwiderte die Kammerjungfer gewöhnlich und lachte, 
weil ſie wußte, wie ſehr ſie Njanja damit kränkte; 
„es iſt beſſer, wenn das kleine Ferkelchen, was ſie 
ja nun doch einmal iſt, in der Kinderſtube bleibt.“ 

Aber in dem Wunſch, nur Fedinfa den Gäſten 
zu zeigen, ſah Njanja eine graufame Hintanjeßung 


Kindheits- und Jugenderinnerungen. 


meinerjeit3; und lange nachher nod) konnte fie auf» 
geregt im Zimmer hin und ber gehen, mich mitleidig 
anfehen, mir da3 Haar ftreiheln und zwiſchen den 
Zähnen murmeln: „Mein armes, Feines Ding!” 


* 


Es iſt Abend. Njanja hat mich und Fedja zu 
Bett gebracht, ihr unentbehrliches, ſeidenes Kopftuch 
aber noch nicht abgenommen, deſſen Verſchwinden 
den Uebergang von der Arbeit zur Ruhe bei ihr be— 
zeichnet. Sie ſitzt auf dem Sofa am runden Tiſch 
und trinkt in Natasjas Geſellſchaft Thee. 

Im Zimmer herrſcht Halbdunkel. Die trübe 
Flamme des Talglichts, das Njanja ſchon lange zu 
putzen vergeſſen hat, erſcheint nur noch wie ein gelber 
Fleck in der Dunkelheit, und der bläuliche Schimmer 
der kleinen Lampe vor dem Heiligenbild in der ent— 
gegengeſetzten Ecke des Zimmers wirft phantaſtiſche 
Schatten an die Dede und beleuchtet hell die Hand 
des Erlöjers, die er jegnend aus dem filbernen Talar 
bervorjiredt. 

Neben mir höre ich die ruhigen Atemzüge meines 
Ihlafenden Brüderchens, und von der Ofenede her 
das Schnarden des Laufmädchens, der ftumpfnäfigen 
Felluſcha, die Njanjas bejtändiger Siündenbod it. 
Sie jhläft auf einem Filz, den fie ſich abends auf 
den Fußboden breitet und tagsüber in die Numpels 
kammer jtedt. 

Nanja und Natasja unterhalten ſich halblaut 
und jprehen, da fie uns Kinder in tiefem Schlafe 
glauben, über alle möglichen häuslichen Verhältniffe. 
Ih ſchlafe aber nicht, fondern höre im Gegenteil 
mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Manches ver= 
ftehe ich nicht, manches intereffirt mich auch nicht; 
es palirt mir auch, daß ich mitten in einem Ge— 
ſpräch einjchlafe, ohne den Schluß gehört zu haben. 
Aber die abgerifjenen Säbe ihrer Unterhaltung, welche 
mir verftändlich werden, fügen ſich zu phantaftischen 
Vildern zufammen und hinterlaflen unauslöjchliche 
Eindrüde in meiner Erinnerung. 

„Warum ſollte ich mein Täubchen nicht am meisten 
lieben, mehr wie die anderen beiden ?” höre id) Njanja 
jagen und begreife, daß ich es bin, von der fie 
ſpricht. „Ich habe fie ja vom erften Tag an allein 
bejorgt. Bei Anjuta und Fedja war das anders. 
AS Anjuta geboren wurde, konnten ſich Eltern und 
Großeltern und Tanten nicht fatt jehen — natürlich, 
weil fie das erfte Kind war. Ich Hatte fie feinen 
Augenblid allein in Ruhe und Frieden, bald kam 
der eine, bald der andere, um fie mir weg zu nehmen, 
Mit Sonja war es nicht jo.“ 

An diejer Stelle der oft wiederholten Erzählung 
ſinlt Njanjas Stimme jedesmal zum Flüſtern herab, 
was mich natürlich veranlaßt, die Ohren doppelt zu 
ſpitzen. 


12% 


„Mein armes Täubchen fam in feinem glüclichen 
Augenblid zur Welt — da3 war die Gejhichte !” 
fährt Njanja in halblautem Flüftern fort. „Gerade 
al3 fie geboren wurde, Hatte unſer gnädiger Herr 
im engliihen Klub große Summen in Spiel ver- 
loren — ja, es war jo ſchlimm, daß ſogar die 
Diamanten der guädigen rau verpfändet werden 
mußten. Mie konnten fie fi) da freuen, daß Gott 
ihnen noch ein Töchterchen ſchenlte! Und noch dazu 
hatten ſich beide, der Herr ſowohl wie die Frau, 
leidenſchaftlich einen Sohn gewünſcht. Die gnädige 
Frau ſagte unzähligemale zu mir: ‚Njanija, Du 
ſollſt ſehen, es wird ein Junge!‘ Sie bereitete auch 
alles auf einen Jungen vor — Kyuzifig und Mützchen 
befamen hellblaue Schleifen — und doch wurde es 
fein Sohn, fondern wieder eine Tochter! Die 
gnädige Frau grämte ſich jo, daß fie die Kleine gar 
nicht jehen wollte, dann kam aber Fedinka noch und 
tröjtete fie.“ 

Dieje Gejhichte erzählte Njanja jo oft, und id) 
hörte jedesmal mit jo geſpannter Aufmerfjamfeit zu, 
daß ſie jchlieklich wie eingemeißelt in meiner Er— 
innerung ſtand. 

Infolge jolher Schwüßereien aber befam id) 
frühzeitig die Weberzeugung, ich würde von meinen 
Eltern nicht geliebt, und das wirkte auf meine ganze 
Entwicklung ein und machte mich jcheu und ver« 
ſchloſſen. | 

Werde ich zum Beilpiel in den Salon gebrad)t, 
mache ich ein klägliches Geſicht und Halte mich mit 
beiden Händen an Njanjas Rod feſt. Stein Wort 
ift aus mir heraus zu bringen. Trotz Njanjas Reden 
und Ermahnungen jehweige ich beharrlich til und 
werfe wie ein gejagtes Wild nur feheue und böje - 
Blicke auf die Anmejenden, bis endlich meine Mutter 
verzweifelt ausruft: „Nein, Njanja, bring Deine Heine 
Milde wieder in die Kinderftube! Man muß ſich 
ja mit ihr vor Gäſten ſchämen! Es iſt Doch gerade, 
als ob fie jlumm wäre!” 

Mit fremden Kindern Fam ich jelten zuſammen 
und war dann aud) fchüchtern. Ging ich aber mit 
Njanja einmal aus und jah kleine Mädchen oder 
Knaben auf der Straße eifrig in ihre Spiele ver— 
tieft, dann fühlte id) etiwa& wie Neid und hätte gern 
mit gejpielt. Aber da3 erlaubte Njanja nie. „Was 
fällt Dir denn ein, mein Herzblätthen! Du, ein 
kleines Fräulein, wirft doch nicht mit Gaſſenkindern 
Ipielen wollen?” Und der vorwurfSvolle und über— 
zeugte Ton, in dem fie daS fügte, machte, daß id) 
tiefe Beijhämung wegen meine! Wunjches enıpfand. 
Dadurd) verlor ic) bald Luſt und Sinn, mit anderen 
Kindern zu jpielen; und kam wirklich einmal ein 
gleichaltriges Mädchen zum Beſuch zu mir, wußte ic) 
nicht, was ich jagen follte, und hatte nur den einzigen 
Gedanken: „Wenn fie doc) bald wieder fort ginge!” 


725 


Um jo glücklicher aber fühlte ich mich mit Njanja 
allein. Abends, wenn Fedja Ichlief und Anjuta im 
Sulon war, Hetterte ih zu Njanja auf das Sofa, 
Ichmiegte mich dicht an fie und ließ mir Märchen 
von ihr erzählen. Dieſe Märchen machten einen fo 
tiefen Eindrud auf meine kindliche Phantaſie, day 
ih fie im Traume jelbjt erlebte und das Entjehen 
vor dem „Schwarzen Tod“, dem „Werwolf“, und der 
„zwölfköpfigen Schlange” mich zu erſticken drohte, 


ll. 


Als ih ungefähr ſechs Jahre alt war, nahm 
mein Vater jeinen Abſchied und wir jogen auf unſer 
Tamiliengut im Gouvernement Viteb. Im jener 
Zeit tauchte immer entjchiedener das Gerücht von 
der Aufhebung der Leibeigenichaft auf, und dieſer 
Grund veranlakte meinen Vater, ſich der Bewirt— 


haltung des Gutes, die er bisher einem Verwalter 


anvertraut hatte, ſelbſt anzunehmen. 

Der Umzug auf das Land brachte große Ver— 
änderungen mit jih. Ras bisher jo beitere, Jorge 
oje Leben befam ein ernſteres Gepräge. Mein 
Pater hatte unjerer Erziehung, die er für Sade der 
Frau, nicht des Mannes hielt, wenig Aufmerkſamkeit 
zugewendet und ſich nur mit Anjuta ehvas beichäftigt, 
da fie die Neltejte und dabei lebhaft und aufgewedt 
war. Er verzog ſie gern, nahm ſie im Winter mit 
zu Schlittenfahrten und paradirte mit ihr vor Gäſten. 
Wenn ihre Ungebundenheit oft alle Grenzen über: 
Schritt, jo daß das Hausperſonal die Geduld verlor 
und jie bei ihm verffagte, wendete er gewöhnlich die 
Sache ind Scherzhafte; und jelbit, wem er dann und 
wann, um den Schein zu wahren, eine ftrenge Miene 
annahm, wußte fie recht gut, daß er doch der erfte 
war, der über ihre Streiche lachte. 

Bei uns jüngeren Kindern bejchränfte er ſich 
Darauf, wenn er uns Jah, Njanja zu fragen, wie es 
und ginge, uns in die Baden zu fneifen, um fich 
zu überzeugen, ob fie rund und voll wären, und uns 
zuweilen auf den Arm zu nehmen und hoch in die 
Luft zu werfen. An Feiertagen, wenn er zu einem 
offiziellen Empfang mußte und in voller Parade: 
uniform mit allen Orden und Sternen geſchmückt 
war, wurden wir in den Salon gerufen, um zu jehen, 
„wie ftattlid Napa wäre”. Das machte uns un— 
beichreibliches Vergnügen, Wir hüpften und ſprangen 
um ihn herum und Eatjchlen vor Entzücen über 
jeine glänzenden Epauletten und Orden in die Hände. 

Aber kurze Zeit nach unſerer Ueberfiedelung auf 
das Land kam etwas vor, was in unliebiamer Meife 
die Aufmerkſamkeit auf die Kinderſtube lenkte und 
auf alle im Hauſe, nicht zum wenigſten auf mich, 
den tiefſten Eindruck machte. 

Es verſchwanden plötzlich allerlei Dinge aus der 
Kinderſtube — bald fehlte das eine, bald das andere. 


Sonja Kowalevsky. 


Wollte Njanja etwas holen, was ſie vor längerer 
Zeit weg gelegt hatte, war es nirgends zu finden, 
obgleich ſie einen Eid darauf ablegen konnte, es mit 
eigenen Händen in den Schrank oder das Pult 
gethan zu haben. Anfangs wurde dieſes Verſchwinden 
ziemlich kaltblütig hingenommen, als es ſich aber 
öfter wiederholte und auf wertvollere Sachen aus: 
dehnte, ſchließlich ein filberner Löffel, cin goldener 
Fingerhut und ein Meijer mit Perkmutterichait 
fehlten, da entftand allgemeine Unruhe und Auf 
regung. Seht war es Har, daß e3 einen Dieb im 
Hauſe gab. Njanja, die fid) für alles, was uns 
Kindern gehörte, verantwortlid) fühlte, nahm ſich die 
Sache am meijten zu Herzen und war centjchlojien, 
den Dieb zu entlarven, koſte es was es wolle. 

Der Argwohn fie natürlich zunächſt auf die 
arme Fekluſcha, das Laufmädchen. War jie ad) 
\hon drei Jahre in der Kinderjtube im Dienft und 
hatte während diefer Zeit niemals etwas gejehlt, lo 
bewies da3 doc) Njanjas Mißtrauen gegenüber nichts. 
„Früher war fie jung und kannte den Wert der 
Gegenftände noch nicht,“ erklärte dieſe, „inzwilden 
aber ift fie größer und Hlüger geworden. Dazu bat 
fie ihre Familie unten im Dorf, für die nimmt fie 
die Sachen der Herrichaft.” 

Auf Grund foldyer Neflerionen ſetzte fid bi 
Njanja die Heberzeugung von Fekluſchas Schuld der: 
mapen feit, daß fie das arme Mädchen immer 
ſtrenger und harter behandelte; infolge diejes deutlich 
gezeigten Mißtrauens aber ſah Fekluſcha von Tag 
zu Tag mehr eingeſchüchtert und ſchließlich völlig 
ſchuldbeladen aus. 

Wie ſehr ſich indeſſen auch Njanja bemühte, ſie 
auf der That zu ertappen, es wollte ihr doch nicht 
gelingen. Und immer wieder verſchwanden neue 
Sachen, ohne daß die vermißten wiedergefunden 
wurden. Eines ſchönen Tages war ſogar meine 
Sparbüchſe weg, die in Njanjas Schrank geſtanden 
und einige vierzig Rubel oder mehr enthalten hatte. 
Das Gerücht dieſes letzten Verluſtes drang auch bis 
zu meinem Vater; er ließ Njanja zu ſich rufen und 
befahl ihr auf das ſtrengſte, den Dieb ausfindig 
zu machen. Jetzt wußten alle, daß nicht mehr zu 
ſpaſſen war. 

Njanja war in Verzweiflung. In der Nacht 
wachte fie auf und hörte ein eigentümlich ſchnalzendes 
Geräuſch aus der Ede, wo Fekluſcha jchlief. Won 
Argwohn erfüllt, ftredte ſie ſchweigend und vorjichtig 
die Hand nad) den Schwefelhölzern aus und zündete 
plößlich Licht an. Und was erblidte fic? 

Fekluſcha aufrecht auf ihrem Filz ſitzend und vor 
Jich zwijchen den Knieen eine große Burke Eins 
gemachtes, das fie, mit einer Brotrinde als Löffel, 
eifrig bemüht war, zu vertilgen. 

Erwähnt muß noch werden, daß jich auch die 


Kindheits- und Sugenderinnerungen. 


Haushälterin vor einigen Tagen beffagt hatte, es 
wäre ihr aus der Vorratsfammier eine Burfe Ein— 
gemadhtes weg gekommen. 

Aus dem Bett jpringen und die Verbredherin an 
den Haaren erfaffen, twar für Njanja das Werk eines 
Augenblid3. 

„Aha! habe ih Did) endlich, Du Bettel! Woher 
haft Du das Eingemad)te, antworte!” schrie fie mit 
Donnerſtimme, während fie das Mäddyen heftig an 
den Haaren 309. 

„Siebe, gute Njanja! ich Habe es nicht gethan, 
ich verſichere Dich,“ ſtöhnte Fekluſcha. „Maria ' 
Waſiljcwna, die Nähterin, gab mir geſtern abend die | 
Burke, aber fie befahl mir ftreng, fie Euch nicht ſehen 
zu laſſen.“ 

Die Wahrheit dieſer Ausfage erihien Njanja im 
höchſten Grade zweifchhaft. 

„Ach nein, Mütterchen, in der Kunſt zu lügen bit 
Du noch fein Meiſter,“ jagte fie verächtlich; „wie 
jolte Maria Waſiljewna auf den Einfall kommen, 
Did mit Eingemachtem zu traftiren ?” 

„Liebe, gute Njanja, id) Lüge niht! Ich kann 
ſchwören, daß id) die Mahrheit ſage. Frag fie jelbft. 
Ich beſorgte ihr geftern ein heißes Mätteijen, und da 
gab fie mir das Eingemachte. Sie fagte zu mir: 
Nur zeige es Njanja nicht, weil die fonft auf mid) 
böſe wird, daß ich Dich vorziche,‘ beteuerte Fekluſcha 
fortwährend. 

„Schon gut, morgen früh werden wir ja ſehen,“ 
entſchied Njanja und ſperrte Fekluſcha in ein dunkles 
Kämmerchen ein, aus dem ihr Schluchzen lange und 
weithin zu hören war. 








Sohn hatte. 


Am andern Morgen wurde zur Unterfuchung ges - 


ſchritten. 
Maria Waſiljewna war ſchon viele Jahre als 
Nähterin in unſerem Hauſe. Sie war keine Leib— 


eigene, ſondern eine Freigelaſſene, und wurde mit 


viel größerer Rückſicht als das übrige Dienſtperſonal 
behandelt, Hatte ihr eigenes Zimmer, wo fie allein 
aß und dasſelbe befam, was für die Herrichaft ge— 
fodht wurde, benahm ſich immer ſehr hochmütig und 
berfehrte mit feinem von der Dienerfchaft. Ihrer 
Seihidlichfeit wegen wurde fie jehr hoch gejchäkt. 
„dinger hat fie wie eine Fee,“ hieß es immer. Sie 
mochte etwa vierzig Jahre alt fein und jah kränklich 
aus, umd ihre ſchwarzen Augen machten in dem 
magern Geſicht einen unnatürlich großen Eindrud. 
Ohne hübſch zu fein, hatte fie doch ein dijtinguirtes 
Ausjehen, — „man follte nicht glauben, daß fie nur 
eine einfache Nähterin wäre,” hörte man oft von ihr 
jagen. ‚Immer ging fie fauber und ordentlich ge— 
Heidet und hatte verstanden, ihr Zimmer nicht nur 
geſchmadvoll und behaglich, fondern ſogar mit einer 
gewilien Eleganz einzurichten. In den Fenſtern 
tanden Geranien, die Wände waren mit Heinen, 








729 


billigen Heiligenbildern geſchmückt, und auf einem 
Eckbrett prangten allerlei Borzelanfiguren — Schwäne 
mit vergoldeten Schnäbeln, Pantoffeln von Roſen — 
unjer Entzüden. 

Wir Kinder hatten außerdem nod) ein bejonderes 
Intereſſe für fie infolge einer romantischen Geſchichte, 
die von ihr erzählt wurde. Im ihrer Jugend war 
fie ein hübſches, friſches Mädchen und die Leibeigene 
einer Gutsbeſitzerin geweſen, die einen erwachſenen 
Diejer, Offizier und auf Urlaub zu 
Haufe, Hatte ihr bei irgend einer Gelegenheit etwas 
Geld geſchenkt. Unglüdlicherweile war feine Mutter 
gleich darauf in die Mädchenkammer gekommen und 
hatte da3 Geld in Maria Waſiljewnas Hand bemerkt. 
„Von wen haſt Du das befommen?” herrſchte Sie 
da3 Mädchen an. Darüber erichraf Maria Walils 
jewna derart, daß fie, ftatt zu antworten, die Geld- 
jtiide in den Mund ftedte und verfchludte. 

Aber gleich darauf befan fie jo heftige Schmerzen, 
daß ſie jammernd zu Boden ftürzte. E3 gelang zwar, 
ihr Leben zu retten, aber fie lag lange Trank, und 
ihre Schönheit wurde völlig zerjtürt. 

AS bald darauf die alte Gutsbeſitzerin ftarb, 
ichenfte der junge Gutsherr Maria Waſiljewna die 
Freiheit. 

Anjuta und ich intereſſirten uns, wie geſagt, für 
die Geſchichte von dem verſchluckten Geld außer— 
ordentlich und quälten Maria Waſiljewna oſt, uns 
zu erzählen, wie ſich alles zugetragen habe. 

Auch in die Kinderſtube kam Maria Waſiljewna 
ziemlich häufig, obgleich ſie mit Njanja nicht auf 
beſtem Fuße ſtand. Noch lieber hatten wir Kinder 
es, wenn wir ſie in ihrem Zimmer, beſonders in der 
Dämmerſtunde, beſuchen konnten, wo fie gezwungen 


oder freiwillig ihre Arbeit aus der Hand legte. Dann 


jebte fie fi an das Fenſter, jtüßte den Kopf in Die 
Hand und jang mit wehmütiger Stimme verjchiedene 
alte, rührende Nomanzen: „Durd) die tiefen Thäler“ 
oder „Schwarze Blumen, düjtere Blumen.” Ihr 
Geſang war, wie gejagt, äußerjt melancholiſch, aber 
ic) liebte ihn, obgleich er mich immer traurig machte. 
Zumeilen wurde fie durch einen furchtbaren Huften 
unterbrochen, an dem ſie fchon mehrere Jahre litt 
und der ihre dünne, entkräftete Bruft jedesmal zu 
zerfprengen drohte. 

Als Nianja am Morgen nad dem beichriebenen 
Auftritt mit Fekluſcha ih an Maria Waſiljewna 
mit der Frage wendete, ob e8 wahr wäre, daß fie 
dem Mädchen das Eingentachte gegeben Labe, erſchrak 
dDiefe, wie man fich denken kann, zwar heftig, 
ſagte aber: 

„Was denkt Du, Tiebe Njanja? Würde id) wohl 
das Mädchen jo verwöhnen?” und fügte in beleidig- 
tem Tone binzu: „Uebrigens habe ich ja jelbjt Fein 
Eingemachtes!” 


730 


Jetzt war die Sache alſo klar; Fekluſcha aber 
war trotzdem frech genug, ungeachtet dieſer kate— 
goriſchen Erklärung, ihre Unſchuld ſortgeſetzt zu be— 
teuern. 

„Aber, Maria Waſiljewna, um Jeſu Chriſti willen 
— habt Ihr 's denn vergeſſen? Ihr rieft mich doch 
geſtern abend in Euer Zimmer, danltet mir für das 
Plätteiſen und gabt mir das Eingemachte,“ ſchluchzte 
ſie verzweiflungsvoll und zitterte am ganzen Körper 
wie im Fieber. 

„Du mußt krank oder verrückt ſein, Fekluſcha,“ 
antwortete Maria Waſiljewna ruhig, ohne eine Spur 
von Bewegung in ihrem bleichen, blutloſen Geſicht. 

Nun war der letzte Zweifel an Fekluſchas Schuld 
gehoben. Sie wurde abgeführt und in ein dunkles 
Loch gejlectt, das weit ab von der übrigen Wohnung lag. 

„Da jollit Tu jteden, Diebin, und weder Speiſe 
nod) Trank befommen, bi3 Du bekannt haft!” jagte 
Njanja, während fie den Echlufjel zweimal umdrehte. 

Man kann ſich denken, daß dieſe Entdedung einen 
lörmlichen Auſſtand im Haufe verurſachte. Jeder 
von den Dienjtlenten benutzte die erſte beſte Ge— 
Icgenheit, zu Njanja zu laufen und das interejjante 
Freignis mit ihr zu bejprechen, und die Kinderſtube 
glich) an diefem Tage einem Klublokal. 

Fekluſchas Water war tot, aber ihre Mutter 
wohnte im angrenzenden Dorf und Lalf auf dem 
Gute öfters bei der Wäſche. Natürlich hörte fie bald 
von dem, was vorgejallen war, kam Jaut jammernd 
in die Stinderftube geftürzt und beteuerte die Unſchuld 
ihrer Tochter. Aber Njanja brachte fie bald zum 
Schweigen, 

„Dach kein ſolch Aufhebens, Mütterchen. Warte 
lieber, bi wir erfahren haben, wohin Deine Tochter 
die geftohlenen Sachen gebracht hat,” ſagte fie jo 
jtreng und mit jo bedeutſamem Blick, daß das arme 
Weib eingejchüchtert und ſcheu den Rückzug antrat. 

Das übereinjlimmende Urteil gegen Fekluſcha 
lautete: „Hat ſie das Eingemachte genommen, dann 
bat fie aud) die anderen Sachen geftohlen,” und die 
Entrüftung war um fo größer, je drüdender Dieje 
wiederholten, unheimlichen Diebjlähle auf dem ganzen 
Dienftperjonal gelaftet Latten; denn jeder Hatte im 
jtillen gefürchtet, der Verdacht fünnte auf ihn fallen. 
Daher war die Entdedung des Diebes eine Er— 
leihterung für alle. 

Allein Fekluſcha wollte durchaus nicht befennen. 

Njanja ging im Laufe des Tages verjchiedenemale 
Lin, um nad) ihrer Gefangenen zu fehen; dieſe aber 
wiederholte Hartnädig: „Sch Labe nichts geitohlen. 
Gott ftrafe Maria Waſiljewna, daß fie jo ſchlecht an 
einem armen, vaterlojen Mädchen Handelt.“ 

Gegen Abend kam meine Mutter in die Kinder— 
ſtube. 

„Njanja, biſt Du nicht zu ſtreng gegen das arme 


— — — — — — — — — —— — — —— —— — — — —— — — — — — — m — — — men — -⸗ 


Sonja Kowalevsky. 


Mädchen? Du kannſt das Kind doch nicht den 
ganzen Tag hungern laſſen!“ ſagte fie bekümmert. 

Aber Nianja wollte nichts von Barmherzigleit 
hören. | 

„Wo denfen Sie hin, gnädige Zrau? Iſt e& um 
fo eine Schade! Sie war ja nahe daran, chrlide 
Leute in Verdacht zu bringen, das gemeine Geſchöpf!“ 
erwiderte jie jo abiwehrend, daß meine Mutter nicht 
wagte, weiter darauf zu bejlehen, fondern das Zinmer 
verlieh, ohne eine Milderung im Schidjal der armen 
Gefangenen erreicht zu haben. 

Der zweite Tag brach an und Felluſcha bekannt: 
noch immer nicht. Ihre Nichter wurden nachgerad: 
von einer gewijlen Unruhe erfaßt. Um die Mittagss 
zeit aber trat Nijanja mit triumphirenden Gelidt bei 
meiner Mutter ein. 

„Unjer waderer Vogel hat bekannt,” verkündigte 
lie feierlich. 

„Was, wo find denn die geffshlenen Sachen?“ 
war natürlich die erſte Frage meiner Mutter. 

„Sie bat noch nicht gejtanden, was fie damit 
gemacht Hat,” erwiderte Njanja betrübt. „Sie jdwakt 
das dümmſte Zeug und jagt, fie wüßte es nicht mehr. 
Aber warten Sie nur, wenn fie noch cin paar Stunden 
fißt, wird es ihr Schon einfallen !* 

Und gegen Abend legte Felluſcha wirflid cin 
volljtändiges Belenntnis ab und erzählte umfländlid, 
wie ſie die Sachen in der Abjicht geftohlen Labe, ſie 
Ipäter zu verfaufen. Sie babe anfangs alles unter 
ihrem Filz in einer Ede der dunklen Kammer au: 
gehoben, da ſich Feine Gelegenheit zum Verkauf ge: 
boten habe. Als fie aber gejehen, daß die Dinge 
vermißt wurden und auf den Dieb gefahndet werden 
ſollte, wäre fie ängftlid) geworden und habe alles erſt 
wieder an feinen Platz Tegen wollen, ſchließlich aber 
in ihre Schürze gebunden und in den tiefen Teid 
jenſeits des Gutes geworfen. 

Da alle das Ende diejer futalen Geſchichte herbei 
ſehnten, fiel e8 niemand ein, Fekluſchas Ausſage 
einer ftrengeren Kritif zu unterziehen. Es war zwar 
ärgerlich, fo um die Sachen zu fommen, allein im 
übrigen beruhigte man fi) bei dem Geſtändnis. 

Die Schuldige wurde aus der Gefangenidaft 
entlaſſen und cin kurzes Verfahren über fie verhängt: 
nach einer tüchtigen Tracht Prügel jolte fie entlaſſen 
und zur Mutter zurück geſchickt werden. 

Trotz aller Thränen Fekluſchas und Tebhaftem 
Brotefte ihrer Mutter wurde diejes Urteil auch ſogleich 
ausgeführt und ein anderes Mädchen zur Hilfe in 
der Kinderſtube angenommen. 

Im Laufe einiger Wochen war die Ordnung 
wieder hergeſtellt, und das Erlebte fing an, in Ver— 
gefjenheit zu geraten. 

Eines Abends aber, ala jhon im Haufe alle jtill 
war und Njanja ſich eben anjhidte, auch zur Ruhe 


Kindheit» und Jugenderinterungen. 


zu gehen, öfinefe fi) leife die Thür der Sinderjiube, 
und in derjelben erſchien die Wäſcherin Alerandra — 
Felluſchas Mutter. Sie war die einzige, die ſich 
vor der augenjheinlichen Wahrheit hartnädig vers 
ſchloß und nicht müde wurde, zu verjichern, ihre 
Tochter wäre unſchuldig verurteilt worden. Cie 
Batte infolge deſſen ſchon verjchiedene heiße Kämpfe 
mit Njanja gehabt, die ſchließlich damit endigten, 
daß dieſe ihr verbot, ihre Naje je wieder in die 
Kinderftube zu fteden, und fie mit der Erklärung 
abjertigte: es nutze nichts, einfältigen Weibern Ver— 
nunft zu predigen. 

Diejen Abend aber Tag ein fo bejonderer Aus— 
drud auf Alexandras Geſicht, daß ein einziger Viid 
Nianja belehrte, fie komme Heute nicht, um ihre ge— 
wöhnlichen, afbernen Klagen zu wiederholen, fondern 
müfle etwas Neuem, Wichtigem auf der Spur jein. 

„Komm ’nzal her, Njanja, id) will Dir etwas 
Merlwürdiges zeigen,” flüfterte fie geheimnisvoll, 
blidte um ſich, um fi) zu überzeugen, daß niemand 
da fei, und holte dann da8 Heine Federmeſſer mit 
Perlmutterſchaſt — unſer Entzüden — unter ihrer 
Schürze hervor , dasſelbe, das unter den geftohlenen 
Sadjen geweſen var, und das Fekluſcha, ihrer An— 

gabe semäz, mit in den Teich geworfen haben wollte. 
aim Anblick dieſes Meſſers ſchlug Njanja die 
Hände erſtaunt zuſammen. 
Do Haft Du das her?” frug fie aufs höchſte 
geipannt. 

„Ja, Das ijt die Geſchichte — wo habe id) das 
wohl der!” wiederholte Alerandra langſam und 
weldele ſich offen bar an Njanjas Beſtürzung. „Philipp 
Matvjejitſjſch, der Gärtner, gab mir ein Paar alte 
Hofen zum Flicken, und in der einen Taſche fand 
ih dos Meſſer,“ Fagte fie bedeutungsvoll. 

Dieſer Philipp Matvjejitjh war ein Deutſcher 
u Hand in Der Neihe der Bedientenariftofratie 
, : al Er bezog einen ziemlich hohen Gehalt, 
a und galt, obgleich er jebem un— 
ee uge als ein dider, nicht mehr junger, 
gelben — angenehmer Deutſcher mit rötlich 
—* igem Badenbart erſcheinen mußte, unter 
Menfcen, en Dienjiperfonal für einen hübjchen 


Nian; 
richt ar wußte im Augenblic des erſten Schreckens 
. Nie jagen follte. 

NE in aller Welt kann dieſes Federmefjer in 
Irante x von Philipp Matvjejitic) gekommen fein?“ 
— Keinlant. „Er hat ja nie einen Fuß in 
nicht ee gejeßt! Außerdem ijt es doc) aud) 

Q t, ‘ | r N 
ſiehlen Da daß cin Mann wie er Kinderſachen 
A urges Schweigen trat ein, während defjen 
<a mit ſpöttiſchen Bliden Njanja belrachtete; 


dann nei 
N neigte fie ſich näher zu ihr hin und flüfterte 


731 


ihr ehva3 ind Ohr, worin der. Name Maria Waſil⸗ 
jewnas mehreremale vorkam. 

Langſam dämmerte in Njanjas umdüſtertem Gehirn 
ein Strahl der Wahrheit auf. 

„Ah ha, ha — — — Auf dieſe Weiſe!“ rief ſie 
aus und ſchlug die Hände zuſammen. „Nein, eine 
ſolche Heuchlerin — ſolche Dirne! Aber warte nur, 
wir wollen did) Schon entlarven!” gelobte fie, außer 
ih) vor Empörung, 

Es zeigte fi, daß Mlerandra Schon lange Miß— 
trauen gegen Maria Waſiljewna gehegt, nachdem fie 
bemerkt Hatte, daß diefe ein „Zechtelmechtel” mit 
dem Gärtner habe. „Nu, urteile ſelbſt,“ ſagte fie 
zu Njanja, „würde ein fo hübſcher Menſch wie Philipp 
Matvjejitſch mit einer fo alten Perſon ſchön thun, 
wenn er nichts davon hätte? Sie bat ihn natürlic) 
mit Geſchenken beſtochen.“ Und bald überzeugte fie 
ih, dag ihm Maria Waſiljewna ſowohl Geld wie 
Gejchenfe gab. Aber woher nahm fie das alles? 
Und Alerandra feßte ein fürmliches Spionageſyſtem 
gegen die ahnungsloſe Maria Waſiljewna ins Werk. 
Das Federmeſſer bildete nur das lebte Glied in der 
Kette der Beweiſe. 

Die Geſchichte war fo interejlant, daß fie alle 
Grenzen des Staunenerregenden überftieg. Bei Njanja 
erwachte der Rolizeiinftinft plötzlich und leidenfchaftlich, 
ber fo oft in alten Frauen Ichlummert und fie an= 
treibt, ſich mit brennendſtem Eifer der Löſung ver= 
widelter Verhältniſſe zu widmen, felbjt wenn fie dieſe 
nicht3 angehen. Im vorliegenden Yall aber wurde 
Nianjas Eifer durch das Gefühl erhöht, Yih an 
Fekluſcha verjündigt zu Haben und dieſes Unrecht 
fo raſch ala möglich wieder gut machen zu müſſen. 
Deshalb ſchloß fie augenblicklich mit Alerandra ein 
Schutz- und Trußbiündnis gegen Maria Waſiljcwna. 

Da beide fteif und feit von der Schuld der 
leßteren überzeugt waren, jhredten fie nicht vor dem 
bedenklichen Schritt zurück, ſich heimlich deren Schlüſſel 
zu verichaffen, um bei pajjender Gelegenheit ihre 
Sachen zu durchſuchen. 

Geſagt, gethan! Ach, und es zeigte ſich, daß ſie 
mit ihrem Verdacht nur zu recht gehabt hatten. Der 
Inhalt der Schubladen rechtfertigte ihren Argwohn 
vollſtändig und ſtellte es außer allen Zweifel, daß 
die beklagenswerte Maria Waſiljewna alle die kleinen 
Diebſtähle begangen hatte, welche in letzter Zeit 
die Urſache der allgemeinen Aufregung geweſen 
waren. 

„Das freche Geſchöpf! Die arme Fekluſcha mit 
Eingemachtem zu beſchenken, um den Verdacht auf 
ſie zu lenken! Eine ſolche Gottloſigkeit! Nicht einmal 
mit einem Kind einen Funken von Erbarmen zu 
haben!“ rief Njanja mit Abſcheu und Entſetzen und 
vergaß dabei völlig die Rolle, welche fie ſelbſt geſpielt 
hatte, und daß fie allein es geweſen war, welche die 


792 Eonja Kowalevsky. 


arme Fekluſcha durch ihre Härte dahin gebracht hatte, 
falſcher Weije ſich ſelbſt anzuflagcı. 

Man kann ſich die Empörnng vorſtellen, welche 
ſich ſowohl der Dienerſchaft wie aller anderen be— 
mächtigte, als die traurige Wahrheit an den Tag kam. 

Im erſten Zorn wollte mein Vater nach der 
Polizei ſchicken und Maria Waſiljewna arretiren 
laſſen; in Anbetracht ihrer Kränklichkeit aber, und 
da ſie nicht mehr jung und ſchon ſo viele Jahre in 
unſerem Hauſe war, ließ er Gnade für Recht er— 
gehen und beſchloß, ſie einfach ihrer Stelle zu ent— 
ſetzen und nach Petersburg zurückzuſchicken. 

Natürlich war zu erwarten, daß Maria Waſiljewna 
ſelbſt ſehr zufrieden mit dieſem Urteil ſein würde. 
Sie war ſo geſchickt als Schneiderin, daß ſie nicht 
zu fürchten brauchte, in Petersburg Not zu leiden. 
Welche Stellung konnte ſie dagegen in unſerem Hauſe 
nach einer ſolchen Geſchichte einnehmen? Die ganze 
Dienerſchaft hatte fie bisher beneidet und wegen ihres 
Hochmuts und Stolzes gehaßt. Das wußte ſie und 
wußte auch, wie bitter ſie jetzt für ihren früheren 
Hochmut würde büßen müſſen. Gleichwohl, ſo un— 
glaublich es klingen mag, freute ſie ſich nicht nur 
nicht über das Urteil meines Vaters, ſondern ſchwieg 
und bat dann um Erbarmen. Sie ſchien mit einer 
eigentümlichen, katzenartigen Anhänglichkeit an dem 
Hauſe ſelbſt, an dem Winkel, wo ſie ſo lange geſeſſen 
und genäht hatte, zu hängen. 

„Ih Habe nicht mehr lange zu leben, ich fühle, 
daß ic) bald flerben werde. Soll id) gezwungen 
werden, meine lebten Augenblicke unter Fremden zu 
verbringen?” ſagte jie. 

„Das ijt gar nicht der wirkliche Grund,“ bes 
Hauptete freilih Njanja. „Sie fann fi) nur nicht 
von unſerm Haufe trennen, jo lange Philipp Mat: 
pjejitich Hier ift, denn fie weiß, daß fie ihn nicht 
wieder jehen wiirde, wenn fie von hier weg zöge. 
Und fie muß ja unſinnig in ihn verliebt fein, daß 
fie, die Doc) ihr Lebtag ehrlich und brav geweſen ift, 
ſich jeinetwegen noch in ihren alten Tagen jo etwas 
zu Schulden fommen läßt!“ 

Philipp Matvjegitih Fam mit Heiler Haut aus 
der Geſchichte. Vielleicht fagte er auch die Wahrheit, 
al3 er verjicherte, feine Ahnung davon gehabt zu 
haben, woher die Gefchenfe ſtammten, die er von 
Maria Wafiljervna angenommen hatte. Außerdem 
war es nicht leicht, einen gejchicdten Gärtner zu be= 
fommen , und da Garten und Park doch nicht ohne 
Pflege bleiben konnten, wurde er bis auf weiteres 
behalten. 

Hatte nun Njanja recht oder nicht in Bezug auf 
die Urſache, welche Maria Waſiljewna fo hartnädig 
an und kettete, fo viel ſteht feit, daß, als der Tag 
ihrer Abreije fam, fie zu meinem Nater ftürzte und 
vor ihm auf die Kiniee nieder fiel. 


„Laſſen Sie mich ohne Lohn hier bleiben, Strafen 
Sie mid) wie eine Leibeigene, aber jagen Sie mid 
nur nicht fort!” flehte fie ſchluchzend. 

Mein Vater war über die große Anhänglicter 
gerührt, fürchtete aber, es fünnte die übrige Diener: 
haft demoraliliren, wenn er ihr verziehe. Un— 
ſchlüſſig, wa3 er thun ſollte, fiel ihn plöhlid) eir 
Ausweg ein. 

„Hört, Maria Waſiljewna,“ fagte er, „obglid 
Stehlen eine große Sünde ift, könnte id) aud) Euch 
verzeihen, wenn Eure Schuld nur darin allein be: 
itände. Durd) Euch hat aber aud) ein armes Mädchen 
unſchuldig gelitten. Bedenkt, Ihr waret die Urſache, 
daß Felluſcha den ſchweren Schimpf erdufden mußte, 
öffentlich beitraft zu werden! Um ihretwillen kann 
ih Euch nicht verzeihen. Wenn Ihr um jeden Preis 
hier bleiben wollt, kann ich nur unter der Bedingung 


- eimmiligen, daß Ihr in Gegenwart de3 ganzen Dienit: 


perſonals Fekluſcha um Verzeihung bittet und ihr die 
Hand küßt. Wollt Ihr Euch dem unterwerfen, dan 
mögt Ihr in Gottes Namen bleiben !* 

Alle waren überzeugt, daß Maria Wafiljerona auf 
eine ſolche Bedingung nicht eingehen würde. Wie 
Sollte fie, die jo hochmütig war, fich öffentlich vor 
einer jungen Leibeigenen demütigen und ihr gar noch 
die Hand küſſen! Aber zum allgemeinen Erjtaunen 
willigte fie ein. 

Eine Stunde darauf verfammelten Fich die jänts 
lihen Leute vom Gut in der großen Vorhalle dei 
Herrenhauſes, um dem merkwürdigen Schauipiel bei: 
zumohnen — Maria Wafiljewna Fekluſchas Hand 
küſſend! Der General hatte ja verlangt, daß es ın 
feierliher Teffentlichkeit vor ſich gehen jollte, und 
eine Menge Menſchen hatten fich eingefunden, alle 
neugierig, das mit anzujehen. Meine Eltern waren 
aud) zugegen, und wir Kinder hatten uns ebenjal: 
die Erlaubnis dazu erbettelt. 

Aber ic) habe nie den Auftritt vergeſſen können, 
der nun folgte. Fekluſcha war völlig verwirrt über 
die Ehre, die ihr fo unerwartet zu teil wurde, umd 
wohl aud) in Angſt, Maria Wafiljeona würde ihre 
erzivungene Demütigung jpäter an ihr rächen. Sie 
ging zitternd zu meinem Vater und bat ihn, jie und 
Maria Waſiljewna vom Handkuß zu befreien. 

„Ich verzeihe ihr gern aud) jo,” ſagte jie, nur 
mühſam das Weinen unterdrüdend. 

Aber mein Vater, der ſich in eine der Situation 
angemejjene Stimmung hinein gearbeitet hatte und 
überzeugt war, nad) den Forderungen der ftrengften 
Gerechtigkeit zu handeln, erwiderte entjchieden: „Och 
Deiner Wege, dumme Dirne, und miſch Did) nit 
in Dinge, die Dich nichts angehen. Es geſchieht 
nieht um Deinetwegen, fondern um des Prinzip 
willen. Wenn ich mid) gegen Did) verfündigt hätte, 


| dann müßte fogar ich, Dein eigner Herr, Dir die 


Kindheits- und Jugenderinnerungen. 


Hand küſſen. Verſtehſt Du das nit? Na, dann 
ſchweig und ınudje nicht.” 

Die eingefchüchterte Fekluſcha wagte feinen weiteren 
Einwand, fondern jtellte fi) an ihren Plaß und er= 
wartete zitternd wie eine Schuldbeladene ihr Schidjal. 

Da ſchritt Maria Waſiljewna Teichenblaß durch 
den Menſchenhaufen, der fich vor ihr teilte. Sie ging 
mechaniſch wie im Schlaf, aber ihr Geficht drüdte 
ſolche Entſchloſſenheit und folhen Haß aus, daß man 
unwillkürlich bei ihrem Anblid ſchauderte. Die bfut- 
lofen Lippen waren frampihaft zujammen gepreßt. 
Sie ging hin zu Fekluſcha. 

„Verzeih mir,“ ftieß fie hervor, — es Hang wie 
ein Jammerfchrei, und mit einem fo haßerfüllten 
Ausdruck ergriff fie Heftig Felluſchas Hand und 
führte fie an ihre Lippen, daß es ausſah, ala wollte 
fie Diefelbe beißen. Plötzlich aber verzog ſich ihr 
Geſicht Tonvuljiviih und Schaum trat ihr vor den 
Dund. Sie ſtürzte unter frampfhaften Zudungen 
u Boden und ftieß ein durchdringendes Jammer— 
geſchrei aus. 

Jetzt erſt kam es heraus, daß fie ſchon früher 
ſolche nervöſe Anfälle, eine Art Epilepſie, gehabt, 
bor der Herrſchaft aber ängſtlich verheimlicht Hatte, 
us Angft, entlaffen zu werden, und die wenigen, 
welde von ihrer Krankheit gewußt, aus follegialifchem 
Geſfühl fie nicht verraten Hatten. 
Den Eindruck, den diefer Anfall auf die An— 
beienden machte „ Habe ich nicht gejehen, weil wir 
Kinder natürlich augenblicklich weg gebracht wurden, 
und ih ſelbſt vor Schreck nahe daran war, einen 
niteifägen Anfall zu befonmen. Um fo Iebhafter 
ciinnere 1) mich aber der Folgen desſelben auf das 
age Dienſtperſon al. Waren bisher alle gegen Maria 
Safiljeona im höchſten Grade aufgebradht und ge= 
häljig geweſen und Hatten ihre Handlungsweije fo 
nn umd ſchanlos gefunden, daß es ihnen förmlich 
in zu gewähren ſchien, ihr die allgemeine Ver- 
Reit un zeigen und fie auf jede nur mögliche 
— — ſo wurde das mit einem Schlage 
Over So ſpielte plötzlich die Role des leidenden 
Bahn; Wurde der Gegenftand allgemeiner Teil- 
fillen ie m — die Dienſtleute ſtanden nicht an, im 
—* F Urteil von Waſſilij Waſſiljewitſch für 
„Gens n reng zu erklären. 
Hüften alle fie ſich Jchlecht betragen,” erklärten 
Wenn Se AL, unter den dienenden Geijtern, 
ai a der Kinderſtube verfammelten, um 
Bidtigen € tat au pflegen, wie das nach jedem 
— we im Haufe geſchah. „Hätte der 
5 ſelbſt ordentlid) herunter gemacht oder 
ge Frau fie eigenhändig geſtraſt, wie das 
Brauch und Shit ; - jr 
wäre es Re did in anderen Häufern ijt, dann 
It gefährlich gewejen, — das kann man 


ertragen ! — 
— Aber zu verlangen, daß fie in Gegenwart 
senden Zungen 1895. II 16, 


133 


aller einem dummen Dinge wie dieſer Fekluſcha die 
Hand küſſen fol! Wer kann eine derartige Schande 
überjtehen ?” 

Es dauerte lange, bis Maria Waſiljewna wieder 
ruhig wurde. Die Anfälle wiederholten jich während 
der erjten Stunde Jo oft, daß nad) dem Arzt geſchickt 
werden mußte. 

Mit jedem Augenblid wuchs die Teilnahme für 
die Kranke und die Entrüftung gegen die Herrichaft. 
sm Laufe des Tages kam meine Mutter in die 
Kinderftube, und als fie Njanja cifrig beichäftigt ſah, 
Thee zu machen, obgleich e3 nicht Theezeit war und 
ganz unſchuldig fragte: „Für wen fol denn das 
werden, Njanja?“ befam jie Die gereizte Antwort: 

„Natürlih für Maria Mafiljeona! Für wen 
ſonſt? Darf man ihr nicht einmal eine Tafje Thee 
zukommen laffen, wenn fie franf iſt? Wir Dienjt- 
leute wenigitens Haben jo viel rijtliche Barmherzig— 
keit,“ jo daß meine Mutter ſich verblüfft zurüd zog 
und die Kinderftube möglichſt Schnell verließ. 

Und das war diejelbe Njanja, die noch vor ein 
paar Stunden Maria Waſiljewna tot geſchlagen haben 
würde, falls man e& ihr gejtattet hätte ! 

Nach einigen Tagen erholte ſich die Kranke wieder 
zur allgemeinen Freude der ganzen Dienerjchaft und 
blieb wie bisher in unjerem Haufe. Bon dem Ges 
Ichehenen wurde nicht mehr geſprochen, und ſelbſt unter 
den Dienftboten fand fi niemand, der ihr das Ver: 
gangene nachgetragen hätte, 

Doch ihr Huſten verjchlimmerte ſich bald. „Ich 
habe die ganze Nacht wie ein Hund gebellt,“ pflegte 
lie dann mit einer Art düſtrer Selbjtironie zu jagen. 

Aber vom Arzt wollte fie troß allen Zuredens 
meiner Mutter nichts hören, obgleid) fie mit jedem 
Tage bleiher und durchfichtiger wurde, und es fonnte 
fie geradezu böje machen, wenn man ihre Strankheit 
nur erwähnte. 

So Icbte jie noch etwa zwei, drei Jahre und hielt 
ih bis zuleßt aufrecht. Nur zwei Tage vor ihrem 
Zode blieb fie im Beit liegen, aber ihr Todesfampf 
war ſchwer und qualvoll. 

Auf Anordnung meine! Vaters wurde ihr ein 
nad) ländlichen Begriffen ftattliches Begräbnis zu teil, 
an dem nicht nur die Dienerichaft teilnahm, fondern 
aud) unfere ganze Familie. Fekluſcha folgte ihrem 
Sarge ebenfall3 und weinte bittere Thränen. _ 

Nur Philipp Matvjejitich war nicht mit. Ohne 
ihren Tod abzuwarten, hatte er ung einige Monate 
vorher verlajjen und eine lohnendere Stelle in der 
Nähe von Dünaburg angenommen, 


II, 


Die fatale Geihichte mit Maria Waſiljewna war 
das Vorſpiel zu einer ganzen Neihe Mißhelligkeiten, 
welche meinen Vater allmälich dahin brachten, der 

03 


134 


Kinderftube, mit der er fich bisher fo wenig wie 
möglich bejchäftigt Hatte, eine gewiſſe Aufmerkſamkeit 
zuzuwenden, wobei er, wie das häufig in rufjiichen 
Tamilien vorfommt, die gänzlich unerwartete Ent— 
dedung machte, daß feine Kinder weit Davon enijernt 
waren, fo gut erzogen zu werden, wie er geglaubt 
Hatte. 

Es firg damit an, daß Anjuta und ich eines 
Ihönen Tages fortliefen, und verirrten und erjt am 
Abend wieder aufgefunden wurden. Wir hatten 
Sumpfheidelbeeren gegeſſen und wurden infolge deſſen 
auch noch krank. 

Dieſer Vorfall zeigte, daß wir ohne genügende 
Aufſicht aufwuchſen, und der erſten Entdeckung folg— 
ten bald weitere mit überraſchender Schnelligkeit. 
Hatten bisher alle geglaubt, Anjuta wäre das reine 
Wunderkind, klug und weit über ihre Jahre ent— 
wickelt, ſo ſtellte ſich jetzt plötzlich heraus, daß ſie 
nicht nur unleidlich verzogen, ſondern für cin zwölf— 
jähriges Mädchen auch erſchreckend unwiſſend war, 
konnte ſie doch nicht einmal ordentlich ruſſiſch ſchreiben. 

Um das Maß voll zu machen, kam noch an den 
Tag, daß ſich die franzöſiſche Gouvernante etwas ſo 
Schlimmes hatte zu ſchulden kommen laſſen, daß in 
Gegenwart von uns Kindern gar nicht darüber ge— 
ſprochen werden durfte. 

Der trüben Tage, welche nun folgten, erinnere 
ich mich noch dunkel, wie einer Art allgemeinen häus— 
lichen Elends. In der Kinderſtube gab es den ganzen 
Tag Zank, Geſchrei und Thränen. Alle haderten 
mit einander, und jeder bekam etwas ab. Papa 
war wütend, Mama weinte, Njianja maulte, die 
Franzöſin packte händeringend ihre Sachen. Anjuta 
und ich verhielten uns mäuschenſtill und wagten 
nicht zu muckſen, denn jeder ließ ſeinen Aerger 
an uns aus, und das kleinſte Verſehen wurde uns 
als Schweres Verbrechen anzerechnet. Nichtsdeſto— 
weniger hörten wir geſpannt und mit einer gewiſſen 
kindiſchen Schadenfreude zu, wenn ſich die anderen 
zankten, und hatten ein Gefühl der Neugierde, was 
noch kommen würde. 

Mein Vater, kein Freund von halben Maßregeln, 
beſchloß eine gründliche Reform des ganzen Er— 
ziehungsſyſtems. Die Franzöſin mußte fort, Njanja 
wurde aus der Kinderſtube entfernt und ihr die 
Aufſicht über das Leinenzeug anvertraut, und zwei 
neue Perſonen hielten ihren Einzug in unſer Haus: 
Ein polniſcher Informator und eine engliſche Gou— 
vernante. 

Der Informator war ein angenehmer, beſcheidener 
Menſch, der ſein Fach von Grund aus verſtand; auf 


= u neh n oz 


Die eigentliche Kindererziehung aber übte er nicht den ' 


geringjten Einfluß aus. Die Gouvernante dagegen 
brauchte ein völlig neues Element in unſer Haus, 
Obgleich fie in Nußland geboren war und fließend 





Sonja Kowalevsky. 


ruſſiſch ſprach, Hatte fie fi) doch die typijchen Eiger: 
Idaften ihrer Raſſe vollftändig bewahrt, ihre Redt: 
Ihaffendeit, Ausdauer und Fähigkeit, eine einmal 
angefangene Sache durchzuführen. Dieſe Anlagen 
waren den hervortretendſten Eigenſchaften unſerer 
ganzen Familie geradezu entgegengeſetzt, und das er: 
Härt den auffallenden Einfluß, den fie bald gewann. 

Kaum in da3 Haus gelommen, richtete fie alle 
ihre Beftrebungen darauf, die Kinderſtube in eine 
Art engliſcher „Nursery* zu verwandeln, in welder 
fie echt engliſche „Misses* erziehen könnte. Aber 
Gott weiß es, daß es nicht leicht war, eine Preſſe für 
engliſche Misscs in einem ruſſiſchen Herrenhaus, mit 
feiner feit Jahrhunderten von Gefchlecht zu Geſchlecht 
vererbten, tief eingewurzelten Neigung zur Herrid: 
ſucht, Unachtſamkeit und Nachläſſigkeit, zu ſchaffen! 
Trotzdem erreichte ſie, dank ihrer merlwürdigen Aus— 
dauer, ihr Ziel, bis zu einem gewiſſen Grade we: 
nigſtens. 

Anjuta, die bis dahin in ungebundener Freiheit 
aufgewachſen war, unter ihr Joch zu beugen, wolle 
ihr allerdings niemals gelingen. Mehrere Jahre 
vergingen unter unaufhörlichen Kämpfen und Zus 
ſammenſtößen zmwijchen den beiden, bis ihr Anjuta 
endlich mit vollendeten fünfzehnten Jahre den Ge— 
horſam förmlich aufjagte. Aeußerlich befreite fie jih 
dadurd) von der Vormundſchaft, daß fie die Kinder: 
jtube verließ und ein Schlafzimmer neben dem von 
Mama bezog. Bon diefem Tag an betrachtete jie 
fi) ala erwachſen, und die Gouvernante juchte bei 
jeder Gelegenheit zu zeigen, daß Anjutas Betragen 
etwas fei, das fie abjolut nichts mehr anginge und 
dem gegenüber fie ihre Hände in Unfchuld wilde. 

Um fo eifriger fonzentrirte fie nun all ihre Sorgs 
falt und Gedanken auf mid), jonderte mich von 
meiner Familie ab und fuchte mich vor dem Einfluß 
meiner älteren Schwefter zu ſchützen, al3 wenn ſie 
eine Peſtkranke wäre. Ihre Bemühungen wurden 
durch die Größe und ganze Einrihtung des Herren 
haufes begünftigt, wo jehr gut drei, vier Familien 
hätten wohnen können, ohne fich gegenjeitig im ge: 
ringften zu geniren. 

Taft die ganze Parterremohnung, mit Ausnahme 
einiger Zimmer für die Dienerihaft und zufällig 
fommende Gäſte, ftand der Goupernante und mit 
zur Verfügung. Die obere Wohnung mit den Ge: 
ſellſchaftsräumen gehörte meiner Mutter und Anjıta. 
Tedja wohnte mit feinem Informator im Flügel, 
und das Arbeitszimmer meines Vaters lag im Par: 
terre de&3 vom übrigen Gebäude abgelegenen Turmes. 
Auf diefe Weile Hatte jedes der ſehr verjchieden- 
artigen Elemente unferer Familie fein Reich für fi 
und fonnte jeinen Weg gehen, ohne die anderen zu 
ſtören; nur bei den Mittags- und Abendmablzeiten 
fanıen wir alle zuſammen. 


Kindheit3- und Jugenderinnerungen. 


IV. 


Die Meduhr in der Schulſtube, die an das 
Schlafzimmer ſtößt, ſchlägt fieben. Dieje jieben 
Glockenſchläge kommen mir mitten im Schlaf zum 
Bewußtſein und verkünden mir mit Gewißheit, daß 
da3 Dienftmädhen Dunjaſcha ſogleich ericheinen 
wird, um mich zu mweden. Aber e8 ift jo für zu 
Ihlafen, daß ich mid) zu überreden verfuche, die ver— 
baten Töne nur in der Einbildung gehört zu haben. 
Jh wende mid auf die andere Seite, wide mic 
fefter in die Decke und genieße die kurze Wonne der 
legten Minuten Schlaf, denn ich weiß, daß e3 bald 
aus mit der Freude it. 

Und jekt knarrt wirklich die Thür, und man hört 
bie jhmweren Schritte Dunjaſchas, welche mit einer 
Tracht Holz Hereinfommt. Darauf folgt die ganze 
Reihe der wohl bekannten, jeden Morgen twiederholten 
Geräuſche, das Poltern des Holzes, wenn das Mäd— 
chen 8 auf die Diele wirft, das Knattern der Holz= 
wellen, wenn Dunjaſcha fie zerbricht, das Praſſeln 
nd Kniſtern des aufflackernden Feuers. Ich höre 
das alles im Schlaf, und es glückt mir, das behag— 
lie Gefühl Des Genuffes zu erhöhen und die Ab— 
wegung, aus Dem warmen Bett aufzuftehen, zu 

vergrößern. „Wenn id) doch nur noch cinen Augen— 
id Ihlafen könnnte, nur einen einzigen Augenblick!“ 
Aber das Praffeln des Feuers wird flärfer und 
wöchſt zu einem anhaltenden, taftmäpigen Brauſen an. 
„Ftäulein, es iſt Zeit, aufzuſtehen!“ tönt eine 
Stimme in mein Ohr, und Dunjaſcha zieht mir 
indarmherzig Die Dede weg. 
Draußen Wird es allmälich heller; die erjlen 
Strahlen des bleichen Wintermorgens verſchmelzen 
mt dem gelblichen Schein des Stearinlichts und 
geben allem ein totes, unwirtliches Ausjehen. Gibt 
= wohl eiwas Unbehaglicheres auf der Erde als bei 
Liht anfjuftehen 2 Ich fibe zufammengefrümmt im 
del und lange an, meine Strünpfe langjam und 
eg: anzuziehen, aber meine Augen fallen 
* — zu, und die ausgeſtreckte Hand, 
Sclung umpf hält, bleibt unbeweglich in diejer 
— ſpaniſchen Wand her, hinter welcher das 
plätigenn — ſteht, hört man ſchon Waſſer⸗ 
omaufen und energiſches Reiben. 
— Owdle, Sonja! If you are not ready 
nn u Of an hour, you will have to bear 
(„Sonia . 227 on your back at lunchon,* — 
ee nicht! Wenn Du nicht in einer 
Schlaſratz e fertig biſt, gehſt Du mit dem Zettel 
die frenge = dem Rüden zum Frühſtück,“) ertönt 
I bier timme der Gouvernante. 
Kar Strafen Drohung it nicht zu ſpaſſen. Körper: 
en entſinne ich mich nicht, aber die Gone 


135 


vernante hat es verftanden, andere, jchreden- 
erregende zu erfinden. Wenn id) irgend etwas 
verbrochen habe, befomme ich einen Zettel auf den 
Rüden, auf melden mit großen Budjtaben das 
Verbrechen jteht, deſſen ic) mich ſchuldig gemacht, 
und mit dieſem Schmuck muß ich beim Frühſtück 
oder Mittageſſen erſcheinen; eine Strafe, die ich mehr 
wie den Tod fürchte. Deshalb hat die Drohung der 
Souvernante auch die Wirkung, augenblicklich jede 
Spur von Schlaf zu verſcheuchen. Ich ſtürze aus 
dem Belt. Am Waſchtiſch wartet Dunjaſcha ſchon 
mit der Waſſerkanne und dem Badetuch. Nach 
engliſcher Sitte bekomme ich jeden Morgen eine kalte 
Uebergießung. Ein Augenblick eiſiger Kälte, die mir 
den Atem vollſtändig verſetzt, gleich darauf wie ein 
Strom kochenden Waſſers durch alle Adern, und 
endlich ein äußerſt behagliches Gefühl von ungewöhn— 
licher Lebhaftigkeit und Spannkraft im ganzen Körper. 

Mittlerweile iſt es völlig hell geworden, und ich 
gehe mit der Gouvernante in den Speiſeſaal. Auf 
dem Tiſch kocht der Samowar, im Ofen praſſelt das 
Feuer, und der helle Schein ſpiegelt ſich vervielfacht 
in den großen, gefrorenen Tyenftertafeln. 

Seht fühle ich nichts mehr von Müdigkeit; im 
Gegenteil ijt mir jo wohl zu Mut, jo unvernünftig 
luftig und übermütig, daß id) die größte Neigung 
verſpüre, Unfinn zu madjen, zu fpielen und zu lachen. 
Ach, wenn ic) da eine Spielgefährtin zum Springen 
und Toben gehabt hätte, jemand Gfleidhaltriges, mit 
demjelben Uebermaß jugendlicher Lebensluſt! Aber 
ih Hatte niemand. Allein mit der Gouvernante 
trinfe id) Ihee, denn die übrigen Familienglieder, 
Anjuta und Fedja nicht aufgenommen, ftehen viel 
Ipäter auf. Indeſſen ift meine Neigung zum Lachen 
und Unfinn machen doc) jo ftarf, daß ich ſogar 
einen Schwachen Verſuch mit der Gouvernante wage. 
Unglücklicherweiſe aber iſt dieje gerade nicht in bejter 
Stimmung, wa3 häufig am Morgen der Yall ift, 
da fie ein Leberleiden hat, und fie hält e3 deshalb 
für ihre Pflicht, meinen unpaljenden Anfall von 
Munterkeit mit der fühlen Bemerkung zurüdzumeijen, 
daß jeht nicht Zeit zum Spielen, fondern zum Ler— 
nei ſei. 

Der Tag fängt regelmäßig mit einer Mufikjtunde 
an. In dem großen Saal der oberen Wohnung, wo 
das Klavier fteht, ijt es jo falt, daß meine Finger 
ganz jteif werden und anjdhwellen, und die Nägel 
wie blaue Flecke hervortreten. 

Anderthalb Stunden Tonleitern und Finger— 
übungen, vom einförmigen Schlag des Taktſtockes 
der Gouvernante begleitet, fühlen das Gefühl der 
Lebensfreude, mit dem ich den Tag begann, bedenk⸗ 


Nic ab. An die Muſikſtunden ſchließt ſich der übrige 


Unterricht. 
So lange Anjuta noch teil nahm, machte es mir 


736 


die größte Freude; ich war zu der Zeit auch noch 
zu Mein, als daß Anforderungen an mich geftellt 
worden wären, hatte mir in Gegenteil die Erlaubnis 
erbettelt, an den Stunden der Schweiter teilnehmen 
zu dürfen. Da ich aber mit geipannter Aufmerk— 
jamfeit zubörte, fam es nicht jelten vor, daß ich, 
troß meiner fieben Jahre, alles Wort für Wort behalten 
hatte, während meine viergehnjährige Schweiter oft 
nichts mehr wußte, diefer Heine Triumph, ihr alles 
vorſagen zu können, beglüdte mich nicht wenig. Seit— 
dem aber Anjuta feine Stunden mehr hatte und die 
Nechte einer Erwachjenen genoß, hatten dieſe ihren 
Neiz für mich halb verloren. Ich lernte zwar noch 
immer fleißig, aber wie viel freudiger würde ich mid) 
angejirengt haben, wenn ich eine Gejährtin gehabt 
hätte! 

Um zwölf Uhr ift das zweite Frühſtück. Nach 
dem Tebten Biſſen geht die Souvernante an das 
Fenſter, um nah dem Wetter zu ſehen. Ich folge 
ihr mit Herzklopfen, denn dieje Frage ift für mid) 
von großer Wichtigkeit. Zeigt der Thermometer 
weniger als zehn Grad und ijt c3 nicht windig, 
fteht mir die leidige Ausficht auf einen anderthalb- 
ftündigen Spaziergang mit der Gouvernante bevor, 
die Allee, in der Bahn gemacht worden ift, auf und 
ab. Wenn e8 aber fälter oder windig ilt, macht Sie 
den ihren Begriffen nad) unentbehrlihen Spazier- 
gang allein und ſchickt mich in den oberen Saal, 
wo ich eine Bewegung mit dem Ball machen muß. 

Liebe ih auch das Ballwerfen nicht bejonders, 
denn ich halte mich mit zwölf Jahren für zu groß 
dafür und finde es faft beleidigend, daß die Gou— 
vernante zu glauben ſcheint, ich könnte an einem fo 
findliden Spiel noch Gefullen finden, fo komme id) 
troßdem diefer Anordnung mit Freuden nad), denn 
lie bedeutet für mich eine anderthalbftündige Freiheit. 

Die obere Etage gehört zwar meiner Mutter 
und Anjuta, um dieje Zeit aber ijt jede in ihrem 
Zimmer und fein lebendes Weſen in dem großen 
Saal. Ich fpringe einigemale umher, den Ball vor 
mir her follernd, aber meine Gedanken find weit weg. 

Wie die meijten einfam aufwachjenden Sinder, 
trug ich eine Welt von Träumen und Phantafien in 
mir, von der meine Eltern feine Ahnung hatten. 
Poeſie Tiebte ich leidenſchaftlich; ſelbſt die Form, der 
Rhythmus bereiteten mir wunderbaren Genuß, und 
ich verſchlang alles, was ich von ruſſiſchen Dichtern 
erreichen konnte, wobei id) befennen muß, daß fie 
mir um jo mehr gefielen, je hochtrabender und 
rührender fie waren. Ich hatte noch feine Gelegen- 
heit gehabt, meinen Geſchmack auszubilden, und 
Schukovskis Balladen blieben lange Zeit die ein- 
zigen, mir befannten Erzeugnifje ruſſiſcher Dichtkunft. 
In meiner Yamilie interejfirte fih niemand für 
diefen Zweig der Riteratur, und obgleich eine ziem- 


Sonja Kowalevsky. 


lid) große Bibliothef vorhanden war, beitand fie 
doch faft nur aus ausländiſchen Büchern; weder 
Puſchkin noch Lermontoff oder Nekraſoff waren vor: 
handen. Nie werde ich den Tag vergejien, als id 
zum erftenmal Filanoffs Anthologie in die Hand be: 
kam, die auf ausdrücklichen Wunſch des Lehrers ge: 
Fauft worden war und mir zu einer Art Offenbarung 
wurde. In den erjten Tagen darnach var id wie 
von Einnen und Ddeflamirte bejtändig halb lauı 
Strophen aus „Mtiyri” *) oder aus „Dem Ge: 
fangenen im Kaukaſus“,“*) bis die Goupernante 
endlich die Geduld verlor und drohte, mir das ge 
lichte Buch wegnehmen zu tollen. 

Der Rhythmus der Verſe übte von jeher einen 
fo hohen Reiz auf mid) aus, daß ich mir Schon von 
meinem fünften Jahr an vornahm ſelbſt melde zu 
ichreiben, aber die Gouvernante duldete dieje Ber 
Ihäftigung nit. Sie Hatte fi) ein ganz beilimm: 
tc3 Bild eines gejunden, normalen Stindes gemadt, 
da3 ſich zu einer eremplarijchen englijchen Mip ent 
wickeln jollte, und Verſeſchreiben paßte nicht dazu. Dei 
halb verfolgte fie ſchonungslos ale ſolche Verſuche 
meinerjeits. Fiel ihr unglücklicherweiſe ein Heft, dasid 
voll poetifcher Ergüſſe gefchrieben Hatte, in die Hände, 
dann hing fie es mir um den Hals und las bie 
unglüdjeligen Gedichte Anjuta oder Fedja zu ver: 
ſchiedenenmalen jo vor, daß fie natürlich entjtellt 
und Schauderhaft lächerlich gemacht wurden. 

Aber dieſe Verfolgungen nüßten wenig. Mit 
zwölf Jahren war ic) fteif und feſt überzeugt, zur 
Dichterin geboren zu fein. Ich wagte nur nid, 
meine Verſe nicderzufchreiben, aus Furcht vor der 
Gouvernante, fondern verfaßte fie im Kopf, wie die 
alten Barden und vertraute fie nur meinem Bull an. 
Mährend ih, im Saul herumlaufend, ihn vor mir 
her follerte, dellamirte ich mit erhobener Stimme die 
zwei Produfte, auf welche ih am meiften ftolz war: 
„Der Bebuine und fein Pferd“ und „Die Gefühle 
de3 Seemannd, während er nad) Perlen taudt“. 
Außerdem hatte ich noch den Plan zu einem längeren 
Gedicht im Kopf, „Strommirbel”, etwas zwiſchen 
Undine und Mifyri, von dem aber leider nur die 
eriten zehn Strophen fertig wurden — und hundert: 
undzwanzig follten e8 werden! Aber id) verlor den 
Mut nicht und war feit überzeugt, daß es feinerzeit 
eine Perle der ruſſiſchen Literatur werden würde. 

Alein die Mufe der Poeſie ift, wie man weiß, 
launenhaft, und fie findet ſich auch bei mir nid 
allemal gerade dann ein, wenn mir Ball zu jpieen 
befohlen wird. Kommt ſie aber nicht, wenn id 
fie rufe, dann gerate id) in eine höchſt bedenkliche 
Lage, denn die Verjuchung umgibt mich von allen 


Seiten. Neben dem Saal ift die Bibliothek, und 


*) Lermontoff. 
”*, Puſchkin. 


Kindheit3- und Jugenderinnerungen, 137 


dort liegen auf Tiſchen und Sofas, achtlos umher 
geworfen, die fejjelndften Bücher, ausländiſche Ro- 
mane und rufjiiche Zeitjchriften. Es iſt mir auf 
das ftrengjle verboten, fie anzurühren, denn die 
Gonvernante ijt jehr gewiffenhaft in Bezug auf meine 
Lektüre. Biel Jugendſchriften befige ich nicht, Die 
wenigen aber fann id) faft auswendig, troßdem darf 
id nichts, nicht einmal Kinderbücher leſen, ehe fie 
diefelben durchgefehen hat. Da fie aber Tangjam 
lieſt, auch nur wenig Zeit für dergleichen zu haben 
meint, befinde ich mic) bejtändig in einem Jozujagen 
chroniſchen Leſehunger. Und wenn id) nun Dielen 
Reihtum von Büchern fehe, nad) dem ich die Hand 
nur auäzuftreden brauche, wie jollte ich da der Ver« 
ſuchung widerftehen können! 

Anfangs kämpfe ich mit mir; allein bald nähere 
ih mid) den Büchern, zuerſt nur um darin zu blät— 
tern. Nachdem id) einige Seiten umgewendet, bie 
und da ein paar Zeilen gelefen habe, Taufe ic) wies 
der fort und jpiele mit meinem Ball, als ob nichts 
vorgefallen wäre. Allmälich aber feilelt mich das 
Leſen immer länger, und da ich jehe, daß der erjte 
Verſuch glüdlich abläuft, vergefje ich die Gefahr und 
verihlinge bald eine Seite nad) der andern. Es 
ftört mich durchaus nicht, wenn ich nicht den erflen 
Teil eined Romans befomme; mit demjelben Intereſſe 
fange ich in der Mitte an und denfe mir den Anfang 
dazu. Zwiſchendurch gebrauche ich die Vorficht, 
mit dem Ball manchmal zu follern, damit die Gou- 
vernante, falls fie etwa kommen jollte, un nad)zue 
jehen, wa3 ihr Zögling treibt, mid) beim Ballſpiel 
findet, wie fie befohlen hat. 

Gewöhnlich glückt auch dieſe Liſt. Ich höre zu 
tchter Zeit ihren Schritt auf der Treppe und kann 
nod gerade das Buch hinwerfen, ehe fie hereinfommt, 
jo daß fie der Ueberzeugung lebt, ihre Schülerin be— 
ſchäftigt ih mit dem Ballfpiel, wie es einen ge— 
jitteten und mwohlerzogenen Kinde anjteht. Ein paar⸗ 
mal bin id) aber doch jo ing Lejen vertieft, daß ich 
nicht eher etwa8 fehe oder höre, als biß die Gou— 
vernante wie aus der Erde gewachſen vor mir fteht 
und mich bei frifcher That ertappt. 

Bei einer ſolchen Gelegenheit, wie überhaupt bei 
jedem ernfteren Vergehen, das ich mir zu Schulden 
fommen laſſe, greift fie zum Weußerften und jchidt 
mi zu meinem Vater mit dem Befehl. ihm ſelbſt 
zu jagen, was id) verbrocden habe. Das ijt die 
ſchrecklichſte Strafe, welche ich kenne. 

Waſſilij Waffitjewitih war nicht ftreng mit feinen 
Rindern, aber er fam, außer bei den Mahlzeiten, 
jelten mit uns zuſammen und geftattete ſich nie die 
geringfte Vertraulichkeit, ausgenommen, wenn wir 
frank waren. 
Furcht, ung zu verlieren, machte ihn zu einem an» 


deren Menſchen. Dann war jeine Stimme und fein 


Da war er wie umgeivandelt — die | 


Mefen unendlich Hingebend und mild, und niemand 
verftand mie er uns zu liebkoſen und mit uns zu 
Ipielen. In ſolchen Zeiten vergätterten wir ihn, und 
die Erinnerung daran entzüdte uns nod) lange. Für 
gewöhnlid) aber befolgte er den Grundjaß, ein Mann 
müſſe ſtreng fein und war infolge deſſen äußerft 
ſparſam mit Zärtlichfeiten. 

Er liebte die Einfamkeit und hatte feine Welt 
für fi), in die er feiner Familie feinen Eintritt ge= 
ftattete. Am Morgen machte er einen Spaziergang 
auf die Felder, entweder allein oder mit dem Ver—⸗ 
walter und verbrachte dann faft den ganzen übrigen 
Tag in feinem Arbeitszimmer. Dieſes, weit von 
allen anderen abgelegen, bildete jozujagen das Aller« 
heiligfte im Haufe; nicht einmal meine Mutter ging 
ohne anzuflopfen hinein, viel weniger würden wir 
Kinder jemals den frevelhaften Gedanken gefaßt 
haben, unaufgefordert einzutreten. 

Wenn daher die Gouvernante jagt: „Geh zu 
Deinem Vater und jage ihm, wie Du Dich betragen 
haft!“ gerate ich faft in Verzweiflung. Ich weine, 
Iehne mich auf, aber die Gouvernante bleibt uner- 
bittlih, nimmt mic) bei der Hand oder jchleppt mich 
vielmehr durd) die Tange Reihe von Zimmern big 
vor die Thür meines Vaters; da überläßt fie mid) 
meinem Schickſal und geht ihrer Wege. 

Seht nützt es nicht3 mehr, zu weinen. Außerdem 
bemerfe ich im Worzimmer einen unbejchäftigten, 
neugierigen Bedienten, der mid) mit beleidigendent 
Intereſſe anltarrt. 

„E83 ſcheint, da3 Feine Fräulein hat wieder etwas 
Unrechtes gethan,“ höre ich den Bedienten, den 
Kammerdiener meines Vaters, in halb mitleidigen, 
halb vorwurfsvollen Ton Jagen. 

Ih würdige ihn feiner Antwort, bemühe mid) 
aber auszuſehen, als ob nicht? vorgefallen wäre, id) 
mic) im Gegenteil freiwillig zu meinem Water be= 
gäbe. In das Schulzimimer zurüdzufehren, ohne dem 
Befehl der Gouvernante Folge geleijtet zu haben, 
wage ich nicht, das hätte nur das Vergehen durch 
offenbaren Ungehorſam vergrößern heißen, und dort 
an der Thüre zu ftehen als Zieljcheibe des Spottes 
der ganzen Dienerjchaft, wäre unerträglich gewejen. 
Es bleibt mir aljo nichts weiter übrig als anzuflopfen 
und meinem Schidjal mutig entgegen zu gehen. 

Ich Eopfe Teile — ehr leiſe. Es vergehen einige 
Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorfommen, 

„Klopfen Sie etwas ſtärker, Fräulein — Papa 
hat e3 nicht gehört!“ bemerkt abermals der unerträg- 
lihe Diener Ilja, den der ganze Auftritt offenbar 
höchlich amüfirt. 

Es bleibt nicht3 anderes übrig — id) klopfe noch 
einnal. 

„Wer ift da? Herein!“ höre ich endlich meinen 
Pater aus dem Arbeitszimmer rufen. 


138 


Ich gehe hinein, bleibe aber im Halbdunfel un— 
mittelbar an der Schwelle ftehen. Der Vater jikt 
mit dem Nüden nad) der Thüre zu und ficht mich 
nicht. 

„a, wer iſt da? Was gibt's?“ ruft er unse 
geduldig. 

„Ich bin es, Papa. Malvina Jaklovlewna Hat 
mich hergeſchickt,“ ſchluchzte ich. 

Augenblidlih weiß mein Water, was da3 zu 
bedeuten Hat. 

„Ada! Zu haft Dich twieder einmal nicht gut 
betragen!“ jagt er und bemüht fi, einen möglichſt 
jtrengen Ton anzunchmen. „Na, erzähle! Was Haft 
Du gethan?” 

Und ſchluchzend und flotternd bringe ich meine 
Selbſianklage vor. 

Er hört zerjtreut zu. Seine Begriffe über Er» 
zicehung find Höchjt primitiver Art, und Pädagogik 
hält er für etwas, womit fi nur Frauenzimmer zu 
befaſſen haben. Welche Melt unflarer und ver= 
ſchiedenartiger Gefühle anfängt, fih in dem jungen 
Mädchen zu entwideln, da3, fein Urteil erivartend, 
vor ihm fteht, davon Hat er natürlid) feine Ahnung. 
Ganz in Anfpruch genommen von feinen „männe 


lichen“ Gejchäften, hat er nicht einmal bemerkt, wie 


id) allmälich aus dem Heinen, diden Kind von fünf 
Sahren herausgewachſen bin. Mein Vergehen cr= 
Iheint ihm wirklich unbedeutend, aber er hält Strenge 
in der Kindererziehung für unbedingt geboten. In— 
nerlich ärgert cr fid) über die Gouvernante, die eine 
ſolche Sfleinigkeit nicht beilegen fann und mid) zu 
ihm Sit; da man ihm aber einmal die Sache an— 
heimgejtellt hat, muß er auch feine Macht fühlen 
laſſen und fein väterlihed Net ausüben. Deshalb 
nimmt cr eine ftrenge und mißbilligende Miene an. 

„Du bijt ein ungezogened, ungehorfames Kind, 
und ich bin ſehr unzufrieden mit Dir,” jagt er und 
ſchweigt einen Augenblid, weil er nicht weiß, was 
er weiter jagen fol. „Geh und jtell Did) in die 
Ecke,“ enticheidet er ſchließlich, denn von allen püda= 
gogiichen Lehriäben ift ihm nur nod) der eine im 
Gedächtnis geblieben: ein unartiges Kind muß in 
der Ede ſtehen. 

Und jo muß ich, ein großes, zwölfjähriges Mäd— 
hen, das noch vor wenigen Minuten beim Lefen 
eines Romans die ſpannendſten piyhologiichen Scenen 
mit der Heldin durchlebt hat, mid) in die Ede jtellen 
wie ein kleines, dummes, unvdernünftiges Kind! 

Mein Bater nimmt feine Arbeit am Schreibtiſch 
wieder vor. Im Zimmer herricht tiefes Schweigen. 
Ich ftehe unbeweglid), aber du großer Gott, was 
denfe und fühle ich alles in diejen wenigen Minuten! 
Sch verftche volllommen und jehe ganz Far ein, wie 
verkehrt und unpaſſend dieſes Edenftehen ijt, aber 
aus einer gewiſſen innern Scham unterwerfe ich 


Sonja Kowalevsky. 


mich ſchweigend, ohne in Thränen auszubrechen oder 
irgend einen Auftritt herbeizuführen. Doc ein Ge 
fühl bittern Unrecht, machtlofen Zornes ſchnürt 
mir die Kehle zujammen und droft mid) zu erftiden. 
„Das find ja nur Dummheiten! Was kümmert es 
mich, in der Ede zu ſtehen?“ verjuche ich mid) zu 
tröften, aber cs ſchmerzt mich, daß mein Vater im 
ftande ijt, mich jo zu demütigen, derjelbe Vater, auf 
den ic) fo ſtolz bin, und der jo hoch über allen aus 
deren Steht. 

Eo lange ih allein mit ihm bin, mag es noch 
gehen. Aber jett Hopft es, und unter irgend einem 
Vorwand tritt der unausftehliche Ilja ein. Sch weik 
ganz genau, daß er lediglich aus Neugierde berein 
fommt, um zu fehen, welche Strafe „das Fräulein“ 
bekommt; aber cr beachtet mich gar nicht, verrichtet 
ſeine Beſchäſtigung ohne jede Eile, al3 ob er durch— 
aus nichts Ungewöhnliches bemerkte, und wirft erit 
beim Hinausgehen einen forſchenden Blid nad) mir 
hin. Ach, wie id ihn im dieſem Augenblick haſſe! 

Ic jtehe ſchweigend und fo unbeweglid) in meiner 
Ede, day mid) mein Vater höchit wahrſcheinlich ganz 
vergejien hat, und es vergeht eine lange Zeit, denn 
un Verzeihung zu bitten, bin ich zu ſtolz. Endlid 
erinnert er fid) meiner und fertigt mid) mit den 
Morten ab: „So, nun geh und fei ein anderesmal 
nicht wieder unartig!" Von der moraliichen Tortur, 
unter der feine Tochter die lebte halbe Stunde ge: 
litten, hat ex feine Ahnung, und jicher wäre er er= 
\hroden, wenn er in mein Inneres hätte bliden 
können; jo aber ijt ihm einige Minuten jpäter die 
ganze unbehagliche Scene entfallen. Ih dagegen 
verlaife ſein Zimmer mit einem Gefühl der Trauer 
iiber die unverdiente Demüligung, das weit über meine 
Sahre geht, fo bitter, wie ich e3 ähnlich nur noch 
wenigemale im jpäteren Leben empfunden habe. 

Gedrückt und ſchweigend kehre id) in die Schul— 
ftube zurüd, und die Gouvernante ift mit dem Re: 
fultat ihrer Erziehung&meihode zufrieden, denn mühe 
rend der nächſten Tage bin ich jo ftill und gefügig, 
daß fie nicht3 an meinem Betragen auszuſetzen findet. 
Aber fie würde bedeutend weniger zufrieden gewejen 
fein, wenn fie geahnt hätte, welchen Eindrud ihr 
pädagogiſcher Eifer in mir zurüdgelafjen hat. 

Zog fid) überhaupt ſchon durch alle meine Kind» 
heiterinnerungen wie ein ſchwarzer Yaden die Ueber: 
zeugung, daß ich von den Meinen nid)t geliebt würde, 
hervorgerufen und genährt durch die gelegentlich auf 
geichnappten Aeußerungen der Dienftleute, jo wurde 
fie durch das Einfiedlcrleben, das id) mit meiner 
Gouvernante führte, nur immer mehr befeitigt. 

Das 208 diejer war übrigens aud) fein heiteres 
Häßlich, vereinjamt in der Welt, nicht mehr jung 
eine Fremde in Rußland, wo fie ſich niemals hei« 
mich fühlte und beftändig die engliiche Geſellſchaft 


Kindheits- und Jugenderinnerungen. 159 


vermißte, wendete fie alle ihre Liebe, deren ihre vaude, | 


energiiche, nichts weniger als gefühlvolle Natur fähig 
war, mir zu. Ich war der Mittelpunkt ihres Den— 
kens und Strebens, der Inhalt ihres Lebens gewor— 
den; aber ihre Liebe war hart, eiferfüchtig und 
fordernd und entbehrte jeder Spur zärtlicher Weichheit. 

Meine Mutter und die Gouvernante waren jo 
grundverjhiedene Naturen, daß feine Syinpathie 
wilden ihnen möglid) war. Meine Mutter gehörte 
zu den rauen, die tweder äußerlich noch innerlich) 
altern. Sie ftanımte aus einer deutjchen Familie, 
von Schubert, welche Ichon lange in Rußland lebte. 
Ihr Großvater war ein befannter Gelehrter, ihr 
Vater Chef der Kriegsakademie geweſen. Seine 
Etellung verſchaffte ihm Eintritt in die höchiten 
militäriichen und willenjchaftlichen Kreiſe, und fein 
Haus war der Sanınıelplaß für alles, was damals 
an Intelligenz und Bedeutung in Peteräburg lebte. 
Er hatte jeine frau früh verloren, und fein Haus— 
halt wurde von jeinen vielen unverheirateten Schwe— 
ftern bejorgt,, welche alle bei ihm wohnten, infolge 
beijen aber faın meine Mutter, Elizaveta Feodorowna, 
al3 junges Mädchen mit der praftiichen Seite des 
Lebens gar nicht in Berührung. Sie erhielt cine 
beffere Erziehung ala die Mehrzahl der damaligen 
jungen Rujjinnen, war eine geſchickte Klavierſpielerin, 
ſang vortrefflich, ſprach verfchiedene fremde Spracden 
und war wohl beivandert in der deutjchen und fran— 
zöliichen Literatur. Auch künftleriich war fie bean: 
lagt, aber Fein Talent fo groß, daß c8 Opfer von 
ihr verlangt oder ftörend in den Geſchmack und 
die Bequemlichkeit der übrigen Familie eingegrifjen 
hätte; fie pflegte die verfchiedenen Talente mehr, um 
anderen Freude Damit zu machen, als um ihrer ſelbſt 
willen. Im Haufe ihres Vater verkehrten meijt 
ältere, ernfte Leute, welche es ſehr behaglich und au— 
mutend fanden‘, mit dem hübſchen, begabten jungen 
Mädchen zu plaudern, und fo fam «3, daß ihr von 
Jugend auf die Rolle einer frijchen, duftigen Blume 
zufiel, welche fi) von dem grauen Hintergrund der 
alademiſchen Gelehrſamkeit ihrer Umgebung reizvoll 
abhob. Für alle gelehrten Freunde ihre® Vaters 
war fie das Ideal des von Goethe bejungenen 
„Kindes“, das vom Geſchick beſtimmt zu fein Scheint, 
überall da, wo ältere deutjche Denker zufanımen 
lommen, mit Naturnotwendigfeit zu erſcheinen, wie 
eine Meine, junmende Hummel ein großes, ſchwer— 
jälliges Nashorn umſchwärmt, das der Ruhe pflegt. 

Mein Bater, Wafjilij Waſſiljewitſch, der bedeu— 


tend älter als fie war, und ſich dadurd) von vorn= 
herein gewöhnt hatte, fie als Kind zu betrachten, be: 
hieit diefe Gewohnheit bis in fein Alter bei. Er 
nannte fie Lila oder Liſawotſchka, während fie immer 
ehrfurchtsvoll Waſſilij Waſſiljewitſch zu ihn fagte. 
Es kam fogar vor, daß er jie in unferer Gegenwart 
zurechtwies. „Nun ſchwatzſt Du wieder dummes Zeug, 
Liſawotſchka,“ konnten wir öfters hören. Weit ent— 
fernt, empfindlich) zu werden, verharrte fie dann 
vielmehr bei ihrer Anficht wie ein verzogenes Kind, 
dem das Privilegium gebührt, aud) für feine unver— 
nünftigften Einfälle Beifall zu finden. 

Und doch wäre fie ohne Zweifel eine vortreffliche 
Hausfrau geworden, wenn fie durd) ihre Verheiras 
tung in eine patriarchaliſche ruſſiſche Familie ges 
kommen wäre. Im Haufe meines Vater8 aber wurde - 
ihr das nicht leicht gemacht. Waſſilij Waſſiljewitſch 
war Witwer als er ſich mit Elizaveta Feodorowna 
verheiratete, und obgleich keine Kinder aus erſter Ehe 
da waren, wurde doch die ganze Hausordnung jener 
Zeit beibehalten. Den Dienſtleuten, alte Leibeigene 
der Familie, welche alle Macht und Herrſchaft an 
ih geriſſen hatten, fonnte die neue Herrin, die faſt 
nod ein Kind und von ſanftem und Hingebendem 
Weſen war, nicht imponiren. Eine Art heimlicher 
Bund wurde gegen fie geichloffen, ihren Einfluß auf 
die vier Mände des Salons einzufchränfen und unter 
feiner Bedingung die Herrihaft in ihre Kleinen, 
ſchwachen Hände übergehen zu laffen. Im Anfang 
ihrer Ehe verfuchte fie dennoch verfchiedenemale, das 
Joch der Dienerichaft abzujchütteln, aber jede felb- 
ſtändige Anordnung ihrerjeit® in Bezug auf häus— 
lihe Angelegenheiten begegnete jo hartnäckigem, 
wenn auch ehrfurchtsvollem Widerftand, ihre Befehle 
wurden fo ſehr mit dem offenbaren Beſtreben, das 
Gegenteil davon zu thun, ausgeführt, daß daS Re— 
ſultat infolge deſſen höchſt kläglich ausfiel. So blieb 
meiner armen Mutter nicht3 weiter übrig, als ihren 
Mangel an praftiichen Kenntniſſen und Erfahrungen 
einzujehen und ſich beihämt zurüdzuziehen, und alle 
ihre Auflehnungsverfuche dienten nur dazu, die Ty— 
rannei der Dienftboten zu befejtigen. 

Bor meiner Gouvernante fürchtete fie ſich förm— 
Tich, denn die freiheitslichende Engländerin behandelte 
fie oft ziemlich kurz und betrachtete ſich als Allein— 
herricherin in der Kinderftube, unſere Diutter dagegen 
nur wie einen zufälligen Gaft. Die Folge davon 
war, daß Sid) dieje nur felten darin bfiden ließ und 
fi) faft nie in meine Erziehung mijchte. 


(Fortſehung folgt.) 


Teß. 


Von 


Thomas Hardy. 


(Schluß.) 


Inzwiſchen war Glare automatisch den Meg 
wieder zurücgewandert, den er gekommen; ſobald 
er jein Hotel wieder betreten hatte, ſetzte er fich zum 
Frühſtück nieder und ſtarrte vor fi hin. Er aß 
und trank, ohne daß es ihm bewußt wurde, bis er 
plöglih aufjprang und feine Rechnung verlangte. 
Nachdem er, mit dem Keijefad in der Hand, dem 
einzigen Gepäd, das er bei ſich hatte, bezahlt hatte, 
ging cr. 

In demſelben Augenblick, als er das Haus ver- 
ließ, wurde ihm cin Telegramm eingehändigt — 
einige wenige Morte feiner Mutter, die bejagten, 
daß fie fi) freue, ſeine Adreſſe zu wiſſen, um ihm 
mitteilen zu fönnen, daß jein Bruder Cuthbert um 
Mercy Chant gewworben und ihr Jawort erhalten habe. 

Glare riß das Papier in Stüde und ging die 
Straße zur Etation hinab; al3 er Ddieje erreicht 
hatte, entdcdte er, daß innerhalb einer Stunde und 
mehr fein Zug gehe. Er ließ ſich nieder, um zu 
warten, und nachdem er eine Vierteljtunde mit Nad)= 
ſinnen verbracht Hatte, fühlte er, daß er es nicht 
länger ertragen könne, in thatenlojer Nuhe da zu 
fiten. Im Herzen wie erftorben, gab es für ihn 
nichts, was ihn zur Eile hätte antreiben können; 
nur wünſchte er jo raid) al3 möglich eine Etadt zu 
verlajfen, welche der Schauplaß einer ſolchen Er— 
fahrung für ihn geworden war; er ging de&halb fort, 
um nad der nächſten Station ſich zu begeben und 
hier den Zug zu befteigen. 

Die Landſtraße, die er verfolgte, war eine offene 
und dachte in einer Heinen Entfernung in ein Thal 
ab, durch welches man fie von Nand zu Nand hinab 
und hinauf fi) winden ſehen konnte. Den größeren 
Zeil der Senkung hatte er beveit3 überwunden und 
Hetterte die wejtliche Erhebung hinan, als er, um 
Atem zu ſchöpfen, ftehen blieb und unbewußt rüde 
wärt3 ſchaute. Was es war, fonnte er nicht jagen, 


| aber irgend etwas ſchien ihm zu dielem Alt zu 
| zwingen. Das bandartige Bild der Straße wurde 
im Hintergrumde ſchmäler und ſchmäler; ala er ge: 
nauer hinſah, entdedte er einen fich bewegenden 
Punkt, der in die weiße Peere ihrer Perſpeltive eintrat. 

Es war wie eine eilende menjchliche Figur. 
Clare wartete mit dem dumpfen Gefühl, daß jemand 
verjuche, ihn zu überholen. 

Die Gejtalt, weldhe den Hügel Herauffam, war 
diejenige einer Frau, aber jo wenig dachte er daratı, 
daß fein Weib ihm folgen werde, daß er fie, jelbit 
al3 fie näher kam, in dem völlig veränderten Anzuge, 
in welchem er fie jebt vor ſich ſah, nicht erfann 
haben würde. Erft als fie unmittelbar vor ihm jtand, 
überzeugte er ſich, daß er fein Weib vor fic habt. 

„Ich ſah Did) die Station verlaffen, gerade — 
als id) fie erreichte; — den ganzen Weg bin id 
hinter Dir her gelaufen.” 

Sie war fo bleih und atemlos und zitterte ſo 
Sehr am ganzen Körper, daß er feine Frage an jie 
richtete, jondern ihre Hand ergriff, fie in feinen Arm 
legte und mit id) fortzog. Um Begegnungen zu 
vermeiden, verließ er den Landiveg und ſchlug einen 
Fußpfad ein, der unter Föhren entlang führte. Als 
fie weit genug unter die Hagenden, bewegten Aeſte 
vorgedrungen waren, blieb er ftehen und fah fie 
fragend an. 

„Angel,“ jagte fie, als ob fie mur auf dicken 
Augenblict gewartet hätte, „weist Du, weshalb id) 
hinter Dir her geeilt bin? — Nur um Dir zu Jagen, 
daß ich ihm getötet Habe.“ in mitleidiges, gejpen: 
ſtiges Lächeln glitt bei diefen Worten über ihr Antlik. 

„Was?“ fagte er, während er bei der Sonder: 
barkeit ihrer ganzen Art und Weife dachte, ſie ſpreche 
im Delirium. 

„Ja, ich habe es gethan,“ fuhr fie fort, „aber 
ic) weiß nicht — wie! Ich war es Dir und mir 
ſchuldig, Angel! Ich habe es lange genug gefürdte; 
feit ich ihn mit meinem Handſchuh auf den Mund 


Tech. 141 


\hlug, habe ich gefürchtet, daß ich es eines Tages 
thun werde, um das Unrecht, das er in meiner 
Ichußlofen Jugend an mir und durd) mid) an Dir 
gethan hat, zu rächen. Er ift zwischen uns getreten 
und hat uns unglücklich gemacht, aber jebt ift es 
vorbei. Ich habe ihn niemals geliebt, wie id) Dich) 
geliebt habe, Angel; das weißt Du, nicht wahr? 
Das glaubft Du! Du bift zu mir zurücgefommen, 
und id) war gezivungen, zu ihm zurück zu fehren. 
Warum bijt Du fortgegangen — warum — obgleich) 
ich Dich jo fehr liebte? Ich kann mir nicht vor— 
ftellen, warum. Aber ich tadle Dich nicht; nur eins, 
Angel: willſt Du mir jet meine Sünde gegen Did) 
vergeben, jet da id) ihn ja doch getötet habe? Ich 
dachte, ala ich Hinter Dir Her eilte, daß Du mir 
jebt, nachdem ich dies gethan hätte, ficher vergeben 
würdeſt. Es fam wie eine Erleuchtung über nich, 
daß ih Dich) auf dieſem Wege würde zurücgemwinnen 
fönnen. Ich konnte Deinen Verluft nicht länger 
ertragen — Du fannft Dir nicht vorftellen, mie 
völlig unmöglich e8 mir war, es zu ertragen, nicht 
Mehr von Dir geliebt zu werden. Jetzt jage mir, 
teurer, geliebter Gatte, daß Du mid) noch liebſt — 
jet, da er ja doch tot iſt!“ 

„sa, ich Tiebe Dich, Teß! DO, gewiß — es ift 
ale zurüdgelommen!" Er legte feine Arme um 
fie und zog fie mit fieberhafter Gewalt an ſich. 
„Aber was willft Du damit fagen, Du habejt ihn 
getötet 2” 

„Isa glaube, daß ich es gethan habe!” murmelte 
je träumeriſch. 

„ie, leiblich? Iſt er tot?“ 

„3a. Er hörte, wie ich um Did) weinte, und 
verhöhnte mid); dann nannte er Dich mit einem 
Shimpfnamen — und darauf that ich eg. Mein 
Herz ertrug e3 nicht. Dann zog ih mich an und 
ging fort, um Dich zu fuchen.” 

Nah und nad fam er dahin, zu glauben, daß 
fe einen [wachen Anschlag verfucht, Schließlich, daß 
fe wirllich gethan babe, was fie erzählte. Der 
Shreden über ihren Impuls war gemiſcht mit Bes 








fürzung über die Stärfe und die Seltfamfeit ihrer 


Zuneigung zu ihm, die jcheinbar ihren moralijchen 
Sinn völlig ausgelöjcht hatte. Unfähig, den ſchweren 
Ernft ihrer That zu begreifen, ſchien fie ganz zu— 
ftieden; und er jah auf die, welche meinend vor 
Glüd an feiner Schulter lag, hinab und fragte ſich 
verwundert, welch ein dunkler Tropfen im Blute der 
D'Urbervilles zu dieſer Verirrung geführt hätte — 


wenn es in der That eine VBerirrung gewvejen. Der 


Gedanke tauchte in ihm auf, daß die Familien- 

tradition in Teß lebendig geworden fein fünne, nad 

der die D’Urbervilles bekannt geweſen waren, der= 

artige Gewaltthätigkeiten zu begehen. Ebenſo wohl 

indes, wie ihre fonfufen und eraltirten Ideen die 
Ans fremden Zungen. 1895. II. 16, 


| 
| 
| 


Urſache gewejen fein fonnten, ebenjo wohl war es 
indes möglich, daß in dem Nugenblid tiefen Kummers, 
von welchem fie geiprocdhen, ihr Gemüt das Gleich— 
gewicht verloren und fie in diefen Abgrund geftürzt 
hatte. 

Es war überaus ſchrecklich, wenn fie die Wahr— 
heit ſprach, und traurig, wenn es fich nur um eine 
vorübergehende Halluzination handelte. Aber wie e3 
au fein mochte — für ihn gab es feine Wahl 
mehr; vor ihm ftand jein verlaſſenes Weib, das ihn 
mit Leidenjchaft liebte, da3 ohne den Zweifel an ihm 
Ding, er könne ihr etwas anderes fein, al3 ihr Be— 
ſchützer. Er ſah ein, daß es ihrer Meinung nad) 
unmöglid) jei, daß er ihr je etwas anderes fein könne. 
Schließlich drängte die Zärtlichkeit jede andere Em— 
pfindung in ihm zurüd, 

Er küßte fie endlos mit feinen weißen Lippen, 
drüdte ihre Hand und jagte: 

„Ich werde Dich nie mehr verlaflen. Was Du 
auch gethan oder nicht gethan haben magſt, Gelieb- 
tejte, ich werde Dich mit allen Mitteln, die in meiner 
Macht liegen, zu ſchützen juchen.“ 

Sie gingen unter den Bäumen weiter, während 
Teß dann und wann ihren Kopf zurüdbog, um ihn 
anzuſehen. Obgleich er häßlich und mager geworden 
war, jo entdedte fie offenbar nicht den geringiten 
Fehler in feiner Erfcheinung. Für fie war er förper- 
lich und geiftig wie früher das Mufter aller Boll: 
endung. Noch immer war er ihr Antinoug, ſelbſt ihr 
Apollo; fein krankes Antlitz war ihrem verliebten 
Bid Schön wie der Morgen — an diejem Tage 
nicht weniger al3 an jenem, an welchem fie ihn zum 
erjtenmal gejehen hatte: denn war es nicht das 
Antliß des einzigen Mannes auf der Welt, der fie 
rein geliebt Hatte und der fie rein verehrt hatte? 

Mit einem Inſtinkt für gewiſſe Möglichkeiten 
begab Angel ſich jet nicht, wie er zuerſt beabjichtigt 
hatte, zur nächſten Station jenſeits der Stadt, ſondern 
Ihritt unter den Föhren weiter, die hier meilenweit 
ausgedehnte Worfte bilden. Sich einander ums 
fallend, gingen fie über den trodenen Teppich von 
Tsöhrennadeln dahin, von einer weiten, beraujchenden 
Atmojphäre umflutet, in dem Bewußtſein, Schließlich) 
dennoch bei einander zu fein, ohne eine lebende 
Seele zwiihen ſich und ohne an den Leichnam in 
der Stadt zu denken, So ſchritten fie mehrere 
Meilen dahin, bis Teß erwachend um fid) Jah und 
furchtſam fragte: 

„Gehen wir einem bejtimmten Ort zu?“ 

„Ih weiß es nicht, Geliebte. Warum ?“ 

„Ich weiß es auch nicht.“ 

„Nun, wir können ja noch einige Meilen weiter 
wandern und, wenn es Abend iſt, uns irgendwo ein 


Unterkommen ſuchen — vielleicht in einer allein 
ſtehenden Hütte. Biſt Du gut zu Fuß, Teß?“ 
94 


142 


„D ja! Mit Deinem Arme um meine Hüfte 
könnte ich bis in alle Ewigkeit weiter wandern.” 

Ales in allem erihien ihnen das das Vernünfe 
tigſte, was fie thun fonnten. Deshalb beeilten fie 
ihre Schritte, vermieden die Landſtraßen und ver— 
folgten unbelannte Pfade, die fie mehr oder weniger 
nordwärts führten. 

Während des ganzen QTuged ging etwas Un: 
beftimmtes, Ziellofe8 durch ihre Bewegungen, feiner 
von ihnen fchien die Tyrage des Entichlüpfens, Teß 
zu verbergen oder zu verkleiden, ernftlich ins Auge 
zu fallen. Jeder ihrer Gedanken ſchien auf den 
Angenblid berechnet und planlos, wie bei Kindern. 

Um Mittag famen fie in die Nähe einer Straßen 
ſchenke, und Teß würde fie mit Angel betreten haben, 
um etwas zu cjjen, wenn Diejer ſie nicht beredet 
hätte, zwilchen den Bäumen und Büſchen dieſes Halb 
moorigen Waldlandes fich verborgen zu halten, bis 
er zurüdfonmen werde. Ihre Stleider waren nad) 
neuejter Mode, felbjt ihr Sonnenjhirm mit dem 
Elfenbeingriff hatte eine Form, die in den abgelegenen 
Gegenden, durch melde fie wanderten, unbefannt 
war; und diefe Sachen würden auf den Bänfen 
einer Schente gewiß Auffehen gemacht haben. Er 
tehrte bald mit Speijen für ein halb Dutzend Per— 
ſonen und zwei Flaſchen Wein zurüd — hinreichend, 
um fie während eines Tages oder mehr zu unter= 
halten, im Falle irgend ein Ereignis es notwendig 
machen jollte. 

Sie ließen auf einigen abgeftorbenen Aeſten ſich 
nieder umd nahınen ihr Mahl ein. Zwiſchen ein 
und zwei Uhr packten fie die Reſte zufammen und 
gingen weiter. 

„I fühle mid) ftark genug, noch eine Strede 
Wegs zu gehen!” jagte Teß. 

„Sch glaube, wir fünnen von nun an einen all 
gemeinen Weg in da3 Innere des Landes bemüben, 
wo wir und für einige Zeit verbergen fünnen und 
two man uns weniger beachtet, als an der Küſte,“ 
bemerkte Glare. „Später, wenn man ung vergeljen 
hat, fünnen wir nad) irgend einem Hafen una be= 
geben.” 

Sie antwortete nur dadurch, daß fie ihn enger 
unfaßte, und fo twanderten fie geradewegs dem In— 
lande zu. Obgleich man fi) im engliihden Mai 
befand, fo war das Metter dod) hell und heiter, und 
während de3 Nachmittags wurde e3 ganz warm. 
Mährend der Iekten Meilen ihres Marſches hatte ihr 
Fußpfad fie in die Tiefen des „Neuen Forſtes“ ges 
führt, und als fie gegen Abend um eine Straßenede 
bogen, bemerkten fie hinter einem ornamentirten Thor 
ein langes Breit, auf welches in weißen Buchſtaben 
folgendes gemalt war: „Dies anfehnlicdhe Haus wird 
vermietet.” Einzelheiten folgten mit einem Hinweis 
um Auskunft an einige Londoner Agenten. Als fie 


Thomas Hardy. 


da3 Thor durchſchritten hatten, entdedten fie das 
Haus, ein würdiges Gebäude in großen Verhältnilien, 
nad einen regelrechten Plan ausgeführt. 

„Ich kenne es,“ ſagte Clare. „ES ift das Herren 
haus von Bramshurft. Du fiehlt, daß es auf 
gefchloffen ift und Gras wächſt im Thorwege.“ 

„Einige der Fenſter find offen,” jagte Te. 

„Um die Zimmer zu lüften, wie ich vermute.“ 

„Affe diefe Zimmer find Teer und wir ohne ein 
Dad über unjeren Häuptern.“ 

„Und Du bift müde, meine liebe Te!“ jagle 
Angel. „Wir werden bald Halt maden.“ Und ſie 
auf den müden Mund küljend, führte er fie vorwärts, 

Er wurde ebenfall3 müde, denn fie waren nidt 
weniger al3 zwanzig Meilen gewandert; e3 wurde 
daher notwendig, an die Nachtruhe zu denken. Eie 
ſchauten in die Ferne nah einſam liegenden Hütten 
und Wirtjchaften und waren geneigt, ich einer der 
letzteren zu nähern, aber ſchließlich fehlte es ihnen an 
Mut, und fie flohen davon. Ihr Gang wurde jälep: 
pend, dann machten fie Halt. 

„Könnten wir nicht unter den Bäumen fchlafen?“ 
fragte Teß. 

Er hielt die Jahreszeit noch nicht für genügend 
vorgeſchritten. 

„Ich habe an das leere Haus gedacht, an welchem 
wir vorbeigekommen ſind,“ ſagte er. „Laß uns wieder 
dahin zurückkehren.“ 

Sie kehrten alſo zurück. Den Weg bis zum 
Eingangsthor machten ſie indes jetzt eine halbe 
Stunde ſchneller als vorher. Sie blieb draußen, 
während er hineinging, um zuzuſehen, ob ſich jemand 
darin befinde. 

Teß ließ zwiſchen den Büſchen im Thorwege ſich 


nieder, während Clare dem Hauſe zuſchritt. Seine 


Abweſenheit währte eine bemerkenswerte Zeit und 
als er zurückkehrte, war Teß in großer Furcht nicht 
ihretwegen, ſondern ſeinetwegen. Er hatte von einem 
Knaben erfahren, daß eine alte Frau das Haus be⸗ 
aufſichtige, daß ſie indes nur an ſchönen Tagen aus 
dem benachbarten Dörfchen komme, um die Fenſtet 
zu Öffnen und zu jchlieken. Sie würde gegen 
Sonnenuntergang fommen, um fie zu ſchließen. 
„Seht können wir unbejorgt durch eins der niedrigen 
Tenfter einfteigen und uns ausruhen.” 

Unter Angel® Führung wanderte Teß furchtſam 
der Hauptfronte zu, deren gejchlojjene Fenſter die 
Möglichkeit von MWächtern ausſchloſſen. Die Thür 
wurde nad) einigen Schritten erreicht; eind ber 
Fenſter neben derjelben jtand offen. Clare Hetterte 
hinein und 309 Teß fi nad). 

Den Korridor ausgenommen, waren alle Zimmer 
dunkel; fie ftiegen deshalb die Treppe hinan. Chen 
waren die Läden ebenfalls dicht gejchloffen; die Ven⸗ 
tifation war an dieſen lebten Tagen durch Oeffnung 


Teß. 


der Korridorfenſter in der Fronte und durch eins 
der oberen Fenſter nach hinten hinaus herbei geführt 
worden. Clare öffnete die Thüre eines großen 
Zimmers, ging hindurch und ſtieß die Läden in einer 
Breite von zwei bis drei Zoll auf. Ein Strahl 
fanzenden Sonnenlichtes fiel in das Zimmer und 
offenbarte ſchwere, altmodijche Möbel, farmoifinrote 
Borhänge und eine ungeheure vierpföftige Bettjtelle, 
der zu Häupten eilende geſchnitzte Figuren angebracht 
waren, welde dem Anſchein nad den Wettlauf der 
Atalanta darftellten. 
„Endlih Ruhe!“ fagte Angel, jeinen Reijejad 
und fein Bündel mit Lebensmitteln niederjegend. 
Sie hielten fi ruhig, bis die Aufjeherin da 
gewejen fein würde, die Fenſter zu jchließen. Bor: 
fichtig hielten fie ſich ſelbſt völlig un Dunkeln und 
Ichlojien die Läden wieder, im Falle die Frau durd) 
irgend einen Zufall die Thür ihres Zimmers öffnen 
jollte. Zwiſchen ſechs und fieben Uhr fam fie, näherte 
ich aber dem Flügel, in welchem fie fich befanden, 
nicht. Sie hörten fie die Fenſter ſchließen, fie feft 
maden, die Thür verriegeln und fortgehen. Dann 
ſtahl Clare wiederum einen Gtreifen Licht vom 
Fenſter; fie teilten das Mahl bis nad) und nad) die 
Schatten der Nacht fie einhüllten, die zu vertreiben 
ihnen Lampe und Serze fehlten. 


VI. 


Die Nacht war ſonderbar feierlich und ſtill. In 
den lurzen Stunden erzählte Teß Angel, wie er im 
Schlafe mit ihr im Arm unter großer Lebensgefahr 
für fie beide über den Froomftrom gegangen fei und 
fie in einem Steinfarg der zerftörten Abtei nieder« 
gelegt habe. Bis jeßt hatte er nichts von dem allen 
geahnt. 

„Darum haft Du es mir am nächſten Tag nicht 
gelagt?" fragte er. „Es hätte vielleicht manches 
MNißverſtändnis und viel Leiden verhindert.“ 

„Denke nicht an das, was vergangen ift!” fagte 
fie. „Ich werde an nichts denken, was über dieſen 
Augendlid hinaus liegt. Warum follten wir aud! 
Ber weiß, was ſchon der Tag morgen für un 
bringt!” 

Anscheinend indes nichts Trauriges. Der Morgen 
war naß und neblid), und da Clare recht unterrichtet 
war, daß die Haußverwahrerin die Fenſter nur an 
ſchönen Tagen öffne, jo wagte er e&, während Teß 
noch ſchlief, aus dem Zimmer zu jchleihen und im 
Haule Umfhau zu Halten. Es befanden fid) feine 
Lebensmittel in den Vorratskammern, aber Wajjer 
gab es; er benützte deshalb den Nebel, um ſich vom 
Landhauſe zu entfernen und Thee, Brot und Butter 
in einem Laden der kleinen, zwei Meilen entfernten 
Stadt zu kaufen, und ebenſo einen kleinen Zinnkeſſel 


748 


und eine Spirituslampe, damit man Feuer machen 
könne, ohne daß es rauche. Als er wieder eintrat, 
erwachte ſie; und fie ſrühſtückten von dem, was er 
mitgebracht hatte. 

Sie hatte feine Luft, weiter zu gehen; der Tag 
verging, ebenjo die folgende Nacht und die nädjite 
und die übernächlte, bis fie, fat ohne es gewahr zu 
werden, fünf Zage in vollfommener Abgeichloffenheit 
verlebt hatten, ohne daß ein Zeichen oder ein Ton 
menjchlichen Lebens ihren Frieden, ſoweit davon die 
Rede fein fonnte, gejtört hätte Der Wechſel des 
Wetters waren die einzigen Ereigniſſe ihres Lebens 
und die Vögel des Neuen Forſtes ihre einzige Gefell- 
haft. Nach einem ſtillſchweigenden Uebereinfommen 
Iprachen fie faft gar nicht von irgend einem Ereignis, 
das jeit ihrer Hochzeit fich zugetragen hatte. Die 
traurige Zeit, die zwijchen jenem Tag und heute lag, 
Ihien in da3 Chaos verjunfen, über welchem die 
Gegenwart und die Vergangenheit ſich ſchloſſen, als 
ob fie niemal3 gewejen. Als er ihr indes vorjchlug, 
fie möchten ihren Zufluchtsort verlafjen, un nad) 
Southampton oder London weiter zu gehen, verriet 
fie eine große Abneigung, eine Nenderung herbei zu 
führen. 

„Warum jollten wir all dem Guten und Lieben 
ein Ende machen!” jlehte fie. „Was kommen muß, 
wird fommen!” Und dann jeßte fie, indem fie durch 
die Ladenritzen blicte, Hinzu: „Da draußen ijt alles 
ein Lärm und eine Verwirrung — hier drinnen nur 
Zufriedenheit.” 

Er pfiff ebenſo. Es Tieß ſich nicht leugnen: Hier 
drinnen gab es nur Liebe, Einigkeit, vergebene Irr— 
tümer; draußen wartete das Unerbittliche auf ſie. 

„Und dann fürchte ich,“ ſagte ſie, indem ſie ihre 
Wange gegen die ſeine drückte, „daß Dir, was Du 
jetzt von mir denkſt, nicht das letzte ſein wird. Ich 
möchte Deine jetzige Empfindung für mich nicht 
überleben. Ich möchte lieber tot und verbrannt ſein, 
wenn die Zeit kommt, in der Du mit Verachtung 
auf mich herabſiehſt, jo daß ich es niemals erfahren 
werde, ob Du mid veradhteft.” 

„IA werde Dich niemals verachten!” 

„Ich Hoffe e8 au. Aber wenn id) mein Leben 
überblide, jo wird jpäter oder früher für jeden Mann 
die Zeit kommen, in der er mid veradtet. Wie 
verrucht und jchleht ic) war! Und dennoch konnte 
ich es früher nicht ertragen, wenn eine liege oder 
ein Wurm verlegt wurden, und der Anblid eines 
Vogel? im Käfig hat mich häufig weinen machen.” 

Sie blieben nod) einen Tag. In der Nadıt 
Härte fich der düjtere Himmel auf, infolge dejjen die 
alte Aufjeherin in der Hütte früh erwachte. Der 
glänzende Sonnenaufgang machte fie ungewöhnlid) 
friſch; ſie bejchloß, das nahe Landhaus jofort zu 
öffnen und es an cinem folchen Zage zu Hüften. 


744 


Nachdem fie die niedrigeren Zimmer Jon vor ſechs 
Uhr geöffnet Hatte, jtieg Jie zu den Schlafzimmern 
empor und war nahe daran, am Griff deilen zu 
drehen, in welchem Angel und Teß lagen. In diejem 
Nugenblide glaubte fie Atemzüge von Perſonen 
innerhalb derjelben zu hören. Ihre Pantoffeln und 
ihr Alter hatten bi3 dahin ihre Ihätigfeit geräuſch— 
[03 gemacht und für den Augenblick zog fie ſich zurück; 
dann aber wendete jie fich in dem Glauben, daß ihr 
Gehör fie vielleicht getäufcht Hatte, aufs neue der 
Thür zu und verjuchte den Drüder zu bewegen. 
Der Niegel war nicht in Ordnung, aber ein Möbel⸗ 
ſtück war auf der Innenjeite vor die Thür gefchoben 
worden, jo daß dieſe ji) nur etwas mehr als einen 
oder zwei Zoll öffnen lich. Ein Etrom des Morgens 
lichteS fiel durch die Ladenrike auf die Geſichter des 
Paares, das noch von tiefem Echlummer umfangen 
lag; Teß' Lippen waren geteilt wie eine halbofjene 
Blume und flreiften faſt jeine Wange. Die Auf: 
jeherin war durch den Anblid von jo viel Unſchuld, 
durch die Eleganz von Teß' Kleid, das über dem 
Stuhl hing, durch die ſeidenen Strümpfe neben dem— 
ſelben, durch die anderen Teile des Anzuges, im 
welchem jie gefommen war, weil jie feinen andern 
hatte, jo überraſcht, dab ihr erjter Zorn über die 
Frechheit von Landjtreihern und Vagabunden ciner 
augenblicklichen Sentimentalität über Diele gentile 
Entführung Platz machte. Cie ſchloß die Thür und 
zog Jo ſachte, al3 fie gefommen war, ſich zurück, um 
mit den Nachbarn über dieje jonderbare Entdeckung 
ſich zu beraten. 

Saum mehr als eine Minute war jeit ihrem 
Rückzuge vergangen, al3 zuerjt Teß, dann Glare 
erwachte. Weide hatten da3 Gefühl, al3 ob etwas 
lie geftört habe, obgleih fie nicht jagen fonnten, 
was. Sobald Angel angezogen war, unterjog er die 
Straße durch die zivei, drei Zoll der Ladenritze einer 
genauen Unterſuchung. 

„sch denke, wir werden jolort gehen!” ſagte 
Angel, „Es ift ein ſchöner Tag, und ich kann mir 
nicht helfen, aber ich bilde mir ein, es ift jemand 
in der Nähe des Hauſes. Zudem wird die Frau 
heute ſicher kommen.“ 

„O glückliches Haus, lebe wohl!“ ſagte Teß. 
„Mein Leben kann nur noch eine Frage von wenigen 
Wochen ſein. Warum haben wir hier nicht bleiben 
dürfen?“ 

„Sprich nicht ſo, Teß. Wir werden bald dieſen 
Diſtrikt hinter uns haben. Wir werden unſern Kurs 
fortſetzen, wie wir ihn begonnen haben, und uns direkt 
gegen Norden wenden. Kein Menſch wird uns dort 
ſuchen. Man wird in den Häfen von Weſſex nad) uns 
forſchen, wenn man ung überhaupt verfolgt. Wenn 
wir erjt im Norden find, werden wir einen Hafens 
plaß auffucden und machen, daß wir fortlommen.” 


Thomas Hardy, 


Nachdem Angel Teß auf diefe Weiſe überredet 
hatte, wurde der Plan ind Werk gejebt und gerade: 
wegs gingen fie dem Norden zu. Ihre fange Rube 
im Herrenhauſe lich ihnen jetzt Kraft zum Wandern; 
gegen Mittag entdedten fie, dab fie ſich der fürme: 
reihen Stadt Malcheſter näherten. Sie beſchloſſen, 
während de3 Nachmittags in einer Baumgruppe jid 
verborgen zu halten und erft unter dem Schuß der 
Dunfelheit weiter zu marichiren. In der Dämmerung 
holte Clare Nahrungsmittel wie gewöhnlich; Jobald 
es Abend war, begann der Marſch aufs neue; gegen 
acht Uhr kreuzte man die Grenze zwiſchen Ober= und 
Mittel-Weiler. 

Der March durch eine Yandichaft ohne viel Au 
iht auf Straßen war nicht neu für Teß und ſie 
bewies, wie behend ie fein konnte. Das alte Mul: 
heiter mußten fie paſſiren, um die Stadtbrüde uber 
einen großen Fluß benüßen zu können, der ihnen 
den Weg verjperrte. Es war bereit3 gegen Mitters 
nacht, als fie die verlaffenen, nur durd) wenig Yamven 
ſpärlich erleuchteten Straßen durchſchritten, ohne das 
Plafter zu betreten, damit das Echo ihrer Schritte 
fie nicht verrate. Der graziöje Turin der Kathedrale 
erhob ſich dunkel ihnen zur Rechten, aber er made 
feinen Eindrud auf fie. Einmal aus der Stadt, 
verfolgten fie die Chauſſee, welche nad) wenigen 
Meilen über eine offene Ebene führte. 

Obgleich der Himmel dicht mit Wolfen verhangen 
war, fo war ihnen bisher dennoch das zerjtreute Licht 
eines Mondfragments zu Hilfe gekommen. Aber 
der Mond neigte fi) jebt feinem Untergange zu, die 
Wolken Schienen ſich gerade über ihren Häuptern zu 
Sammeln, und die Nacht wurde ſchwarz wie eine Höhle. 
Sie fanden indes ihren Weg weiter, indem }ie id 
fo viel als möglich) auf dem Raſen hielten, damit ihr 
Tritt feinen Hall gab; da indes weder eine Hede 
noch eine Einfriedigung die Straße begrenzte, io 
konnten fie ihre Abjicht Teicht ausführen. Alles um 
fie her war Berlaffenheit und ſchwarze Einſamkeit, 
iiber welche eine fteife Brije hinwegblies. 

Sie waren jo zwei bis drei Meilen weiter getappt, 
al3 Glare plößlich nahe vor ji), vom Raſen deutlid) 
ich abhebend, ein großes Bauwerk bemerkte. Es 
fehlte nicht viel und fie wären dagegen gerannt. 

„Was für ein jonderbarer Platz ift denn das 
hier?” ſagte Angel. 

„Es ſummt!“ vief Teß. „Horche!“ 

Angel horchte. Der Wind, der un das Bauwerk 
Ipielte, brahte einen dröhnenden Ton hervor wie der 
Klang einer gigantiichen einfaitigen Barfe. Kein 
anderer Ton ließ ſich hören, und jeine Hand erhebend 
und einen oder zwei Schritte vorwärts jchreitend, 
fühlte Glare den fenfrechten Abfall einer Mauer. 
Sie ſchien von jolidem Geftein ohne Verbindung 
und Zierwerk. Indem er feine Finger vorwärts 


Teß. 


führte, entdedte er, daß das, mit dem er in Ver— 
bindung gelommen war, einen ungeheuern, vieredigen 
Pfeiler gli; als er feine Hand auzjtredte, fühlte er, 
daß ein ähnlicher daran ftieß. In einer nicht näher 
zu bejlimmenden Höhe machte etwas über ihren 
Köpfen den Schwarzen Himmel noch ſchwärzer; «3 
hatte Aehnlichfeit mit einem ungeheuren Arditrav, 
der die Pfeiler horizontal verband. Sie traten vor— 
fichtig unter und zwiſchen die Steine, welche das 
ſanfte Geräufch ihrer Schritte dumpf wiederholten, 
aber fie ſchienen nod) außerhalb der Thore zu fein. 
Kein Dad) mwölbte ſich über fie her. Teß hielt furcht: 
jam den Atem an, und Angel jagte verwundert: 

„Was kann dag fein?“ 

Indem fie ſich jeitwärts fühlten, begegneten ſie 
einem andern turmgleiden Pfeiler, vieredig und un— 
verfländlid) wie der erjte; neben dieſem einen andern 
und wieder einem andern. Der Platz ſchien nur aus 
Thoren und Pfeilern zu beſtehen, welche durd) fort= 
laufende Arditrave mit einander in Verbindung 
ftanden. 

„sn der That, ein Tempel der Winde!” jagte 
Angel. 

Der nächſte Pfeiler ftand allein, andere bildeten 
ein Trilithon, andere waren auägejtredt, und ihre 
Flanken bildeten einen Dammweg, der breit genug 
für Wagen war; e& war bald Har, daß das Bau— 
werf einen Wald von Monolithen bildete, der auf 
der grafigen Ausdehnung der Ebene fi dahin 
breitete. Das Paar ging in diejen Pavillon der 
Nacht weiter, bis es in feiner Mitte ftand. 

„Es ift Stonchenge!” ſagte Clare. 

„Der Heidentempel?“ 

„Ja! Er hat Jahrhunderte Hinter fih und ift 
älter alz die D’Ürbervillee. Nun, was Sollen wir 
!hun, Geliebte? Wir werden aud) weiter entfernt 
bielleiht no cin Unterfommen finden.“ 

Aber Teß, die wirklich müde war, warf ſich auf 
eine oblonge Steinplatte, die nahe zur Hand lag, 
und fühlte fi durch einen Pfeiler vor dem Winde 
geſchütt. Infolge des Sonnenſcheines vom Tage 
vorher war der Stein warm und troden und bildete 
einen angenehmen Gegenjaß zu dem rauhen und 
falten Gras, welches ihre Röcke und Schuhe durd)- 
ſeuchtet hatte. 

„sh möchte nicht weiter gehen, Angel,” jagte fie, 
ihm ihre Hand entgegenftredend. „Können wir hier 
nit bleiben ?“ 

„sd fürchte — nein! Diejer Ort ift bei Tag 
meilenweit jihtbar, obgleich es jetzt nicht fo aus— 
ſieht!“ | 

„Einer der Verwandten meiner Mutter war 
Schäfer Hier herum, fällt mir jet cin. Und Du 
pflegteft in Talbothays zu jagen, ic) fei eine Heidin. 
Eo bin ih aljo jetzt zu Haufe.“ 


— — ee 


745 


Er kniele neben ihrer ausgeſtreckten Geſtalt nieder 
und ſuchte mit ſeinen Lippen die ihren. 

„Biſt Du ſchläfrig, Geliebte? Ich glaube, Du 
liegſt auf einem Altar.“ 

„Es gefällt mir ſehr gut hier,” flüſterte fie. „Es 
ift jo feierlich) und einfam — nad) meinem großen 
Glüde nicht? als der Himmel über mir! Es ficht 
beinahe aus, al3 wäre niemand auf der Welt außer 
und beiden; und ich möchte wohl, daß es jo wäre 
— Liza-Lu ausgenommen.” 

Clare dachte, fie könnten wohl dort bleiben, bis 
es ein wenig heller geworden jei; er jchlug deshalb 
feinen Ueberrod um fie und jebte fi) an ihre Seite. 

„Wenn fich etwas mit mir ereignen jollte, Angel, 
willit Du dann meinetwegen über Liza-Lu wachen?“ 
fragte fie, al3 fie eine lange Weile auf den Wind 
zwiſchen den Pfeilern gehorcht hatte. 

„sa!“ 

„Sie ift jo gut als einfach und rein. O Angel, 
ih möchte, Du heiratetejt jie, wenn Du mid) ver— 
loren, wie e3 ja in furzem gejchehen wird. Ach, 
wenn Du das thäteft!” 

„Wenn ich Did) verliere, verliere ich alles! Zudem 
ift fie ja meine Schwägerin.“ 

„Das macht nichts, Geliebtejter! In Marlott 
heiraten die Leute bejtändig ihre Schwägerinneıt ; 
und Liza-Lu ift fo gut und liebenswürdig und wird 
ſo Schön. Mit ihr könnte ich) mich in Dir teilen, 
wenn wir Geifter find! Ach, Angel, wenn Du fie 
nur Deinetwegen aufziehen und lehren und für fie 
jorgen wollteft! Sie hat alles Gute von mir, ohne 
das Schlechte, und wenn fie die Deine würde, fo 
wäre es faft, al3 ob der Tod uns nicht getrennt 
hätte. — Nun, ich habe meine Meinung gejagt. Ich 
werde nicht darauf zurüdfommen.” 

Sie ſchwieg, und er fiel in Gedanken. Am fernen 
Nordofthimmel entdedte er zwijchen den Pfeilern 
einen niedrigen Streifen Lit. Die eintönige 
Höhlung von ſchwarzen Wolfen Tüftete ſich wie der 
Dedel von einem Topf und ließ dort, wo fie mit 
der Erde zufammenftieß, den fommenden Tag herein, 
gegen welchen die turmartigen Monolithen und Zrilis 
thone ſich Schwarz abzuheben begannen. 

„Opferte man Gott hier?” fragte Tep. 

„Nein,“ erwiderte er. 

„Wem denn?” 

„Ih glaube, der Sonne. Jener luftige Stein, 
der dort allein fteht, wendet fih der Sonne entgegen, 
welche ſich gegenwärtig Hinter ihm erhebt.“ 

„Das wet eine Erinnerung in mir, Geliebter,“ 
Sagte fie. „Erinnerit Du Did, daß Du, bevor wir 
verheiratet waren, niemals irgend einer Meinung 
von mir widerſprachſt? Aber ich kannte Deine An— 
ſchauungen dennod) und ic) dachte, wie Du dachteſt 
— nicht aus eigener Vernunft, jondern teil Du jo 


146 


dachteſt. Sage mir jebt, Angel, glaubjt Du, daß 
wir un? wieder begegnen werden, wenn wir tot find? 
— Ich möchte es gerne wiljen.“ 

Er küßte fie, um einer Antwort gerade in dieſem 
Angenblid aus den Wege zu gehen. 

„D Angel, ic) fürchte, daß das — nein bedeutet!“ 
jagte fie mit einem unterdrüdten Seufzer. „Und 
id) möchte Dich jo gerne — fo gerne wiederſehen. 
Was, Angel, felbjt Du und id) nicht, die einander 
jo jehr Lieben ?“ 

Mie ein größerer als er, fo gab er auf eine 
kritiſche Frage an einem kritiſchen Zeitpunft Feine 
Antwort; und wieder jchwiegen fie. Nach einer oder 
zwei Dlinuten wurde ihr Atem regelmäßiger, der 
Drud ihrer Hand wurde ſchwächer, und fie jchlief ein. 
Der Streifen filberner Bläffe am öftlichen Horizont ließ 
jelbft die entfernten Gegenftände der großen Ebene 
dunkel und nahe ericheinen, und die ganze, ungeheure 
Landſchaft machte jenen Eindrud von Zurüdhaltung, 
Schweigen und Ruhe, welcher der Dämmerung eigen 
it. Die öſtlichen Pfeiler und Architrave hoben ſich 
ſchwarz vom Lichte ab und zwiſchen ihnen der große 
Mammenartige Sonnenftein und der Opferftein im 
Mittelweg. Der Nachtwind ftarb und die zitternden 
Heinen Wallerlachen in den taljenartigen Höhlungen 
der Steine lagen völlig ruhig. Zu derjelben Zeit 
ſchien etwas am Ende der öftlihen Abdachung — 
ein bloßer Punkt — fid) zu bewegen. Es war der 
Kopf eines Mannes, der fich ihnen von der Höhlung 
hinter dem Sonnenftein her näherte. Die Gejlalt 
fam geradeweg3 auf den Umkreis von Pfeilern zu, 
in weldhem fie jid) befanden. 

Angel hörte etwas hinter ſich — Teile Fußtritte. 
Sid) umwendend, bemerkte er über die Tiegenden 
Säulen hinweg eine andere Geftalt; dann fah er, 
daß ein dritter rechter Hand ſich näherte und ein 
anderer von der linfen her. Der Schein der Däm— 
merung fiel auf die Vorderjeite de8 Mannes im 
Weſten und Clare ſah, daß er groß war und einen 
Gang hatte, als ob er einexerziert fei. Sie alle 
ſchloſſen fi) nad einem beſtimmten Plan zufammen. 
Was Teß erzählt hatte, war aljo wahr. Er ſprang 
auf die Füße, ſah fih um nad einer Waffe, nad) 
einem lojen Stein oder irgend etwas anderem, um 
zu entfommen. In demfelben Augenblid Hatte ihn 
der nächſte Mann erreicht. 

„Es nützt nichts!” ſagte er. „Sechzehn von ung 
befinden fich in der Ebene, und die ganze Gegend ift 
in Aufruhr.“ 

„Laßt fie ausfchlafen!” bat er flüfternd die Leute, 
al3 fie nahe herangekommen waren. 

Als fie jahen, wo fie lag, machten fie feine Be— 
merfung und fanden fchweigend umber, wie die 
Säulen in der Runde. Er ging auf den Stein zu, 
beugte fih über fie und nahm eine ihrer kleinen 


Thomas Hardy. 


Hände in die feinen; ihr Atem war jetzt ſchnell und 
furz, mehr wie der eines Tleineren Geſchöpfes als 
der einer Frau. Alle warteten in dem zunehmenden 
Lichte, das ihre Gefichter und ihre Hände verjilberte 
während die Steine grüngrau glänzten und die Ebene 
noch einem Meer von Schatten glid. Das Licht 
wurde ftärfer, ein Strahl fiel auf ihr bewußtlojes 
Geſicht, bohrte fi) unter ihre Nugenlider und er— 
wedte fie. 

„Was gibt es, Angel?“ fragte fie auffahrend. 
„Sind fie meinetwegen gekommen?“ 

„3a, Geliebtefte!* erwiderte er. „Sie ſind da.“ 

„Es ijt gefommen, wie es kommen mußte!“ 
flüfterte ji. „Angel, ih bin faft froh — ja, froh! 
Dies Glück konnte nicht dauern! E3 war zu grop! 
Ih Habe genug; und jet werde ich nicht Teben, 
damit Du mich verachtejt!* 

Sie ftand auf, ſchüttelte fich und ging vorwärts, 
obgleich feiner der Männer fich bisher genähert hatte. 

„sh bin bereit!” jagte fie ruhig. 


VII. 


Die alte ſchöne Stadt Wintonceſter, die ches 
malige Sapitale von Weiler, lag, von feinen hohen 
und tiefen Niederungen umgeben, in all dem Glanz 
und der Märme eines Julimorgens. Lie body: 
giebeligen Ziegel- und Quaderfteinhäufer hatten für 
dieſe Jahreszeit ihre Hülle von Flechten fat zu Staub 
gedörrt, die Waflerftröme in den Wiefen waren 
niedrig, und in der abſchüſſigen Hoditraße vom 
„Weſt-Thorweg“ bis zum mittelalterlihen Kreuz und 
vom mittelalterlihen Kreuz bis zur Brüde nahmen 
der Staub und der Kehricht zu, welde einen alt- 
modiſchen Markttag anzulündigen pflegen. 

Von dem vorher erwähnten Weftthor jteigt die 
Landſtraße, wie jeder Einwohner von Wintoncefler 
weiß, einen langen und regelmäßigen Hügel eine 
Meile weit binan, den Häuferfompler in gerader 
Linie Hinter ſich zurücklaſſend. Diele Straße 
Ichritten zwei Perjonen von den Grenzen der Stadt 
her ſchnell aufwärts, als ob fie die anjtrengende 
Steigung kaum merkten — nicht merkten wegen 
geijliger VBoreingenommenheit und nicht wegen flüd- 
tiger Sinnedart. Sie waren auf diefe Straße durd 
ein enged, kahles Thor in einer hohen Dauer ge— 
fommen, das ein wenig tiefer lag. Sie jchienen 
begierig, den Häufern und ihresgleihen aus dem 
Geſicht zu fommen, und diefe Straße mochte ihnen 
die bejte Gelegenheit dazu bieten. Obgleich fie jung 
waren, gingen fie gebeugten Hauptes; mitleidslos 
lachten die Strahlen der Sonne auf ihren Marter⸗ 
weg hinab. 

Einer der beiden war Angel Clare, die zweite 
ein großes, knoſpenhaftes Geſchöpf — Halb Mädchen, 


= 


halb Frau — ein vergeiltigtes Abbild von Teß, 
ſchlichter al8 fie, aber mit denjelben jchönen Augen 
— Clares Schwägerin, Liza⸗Lu. Ihre bleichen 
Geſichter fhienen auf die Hälfte ihrer natürlichen 
Größe zufammengefhrumpft. Sie bewegten Sid) 
Hand in Hand dahin und ohne ein Wort zu reden; 
wie Giottoeg „beide Apoftel”, jo müde und trübe 
neigten fie ihre Häupter. 

Als fie den Gipfel des großen „Weſt⸗Hill“ fait 
erreicht hatterı , ſchlugen alle Sloden in der Stadt 
acht. Jeder von ihnen hielt bei diefen Tönen an; 
nachdem fie noch cinige menige Schritte meiter ge= 
gangen warerı , erreichten fie den erften Meilenjtein, 
der weiß auff dem grünen Teppich des Raſens ſich 
abhob. Sie traten auf das Gras hinaus und, 
getrieben duch eine Kraft, welche ihren Willen zu 
beugen ſchienn, jtanden fie plößlich till, machten eine 
Wendung und warteten, wie von einer Lähmung 
feltgehalten, rreben dem Stein. 

Der Ausblick von diefem Hügel aus war faft 
grenzenloe. Im Thal da unten lag die Stadt, 
welde fie gerade verlafjen hatten; ihre hervorragenı- 
deren Gebäude erfchienen in ijometrijcher Zeichnung 
— zwiſchen ihnen der breite Turm der Sathedrale 
mit ihren normannijchen Fenftern und der ungeheuren 
dänge ihrer Haupt» und Nebenſchiffe, die ſchlanken 
Nadeln von St. Thomas, die Zinnen des Colleges 
und mehr zur Fechten der Turm und die Giebel des 
alten Hoſpizes, wo big zum heutigen Tage der Pilger 
kine Spenden von Brot und Ale in Empfang 
nehmen kann. Hinter der Stadt hob die hoch— 
- gelegene Rotunde von St. Catherines Hill ſich empor; 
weiterhin reihte Landſchaft fih an Landſchaft, bis 
der Horizont im Glanz der darüber hängenden 
Sonne völlig ſich verlor. 


eh. 747 


Gegen diefen Hintergrund erhob fih in Front 
der anderen Gebäude der Stadt ein Gebäude aus 
rotem Backſtein mit niedrigen grauen Dächern und 
Reihen Heiner Fenſter, die cin Gefängnis anzeigten ; 
da3 Ganze jtand durch jeine Yörmlichfeit mit der 
zierlichen Regellofigfeit der gotiſchen Gebäude in 
ſtarkem Gegenſatz. Es war gegen die Straße hin 
durch Eibenbäume und immergrüne Eichen etwas 
verdedt, aber e3 war von hier aus deutlich genug 
fichtbar. Die Thür, aus der das Paar vor kurzem 
aufgetaucht war, befand fih an diefem Bauwerk. 
Aus der Mitte desjelben ſtieg ein häßlicher, ſtumpfer 
rechteiger Turm gegen den Ofthorizont auf, und 
von diefem Ort aus, von jeiner Schattenfrite gegen 
das Licht hin gejehen, ſchien er der einzige led in 
der Schönheit der Stadt. Nur mit diefem led bes 
Ichäftigten fich die beiden Wanderer auf dem Hügel 
und nicht mit der Schönheit des Landjchaftsbildes. 

Auf den Karnieß des Turmes war eine große 
Stange befejligt. Auf diefe waren ihre Augen ge— 
heftet. Wenige Minuten nad) dem Stundenjchlag 
bewegte ſich etwas langſam die Stange hinauf und 
breitete fi) in dem Luftzuge aus. Es war eine 
ſchwarze Flagge. 

Der „Gerechtigkeit“ war Genüge geſchehen, und 
der Vorſitzende der Unſterblichen (um eine Phraſe 
von Aeſchylus zu gebrauchen) hatte ſein Spiel mit 
Teß beendet. Unwiſſend und unberührt ſchliefen die 
D'Urbervilleſchen Ritter und Damen weiter in ihren 
Gräbern. Die beiden ftummen Zufchauer beugten 
fich zur Erde wie im Gebet und verharrten Tange in 
vollftändiger Bewegungsloſigkeit, während die Flagge 
ſchweigend auf und ab flatterte. Dann rafften fie 
ih auf, erhoben fi, nahmen fi) an der Hand und 
gingen weiter, 


Kabnfahrt. 


Don Jan Nernda. 


So langſam, ſo traurig, ſo ganz allein 
Lenk ich meinen Nachen durchs Leben; 
So wollte doch keine einzige Seel' 


Mit mir auf die Fahrt ſich begeben! 


Verzeih, lieber Herrgott, die Rede mir 

Und rechne zur Sünd' nicht mein Wähnen; 
Wenn über die Wellen die Ruder ich heb', 
Da tropfen herab viele Chränen. 


Wenn ich nach dem Ende des Steuers ſeh' 
Und ärgerlich anders es wende —: 

Die Bogen dort hinten, da ſtrecken nach mir 
Sich aus zwei ſchneeweiße Hände. 


— — — * = .. — — 
oe o D) 


Waffili Tiorkin. 


V. Boborykin. 


ESchluß.) 


Hat Serafima den Arzt noch nötig? Jener 
Edelmann iſt zehnmal ſo reich als Tjorkin. Pjerwatſch 
hat ihr volle Rechenſchaft darüber gegeben, was ihm 
nach dem Verkauf an die Tjorkinſche Geſellſchaft noch 
verbleibt. Im ganzen iſt es für zwei Millionen 
Schlagholz allein an der Wolga. Wie viel wird 
ihr von dieſen Millionen zufallen? Natürlich alles, 
wenn ſie will. 

Hatte ſie ſich jemals in die Lage ihres augen— 
blicklichen Wirtes geſetzt? Das wohl kaum! Sie 
lebte hier als vornehme Dame, die ihn durch die 
Annahme ſeiner Gaſtſreundſchaft ſehr beglückte; er 
ſelbſt war in den Anbau über den Hof gegangen. 
Zwiſchen ihnen war nicht die geringſte Annäherung. 

Niſowjew iſt ſich klar darüber, daß es ihm ſchwer 
werden wird, ſie zu gewinnen, ſehr ſchwer. Darüber 
kann wohl ein Jahr vergehen. Nach Paris wird 
er nicht ſo bald zurückkehren. Wo ſie ſein wird, 
da auch er. Sie müßte nach dem Kaukaſus in ein 
Bad. Die Leber und die Nerven fangen zu mucken 
an. Es waren ihr Eſſentuki, Nummer ſiebenzehn, 
und Naſſan verſchrieben. Dort wieder in der Sonne 
braten, gedämpften Hammel eſſen, unter ihren Augen 
auf den ſtaubigen Straßen wandeln und ſich hinter 
ihr drein im Schweife alter und junger Herren auf 
einem Koſakenpferde durchſchütteln laſſen. Dann aber 
nach Petersburg! 

Sie iſt noch bei Gelde. Dort wird ſie als Dame 
der Geſellſchaft leben. Dazu hat ſie das geſetzliche 
Recht. Sie iſt die regelrechte Witwe des Kollegien— 
rates Ruditſch. Ihr Schwiegervater iſt hoher Würden— 
träger. Und darauf pocht ſie. 

Daß ſie dem Sohne durchgebrannt iſt, thut nichts 
zur Sache. Der Würdenträger ſoll dem Vernehmen 
nach eine ebenſolche Spielratze wie ſein Sohn ſein, 
bei ſiebentauſend Rubel Gehalt weder aus noch ein 
wiſſen, bis über die Ohren in Schulden ſtecken und bei 
Bankiers herumſchmarotzen. Es wird nicht ſchwer 





halten, den Alten, der ſie noch nie geſehen hatte, für 
ſich zu gewinnen — ſogar in ſich verliebt zu machen 
und ihm bei ſeinen Durchſteckereien zu helfen. An 
einem Schujew, ihrem „Engel“, iſt ihr nichts gelegen. 
Der würde dem Schwiegerpapa ja vorſchießen, ſo 
viel fie nur wollte, nur mag ſie ſolche „engelhaften“ 
Gelder nicht. Niſowiew kann dem Schwiegerpapa 
ebenſo gut unter die Arme greifen. 

Dann kommt Paris an die Reihe. Dort wird 
ſie ihn tüchtig herankriegen! Auch ſie muß ein 
„Hotel“ für eine Million haben. Ihr Name mat 
Aufjehen. Sie wird fih nicht etwa ala Kofott 
etabliren, fondern als wirkliche nornehme Dame. In 
einem Jahre wird ihr Franzöſiſch den Parijer Accent 
weg haben. Natürlid wird fie als „Madame la 
comtesse Ruditsch* im „Figaro“ erjcheinen. Eie 
wird noch feine Frau Gemahlin dazu bringen, ih 
— mit den Fräulein Töchtern — Viſite zu madıen, 
und ihre Abende mit „tout Paris“ zu bejuchen, wo 
fie mit Iwan Reſchke ſelbſt ruſſiſche Romanzen fingen 
wird. Da3 mag alles jo fommen! 

Und fonft nichts? ... Wirklich weiter nichts? 
Serafima dedt die Augen mit den Händen. 

Bor ihr ſteht die Böſchung mit dem raujchenden 
Fichenlaub, mit dem grünen Gras, mit dem jäujeln: 
den Abendiwind, die Bölchung in Samwodnoje, too fie 
mit ihm geſeſſen Hatte, mit ihrem Waſſia! 

Sie hört jeine Stimme mit den herzlich be» 
wegten Ton. Er will fi) brüderlich mit ihr ver- 
ſöhnen. Sie thut ihm leid. Das war feine Ko— 
mödie, fondern reine Wahrheit. So Sprit und 
haut der nicht, deſſen Herz von Täufhung und 
verachtender Kälte erfüllt ift. Und was ſollte er thun, 
als fie fich ihm al8 Seelenbraut anbot? Etwa Ge 
fühle fordern? Sollte er fie zu feiner Liebjten 
nehmen — ohne Liebe — fie nur bejudeln, zur Sache 
oder zum jchönen Tier erniedrigen? 


Mie einfach und Mar das war! Daran ift er 





Waſſili Tjorkin. 749 


nicht ſchuld. Sie — ein thörichtes und böſes Weib „Da, ba, ha!“ entrang ſich ihre eine dumpfe 
— hatte fih durch ihre Arglift bloßgeftellt, Hatte | Lache, und fie redte den Kopf noch höher. 

feine Seele nicht verftanden und den kojtbaren Schaf Katjas leije Stimme fragte durch die Thürspalte: 
feines Mitgefühls, feiner brüderlihen Güte nicht zu | „Gnädige Frau! Darf id) eintreten?” 


nüßen gewußt. „Seien Sie jo gut.“ 
Ihre thränenlofen Augen brannten; fie lag un— | Die Kammerzofe fenkte ihre Stimme noch mehr. 
beweglich, mit den Armen auf der Bettdede. „Paul Ilarionytſch ſind im Saal und beunruhigen 


Es war ihr fo füß, das Bild Tjorkins, feine | fi wegen Ihrer Gejundheit. Was joll ich jagen? 
Sprade, jeine Bewegungen, jeine Blide vom Beginn | Erlauben Sie ihm, an die Thür zu fommen?” 
bis zur Mitte der Unterredung zu vergegenmwärtigen. | „Das mag er.” 

Sie ſchwelgte in der Einbildung, daß ihrer Seele | Niſowjew trat leiſe heran: 
eine Laſt abgenommen jei, die ihren Körper gequält „Serafima Sefimowna, um Gottes willen, wie 
und ihren Geiſt gejchredt habe. | geht es Ihnen?” 


Aber die Bilder wechfeln, und zwar auf dem= „Es Hat gar nichts zu jagen. Es iſt alles vorbei.” 
jelben Schauplab des grünen Parks, Nicht ſie ſitzt „Beltatten Sie mir Ihren Anblick?“ 
neben ihm, fondern eine andere, jenes Mädchen... | „Jetzt nicht.” 





Wie deutlich erjcheint fie ihr, deren jugendliche Ge— 
falt mit den rofigen Pausbaden, den hellen Augen, 
dem diden Zopf und den wunderbaren Händchen, 
fie nur flüchtig auf dem Balkon gejehen hat. Ja — 
das ift ein unbejcholtenes Mädchen, wenn fie fich 
auch mit dem Taxator geküßt Dat. Ihre Tauben» 
einfalt und unbewußte Kindlichkeit hat Waſſia ge— 
wonnen. Die Macht ſolcher Gänschen iſt unüber— 
windlich, wenn ſie ihre achtzehn Jahre und ihre 
Keuſchheit ins Treffen führen. Ja, Keuſchheit! Sie 


„Dann werde ic) im Saale warten.” 

„Warte!“ dachte fie hämiſch und triumphirend ; 
„warte nur Täubchen! Du kannſt lange warten. 
Mit einem Monat fommit du nicht ab!” 

Und gleih darauf jchellte fie plötzlich und ſetzte 
die Füße auf den Boden. 

Niſowjew nahın ftill jeufzend am Fenſter Plab. 


XXXV. 


„Ad, Mütterhen, wo bleibft Du denn! Mad) 
doch ſchneller!“ rief Sanja in der Allee, einige 
Schritte von der Bank ab, auf der man einen breiten 
Männerrüden und einen blonden Kopf mit einem 
niedrigen ſchwarzen Hut fah. | 

Thedosjäjewna brachte vorſichtig eine Schüffel 
mit Beeren und Zucker. 

„Das geht nicht ſo! Gedulde Dich!“ 

„Nun gib... Ich will es ſelbſt nehmen.” 

Sanja nahm ihr die Schüffel aus der Hand 
und küßte ihr die Stirn: 

„Liebes Mütterchen! Ich danke!“ 

Die Alte ſah ihr nach, indem ſie ſich mit der 
Handfläche vor den Strahlen der untergehenden 
Sonne ſchirmte. 

Es war ein heiterer, warmer Abend, an welchen 
Myriaden Mücken über den Gartenpfaden fpielten. 

Schon war Sanja mit der Schüljel an die Bank 
zu ihrem Bräutigam hingeeilt. Ein verhaltenes 
Lächeln linderte die ftrengen Züge Thedosjäjewnas. 
Sie war ſich dejjen bewußt, daß ihr Pflegling ſein 
Glück ihr zu danken habe. Wenn fie fih nid)t das 
Herz gefaßt hätte, den fremden Herrn anzufpreden 
und zu rühren, wäre es zu nichts gelommen. 

Das wird er ihr aud) nicht vergeljen. So iſt er 
nit. Man jieht ihm ſchon an, wes Geiftes Kind 
überall fol Waſſili Tjorfin auf fie ftoßen; und wer | er ift. Um ihr Alter ijt fie nicht mehr beforgt. 
dem andern überfommt — das wollen wir doch ein- | Hier in Haus und Garten wird alles neu gemadit. 
mal eben. I Wie fie. vernommen hat, joll im oberen Stodwert 


! 


Aus fremden Zungen. 1895, IL 16. 95 


war der wilden männlichen Begier noch nicht zum 
Opfer gefallen. 

Da fißt er num wohl mit feiner Braut an der= 
jelben Stelle, an der fie, wie eine Verworfene, unter 
Wehflagen da3 Gras gerupft und feine Füße geküßt 
hat. Mit liebevoll väterlihem Blid ſchaut er auf 
ihr Haupt, ſpielt mit ihrem diden Zopf und küßt 
jede3 Fingerchen ihres winzigen Händchens. 

„Nein!“ Tchrie Serafina laut, ſich im Bette auf: 
richtend. 

Der Schrei entrang ſich unaufhaltſam ihrer ge— 
preßten Bruſt. Das Blut ſtrömt ihr zum Geſicht. 
Krampfhaft ballte ſie die Fäuſte. | 

Nein, feine Gnade für den abfcheulichen Dieb, 
den Berderber ihrer Seele. Das Schidjal weiß, 
was es thut. Es Hat fie nicht ohne Abficht mit 
diefem Nilowjew, dem Beherrſcher unermeßlicher 
Waldſtrecken, in Verbindung gebracht. Tjorkin träumt 
von den Schuße des Volksvermögens. Das hat fie 
oft genug mit angehört. Wenn jie nıın ihren Wald« 
millionär ruinirt, wird fie dafür forgen, daß er 
nit an ſolche Streber wie Tjorkin jamt feiner Ge« 
ſellſchaft verkauſt, jondern an Tiederliche und ſcham— 
Ioje Edelleute zum Abhau. Dann werden fchon in 
jwei bi3 drei Jahren alle dieſe Gehege und wald— 
reihen Thalſchluchten öĩde und Heer jtehen. Und 





150 


eine Schule eingerichtet werden, während das Erd⸗ 
geſchoß als Sommerwohnung verbleibt. Sie jelbit 
wird im Flügel untergebracht; jene Nachteulen — 
nebft dem Bruder fiedeln nad) dem andern Gut 
über. Waſſili Iwanytſch hat fie in feiner Herzend- 
güte allerdings hier in Sawodnoje behalten wollen. 
Der Kaufvertrag iſt Schon ausgefertigt, wie fie weiß. 
Er nimmt indeſſen noch mit jeinem Zimmer neben 
dem ihrigen vorlieb. 

Thedosjäjewna wandte ſich unterwegs noch ein= 
mal halb nach dem auf der Bank ſitzenden Paare 
um und begab ſich dann mit ſchnelleren Schritten 
nach dem Anbau. 

„Ach, was für Erdbeeren! Wundervoll!“ 

Sanja löffelte die Beeren und ſchmatzte etwas 
dabei. 

„Sie ſind ein Leckermäulchen!“ ſcherzte Tjorkin 
und ſah ſie neckend an. 

Sie waren noch beim „Sie“. 

„Ein Leckermäulichen, ja,“ erwiederte ſie kurz 
und ſeufzte dabei. „Ich eſſe gern Süßigkeiten. Iſt 
das etwa eine große Sünde?“ 

„Das nennt man Völlerei.“ 

„Ha, ha! Völlerei! Wie komiſch!“ 

Es zog aber doch wie Schatten über ihr Geſicht. 
Sie dachte an die Nachmittagsſchmauſereien bei Tante 
Martha, ſowie an die Liqueure mit ihren Folgen. 

„Ach Gott, id) habe ja auch fo gern... Liqueur 
getrunken!“ 

„Weshalb? Der Süpigfeit wegen?“ 

„ya, ja!“ 

„Mit Süßigkeiten verdirbt man fi) nur die 
Zähne. Die werden Sie laſſen müffen.“ 

„Dos will ich,“ verfündete Sanja und hörte mit 
den Erdbeeren auf. „Genug!“ 

„Aufeſſen! Für zwei iſt das nicht arg viel.” 

„Warum jagt er ‚arg‘? dachte Sanja. Die Aus— 
drucksweiſe von Tjorkin fam ihr recht gewöhnlich vor. 
Doh nahm fie feinen Anftoß daran. Sonft war 
er doch Jo ſtattlich, Schön, gut gekleidet, und Sprach 
jo Hug mit jedermann und über alles. Ihr gefiel 
jogar das nicht Salonmäßige feiner Redeweije, mit 
ihren Worten, wie fie Bürger und Bauern an— 
wenden. Die Phrajen und Ausdrücde der Tanten 
und ded Vaters waren ihr Tangweilig geworden. 
Bei Tante Martha weiß fie jede8 Wort voraus; 
Zante Paula pappelt nur nad), wa3 fie in Büchern 
gelejen hat; der Vater macht fehr mohlgejittete 
Redensarten, aber immer diejelben, und es Klingt 
immer fo, al3 ob er in einer würdigen Verſammlung 
eine pathetiihe Rede hielte. Schon beim bloßen 
Klang feiner Stimme laufen ihr die Ameiſen über 
den Rüden. 

„Sie find mein Kindskopf!“ 

Zjorfin ſetzte die ausgegeſſene Erdbeerſchüſſel auf 


P. Boborykin. 


die Bankecke, ergriff ihre Hand und küßte ſie. Sanja 
wurde feuerrot und berührte ſchüchtern mit den Lippen 
ſeine Stirn. Der Bräutigam war ihr gegenüber 
ſehr zurückhhaltend, hielt ſie mit Küſſen knapp und 
erlaubte ſich feine familiären Liebkoſungen. Das rührte 
fie und erfüllte fie mit dem Gefühl faſt töchterlicher 
Zärtlichkeit für ihn. Sie wußte dieſe Zartheit wohl 
zu würdigen und fragte ſich jeden Morgen, wenn er 
lie zur erften Begrüßung unter vier Augen janit 
auf die Stirne füßte, ſchamerfüllt, was wohl ber 
Tarator zu folder Küſſerei jagen würde. 

„Welch ein Sonnenuntergang!” bemerkte Tjorfin 
tief bewegt, indem er den Kopf nad) einer andern 
Seite wandte.‘ 

„Sehen Sie nur, wie dort redht3 Hinter dem 
Dorf, wo der Wald anfängt, die Stämme in der 
Fichtenſchonung im rojigen Lichte Strahlen!“ 

„Sa, wie ſchön! ... Walfili Iwanytſch. And 
da3 gehört jekt alles Ihnen!“ 

„Mir nicht, fondern der Geſellſchaft.“ 

„Das iſt doch ganz gleich!“ 

„Wieſo ganz gleich? Aber Täubchen!“ 

„Sie ſind doch an ihrer Spitze.“ 

Sanja drehte ſich zu ihm herum und ſchüttelte 
verſtändnislos mit dem Kopf. Tjorkin mußte lachen 
und ſchwieg. Es war doch noch das reine Kind, 
ein Penſionsfräulein ohne Lebenserfahrung, mit uns 
entwideltem Verſtande, haltlojem Charalter. Und 
ſolches Wejen hatte er fich zu feiner Lebensgefährtin 
erwählt.... Dennod that es ihm feinen Augenblick 
um den Verluſt feiner Junggefellenfreiheit leid. 

„Wunderbar!“ jagte er fich felbit bei feiner Em— 
pfindung, die etwas an die bäueriſche Verachtung 
des „Weibes“ ftreifte. „Was Hilft da alles Analy: 
irren! Man muß für feine Familie jorgen; es iſt 
füß und erhebend, feine flille, reine Liebe ſolch un» 
bedächtigem, hilfloſem Hamfter zu widmen.” Diejes 
von Serafima in ihrer Wut herausgeſchleuderte Wort 
jagte ihm ungemein zu. 

„Waſſili Iwanytſch,“ rief ihn Sanja an. „Sehen 
Sie wur... dort Hinter dem Dorf, rechts inter 
unjerem Walde... was für ein Rau? Mas ill 
das? Wohl gar Feuer?“ 

Er ſprang erſchrocken auf, eilte an den Rand 
des Abhanges und ſtrengte ſeine fernſichtigen großen 
Augen an. 

Der Rauch dehnte ſich mit fortſchreitender Däm— 
merung immer weiter rechts vom Dorf hinter der 
Fichtenſchonung aus. 

„Ein Waldbrand!“ ſagte er für ſich, und ſeine 
Hände erſtarrten. Die Schonung bildete am linken 
Wolgaufer einen breiten Streifen und ging in einen 
andern Wald über. 

„Liegt dort nicht die Beſitzung des Adelsmar—⸗ 
ſchalls?“ fragte er Sanja eilig. 


Waſſili Tjorkin. 


„Ich glaube ja. Er wohnt aber nicht da. Er 
hat dort nur eine Fabrik.“ 

„Eine Fabrik?“ 

Er begann auf dem Plab auf und ab zu gehen. 

„Fürchten Sie für Ihren Wald, Waſſili Iwa— 
nytſch?“ 

„Wenn nur der Wald nicht brennen wollte. Ein 
größeres Elend gibt es nicht.“ 

Sanja ſchwieg und ließ den Kopf hängen. In 
der Allee erſchien die lange Geſtalt ihres Vaters. 

„Swan Sacharytſch,“ rief ihn Tjorkin an. „Bitte, 
fommen Sie einmal fchnell hierher. Sehen Sie den 
Rauh? Was mag das fein?” 

Swan Sacharytſch beichleunigte feinen Schritt 
feineswegs. Im blauen Hausrod, nad) Eau de Cologne 
duftend, fam er mit fteifen Schritten, eine Cigarrette 
rauchend, heran. Seit dem Verkaufstage ging er 
mit der Miene eines ſchwer gefränkten Diannes ums 
ber, dem unverfchuldet ein Kreuz zu tragen aufs 
erlegt war. 

„Was ift Ihnen gefällig?” fragte er geziert. 

„Der Rauch da... Was ift dag?“ 

„Vielleicht ein Waldbrand,“ war feine gleichgiltige 
Enviderung. 

Tjorkin fuhr auf, faßte ihn an einem Rockknopf 
und ſprach haſtig auf ihn ein: 

„Nun, wenn dort vor unjeren Augen der Heges 
wald zu Grunde gehen jollte, würden Sie wohl aud) 
feinen Singer rühren, froh, das Ding verkauft zu 
haben?” 

„Da3 weiß ich nicht.“ 

„So ift das gut&herrliche Gefühl. 
mein ift, mag zum Teufel gehen.” 

„Es ift noch weit ab,“ entgegnete Iwan Sacha— 
rytſch ebenjo affektirt und gleichgiltig. „Dort liegt 
die Fabrik von Peter Apollonowitſch und ein Tannen» 
fort... Irgendwo ander8 muß es ausgelommen 
fein. Ein Dorf ift dort nit. Doc des Rauchs 
wegen müßte man anordnen...“ 

„Müßte man anordnen!“ wäre Tjorkin faft her= 
ausgeplakt. „Sie würden etwas Schönes anordnen.“ 

Er hielt ih aber zurüd, nahm feinen Hut ab 
und äußerte ſpöttiſch: 

„Verzeihen Sie... . Ich habe Ihre Ruhe gejtört.“ 

Sanja hörte das ganze Zwiegeſpräch mit an. 

In diefem Augenblid kam Chrjaſchtſchew bleich 
und feuchend über die Terraſſe gelaufen, aber mit 
einem folch entſchloſſenen Ausdrud, wie ihn Tjorkin 
noch nie bei ihm bemerkt hatte. 

„Was gibt's?“ rief er ihn Schon von weiten an. 

„Waſſili Iwanytſch! Die Feuersbrunſt ift auf 
dem Belib des Herrn Swjärjew. Die Fabrik und 
die Tannenparzelle brennen. Die Schonung ift dicht 
dabei. Es gilt zu handeln.” 

‚Natürlich! Wir reiten! 


Was nicht 


In Samwodnoje muß 


751 


das nötige Volk aufgeboten werden. Iwan Sacha⸗ 
rytſch! Ich nehme Ahre Pferde in Beſchlag. Sie 
ſelbſt brauche ih nicht... Alexandra Iwanowna, 
leben Sie wohl!” Er Tief auf fie zu und drüdte ihr 
nur die Hand. „Beunruhigen Sie ſich nit. Ich 
werde wohl über Nacht dort bleiben müſſen.“ 

Iwan Sadarytid) blies den beiden Bürgers— 
leuten, die zur Nettung der Schonung eilten, einige 
Raudringe nad. Sanja ſank in größter Auf: 
regung auf die Bank. 


XXXVI. 


Das abgetriebene, ſchweißtriefende, des Reiters 
ungewohnte Pferd ſtolperte über Stock und Stein. 
Tjorkin, geſchwärzt von Rauch und Aſche, ohne Hut, 
mit angebranntem Rockärmel, trieb es nervös zur 
Eile an. 

Er hatte am Abend und die ganze Nacht, ohne 
bis zum Morgen die Augen zu ſchließen, mit dem 
Brande zu ſchaffen gehabt. Als fie, er und Chrjaſch— 
tſchew, nachdem fie die Wolga mit der Fähre palfirt 
hatten, im Galopp auf der Schonung angelangt 
waren, fanden fie das Teuer noch drei Werft ent= 
fernt, aber in der Richtung auf fie zujchreitend. Es 
war am Spätnacdhmittag in der Swjärjewſchen Bren= 
nerei auägebrochen. Die Yabrif war außer Betrieb 
gewefen, und niemand konnte jagen, wie das euer 
entitanden war; es hatte ſich aber mit Blitzesſchnelle 
verbreitet und das weitläufige — allerdings alte und 
hölzerne Gebäude in furzen zwei Stunden biß auf 
einige Wandreſte eingeäjchert. 

Dann war es zum Swiärjewſchen Tannenftüd 
übergelprungen, das ſich, Hundert Schritte von der 
Fabrik ab, in Hufeifenform nad) der Tſchernoſoſch— 
niſchen, jetzt ſchon der Gejellihaft gehörenden Scho— 
nung hin erſtreckte. 

Pjotka war nicht zu erwarten. Der Adelsmarſchall 
war in die Gouvernementsſtadt gereiſt. Auf der 
Fabrik war wohl irgend wer zurüdgeblieben, jedod) 
zum Löſchen des Brandes, zum Aufwerfen von 
Gräben, zum Wegräumen von Holzwerk — war nie= 
mand vorhanden geweien. Es war gelungen, in 
einen fünf Werft entfernten Neft einige Leute aufs 
zutreiben, ſowie durch Boten in Sawodnoje einige 
dreißig Mann, für je einen Silberrubel Lohn, auf 
die Beine zu bringen. 

Was war mit jolch einem Kommando anzufangen! 

Zwiſchen dem Swjärjewſchen Waldjtüd und der 
Schonung lag ein Brachfeld. Das Ausheben eines 
Grabens war zwecklos, zumal das Teuer nad) der 
Höhe zu mütete, dagegen den Boden noch verſchont 
hatte. Springt das Teuer über — iſt die Scho— 
nung verloren, ſpringt e8 nicht über — geht Die 
Gefahr vorbei. 


752 PB. Boborykin. 


Um Mitternacht ſprang e3 über; der Wind hatte 
fich gedreht und blies jeht von Südweſten gerade 
auf den Fräjtigften Baumwuchs los. 

Als Tjorkin die erjten Bäume euer fangen Jah, 
hätte er losweinen mögen. Er ritt am Waldjaum 
hin und ber, rief den Leuten zu, padte ſelbſt einen 
oder den andern Birfenafl und ließ ihn wieder 
fahren, da er die Nußlofigfeit erkannte. 

Chrjaſchtſchew beruhigte ihn und war ſachgemäß, 
ohne Gejchrei und Gezänk, mit klarem und jtrengem 
Geficht auf feinem Poſten. Er war nicht wieder zu 
fennen. 

Schon hatte e8 eine Dejliatine ergriffen und 
ging auf den ſchmalen Aushau los. 

„Waſſili Iwanytſch!“ ſchlug ihm Chrjaſchtſchew 
ganz voll Ruß und Rauch mitten im Raſſeln und 
Praſſeln vor, „wollen Sie nicht den Wald von 
dieſer Seite anſtecken laſſen? Das Feuer durch das 
Feuer bändigen — das iſt das einzigſte Mittel.“ 

„Sie ſind wohl verrückt?“ herrſchte er ihn zornig 
an, ſich in den Steigbügeln hochrichtend. 

Er hatte dieſes letzte Hilfsmittel bei Waldbränden 
ganz vergeſſen. 

„Wie es Ihnen beliebt. 
brennen.“ 

Und es brannte an. Er wollte ſich erſt die Haare 
ausraufen, beruhigte ſich aber und ritt in ſtumpfem 
Schmerz über den ihm ans Leben gehenden Verluſt 
die Brandſtätte entlang, ohne ſelbſt einzugreifen, 
ohne aber auch nur einmal aus deu Sattel zu 
fteigen. 

Die Feueräbrunft nahm bald ab, bald zu. Jetzt 
begann fie aud) am Boden zu leden. Es verbreitete 
ih ein brenzliger Torfgeruch, da die Glut den 
niedrigen Teil mit dem Schwarzholz inmitten der 
Schonung erfaßte. 

Am Morgen gegen acht Uhr durchzog er wie ein 
Spürhund das Gehölz, um den Gang des Feuers 
aufzujtöbern. Der fette Boden glimmte und an den 
mit niedrigen Wachholderbüjchen und trodenem Heidens 
fraut bededten Stellen züngelten die beim Tageslicht 
faum fichtbaren Flammen in die Luft. 

Tjorkin fprang, hoch zu Roß, von einem halb» 
runden Erdiwall auf die mit Moos und Nadeln bes 
deckte Maldblöße. Dichter Qualm verdedte Die 
Flammen und das Schwelen des Bodend. Er wandte 
fräftig das Pferd, welches fauchte und nicht vom 
Flecke wollte Er hieb es mit der Knute und ſuchte 
es nach der Richtung vorwärts zu treiben, wo die 
Arbeiter unter Aufſicht von Anton Pantijeljäitſch 
einen Graben ausheben mußten. Da jchlug eine 
Flamme, wie aus dem Boden gejchojjen, an jeinen 
Stiefelabſatz. Das Pferd bäumte ſich noch ſtärker. 
Er riß es nach der andern Seite; doch kaum hatte 
er die Grenze diejer ausgedehnten Senkung erreicht, 


Es wird jo wie fo an— 


als auch dort unter den Füßen feines Pferdes da: 
Glimmen fi) mehr und mehr zur Starken Flamme 
entfachte. 

„Väterchen! ... Waſſili Iwanytſch! Der Herr 
ſei mit Ihnen! Sie brennen! Hierher!“ 

So ſchrie Chrjaſchtſchew, zu Fuß, geſchwärzt, 
bloß in Hemdärmeln, mit einem abgebrannten 
Birkenaſt in der Hand. Er fiel dem Pferd in die 
Zügel und hielt es kräftig zurück, ſo daß es nicht 
über die Erderhöhung überſetzen konnte, als ſich der 
Feuerkreis ſchloß. 

„Väterchen! Sie hätten umkommen können! Sit 
waren in ein Moosloch geraten!“ 

„Wohin?“ fragte Tjorkin aufgeregt und ärgerlich. 

„In ein Moosloch, Waſſili Iwanytſch! Im dieſer 
Senkung... Dort iſt der Torf fußtief. Sie wären 
bei einen Haar verbrannt! Mein Gott!“ 

Chrjaſchtſchew weinte faſt vor Freude. 

„Sitzen Sie ab!“ bat er. „Wir werden gleich 
an dem Durchhieb ſein, wo ſie mit Gottes Hilſe 
graben. Ich habe einen verſtändigen Menſchen aus 
Sawodnoje herausgefunden, den ich als ihren Au: 
jeher angejtellt habe.“ 

Tjorkin ftieg vom Pferde und betrat das Wieſen⸗ 
ftüd. Auf etwa Hundert Schritte Entfernung jah 
man die am Graben beichäftigte Menjchenkette. Die 
Hibe war ſtark. Der Rauch Tagerte auf dem Boden 
und ſank in einer dichten Wolfe von oben von den 
brennenden Fichtenwipfeln herab. Das Feuer Tehrte 
fi) nad) der von ihnen abgewandten Seite, jo daß 
das Atmen nicht mehr fo ſchwer war. 

„Ach, leider ift fein Bad zum Waſchen bier,” 
ſagte Chrjaſchtſchew, ſich vor ihn hinhodend. 

Diefe Vorſorge rührte Tjorlin. Ihm kam zum 
Bewußtſein, daß ihn Chrjaſchtſchew vor fünf Mi 
nuten gerettet hatte. 

„Anton Pantjeljäitid —“ Tjorkins Stimme zit 
terte — „ohne Ihre Hilfe wäre ich in jenem Moosloch 
umgefommen !” 

„Na aller göttlichen Vorausſicht.“ 

„Aber, beim Himmel, hat wohl einer von allen 
den NRechtgläubigen dort nur Miene gemacht, mir 
beizufpringen? Nun jagen Sie!” — feine Stimme 
wurde gereizter, „Sie, dem der Wald ebenjo ans 
Herz gewachſen ijt wie mir... find die dort nidt 
das reine Vieh? Wie haben fie fich geitern benom- 
men... Nur für Geld find fie herzubringen geweſen! 
Ob wohl einer aus freien Stüden zugepadt hätte. 
Brenne was will! Für einen Rubel lafjfen fie fi 
an den Waldfaum ftellen und regen die Pfoten. 
Mendet man den Rüden, fteht die Arbeit til. Einer 
der Faulenzer fing fogar jeldft zu rauden an. Ich 
hätte ihn am liebften jelbjt ins Feuer geworfen! 
Viehzeug! Unverbefjerliches Viehzeug!“ 

Er konnte ſein Gefühl nicht mehr beherrſchen und 


Waſſili Tjorkin. 


ſchluchzte dumpf. Seine alte Feindſchaft gegen die 
Bauerngemeinſchaft brach wieder einmal hervor 
und miſchte ſich in ſeinen Kummer über die ftatt« 
gehabte und noch bevorſtehende Vernichtung des 
Waldes. 

Nach einigen lauten Schluchzern weinte er ſtill 
weiter. 

„Die allerbeſte Stelle iſt ergriffen ...“ bemühte 
er ſich hervorzubringen. „Fichten von zwei Klafter 
Umfang! Die gutsherrliche Verwahrloſung iſt ſchuld 
daran, daß das Feuer ſo um ſich gegriffen hat. Und 
wo iſt es ausgegangen? Don der Fabrik Pjotka 
Swjärjews. Er mag es ſelbſt angeſteckt haben, um 
die Verſicherungsprämie einzuſtecken. Das iſt ihm 
zuzutrauen.“ 

Er wandte ſich wieder den Bauern zu. 

„Wie ſie da graben. Gerade wie wenn ſie im 
herrſchaftlichen Garten Rüben hackten. Die reinen 
betrunkenen Fliegen! ... Eh!” 

Er wiſchte ſich mit der Hand die Thränen ab 
und warf noch einen durchdringenden, zornigen Blick 
zu den Bauern hinüber. 

„Waſſili Iwanytſch,“ hielt ihm Chrjaſchtſchew in 
beſonders ſanftem Ton vor, „urteilen Sie nicht zu 
hart. Der Bauer bat feinen teil am Walde. Sehen 
Sie fih um, wen der Reichtum gehört? Der Krone, 
dem Edelmann, dem Kaufherrn, aber etwa der Ge- 
meinde? Letztere hat eben feinen Waldbeſitz, und 
das ift das Unglüd, Waſſili Iwanytſch, aus dem 
die angeborene Gleichgiltigkeit ftammt. Sie Hut 
weiter feinen Grund. Ich verftehe Ihre Gefühle, 
möchte aber nicht vor Ihnen hinter dem Berge halten. 
Sie müſſen ihnen verzeihen.“ 

Zjorfin erwiderte nichts. Die einfachen, herz— 
lihen Worte des Forſtmannes hatten ihn entwaffnet. 
Er war beihämt. Chrijajchtihern Hatte ihm Die 
wahre Urſache von dem vorgehalten, wa3 ihm Thrä— 
nen erpreßt hatte. Sein eigened Bemühen um den 
Bollswohlftand ijt nicht zum perjönlicden Nuben, 
\ondern für das Volt. 

Er Schritt Schnell auf Chrjaſchtſchew zu und Tegte 
ihm die Hand auf den kahlen, dien Kopf, der ganz 
von Ruß und Afche geſchwärzt war. 

„Ih danke Ihnen, Anton PBantjeljäitih! Go 
iſt es!... Nichtödeftoweniger muß man fie auf den 
Ttab bringen.“ 

„Durchaus! Glauben Sie mir — weiter wird 
das feuer nicht um fich greifen... Es find jo an 
zweihundert Defliatinen zerftört. Der Schaden ift 
wieder gut zu machen. Wenn nur ein Kopf am 
Drte wäre, dejjen Herz am rechten Flecke if. Das 
Pferd laſſen wir angebunden hier. Das feuer 
dringt nicht weiter! Glauben Sie mir!“ 

„sch glaube es!“ rief Tjorkin und Füßte feinen 
dorftmann ungeltüm. 


I 
or 
> 


XXXVII. 


„Das mußt Du Deinem Vater zu liebe thun. 
Sein Freund und Kamerad — in ſolcher Lage. 
Wenn Du nur einen Funken adeliger Geſinnung 
hätteſt!“ 

Paula Sacharowna preßte dieſe Worte unter 
einem böſen Lächeln durch die dünnen, bläulichen 
Lippen. 

Sanja war in das Empfangszimmer gerufen 
worden. Die ältere Dame ſaß im Seſſel, die 
jüngere mit einem einfältigen, ſüßlichen Ausdruck 
ihres fetten Geſichtes auf einem der länglichen, alt= 
modiſch mit Zitz bezogenen Sofas. 

Seit einer halben Stunde redete ſchon die ältere 
Tante auf Sanja ein, was fie bei ihrem Bräutigam 
bewirken ſolle. Als man fie gerufen hatte, war fie 
durd) den Gedanken erjchredt worden, daß vielleicht 
etwas pajlirt fe. War am Ende gar ihre Ver— 
lobung rüdgängig gemacht worden? Der Bater 
war an den lebten Tagen finfter und jchweigfam 
einhergegangen und hatte nur davon gejprochen, daß 
die Hauzeinrichtung auf dem andern Gut bejchleunigt 
werden müſſe, um unmittelbar nach der Hochzeit 
dorthin überjiedeln zu können. Tante Paula Hatte 
niht nur zugejtimmt, jondern e3 ſogar für die 
Tſchernoſoſchnis für pafjender erachtet, lieber von der 
Hochzeit fern zu bleiben und jo bald al3 möglich ein 
fremdes Haus zu verlajjen, in dem ihnen nur ein 
Gnadenbrot gereicht würde! 

Waſſili Imanytih war nah der Feuersbrunſt 
zweimal in der Gouvernementajtadt und weiter an 
der Molga, in Niſhni, gewejen und hatte unterwegs 
nur furze Briefe , Dagegen häufiger Telegramme ge= 
ſchickt. Geſtern war er wieder zurückgekehrt, darauf 
aber gleid) nad) der Sreisjtadt gefahren. Zum Eſſen 
wurde er im Haufe erwartet. 

Sie war jo erjchredt gewejen, daß fie zuerft gar 
nicht recht verftand, was die Tante von ihr wollte. 

Seht Fam fie Dahinter. Der Adelsmarſchall 
Smjärjem war in das Gefängnis gebradht worden. 
Er ftand unter der Anklage der Brandjtiltung, um 
die Verfiherungsprämie für feine Fabrik zu erlangen. 
„Waſſia“, wie fie Tjorkin für ſich nennt, hatte vor 
jeiner zweiten Reife ſchon darum gewußt und ihr 
gejagt: „Dieje Schufterei verzeihe ic) Pjotfa Swjärjew 
nie und nimmer. Der rote Hahn, den er fi) auf 
jein Dach geſetzt hat, hätte auch unjer ganzes Forſt— 
gehege verzehren können.“ 

Dann hatte er ſich nod) zornig über Die Herren Edel— 
leute auögelaifen, die im ganzen Gouvernement luftig 
ftählen, und einen friihen Fall bei der Bank er: 
wähnt, deren Direltor man auch wegen Betrug 
reitgefeßt habe, weil in der Kaſſe ein Manko von 
dreißigtaufend entdedt worden fei. 


754 


Sie fonnte nit umhin, ihm recht zu geben... 
Was lag daran, daß fie ein Edelfräulein war? Wie 
war es nur möglich, ſolche Dinge zu begehen; nicht 
nur zu verſchwenden, Schulden zu maden, zu ver= 
pfänden und zu verkaufen, ſondern fogar zu ftehlen, 
zu betrügen und Brand zu ftilten? Jener Swjärjew 
hatte ja doc) auch vierzigtaujend an Maifengeldern 
unterſchlagen. 

Und nun wird von ihr verlangt, ihren Bräutigam 
zu vermögen, daß er — es iſt ordentlich ſpaßhaft! 
— für diefen Swjärjew bürgen folle. Warum tritt 
denn der Water nicht ſelbſt für ihn ein? Er muß 
doch jeht Geld haben oder bald befommen? Sie find 
doh Kameraden und fogar Verwandte, 

„Du Haft wohl immer nod nicht verjtanden ?“ 
erflang Paula Sacharownas Stimme in noch ſchär— 
ferem Ton. „Warum ſchweigſt Du?" 

„Ih weiß nicht, Tante. Waſſili Iwanytſch 
ſelbſt ...“ 

„Selbſt! . . Wie Du das ſagſt. Wie ein 
Dienſtmädchen. Er hat ſich in Dich verliebt, und 
wie ſtellſt Du Dich dazu? Dir ſcheinen die Leute 
Deines Standes, Deiner Lebensſtellung gar nichts 
zu gelten. Daraus folgt...“ 

Paula Sacharowna hielt ein und minfte mit 
der Hand. Die Schwejter verjtand ihr Zeichen, 
erhob ſich jchwerfällig, ging auf fie zu und ums 
arınte fie. 

„Deine Liebe! Warum trauft Du Dir jo wenig 
zu® Du haft fein Selbjtgefühl, Herzchen. Dein 
Bräutigam betet Did an, und e3 koſtet Dich nur 
ein Wörtchen, jo würde er alles für Dich herbei— 
Ihaffen, jogar Vogelmilch.“ 

„Das nun wohl nicht!” dachte Sanja ohne jeg- 
lihen Kummer. Ihr imponirte ja gerade der Cha- 


ralter ihre3 Bräutigam, der in Wort und That |. 


jelber wußte, wa3 er wollte. 

„Die Hausglocke! ...“ 

Sanja riß ſich von Tante Martha los und eilte 
zur Thüre, dicht an Paula Sacharowna vorbei, der 
lie zuflüſterte: 

„Tante ... Ich werde es ihm ſagen, wenn es 
Ihnen und dem Papa angenehm iſt.“ 

„Na, ja! Und nicht unter vier Augen, ſondern 
gleich Hier... Hörft Du?“ 

„But.“ 

Eie führte Zjorfin vom Flur direft in das 
Empfangazimmer. 

„Bitte recht jehr!... Beſter!... Mir zu liebe!“ 

Er jah fie verwundert an, fragte aber nicht länger. 
Daß er unbefriedigt aus der Stadt zurüdgefehrt war, 
hatte fie ihın gleich angemerkt. Sicher hatte er dort 
Verdruß gehabt. 

Ein Blick auf Paula Sacharowna klärte ihn 
darüber auf, daß e3 fi um einen Familienfeldzug 


PB. Boborykin. 


handle. Dieje begrüßte ihn fühl — wie er e& ſchon 
gewohnt war. Martha machte ihm vor ihrer Schweiter 
nur eine Verbeugung und fächelte ſich mit dem Tuch. 
Im Empfangszimmer war e3 jehr heiß. 

Sanja ließ ihn ih auf das Sofa zu Tante 
Martha in die andere Ede ſetzen. 

„Sie kommen aus der Stadt?” fragte fie ihn in 
einem Ton, der ihn verftimmte. 

„a,“ antwortete Tjorfin ruhig. 

„Haben Sie etwas Neue von Meter Apollonos 
witſch gehört?“ 

„Nichts! ... Ich hatte eigene Geſchäfte.“ 

Er fing an zu merken. 

„Er iſt feftgenommen!“ 

Sunja jagte das halblaut, von Tante Paula ab: 
gewandt. 

„Gewiß mit Recht.” 

Es entjtand eine Paufe. Sanja fühlte den durch⸗ 
bohrenden Blik von Paula Sacharowna auf dem 
Rücken. 

„Sie find doch auf dem Gymnaſium jein Schul— 
famerad gewefen,” begann Sanja und flodte. Tjor⸗ 
fing Blick verwirrte fie, jo daß fie errötete. 

„Das war er!” entgegnete er weniger ruhig und 
ließ feinen Blick auf alle ſchweifen, bi? er auf Paula 
Sacharowna haftete. 

„Haben Sie Mitleid mit ihm! ... Er ſitzt im 
Gefängnis! ... Lieber!“ 

Sanja brachte dies mühſam hervor und burg 
ihren Kopf an feiner Schulter. 

Tjorkin bemerkte Ivan Sacharytſch feierlid in 
einem langen zugelnöpften Gehrod in der Thür. 

„Sie haben Sanja angeftiftet!” dachte er ergött, 
obwohl er fi) doch über die ihm von feiner Braut 
angerichtete Scene ärgerte. 

Iwan Sacharytſch hatte gewiß die lebten Worte 
feiner Tochter vernommen , wenigftend machte er ein 
ſolches Geficht, als ob er die Wirfung berjelben auf 
feinen künftigen Schwiegerfohn ermefjen wolle. 

Aus den farblofen Augen, die ſich fragend auf 
Tjorkin richteten, las diejer ab: 

„Nun laß doch einmal jehen, welche edle Gefinnung 
Du an den Tag legen wirft. Wirft Du Did zur 
Sphäre der Gutsherren und wirklichen Barone er⸗ 
heben, oder der Koffäthe und Miftfink bleiben, der 
Du bisher gewejen bift?“ 

Ihm war e3 peinlih. Er ftand auf, ging ihm, 
Sanja etwas beijeite ſchiebend, entgegen und begrüßte 
ihn mit Händedrud. 

„Sanja bittet Waſſili Iwanytſch,“ begann Tante 
Paula leidenſchaftslos und gewichtig, „feinem Schul 
fameraden Peter Apollonowitſch in feinem jegigen 
Elend beizuftehen.“ 

„Waſſili Iwanytſch,“ bemerkte Iwan Sacharytſch, 
„ſcheint feinem Kameraden nicht ſonderlich wohlgeſinnt 


Waſſili Tjorkin. 


zu ſein. Vielleicht kennt er auch gar nicht einmal 
ſeine gegenwärtige Lage.“ 

„Ich habe ſie ſoeben erfahren,“ erwiderte Tjorkin 
ſcharf und begab ſich in die andere Ede des Zimmers. 
„Das, was ich Alerandra Iwanowna gelagt habe, 
wiederhole ich auch Ihnen, Iwan Sadarytih: Ohne 
Grund wird man Swjärjem nicht ind Gefängnis 
gejeht Haben. Sonderlich grämen kann ich mid 
darüber nicht — mit beitem Willen nicht. Gegen 
das Gefängnis und den Beltellad Hilft auch das 
Bekreuzen nicht... . Indeſſen ...“ 

Er wollte ſagen: „Einem überführten Dieb her— 
auszuhelfen fällt mir gar nicht ein.“ Doch hielt er 
ſich noch zurück. Swjärjew ſelbſt hatte ihm ſeine 
Schandthaten enthüllt. Es wäre ungehörig geweſen, 
ſogar im Familienkreiſe, davon zu ſprechen. Daß 
ſich Swjärjew wegen Brandſtiftung in Unterſuchung 
befand, hatte er allerdings in dieſer Woche ſchon 
erfahren. 

„Geſtatten Sie mir die Frage,” ſprach er, indem 
er fih Iwan Saharytich näherte, „wegen welder 
Sache er im Gefängnis ſitzt?“ 

„Man beihuldigt ihn, feine Fabrik der Ver— 
jiherungsprämie wegen angeftedt zu haben.” 

„Und Sie Halten ihn dejjen nicht für fähig?“ 
fragte Tjorkin feindjefig. : 

„Ganz gewig nit! Ein Edelmann mag ver= 
\hwenden, Teichtfinnig Schulden maden... Aber 
den roten Hahn aufſetzen ...“ 

„Das ift aljo Ihre Meinung?... Nun wunder« 
\hön. Doch, was habe ich mit alledem zu thun? 
Wir find Freunde geweſen, doch wiljen Sie jelbit, 
wie wir jeßt mit einander ſtehen. Es genügt jchon, 
daß er unferer Gejellichaft einen Schaden von über 
jehntaufend Nubeln zugefügt hat. Hätten wir nicht 
vorher mit Ihnen abgejchlofjen gehabt, fo wären Sie 
der Geſchädigte geweſen. Die Klage wegen des Ver: 
brehend würde ihm auch ind Ausland folgen. Und 
ih — als Direktor der geſchädigten Geſellſchaſt — 
jolte ihn jelbft aus der Schlinge ziehen, während 
ih, wie ich geftehe, drauf und dran war, meinerjeit3 
eine Unterſuchung zu beantragen, wie feine Fabrik 
wie ein Licht herunterbrennen konnte, während fie fic) 
gar nicht im Betrieb befand? Wie follte ich dann 
überhaupt helfen 7“ 

„Bürgſchaft Teiften, ſehr einfach,“ antwortete 
Tante Paula. 

„Zur Erhaltung feines Anfehens?* rief Tjorkin 
faft zornig aus. „Warum treten denn die Herren 
Edelleute nicht für ihn ein ?* 

„Jch würde c8 thun,“ entgegnete Tſchernoſoſchni 
empfindlich und warf den Kopf hoch. „Doch habe 
id fein Geld, wie Sie fehr gut willen, Waſſili 
Iwanytſch. Auf jeden Fall ijt Ihr Kamerad be= 
himpft. Einfaches Mitleid mühten Sie meines 


155 


Erachtens mit ihm haben. Infolge deſſen würde es 
ihn zu empfindlich fein, Sie mit einer Bitte anzu— 
gehen. Aber jeder Hilft, jeder, der...“ 

„Jeder, der eine weiße Salbe iſt!“ rief Tjorkin 
und an Iwan Sacharytſch vorbei nad) der Thüre 
Ichreitend,, warf er diefem hin: „Entſchuldigen Sie, 
ic) habe Ihnen meine Meinung gejagt; jet muß id) 
mid) aber nad) meiner Reife waſchen gehen.“ 

Paula Sacharowna heftete ihre Augen auf die 
befümmert da fitende Sanja und fagte zu ihr: 

„Du kannſt laden, Liebe, daß Du diefen Tölpel 
erwilcht haft. Einen Edelmann bijt Du gar nidt 
wert.“ 


XXXVIII. 


Auf einer breiten, elenden Straße jagte an einem 
heißen Mittag der Wind die Staubwolken. Tjorkin 
ging zögernden Schrittes auf dem teils mit Holz— 
tafeln, teils mit Ziegelſteinen gepflaſterten Trottoir 
in der Richtung auf die Begräbniskirche zu, von der 
aus links auf einer Anhöhe das weiße Gefängnis 
mit runden Ecktürmchen ſtand. 

Er ging abſichtlich zu Fuß von ſeinem Reiſe— 
quartier aus. Die geſtrige Unterredung mit der 
Familie Tſchernoſoſchni Hatte ihn heute mit dem 
frühejten in die Stadt getrieben. Beim Eſſen war 
die Unterhaltung ſchleppend geweſen, und alle hatten 
ihn jchief angefehen, nur von Sanja hatte er einige 
zärtliche Blicke erhalten. 

Er war mit ihr im Park ſpazieren gegangen und 
Datte zu ihr bei ihrer Rückkehr zur Terraſſe gejagt: 

„Sie glauben gar nicht, Sanja, was Ihr Bräu— 
tigam für eine niedrige Gefinnung Hat, und das 
Schlimmſte it, daß es ihm gar nicht einmal leid 
thut.” 

Eanja hatte nur gejeufzt, aber nichts gefagt. 
Sie ftand ja auf feiner Seite, fürdhtete indefjen, nur 
eine Dummheit vorzubringen. 

Trotz alledem hatte ihm beim Erwaden das Ge- 
willen geichlagen. Nicht allein mipfiel ihm fehr die 
Art und Weile, wie er geftern die Unterhaltung in 
der Familie geführt hatte, noch viel mehr erregte die 
in der Stadt mit Pjotla in deſſen eigenem Haufe 
ftattgehabte Begegnung und Ueberwerfung jein Un— 
behagen. 

Bisher hatte er noch gar nicht an feine Kindheit 
mit ihren Frechheiten, die denen Pjotkas gar nicht 
ſehr nachjtanden, gedacht. 

Bei alledem hatte ihm diefer doch auch zuerſt alles 
eingeltanden. War jener auch ein Räuber von 
Nupillengeldern, ein Betrüger und ſogar Brandjtifter, 
jo jollte das ihn — Waſſili Tjorkin — nicht davon 
abhalten, mit dem Kameraden, der auf der Schule 
vor ihm gefniet hatte, Großmut zu üben. 

„Ich Habe ein weiches Herz, das ift klar!“ mußte 


196 


er nad) der morgendlichen Abrechnung mit feinem 
Gewiſſen ausrufen. Und er ließ ſofort anſpannen 
und war um neun Uhr in der Stadt. 

Er erfuhr vom Wirt, daß der Wüterich von 
Unterſuchungsrichter den Adelsmarſchall in Einzelhaft 
hält und in der erſten Woche nicht einmal deſſen 
todkranke Gattin zu ihm gelaſſen hat. Daß dieſe 
bereits verſucht habe, Hand an ſich zu legen, war 
Stadtgeſpräch. 

Zuerſt mußte der Unterſuchungsrichter aufgeſucht 
werden. Der ſchlief bis zehn Uhr. Dann lag Tjor— 
kin ob, dieſen eingehend über ſeine Perſönlichkeit 
aufzuklären, ſowie ihm jeden möglichen Verdacht an 
Durchſteckereien mit dem angeklagten Arreſtanten 
auszureden. 

„Bedenken Sie, daß er trotz unſerer Schulkamerad⸗ 
ſchaft, durch ſeine Feuersbrunſt meine Geſellſchaft 
um mehr als zehntauſend Rubel geſchädigt hat.“ 

Dieſer Vorhalt verfing bei dem Unterſuchungs⸗ 
richter mehr als alles andere. 

„Was veranlaßt Sie nur zu dieſem Beſuch? 
Mitleid oder Großmut?“ fragte er nicht ohne Arg— 
wohn. 

„Menſchlichkeit!“ antwortete Tjorkin faſt ärgerlich. 

Der Unterſuchungsrichter zeigte die unerſchütter— 
liche Ueberzeugung, daß Swjärjew jeine Yabrif an— 
geſteckt habe. 

Den Erlaubnisjchein zum Beſuch des Gefäng— 
niſſes Hatte Tjorkin indejjen erhalten. Während der 
Unterſuchungsrichter ihn zur Thür geleitete, hatte er 
ihm gejagt: 

„seht treffen Sie ihn nicht an.“ 

„Sit er zum Verhör geführt?” fragte Tjorkin. 

„Nein! Ich Habe ihn feine kranke rau be- 
ſuchen laſſen; doch zur Mittagsjtunde muß er wieder 
im Gefängnis fein.“ 

Und jo war er nun zu Fuß auf dem Weg dort- 
hin, während er ſich ſeines Mitleids nicht eriwehren 
fonnte. Das von ihm in der geftrigen Unterhaltung 
angeführte Sprichwort: „Gegen das Gefängnis und 
den Bettelſack Hilft auch das Bekreuzen nicht”, wollte 
ihm nicht aus dem Kopf. Im Grunde feiner Seele 
fühlte er eben nody wie ein reiner Bauer den Ab» 
\heu vor der Unfreiheit, vor der Abgejchlofjenheit, 
jowie den Glauben an ein Geſchick, das auch den 
Unjduldigen in Ketten und in Banden in die fibiri- 
ſchen Einöden führen könne. 

Rechts von ihm fam, in Staub gehüllt, eine ein— 
Ipännige jtädtifche Drofchle an ihm vorbeigefahren. 

Tjorkin hob gleihgiltig den Kopf, blieb aber 
ſtarr. 

Mit dem Geſicht ihm zugekehrt, ſaß Swjärjew 
zuſammengeſunken, im Arreſtantenkittel und ſchirm— 
loſen Kolpak, zwiſchen zwei mit Säbel und Revolver 
bewaffneten Poliziſten. 


P. Boborykin. 


Tjorkin hätte auſgeſchrieen, wenn ihm nicht die 
Kehle wie zugeſchnürt geweſen wäre. 

Swjärjew erfannte ihn und wandte fich ab. Eine 
Staubwolfe umhüllte fie, 

Der graue Tuchkittel frappirte Tjorkin am meilten. 
Die erſte Perfon im ganzen Kreiſe und Unter— 
ſuchungsgefangener. Er mag ja fälfchlich der Brand: 
ftiftung bezichtigt fein. Wie e3 fcheint, iſt die Unter: 
Ihlagung der VBupillengelder nicht anhängig gemacht 
worden. Im Arreitantenfittel! 

Es freute ihn aufrichtig für Pjotka, da die 
Straße fait leer war. Nur dort beim Webergang in: 
Feld Ichleppte ich ein Fuhrwerk, wie es jchien, mit 
Kohlenſäcken. 

Bor dem Gefängnis ſelbſt ſpürte er ein eigenes 
Grauen, da3 ihm die Bruft beflemmte und ihm ein 
Brennen der Hände verurfachte, als ob jeine finger 
mit Stednadeln geftodhen würden. 

Don dem Ort des Vorbeifahrens der Droſchke 
bis zum Gefängnisthor waren nur no fünf Mi— 
nuten Meg. Dort fehulterte ein invalider Soldat 
fein Gewehr, und ein Gefangenenwärter ſaß unter 
dem gededten Thor auf einer Ban. 

Tjorkin überreichte dieſem dag Schreiben an den 
Verwalter und fügte einen Rubelſchein bei. Der 
Wärter zog den Hut und führte ihn fofort ein. 

Er war noch nie in einem Gefängnis geweſen. 
Dort war alles eng und ſchmutzig, ſowie ziemlid 
geräufchvoll, da gerade die Mittagsmahlzeit der 
Arreftanten begann. 

„Sie ſpeiſen,“ ſagte der Wärter, als er vor einer 
bejonder3 bezeichneten Thür in der Mauer andielt 
und laut am Schloß drehte. 

Zjorfin folgte ihm. Der Wärter lehnte die Thür 
an, ohne fie zu verjchließen. 

In dem engen, leidfih reinlichen Raum ſaß 
Swjärjew im Kittel an einem Tiſch und föffelte 
gierig aus einer Schüſſel. Ein Laib Schwarzbrot 
lag unberührt daneben. Als er Tjorfin erblidk, 
ſprang er wie geftochen auf, Hüflte ſich in jeinen 
Kittel, unter dem er ſeine Weſte und grauen mo: 
dernen Beinfleider trug, und wollte ſich auf die 
Pritſche werfen, auf der zwei — wahrjcheinlid ihm 
gehörige — Kiſſen Tagen. 

„Waſſili Iwanytſch, Du!“ rief er dumpf, ohne 
Tjorkin gleich die Hand zu reichen. 

„Guten Tag, Bruder!” begrüßte -ihn Tjorkin, 
unwillkürlich ſchaudernd, und gleihfall® unwilllürlich 
ihm beide Arme entgegenſtreckend. 

Sie umarmten ſich. 

Swjärjew war rot. Thränen drangen ihm in 
die Augen. 

„Iß, iß! ... Du biſt hungrig ... Ich ſetze 
mich,“ ſagte Tjorkin. Swjärjews erſter Gedante 
beim Eintritt Tjorkins war geweſen: „So, alter 


Waſſili Tjorfin. 


Freund, Du willſt Di aljo an meiner Schande 
weiden.“ 

Als er ihn aber umarmte, wurde er weich. Willig 
fepte er fi an den Tiſch und löffelte jeine Schüſſel 
aus, worauf er neben Tjorkin auf der Pritſche Plak 
nahm. In dem Zimmer befanden ſich noch unter 
dem großen, vergitterten, teiltweije mit blauem Papier 
verffebten Fenſter ein Tiſch nebſt zwei Stühlen. 

Ueber feine Schuld zu ſprechen, vermied Swjär— 
jew forgfältig; nur zweimal brach er in den Ausruf 
aus: „Ein Brandftifter fol ich fein!“ 

Er war nicht von dem erfüllt, was ihm bevor« 
ftand, fondern von dem Umwillen gegen den Staat3- 
onmwalt und den Unterjuchungsrichter, welche feine 
grau getötet hätten. Sie war von dem Tage an 
erkrankt, an dem man ihn ins Gefängni3 abgeführt 
hatte, 

„sh glaube den Nerzten nicht,” flüjterte er Tjor= 
fin ind Ohr. „Das find dumme Charlatane. Sie 
Iprahen von Nervenleiden,, Aſthma und dergleichen. 
Mir iſt Har, daß fie etwas genommen bat. Nicht 
auf einmal... jondern Tag für Tag tropfenweile 
mit der Medizin.” 

Er war doch erit heute zu ihr gelafjen worden. 

„Säufte! Otterngezüchte!” 

Er konnte jich nicht halten und verfiel in Schluchzen. 

„Man wird fie bald ins Grab legen. Wie hat 
fie an mir gehangen! Und wie hat man fie er« 
Ihredt. Der Tölpel! Sie wird den Sonntag faum 
erleben... Solche Liebe, Waſſili! Das verftehit 
Du! Wenn Du fie doch gejehen hätteſt! Sie ift 
die herrlichfte Frau im ganzen Reich!“ 

Ihn padte ordentlich ein Rauſch männlicher Eitel« 
feit bei der Ueberzeugung, daß ſich für ihn ein Weib 
vergiftet habe. Daß er ihrer Verſchwendungsſucht 
wegen zum Betrüger und Brandftifter geworden war, 
dad gräntte ihn nicht. 

„Welcher Teufel,” jchrie er und ging in der 
Helle umher, „welcher Teufel mag den ruppigen 
Rechtsverdreher geritten haben, daß er mich hat 
feſtſezen laſſen? Damit ich nicht über die Grenze 
gebe? Woher hätte ich das Geld? Und dabei 
ſchwatzt man vom Zufammenhalt des Adels! Ha, ha! 
\höner Zufammenhalt! Man Hat mich heute im 

Kittel von zwei Polizisten durch die Stadt fchleppen 
laſſen. Ich habe noch himmelhoch bitten müjjen, mir 
eine Droſchke zu geftatten! Aber zu Fuß zwiſchen 
zwei Wächtern, damit man um Chrifti willen Sem— 
mein und Kupfermünzen zugeworfen erhält!“ 

Seine Lippen fpütterten